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Rezensionen verfasst von
Christian Günther
(TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Als Wenn Es Gar Nichts Wär-Klaus Hoffmann Liest au
Als Wenn Es Gar Nichts Wär-Klaus Hoffmann Liest au
Preis: EUR 21,98

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ... dieses Buch ist unvollkommen!, 6. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ist es nicht! Das Buch, die im Oktober 2012 veröffentlichte Autobiographie "Als wenn es gar nichts wär", ist für jeden, der Klaus Hoffmann, seinen Alben, seinen Konzerten, einen festen Platz im eigenen Leben einräumt, eine wahre Fundgrube. Vieles, was er seit Jahren in Liedern und Bühnentexten andeutet, findet sich hier episodenhaft als zu ende erzählte Anekdote. Unbedingte Empfehlung!

Doch dieses neue Doppel-Live-Album hier ist nicht einfach nur eine mit ein paar passenden Liedern aufgelockerte Lesung aus dieser Autobiographie, es ist wieder einmal so typisch Hoffmann, dass man "Als wenn es gar nichts wär - Eine musikalische Lesung aus dem Renaissance-Theater" gehört haben sollte, auch wenn man das Buch längst schon gelesen hat (oder es noch lesen will).
"Ich such hier eine Stelle, die ich nicht finden kann - dieses Buch ist unvollkommen!" grummelt Hoffmann schelmisch, während er weiter sprechend mit den Buchseiten raschelt. Da ist es wieder, das Faszinosum Klaus Hoffmann. Natürlich war diese Veranstaltung am Abend des 10.September 2013 mehr eine Lesung als ein Konzert, doch genau genommen war es eher noch eine Sprechung, ein Abend mit einem lieben Freund, der (nur unter Zuhilfenahme seiner Autobiographie) aus seinem bunten Leben plaudert und ab und an zur Gitarre greift und ein thematisch passendes Lied einstreut. Denn Hoffmann entfernt sich sehr oft sehr weit vom Buchtext und erzählt und erzählt, bis er lachend einräumt: "Das steht hier gar nicht, diese Geschichte ist gar nicht drin..." Schon deswegen lohnt dieses Live-Album.

Und natürlich sind auch die tatsächlich gelesenen Stellen lohnend, weil auch sie nicht ohne Zwischenbemerkungen bleiben, weil auch sie wie der Textanteil in den normalen musikalischen Hoffmann-Live-Programmen frei, improvisiert gesprochen wirken und weil es immer nochmal ein anderes, ein besonderes Erlebnis ist, eine Geschichte mit der Stimme des Autors zu hören, als mit der eigenen Stimme in Gedanken beim Lesen. Nicht besser, eben einfach anders, persönlicher.

Zehn Lieder spielt Klaus Hoffmann über die knappen zwei Stunden verteilt. Diesmal aber ohne Hawo Bleich am Klavier (wie bei den beiden musikalischen Lesungsprogrammen zu seinen Romanen "Afghana" (2001) und "Der Mann der fliegen wollte" (2004)), diesmal allein, nur sich selbst mit der Gitarre begleitend. So sehr aufs wesentliche reduziert, hat man keines dieser Lieder je auf einem Album gehört - somit also noch ein dritter Grund, das Album als eine lohnende Ergänzung zum Buch zu empfinden.


The Next Day Extra
The Next Day Extra
Preis: EUR 15,98

34 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen The day after the next day, 4. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Next Day Extra (Audio CD)
Ersparen wir uns an dieser Stelle die gleichsam berechtigte wie müßige Empörung über die virulente Unkultur, dass inzwischen beinah jedes Top10-Album nach etwa sechs Monaten in einer Collectors-/Super-Deluxe-/Tour- oder Fan-Edition ein zweites mal mit mehr oder weniger brauchbaren Ergänzungen auf den Markt kommt. Bei David Bowie heißt das Gerät nun "Extra" und als willenloser Fan, kauft man das Album nun nach erster Deluxe-Ausgabe (mit drei Titeln mehr) und Doppel-Vinyl-Ausgabe (freiwillig, ohne Nötigung der Plattenfirma, einfach weil Vinyl eben so schön ist und die Sammlerschraube eben etwas locker ist) nun auch noch ein drittes mal und ist auch extra gespannt auf die Zugaben.

Unter den vielen halbjahresverzögerten, nachträglich ergänzten Ausgaben, fällt "The next day EXTRA" in mehrfacher Hinsicht sehr positiv auf. Dazu muß man kein beinharter Fan sein und sich das schön reden - das Package ist in jeder Hinsicht gelungen und absolut fair kalkuliert. Da zu dem eigentlichen Album von allen Feuilletonisten und Hobbykritikern, auch von mir, bereits erheblich mehr als alles gesagt worden ist, widme ich mich hier ausschließlich dem Extra von "The next day EXTRA":

Allein die Aufmachung übertrifft die ursprüngliche Veröffentlichung im März bei weitem. Ob 14 Track Standard-Version oder 17 Track Deluxe, beide waren optisch fast nicht zu unterscheiden und kamen in einem ordinären Digipack daher. "... EXTRA" wohnt nun in einem massiven kleinen Karton, äußerst stabil, quadratisch und leicht zu handhaben ohne Schaden anzurichten. Der Inhalt des Kartons besteht aus sechs Komponenten, drei silbrigen Scheiben und drei Booklets:

CD1: Tracks
Wie sollte es anders sein: das reguläre Album mit 14 Songs, so wie es im März veröffentlicht wurde und somit für all jene, die das Album bereits hatten, hier fürs erste beiseite zu legen und zu ignorieren, so gut "The next day" auch zweifellos ist.

CD2: Extra
Ganze zehn Bonusstücke! Drei davon sind zwar die bereits bekannten der Deluxe vom März, bleiben aber immer noch sieben, die hier erstmals ins Album integriert wurden und Bowies Werk anno 2013 schwingt sich somit zu einer neuen Gesamtspielzeit von 95 Minuten auf. Abgesehen von zwei künstlerisch ernstzunehmenden Remixen - also kein simples Wummersound drunter gelegt und fertig ist der Remix Gemansche - sind die acht eigenständigen Songs weit mehr als nur B-Seiten. Und doch ist sofort klar, warum Bowie sie nicht mit auf das eigentliche Album nahm: Sie sind meist zu andersartig, hätten die Grundstimmung des Albums gestört. An Qualität jedoch mangelt es ihnen nicht. Zum Auftakt stolpert sich Bowie durch das energisch rockende "Atomica". Mit gewollt viel zu viel Text an einigen Stellen der Strophen, hetzt er durch die eigentlich recht melodische Nummer - ein Extra auf das man nicht mehr verzichten will. Das Ende des Songs ist auch schon der Beginn von Track 2: der gut zehnminütige Remix von "Love is lost". Man hört am Ende von "Atomica" Applaus von vielleicht 20 Leuten, der Trackzähler im Player ist aber schon auf >2< gesprungen, der Applaus hält etwa 15 Sekunden normal an und geht dann in einen gleichförmigen Zugaben-Applaus über, wieder etwa 15 Sekunden, bis sich in den vom Applaus vorgegebenen Takt die ersten Instrumente von "Love is lost" hinein drängen, der Applaus bleibt noch Minuten lang leiser werdend und den Rhythmus verlierend hörbar, während der Song sich mehr und mehr durchsetzt. Bowie at his best! Schräg und doch schön! Es soll hier nun nicht auf jeden der Bonustracks eingegangen werden. Alles in allem ist die Bonus-CD, pardon Extra-CD, mit einer Laufzeit von gut vierzig Minuten ein solides zweites Bowie-Album im Jahr 1 nach zehnjähriger Abstinenz.

DVD: Light
Die dritte Spiegelscheibe im Karton ist eine DVD mit dem Aufdruck "Light" auf dem Schuber. Ein wundervolles Extra! Alle vier Videoclips, die Bowie übers Jahr zum Album schuf und die zum Teil eher Kurzfilme als einfache Musikvideos sind. "Where are we now" ist da sicher noch das am wenigsten spannendste - Ein eher merkwürdiges Geschnipsel - ein Video, wie eine bewegliche Collage. Clip 2 hingegen ist schon fast ein Film. Als Intro von "The stars (are out tonight)" ist das komplette Instrumental "Plan" zu hören, ehe der eigentliche Song startet - also ein 2in1 Video. Bowie spielt mit der ihm in Ausdrucksstärke nichts nachstehenden Tilda Swinton ein alterndes, gut bürgerliches Paar und wird von seinen eigenen jungen Alter egos terrorisiert. Auch zum Titelsong "The next day" entstand ein ebenso aufwendiger Film, wunderbar skurill. Und um sich zu vergewissern, dass sämtliche Sorgen der letzten Jahre, Bowie könnte es nicht gut gehen, unbegründet waren, ist das Video zu "Valentine's day" die beste Möglichkeit. Ein konventioneller Clip: ein Rockstar, einsam mit Gitarre in eindrucksvoller Umgebung und cooler Pose. Bowie sieht aus, als wäre der Clip 2003 für "Reality" gedreht worden und er wirkte damals bereits mindestens zehn Jahre jünger als er war. Unabhängig davon, dass ein guter Stuckateur in stundenlanger Arbeit in der Maske natürlich viel zu einem solchen Eindruck beitragen kann, wirken aber die Bewegungen, die Mimik, der ganze Habitus nicht im mindesten wie die eines Mannes in der zweiten Hälfte seiner Sechziger. Vier sehr unterschiedliche, aufwendige Clips - und wiederum ein schönes Extra. Warum allerdings der Clip zur neuen Single "Love is lost - Remix" nicht gleich mit veröffentlicht wurde...? Nun ja, man braucht wohl noch was für die dritte Veröffentlichung irgendwann.

