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Rezensionen verfasst von
Christian Günther
(TOP 100 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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The Cautionary Tales.../Deluxe ed.
The Cautionary Tales.../Deluxe ed.
Wird angeboten von ImLaden
Preis: EUR 15,39

25 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwer sympathische Schnarchnase, 18. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Cautionary Tales.../Deluxe ed. (Audio CD)
Zu ekstatischen Ausbrüchen von schier unbändiger Lebensfreude neigte Mark Oliver Everett wahrlich nie, selbst wenn er richtig gut drauf zu sein scheint (oder es vielleicht sogar tatsächlich ist). Wen wundert's, bei dieser Biographie?! Notabene: seine 2007 erschienene Autobiographie "Things that grandchildren should know" (geradezu wortwörtlich übersetzter deutscher Titel: "Glückstage in der Hölle", 2009, Kiepenheuer und Witsch) ist unbedingt lesenswert; unglaublich wie viele Katastrophen in ein halbes Leben passen; daß er dabei nur etwas schrullig und eigenbrötlerisch und nicht vollkommen wahnsinnig wurde, ist wohl tatsächlich nur durch das Ventil Musik erklärbar.

Doch zurück zum neuen Album. Nur 14 Monate nach dem vergleichsweise leichtfüßigen "Wonderful, glorious", was man gemessen am bisherigen Eels-Gesamtwerk schon beinah als rhythmisch bezeichnen konnte und wo zudem auch weitestgehend auf quer liegende, völlig unvorhersehbar polternde, krachend oder kreischende Toneinstreuungen verzichtet wurde, setzt Everett alias E samt seinen Eels nun mit "The cautionary tales of..." einen deutlichen Kontrapunkt. Nicht das Krachen, Kreischen und Poltern sind zurück, sondern der Rhythmus ist weg. So richtig. Völlig. Total.

Wie oben erwähnt, Everett und die Eels waren nie und sind nicht Ricky Martin, bewahre, aber "die abschreckenden Beispiele des Mark Oliver Evrett" sind schon erstaunlich rhythmusfrei ausgefallen. Knuckles, der Drummer der Band, dürfte sich bei der Produktion 2014 reichlich gelangweilt haben. Abgesehen von nicht vorhandenem Groove und Rhythmus, bleibt das Album auch ansonsten frei von auch nur der kleinsten Spur Leichtigkeit, selbst der im lädierten Eels-Sinne. Abgesehen vom Everettschen Wortwitz in den Liedtexten, versteht sich.
Was die Platte rettet, ist diese nicht antrainierbare Gabe (Tom Waits lässt grüßen) Melancholie und selbst Trauer zwischen den Zeilen spöttisch vorzutragen; keinesfalls nur bierernst. Das senkt 1.) deutlich die Suizidgefahr beim Hörer, auch wenn dieser vielleicht gerade nicht seine prallste Lebensphase durchschreitet, und steigert 2.) das generelle Hörvergnügen, weil das Gehörte so nicht betroffenheitsüberladen wirkt und einem nicht unablässig das Bedürfnis aufdrängt, sein herzliches Beileid ausdrücken zu müssen, sondern wohlige Nachdenklichkeit schürt. Also man kann das Album, trotz aller Schwere und völlig ausbleibendem Tempo, wirklich mögen. Nachdem für Eels-Verhältnisse schon beinah aufgeweckten Vorjahres-Album, präsentiert sich Everett hier nun eher als schwer sympathische Schnarchnase (zu der man beim Hören des Albums durchaus auch selbst werden kann, weil man, bequeme Position vorausgesetzt, möglicherweise vor lauter Ruhe wegdämmert - macht aber nichts, dann tippt man den Play-Button eben nach Beendigung des leichten Schlummers wieder neu).

"The cautionary tales of Mark Oliver Everett" ist ganz bestimmt das stillste Album der Eels bisher, ihr elftes seit 1996. Wenn man den Stil dieses ewig unausgeschlafen wirkenden Kerls, der jahrelang mehr Haare im Gesicht hatte als alle Mitglieder von ZZ Top zusammen, erst einmal mag, dann wird man kein misslungenes darunter ausfindig machen, und daran ändert sich auch mit "The cautionary tales of..." nichts. Nur früher war mehr Bart und manchmal eben doch mehr Rhythmus. Aber das kann beim nächsten Album ja auch schon wieder anders sein, das mit dem Rhythmus. Das mit dem Bart natürlich auch.

