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Rezensionen verfasst von
Heinz Abler "habler" (Winterthur, Schweiz)
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My Foolish Heart (Live at Montreux)
My Foolish Heart (Live at Montreux)
Preis: EUR 23,69

16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Krankheit als Chance, 27. Oktober 2007
Gewiss, man kann das Thema Jarrett kontrovers angehen, denn er sorgte nicht zuletzt in seinen kürzlich erschienen Interviews (ZEIT, SPIEGEL), getragen von einem kaum angekratzten Selbstbewusstsein, für genügend Gesprächsstoff. Man könnte zudem einwenden, das die x-te Variante von "Straight, No Chaser" eine zuviel ist usw. usf. Nur, die vorliegende Platte scheint mir das falsche Objekt zu sein, um sich an Jarretts Schaffen überkritisch abzuarbeiten. Sie ist m.E. schlicht hervorragend, vor allem deshalb, weil hier bei allen drei Mitgliedern des Trios, neben Jarrett bekanntermassen Gary Peacock b und Jack DeJohnette dm, eine grosse Spiellust und Spielfreude durchschlägt. Zeit, Ort und Publikum schienen bei diesem Auftritt zu stimmen. Nach wie vor besteht das Programm aus bewährten Standards wie etwa "Oleo", "Green Dolphin Street" oder dem erwähnten "Straight, No Chaser", welch letzteres sehr frei angegangen wird. Aber das Trio bewegt sich auch weiter, in diesem Falle jazzgeschichtlich gewissermassen zurück, indem auch Stücke wie "Ain't Misbehavin'" oder "Honeysuckle Rose" ins Repertoire aufgenommen wurden; mit grossem Gewinn, denn die Musiker reiten diese Fats Waller Schlachtrösser meisterlich. Jarrett, der eine lange und schwere Krankheit durchlitt, hat sich mit Hilfe seiner kongenialen Kollegen in erstaunlicher Frische zurückgemeldet.


Live at the Jazz Standard
Live at the Jazz Standard
Wird angeboten von J4G
Preis: EUR 30,00

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Jazz, what else..., 16. Oktober 2007
Rezension bezieht sich auf: Live at the Jazz Standard (Audio CD)
Es gibt kaum einen umtriebigeren Player auf der zeitgenössischen Jazzszene als Dave Douglas. Diese Eigenschaft könnte sich für die Entfaltung der Kreativität als hinderlich erweisen. Nicht so bei Douglas. Als Komponist, Arrangeur und Leader in verschiedensten Projekten überzeugt er immer wieder, während er als Instrumentalist seine sofort erkennbare Stimme pflegt. Hier ist er als Kornettist zu Gange, neben Donny McCaslin ts, Uri Caine e-piano, James Genus b und Clarence Penn dm. Ein eher "konventioneller" Club-Gig bildet hier die Plattform für die Vorstellung dieses Quintetts. Gemäss Douglas' Begleitnotizen ist auf dieser Doppel-CD nur ein kleiner Ausschnitt des Gesamtrepertoires der Gruppe zu hören. Es handelt sich ausschliesslich um Kompositionen des Leaders von 2006 (!) der sich in verschiedenen Bezügen versucht, letztlich aber einem Post Bop - bis Avantgarde Konzept verpflichtet ist, wobei die Beschränkung Caines auf das Fender Rhodes Piano an längst vergangene Zeiten der Fusion Music erinnert. Er verfällt indes nicht der Versuchung, das Instrument wie ein akkustisches Piano spielen zu wollen, sondern belässt ihm seine Eigenheiten. Donny McCaslin erweist sich als gleichwertiger Partner in der Frontline und spielt manch aufregendes Solo, während Genus - aufnahmetechnisch leider etwas im Hintergrund - und Penn einfallsreich und dennoch adäquat agieren. Eine runde Sache von hohem Unterhaltungswert.