Booklet 1: Language
Die drei Booklets sind alle aus mattem, festem Kartonpapier. Booklet 1 enthält 24 Seiten gedrucktes Wort. Alles, was man zu "The next day" drucken kann: sämtliche Liedtexte beider CDs, Komponisten- Texter- und Musiker-Angaben und sämtliche technischen Details zur Entstehung (Studios, Artwork etc.).

Booklet 2: Frame
Ebenfalls 24 Seiten, diesmal ausschließlich Fotos: Session-Fotos, Bowie im Studio und Shots aus den Videos.

Booklet 3: You
Und noch einmal 24 Seiten und Bowies wundervoller Humor! 23 Seiten sind nämlich blitzeblank, weiß wie Schnee, jungfräulicher als Maria, absolut unbedruckt. Nur auf der Rückseite steht auf weißem Grund in großen Lettern: You. Da wo bei den andern Quadraten rücklings entweder Tracks, Extra, Light, Language oder Frame steht, ein unkommentiertes "You". Materialverschwendung, natürlich, aber ich mag so was.

Umfang, musikalische wie haptische Qualität des Ganzen und die Detailliebe lassen den eingangs beschriebenen Zorn dann doch recht schnell verfliegen. "The next day" war ohnehin schon eines der wichtigen Themen des Musikjahres und ein durchweg gutes Album. In dieser Ausgabe ist es nun wahrlich was ganz besonderes.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 1, 2013 8:32 PM CET


Rainhard Fendrich - Besser wird's nicht/Live (+ CD)
Rainhard Fendrich - Besser wird's nicht/Live (+ CD)
DVD ~ Rainhard Fendrich
Preis: EUR 21,98

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Er bleibt in der Zeit und streift doch auch durch die Jahrzehnte, 3. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Musiker, die 30 und mehr Jahre erfolgreich Alben veröffentlichen und auf ausgedehnte Konzertreisen gehen, neigen spätestens etwa ab diesem Karrierestadium dazu bei der Liedauswahl für die Konzerte beinah nur noch lupenreine Greatest Hits Sets zusammenzustellen, bestenfalls mit hie und da leicht modifizierten Arrangements. Zwar irgendwie verständlich, weil zum einen - was ja ein Segen ist - sich über die Jahre ein gutes Dutzend großer Hits angesammelt hat und zum andern, ein nicht unbeträchtlicher Teil des Publikums ja geradezu mit der Erwartungshaltung eben diese großen Hits auch geboten zu bekommen in die Konzerthallen strömt. Das Ganze mutiert dann mit den Jahren zwar immer mehr und mehr zu einer Art Oldie-Show eines aus der Zeit gefallenen Relikts längst vergangener Epochen und hat weniger mit Kunst als mit Dienstleistung zu tun, aber gut: kommt auch die künstlerische Relevanz abhanden, die Hallen sind voll, das Publikum ist glücklich, nur die Kritiker murren - aber die murren ja immer, schon von Berufs wegen.

Große Hits sind schön und fast vergessene Lieder aus jahrzehntealten Alben oft noch viel schöner und es gibt nichts dagegen einzuwenden, dass sie ihren Platz im Programm haben sollten, aber ein Künstler der alle zwei, drei Jahre ein neues Album veröffentlicht, sollte dieses auch ins Zentrum seines aktuellen Programms stellen, sonst kommt ihm irgendwann die Glaubwürdigkeit abhanden. Rainhard Fendrich hat diese Glaubwürdigkeit nie eingebüßt. Auch wenn "Besser wird's nicht - Live" schon bei dem Präsentationskonzert des neuen Albums mitgeschnitten wurde (wo naturgemäß das zu präsentierende Album das Thema vorgibt), ist die Auswahl der Lieder, des hier konservierten Konzerts, der Auswahl für die Konzerte der derzeit laufenden Tournee sehr ähnlich. 13 der 16 Lieder vom im Mai erschienenen Studio-Album "Besser wird's nicht" machen so schon etwas mehr als die Hälfte des Programms aus - gut so! Das Album ist zweifellos ein Meilenstein in Fendrichs Karriere und dass es hier nun fast komplett als Live-Dokument vorliegt, ist nur zu begrüßen, zumal die Songs live noch einmal gewinnen, obwohl auch schon die Studioproduktion wohltuend schnörkellos und direkt daher kam. Doch live gesungen und - da das Album ja nur als DVD veröffentlicht wird - im Zusammenwirken mit Mimik und Gestik, bekommen insbesondere die nachdenklichen Songs noch mehr Tiefe. Fendrich hält keine Lied gewordenen Moralpredigten, er macht einfach seiner Seele Luft, empört sich, zeigt seine eigenen Ängste und Zweifel - was der Zuhörer/Zuschauer daraus macht, überlässt er jedem im Publikum selbst.

Natürlich ist Fendrich 2013 nicht frei von Humor, nicht frei von seiner feinsinnigen Ironie und seinen rasant um ungeahnte Ecken biegenden Wortspielen - er kann gar nicht anders - und gerade das gibt dem Programm eine kaum erlebte emotionale Weite. Von sensibler Berührtheit, gellendem Lachen über Situationswitz (auch in den Texten einiger neuer Lieder), großen Sinnfragen, bis hin zu wohliger Lebensfreude und wütender Empörung über krachenden Unfug, den wir willfährig wie Schlachtvieh einfach hinnehmen: binnen des zweistündigen Konzertprogramms hat man beinah jede Gefühlsregung einmal durch - das unterscheidet den Künstler vom Dienstleister, der nur Erwartungshaltungen befriedigt. Und es zeigt eindrucksvoll, dass Fendrich mit den Jahren immer noch mehr Musiker und Entertainer in Personalunion wird. Ein Publikum durch ein so weitläufiges thematisches Terrain zu führen, ohne dass einem zwischenzeitlich Teile des Saals abhanden kommen, erreicht man nicht allein durch virtuoses Bedienen der Instrumente und wohl getroffene Töne und auch nicht allein durch substanziell auch noch so gute Songs, sondern vor allem durch eine Bühnenpräsenz, die raumfüllend ist und durch Moderationen zwischen den Liedern, die für sich allein schon wesentlich für das gesamte Programm sind, denen man zuhören will, seien sie ernst oder verschmitzt, selbstironisch oder auch mal mit dem Publikum stänkernd. Fendrich beherrscht diese Kunst wie nur wenige - weltweit! Clapton ist gewiss der bessere Gitarrist, keine Frage, und Dylan wohl auch der bessere kunstvolle Songwriter, aber die Interaktion mit dem Publikum beherrscht keiner von beiden auch nur halb so gut wie Fendrich.

Neben den 13 Songs vom neuen Studio-Album sind auf dem DVD-Live-Album noch zwölf weitere, ältere Songs. Aber keineswegs die üblichen Verdächtigen! "Macho, Macho", "Es Lebe der Sport", "Schickeria" oder "Blond" sucht man vergebens in der Titelliste. Und das ist zur Abwechslung auch mal ganz wohltuend. Diese Songs waren nicht grundlos große Hits, gewiss, aber sie müssen auch nicht tot gespielt werden. Ein paar Klassiker sind natürlich dennoch im Programm. Gegen Ende erklingen die Hymnen "Weus'd a Herz hast wie a Bergwerk" und "I am from Austria", gewissermaßen als Dankeschön an das Publikum für die Aufmerksamkeit bei all den neuen Liedern, und auch die "Midlife crises" und der "Tango Korrupti" haben es in Wechselwirkung zu thematisch verwandten Songs des neuen 2013er Albums ins Set geschafft, letzteres allerdings in seiner inzwischen dritten, aktualisierten Textfassung.