--- Ergänzung zur Deluxe-Edition ---

Inzwischen hat es ja seit bereits vier Veröffentlichungen Tradition, dass die Alben der Eels parallel auch in einer um eine zweite CD erweiterten Deluxe-Edition (zum im Grunde normalen Preis) veröffentlicht werden. Waren es bei den beiden 2010er Alben "End times" und "Tomorrow morning" noch jeweils vier zusätzliche Stücke zu den in beiden Fällen 14 Tracks auf der ersten CD, kam Anfang vorigen Jahres "Wonderful, glorious" in der Deluxe-Edition mit 13+13 daher und wurde so glatt zum Doppel-Album. So ist es auch diesmal. Neben einer Reihe Outtakes aus der Produktion (vollständig produziert, keine vernuschelten Demos), gibt es auch hier wieder einige neue, zum teil stark veränderte Versionen älterer Eels-Stücke, die Live bei Radiostationen (also ohne Publikum) gespielt wurden. Hier wird dann auch tatsächlich noch ein wenig gerockt und gerumpelt. Die Empfehlung liegt ganz klar bei der Doppel-Album-Ausgabe.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 20, 2014 6:46 PM MEST


Brother
Brother
Preis: EUR 8,99

30 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dunkel, wissend, es wird wieder hell, 11. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Brother (Audio CD)
Ob mit A-ha oder solo, wer nicht nur die großen Hits in den vergangenen dreißig Jahren eher nebenbei im Radio gehört hat, weiß, dass Morten Harket seit jeher einen Hang zu Moll-Akkorden hat und allein durch sein Stimme - egal ob mit falsettierter Kopfstimme oder erstaunlich tiefem natürlichen Gesang - jedem Song immer eine gehörige Portion Melancholie mitgibt. Selbst die großen, leichtfüßigen und tanzbaren Pophits waren nicht frei davon und konnten daher nie zu Bierzeltschunklern verkommen.
Doch insbesondere auf seinen Solo-Alben, die während der 25 Jahre währenden A-ha-Ära immer dann entstanden, wenn die Band pausierte, lebte er diese Facette besonders aus.
Egal ob 1995 das Über-Album "Wild seed" (muß man haben!) oder ein Jahr später das komplett norwegisch betextete "Vogts Villa" und auch das in der zweiten A-ha-Pause 2007 entstandene "Letter from Egypt"; sie alle kontrastierten den Arenen-Pop der Band-Alben durch ein sehr hohes Maß an introvertierter Grundstimmung. Nach wie vor melodisch eingängig, aber in der Instrumentenauswahl viel mehr an akustischen Elementen interessiert; weit weniger ausladend und obwohl meist (verhältnismäßig) rauher und schroffer arrangiert, waren sie alle erheblich stiller als die Alben mit dem A-ha-Schriftzug auf dem Cover. Es waren eben Solo-Alben, die ja auch ganz bewusst anders ausfallen sollten.

Darin unterschied sich das erste Solo-Album nach dem Finale von A-ha doch recht erheblich von den vorherigen. "Out of my hands" klang vor zwei Jahren eher wie der konsequente Nachfolger des drei Jahre zuvor veröffentlichten und enorm erfolgreichen letzten A-ha Albums "Foot on the mountain". Viel Synthesizer, viel Drum-Programmings, überwiegend temporeiche Nummern und kaum klangliche Experimente. Selbst für ein A-ha-Album wäre "Out of my hands" ungewöhnlich leichtfüßig ausgefallen, solo umso ungewöhnlicher.

Mit "Brother" kehrt Morten Harket nun mehr als deutlich zum introvertierten, gleichzeitig schrofferen und stilleren Charakter zurück, der die oben erwähnten Solo-Alben so wohlig von den zuweilen etwas zu hochglänzend polierten Band-Alben unterschied. Das wird nicht jeden freuen, andere umso mehr.

Auch wenn die zehn neuen Stücke auf "Brother" ohne Ausnahme in genehmer Popsong-Spiellänge zwischen 3:30 und ganz knapp über 4:00 Minuten verharren, wurde hier nicht auf einen kalkulierten Chart-Hit hin produziert. Das Album will kein Tempo, es will Stimmungen entfalten, besinnlich sein; nachdenklich, sperrig und gefühlvoll zugleich. Die vorübergehende Sonnenfinsternis auf dem Cover spiegelt sehr trefflich die Atmosphäre des Albums: dunkel, wissend, es wird wieder hell.

Ungewöhnlich häufig für eine Pop-Produktion (erst recht anno 2014) steht ein knarrender Bass beinah allein im Raum, angeschoben von einem schwer und ohne Eile antreibenden Schlagzeug, und Harket hat Raum für seine Stimme, die zwar auch, aber weit weniger häufig als bisher, im Falsett erklingt. Das tut der Platte gut und verstärkt ihre unfröhliche Atmosphäre. Wenn aber seine Stimme anhebt, ist sie mit bald 55 Jahren immer noch genauso beeindruckend fest und klar wie bei "Take on me" 1985.
Ungewöhnlich für eine heutige Pop-Produktion ist auch, dass die stilvoll und nicht übertrieben gesetzten Violinen-Flächen nicht via Tasten eingespielt wurden, sondern tatsächlich ein Streicher-Ensemble bemüht wurde! Sowie überhaupt Harket und sein Produktions-Partner Peter Kvint das gesamte Album zwar mit etlichen Programmings detailreich ausgarniert haben, aber im Wesentlichen ist es spielerische Handarbeit und nicht nur Knöpfchendrücken - man hört es!

