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Rezensionen verfasst von
Heinz Abler "habler" (Winterthur, Schweiz)
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Fortuna und Kalkül: Zwei mathematische Belustigungen
Fortuna und Kalkül: Zwei mathematische Belustigungen
von Hans Magnus Enzensberger
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Alterseitelkeit, 2. Dezember 2009
Gewiss, für HME mag das Verfassen dieses Elaborats belustigend gewesen sein. Für den Leser eher nicht. Dass er schreiben kann, wusste man schon vorher, dass er viel weiss ebenfalls. So wird einem sein gebündeltes mathematisches Wissen in diesem ebenso dünnen wie unnötigen Bändchen als wenig geniessbare Mixtur eingelöffelt, ohne dass irgend etwas vertiefend oder dem Verständnis Förderliches, versüssend beigemengt würde. Aber wozu denn auch, es genügt doch, dem Grossdenker und -dichter bei der Pflege der Eitelkeit zuzusehen.


Mostly Coltrane
Mostly Coltrane
Preis: EUR 22,38

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Noch waltet der Geist des Meisters, 18. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: Mostly Coltrane (Audio CD)
1960 war der Pianist Steve Kuhn kurzzeitig Mitglied des John Coltrane Quartetts. Coltrane musste in dieser Übergangsphase das Ende der Verpflichtung McCoy Tyners im Farmer-Golson Jazztett abwarten, um den Klavierstuhl dann endgültig mit ihm, Tyner, zu besetzen. Kuhn erinnert sich ohne Gram an seine "Lückenbüsser"-Rolle und setzt Coltrane fast 50 Jahre danach mit dieser Scheibe ein Denkmal. Auf den ersten Blick mag erstaunen, dass dies ausgerechnet bei ECM geschieht. Da der subtile Steve Kuhn in der Zwischenzeit ein Alter erreicht hat, wo Sturm und Drang sich in aller Regel gelegt haben, tut er dies in einer Weise, die dem Label nur gerecht wird. Will heissen, dass die zuweilen fast unerträgliche Intensität der Musik des Coltrane Quartetts einer eher introvertierten Interpretation gewichen ist. Die Intensität wird gewissermassen eingehegt, ohne Substanzverlust. Da ist Saxophonist Joe Lovano schon fast der logische Partner. Zusammen mit einem der facettenreichsten Schlagzeuger der Gegenwart, Joey Baron, und dem souverän tragenden David Finck am Bass ergibt sich ein Personal, welches dieses Material aus allen Perioden des Coltraneschen Schaffens ideal verarbeitet ohne irgendwann der Routine zu verfallen. Da streckenweise die Musik, ohne fixes rhythmisches Gerüst, in luftig fliessender Bewegung dargeboten werden, wächst die Bedeutung der Spannung im Interplay dieser brillanten Musiker. Die Stücke werden mehrheitlich im Quartett, aber auch im Trio (ohne Lovano), Duo (Kuhn/Lovano) und Solo (Kuhn) vorgetragen. Eines wird im Kollektiv gänzlich frei gestaltet (Configuation) .
Mit drei Ausnahmen sind es allesamt Kompositionen Coltranes. Auch ohne dies waltet der Geist des Meisters, letztlich titelgerecht.


Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte
Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte
von Louis Begley
  Gebundene Ausgabe