Viel eher aber sind auch die älteren Stücke gelungene Überraschungen: "My Tschenereischn" z.B. oder in einem sehr zurückgenommenen, wunderschönen Piano-Arrangement "Die Geisterbahn" - ein Lied wie ein Kurzfilm. Auch "Damenkränzchen Tarantula" vom 2004er Album "aufLeben" (sic!) ist samt dazugehöriger Kurzgeschichte als Moderation Teil des Programms. Allesamt keine zu erwartenden großen Hits, aber willkommene alte Bekannte.
Die größte Überraschung allerdings ist das von Cole Porter für Hildegard Knef geschriebene "In der Stille der Nacht" (später auch von Frank Sinatra und Ella Fitzgerald interpretiert), dass Fendrich ins Programm eingebaut hat. Zwar nahm er das Lied bereits vor elf Jahren für sein Album "Ein Saitensprung" schon einmal auf, dass es einem aber hier in diesem Rahmen begegnet, war nicht vorhersehbar. Also auch in der Auswahl der älteren Stücke macht es sich Fendrich nicht leicht, sondern ersinnt einen dramaturgischen Bogen und sucht in seinem Repertoire gezielt nach passenden Stücken, unabhängig davon, ob sie irgendwann mal als Single in den Charts ganz oben standen oder auf einem seiner vielen Alben vielleicht eher nur eine Nebenrolle spielten.

"Besser wird's nicht - Live" ist ein durchweg gelungenes Live-Album geworden und präsentiert einen Rainhard Fendrich, der auch 33 Jahre nach seinem Debüt sich nicht auf alte Hits verlässt, der immer noch in der Zeit, immer noch relevant ist und wenn er durch die Jahrzehnte streift, dann nicht nostalgieverhangen, sondern um das was heute gilt mit Belegen der Vergangenheit zu unterstreichen.

Zu kritisieren gibt es eigentlich nur ein wenig die Kameraführung. Der Mitschnitt wurde von einem österreichischen Privat-TV-Sender gemacht und das Kamerateam scheint offenbar eher TV-Shows zu filmen als Konzerte. Die Totalen und die Aufnahmen aus der Ferne geben ein gutes Raum-Bild - sehr schöner Saal, schöne Bühne - auch die Nahaufnahmen einzelner Musiker sind gelungen und gut geschnitten. Doch wer kam auf die Idee, Fendrich über gefühlt die Hälfte des Konzerts (ist übertrieben, zugegeben) frontal geradezu ins Gesicht zu filmen? Man sieht seinen Kopf bis zum obersten Hemdknopf und er schaut unweigerlich direkt in die Kamera - als immer mal wieder Kurzsequenz wäre das okay, aber diese Einstellung ist viel zu häufig und für eine im heimischen Wohnzimmer reproduzierte Konzertatmosphäre nicht unbedingt dienlich, denn im Konzert stehe ich auch nicht in selber Entfernung zum Mikrophon, wie der Sänger, nur von der andern Seite. Das ist natürlich polemisch überspitzt, die Kritik aber dennoch ernstgemeint, diese frontale Nahperspektive kommt einfach viel zu häufig vor.

Ein echtes Ärgernis - was das DVD-Album nicht schlechter macht! - ist die Veröffentlichungspolitik. "Besser wird's nicht - Live" wurde als DVD, so wie sie jetzt auch erschienen ist, und als Deluxe-Ausgabe, bestehend aus DVD+2CD (beides jeweils das komplette Konzert), angekündigt und sogar im Programmheft der bereits seit Anfang Oktober und noch bis kurz vor Weihnachten laufenden Tournee beworben und war auch bereits vorbestellbar. Die Deluxe-Ausgabe wurde allerdings noch vor Erscheinen gestrichen und stattdessen ist nun neben der DVD eine Edition mit nur einer zusätzlichen CD erhältlich, die das reguläre Studio-Album enthält. Für jene, die das Studio-Album noch nicht haben, mag das eine günstige Möglichkeit sein Live- und Studio-Album zusammen zu erwerben, okay, dafür aber die Ausgabe, die auch den Mitschnitt noch einmal komplett auf zwei CDs enthalten hätte zu kippen, scheint doch eher unsinnig.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 12, 2013 6:38 PM CET


Dirk Michaelis singt...Nr.2 (Welthits auf Deutsch)
Dirk Michaelis singt...Nr.2 (Welthits auf Deutsch)
Preis: EUR 8,97

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein sehr kommerzielles Konzept entfaltet hohe künstlerische Anmut, 28. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es ist natürlich schon allein die unvergleichliche Stimme von Dirk Michaelis, dieses Timbre, hell und doch wohlig verkratz, und dazu diese inzwischen selten gewordene Liebe in der Pop-Musik, mit erlesenen Musikern und echten Instrumenten so sorgfältig zu arbeiten wie bei Jazz-Produktionen, statt einfach nur einen PC anzuschalten und Effekte zusammenzubasteln. Er und seine Musiker brauchen da den Vergleich mit Produktionen von Sting oder Paul McCartney nicht scheuen.

Dennoch roch vor zwei Jahren das Album "Dirk Michaelis singt (Welthits auf Deutsch)" arg nach kalkuliertem Erfolg. Das Konzept mag das (zumindest auch) in Betracht gezogen haben, hat man das Album aber gehört, war der Geruch verflogen. Denn zusammen mit den kongenial übersetzten Texten der allesamt englischen Originale von Gisela Steineckert und Michael Sellin, entstanden wahre Songperlen, in der Umsetzung nicht dem Original hinterherhechelnd, sondern eigen, auf Dirk Michaelis und seine behutsame Interpretationsweise zugeschnitten. So gut, dass manches Original verlegen in den Schatten trat. Wobei es den Besser:Schlechter Vergleiche Cover vs. Original gar nicht provozierte. Dirk Michaelis machte sich die Songs zueigen. Kurzum, dieses Album war eine der besten deutschen Produktionen des Musikjahres 2011.

Als nun zwei Jahre später "singt Nr.2" angekündigt wurde, kam echte Vorfreude auf, auch wenn man sich durchaus auch endlich wieder neue, von Dirk Michaelis selbst geschriebene Stücke wünscht - sein Album "Glaube, Liebe, Hoffnung" liegt schließlich mittlerweile gut drei Jahre zurück.

Alles oben gesagte zum ersten Cover-Album, gilt ohne Einschränkung auch für den Nachfolger. Das Album ist nicht nur gleichauf mit mit dem Vorläufer, es legt in den Feinheiten sogar noch etwas zu. Es weht auch hier durch alle Songs der Hauch Melancholie, diese emotionale Nachdenklichkeit. Die textliche Kraft hat aber nochmal zugelegt. Dire Straits "Brothers in Arms", hier zu einer von einem wunderbar reinen Piano dominierten Ballade geworden, ist lyrisch geeignet zum Vortrag auch ohne Musik. Auch "One" von U2 so kunstvoll und phonetisch gut singbar ins Deutsche zu übertragen, schien schwer vorstellbar, ist aber mehr als gut gelungen. Die Qualität aller Text-Übertragungen ist durchweg ganz weit oben, wie die Anpassung der Arrangements und die Qualität der Einspielung auch. Soweit, wie auch beim letzten gleichartigen Album. Besser - und das kann natürlich auch nur subjektive Wahrnehmung sein - scheint der Einklang der Songs untereinander, der sogenannte Flow des Albums, hier wirkt alles noch mehr auf einander abgestimmt.

Wie auch ebenfalls beim letzten Album, wird auch "singt Nr.2" in Sektionen geteilt, die von zwei instrumentalen Eigenkompositionen voneinander getrennt sind. Wie "Piano" und "Harmonie" vor zwei Jahren, sind auch "Morgenrot" und "Abendrot" für sich genommen zu beachten und tragen wesentlich zur Atmosphäre des Albums bei. Ein komplett instrumentales Album von Dirk Michaelis vielleicht eines Tages, wäre ein durchaus vielversprechender Gedanke.

Beide äußerst liebevoll und aufwendig produzierten Cover-Alben sind eine Empfehlung und weit kunstvoller, als das Konzept zunächst vermuten läßt. Wenn man sich erst an nur eines der beiden Alben heranwagen will, scheint mir "singt Nr.2" die noch bessere Wahl. Das andere wird man sich dann eh sehr schnell ebenfalls zulegen. Mainstream kann auch Kunst sein, Dirk Michaelis und sein Kreativ-Team beweisen es.


Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat
Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat
von Christian Brückner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Plädoyer für die Verantwortung vor dem eigenen Gewissen, 27. Oktober 2013
"Für die Gesetzgebung ist in Amerika kein Genie erschienen." konstatiert Henry David Thoreau 1849 in seinem Essay "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat". Nun, nicht nur in Amerika nicht, will man hinzufügen. Genies sind ohnehin noch weit seltener, als jene, die von sich meinen eines zu sein, uns gern glauben machen möchten. Darin liegt nicht der Sündenfall. Der Sündenfall liegt da, wo ein Staat - zumal ein freiheitlicher, sich zu den Menschenrechten bekennender - vertreten durch seine Regierung, blinden, widerspruchslosen Gehorsam seinen Gesetzen gegenüber verlangt und undifferenziert jede Zuwiderhandlung als Vergehen, Straftat und als mit juristischer Härte zu ahnden betrachtet. Die moralische Legitimation hätte er bestenfalls, wenn überhaupt, wenn seine Gesetzte tatsächlich von einem Genie unumstößlicher moralischer Integrität erdacht worden wären.