Es wäre Unsinn einen einzelnen Song hervorzuheben. "Brother" funktioniert so wie ein gutes Album funktionieren sollte: als Ganzes. Eine Hit-Single wie "Take on me", "Huntig high and low" oder "Summer moved on" wird es nicht hervorbringen, aber das war wohl auch gar nicht die Absicht. Das Album hat Seele; und das ist bei Pop-Alben insgesamt eher selten.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 24, 2014 6:55 PM MEST


Leather Jackets
Leather Jackets
Wird angeboten von mario-mariani
Preis: EUR 37,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Zurecht!, 7. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Leather Jackets (Audio CD)
Bernie Taupin, seit jeher der Texter für beinah alle Elton John Kompositionen, bezeichnete das 1997er Album "The big picture" als die schlechteste Arbeit, die er und Elton John je als Album auf die Menschheit losließen. Mit den meisten der etwa dreißig Alben, die er seit 1969 gemeinsam mit seinem Kreativ-Partner schuf, sei er auch mit zeitlichem Abstand recht zufrieden, mit vielen sogar sehr, aber "The big picture" hält er für vollends misslungen.

Dem widerspreche ich entschieden! Man kann sicher abendfüllend darüber diskutieren, ob jenes von Taupin am liebsten im Hof vergrabene Album nicht hie und da tatsächlich etwas überproduziert wurde, vor lauter Klangeffekten gar nicht mehr weiß wohin mit sich, ob es die eine oder andere tatsächliche kompositorische und wohl auch textliche Schwäche mit einem Über-Arrangement versucht zuzuspachteln oder schlichtweg den Hörer mit soundtechnischem Firlefanz der Endneunziger bestrebt ist mit Vorsatz zu erdrücken, bevor diesem die substanzielle Gebrechlichkeit der einen oder anderen Nummer auf der Platte auffällt. Das wären alles berechtigte Kritikpunkte und "The big picture" ist bestimmt auch nicht das beste Elton John Album, aber in seinem verspielt technischen Sound ist es schon sehr einmalig in Johns Diskographie und bei aller Überladenheit, an vielen Stellen auch absolut stimmig.

Stellt man Elton John nun selbst die Frage nach seinem schwächsten Album, dann antwortet er regelmäßig mit: "Leather jackets". Zurecht!

Die achtziger Jahre waren sicher insgesamt nicht unbedingt die Dekade, die die meisten überdauernden Album-Klassiker hervorbrachte. Da geht es Elton John nicht anders, als vielen Musikern seiner Generation. Davor und danach gab es wahre Kunstwerke im Segment Entertainment, aber von den insgesamt neun Alben zwischen 1980 und 1989, waren gerade mal zwei wirklich durchgängig gut, alle anderen hatten zwar ihre Momente, litten aber an dem fürchterlichen Keyboard-Kling-Klang jener musikalisch unsäglichen Dekade. Die billigen Arrangements mit Spielzeug-Instrumenten wirkten sich leider zunehmend auch auf die Substanz der Kompositionen aus. (Wen wundert's, dass Elton John in diesen Jahren gerade in Deutschland-Schlagerland besonders erfolgreich war...)

1986 aber unterbot er sich selbst wirklich großzügig. Die Alben unmittelbar vor diesem ("Ice on fire" - 1985) und danach ("Reg strikes back" - 1988) holen gewiss auch keinen Kleinkunstpreis für außergewöhnliche kulturelle Leistungen und werden wohl Musikern auch nur schwerlich großen Respekt abringen, aber sie gingen doch im Großen und Ganzen in Ordnung; eben überwiegend gefällige Popmusik, nichts besonderes, aber auch nicht schlimm, sicher unter seinem Niveau der 70er und dann wieder in späteren Jahren, aber eben doch auch keine akustische Ordnungswidrigkeit. "Leather jackets" aber greift an etlichen Stellen mit beiden Händen richtig kräftig daneben (ich sag nicht wohin).

Es fängt beim Cover schon an. Diese Rocker-Pose wirkt bei Elton John nur putzig (das Foto auf der Innenseite toppt wirklich alles! - Elton & Band in Ganzkörperledermontur vor und auf chromglänzenden Motorrädern und alle gucken ganz fürchterlich entschlossen und böse - ja, nee, is klar). Würde das Album denn wenigstens auch wie plumper 1986-Stadion-Rock á la Bon Jovi "Slippery when wet" klingen, dann wäre es zwar auch nicht das, was man von Elton John allgemein erwartet, und gut wäre es ebenfalls nicht, aber doch noch um Längen besser, als das, was hier nun letztlich aus den Boxen klappert und klimpert.

