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Rezensionen verfasst von
Christian Günther
(TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Was immer auch kommt
Was immer auch kommt
Preis: EUR 9,99

17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jazz auf Pop gebürstet oder umgekehrt oder beides?, 28. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Was immer auch kommt (Audio CD)
Auf jeden Fall ist alles was tönt und Geräusche macht von Hand gespielt; die Instrumente stammen nach wie vor aus dem Jazz-Baukasten und die Musiker in Ciceros Band lassen die Jazz-Schule bei allem deutlich durchklingen - gut so! Schon beim Einstieg ins Album mit dem Titelsong "Was immer auch kommt" raschelt relaxt ein Schlagzeug ein paar Sekunden allein los, bevor dann Klavier und Sänger hinzukommen. Lupenreinen Jazz für Puristen bietet das Album, wie auch schon der Vorgänger "In diesem Moment" vor zweieinhalb Jahren, dennoch nicht, jedenfalls nicht in Gänze.

Den Weg in Richtung Pop für Erwachsene mit etwas weniger Bigband Sound, der seine früheren Produktionen prägte, geht Roger Cicero mit diesem Album noch einen Schritt weiter, doch auch das ebenfalls nicht in Gänze. Die Vorab-Single "Wenn es morgen schon zu ende wär'" hat mit Jazz eigentlich nicht mehr viel zu tun, was die Nummer aber nicht weniger brillant macht. Dem Nachdenken über die Unvorhersehbarkeit des Zeitpunkts des eigenen Ablebens mit derartiger Leichtigkeit eben nicht nur in der Melodieführung sondern auch im Sound zu begegnen, macht das Lied besonders. Da ist keine Schwermut, kein großes Pathos, sondern einfach nur klares lebensbejahendes Bekennen gerne zu leben und die Motivation, die Zeit nicht zu vergeuden. Ein großes Bigband-Arrangement hätte vor Überschwang vermutlich die Aussage verschütt gehen lassen; ein zartes Jazz-Klangkleid wiederum, der Nummer wohl zu viel Melancholie eingehaucht. Sie ist so genau richtig.

Derlei Stücke finden sich einige auf "Was immer auch kommt". Besonders gelungen "Glück ist leicht" und "Wenn du die Wahl hast". Substanzielle Gedanken in federleichtem Groove, musikalisch fein ausgearbeitet - kein Jazz ist manchmal eben auch eine Lösung. So ist es Cicero gelungen sein Spektrum klanglich und thematisch zu erweitern, ohne seine Liebe zum Jazz und handgemachter Live-Musik zu verraten. Eingängiger Pop mit reichlich Jazz-Anleihen ist vielleicht nicht die hohe Kunst, die in verqualmten Jazz-Kellern für enthusiastische Beifallsstürme sorgt, aber es bringt erheblich mehr musikalisches Niveau in die großen Mehrzweckhallen, die Cicero auf seinen Tourneen füllt, im Vergleich zu dem, was dort sonst häufig akustisch von der Rampe fällt. Er macht das gut. Man sollte die Messlatte dort lassen, wo sie hingehört.

Und der Jazz findet ja auf seinem neuen Album auch nach wie vor statt. Vor allem diesmal wieder mehr in kleiner Besetzung, also nicht unbedingt immer die ganze Bigband auf einmal und auch an nicht unbedingt erwarteten Stellen.
So z.B. bei dem Stück "Straße"; nach der Adaption von "König von Deutschland" auf "Männersachen - Live" (2007) nun schon die zweite Reminiszenz an Rio Reiser. Beim Original von Reisers letztem Album "Himmel und Hölle" (1995) rutscht eine Gitarre etwas schief durch die Melodie und ein männlich-bärenstimmiger Gospelchor grummelt in wortlosen Lauten den Background. Reiser schrieb viele zweifellos wirklich großartige Songs, seine Klangästhetik war zuweilen aber doch sehr eigen. Cicero und seine Musiker nahmen nur Melodie und Text und trugen das Stück in den oben erwähnten verqualmten Jazz-Keller, wo das Album sich insgesamt nicht allzu häufig aufhält. Ein knarzender Bass, ein besenbespieltes Schlagzeug und ein deprimiertes Klavier hieven das Stück in eine lupenreine Blue-Hour-Atmosphäre; klischeehaft und einfach wunderbar.

Insgesamt öffnet Cicero auf seinem neuen Album den Fächer seiner stilistischen Möglichkeiten weiter als bisher. Ob nun all jene, die im Vergleich zum letzten Album gern doch wieder etwas mehr Jazz, und jene die durchaus gern noch mehr Pop gehabt hätten, sich auf diesen Spagat einigen können, wird sich zeigen. Musikalisch hochwertig ist alles, egal welchem Gefilde er von Song zu Song auch gerade näher ist; er trennt die Stile nicht, er vereint sie zu etwas ganz eigenem, ausgesprochen gelungen.


Bei allem sowieso vielleicht
Bei allem sowieso vielleicht
Preis: EUR 14,99

17 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Textkrämpfe zu handwerklich guter Songwriter-Musik - Weniger gequält witzig wäre besser, 22. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Bei allem sowieso vielleicht (Audio CD)
... denn wirklich originell humorvoll sind die meisten der Texte eben leider ganz und gar nicht, und in den wenigen Ausnahmen, wo es thematisch dann doch mal ernsthafter zugeht, entwickelt das Album durchaus einen gewissen Charme (bei "Weiter, weiter unterwegs" z.B.).
Auch wenn das, was einen das Album nach gut 45 Minuten irgendwie ratlos zur Seite legen lässt, nun schon raus ist, und zumindest für mich so schwer wiegt, dass ich die Platte wohl kaum ein zweites mal durchlaufen lassen werde, gibt es durchaus auch Grund zu ehrlichem Applaus.

Die Band ist wirklich ein Genuß, Beckmann eingeschlossen. Spielerisch und kompositorisch passiert das Dutzend Songs irgendwo zwischen Singersongwriter-Folk á la Bob Dylan und einem jazzigen Hauch leichtesten Blues, wie meinetwegen bei Hugh Laurie. Spröde und durchgehend entspannt versuchen die Musiker nicht eine neue Facette des Musizierens auszuloten, sondern spielen einfach nur unverschämt lässig und gut. Nordisch unprätentiös wird das überwiegend akustische Instrumentarium zum Musizieren genutzt und nicht zu olympischen Sportgeräten verwandelt. Wohltuend! Dazu wurde das komplette Album ausgesprochen gut produziert; der Klang ist transparent, nah und warm und die Instrumente ganz und gar perfekt abgemischt. Und auch wenn Reinhold Beckmann in diesem Leben kein Sänger mehr wird, sind seine Fähigkeiten diesbezüglich keinesfalls zum sich fremdschämen. Nur sollte er gar nicht erst das Belcanto versuchen; zuweilen tut er's und scheitert, da wo er seiner natürlichen Klangfarbe folgt, klingt seine mittige Stimme passabel und durchaus angenehm.

Aber warum die verstolperten Texte? Warum sollte es denn überhaupt überwiegend witzig werden? Abgesehen davon, dass man von Beckmann auch gar keine Texte mit Schmunzelstellen in jeder zweiten Zeile erwarten würde, wäre es ja kein Problem, wenn das Ergebnis wirklich originell wäre. Doch auch wenn Frank Ramond beim Texten Pate stand, der u.a. für Ina Müller oder Annett Louisan durchaus pfiffige Songtexte ablieferte, blieb das Originelle hier irgendwo zwischen Idee und Umsetzung stecken. Übrigbleiben bemühte Formulierungen, denen man noch anmerkt, dass sie ein Augenzwinkern vermitteln sollen, aber sie geraten so hölzern, dass das Augenzwinkern eher wie ein Gesichtskrampf anmutet. So bleiben es nichtssagende pointenlose Shortstorys, wenn auch musikalisch ausgesprochen gut und hörenswert umgesetzt, sofern man dem stilistisch folgt.