Sind sie es nicht (und davon ist ganz sicher auszugehen), sind Zweifel und Infragestellen vornehmste Bürgerpflicht! Und ein Staat, eine Obrigkeit samt Staatsapparat, der nicht nur vorgibt ein Konstrukt zum Wohle seiner Bewohner zu sein, wird jeden Einwand, der moralisch begründet ist, nicht der Strafjustiz überantworten. Tut er es doch, ist ziviler Ungehorsam geboten! Weil Staatsmacht dann seine Bürger zum Tun gegen ihr Gewissen zwingt.

Thoreau schrieb diesen Text vordergründig mit Blick auf die Sklaverei und den Krieg der USA gegen Mexiko in jener Zeit, doch lässt er sich mühelos auf andere Gegebenheiten abstrahieren, auch ins 21. Jahrhundert, auch nach Europa. Thoreau redet dabei nicht Anarchie und falsch verstandenem Individualismus das Wort, auch stellt er nicht die Notwendigkeit von staatlichen Strukturen und der Verantwortung des Staates zur Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens infrage, er drängt nur darauf, dass kein Staat, keine Regierung das Recht hat, Menschen zu nötigen, gegen ihr Gewissen zu handeln. Und er ermuntert seine Leser, wenn eine Obrigkeit die Staatsmacht dahingehend missbraucht, ihr die Gefolgschaft zu verweigern - friedlich, besonnen, konsequent.

Auch wenn Thoreau "Über die Pflicht..." vor mehr als 160 Jahren schrieb, ist es noch immer ein erfrischender Text, der Mut macht, seinem Gewissen zu folgen. Das ist nötig, gerade in unserer verkrümmten Zeit. Denn der Staat ist nicht allein die Regierung, die hat nur die Staatsgewalt inne und wird demokratisch legitimiert. Missbraucht sie aber die Macht - nicht nur gegen demokratische Mehrheiten, auch gegen das Gewissen weniger - dann ist es an jedem einzelnen, sich dem zu verweigern. Die viel zu oft angeführte Rechtfertigung: "Ich bin ja auch dagegen, aber es ist halt mein Job, es ist eben Vorschrift." ist keine! Bestenfalls falsche Loyalität gegenüber einer (oftmals sicher nicht mal mit Vorsatz) fehlerhaften Bürokratie. Mit dieser Argumentationen, lassen sich auch die größten Verbrechen rechtfertigen und wurden es auch, gerade unter uns besonders gewissenhaften, obrigkeitshörigen Deutschen. Das moralische Gewissen ist die höchste Instanz, wenn ein Gesetzt dem zuwider läuft, muss es sich dem beugen - nicht umgekehrt!

Diese Diogenes Ausgabe enthält neben der deutschen Übersetzung auch den englischen Originaltext und einen 14 Seiten umfassenden äußerst lesenswerten biographischen Abriss über Thoreaus Leben und Werk von Manfred Allié aus 1987.


Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat: und andere Essays
Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat: und andere Essays
von Henry David Thoreau
  Broschiert
Preis: EUR 7,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Plädoyer für die Verantwortung vor dem eigenen Gewissen, 27. Oktober 2013
"Für die Gesetzgebung ist in Amerika kein Genie erschienen." konstatiert Henry David Thoreau 1849 in seinem Essay "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat". Nun, nicht nur in Amerika nicht, will man hinzufügen. Genies sind ohnehin noch weit seltener, als jene, die von sich meinen eines zu sein, uns gern glauben machen möchten. Darin liegt nicht der Sündenfall. Der Sündenfall liegt da, wo ein Staat - zumal ein freiheitlicher, sich zu den Menschenrechten bekennender - vertreten durch seine Regierung, blinden, widerspruchslosen Gehorsam seinen Gesetzen gegenüber verlangt und undifferenziert jede Zuwiderhandlung als Vergehen, Straftat und als mit juristischer Härte zu ahnden betrachtet. Die moralische Legitimation hätte er bestenfalls, wenn überhaupt, wenn seine Gesetzte tatsächlich von einem Genie unumstößlicher moralischer Integrität erdacht worden wären.

Sind sie es nicht (und davon ist ganz sicher auszugehen), sind Zweifel und Infragestellen vornehmste Bürgerpflicht! Und ein Staat, eine Obrigkeit samt Staatsapparat, der nicht nur vorgibt ein Konstrukt zum Wohle seiner Bewohner zu sein, wird jeden Einwand, der moralisch begründet ist, nicht der Strafjustiz überantworten. Tut er es doch, ist ziviler Ungehorsam geboten! Weil Staatsmacht dann seine Bürger zum Tun gegen ihr Gewissen zwingt.

Thoreau schrieb diesen Text vordergründig mit Blick auf die Sklaverei und den Krieg der USA gegen Mexiko in jener Zeit, doch lässt er sich mühelos auf andere Gegebenheiten abstrahieren, auch ins 21. Jahrhundert, auch nach Europa. Thoreau redet dabei nicht Anarchie und falsch verstandenem Individualismus das Wort, auch stellt er nicht die Notwendigkeit von staatlichen Strukturen und der Verantwortung des Staates zur Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens infrage, er drängt nur darauf, dass kein Staat, keine Regierung das Recht hat, Menschen zu nötigen, gegen ihr Gewissen zu handeln. Und er ermuntert seine Leser, wenn eine Obrigkeit die Staatsmacht dahingehend missbraucht, ihr die Gefolgschaft zu verweigern - friedlich, besonnen, konsequent.

Auch wenn Thoreau "Über die Pflicht..." vor mehr als 160 Jahren schrieb, ist es noch immer ein erfrischender Text, der Mut macht, seinem Gewissen zu folgen. Das ist nötig, gerade in unserer verkrümmten Zeit. Denn der Staat ist nicht allein die Regierung, die hat nur die Staatsgewalt inne und wird demokratisch legitimiert. Missbraucht sie aber die Macht - nicht nur gegen demokratische Mehrheiten, auch gegen das Gewissen weniger - dann ist es an jedem einzelnen, sich dem zu verweigern. Die viel zu oft angeführte Rechtfertigung: "Ich bin ja auch dagegen, aber es ist halt mein Job, es ist eben Vorschrift." ist keine! Bestenfalls falsche Loyalität gegenüber einer (oftmals sicher nicht mal mit Vorsatz) fehlerhaften Bürokratie. Mit dieser Argumentationen, lassen sich auch die größten Verbrechen rechtfertigen und wurden es auch, gerade unter uns besonders gewissenhaften, obrigkeitshörigen Deutschen. Das moralische Gewissen ist die höchste Instanz, wenn ein Gesetzt dem zuwider läuft, muss es sich dem beugen - nicht umgekehrt!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 19, 2014 8:09 PM CET


48
48
Preis: EUR 6,66

40 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von Schuhen und anderen bedeutsamen Ereignissen im Leben, 26. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: 48 (Audio CD)
Es geht um Schuhe, zumindest in zwei der 13 neuen Lieder auf "48", dem sechsten Solo-Album von Ina Müller. Das allein mag für manche Frauen schon Rechtfertigung genug sein, das Album mit der Höchstwertung zu versehen. Wann wurden schon mal Popsongs über Schuhe geschrieben? Ina Müller ist dafür prädestiniert. Das Füllhorn an originellen Song-Ideen scheint nie zu versiegen. Und nicht nur die Ideen, auch die Umsetzung gelingt Album für Album, ohne gestelzt zu wirken. Themen, von denen man zuvor geschworen hätte, dass man darüber nie ein eingängiges Lied machen kann, kommen alle zwei Jahre von ihr im guten Dutzend. Die Ehre gebührt dabei nicht allein ihr, so sehr sie live im Konzert oder in ihrer Show beweist, dass Hirn und Zunge auch bei ihr durch einen kurzen, glühenden Draht verbunden sind, ist für die Texte seit ihrem zweiten Album "Weiblich, ledig, 40" ganz wesentlich Frank Ramond verantwortlich. Das ist auch sieben Jahre später auf "48" so. (rechnen Sie jetzt nicht lange nach: 40 + 7 ergibt auch in Hamburg und Umgebung nicht 48, "Weiblich, ledig, 41" hätte nur etwas blöde geklungen)

Originelle, poetische, wortgewaltige Texte, je etwa zur Hälfte mal augenzwinkernd und mal herzblutend, thematisch immer ganz nah an realen Lebenssituationen und nie intellektuell abstrakt konstruierte Kunstmotive fern jeder erlebbaren Wirklichkeit, sind auch das thematische Spektrum dieses Albums. Es wäre auch schade, wenn es anders wäre. Und doch, schon beim ersten Stück der Platte, "Wenn du nicht da bist", merkt man: irgendwas ist anders. Nicht völlig unvertraut und schon gar nicht störend, aber doch irgendwie anders als bisher.