Um auch was Nettes über diese Platte zu sagen: "Hoop of fire", "Paris" und "I fall apart" sind immerhin drei von insgesamt elf Stücken, die liedschreiberisch in Komposition und Text absolut großartig und über jeden Zweifel erhaben sind, dass John und Taupin ihre Fähigkeiten derzeit verloren hätten, Songs für die Ewigkeit schreiben zu können - bezeichnenderweise sind alle drei Stücke Balladen - aber auch hier wird der Gesamteindruck durch 80's-Uninstrumente schwer ramponiert. Diese drei Stücke wären es durchaus wert, heute noch einmal stilvoll instrumentiert neu eingespielt zu werden. Ein paar weitere Nummer sind schreiberisch okay, weder schlimm noch weltbewegend; da wären das Duett mit Cliff Richard "Slow rivers", "Gypsy heart" oder "Memory of love"; aber die Erde würde sich vermutlich heute noch genauso drehen und auch das Lebensglück ihrer Bewohner wäre nicht messbar getrübt, wenn sie 1986 nicht veröffentlicht worden wären.

Der Rest aber, mit fünf von elf Songs also etwa die Hälfte des Albums, ist selbst mit unerschütterlichem Wohlwollen dem Künstler gegenüber einfach nur grauenhaft zu nennen. Das definierte substanzielle Nichts in allen Kategorien. Bestenfalls uninspirierte, teils affige, manchmal fast schlagerhafte Kompositionen in schepperndem Mid-80's-Sound-Geklimper, verzweifelt versucht tanzbar zu sein, was aber für den Beobachter wohl eher einem epileptischem Anfall gleichen würde, wenn man es ernsthaft versuchte. Die musikalische Großtat "Heartache all over the world", eine jener fünf Lied gewordenen Geschmacksbeleidigungen, bezeichnete Elton John selbst vor Jahren sogar als den mit Abstand schlimmsten Song, den er jemals aufnahm. Naja, ein paar weitere Kandidaten für dieses Superlativ hätte das Album schon noch zu bieten...
Und nun noch mal zurück zum Beginn des Grauens: Was genau sollte bitte die Lederkluft suggerieren?

Elton John hat vollkommen recht: "Leather jackets" ist das schlechteste Album seiner langen Karriere; vermutlich so schlecht, dass Bernie Taupin es einfach nur schon komplett verdrängt hat und deshalb ein anderes nennt.

Als Fan sollte man diese Kuriosität natürlich trotzdem im Schrank haben, denn die paar erwähnten Balladen sind es wert gehört worden zu sein, und außerdem will man ja auch die schwachen Momente teilen, um die starken umso mehr wertzuschätzen. Davon gab es bei dem Kreativ-Team John/Taupin ja nun wahrlich außergewöhnlich viele, allerdings nicht unbedingt in den 80er Jahren und konkret 1986 überhaupt nicht. Da blitzte bestenfalls kurz die Ahnung eines ganzheitlich guten Songs durch, um dann jäh in klanggemanschter Geschmacklosigkeit zu verenden.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 8, 2014 8:58 AM MEST


Das halbe Haus
Das halbe Haus
von Gunnar Cynybulk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ... denn es zieht sich eben nicht, 3. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Das halbe Haus (Gebundene Ausgabe)
Das könnte sich aber hinziehen, dachte ich, eher unterbewusst als konkret, schon beim Lesen der ersten 20-30 Seiten des Debüt-Romans von Gunnar Cynybulk. Auch nach weiteren 50 Seiten schwebte dieser Gedanke immer wieder mal an mir vorbei; doch aus immer größer werdender Entfernung und auch in zunehmend länger werdenden Intervallen; irgendwo um Seite 100 war er dann endgültig weg, und blieb weg, der Gedanke, er kam nicht wieder. Bis zur letzten Seite 572 tauchte er nicht mehr auf, denn es zieht sich eben nicht! Was ich befürchtete entpuppte sich alsbald als Genuss und als eine beeindruckende Recherche- und/oder Erinnerungsleistung, gepaart mit einem nüchtern stilvollen literarischen Talent.