Sollte ein weiteres Album textlich zur Musik passender, ernsthafter geraten (oder meinetwegen in Teilen auch witzig originell und beachtenswert), kann es richtig gut werden und jene begeistern, die gern relaxter, handgemachter Musik zuhören. Dieses aber wird nur aus Sympathie zum Menschen Reinhold Beckmann im Plattenschrank eingereiht und dort vermutlich Moos ansetzen. Schade.

ANMERKUNG ZUR BEWERTUNGSFLUT:
Es scheint ja bei diesem Album geradezu geboten, dass man erwähnen muss, es gekauft und gehört zu haben, weil eine ganze (völlig unglaubwürdige) Flut an positiven Bewertungen und eine ebensolche Flut an drastisch schlechten Bewertungen eingegangen sind. Letztere haben in ihrer Empörung mein Verständnis und erfüllen als Korrektiv zu dem verzapften Unsinn irgendeines Marketing-Genies absolut ihren Zweck; berechtigt sind sie ebenfalls, wenn auch in der Sache, nämlich irgendwie das Album zu charakterisieren, natürlich auch wenig aussagekräftig.

Welch Trottel (das ist beleidigend, ich weiß, und genau das soll es auch sein) hielt denn die komplette potentielle Zielgruppe für so meschugge, dass nicht recht rasch irgendwem auffällt, dass ein Album, was nicht gerade ein Top10-Anwärter ist, binnen kürzester Zeit 30-40 Jubel-Dreizeiler-Bewertungen erntet, die vor Überschwang und Ehrerbietung ganz berauscht Pirouetten drehen und komischer weise (fast) ausnahmslos von Rezensenten stammen, die nie zuvor auch nur eine andere Rezension verfassten!?
Sollten wir demnächst aus den Medien erfahren, Herr Beckmann hat einen Mitarbeiter seiner Plattenfirma/Managements/Agentur über Stunden ohne Unterlass geohrfeigt, dann sollten alle, die dieses Schauspiel hier mitverfolgt haben, ihm als Zeugen beistehen und bestätigen, dass es sich nicht um vorsätzliche Körperverletzung handelt, sondern um eine Hilfsmaßnahme: er wollte mit den gleichmäßigen Ohrfeigen nur dafür sorgen, dass das Hirn des Betreffenden wieder dahin rutscht wo es hingehört und sich wieder einrenkt; die glühenden Wangen, sind da das geringere Übel.

Wer solche Marketingstrategen hat, braucht keine Fans mehr.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 1, 2014 7:37 PM MEST


Gelobtes Land (handsignierte EP)
Gelobtes Land (handsignierte EP)

12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dylan? Springsteen!, 21. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Gelobtes Land (handsignierte EP) (Audio CD)
Potentiell kämen einige Nummern des neuen Maffay-Albums als weitere Single-Auskopplungen infrage, nachdem mit "Halleluja" bereits ein überwältigender Vorbote die Qualität der Scheibe andeutete. Dass die Wahl nun auf "Gelobtes Land" fiel, ist so verständlich wie überraschend zugleich.
Verständlich, weil der Song aus den 15 beinah durchweg starken Nummern anno 2014 doch noch ein wenig herausragt und unverschämt gut geraten ist; weil er mitreißt, eingängig ist und sich sofort festsetzt. Überraschend, weil er mit beinah sechs Minuten Spielzeit für eine Single viel zu lang ist (Radiosender hätten es gern möglichst nah an drei Minuten; je näher, je größer die Chance, dass er vielleicht auch mal gespielt wird) und überraschend umso mehr, weil er einer der härtesten Songs auf "Wenn das so ist" ist (und Radiosender im Formatradioland allzu krachende Gitarren-Stürme und wummernde echte Schlagzeuge so gar nicht mögen, denn das könnte ja den kulturell neutralisierten Hörer beim Nebenbei-dudeln-lassen des Radios allzu sehr aus der eingelullten Balance werfen und ihn verstört umschalten und so den nächsten Werbeblock verpassen lassen - ist eh wurscht, denn mit aktuellen Singles findet Maffay, so erfolgreich er auch ist, im Radio ohnehin kaum statt, weil es für das eine Radioformat zu ruppig ist, für das andere zu wenig hip und zu deutsch und aus Prinzip schon zu uncool, x-fach Platin Alben und gigantische Tourneen seit 35 Jahren hin oder her).

Zum Song:
Das kuriose an "Gelobtes Land" ist, dass es zwar eine Adaption eines uralten Bob Dylan Songs sein soll, aber klingt wie eine neue frische Springsteen-Nummer, wie sie die Herren der E-Street-Band nicht hätten besser machen können!
Seit das Album Mitte Januar erschien, habe ich einige male unmittelbar nach "Gelobtes Land" Bob Dylans 1963 veröffentlichtes zweites Album "The freewheelin' Bob Dylan" aus dem Regal gepolkt und gezielt Track 2 angesteuert - "Girl from the north country" - eben jenen Song, der angeblich das Fundament zu "Gelobtes Land" bildet. Nun halte ich mich musikalisch durchaus für einigermaßen bewandert, und wenn andere Musiker Dylan-Songs adaptieren entstand daraus schon so manches Wunder (und ich sage das mit größter Zuneigung und Bewunderung für den kauzigen Meister) und die Songs fingen erst durch dritte bearbeitet so richtig zu leben an, aber verflixt: entweder habe ich was an den Ohren oder doch weit weniger Musikverstand als eingebildet; aber ich höre es nicht! Das sind zwei von Grund auf verschiedene Songs! Der Text sowieso, klar, andere Sprache, anderer Inhalt, das Arrangement ebenso, auch klar; Dylan fummelt da was auf der Akustik-Gitarre zurecht und quält die Mundharmonika bis die Lautsprecher zu Staub zerfallen (ich liebe ihn wirklich und auch den Originalsong!), dass Maffays Gitarren-Gewitter plus einem göttlichen Everette Harp am Saxophon, der übrigens spielt als wäre Springsteens Buddy Clarence Clemons wieder unter uns (und er ist ihm auch optisch verflixt ähnlich!), dass all das die Wirkung stark verändert, ist ebenfalls selbstverständlich - aber selbst die Gesangsmelodie erinnert nicht im Ansatz an Dylans Original!? Warum Maffay sich die Tantiemen entgehen lässt, ist mir ein Rätsel. Dylan selbst hätte vermutlich nicht bemerkt, dass da eine handvoll Akkorde irgendwie seiner 50 Jahre alten Nummer entliehen sind.

Dafür wird Herr Springsteen sich wohl fragen, warum ihm der Song nicht eingefallen ist. Die Parallelen zwischen Maffay und seiner Band und Springsteen and the E-Street-Band sind seit Jahrzehnten offensichtlich und mehr noch "offenhörlich". Beide selber Jahrgang (Maffay ist nur drei Wochen älter), sehr ähnlicher Habitus, beide der Inbegriff von Workaholic und ehrlicher Haut, beide ein Hang zu Pathos und kraftvoller Emotion und zu drei Stunden dauernden Konzerten, beide definieren sich über ihre Band, beide fühlen sich mit Staub an den Stiefeln wohler als mit Lackschuhen auf roten Teppichen, auch Dylan verehren beide u.s.w. Dass der Kern von Maffays Band auch schon gelegentlich mit Springsteen spielte und umgekehrt, der schon erwähnte Clarence Clemons 1991/92 ein Maffay-Album mit einspielte und die anschließende 50 Konzerte umfassende Tour begleitete, fügen dem Mosaik der Brüder im Geiste noch ein paar Steinchen hinzu.
Bei "Gelobtes Land" nun aber gewinnt man tatsächlich fast den Eindruck, als spiele Springsteen Dylan auf deutsch. Mehr E-Street-Band könnte auch die E-Street-Band nicht - einfach nur gewaltig, ein Sturm! Und das gelobte Land - the promise land - findet in dutzenden Songs von Springsteen Erwähnung, es ist geradezu eine Schlüsselformulierung in Springsteens Rocklyrik, bis hin zum sogar ebenso betitelten Song auf "Darkness on the edge of town" (1978). Die Metapher passt einfach - zu beiden, und wirkt authentisch.