Ein studierender Blick ins Booklet löst das Geheimnis. Wie die Liebe sich doch auswirkt. Ich werde jetzt hier nicht der Regenbogenpresse hinterherschreiben, darüber, dass Ina Müller seit einiger Zeit mit dem Singer-Songwriter Johannes Oerding liiert ist, wurde die Öffentlichkeit mehr als es jemanden interessieren sollte informiert, wie auch über für die Liebe zweier Menschen völlig nebensächliche biografische Details der beiden (wann wird unsere Gesellschaft endlich nur halb so aufgeklärt, entspannt und tolerant, wie wir es uns so gern selbst versuchen glauben zu machen? Die Hälfte aller Schlagzeilen wären schlagartig keinen Tropfen Druckertinte mehr wert.). Wichtig für den Musikhörer ist, dass diese Beziehung auch ganz erhebliche musikalische Auswirkungen hat. Ganz wunderbare. "48" hat einen frischen, dynamischen, sehr eignen Sound, ohne die bewährte Rezeptur dabei völlig zu mißachten. Das oben schon ein paar mal erwähnte Album, dass den großen Erfolg vor sieben Jahren in Gang setzte, war ganz und gar großartig. Auch die beiden Nachfolger "Liebe macht taub" und "Das wär dein Lied gewesen" waren groß und nicht ohne Grund so erfolgreich. Aber jetzt war etwas Bewegung nötig. Drei miteinander verwandte Alben sind völlig in Ordnung, erst recht, wenn das Konzept von vielen Menschen gemocht wird, aber irgendwann droht der Effekt: Ah, ja, kenn ich, hab ich auch 'ne Platte von, wozu noch eine?

"48" hat man noch nicht und braucht man! Johannes Oerding hat nicht nur das Leben von Ina Müller privat bereichert, sondern deutlich hörbar auch ihre Musik, seine Art zu komponieren ist einfach anders, hat eine eigene Handschrift. Die musikalische Marschrichtung ist jetzt nicht besser als früher, sondern richtig gut anders. Es ist auch kein 180 Grad Richtungswechsel, einfach frischer Wind, der das Album wohltuend von den anderen unterscheidet.

Ina Müller setzt ihren Weg fort und hat die Unterhaltungskultur im deutschsprachigen Teil Europas wirklich bereichert. Nimmt man all Ihre Produktionen zusammen, inklusive des damals noch nicht sehr erfolgreichen Solo-Debüts "Das grosse Du" (2005), des plattdeutschen Albums und der Live-Alben, ist "48" bereits ihre zehnte Album-Veröffentlichung und alles zusammen etwas, was es vor ihr noch nicht gab, was gefehlt hat. Nicht nur wegen der Schuhe, denn sein wir doch ehrlich, die heimlichen Favoriten, sind die melancholischen Stücke, die sie so gelebt, so echt vermittelt. "Ich will nach hause, jetzt wo ich weiß wer das ist..." wär für mich schon Grund genug, das Album mit Höchstwertung zu versehen. Aber ich bin auch nur ein Mann und hab keine Ahnung von Schuhen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 18, 2013 7:19 PM CET


Stein vom Herzen (Limited Fan Edition inkl. signiertem Print)
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Preis: EUR 31,99

6 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kunze ist wieder zweimal "in erster Linie", 25. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
1-2-3-4... Hör ich da wirklich richtig? Zählt da jemand tatsächlich das Album ein? Kommt jetzt wirklich das so lang ersehnte?
Als Kunze-Getreuer und Jedes-Album-Sowieso-Käufer legt man in sehr nahen Zeitabständen immer wieder mit Spannung das jeweils neue Album am Tag der Veröffentlichung auf und lauscht gespannt der Dinge, die da kommen. Fünfmal allein binnen der letzten drei Jahre. In der letzten Zeit aber war Kunze in erster Linie Text - klar, war er eigentlich immer, seiner Wortkraft kommt hierzulande niemand gleich, zumindest kein Musiker. Doch die musikalischen Überraschungen kamen etwas sehr kurz, es fehlten die Songs, die einen auch ohne sonderlich auf den Text zu achten aus den Schuhen heben würden, die aus der Box durch den Raum stoben und den Ohren klar machen was Sache ist. Wie z.B. auf "Draufgänger" (1992) oder breit gefächert wie auf "Macht Musik" (1994) oder sehr gern auch mal wieder so quer wie auf "Richer Skala" (1996). Seit 2006 - und wir reden da von acht Alben! - waren HRK-Alben mal mehr akustische Singer-Songwriter Produktionen, mit seiner musikalisch sehr feinsinnigen zweiten Einsatztruppe für ruhigere Anlässe namens Räuberzivil, oder in der Tendenz recht gefällige (und das überhaupt nicht in negativem Wortsinn) Pop-Alben, melodisch und handwerklich gut - ja, auffällig oder gar besonders - eher nicht oder nur sehr punktuell. Auch wenn es hier und da auch mal krachte, insbesondere auf "Protest" (2009), so richtig gestaubt, gedampft, gewirbelt, geblubbert und gerockt hat es lange nicht. So war Kunze in erster Linie eben Text. Auch gut.

1-2-3-4, zählt Jens Carstens am Schlagzeug ein, die ersten Takte von "Europas Sohn" stürmen aus der Anlage und ein Satz meiner Oma fällt mir ein. Ein Satz, den ich gehasst habe, wie keinen zweiten, den sie immer sagte, wenn irgendetwas ungeheuer schönes geschah, was sie nicht für möglich hielt, jedenfalls nicht mehr zu ihren Lebzeiten: Dass ich das noch erleben darf! Ich wollte diesen Satz niemals sagen, nicht einmal denken und wenn, dann frühestens mit Mitte neunzig, aber ich bin heute kaum älter als Kunzes erstes Album! Ich werd' drüber hinweg kommen, dieses Album war es wert, diesen drögen, nichts mehr erwartenden Satz mal zu denken.

"Europas Sohn" bricht los und zeigt einen Kunze, so kraftvoll, wie lange nicht, so wunderbar zornig, so unbedingt auf den Punkt - nicht nur im Text, sondern auch in der Musik. Gott, wogegen wurde nicht schon alles gerockt? Gegen Atom, sei es als Waffe, sei es als Kraftwerk, gegen Kriege, gegen Hunger, gegen Rechtsradikale (leider kaum gegen Linksradikale), gegen Machtgier und Missbrauch aller Arten - gut so! Was, wenn nicht Musik, kann ein Sprachrohr der Gesellschaft sein, eine Artikulation von Befindlichkeiten und gar Ängsten? Aber warum eigentlich immer gegen? Warum nicht auch mal für etwas kraftvoll rocken? Kunze tut es. "Europas Sohn" ist keine Pro-Europa-Hymne, sondern ein Faustschlag auf die Tischplatte, ein beherztes Fürsprechen und eine energische Abfuhr an aller Zerreder und Rückwärtsdenker, an alle die monothematisch nach Haaren in der Suppe suchen - die sie finden werden, denn in Europa treiben viele Haare, ja ganze Büschel - und die Suppe blind vor arg rustikalem Lokal-Patriotismus in den Ausguss schütten wollen, obwohl nichts anderes essbares da ist, anstatt endlich einfach das Naheliegende zu tun, nämlich die Haare aus der Suppe heraus zu sammeln. In das Album wird also überaus beherzt eingestiegen, musikalisch wie textlich. Und das bleibt kein Einzelfall.

Zusammen mit "Der Clown schreit: Feuer", "Küsse unterm Kleid", "Schämt ihr euch nicht" und "Weltweit Feuer frei" addiert sich die Zahl der amtlichen Rocknummern auf fünf und geben dem Album den Grundcharakter. Auch textlich ist Kunze hier so klar und unchiffriert wie selten. "Weltweit Feuer frei", eine tobende Empörung über die Doppelmoral und den unerträglichen Zynismus, dass Deutschland sich zum einen gern (nicht zuletzt ob der eigenen Geschichte) weltweit als pazifistischer Friedensengel inszeniert und sich am liebsten aus allem heraus hält, auch da, wo es geboten wäre Verantwortung zu übernehmen, und anderseits, als einer der weltweit führenden Waffenlieferanten den größten Saulumpen unter den Despoten auf dem Globus nach Gewinn gierend seine hier erfundenen und produzierten Tötungsmaschinen liefert, weil ja Arbeitsplätze dran hängen. Wenn das belieferte Land dann in Schutt und Asche liegt, leisten wir Aufbauhilfe und tätscheln unser Helfersyndrom und verurteilen wortreich das böse Regime.