Was ich anfangs noch als sich zu lang über das Buch hinziehenden Füllstoff annahm, gerät zu einer ganz wesentlichen Facette des Buches und wird neben der eigentlich zu erzählenden Geschichte ganz bedeutsam für die Atmosphäre, die Cynybulk in seinem Roman erzeugt. Unablässig und detailliert bis in die kleinsten Nebensächlichkeiten des Alltags; seien es Gegenstände oder Orte, seien es Redensarten und Gebräuche oder Ereignisse und darauf beruhende Empfindungen; schildert er DDR-Alltag aus der Sicht von drei Generationen einer Familie. Doch er flechtet dies so gekonnt in den eigentlichen Erzählstrang ein, dass es an keiner Stelle wirkt wie ein gezielter historischer Vortrag über den Lebensalltag in dem 40 Jahre durchexerzierten Großexperiment >als Rechtsstaat und Demokratie getarnte Diktatur, Misswirtschaft und Drangsalierung verbrämt mit ideologischem Nonsens<. Durch "Das halbe Haus" sieht, hört und riecht man die DDR wieder, man erinnert Kleinigkeiten, die in dem Vierteljahrhundert seit ihrer Auflösung in Wohlgefallen längst in die Erinnerung abgesunken sind. All diese kleineren und größeren Unnötigkeiten, die völlig unbeholfene Rhetorik beinah aller Parteikader, die dummdreisten Versuche krachendes Unrecht als das bessere System zu verklären, all die Einheitsgegenstände (ob Schrankwand oder Tuschkasten, Bettwäsche, Geschirr, Kassettenrekorder, Moped oder Urlaubsreiseziel), all die Tricksereien der vielen Millionen geistig normal gebliebenen, um sich vor den Schergen dieser bei jeder Gelegenheit Friedenstauben in den Himmel aufsteigen lassenden Kohorte von Verbrechern zu schützen, all die amtlichen Albernheiten (Fahnenappelle, Parteisekretäre in jedem Betrieb, das Verbot Bürger (oder besser Insassen) der DDR nur als Deutsche zu bezeichnen und stattdessen auf die Bezeichnung als Bürger der DDR zu pochen, ABV, oder zum Luftschutzbunker erklärte Lagerräume etc.), all das ist plötzlich wieder da, all das lässt Cynybulk Revue passieren ohne es auch nur einmal überzubetonen. Konsequent durchziehen diese genau und nüchtern geschilderten Details sprachlich lesenswert schön das gesamte Buch, eingeflochten in die Geschichte der halben Familie in dem halben Haus.

Zum konkreten Inhalt des Romans verweise ich auf die lesenswerte Rezension der Kollegin HG vom 13.März 2014, das bedarf hier keiner Wiederholung. Noch besser: lesen Sie den Roman einfach selbst - es lohnt sich! Denn ganz unabhängig von der fesselnden Kraft dieser Geschichte, der durch Kriege, Diktaturen und auch ganz unpolitische Schicksale halbierten Familie, ist der literarische Stil des Autors eine Entdeckung. Seine unprätentiös klare Sprache, seine Fähigkeit jedem Protagonisten im Buch einen unverkennbar eigenen Duktus zu verleihen, der Aufbau und die Schichtung des Romans, machen "Das halbe Haus" zu einem wahrlich besonderen Buch in der Flut an neuen Romanen, die gerade zur Zeit rund um die Buchmesse den Markt überschwemmt.

Emotional eindringlich, doch niemals pathetisch; historisch faktisch, nicht wertend, erzählt Cynybulk eine Geschichte, die so oder so ähnlich viele Male insbesondere in den Jahren nach dem Mauerbau (pardon, der Errichtung des Antiimperialistischen Schutzwalls) 1961 in der DDR gelebt wurde. Eine Geschichte, die keiner Überstunden schiebenden Phantasie entsprungen ist. Eine Geschichte, die so oder so ähnlich wohl auch die des Autors ist.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 8, 2014 12:21 AM MEST


Was immer auch kommt
Was immer auch kommt
Preis: EUR 6,66

18 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jazz auf Pop gebürstet oder umgekehrt oder beides?, 28. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Was immer auch kommt (Audio CD)
Auf jeden Fall ist alles was tönt und Geräusche macht von Hand gespielt; die Instrumente stammen nach wie vor aus dem Jazz-Baukasten und die Musiker in Ciceros Band lassen die Jazz-Schule bei allem deutlich durchklingen - gut so! Schon beim Einstieg ins Album mit dem Titelsong "Was immer auch kommt" raschelt relaxt ein Schlagzeug ein paar Sekunden allein los, bevor dann Klavier und Sänger hinzukommen. Lupenreinen Jazz für Puristen bietet das Album, wie auch schon der Vorgänger "In diesem Moment" vor zweieinhalb Jahren, dennoch nicht, jedenfalls nicht in Gänze.

Den Weg in Richtung Pop für Erwachsene mit etwas weniger Bigband Sound, der seine früheren Produktionen prägte, geht Roger Cicero mit diesem Album noch einen Schritt weiter, doch auch das ebenfalls nicht in Gänze. Die Vorab-Single "Wenn es morgen schon zu ende wär'" hat mit Jazz eigentlich nicht mehr viel zu tun, was die Nummer aber nicht weniger brillant macht. Dem Nachdenken über die Unvorhersehbarkeit des Zeitpunkts des eigenen Ablebens mit derartiger Leichtigkeit eben nicht nur in der Melodieführung sondern auch im Sound zu begegnen, macht das Lied besonders. Da ist keine Schwermut, kein großes Pathos, sondern einfach nur klares lebensbejahendes Bekennen gerne zu leben und die Motivation, die Zeit nicht zu vergeuden. Ein großes Bigband-Arrangement hätte vor Überschwang vermutlich die Aussage verschütt gehen lassen; ein zartes Jazz-Klangkleid wiederum, der Nummer wohl zu viel Melancholie eingehaucht. Sie ist so genau richtig.