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der kurze Weg vom Vorurteil zum Urteil, 2. Juli 2009
Eine Parallele aus der Geschichte zeigt der bekannte Autor und Jurist Louis Begley an den Beispielen des Falles Dreyfus in Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts einerseits und 9-11 bzw. Guantánamo in den USA zu Beginn des 21. anderseits.
Beide Fälle sind gespickt mit Vorurteilen, fragwürdigen Ermittlungen und Prozessen, welche schliesslich zu Fehlurteilen führen, wobei der jeweils herrschende Zeitgeist wacker mitmischt.
Am Anfang stehen nationale Traumata, wie der verlorene Krieg von 1870/71 mit dem Verlust Elsass-Lothringens bzw. die Attacke auf die WTC-Türme inmitten New Yorks am 11.9.2001.
Alfred Dreyfus, ein Elsässer Artilleriehauptmann, war der einzige Jude im französischen Generalstab, als 1894 eine Spionageaffäre zu Gunsten des Deutschen Reiches in Paris aufflog. Das Hauptbeweisstück war eine weggeworfene Notiz, das sogenannte Borderau, welches eine Putzfrau im Dienst des französischen Geheimdienstes aus dem Papierkorb des deutschen Militärattachés in Paris fischte. Der Verdacht, dieses Schriftstück, mit Angaben zur französischen Artillerieausrüstung, verfasst zu haben, wurde sofort auf den Juden Dreyfus gelenkt, einem willkommenen Sündenbock, der seinerseits alles abstritt. Zu Recht, wie sich letztendlich herausstellte. Da aber unter allen Umständen Dreyfus als Schuldiger zu verurteilen war, wurde die Untersuchung unsorgfältig ausgeführt und man schreckte auch vor Manipulationen nicht zurück.
Der Fall führte zu Verwerfungen in der französischen Gesellschaft, die sich in "Dreyfusards" und "Anti-Dreyfusards" spaltete. Als wohl berühmtester "Dreyfusard" galt der Dichter Emile Zola mit seinem berühmten "J'accuse"- Artikel in der Presse. Begley zeigt, dass sich auch in Marcel Prousts Werk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" Spuren jener gesellschaftlichen Erregung finden lassen. Der damals grassierende Antisemitismus prägte auch in Frankreich den öffentlichen Diskurs.
Man deportierte schliesslich Dreyfus auf die Teufelsinsel vor Guyana, wo er vier Jahre unter unmenschlichen Umständen in Einzelhaft verbrachte. Ein Revisionsverfahren in Rennes endete 1899 wiederum mit einem Schuldspruch, aber im selben Jahr begnadigte ihn der Staatspräsident. Endlich 1906 wurde das Urteil von Rennes kassiert und Dreyfus rehabilitiert.
Unweit der Teufelsinsel liegt Guantánamo auf Kuba, Haftstätte jener, die im Nachgang zu 9-11 auf oftmals losen Verdacht hin (Islamist, zur falschen Zeit am falschen Ort) unter obskuren Umständen als "feindliche Kämpfer" von der Bush-Administration dorthin verfrachtet und "aggressiven" Verhören unterzogen wurden. Bislang fehlen jedwede rechtstaatlichen Verfahren und man kann nur hoffen, dass Präsident Obama diesen Schandfleck baldmöglichst tilgen wird. Beinah überflüssig zu sagen, dass gegenwärtig der Islam in der Regel vom hier herrschenden Zeitgeist etwas unter Generalverdacht gestellt wird.
Es ist das Verdienst Begleys auf die Parallelitäten und Zusammenhänge dieser Ereignisse hinzuweisen. Er tut dies unübersehbar sowohl als Literat als auch als Jurist. Einerseits macht dies das Buch lesbar, zum Anderen geht die Detailversessenheit des Juristen zu Lasten des Ersten zuweilen mit ihm durch, was mich zum Abstrich eines Sterns veranlasst.


Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik
Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik
von Peter Sloterdijk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,80