Diese Konkretheit in Text und Musik gilt nicht nur für die fünf zornigen Raufbolde auf dem Album, auch die ruhigeren Stücke, selbst die Balladen, die das Album natürlich auch hat, sind ungemein direkt und klar - textlich und musikalisch! Wirklich groß ist beispielsweise der Marc Aurel thematisierende Song "Erwarte wenig". Wer Aurels "Selbstbetrachtungen" gelesen hat und danach nicht die Prioritäten in seinem Leben umgestellt und vieles neu gewichtet hat, der hat entweder Probleme mit dem Textverständnis oder ganz entschieden etwas dagegen, erfüllt, dankbar, demütig und frei von turmhoher Selbstüberschätzung durchs Leben zu gehen. Aurel lebte vor bald 2000 Jahren, aber dieses Buch, mit seiner stoisch, rationalen Selbstsicht, hat noch heute uneingeschränkte Kraft (und ist, nebenbei bemerkt, in guten Übersetzungen auch verständlich lesbar, unbedingte Empfehlung!).
Der Titelsong, "Stein vom Herzen", eine wortgewaltige, sprachbildreiche Piano-Ballade, ein wirklich wieder mal ganz besonderes Liebeslied von H.R.K., romantisch und trotzdem kitschfrei.

Und selbst die Vorabsingle "Hallo Himmel", wie auch die Vorab-Singles der letzten Alben, inzwischen schon beinah traditionell der leichteste, tanzbarste Song der Platte, ist musikalisch schnörkelloser und direkter, als meinetwegen das sehr gelungene "Längere Tage" vom "Protest" Album und so unendlich viel besser, weil in jeder Hinsicht substanzieller, als "Hundertausend Rosen" von "Die Gunst der Stunde" (Ich versuche bis heute mir einzureden, dass es diesen Song nie gegeben hat! Für mich, eines der wenigen absoluten Total-Unglücke in Kunzes Gesamtwerk)

Alles in allem ist Kunze natürlich auch auf "Stein vom Herzen" in erster Linie Text - wer solche Texte schreibt, kommt aus dieser Fokussierung nun einmal nicht mehr heraus, selbst wenn er ein Instrumental-Album machte - doch er ist hier auch endlich wieder ganz deutlich Musik, die genauso viel zur Faszination des Albums beiträgt, wie die Wortkraft - also beides in erster Linie, Text und Musik. Bei Kunze geht das, da passen zwei Talente in die erste Linie der Wahrnehmung, so er nur will!

Und weil loben soviel Freude macht, noch ein Kompliment für das Cover-Artwork generell und ganz speziell für die Deluxe-Box. Herrlich! Bildband und signierter Kunstdruck in der großen Schachtel, die für sich schon ein Hingucker ist, geben dem Album einen würdigen Rahmen und ergänzen es wirklich gelungen. Und dann enthält die Box auch noch ein Brillenputztuch, was nötig ist bei dieser Platte. Mir ist vor begeistertem Staunen ein paar mal die Brille beschlagen. Die unterschiedlichen Alben der letzten Jahre hatten (wenn auch vielleicht nicht jedes für jeden) unbedingt auch ihren Reiz, aber dieses Album hier, war jetzt wirklich nötig!


Viel zu lang gewartet
Viel zu lang gewartet
Preis: EUR 5,99

12 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 50 Jahre Evolution Carpendale - Neu, anders, vertraut, 25. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Viel zu lang gewartet (Audio CD)
Nach exakt 45 Minuten sind die 13 Songs des neuen Albums vorbei. Was bleibt ist ein unglaublich gutes Gefühl, dass es ausgelöst hat - dieses Gefühl hält an und klingt nach. Nicht im Sinne von Fröhlichkeit, sondern eine positive Grundstimmung, lebensbejahend, offen, frisch.

Es war tief im Jahr 1963 als Howard Carpendale, damals 17jährig, seine erste Single "Endless sleep" in Süd Afrika veröffentlichte. Ein halbes Jahrhundert ist seither vergangenen, ein halbes Jahrhundert musikalischer Evolution by Carpendale.
Wie viele Pop-Musiker gibt es, die diese gewaltige Zeitspanne erfolgreich überdauert haben? Ein paar wenige Rock-Musiker, unter Liedermachern/Singersongwritern und Chansonniers vielleicht ein paar mehr, aber auch nicht sehr viele. Doch in der von Trends und Zeitgeist noch weit mehr als die anderen Genres abhängigen Pop-Musik? Carpendale ist es gelungen, und nicht nur irgendwie, sondern äußerst erfolgreich.

Abgesehen von seinem mit den Jahren immer noch zunehmenden Charisma und seinem hohen Maß an künstlerischer wie persönlicher Authentizität, liegt sein Erfolgsgeheimsims ganz offensichtlich in eben dieser fortwährenden Evolution, einer kaum unterbrochenen musikalischen Weiterentwicklung über all die Jahrzehnte - nie ein harter Bruch oder eine zu rasche, zu radikale Veränderung, aber auch niemals kreativer und stilistischer Stillstand über lange Zeiträume. Egal wie erfolgreich eine musikalische Rezeptur für ihn auch war, nach ein paar Jahren wurde sie aufgegeben, hat er sich und seine Musik neu definiert, ohne sich dabei abhanden zu kommen oder sich verstellend zu wirken. Die kontinuierliche Entwicklung war ihm stets ein Bedürfnis, wurde zum Anspruch zu dem er sich nicht zwingen musste und wirkte daher auch niemals aufgesetzt.

Klang "Endless sleep" noch wie eine Nummer, die Elvis nur versäumt hatte selbst aufzunehmen, war Carpendales Sound, als er nach Europa kam, in den ersten Jahren ganz klar von den Beatles geprägt. Zu dieser Erkenntnis könnte man auch gelangen, wenn er 1968 "Ob-la-di ob-la-da" nicht gecovert hätte, denn das allermeiste in seinen frühen Jahren in Deutschland zwischen seiner erste Single "Lebenslänglich" (1966) über "Ich geb mir selbst 'ne Party" (1969) bis zu "Das schöne Mädchen von Seite 1" (1970), war so weit nicht weg von "Yellow submarine", "Hello, goodbye" oder eben dem originalen "Ob-la-di ob-la-da" der Fab Four. Gewiss, ihm fehlte damals noch die ernsthafte Komponente, die die Beatles zweifellos in jener Zeit schon hatten. Und dennoch, selbst in den Anfängen hatten Carpendales Songs schon jenes internationale Niveau, was ihn von den allermeisten deutschen Unterhaltungskünstlern ganz erheblich unterschied. Die Klassifizierung >internationales Niveau< wäre für sich genommen noch keine qualitative Aussage, fiele nicht die Bezeichnung >Deutscher Schlager< über die Jahrzehnte zunehmend (und meist auch zurecht) stets mit einem recht despektierlichen Unterton. Die Flippers oder Rex Gildo hatten nun mal zu keiner Zeit irgendetwas gemein mit A-ha oder Lionel Richie - Carpendale hingegen schon.

Seit er in der Mitte der siebziger Jahre, nach dem im Grunde einzigen wirklichen Karriereknick 1971-73, die Regie selbst übernahm, seither seine Alben selbst produzierte und anfing selbst zu komponieren und nicht mehr fremdbestimmt im Studio aufnahm, was man ihm vorsetzte, nahm seine künstlerische Entwicklung binnen weniger Jahre rasant an Fahrt auf. Spätestens seit seinem 1981er Album "Such mich in meinen Liedern", also seit mittlerweile 32 Jahren, kann man, nein muss man Carpendale den Status eines Album-Künstlers zuerkennen. Seither geht es nicht mehr um den schnellen, großen Radio-Hit, den alle sofort mitsingen können, sondern um in sich geschlossene, ganzheitlich konzipierte Alben mit einem in der Unterhaltungskultur selten hohen Anspruch und immer mit Blick auf die Bühnentauglichkeit der Songs, denn noch mehr als ein Album-Künstler wurde Carpendale zu einem der besten Live-Entertainer überhaupt. Nimmt man dieses '81er Album, mit Stücken wie das über zehnminütige "Wem" oder der poetisch wie auch musikalisch großartigen deutschen Adaption von Leonard Cohens "Suzanne", ist das alles schon sehr weit weg von "Tür an Tür mit Alice" oder "Spuren im Sand" nur fünf, sechs Jahre zuvor. Und wiederum nur einige Jahre später, in der zweiten Hälfte der Achtziger, landete Carpendale Hits mit Songs wie "Shine on", "Laura Jane", "Lying eyes", "One more dance in blue" oder "Piano in der Nacht" und war samt den dazugehörigen Alben schon wieder beharrlich weiter in der Entwicklung, als mit den nur wenige Jahre zuvor sehr erfolgreichen Strukturen. >Weiter in der Entwicklung< meint nicht zwingend Kategorien wie >besser oder schlechter<, sondern vor allem immer wieder anders, kein Stillstand, am Puls der Zeit und , wichtiger noch, der eigenen Entwicklung als Persönlichkeit gerecht werdend, eben um der Authentizität willen.