River: the Joni Letters
River: the Joni Letters
Preis: EUR 14,44

38 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Kaum Reibungswärme, 3. Oktober 2007
Rezension bezieht sich auf: River: the Joni Letters (Audio CD)
Wieder ein Konzeptalbum aus dem Hause Hancock; diesmal als Hommage an die Sängerin/Autorin Joni Mitchell gedacht. An Prominenz fehlt es nicht: Neben Hancock am Piano sind Wayne Shorter ts,ss, der hier leider ziemlich untergehende Dave Holland b, der ebenfalls kaum hervortretende Gitarren-Neustar Lionel Loueke g und Vinnie Colaiuta dm am Werk und drapieren die gesanglichen Beiträge von u.a. Norah Jones, Tina Turner, Luciana Souza, Leonard Cohen sowie der also Geadelten selbst. Gewiss, die einzelnen Songs sind zum Teil recht hübsch, wenngleich von geringer Variationsbreite. Bemerkenswert ist, dass Tina Turner hier Gelegenheit hat, das verbleichende Etikett der Rockröhre abzustreifen und tatsächlich einmal ihr Gesangstalent vorzführen. Wayne Shorter steuert neben der Komposition Nefertiti" aus der späteren Phase des 2. klassischen Miles Davis Quintetts (was die wohl mit Joni Mitchell zu tun hat?) seine zerbrechlichen aber immer noch schimmernden Saxofontöne bei; Ingredienzien zu einem Gebräu, das dann doch keine richtig wärmende Suppe wird. Das Ganze funktioniert vor allem deshalb nicht, weil bei Mitchell Song, Text und Interpretation eine Einheit bilden, was hier ent- und somit auseinander fällt. Deshalb hält man sich wohl besser ans Original, denn Joni ist bei Mitchell doch wohl am besten aufgehoben.


Pilgrimage
Pilgrimage
Preis: EUR 20,98

29 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Final Statement, 2. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: Pilgrimage (Audio CD)
Ein Kunstwerk ist schwer zu beurteilen, wenn man weiss, dass es das letzte war und noch schwerer, wenn man annehmen muss, dass der Künstler ahnte, dass es sein letztes sein wird. Gewiss, Michael Brecker hat ein gültiges Statement gesetzt. Noch einmal mobilisierte er mit letzter Kraft, was sein Spiel bestimmte: Power, Sound und Ideenreichtum. Er scharte Freunde um sich, deren Namen für sich sprechen: Herbie Hancock und Brad Mehldau p, Pat Metheny g, John Patitucci b und Jack deJohnette dm. Weshalb man sich nicht auf einen Pianisten (Hancock) beschränkte, ist nicht ohne weiteres nachvollziehbar, zumal Hancock ein alter Weggefährte Breckers war und Mehldaus oft etwas angestrengtes Spiel in diesem Kontext wenig Gewinn erzeugt. Metheny überzeugt üblicherweise dann am meisten, wenn er, wie hier, "nur" Sideman ist, und über die Qualitäten von Patitucci und deJohnette braucht auch im vorliegenden Fall nichts weiter gesagt werden. Dass Problem ist darin zu sehen, dass sämtliche Stücke Eigenkompositionen Breckers sind. Und einige davon wirken etwas überkonstruiert. Herausragend indes: "Tumbleweed". Der eine oder andere Standard hätte das Programm vielleicht bereichern können. Man wird den leisen Eindruck nicht los, dass unter den obwaltenden Umstände etwas Aktionismus aufkam und man auch den Komponisten Brecker herausstellen wollte. Dieser allerdings steht hinter dem Improvisator deutlich zurück. In jedem Fall jedoch ist Brecker angesichts seines Gesamtwerkes die Aufnahme in die Hall of Fame" gewiss.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 20, 2011 11:16 AM MEST


Lawn Chair Society
Lawn Chair Society
Preis: EUR 15,76

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Werners Geschichten für die Rasensesselgesellschaft, 25. Mai 2007
Rezension bezieht sich auf: Lawn Chair Society (Audio CD)
Kenny Werners Debut bei Blue Note kann man getrost schon jetzt als Kandidaten für die "Jazzplatte des Jahres" bezeichnen. Der unterschätzte Pianist, Keyboarder, Komponist und Arrangeur schmückt sich hier mit der ersten Sahne des zeitgenössischen Jazz: Dave Douglas tp, cornet, Chris Potter ts, bcl, Scott Colley b sowie Brian Blade dm. Erfahrungsgemäss ist dies keine Garantie für Sonderklasse, doch seine gewieften Partner fügen sich kongenial ins Wernersche Konzept ohne Preisgabe ihrer Identität. Und dieses Konzept ist ausgreifend, vielleicht sogar ausufernd. Da kitzelt dann schon mal ein Sommerhauch kitschig-wohlig den Bauchnabel. So sitzt man im Sessel auf dem Rasen, hat kaum durchgeatmet, da ist der Hauch schon wieder weg. Kein Grund zur Sorge, denn schon im nächsten Stück ist der Kopf wieder dabei. Wechselbäder sind gesund. Die Musiker bedienen sich beidhändig und mit einigem Witz aus dem mittlerweile ansehnlichen Zitatenschatz des Jazz, ohne sich zu vergreifen. Und genau deshalb ist dies eine Platte zum Immerwiederhören. Viel Spass, der Sommer kann lang, muss aber nicht langweilig sein. Hauptsache, der Rasen ist gemäht.