26 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Höhenflug in (zu) dünner Luft, 14. Mai 2009
Man könnte zunächst meinen, der deutsche Grossdenker Peter Sloterdijk habe sich in die fast unüberblickbare Masse der Lebensratgeber verirrt. Nein, es ist der kryptische letzte Satz des Gedichtes Rilkes über den "archaischen Torso Apollos". Der Torso spreche zu uns und lege den Imperativ nahe.
Nun gut, es ist das Verfahren des Autors, seine Sicht auf die Philosophiegeschichte immer mit Perspektivverschiebungen neu zu erzählen. Wenn nun vom Menschen die Rede ist, der unter "Vertikalspannung" stehe, liegt der Rückgriff auf das Zentralgestirn Nietzsche nicht fern, um das Sloterdijk die Satelliten in Form vieler zitierter Kronzeugen kreisen lässt. Es gelte nichts weniger als den von Menschen selbst aufgeschichteten "Mount improbable" zu bewältigen. Vom Basislager des in seinem "Habitus-Modus" (Bourdieu) verharrenden Menschen sei aufzubrechen. Die passenden Trainer seien zu evaluieren, das Trainingsprogramm sei zu entwerfen. Das Leben wird zum Übungsfeld, abgesteckt auch durch religiöse oder quasireligiöse Systeme. Wittgenstein sprach ja geradezu von Kultur als "Ordensregel".
Die Klöster jedweder Provenienz werden zu Trainingscamps für die Ausübung geeigneter Exerzitien. Akrobatik und Askese sind Begriffe die im Zusammenhang mit "Vertikalspannung" (Überhöhung) zu verhandeln sind. Der Weg des Übenden ist beschwerlich, er bewegt sich von eine Zone des Basislagers zur nächsten, mit geringer Chance es jemals hinter sich lassen. Der Hochseilakrobat, der Hungerkünstler, der Bodhisattva sind schon auf dem Weg. Und der unter Dauerkopfschmerz leidende Nietzsche grüsst stets von allen Ecken und Enden.
Im Untertitel spricht Sloterdijk von Anthropotechnik, obwohl darunter eigentlich die Anpassung technischer Objekte an die Gegebenheiten des menschlichen Körpers (Ergonomie) verstanden wird. Sloterdijk meint hier wohl eher die Arbeit des Menschen an sich, Übung mithin. Er selbst hat es bekanntermassen weit gebracht und verteilt seine wort- und satzakrobatischen Übungen zur Philosophiegeschichte des Übens auf 700 Seiten. Die zu lesen ist mitunter anstrengend, weil man als Laie längst nicht alles versteht, mitunter anregend, weil ab und zu mal ein erleuchtender Gedanke hervor blitzt. Ob's zur Änderung des Lebens reicht ?


Prana Dance
Prana Dance
Wird angeboten von Fulfillment Express
Preis: EUR 20,28

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Elegant, 12. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Prana Dance (Audio CD)
Da hätten sich die alten "Blue Note" Chefs Herren Alfred Lion und Francis Wolff gewiss gefreut, denn "Prana Dance" ist eine jener Produktionen, die vom alten Geist des legendären Labels durchweht sind, ohne jede Staubschicht. Tom Harrell, ein alter, wenngleich weit unterschätzter Bekannter ist hier mit seiner jungen Truppe, im klassischen Quintett-Format, beim Label "High Note" zu Gange und steuert ausschliesslich eigenes Material bei. Eine Komposition besser als die andere, sind sie perfekt auf die Gruppe zugeschneidert. In der Frontline stehen mit Harrell (tp, flh) und Wayne Escoffery (ts,ss) zwei melodisch perfekt eingestimmte Partner, während die Rhythmusgruppe mit Danny Grissett (p.e-p), Ugonna Ukegwo (b) und dem quirligen Jonathan Blake (dm) ein swingendes und dennoch solides Fundament legt. Gewiss wird hier der Jazz nicht neu erfunden, aber man ist versucht, eine in diesem Genre eher etwas ungewöhnliche Kategorie einzuführen: Eleganz.