Wieder nur einige Jahre später, inzwischen 50 Jahre alt, wurde der Grundcharakter seiner Alben organischer, handfester, akustisch klar definierte Musik eines Sängers mit seiner Band. Und immer wieder gelangen - Album-Künstler mit gigantisch großen Tourneen hin oder her - auch weiterhin veritable Hits, wie "Kein Typ für eine Nacht" (1996), "Mit Dir verschwend' ich meine Zeit" (1998) oder "Ruf mich an" (2001), die deutsche Version von Ronan Keatings "Life is a rollercoaster".

Dieser Sound, diese Art zu musizieren passte ausgesprochen gut zu ihm. So gut, dass die nun schon viel zitierte Evolution darüber in den letzten Jahren - vor dem frei gewählten Karriereende 2003 und auch nach der Rückkehr 2007 - deutlich geringer ausfiel, als bis dato üblich. Die Alben seit den späteren neunziger Jahren waren deutlich verwandter miteinander, als es sonst bei Carpendale über einen Zeitraum von 15 Jahren üblich war und mündeten in der Produktion seines bisher letzten Albums "Das alles bin ich", was diesen Band-Sound endgültig perfektionierte. Besser hätte es in diese Richtung kaum weitergehen können. Schon der Titelsong, der sich wunderbar mit Tom Pettys "Learning to fly" zu einem Medley zusammenfügen ließe, demonstrierte eine songschreiberische und spielerische Qualität, die das Album beinah durchgängig hielt. Einen besseren Schlusspunkt für das alte Team hätte es nicht geben können.

Das ist jetzt zwei und ein dreiviertel Jahr her, so viel Zeit hat nie zuvor zwischen den Veröffentlichungen zweier Carpendale Alben gelegen (ausgenommen natürlich die gut vier Jahre zwischen Karriereende und der Rückkehr mit "20 Uhr 10").
Diese Zeit war eine Zäsur, die wohl bedeutsamste, neben der Entscheidung 1974 einen sicheren 10 Jahres-Plattenvertrag mit hohen Garantiezahlungen aufzulösen und einzutauschen für die Option selbstbestimmt produzieren zu können.
In dem Interview-Marathon, den Carpendale in diesen Wochen absolviert, wird er nicht müde mit erkennbarer Begeisterung von dem neuntägigen Kreativ-Camp in Berlin vor einigen Monaten zu berichten. Eine kleine Armee junger, talentierter Songwriter schloss sich mit ihm in dieser Zeit im angesagten Berliner nhow-Hotel direkt an der Spree ein. Im Hotel eigenen Tonstudio entstanden in Gruppenarbeiten Tag für Tag in kreativer Atmosphäre neue Carpendale-Songs, wurde Ideen gesponnen, konkretisiert, verworfen, wurden aus Entwürfen und vagen Visionen letztlich die 13 neuen Songs von "Viel zu lang gewartet" - und was für welche!

Der Vorbote "Kann mir noch immer in die Augen sehen" ließ schon vor Monaten bei der Präsentationen im Rahmen der großen "50 Jahre ZDF - Gala" deutlich ahnen, da geht ein besonderes Album an den Start. Natürlich ist Carpendale in Stimmfarbe und Habitus vertraut, aber doch völlig neu und anders. Kraftvoll, aber nicht schwer, sondern unglaublich dynamisch und frisch erlebte man da schon vor Monaten einen majestätischen ersten Auftritt eines sich selbst neu entdeckenden Howard Carpendale. Zusammen mit "Teilen", der nun offiziell ersten Single der Platte, ist mit diesen beiden Songs das Spektrum von "Viel zu lang gewartet" gut angezeigt. Unglaublich lässig und cool, ohne Anflüge von Jugendwahn, interpretiert Carpendale ohne pathetisch auszuholen auf dem Album mehr Lebenslieder als Liebeslieder. Gegen letztere ist zwar grundsätzlich überhaupt nichts einzuwenden, nur hat er davon ja nun doch schon über die Jahre das ein oder andere gemacht.

Auch hier tritt "Viel zu lang gewartet" dem Klischee entschlossen entgegen. Zwar weiß jeder, der Carpendales Lebenswerk soweit kennt, dass jedes seiner Alben lange schon immer auch Songs parat hatte, die weit mehr thematisch behandeln, als nur die Irrungen und Wirrungen im Paarungsverhalten zwischen Frauen und Männern, doch auf dem neuen Album kehrt sich das Verhältnis erstmals komplett um. Klassische Love Stories sind auf "Viel zu lang gewartet" eher die Ausnahme, genau genommen nur vier der 13 Titel. Mehr Lebenslieder eben, Sinnsuche, Vater Sohn Beziehung, Demut und Dankbarkeit, Reflexionen über den eigenen Lebensweg bis hierher und durchaus auch Gesellschaftskritik, nicht wie bei Konstantin Wecker, zürnend, mit erhobener Faust, sondern feinsinniger, eher nachdenklich oder um im Wortlaut eines der neuen Stücke zu bleiben: innehaltend.

"Viel zu lang gewartet" ist das 37. Studio-Album von Howard Carpendale. Zu sagen, es sei sein bisher bestes, ist nicht möglich, weil zu viele seiner Produktionen (neben sicherlich auch einigen schwächeren) zu ihrem jeweiligen Zeitpunkt qualitative Maßstäbe in der anspruchsvollen Popmusik gesetzt haben. Ein Meilenstein in seiner Karriere ist es definitiv, einzigartig und unvergleichlich, da ist kein zweites Album, was dem nahe kommt. Carpendale hat sich 2013 einmal mehr brillant selbst neu definiert.

Die Kunst eine solange Zeit erfolgreich Alben und Tourneen zu machen, liegt keineswegs nur darin Fans all die Jahre bei sich zu halten, sondern wesentlich auch darin, immer wieder für neue Generationen interessant und relevant zu sein, auch auf die Gefahr, dass der ein oder andere nicht jeden Entwicklungsschritt mitgeht. Carpendale ist das immer wieder gelungen und mit diesem Album gelingt es ganz gewiss einmal mehr, sein alle Generationen umfassendes Publikum auch auf der großen Tour 2014 in die Hallen und Arenen zu locken und zu begeistern.

Auch The Rolling Stones veröffentlichten ihre erste Single 1963 und zelebrieren dieses Jubiläum derzeit ausgiebig. Ich liebe diese Band, doch alles was ihnen zu diesem Anlass ganze sieben Jahre nach ihrem letzten Studio-Album einfiel, waren zwei (zwar unglaublich gute) neue Songs, die auf ein opulentes 50 Songs umfassendes Best of Album gepackt wurden und damit im Gepäck auf große Tournee zu gehen.
Carpendale hingegen verpasst sich eine Frischzellenkur, kreiert einen für sich neuen Sound, geht mit einem komplett neuen Album an den Start und erwähnt sein Jubiläum in Interviews nicht einmal, sondern ist ganz und gar zukunftsgewandt - kein Retro, kein abfeiern der zahllosen Klassiker, sondern totaler Neustart. Die Stones würde wohl sagen: Wir müssen uns nicht neu definieren. Sicherlich, man muß nicht, aber man kann. Carpendale hat.

Wenn ich diesen zugegeben für eine Rezension etwas arg langen Artikel jetzt mit dem Resümee schließe: Carpendale ist mittlerweile spannender als die Stones, dann nehme ich mir diesen Satz fast selber übel, denn sie bedeuten mir wirklich viel. Doch unbestreitbar ist: auch Carpendale hat - sicherlich in kleinerem geographischen Radius - nun bereits ein halbes Jahrhundert lang Teile der Gesellschaft mit seiner Musik begleitet, vielleicht sogar mitgeprägt und findet immer wieder neu die Kraft und Kreativität sich vollkommen zu erneuern, sein Publikum zu überraschen. Wann sind die Stones zuletzt wirklich mit etwas musikalisch Unerwartetem vor ihre Fans getreten?
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 25, 2013 10:03 PM MEST


Benehmt euch!: Ein Pamphlet
Benehmt euch!: Ein Pamphlet
von Jürgen Roth
  Broschiert
Preis: EUR 10,00

28 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein guter und wichtiger Ansatz scheitert an der eigenen Hybris, 22. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Benehmt euch!: Ein Pamphlet (Broschiert)
Fleißig sind sie gewesen, das Autorenduo Stefan Gärtner und Jürgen Roth, um dieses gut hundert seitige Pamphlet zu verfassen und zusammenzutragen. Allein die schiere Unzahl an Verweisen auf Zitate und Quellen, lässt die Annahme zu, sie haben all das auch wirklich gelesen - oder zumindest jeweils einer von beiden. Dafür Respekt. Jedoch strauchelt diese an sich wohlgemeinte Schrift da schon das erste mal auf dem Weg den Leser auch wirklich zu erreichen. Es nervt einfach, wenn auf jeder Buchseite fortwährend Inklammersetzungen mit Nennung der jeweiligen Quelle (mal einer Zeitschrift, mal eines Internet-Blogs etc.) oder Namen des Zitierten oder ganzer mehrzeiliger Buchtitel erfolgen. Die Absorption des Gelesenen und das Reflektieren während des Lesens wird dem Leser so unnötig erschwert, weil der Lesefluss permanent jäh unterbrochen wird, nicht selten fünf und mehr mal pro Seite. Fußnoten hätten der Lesbarkeit einen großen Dienst erwiesen, auch wenn dann die Mehrzahl der Buchseiten ganz erheblich zum unteren Rand mit Fußnotentext versehen wäre.