Derlei Stücke finden sich einige auf "Was immer auch kommt". Besonders gelungen "Glück ist leicht" und "Wenn du die Wahl hast". Substanzielle Gedanken in federleichtem Groove, musikalisch fein ausgearbeitet - kein Jazz ist manchmal eben auch eine Lösung. So ist es Cicero gelungen sein Spektrum klanglich und thematisch zu erweitern, ohne seine Liebe zum Jazz und handgemachter Live-Musik zu verraten. Eingängiger Pop mit reichlich Jazz-Anleihen ist vielleicht nicht die hohe Kunst, die in verqualmten Jazz-Kellern für enthusiastische Beifallsstürme sorgt, aber es bringt erheblich mehr musikalisches Niveau in die großen Mehrzweckhallen, die Cicero auf seinen Tourneen füllt, im Vergleich zu dem, was dort sonst häufig akustisch von der Rampe fällt. Er macht das gut. Man sollte die Messlatte dort lassen, wo sie hingehört.

Und der Jazz findet ja auf seinem neuen Album auch nach wie vor statt. Vor allem diesmal wieder mehr in kleiner Besetzung, also nicht unbedingt immer die ganze Bigband auf einmal und auch an nicht unbedingt erwarteten Stellen.
So z.B. bei dem Stück "Straße"; nach der Adaption von "König von Deutschland" auf "Männersachen - Live" (2007) nun schon die zweite Reminiszenz an Rio Reiser. Beim Original von Reisers letztem Album "Himmel und Hölle" (1995) rutscht eine Gitarre etwas schief durch die Melodie und ein männlich-bärenstimmiger Gospelchor grummelt in wortlosen Lauten den Background. Reiser schrieb viele zweifellos wirklich großartige Songs, seine Klangästhetik war zuweilen aber doch sehr eigen. Cicero und seine Musiker nahmen nur Melodie und Text und trugen das Stück in den oben erwähnten verqualmten Jazz-Keller, wo das Album sich insgesamt nicht allzu häufig aufhält. Ein knarzender Bass, ein besenbespieltes Schlagzeug und ein deprimiertes Klavier hieven das Stück in eine lupenreine Blue-Hour-Atmosphäre; klischeehaft und einfach wunderbar.

Insgesamt öffnet Cicero auf seinem neuen Album den Fächer seiner stilistischen Möglichkeiten weiter als bisher. Ob nun all jene, die im Vergleich zum letzten Album gern doch wieder etwas mehr Jazz, und jene die durchaus gern noch mehr Pop gehabt hätten, sich auf diesen Spagat einigen können, wird sich zeigen. Musikalisch hochwertig ist alles, egal welchem Gefilde er von Song zu Song auch gerade näher ist; er trennt die Stile nicht, er vereint sie zu etwas ganz eigenem, ausgesprochen gelungen.


Bei allem sowieso vielleicht
Bei allem sowieso vielleicht
Preis: EUR 14,99

18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Textkrämpfe zu handwerklich guter Songwriter-Musik - Weniger gequält witzig wäre besser, 22. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Bei allem sowieso vielleicht (Audio CD)
... denn wirklich originell humorvoll sind die meisten der Texte eben leider ganz und gar nicht, und in den wenigen Ausnahmen, wo es thematisch dann doch mal ernsthafter zugeht, entwickelt das Album durchaus einen gewissen Charme (bei "Weiter, weiter unterwegs" z.B.).
Auch wenn das, was einen das Album nach gut 45 Minuten irgendwie ratlos zur Seite legen lässt, nun schon raus ist, und zumindest für mich so schwer wiegt, dass ich die Platte wohl kaum ein zweites mal durchlaufen lassen werde, gibt es durchaus auch Grund zu ehrlichem Applaus.

Die Band ist wirklich ein Genuß, Beckmann eingeschlossen. Spielerisch und kompositorisch passiert das Dutzend Songs irgendwo zwischen Singersongwriter-Folk á la Bob Dylan und einem jazzigen Hauch leichtesten Blues, wie meinetwegen bei Hugh Laurie. Spröde und durchgehend entspannt versuchen die Musiker nicht eine neue Facette des Musizierens auszuloten, sondern spielen einfach nur unverschämt lässig und gut. Nordisch unprätentiös wird das überwiegend akustische Instrumentarium zum Musizieren genutzt und nicht zu olympischen Sportgeräten verwandelt. Wohltuend! Dazu wurde das komplette Album ausgesprochen gut produziert; der Klang ist transparent, nah und warm und die Instrumente ganz und gar perfekt abgemischt. Und auch wenn Reinhold Beckmann in diesem Leben kein Sänger mehr wird, sind seine Fähigkeiten diesbezüglich keinesfalls zum sich fremdschämen. Nur sollte er gar nicht erst das Belcanto versuchen; zuweilen tut er's und scheitert, da wo er seiner natürlichen Klangfarbe folgt, klingt seine mittige Stimme passabel und durchaus angenehm.