Saturday
Saturday
von Ian McEwan
  Broschiert
Preis: EUR 10,90

40 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen So schwer und doch zu leicht, 17. April 2007
Rezension bezieht sich auf: Saturday (Broschiert)
Ein ärgerliches Buch, weil man sich zunächst darüber ärgern kann, Durchhaltewillen am falschen Objekt bewiesen zu haben. Die Detailversessenheit und halbgare Alltagsphilosophie eines ebenso allwissenden wie altklugen Autors bzw. Erzählers sind nur schwer zu verdauen. Eine überaus tolle Familie aus dem Upperclass-Soziotop wird uns vorgeführt: das Oberhaupt ist ein Top-Neurochirurg (bei der Lektüre wird sich dieser Umstand für den Leser als schwere Prüfung erweisen), dessen Frau eine erfolgreiche Medienanwältin, der Sohn ein begabter Bluesmusiker (die spriessen nirgendwo üppiger als in der britischen Oberschicht...) und schliesslich die Tochter, ein Juwel, das, noch nicht dreissig, schon einen Literaturpreis für ihr lyrisches Werk im Trockenen hat. Man sieht, eine richtig schöne Familie, und so lebensnah. Kühn, ja dreist, wer angesichts einer solchen Vorlage noch eine Familiengründung erwägt und nicht das Pech hat, schon eine hinter sich zu haben. Die Geschichte, oder in diesem Fall das Ärgernis, besteht nun darin, dass wir der Zweifel dieses Hirnchirurgen ob der Welt im Allgemeinen und sich selbst im Besonderen nach dem 11-09 teilhaftig werden, d.h. die Idylle, man mag es kaum glauben, zeigt Risse. Das Ganze wird verdichtet auf jenen Samstag mitte Februar 2003, als der gesunde Rest der westlichen Welt auf der Strasse gegen die drohende Invasion des Irak durch die Lügenbarone Bush und Blair demonstrierte.
Da fliegt denn schon frühmorgens ein russisches Flugzeug mit brennendem Triebwerk am Fenster des schlafgestörten und zweifelnden Helden vorbei. Mein Gott, was mag das bedeuten ? Auf dem Weg zum Squashcourt durchs demo- und verkehrsverstopfte London -keine Sorge, die Feinheiten des Squashspiels und dessen Implikationen auf juvenile Halbgreise werden uns erschöpfend vermittelt-, kommt es zu einem nichtigen Verkehrsunfall (ein Kratzer im Lack des Mercedes S-Klasse ist schliesslich ein Riss in der Seele). Daran beteiligt ist ausser dem fitten Doktor noch ein an einer schleichenden Hirnkrankheit (auch das noch) leidender Halbprimat, über dessen Funktion in diesem Roman ich mich nicht weiter auslassen möchte.
Es mag von diesem Autor bessere Bücher geben; mir genügt dieses eine.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 4, 2011 2:13 PM MEST


Piraten der Karibik: Die Achse der Hoffnung
Piraten der Karibik: Die Achse der Hoffnung
von Tariq Ali
  Gebundene Ausgabe