Die Autoren nennen ihren Text selbst ein Pamphlet. Und ein Pamphlet ist selbstredend immer polemisch, zumindest auch. Das ist gut. Sich zu der Verrohung, Verblödung, Verkindung und dem Verderben (so auch die vier Kapitelüberschriften des Büchleins) der Gesellschaft zu äußern, ohne dabei auch mit Überzeichnungen, Zuspitzungen und einer angemessenen Dosis Satire zu Werke zugehen, wäre ein recht staubiges Unterfangen und drohte als moralinsauer missverstanden zu werden. Die Autoren versteigen sich nur leider hie und da zu regelrechter Anmaßung und vergaloppieren sich im intellektuellen Überschwang zur Offenbarung eigener Bildungs- oder zumindest Erfahrungslücken. Beim Aufzeigen von Ursächlichkeiten und vermeintlich Verantwortlichen für den nicht bestreitbaren Niedergang des Benehmens, der Werte und der Bildung in den westlichen Gesellschaften und der gedankenlosen Aufweichung des ethischen und sozialen Fundaments, unterlaufen ihnen schlicht Fehler, die ihnen mit Blickwinkel aus einer anderen Perspektive, als der von ihnen eingenommen vom höchsten Fenster ihres Elfenbeinturms aus, vermutlich nicht unterlaufen wären.

Keine falsche Zimperlichkeit, wer viel hinlangt, langt auch schon mal daneben - kein Problem. Aber wenn binnen hundert Seiten mehrfach Sachverhalte und Personen, die sich mehr zum Wohle als zum Wehe der Gesellschaft im Sinne des Buchtitels verdient gemacht haben, mit tatsächlich grenzdebilen Erscheinungen und Tendenzen in einen Topf geworfen werden, dann ist das nicht mehr zu goutieren. Ob aus Unwissenheit oder Arroganz, ist dabei letztlich egal. Es entsteht unweigerlich der Eindruck, die Autoren hängen die Messlatte des kulturellen Anspruchs und der Intelligenzvoraussetzungen in eine Höhe, die kaum 5% der Menschheit überspringen kann. Es ist zwar glaubhaft, dass die Autoren selbst diese Hürde mühelos nehmen - Glückwunsch zur Demonstration - aber wenig zielführend, wenn es ihnen denn wirklich darum geht, mit ihrer Schrift einen Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen (wieder) gedeihlicheren Miteinander zu leisten. Denn, das ist unbestritten, wir sind ja zweifellos gerade kräftig dabei uns in Oberflächlichkeiten, Ablenkungsmanövern und infantilen Albernheiten zu verirren, verlieren Urteilskraft und Umgangsformen und werfen kostbare Errungenschaften achtlos über Bord und, zu aller Schande, wir merken es nicht einmal. Nur setzt sich die Menschheit nun mal nicht ausschließlich aus Kunsthistorikern und Philosophieprofessoren zusammen - ein "Gott sei Dank!" möchte man hinzufügen. Also wird man nach Wegen zum guten Benehmen unter Inkaufnahme menschlicher Defizite suchen müssen. Es hilft nicht, alles in Bausch und Bogen zu verdammen und intellektuell zu bepöbeln, was nicht erlaucht und erlesen höchsten kulturellen und geisteswissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird. Das stinkt nach Hybris, nach intellektueller Selbstbeweihräucherung.

Und auch der dritte Kritikpunkt gilt einer subtilen Zurschaustellung der eigenen Überlegenheit der Autoren, die einfach befremdlich wirkt und den Wert des Buches unnötig herabsetzt. Man möchte ihnen, frei nach ihrem eigenen Buchtitel, zurufen: Benehmt euch! Diese Hybris ist unnötig!
Es ist prinzipiell nur zu begrüßen, wenn ein Mensch, zumal ein Autor, über einen großen aktiven Wortschatz verfügt und davon auch Gebrauch macht. Es ist nur Katastrophe zu nennen, dass binnen der letzten fünfzig Jahre der aktive Wortschatz der Deutschen im Durchschnitt von etwa 4.000 aktiv genutzten Vokabeln auf etwa 1.500 regelrecht abgestürzt ist - der Durchschnitt wohlgemerkt! Es gibt Wesen, mündige Bürger, die brabbeln sich mit 300-400 Vokabeln durch ihr Dasein, von so erodierter Sprachkompetenz, dass sie die Bedeutung der Vokabel >Vokabel< nicht kennen (kein Scherz, ich habe es selbst erlebt, ein erwachsener, mündiger Mensch, ausgestattet mit Wahlrecht und Ganztags-Jogging-Hose, fragte mich im Gespräch "Was heißt nochmal Vokabel?" und es war ihm nicht die Bohne peinlich, als ich es ihm bar jeder Kontrolle über meinen Gesichtsausdruck erklärte)!

Und dennoch gilt auch noch heute, bei aller Leidenschaft für Sprache und dem Bedürfnis dem allgemeine Sprachgemansche demonstrativ Substanz entgegen stellen zu wollen, dass die Verwendung von alltäglich kaum gebräuchlichen Vokabeln sinnvoll ist, um zu konkretisieren, sich exakt auszudrücken, wo eine mögliche Doppeldeutung eines allgemeineren Begriffs zu Ungenauigkeiten oder Missverständnissen führen könnte oder dergleichen. Es ist aber nichts weiter als Wortgeprotze, wenn keine, aber auch wirklich keine Gelegenheit ausgelassen wird, um irgendeine bildungssprachliche Rarität hervorzukramen und somit unentwegt seine nicht ermattende Sprachpotenz zur Schau zu stellen. Auch das dient, so exzessiv wie hier betrieben, nicht der guten Lesbarkeit des Buches. So sehr mir Sprachkompetenz lieb und teuer ist, mit guter Rhetorik hat das dann genauso wenig zu tun wie hilfloses Herumgestammel aus Ermangelung einer brauchbaren Wortauswahl. Ein guter Koch, wählt aus der Vielzahl seiner (gern auch seltenen und exotisch ungewöhnlichen) Gewürze nur jene aus, die zusammen ein köstliches Mahl ergeben. Ein Prolet in der Gourmetküche, haut alle Gewürze in die Pfanne, die ihm zur Verfügung stehen, nur um prahlend zu zeigen, dass er sie hat - guten Appetit! Diesbezüglich ist das Buch völlig überwürzt, um im Sprachbild zu bleiben.
Man mag mir schieren Neid als Motiv für diesen Kritikpunkt unterstellen, aber ich bekenne, lange kein Buch mehr gelesen zu haben, was mich so oft ans Wörterbuch nötigte, um dort dann erklärende alternative Vokabeln vorzufinden, die dem Gesagten auch klarere Ausdrucksmöglichkeiten aufzeigten, ohne dabei an Präzision oder intellektuellem Gewicht zu verlieren. Im Gegenteil, denn man kann einen klugen Gedanken unter zu vielen dicktuerischen Vokabeln auch verschüttgehen lassen.

Trotz aller Kritik, drei Sterne, weil das Ansinnen des Buches gut ist und in Teilen auch die Umsetzung, und weil ein jeder ernstzunehmende Beitrag, der die öffentliche Diskussion des Themas vorantreibt, Beachtung verdient. Denn darin sind die Autoren des Buches und der dieser Rezension dann eben doch ganz d'accord: Wenn es uns nicht gelingt, die in den letzten zwei, drei Jahrzehnten erfolgte Inthronisation des Stumpfsinns und des völlig außer Kontrolle geratenen Egozentrismus, mit Schlagworten wie "Selbstverwirklichung" oder "Individualismus" verbrämt, gesellschaftlich rückgängig zu machen, dann laufen wir Gefahr in den wiederum nächsten zwei, drei Jahrzehnten unseres Gesellschaftssystems verlustig zu gehen, samt und sonders aller damit verbundenen Errungenschaften wie Bürgerrechten, Sozialstaatlichkeit, Demokratie, das Recht zur freien Meinungsäußerung, ja der Freiheit an sich und wohl recht sicher auch des Wohlstands - da ist dann selbst der Elfenbeinturm der Hochgeistigkeit keine sichere Trutzburg mehr.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 10, 2014 11:53 AM CET


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