Aber warum die verstolperten Texte? Warum sollte es denn überhaupt überwiegend witzig werden? Abgesehen davon, dass man von Beckmann auch gar keine Texte mit Schmunzelstellen in jeder zweiten Zeile erwarten würde, wäre es ja kein Problem, wenn das Ergebnis wirklich originell wäre. Doch auch wenn Frank Ramond beim Texten Pate stand, der u.a. für Ina Müller oder Annett Louisan durchaus pfiffige Songtexte ablieferte, blieb das Originelle hier irgendwo zwischen Idee und Umsetzung stecken. Übrigbleiben bemühte Formulierungen, denen man noch anmerkt, dass sie ein Augenzwinkern vermitteln sollen, aber sie geraten so hölzern, dass das Augenzwinkern eher wie ein Gesichtskrampf anmutet. So bleiben es nichtssagende pointenlose Shortstorys, wenn auch musikalisch ausgesprochen gut und hörenswert umgesetzt, sofern man dem stilistisch folgt.

Sollte ein weiteres Album textlich zur Musik passender, ernsthafter geraten (oder meinetwegen in Teilen auch witzig originell und beachtenswert), kann es richtig gut werden und jene begeistern, die gern relaxter, handgemachter Musik zuhören. Dieses aber wird nur aus Sympathie zum Menschen Reinhold Beckmann im Plattenschrank eingereiht und dort vermutlich Moos ansetzen. Schade.

ANMERKUNG ZUR BEWERTUNGSFLUT:
Es scheint ja bei diesem Album geradezu geboten, dass man erwähnen muss, es gekauft und gehört zu haben, weil eine ganze (völlig unglaubwürdige) Flut an positiven Bewertungen und eine ebensolche Flut an drastisch schlechten Bewertungen eingegangen sind. Letztere haben in ihrer Empörung mein Verständnis und erfüllen als Korrektiv zu dem verzapften Unsinn irgendeines Marketing-Genies absolut ihren Zweck; berechtigt sind sie ebenfalls, wenn auch in der Sache, nämlich irgendwie das Album zu charakterisieren, natürlich auch wenig aussagekräftig.

Welch Trottel (das ist beleidigend, ich weiß, und genau das soll es auch sein) hielt denn die komplette potentielle Zielgruppe für so meschugge, dass nicht recht rasch irgendwem auffällt, dass ein Album, was nicht gerade ein Top10-Anwärter ist, binnen kürzester Zeit 30-40 Jubel-Dreizeiler-Bewertungen erntet, die vor Überschwang und Ehrerbietung ganz berauscht Pirouetten drehen und komischer weise (fast) ausnahmslos von Rezensenten stammen, die nie zuvor auch nur eine andere Rezension verfassten!?
Sollten wir demnächst aus den Medien erfahren, Herr Beckmann hat einen Mitarbeiter seiner Plattenfirma/Managements/Agentur über Stunden ohne Unterlass geohrfeigt, dann sollten alle, die dieses Schauspiel hier mitverfolgt haben, ihm als Zeugen beistehen und bestätigen, dass es sich nicht um vorsätzliche Körperverletzung handelt, sondern um eine Hilfsmaßnahme: er wollte mit den gleichmäßigen Ohrfeigen nur dafür sorgen, dass das Hirn des Betreffenden wieder dahin rutscht wo es hingehört und sich wieder einrenkt; die glühenden Wangen, sind da das geringere Übel.

Wer solche Marketingstrategen hat, braucht keine Fans mehr.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 1, 2014 7:37 PM MEST


Gelobtes Land (handsignierte EP)
Gelobtes Land (handsignierte EP)
Wird angeboten von heinzman1
Preis: EUR 39,00