Zur gesamten EP:
Da Singles als gepresste CD heutzutage kaum mehr wirtschaftlich sinnvoll sind - zumal Maffay schon seit den frühen 1980er Jahren nur marginale Singleabsätze vorweisen kann, eben weil seine Alben sich konstant in gewaltigen Zahlen verkaufen und kaum wer dann eine daraus ausgekoppelte Single zusätzlich im Regal braucht - ist es umso erfreulicher, dass ab und zu wieder das Format der EP zu neuem Leben erwacht, wo der Single-Titel mit Inhalt angereichert wird, der nicht auf dem dazugehörigen Album zu finden ist; für den Fan also ein wirklich lohnender Mehrwert über das Cover hinaus.

"Gelobtes Land" in der fast sechs minütigen Album-Version ist hier sicherlich am entbehrlichsten, da zu unterstellen ist, dass jeder denkbare Käufer dieser EP das Album bereits hat. Auch die um gut zwei Minuten auf 3:45 kastrierte Radio-Edit, wurde zwar durch das Weglassen des langen Intros und durch ein paar anderen Schnitte nicht völlig verhunzt, einen Mehrwert und somit einen Kaufgrund stellt diese drastische gekürzte Fassung nun aber wahrlich nicht da; es ist immer noch dieselbe Aufnahme, eben nur weniger.

Der Mehrwert liegt in den drei Live-Versionen auf dieser EP (die zusammen fast 21 Minuten beanspruchen!). Der Titelsong natürlich und das epische "Halleluja", letzteres mit gut acht Minuten Spielzeit die Studiofassung noch weit übertreffend. Beide mitgeschnitten bei dem Albumpräsentationskonzert im Münchener Zenith, zwei Tage vor der Veröffentlichung von "Wenn das so ist", was Live in 72 Kinos übertragen wurde (und notabene am 03.04. noch einmal in 30 weiteren Kinos als Konserve gezeigt wird!).

Jeder der es erlebt hat wird bestätigen: das Konzert war intensiv und gewaltig, obwohl oder vielleicht gerade weil ausschließlich das neue Album gespielt wurde - und wie!
Da man (ich denke berechtigt) hoffen kann, dass dieses Konzert im Laufe des Jahres noch als offizielles Live-Album mindestens als DVD veröffentlicht wird (es war einfach zu gut, um es im Archiv den Motten zu überlassen), wäre der Mehrwert dieser EP spätestens dann doch wieder obsolet, wenn da nicht noch eine Version von "Gelobtes Land" wäre.
Zum insgesamt vierten mal taucht die Maffay-spielt-Dylan-im-Springsteen-Sound-Nummer in einer als Akustik-Version deklarierten Variante auf. Und allein dafür lohnt die EP, da nicht davon auszugehen ist, dass das Radiokonzert beim NDR, wo diese Aufnahme vor einigen Wochen entstand, je veröffentlicht wird, und weil diese Version sich doch sehr deutlich von der Studio- und Live-Version in voller Besetzung unterscheidet. Rein akustisch ist sie zwar nicht, die Bezeichnung "Stripped-Version" hätte es besser getroffen, aber sie ist im Vergleich doch sehr viel reduzierter gespielt und entfaltet eine sehr eigene Wirkung.

Nicht zuletzt ist zumindest für Sammler und Liebhaber auch das Cover (erst recht in der limitierten von Maffay signierten Auflage - es ist nicht nur gedruckt!) ein Argument. Im doppelt aufklappbaren Digipack, kommt die EP reich bebildert mit einem Booklet in einem Einschub und einem Mini-Poster (das Covermotiv in 4facher Bookletgröße) in einem weiteren Einschub daher, die CD sitzt dazwischen auf einem festen Tray.
Kurz: ein lohnendes Sammlerstück; eine EP rund um einen starken Song, mit Inhalten die selbst wenn man das Album hat (und das hoffentlich kommende Live-Album haben wird) exklusiv nur hier zu finden sind, und all das in einer rundum gelungenen Aufmachung.


Blood and Bones
Blood and Bones
Preis: EUR 18,98

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Irisch-Amerikanischer-New-Folk-Urban-Rock-Singer-Songwriter-Pop, 6. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Blood and Bones (Audio CD)
Sie dürfen sich angesichts der Überschrift gern zwei-, dreimal mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen; ich nehme es Ihnen nicht übel. Genau das hätte ich nämlich getan, hätte ich diese zeilenfüllende Wortkette, die übrigens dem offiziellen Pressetext zum Album entnommen ist, gelesen, bevor ich das Album hörte. Es hätte eigentlich nur noch die Erwähnung von Heavy Metal, New Jazz und Hiphop gefehlt, um dann die Überphrase "da ist für jeden Geschmack etwas dabei" anzubringen, die zumindest gefühlt in jedem zweiten Pressetext in unbeholfenen Variationen auftaucht; keineswegs nur von Musikalben, auch bei Filmen, Urlaubsreisen und Hundefutter.

Ich habe den Text erst später gelesen, auf der Suche nach irgendwelchen brauchbaren Informationen über Künstler und Album, die (noch) kaum zu finden sind; seine Homepage ist recht wortkarg was Biographisches betrifft, und auch weiterführende Artikel gibt es (noch) nicht über ihn, denn (noch) ist SJ McArdle nicht sonderlich bekannt oder gar berühmt. Ein guter Freund drückte mir vor einigen Tagen die Platte in die Hand und kommentierte die Schenkung lediglich mit den Worten: "Das musst du gehört haben; diese Scheibe rotiert bei mir seit Tagen in der Endlosschleife." Auf meine Nachfrage, was mich denn erwarte, reagierte er beinah wortlos achselzuckend und setzte mit "Hör es einfach, ist wirklich toll." ein dickes Ausrufezeichen hinter sein Achselzucken. Nun er hätte auch Irisch-Amerikanischer-New-Folk-Urban-Rock-Singer-Songwriter-Pop sagen können, aber er hatte den Pressetext vermutlich ebenso nicht gelesen, und selbst wenn, hätte er gewusst, dass er mir das unmöglich zur Antwort geben kann, weil ich mich dann umgehend ernsthaft besorgt nach seinem geistigen Gesundheitszustand erkundigt hätte; und wirklich schlauer wäre ich auch nicht gewesen.

Erwartungsvoll legte ich das Album also ein. Abgesehen von spontaner Begeisterung über die baumfällende, markant eigene, charismatische Stimme von SJ McArdle, dachte ich nach den ersten Songs: das klingt wie Irisch-Amerikanischer-New-Folk-Urban-Rock-Singer-Songwriter-Pop!
Zugegeben, ich bin mir nicht sicher ob wirklich in ebendieser Reihenfolge, aber exakt diese Assoziationen hüpfen einem beim ersten Hören tatsächlich durchs Großhirn. Das klingt wie ein irischer Songwriter, der sehr starken Nashville Einflüssen ausgesetzt war, mit viel Folk und einer kräftigen Beimischung von saftigen Rockelementen bei einigen der Songs.
Die Songs sind durchweg nicht nur ideenreich gespielt und thematisch vielseitig, sondern auch schreib-handwerklich unanständig gut gemacht. Gerade bei Singer-Songwritern-Alben besteht häufig die Gefahr, dass, abgesehen vom Text und ein paar unterschiedlicher Nuancen durch Einstreuung einzelner markanter Instrumente, ein Lied häufig klingt wie das andere. In diese Falle tappt McArdle nicht, eben weil er eine stilistische Genre-Wortkette zurecht über sein Album schreiben kann.