17 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Aufstand der (Polit-)Clowns, 6. April 2007
Nach den Verwüstungen, die der Neoliberalismus in weiten Teilen unserer Presselandschaft angerichtet hat, ist es tröstlich und notwendig eine Stimme wie jene Tariq Alis zu vernehmen, der als Brite pakistanischer Herkunft über die lateinamerikanischen "Piraten der Karibik" schreibt. Man möchte fast meinen, hier so etwas wie "Globalisierung" im personifizierten Gegenmodell auszumachen. Alis, in von ihm nicht bestrittenen, polemischen Tonfall vorgetragene Schrift ist eine Lobrede auf die neuen Hoffnungsträger in diesem Raum, als da sind, allen voran, Hugo Chavez, Venezuela, dann Evo Morales, Bolivien (Karibik ?) und der grosse alte Mann auf Kuba im Hintergrund. Männer des Volkes und aus dem Volk die beiden ersten, die kritisch wachende Instanz der letzte. Es geht darum, dem sogenannten WC (Washington Consensus oder etwas salopper, Yankee-Imperialismus) mit zunehmender Macht und wachsendem Erfolg entgegen zu treten, über den ganzen Kontinent hinweg Koalitionen zu schmieden und also den, in den USA mit fundamentalchristlicher Ideologie unterlegten Raubtierkapitalismus in die Schranken zu weisen. Zu dessen Hütern gehören ja die sich groteskerweise nach wie vor Kommunisten nennenden Chinesen ebenso wie die Sozialisten vom Schlage Blairs, Schröders und leider inzwischen auch Lulas oder wie sie sonst noch heissen mögen. Das Angebot des Neoliberalismus, oft mit dem Etikett Demokratie verklebt, findet, wie wir wissen, bei den sogenannten Globalisierungsverlieren, in deren Ländern sich die Eliten schamlos bereichern, verständlicherweise kaum Zuspruch. Letztere Erscheinung breitet sich indes auch im aufgeklärten Westen mehr und mehr aus. Korruption als allwaltendes Movens. Da nimmt es nicht wunder, dass Leute wie Chavez oder Morales von unserer seriösen Presse als Politclowns abgetitelt werden, nur weil diese das Verbrechen begehen, erwirtschaftete Erträge aus weltweit offenbar lebenswichtigen, jedoch in ihren Ländern vorkommenden Ressourcen gewissermassen ans Volk weiter zu reichen. Ein solches Verhalten muss einen Börsengierhals sich am Champagner verschlucken lassen. Dass Demokratie nicht sein muss, was sich die Eliten in den westlichen Hauptstädten darunter vorstellen, wird nun an verschiedenen Plätzen dieses Planeten vorgeführt. Und ein falsches Verständnis von Demokratie kann und wird mittels militärisch hinterlegter Drohkulisse korrigiert. Dass unter solchen Umständen -die bigotten Medien mag's freuen - ,der Terrorismus keimt, ist nicht weiter verwunderlich. Deshalb sind unabhängige Beobachter wie Tariq Ali, ein Kenner der globalen Krisenherde, wichtig, weil sie sich dem Konsens der Mainstreampresse verweigern. Und es ist durchaus nicht ein Akt der Heiligsprechung, wie das Titelbild mit dem unter einem Heiligenschein hervor lächelnden Übervater Fidel ironisch andeutet. Leider ist das Buch mit Anhängen und Verweisen überfrachtet, was der Übersicht und dem Verständnis wenig dient, wenngleich die dort eingefügte Chavez-Rede vor der UNO-Vollversammlung, hier mehrheitlich verschwiegen (Politclown), interessante und bedenkenswerte Aspekte aufzeigt.


Das Treffen in Telgte. SPIEGEL-Edition Band 2
Das Treffen in Telgte. SPIEGEL-Edition Band 2
von Günter Grass
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,90

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Macht oder Ohnmacht der Worte ?, 21. Februar 2007
Im September 1947 rief Hans Werner Richter, dem diese Erzählung gewidmet ist, erstmals einen Kreis von Autoren, Kritiker und Gästen zusammen, die sich fortan auf Anregung von H.G. Brenner ,Gruppe 47' nannte. Man las einander unveröffentliches vor, kritisierte, kommentierte ,verlieh sich später Preise und stritt darüber, was aus den noch rauchenden Trümmern Nazideutschlands, durch Literatur genährt, emporwachsen sollte.
Grass verlegt die Handlung seiner Erzählung um 300 Jahre zurück ans Ende des Dreissigjährigen Krieges, das eine ähnliche Zäsur in der Deutschen Geschichte darstellte wie das Jahr 1945. Grass lässt sein Personal in Ambiente und Sprache jener Zeit auftreten und mutmassen, ob des Dichters Wort ein Pfund ist, mit dem gewuchert werden kann. Das Fegefeuer der Eitelkeiten loderte schon damals und drohte zu verschlingen, was eigentlich über den Tag hinaus leuchten sollte. Ein wunderbar gearbeitetes kleines Meisterwerk.