Somethin' Else (Rvg/Rem.)
Somethin' Else (Rvg/Rem.)
Preis: EUR 5,99

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Juwel aus 70 Jahren "Blue Note", 12. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Somethin' Else (Rvg/Rem.) (Audio CD)
Anlässlich dieses Jubiläums fragte das US-Jazzfachblatt "Down Beat" einige prominente Jazzmusiker nach ihrer bevorzugten "Blue Note"-Platte. Eigenartigerweise fand diese keine Erwähnung. Unter Adderleys Namen wurde sie ziemlich genau ein Jahr vor "Kind of Blue" im März 1958 eingespielt. Miles Davis als Sideman, man traute seinen Augen kaum; dies war er zuvor nur bei Charlie Parker. Und nachher ohnehin nie mehr, der Chef blieb Chef und war es eigentlich auch hier. Man mag Cannonball posthum nicht zu nahe treten, aber schon zu Beginn, in "Autumn Leaves", drückt Miles (auch als Arrangeur) der Musik unverkennbar seinen Stempel auf. Hier wie im folgenden "Love For Sale" wird das Thema vom Trompeter vorgestellt. Aber Cannonball hat seinen besonders dramatischen Solo-Einstieg in "One For Daddy-O" und lässt seinen blues- und soulgetränkten Phrasen freien Lauf. Er besticht indes auch in der Ballade "Dancing In The Dark", wo Davis aussetzt.
Die Rhythmusgruppe, bestehend aus Hank Jones p, Sam Jones b und dem ungewöhnlich zurückhaltenden Art Blakey dm, agiert mit ausser-ordentlichem Geschmack und enormem Swing. Leider kommt die Covergestaltung, ein Markenzeichen von "Blue Note", im geschrumpften CD-Format kaum zu Geltung. Jedenfalls ist dies, trotz der gefeierten "Kind Of Blue"-Aufnahme - und ohne Coltrane -, eine epochale Scheibe.


Terror und Traum: Moskau 1937
Terror und Traum: Moskau 1937
von Karl Schlögel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

29 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Glanz und Elend des Systems "Stalin", 20. Januar 2009
Moskau 1937, eine neue Stadt für den neuen Menschen soll gemäss Stalins Generalplan errichtet werden. Dafür stehen der - nur begonnene - 400 m hohe Palast der Sowjets (Umschlagbild), die Metro, der Moskwa-Wolgakanal. Es fanden u.a. statt: der zweite Schauprozess (mit Karl Radek), die Feiern zu Puschkins 100. Todestag und zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution, das Plenum des Zentralkomitees der KPdSU, die Eröffnung des erwähnten 128 km langen Verbindungskanals Moskwa-Wolga, der internationale Geologenkongress. Ausser Landes befand man sich mitten im Spanischen Bürgerkrieg und in Paris zeigte man die Errungenschaften Stalins anlässlich der Weltausstellung in einem überdimensionierten Pavillon vor, gleich gegenüber Speers nazideutscher Variante. Im Sommer fand die Turnerparade auf dem Roten Platz als Feier der schönen, kräftigen und kämpferischen kommunistischen Jugend statt, mithin der Vorstellung des neuen Menschen. Helden, seien es Flieger oder Polarforscher glänzten mit Rekord- und Pionierleistungen. Doch wehe, wenn der Schattenwurf der Helden den Woschd (Führer) zu erfassen drohte. Dann wurde aus einem Helden sehr schnell ein Schädling. In einem System, wo die Natur gebändigt ist, wo es weder Unfall noch Unglück gibt, sind Saboteure und Schädlinge leicht zu finden. Viele Emigranten der Komintern schliesslich, die zu tausenden in Moskau Zuflucht suchten, standen als Ausländer ohnehin unter Generalverdacht und wurden demnach der Spionage bezichtigt.
Hunderttausende wurden in den Gulag deportiert oder erschossen. Stalin trieb den blindwütigen NKWD-Chef Jeschow zu Sonderleistungen an, um ihn selber schliesslich dem Henker zu überantworten. Geschützt war niemand, nicht der altgediente Parteifunktionär, nicht Wissenschenschaftler, Militär, Künstler, Ingenieur, Held, nicht der einfache Mensch. Das jährliche Erscheinen des Moskauer Adressbuches wurde 1937 eingestellt...
Damit wird 1937 als Schreckenschiffre in die auch so schon an Grausamkeiten reiche Sowjetgeschichte eingeschrieben.
Karl Schlögel hat, begünstigt durch die seit den 90er Jahren erfolgte Öffnung von Archiven, eine immense Menge von Dokumenten gesichtet und gewichtet.
Unter dem Buchtitel "Terror und Traum" schaut er nun auf diese Stadt, indem er uns einmal mehr brillant erzählend zeigt, dass Historie stets auch einen Raum in der Zeit hat. Diesen erkunden wir zu Beginn in Begleitung der über Moskau fliegenden Margarita (aus M. Bulgakows Schlüsselroman "Der Meister und Margarita"). Die Konzentration auf ein Jahr und einen Ort erzeugt beim Leser eine Ahnung von Gleichzeitigkeit der Vorgänge und dem Zusammenhang von Ort und Ereignis. Zumal in einer Stadt, in welcher gemäss Generalplan Ideologie, Gesellschaft und der dazu eingepasste neue Mensch abgebildet werden soll. In Wirklichkeit verbleiben, wie Schlögel meint, physische und seelische Erschöpfung des "real" existierenden Menschen, schon diesseits der terroristischen Gewalt, in einem zerrütteten Alltag.
M.E. gibt es kaum Besseres über den Stalinismus zu lesen.