Manchmal haben offizielle Album-Pressetexte also in ihrem ungelenken Streben nach Allgemeingültigkeit, um möglichst jede Zielgruppe zu kitzeln, also tatsächlich doch recht; im vorliegenden Fall auch mit der löblichen Aussparung der Behauptung, dass für jedermann etwas dabei sei, denn für Heavy Metal, New Jazz und Hiphop-Entusiasten ist "Blood and bones" definitiv nix. Bei allen andern aber, vor allem bei Freunden authentischer, handgemachter Musik, besteht akute Dauerrotationsgefahr.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 21, 2014 12:21 AM CET


Vergesst Deutschland!: Eine patriotische Rede
Vergesst Deutschland!: Eine patriotische Rede
von Navid Kermani
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 3,99

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine patriotische Rede, 2. März 2014
Ich mag dieses Land, wahrscheinlich liebe ich es sogar, auch wenn ich permanent an ihm leide; und seine Menschen, mitsamt des oft schwer begreiflichen Volkscharakters, der mit seinen bewundernswerten Stärken und kaum erträglichen Schwächen auch von mir zu einem winzigen Teil gespeist wird. Und deshalb werden ultralinke Ideologen, die sich in ihrer uferlosen Selbstverneinung zu Parolen wie >Deutschland verrecke< hinreißen lassen, immer mit meinem vehementen Widerspruch rechnen dürfen, mit verständnisloser Fassungslosigkeit ohnehin.

Denn zwischen diesem psychologisch schon bedenklichen Selbsthass, der einer völligen Entwurzelung gleichkommt, und einem ideologisch zur Selbstkritik unfähigen und sich selbst erhöhenden Nationalstolz, ist viel Raum, für ein ehrliches und ehrbares Gefühl, dessen man sich nicht erwehren sollte.

Nun titelt Navid Kermani >Vergesst Deutschland!< seine Anfang 2012 in Hamburg gehaltene Rede zur Eröffnung der Lessing Tage, die in etwas erweiterter Form hier nun als 40seitiger Essay vorliegt, und ist mit diesem Titel im Grunde gar nicht so weit weg von den oben erwähnten Parolen. Doch er untertitelt diese provokante Zeile entschieden mit >Eine patriotische Rede<. Ein Widerspruch? Eben nicht! Zumindest dann nicht mehr, wenn man seinen Ausführungen gefolgt ist.

Unter dem Eindruck der damals erst wenige Monate zuvor offenbar gewordenen Zusammenhänge der NSU-Mordserie und den Geist Lessings zentral in seine Überlegungen einbezogen, gelingt Kermani eine Tour d'Horizon mit Blick auf die deutschen Literaturgroßmeister durch die letzten Jahrhunderte - also auch und insbesondere vor dem Irrsinn der tausend Jahre zwischen 1933 und 1945 - und er zeigt, dass diese zerrissene Haltung dem eigenen Land und Volk gegenüber keineswegs erst nach Adolf Nazi aufkam; eine fälschliche Annahme manch Möchtegerndeutschstolzer, die diese Distanz zum eigenen Volk und Vaterland gern als aufoktroyierte Kriegsfolge beweinen, die es doch nun endlich abzustreifen gelte. Ob Goethe, Heine oder Hesse, ob Immanuel Kant, Thomas Mann oder G.E.Lessing, sie alle standen der Deutschtümelei ihrer jeweiligen Zeit mindestens skeptisch, wenn nicht ablehnend gegenüber, wie jedweder nationalen Überbetonung auch in den anderen Staaten Europas. Mangelnde Heimatliebe, kann man wohl aber keinem der genannten Dichter und Denker vorhalten.

Und genau das ist der Punkt, den Kermani ausmacht. Die Liebe zur Heimat, ist so natürlich, so völlig selbstverständlich und so wenig verwerflich wie die Liebe zu seinen Eltern, und wohl auch für das Seelenwohl nötig. Aber zur Nation? Noch dazu überfrachtet mit ideologisch aufgepumptem Stolz und daraus leider oftmals resultierender (psychologisch leicht erklärbarer) sich selbst und seines gleichen Besserdünkerei?

Wenn Patriotismus sich am Nationalstaat festmacht, samt heimatlicher Exklusivattribute, deren Fehlen als Wertigkeitsmangel bei allen Fremden definiert wird, dann ist das Ausgrenzen und Umschlagen in Auseinandersetzungen bis hin zur offenen Gewalt in der Unsinnigkeit des Anspruchs von vornherein festgeschrieben (und in der Geschichte - keineswegs nur in Deutschland! - ja nun auch schon zur genüge durchexerziert).
Die Nation oder der Nationalstaat ist nicht nur eine relativ junge Erfindung der Menschheit, und allein schon daher nicht sonderlich geeignet für patriotische Gefühle, sondern per se eine (zweifellos sinnvolle) politische Einrichtung, die übergreifend Ethnien und Kulturen in einer politisch-geografischen Einheit zusammenfasst; also ein rein technisch-institutionelles Gebilde. Bis auf einige wenige Zwergstaaten gibt es keine Nation auf dieser Erde, die heimatlich-patriotischen Gefühlen zu Brauchtum und Zungenschlag gerecht würde. Begriffe wie Nationalpatriotismus oder Nationalstolz sind in sich Wort gewordener Unfug und leider ganz und gar dazu geeignet, einen kulturellen Hoheitsanspruch (meist der bevölkerungsreichsten oder wirtschaftlich mächtigsten Volksgruppe einer Nation) für die ganze Nation herzuleiten, der schlimmstenfalls in die Katastrophe führt.
Kulturelle Diversität ist die Regel in der Konstruktion beinah aller Nationen und jede auf Unbehagen oder gar Angst basierende Argumentation, dass durch Überfremdung die kulturelle Homogenität in Gefahr gerate, ist aus nationalstaatlicher Sicht gelinde absurd, weil kulturelle Homogenität in beinah keiner Nation bei ihrer Gründung ins Stammbuch geschrieben wurde.

Lessing ersehnte einen Patriotismus als Weltbürger, der ihn seinen deutschen Patriotismus vergessen lässt. Daran lehnt Kermani seinen Titel an. Heimatliebe und Zugehörigkeitsgefühl, auch die Notwendigkeit sich in bestehende Strukturen zu integrieren (auch als Preuße in Bayern, oder als Schwabe in Friesland, keineswegs nur als Türke in Düsseldorf!), um die nativen Gegebenheiten der dort ansässigen Mitmenschen nicht zu brüskieren, stehen deshalb ausdrücklich nicht in Abrede.

Kermani ist Iraner, 1967 in Siegen geboren, lebt in Köln und ist u.a. Mitglied der DASD (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung) und hat mit seiner Arbeit, seinen Büchern und Vorträgen, ganz sicher mehr für dieses Land, sein Deutschland, und besonders für die deutsche Sprache geleistet, als so manch ein Stammtischpatriot, der seinen diffusen nationalen Stolz eigentlich nur mit der Gnade der Geburt begründen kann.

Dabei darf die Lesart dieses Essays nicht die sein, dass ein Verachten von heimischen Traditionen, Alltagsgepflogenheiten und kulturellen Standards seitens Integrationsunwilliger schweigsam, wegduckend und (um beim Schlüsselwort des Essays zu bleiben) unpatriotisch hingenommen werden soll - das wäre fatal und ebenso falsch und dann tatsächlich sich selbst verneinend und ist von Kermani so auch nicht gemeint! Es geht lediglich um die Nichtüberbetonung der eigenen Weltsicht und seines Platzes darin, durch sachlich unbegründeten Stolz und ideologischen Patriotismus - die Nichtüberbetonung gar nicht so sehr gegen andere, vor allem gegenüber sich selbst.