Zorn und Zeit: Politisch-psychologischer Versuch
Zorn und Zeit: Politisch-psychologischer Versuch
von Peter Sloterdijk
  Gebundene Ausgabe

32 von 51 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Worte des Welterklärers, 11. November 2006
Wer sich bis dahin tapfer -das Fremdwörterlexikon auf dem Beistelltisch - durchgelesen hat, findet am Ende des Textes ein Wort als Empfehlung: Weltkultur. Der Autor bleibt uns die Definition dieses Allerweltsbegriffs ebenso schuldig wie die Beschreibung des Verfahrens zur Zielerreichung. Solcherlei Mängel müssen bei sich einstellender Kurzatmigkeit am Ende dieses Kraftaktes nachgesehen werden.

Zuvor werden wir durch die Weltgeschichte als Format der Zornbewirtschaftung gehetzt, bei den Griechen, wie sollte es anders sein, beginnend, dem Götterzorn, dann dem mittelalterlichen christlichen Gotteszorn, den zürnenden jüdische Jahwe nicht vergessend, ausgesetzt. Schliesslich finden wir uns, nach der Verabschiedung Gottes als Vorstand des „Purgatorium“ genannten Verschiebebahnhofs, bei den menschlichen, gottesähnlichen Zornverwaltern der näheren Vergangenheit, wie Hitler, Lenin, Stalin, Mao u.ä. , welche die Zorninvestitionen ihrer Zwangsgesellschafter gewinnbringend anlegen wollten. Nach diesem Crashkurs wissen wir, dass diese Investition à fond perdu ging und also hinreichend missglückt ist, es sei denn, man betrachte die effiziente Produktion von Dutzenden von Millionen Leichen als Gewinn. Nachdem diese Bankiers und ihre Klassenklientel von ihren eingestürzten Institutionen verschüttet wurden, verblieben die eigentlichen Bankiers, die zwar mit Geld sehr viel, mit Zorn jedoch wenig anzustellen wissen. Nach der Implosion der realsozialistischen Systeme flüchteten sich viele betrogene Zornanleger in die Arme findiger Finanzakrobaten (Albanien, Russland, Rumänien u.ä.) und wurden zumindest an Enttäuschungen reicher. Die sich daraus ergebenden Zornaufkommen konnten indes nicht mehr von demagogisch versierten Zornverwaltern abgeschöpft werden. Dennoch, der lästigen kommunistischen Drohkulisse nunmehr ledig, gelang es, weltweit unbehindert ein "gierdynamisches" (Sl.) Imperium mit Geld als Betriebsmittel zu installieren (Globalisierung), in dem die Zornabschöpfung per Konsum und Belustigung durchaus (noch) taugt (Primat der Erotik zu Lasten der Thymotik, Sl). Bis endlich am 11-09 sich ein schlummernder Feind mediengerecht mit Furor und Terror zurückmeldete: der Islamismus. Der "War on Terror" konnte ausgerufen werden und dieser hat, wie Sloterdijk richtig feststellt, den gewaltigen Vorteil, nicht gewonnen werden zu können. Die Anregung angstpsychotischer Reflexe führt zur subkutanen und schleichenden Installation postdemokratischer Systeme unter dem Titel "Sicherheit" und zu Arbeitsplatzsicherheit für die künftigen Zornmanager, diesseits und jenseits der Demarkationslinie.

Sieht man von Sloterdijks nicht unorigeneller, bisweilen allerdings arg geschraubten und anstrengender Formulierakrobatik ab, kann man das Buch mit Gewinn lesen und tatsächlich mit dem Nachdenken über den eingangs erwähnten Begriff "Weltkultur" beginnen. Ein weites Feld, fürwahr.