Wendepunkte: Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg
Wendepunkte: Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg
von Ian Kershaw
  Gebundene Ausgabe

28 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Entscheidungen weniger, Schicksal vieler, 5. Dezember 2008
Ian Kershaw stellt in diesem Buch die seiner Ansicht nach entscheidenden Wendepunkte nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zur Diskussion. Diese Entscheidungen fielen alle in der Periode zwischen dem Frühjahr 1940, als sich für Frankreich (und England) ein Desaster abzeichnete und dem Herbst 1941, als Hitlers Wehrmacht im Schlamm vor Moskau zum Stehen kam. Die Brennpunkte sind Berlin, Rom und Tokio auf der Seite der agressiven Achsenmächte, sowie London, Washington und Moskau auf jener der defensiven Alliierten.
England beschliesst unter der Führung Churchills im Juni 1940, sich keinem Friedensdiktat Hitlers zu unterwerfen und den Krieg fortzusetzen, in der Hoffnung, im Laufe der Zeit von den USA unterstützt zu werden. Hitler entscheidet sich, die Invasion Englands auf unbestimmte Zeit zu verschieben, um zuerst die Sowjetunion in einem Blitzkrieg nieder zu werfen. Mussolini will, in völliger Verkennung seiner militärischen Möglichkeiten, im Windschatten Hitlers sich seinen Anteil an der Beute heraus schneiden und Herr übers Mittelmeer werden. Tokio entschliesst sich, sein Imperium über China hinaus nach Südostasien auszudehnen, unter Inkaufnahme des Widerstandes der USA. Roosevelt sieht sich genötigt, sein kriegsunlustiges Volk und den Kongress davon zu überzeugen, dass England unter allen Umständen mit Kriegsgütern zu versorgen ist, was später faktisch zum Kriegseintritt der USA führen muss. Stalin seinerseits glaubt, alles besser zu wissen und entscheidet sich dafür, alle Warnungen hinsichtlich eines unmittelbar bevorstehenden Angriffes der Wehrmacht in den Wind zu schlagen, nachdem er die Rote Armee ihrer fähigsten Führer beraubt hat. Die Entscheidungen des Jahres 1941 fallen in der Folge der vorangegangenen Ereignisse in Tokio (Pearl Harbour) Washington (schleichender Kriegseintritt ohne Kriegserklärung) und Berlin (Krieg gegen die USA und "totaler Krieg" mit der Ermordung der Juden).
Naturgemäss konzentriert sich die Entscheidungsgewalt in Diktaturen auf Einzelfiguren (Hitler, Mussolini, Stalin), während im Falle von England, den USA und, beschränkt Japan, Entscheidungsprozesse auch unter Berücksichtigung zunächst widerstrebender Meinungen in Gang kamen.
Kershaw gelingt es brillant, anhand dieser Weichenstellungen die politischen Verhältnisse jener Zeit in den betroffenen Ländern anschaulich zu schildern und die Entwicklungslinien, die zu diesen, für die ganze Welt schicksalhaften Entscheidungen führten, zu skizzieren.
Gewiss, Entscheidungen hätten auch anders ausfallen können und wären dann Gegenstand kontrafaktischer Geschichtsschreibung. Kershaw ist sich dessen bewusst, erliegt aber der drohenden Gefahr nicht. Dennoch meint er im Vorwort, man könne sich kontrafaktischen Überlegungen nicht ganz verweigern, denn nur so erschlössen sich die historischen Ereignisse in ihrer wahren Dimension. Dem kann man sehr wohl zustimmen.
Kershaw ist ein grosses Werk gelungen und sei allen zeitgeschichtlich Interessierten, und vor allem jenen, die es werden wollen, ans Herz gelegt.