Ein insgesamt kluger Diskussionsbeitrag, über den man gewiss in so manchem Nebensatz auch kontrovers und leidenschaftlich streiten kann; aber gerade darin liegt der größte Wert einer offenen, pluralistischen Gesellschaft!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 25, 2014 1:10 AM MEST


Gilbert Bécaud À L'olympia (1964-67-73-76)
Gilbert Bécaud À L'olympia (1964-67-73-76)
Preis: EUR 21,98

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Besser so als gar nicht, 28. Februar 2014
Gilbert Bécaud und das Olympia: das war eine fast schon heilige Verbindung. Zwischen 1954 und 1999 bezog er 33 mal jenes legendäre Konzerthaus, was wohl neben der Carnegie Hall in New York und der Londoner Royal Albert Hall zu den weltweit bekanntesten und sagenumwobensten unter den altehrwürdigen Konzerthäusern gehört. Nicht für 33 Konzerte! Für 33 Konzertreihen! Wenn Becaud kam, füllte er das knapp 2.000 Menschen fassende Auditorium stets an zehn und mehr Abenden infolge; insgesamt über 400 mal!
Wahrscheinlich hat jeder Musiker seine präferierten Konzertsäle und das aus verschiedensten Gründen, aber Bécauds Liebe zu dem Pariser Musentempel ging soweit, dass er ausnahmslos alle 15 offiziellen Live-Alben seiner Karriere dort aufnahm. Diese Ausschließlichkeit ist einmalig in der Musikgeschichte. Gut, auch Bécauds Freund und Weggefährte Jacques Brel nahm all seine Live-Alben im selben Saal auf - auch bei ihm war es natürlich das Olympia, wie es sich für einen ordentlichen Belgier, den die ganze Welt für einen Franzosen hält, gehört - aber bei ihm waren es nur zwei.

Bis in diese Tage Anfang 2014 hinein, gab es von den 15 im Olympia entstandenen Live-Alben lediglich die letzten drei (1988/92/97) auf CD, die "ersten" zwölf, die zwischen 1955 und 1983 entstanden, haben eine vollständige Digitalisierung bisher nicht erfahren und sind nur mit viel Mühe, zumal hierzulande, in einem guten gebrauchten Zustand als Schallplatte zu bekommen. Lediglich das 1997 veröffentlichte Sampler-Album "Becolympia" kompilierte einige Ausrisse aus jenen Konzertmitschnitten eben genau dieser ausschließlich auf Vinyl veröffentlichten Alben. Ein völlig unverständliches Versäumnis, denn gerade die Live-Alben dokumentieren den wahren Gilbert Bécaud. Bei kaum einem anderen Künstler sind die Live-Alben soviel essentieller als die Studioproduktionen. Warum bei Becaud, zu Lebzeiten bis 2001 und mehr noch posthum, gerade diese Alben so sträflich im Archiv verkrusteten und stattdessen ausnahmslos jedes Jahr mal mehr, meist weniger sinnvolle Best of Kompilationen auf den Markt geworfen wurden, die immer und immer wieder "Et maintenant", "L'important cest la rose" und natürlich "Nathalie" und ein Dutzend weiterer üblicher verdächtiger in wechselnder Folge auffädelten, gehört zu den kolossal denkwirren Geheimnissen der Plattenfirma.

Nun scheint in den letzten Jahren sich doch jemand der Verantwortlichen Bécauds zu erinnern und zwischen den nach wie vor in steter Regelmäßigkeit veröffentlichten Ramsch mischt sich neuerdings doch auch immer öfter sinnvolles, lang ersehntes.
So erschien anlässlich des zehnten Todestages Ende 2011 mit "Le Coffret Essentiel" eine wertige kleine Kiste, die eine ganze Reihe zuvor ebenfalls nie auf CD veröffentlichter Studio-Alben barg (von Bécauds Studio-Alben sind notabene bis heute ein nicht unwesentlicher Teil ebenfalls noch immer nie auf CD erschienen!), die optisch in der Aufmachung als Vinyl-Replika daherkamen. Und Ende vergangenen Jahres wurde mit dem 4-CD-Sampler "Bécaud (Edition 60e Anniversaire)" zu 60. Jubiläum seines Album-Debüts bewiesen, dass man offenbar doch imstande ist auch sinnvoll Best ofs zu kreieren; denn neben den zu erwartenden Klassikern, die enthalten sein mussten, wurde dieses Set doch mit auffällig vielen raren, zum Teil bis dato gänzlich unveröffentlichten Stücken für Fans aufgewertet.

Und nun die Olympia-Box! Darf es denn wahr sein?
Nun, hält man das Set in den Händen, mengt sich doch etwas Ernüchterung unter die grundsätzlich sehr große Freude über die Erstveröffentlichung auf CD dieser vier legendären Live-Alben. Warum so billig? ist der erste Gedanke. In der Vier-CD-Jewel-Case-Box liegt neben den CDs ein Heftchen mit gerade mal acht Seiten - frontal dasselbe Foto wie das Cover der Box nur ohne Schriftzug, zwei Seiten lang ein paar erläuternde Worte, vier Seiten die jeweilige Tracklist der vier Alben (die ja auch auf der Box-Rückseite zu finden wären), und die Rückseite des Booklets ziert ein schwarzes Nichts mit ein paar Internet-Adressen. Keine weiteren Fotos, geschweige denn die originalen Cover-Motive. Äußerst dürftig das Ganze. Ich, und ganz sicher nicht nur ich, wäre gern bereit gewesen ein paar Euro Mehr auszugeben, für eine optisch etwas liebevollere und originalgetreue Ausstaffierung. Dem Absatz hätte es wohl kaum geschadet, denn der pfennigfuchsende Gelegenheitskäufer, der nur ein paar große Hits von Bécaud im heimischen Plattenschrank integrieren will, greift wohl ohnehin nicht zu einer vier CDs umspannenden Live-Box, egal wie günstig man versucht sie umzusetzen.

Legt man die Alben nacheinander ein, tritt die Enttäuschung über die lieblose Gestaltung aber rasch wieder in den Hintergrund. Auf jedem der vier Alben, ist die ungeheure Energie und die unglaubliche Live-Präsenz von Gilbert Bécaud spürbar. Und bei der klanglichen Restauration wurde erfreulicherweise nicht gespart. Egal ob 1964,67,73 oder 76, alle Mitschnitte sind gemessen an Ihrem Alter in sagenhafter Klangqualität. Zu Bécauds Live-Qualitäten muss nichts weiter gesagt werden, seinen Spitznamen Monsieur 100.000 Volt trug er nicht ohne Grund; nirgends spürbarer als bei seinen Auftritten - intensiv, ob leise oder laut, romantisch oder zürnend!
Dass hier nicht vier aufeinander folgende Olympia-Alben zu einer Box zusammengeführt, sondern Lücken gelassen wurden (es gab auch 1966, 1970 und 1972 Olympia-Alben, die in die hier umfasste Zeitspanne fallen), ist wohl dem Bestreben geschuldet, möglichst wenig Überschneidungen in den dargebotenen Stücken zu haben, denn natürlich gab es Hits und Konzert-Klassiker, die auf mehreren Live-Alben zu finden waren, wenn auch meist im Arrangement mit den Jahren verändert.

Alles in allem drängt sich einem eine Analogie zu einem alten Sprichwort beim Betrachten und Hören dieses Vier-Alben-Box-Sets auf: Was lange währt, wird zumindest zu einem Drittel und leider auch nur beinah gut. Doch besser so als gar nicht!