Der Weltensammler: Roman
Der Weltensammler: Roman
von Ilija Trojanow
  Gebundene Ausgabe

33 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eingehen in die Welt, 19. August 2006
Rezension bezieht sich auf: Der Weltensammler: Roman (Gebundene Ausgabe)
Erzählt wird die Geschichte von Richard Francis Burton, der im 19. Jahrhundert in Indien, in Arabien und schliesslich in Ostafrika versuchte, sich selbst und der Welt zu nähern. Wer war Burton ? Ein Brite ? Ein Europäer ? Ein Entdecker ? Ein Reisender ? In wessen Sache ? Alles und nichts davon. Ilja Trojanow bezeichnet ihn im Buchtitel als Weltensammler. Am Schluss der Lektüre des Buches, das man ungern aus der Hand legt, bleiben indes, Reich-Ranicki bzw. Brecht zitierend, der Vorhang zu und alle Fragen offen. Burton ist am Ende seines reichen Lebens eingegangen in die Welt.

Im ersten Teil begegnen wir ihm als Kolonialoffizier in Indien, gesehen mit den Augen seines Dieners. Burton langweilt das Leben zwischen Exerzierplatz und Offiziersclub und so macht er sich auf die Suche nach der ihn umgebenden Welt, lernt mit grösstem Eifer die Sprachen, indem er sich von einem lokalen Guru unterweisen lässt, verliebt sich in eine einheimische Götterdienerin, beginnt sich in der Art der Inder zu kleiden, macht eigenständige Erkundungsausflüge und konvertiert endlich, zum Unwillen seines Dieners, scheinbar zum Islam.

Im zweiten "arabischen" Teil unternimmt er eine Reise nach Mekka (Hadj), schliesst sich einer Pilgerkarawane an und lernt in der näheren Umgebung einige Mitreisende kennen, die ihrerseits von einem Osmanischen Untersuchungsausschuss in Sachen Burton befragt werden.

Der Ausschuss verdächtigt Burton der Spionage zu Gunsten des sich stetig vergrössernden British Empire zu Lasten der Hohen Pforte. Burtons Sprach- und Verkleidungskünste sind inzwischen soweit verfeinert, dass ihn seine Begleiter für einen hindustanischen Pilger halten. So gelingt ihm schliesslich die angestrebte Umrundung der Kaaba.

Im dritten Teil macht sich Burton schliesslich zusammen mit John Hanning Speke, einem Landsmann, zu einer "konventionellen" Expedition ins Innere Ostafrika auf die damals aktuelle Suche nach der Quelle des Nils. Speke gibt das wenig erfreuliche Beispiel eines arroganten britischen "Entdeckers", der jegliches Getier, das ihm vor die Flinte kommt, zu Tode bringen muss und an jeder Land- und Seemarke reflexartig seine Duftnote in Form eines englischen Namens hinterlässt. Burton versteht sich eher als Reisender im Sinne Humboldts und vermag Spekes Arroganz wenig abzugewinnen. Erzählt wird hier aus der Sicht eines ehemaligen Sklaven, der als Kind mit einer arabischen Sklavenkarawane an die Ostküste Afrikas und von dort über Zanzibar nach Indien und zurück gelangte und nun sozusagen zum Assistenten der beiden Expeditionsführer aufgestiegen ist.

Die Struktur des Romans beruht einerseits auf der Aussenbetrachtung jener, die in Burtons Nähe waren und anderseits auf einer eigenartig unklar besetzten, scheinbar neutralen Off-Position. Die jeweiligen Erzähler befinden sich indessen ihrerseits im Dialog mit Zuhörern (in Indien ein Schreiber, in Arabien der Ausschuss, in Ostafrika eine Dorfgemeinschaft). Dies gibt dem Autor die Möglichkeit, seine sprachlichen und dramaturgischen Möglichkeiten voll auszukosten, was er nichts weniger als brillant und mit viel Liebe zum lokalkoloritischen Detail tut. Es entstehen dadurch Mehrfachbrechungen in der Sicht auf den Hauptprotagonisten, die das Leseerlebnis noch aufregender machen als es ohnehin schon ist, es sei denn, LeserInnen können bei der Lektüre auf Projektionsfolien nicht verzichten.

Da sich Trojanow oft der jeweils einheimischen Begriffe bedient, muss gelegentlich das Glossar helfen. Einige mag das stören, andere geniessen den Zugewinn bei dieser Reise, auf der man sich vom eigenen Diwan (->Glossar) in der guten Stube nicht erheben muss.


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