Guitars
Guitars
Preis: EUR 16,17

25 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vier Gitarren und ein Banjo im Tanz um den Vulkan, 2. Dezember 2008
Rezension bezieht sich auf: Guitars (Audio CD)
Im Herbst 2006 nahm der Pianist McCoy Tyner dieses Konzeptalbum mit den vier Gitarristen John Scofield, Bill Frisell, Marc Ribot, Derek Trucks und dem Banjospieler Bela Fleck auf. Gewohnt meisterlich unterstützt von Ron Carter b und Jack DeJohnette dm spielte er mit jedem dieser Partner zwischen 2 und 4 Titel ein. Spannend, wie die Gitarristen, die aus verschiedenen Ecken des Jazz und Anverwandtem kommen, sich auf Tyner und sein Programm einlassen. Aufs erste Hinhören fällt dies natürlich dem gradlinigen Scofield am leichtesten, doch auch der Avantgardist Ribot scheint für einmal seinen Spass daran zu finden, seine Querklänge in den "Mainstream" einzupassen. Als Brüder im Geiste zeigen sich, etwas überraschend, Frisell und Tyner bei einem Ausflug aufs weite Feld der Weltmusik. Blues ist naturgemäss beim Slide- und Bluesgitarristen Derek Trucks angesagt; und dieser setzt in seiner Sprache ein markantes Statement. Sensationell schliesslich, was Bela Fleck in den "Favourite Things", bei dem man doch immer das Coltrane-Tyner Quartett im Ohr hat, auf dem Banjo herunter schrammelt.
Sie alle regen Tyner zu seinen unnachahmlich perkussiven Eruptionen an. Ron Carter bildet den Ruhepol, während DeJohnette auf der Spur von Elvin Jones die rhythmische Energie liefert.
Einige der Titel stammen aus dem bekannten Tyner-Coltrane Fundus, andere wurden von den Partnern beigesteuert.
Die DVD, welche die Musiker bei den Proben und Aufnahmen in den Clinton Studios, NYC, zeigt ist allenfalls eine nette Ergänzung und bietet zudem noch mehr oder weniger interessantes Bonusmaterial. Was zählt ist die Musik. Und die reicht eigentlich schon.


Pass It on
Pass It on
Preis: EUR 10,98

16 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Little Big Band, 11. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Pass It on (Audio CD)
Welches Projekt auch immer der Brite am Kontrabass in die Hand nimmt, es entspricht dem "State Of The Art". So auch hier, wo Dave Holland als Leiter eines ad hoc Sextetts fungiert. Vom angestammten Quintett, seiner "Working Band", hat er den Posaunisten Robin Eubanks heraus gelöst, von der Big Band den Trompeter Alexander Sipiagin sowie den Altsaxofonisten Antonio Hart übernommen und mithin zu einer Frontline vom Feinsten geformt. Zudem wird wieder einmal der Pianostuhl besetzt. Mit dem herausragenden Mann am Klavier, Mulgrew Miller, hätte die Wahl nicht besser ausfallen können. Der überaus agile und ideenreiche Eric Harland am Schlagwerk trägt zusammen mit dem gewohnt souveränen Chef am Bass die Truppe durch ein Programm, das konzeptionell eher für eine Big Band als eine Combo angelegt scheint. Will heissen, dass dem Kollektiv eine prägende Rolle zukommt, indem aus dem von ihm bestimmten Teilen eines jeden Stückes die Solisten, nämlich sämtliche Mitglieder der Band, mit Soli empor steigen, die den Kompositionen und Arrangements Hollands (Ausnahme: Sum Of All Parts von Eubanks) jenen Glanz verleihen, der diese Scheibe zum Juwel macht, das man gerne weiter gibt; also: pass it on.


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