Bleibt zu hoffen, dass diese CD-Box genügend Käufer findet, sodass es für die Plattenfirma lukrativ scheint auch die immer noch fehlenden acht weiteren Olympia-Alben Bécauds in zwei weiteren Vierer-Boxen zu veröffentlichen (oder vielleicht doch noch eine Veröffentlichung zu ersinnen, die alle 15 Live-Alben unter Verwendung des originalen Covers und vielleicht sogar um Bonusstücke erweitert anbietet. Material sollte vorhanden sein, denn die LPs waren zwangsläufig gekürzt und enthielten nie ein komplettes Konzert).
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Mitten im Leben (Limitierte Premium-Edition)
Mitten im Leben (Limitierte Premium-Edition)

23 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht Halbzeit, aber mittendrin!, 21. Februar 2014
Erstaunlich ist es schon, beinah irritierend, dass ausgerechnet ein Musiker, der seit bald sechs Jahrzehnten Songs schreibt und Platten aufnimmt, die deutlichsten Worte zum aktuellen Zeitgeschehen findet, zu all dem galoppierenden Irrsinn der mittlerweile unser privates und gesellschaftliches Leben prägt, bedrängt und massiv beeinflusst; wenn auch oft nur schleichend und subtil. Jüngere und zum Teil sehr viel jüngere Musiker finden in den letzten Jahren anscheinend nur noch Worte über persönliche Befindlichkeiten - was an sich auch kein Qualitätsdefizit ist; Musik soll ja berühren und private Befindlichkeiten spiegeln, allein das >nur< ist das Problem - und kaum mehr den Mut oder die Kraft auch Kritisches in Töne zu kleiden; möglichen Widerspruch auch von Fans bereit auszuhalten; obwohl es doch gerade den Jüngeren ein Anliegen sein müsste ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen, auch musikalisch. Was, wenn nicht Musik, kann Menschen auch in großer Zahl für gesellschaftliche Schieflagen und Gefahren sensibilisieren? Ein Vortrag an der Volkshochschule? An speziell interessierte Leser adressierte Fachliteratur? Wohl kaum!

Es gibt vielfach die Meinung, dass Musik und Politik so gut zusammenpassen wie Kartoffelsalat und Schokoladenpudding; was auch stimmt, wenn man es falsch macht, wenn man Lieder zu herumfuchtelnden Zeigefingern geraten lässt, zu schwingenden roten Fahnen oder anfängt eine imperative Morallehre zu vertonen. Das kann dann nur so zerknirscht und besserwisserisch klingen, dass kein Ton mehr imstande ist daraus ein Lied zu machen, was man gern und freiwillig hören mag. Man kann es aber auch richtig machen! In dem man einfach Ängste artikuliert, unbequeme Fragen stellt, das was ist reflektiert und weiter in die Zukunft hinein spinnt, die Hörer zum selber denken animiert und nicht Handlungsanweisungen erteilt, Schlüsse nicht vorgibt, und vor allem dabei nicht völlig auf Humor, Ironie und Augenzwinkern verzichtet. Und dann klingt es! Und es wirkt auch! Eine Disziplin, die Udo Jürgens seit Jahrzehnten beherrscht, die schon seit den späten 1960er Jahren immer einen festen Platz auf seiner Alben hat, und die immer wesentlicher wird, ihm zunehmend Nährstoff beim Entstehen neuer Lieder gibt, je verrückter und überreizter unsere Welt wird.

Anno 2014 ist viel los auf der Welt und so war es fast vorhersehbar, dass Udo Jürgens die Themen aufgreift und in sein neues Album einfließen lässt. Und wie!
"Der gläserne Mensch" ist das erste (zumindest mir bekannte) Lied, was das ungeheuerliche Ausmaß der Spionageaktivitäten gegen unsere Zivilisation ganz konkret aufgreift und ungehalten Empörung, Befürchtungen und Protest musikalisch umsetzt. Nicht ganz, stimmt, denn bereits vor drei Jahren war es ebenfalls Udo Jürgens, der mit "Du bist durchschaut" das Problem des Verschwindens der Privatsphäre thematisch aufgriff. Damals allerdings eher humorvoll, in bester "Ein ehrenwertes Haus" Tradition, eben mit dem Kunstgriff Gesellschaftskritik mit einem Augenzwinkern zu servieren, und damals ging es auch mehr um die freiwillige Selbstentblößung. "Der gläserne Mensch" ist textlich und musikalisch deutlich zorniger und das Augenzwinkern wird bestenfalls noch angedeutet, im Kern aber ist das Lied bitterernst. "Zur Sicherheit - Lauschangriff. Wir werden voll überwacht. BND - NSA, wir alle stehen unter Generalverdacht... Der gläserne Mensch, gefangen im Netz, gegen jedes Recht und Gesetz!" ist nur ein Ausriss des Textes, dazu braust die Komposition auf wie ein Hochseesturm und im großen Orchester haben alle Musiker viel und schnell zu spielen. Ein absoluter Höhepunkt auf dem insgesamt außergewöhnlich starken Album.

Ein weiterer ist "Die riesengroße Gier", ebenfalls thematisch von sich in den letzten Jahren immer mehr zuspitzender Dringlichkeit. Musikalisch ähnlich kraftvoll und treibend wie "Der gläserne Mensch", geißelt Jürgens den hemmungslosen und völlig entmenschlichten Größenwahn, der ohne Netz und doppelten Boden bei kleinsten Fehlern einzelner selbsternannter Übermenschen ganze Nationen und deren Völker (zur Erinnerung, das sind Menschen!) unverschuldet in schwerste wirtschaftliche Bedrängnis bringen und sogar in den Ruin reißen kann, welch Irrsinn! "So viele Nullen unterwegs, dass auch der aller schlauste Schädel schwirrt..." lautet eine wunderbar doppeldeutige Zeile des Stückes. Besonders in den Magen fährt einem aber die Quintessenz des Liedes, die Udo Jürgens am Schluss in nur vier Zeilen zum ausklingenden Orchester mehr spricht als singt: "Nur ein Gedanke macht mich krank: Wär' diese Erde eine Bank, ich hätte glatt gewettet, sie wäre längst gerettet." Das sitzt. Das klingt nach.

Nun gibt Udo Jürgens auf seinem neuen Album nicht nur den "angry old man", bei weitem nicht. Auf "Mitten im Leben" vereint er alles wofür er seit Jahrzehnten steht und treibt es groß orchestriert zur Perfektion. Es ist der Traum eines jeden Musikers, dass ihm einmal das absolut perfekte Album glücken möge; ohne den kleinsten Makel, virtuos bis in den dezentesten Ton, bis in die letzte Silbe brillant. Nun, auch ohne rosa Fanbrille kann man Udo Jürgens quittieren, dass er (bis auf sehr wenige Ausnahmen) mit kaum einer seiner vielen Produktionen bisher allzu weit daneben lag, aber so nah dran, wie mit diesem Album, war selbst er dem perfekten Album selten.

So wie der Zorn, die gebotene Entrüstung und berechtigte Sorge in aufbäumenden Liedern widerhallt, finden sich auf dem neuen Album auch Stücke, mit einer sagenhaft poetischen Kraft und Substanz, textlich wie musikalisch. Schon das zweite Lied, nach dem dynamisch polemischen Auftakt mit "Der Mann ist das Problem", zeigt Jürgens von eben dieser empfindsamen Seite. Nachdenklich, intensiv und poetisch wie selten: "Alles Illusion, alles Träume lediglich, doch du sollst einfach wissen, was ich gerne wär für dich..." singt er zu einer traumverlorenen Piano-Komposition. Auch die vier Intermezzos, die jeweils nur etwa 40 Sekunden lang sich zwischen den zwölf Stücken des Albums wiederfinden, sind von derartig sanft bezwingender Kraft. Eindringlich und still, streut er "Dieser Tag/Unser Glück/Der Augenblick/Diese Lieder" betitelt ein paar Gedanken nur sich selbst am Klavier begleitend ein.

Auch das vereinen von Phantasie und Philosophie ist ein immerwährendes Markenzeichen von Jürgens, hier auf diesem Album mit "Wohin geht die Liebe, wenn sie geht?" mit beachtenswerten Gedanken vertreten. Im Text treten zur Liebe Strophe für Strophe Glück, Worte, Trauer und Hoffnung in angelehnter Fragestellung hinzu, und die Antworten kann man natürlich auch als pathetischen Quatsch abtun - wenn man aus Holz ist und nur das sachlich Faktische anerkennt! Man kann darin aber auch eine höhere Wahrheit erkennen, die oftmals eben doch Fakten schafft, auch wenn sie sich sachlich nicht erklären lassen.

Es gab schon einige Umfragen, nach denen Udo Jürgens (oder Menschen von seinem Schlage) gern als Kanzler oder Präsident gesehen wären. Nun, darüber sollten manche Politiker vielleicht mal angestrengt nachdenken und sich fragen, warum das so ist. Auf diesem neuen Album aber ist ein Lied, dass ihn meines Erachtens für ein noch höheres Amt qualifiziert: zum Papst! Hei, das wär ein Spaß! All die entrüsteten fehlerlosen Immerfrommen mit aus den Gleisen getragenen Gesichtszügen. Ausgerechnet Udo Jürgens! Ich meine schon. Mag sein, dass er "Alles aus Liebe" gar nicht als Gebet in Liedform gemeint hat, aber man kann es genau so hören. Lässig und mitreißend swingend zählt er Strophe um Strophe auf, was so menschelnd vorkommt, was unsere oft amüsante Artenvielfalt so alles hergibt. Und natürlich passt nicht immer alles allen. Aber solang nicht einer dem andern damit mutwillig auf die Füße steigt "Lass es alles aus Liebe geschehen". Ob man diese Bitte nun an den einen Schöpfer richtet oder aneinander, mir jedenfalls ist kein schöneres Gebet bekannt - eines was noch mehr swingt übrigens auch nicht.

Wenn das in der Duluxe-Ausgabe im Hardcover-Buch auch auffällig schön gestaltete und reich bebilderte Album mit "Zehn nach elf" still ausklingt; einem Lied, mit dem Jürgens die Leere, die sonderbar intensive Einsamkeit nach dem Konzert aus Sicht des Sängers für uns Konzertbesucher fühlbar macht; hat man eine ganz besondere knappe Stunde hinter sich.
"Mitten im Leben" ist Leben satt, in allen Facetten, mit weiten Themenbögen, musikalisch außerordentlich intensiv, eben mitten im Leben. Mitten leider nicht im Sinne von Halbzeit, dafür aber umso mehr mittendrin. Mittendrin in diesem wunderbar verrückten Leben, mit allem was elementar dazu gehört: Weinen, Lachen, Trauer, Freude, Angst, Hoffnung, Wut, Vertrauen - und Liebe!

Ach ja, und 80 wird er im September - man merkt es nicht.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 28, 2014 1:37 AM CET


Wassererzählungen
Wassererzählungen
von John von Düffel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wohltuend trocken erzählt diese Wassererzählungen, 20. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Wassererzählungen (Gebundene Ausgabe)
Irgendwie hat er es mit dem Wasser. Das neue Buch, diese Sammlung von elf zwischen nur sieben und bis zu 45 Seiten langen Kurzgeschichten, ist nicht das erste literarische Werk von John von Düffel, bei dem das nasse Element bis in den Titel hineinreicht. Schon sein erster Roman vor gut fünfzehn Jahren hieß "Vom Wasser", und in der Zwischenzeit bis zu den nun neuen gesammelten "Wassererzählungen" folgten Essays u.a. mit den Titeln "Schwimmen" (2000) und "Wasser und andere Welten" (2002).

Die früheren Werke habe ich (noch) nicht gelesen, aber für die "Wassererzählungen" lässt sich konstatieren, dass sie wohltuend trocken ausfallen. Trocken in der Sprache, trocken in den zentralen Charakteren, und vor allem: trocken in der Umschreibung der jeweiligen Emotion, und nicht zuletzt, wenn auch nur gelegentlich: in einigen Geschichten auch mit subtilem, staubtrockenem Humor. Also in allen Punkten >trocken< im allerbesten Wortsinn, niemals langweilig und wortverstiegen!

John von Düffel sprachzeichnet in seinen "Wassererzählungen" kurze Ausrisse aus Biographien, in denen der Protagonist der jeweiligen Kurzgeschichte sich selbst, seine gegenwärtige Situation einfach reflektiert, hier und da auch durch die Gegebenheiten oder das Zusammentreffen mit meist nur einer weiteren Person zum reflektieren beinah gezwungen wird, und der Leser beobachtet die Gedanken, manchmal Dialoge.

Das Wasser bildet dabei meist nur den Kontext, die Kulisse, den Anstoß für die Gedanken, und wird selten zentral und wesentlich für den Inhalt der Geschichte. Die stärkste Assoziation zum klaren, weichen und erfrischenden Nass löst vor allem die Sprache des Autors aus. Düffel formuliert mit einer seltenen Klarheit auf sein Ziel zu, ohne dabei unpoetisch im Duktus eines Sachbuchs zu werden; doch er schwurbelt nicht, er trägt nicht emotional dick auf, er kitscht nicht im leisesten Ansatz, er lässt seine Akteure klar denken, auch wenn die Szene ihr Leben und ihr Selbst zuweilen grundsätzlich in Frage stellt. Erfrischend, wie kaltes, klares Wasser sind seine Gedanken. Und wohltuend, dass er sich weicher Worte bedient. Er braucht kein Extremvokabular, keine vulgären Spitzen oder drastische Formulierungen, um den Leser wach zu halten und zum Weiterlesen zu motivieren, sondern vertraut Satz für Satz der fesselnden Wirkung seiner klugen Klarheit und seltenen sprachlichen Genauigkeit, die eben nicht in komplizierten Worttürmen das Erreichen der Spitze nur sprachlich Hochkonditionierten ermöglicht.

Am Ende der elf Erzählungen, meint man fast ein wenig klüger geworden zu sein. Nicht klüger über die Welt, klüger über sich selbst.


An Evening With John Denver
An Evening With John Denver
Wird angeboten von Multi-Media-Trade GmbH - Alle Preisangaben inkl. MwSt.
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Man kann es belächeln oder sich berühren lassen, 17. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: An Evening With John Denver (Audio CD)
Wir leben nicht lange genug, um uns selbst als musikbegeisterte Menschen mit jedem Musiker vorurteilsfrei ganzheitlich zu befassen. So verbinden wir mit vielen Namen nur einen einzigen Song, und wenn dieser dann meilenweit an dem was wir für bemerkenswert erachten vorbei geht, dann verschwindet derjenige in der ihm zugeteilten Schublade – und sei ihre Aufschrift auch noch so unzutreffend.

John Denver ist so ein hierzulande wohl häufig völlig falsch Einsortierter; bis vor kurzem auch von mir. John Denver = “Take me home, country roads“ = seichter Schunkel-Country; Schubfach auf, John Denver rein, auf Jahre unbeachtet und (ja, zugegeben) eher müde (wenn nicht gar zuweilen überheblich) belächelt.

Und dann gibt es Menschen, auf deren musikalisches Urteil man vertraut, und die einen darüber hinaus vielleicht selbst gut genug kennen, dass sie einzuschätzen imstande sind, was sie einem zumuten dürfen und entsprechend empfehlen. So fand John Denver doch noch zu mir (oder besser: ich zu ihm), trotz des unsäglichen “Take me home...“ - und ich bin dankbar dafür!

Denvers musikalische Weite ist beeindruckend! Natürlich war er ein lieber Kerl, ein anscheinend durchgängig freundliches Wesen; da ist nichts von der Coolnes eines Johnny Cash und nicht die Spur der schroffen Kauzigkeit von Bob Dylan. Und dennoch: kennt man sein Gesamtwerk (von immerhin 35 offiziellen Alben) wird man ihn eher mit den Genannten als Songwriter in eine Reihe stellen, als ihn (um im Klischeebild des oben erwähnten Schubfachs zu bleiben) mit Westernstiefel-Truckerromantik und “Volksfest im Heartland oder wilden-Westen“ zu assoziieren.

Gerade dieses erste Live-Album “An evening with John Denver“ aus 1975 bietet die Möglichkeit sich von diesem sanften, freundlichen Musiker vollkommen umhauen zu lassen; das nur auf einem Song basierende Bild von ihm gründlich zu überarbeiten. Die 2001 veröffentlichte, wirklich phantastisch remasterte CD-Auflage des Albums, vermittelt das Gefühl, man säße an einem der sieben ausverkauften Konzertabende im Sommer 1974 als einer von jeweils gut 6.000 Besuchern mit im Universal Amphitheatre in Los Angeles, bei denen die Mitschnitte für das Album entstanden, und gestattet dem unscheinbaren, damals gerade mal 31jährigen Typen auf der Bühne, einem emotional vielleicht etwas näher zu treten, als man es gemeinhin zulässt. Wenn er im späteren Verlauf des Konzerts dann natürlich auch das unvermeidliche “Country roads“ spielt und der Saal mitsingt, ist das auf einmal gar nicht mehr so schlimm, denn bis dahin hat er bereits 19 Songs gespielt, die eben nicht mehr an einem vorbei, sondern direkt hindurch gingen; mitten durchs Herz, so pathetisch es auch klingen mag. Seine ewig melancholisch klingende Stimme, die Aufrichtigkeit, die er ausstrahlt, dazu die feinsinnigen Arrangements seiner Akustik-Gitarre im Einklang mit seiner Band und einem meist zurückhaltenden Orchester (was die Songs nur behutsam ergänzt und nicht platt walzt), all das erzeugt eine sagenhaft dichte, emotionale Atmosphäre, der man sich nur schwer entziehen kann. Es kippt niemals um in geschmacklosen Kitsch oder geistesferne Gefühlsduselei, es bleibt immer auch ästhetisch schön und aufrichtig.

Kurzum: Die 23 Songs dieses Album gewordenen Konzerts (der 2001er Neuauflage wurden noch Bonusstücke anderer Konzerte der Tour angefügt) haben das Zeug, selbst die härteste Nuß zu knacken, haben die Kraft, eine skeptisch, ablehnende Haltung aufgrund vermuteter musikalischer Trivialität, in überraschte Bewunderung zu verwandeln. Vorausgesetzt, man lässt als Hörer emotionale Berührung zu.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 19, 2014 4:45 PM CET


Das Buch der von Neil Young Getöteten (suhrkamp taschenbuch)
Das Buch der von Neil Young Getöteten (suhrkamp taschenbuch)
von Navid Kermani
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aber nur die ersten paar Tage!, 3. Februar 2014
Es geht mir gemeinhin mächtig auf den Senkel, wenn ein Schreiber in seiner Rezension lediglich den Klapptext der Rückseite des zu rezensierenden Buches abschreibt und das ganze dann nur noch mehr oder minder talentiert mit ein paar Worthülsen aus dem Phrasen-Baukasten für Hobbykritiker aufhübscht; noch mehr auf den Senkel geht mir, wenn dabei der Eindruck entsteht, mehr hat der Schreiber vom Buch auch gar nicht gelesen; ganz gleich ob Feuilleton-Profi oder Freizeitaktivist.

Nun hat aber ein Feuilleton-Profi der Frankfurter Rundschau vor Jahren einen so trefflichen Kommentar hinterlassen, den der Verlag völlig verständlich werbewirksam auf der Rückseite des Buches platzierte (leider neben ein paar weiteren Satzkreaturen, die man dank lobender Allgemeingültigkeit auch auf jedes andere Buch hätte drucken können), dass ich hier nun selbst einmal etwas vom Klapptext abschreiben muss; einen Satz nämlich, der so zutreffend die aufkommende Stimmung beim lesen beschreibt, dass er einfach zitiert werden muss (ich würde ja an dieser Stelle gern den Namen des Schreibers erwähnen, nur leider wird bei derlei Zitaten immer so getan, als schrieben die Blätter sich selbst - "Wichtiges Buch" (New York Times), "zu viele Buchstaben, zu wenig Fotos" (Bild), sei es drum), also ein Kommentar aus der Frankfurter Rundschau: "Man möchte, noch im Pyjama, den nächsten Plattenladen aufsuchen und sich mit Neil Young eindecken. Mit allem, was es je von ihm gab!"

So ist es! Nun besitze ich zwar keinen Pyjama und trage demzufolge auch keinen, nenne dafür aber alle offiziellen Alben Neil Youngs mein eigen (inklusive der von ihm seit einigen Jahren in der "Neil Young Archive Series" veröffentlichten offiziellen Bootlegs) und dennoch kann ich den Impuls des Schreibers aus Frankfurt nur zu gut nachvollziehen. Navid Kermani beschreibt persönliche Lebenssituationen in einer intelligenten Hemdsärmligkeit, dass auch Neil Young sich darin erkennen würde, und streut subtil einen feinen, oberflächlich betrachtet nicht unbedingt Menschenfreundlichen Humor ein. Das ganze auf einem wohltuend hohen Sprachniveau, was leider in Literatur über Rockmusiker eher nicht die Regel ist. "Das Buch der von Neil Young getöteten" ist auch weniger ein Buch über den kauzigen Kanadier (und Navid Kermani ist als Publizist auf keinem Feld weniger anzutreffen, als auf dem des Musikjournalismus), sondern viel mehr ein autobiographisches Buch des Autoren mit Fokus auf die Rolle Neil Youngs in seinem Leben; besser der Songs und Platten von Neil Young.

Es beginnt mit den Blähungen seiner damals gerade einwöchigen Tochter und mündet über 140 Seiten, nach vielen Lebensbegebenheiten des damals 35jährigen Kermani, immer öfter in nahezu philosophischen Gedankengängen (und das keinesfalls, weil auch Philosophen zuweilen Blähungen haben, wenn vielleicht auch bedachter als unsereins und dann wohl auch eher mit bedeutungsschwerem Gesichtsausdruck vorgetragen). Neil Young ist immer präsent, irgendein Lied spielt zumindest in Gedanken, meist aber ganz konkret mit hinein; hilft verstehen, begleitet, unterstützt auf wundersame Weise, untermalt als Soundtrack eine Lebenssituation, tröstet, ermuntert, lässt genießen u.s.w.
Und natürlich geht Kermani auf etliche der Songs ein, auf ganze Alben hie und da, und man unterbricht das Lesen immer und immer wieder, läuft zum Plattenschrank, sucht das entsprechende Album heraus, legt es ein oder auf, tippt den gerade beschriebenen Song an und überprüft die Wirkung.

Doch selbst wenn man die Alben nicht griffbereit hat (und dann womöglich das dringende Bedürfnis des zitierten Schreibers oben verspürt), kann einen die beschriebene Zuneigung Kermanis und die kaum überzubewertende Bedeutung der konkreten Songs und letztlich des gesamten Werks von Neil Young für ihn, einfach fesseln und begeistern - und es könnte sein, so man Neil Young nicht schon vor der Lektüre dieses Buches für sich entdeckt hat, dass man dem Autor in einem Gedankengang, den er recht früh im Buch artikuliert, plötzlich trotzdem innerlich zustimmt:
"... aber das gehört eigentlich nicht hierhin, weil ich ein Buch über Neil Young schreibe und dieser erst in das Leben meiner Tochter trat, als sie ihn brauchte (früher glaubte ich, dass man Neil Young immer braucht, aber inzwischen denke ich, man kommt die ersten paar Tage (im Leben) auch ohne ihn über die Runden)..."
Youngs Songs werden von Seite zu Seite mehr zur selbstverständlichsten Lebenszutat, zum Schlüssel für beinah jede denkbare Lebenssituation. Und Situationen, zu denen tatsächlich kein Neil Young Song passen würde, erscheinen einem plötzlich unwert angestrebt zu werden.

Ein wirklich wunderbares Stück Literatur für Neil Young Hörer und wohl auch für jene, für die sich das Gepolter, Geschepper und Gejaule des mürrischen Anti-Rockstars bisher nicht erschloss. Nach dem Buch könnte sich das ändern.

Auch wenn ich nun nicht nochmal loslaufen muss, um mir alle Neil Young Platten ins Haus zu holen, hat das Buch erreicht, dass ich selbiges Bedürfnis verspüre, um mir weitere Bücher von Navid Kermani zuzulegen, auch wenn diese thematisch ganz anders orientiert sind; wenn auch nicht im Pyjama.


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