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dylan? Springsteen!, 21. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Gelobtes Land (handsignierte EP) (Audio CD)
Potentiell kämen einige Nummern des neuen Maffay-Albums als weitere Single-Auskopplungen infrage, nachdem mit "Halleluja" bereits ein überwältigender Vorbote die Qualität der Scheibe andeutete. Dass die Wahl nun auf "Gelobtes Land" fiel, ist so verständlich wie überraschend zugleich.
Verständlich, weil der Song aus den 15 beinah durchweg starken Nummern anno 2014 doch noch ein wenig herausragt und unverschämt gut geraten ist; weil er mitreißt, eingängig ist und sich sofort festsetzt. Überraschend, weil er mit beinah sechs Minuten Spielzeit für eine Single viel zu lang ist (Radiosender hätten es gern möglichst nah an drei Minuten; je näher, je größer die Chance, dass er vielleicht auch mal gespielt wird) und überraschend umso mehr, weil er einer der härtesten Songs auf "Wenn das so ist" ist (und Radiosender im Formatradioland allzu krachende Gitarren-Stürme und wummernde echte Schlagzeuge so gar nicht mögen, denn das könnte ja den kulturell neutralisierten Hörer beim Nebenbei-dudeln-lassen des Radios allzu sehr aus der eingelullten Balance werfen und ihn verstört umschalten und so den nächsten Werbeblock verpassen lassen - ist eh wurscht, denn mit aktuellen Singles findet Maffay, so erfolgreich er auch ist, im Radio ohnehin kaum statt, weil es für das eine Radioformat zu ruppig ist, für das andere zu wenig hip und zu deutsch und aus Prinzip schon zu uncool, x-fach Platin Alben und gigantische Tourneen seit 35 Jahren hin oder her).

Zum Song:
Das kuriose an "Gelobtes Land" ist, dass es zwar eine Adaption eines uralten Bob Dylan Songs sein soll, aber klingt wie eine neue frische Springsteen-Nummer, wie sie die Herren der E-Street-Band nicht hätten besser machen können!
Seit das Album Mitte Januar erschien, habe ich einige male unmittelbar nach "Gelobtes Land" Bob Dylans 1963 veröffentlichtes zweites Album "The freewheelin' Bob Dylan" aus dem Regal gepolkt und gezielt Track 2 angesteuert - "Girl from the north country" - eben jenen Song, der angeblich das Fundament zu "Gelobtes Land" bildet. Nun halte ich mich musikalisch durchaus für einigermaßen bewandert, und wenn andere Musiker Dylan-Songs adaptieren entstand daraus schon so manches Wunder (und ich sage das mit größter Zuneigung und Bewunderung für den kauzigen Meister) und die Songs fingen erst durch dritte bearbeitet so richtig zu leben an, aber verflixt: entweder habe ich was an den Ohren oder doch weit weniger Musikverstand als eingebildet; aber ich höre es nicht! Das sind zwei von Grund auf verschiedene Songs! Der Text sowieso, klar, andere Sprache, anderer Inhalt, das Arrangement ebenso, auch klar; Dylan fummelt da was auf der Akustik-Gitarre zurecht und quält die Mundharmonika bis die Lautsprecher zu Staub zerfallen (ich liebe ihn wirklich und auch den Originalsong!), dass Maffays Gitarren-Gewitter plus einem göttlichen Everette Harp am Saxophon, der übrigens spielt als wäre Springsteens Buddy Clarence Clemons wieder unter uns (und er ist ihm auch optisch verflixt ähnlich!), dass all das die Wirkung stark verändert, ist ebenfalls selbstverständlich - aber selbst die Gesangsmelodie erinnert nicht im Ansatz an Dylans Original!? Warum Maffay sich die Tantiemen entgehen lässt, ist mir ein Rätsel. Dylan selbst hätte vermutlich nicht bemerkt, dass da eine handvoll Akkorde irgendwie seiner 50 Jahre alten Nummer entliehen sind.

Dafür wird Herr Springsteen sich wohl fragen, warum ihm der Song nicht eingefallen ist. Die Parallelen zwischen Maffay und seiner Band und Springsteen and the E-Street-Band sind seit Jahrzehnten offensichtlich und mehr noch "offenhörlich". Beide selber Jahrgang (Maffay ist nur drei Wochen älter), sehr ähnlicher Habitus, beide der Inbegriff von Workaholic und ehrlicher Haut, beide ein Hang zu Pathos und kraftvoller Emotion und zu drei Stunden dauernden Konzerten, beide definieren sich über ihre Band, beide fühlen sich mit Staub an den Stiefeln wohler als mit Lackschuhen auf roten Teppichen, auch Dylan verehren beide u.s.w. Dass der Kern von Maffays Band auch schon gelegentlich mit Springsteen spielte und umgekehrt, der schon erwähnte Clarence Clemons 1991/92 ein Maffay-Album mit einspielte und die anschließende 50 Konzerte umfassende Tour begleitete, fügen dem Mosaik der Brüder im Geiste noch ein paar Steinchen hinzu.
Bei "Gelobtes Land" nun aber gewinnt man tatsächlich fast den Eindruck, als spiele Springsteen Dylan auf deutsch. Mehr E-Street-Band könnte auch die E-Street-Band nicht - einfach nur gewaltig, ein Sturm! Und das gelobte Land - the promise land - findet in dutzenden Songs von Springsteen Erwähnung, es ist geradezu eine Schlüsselformulierung in Springsteens Rocklyrik, bis hin zum sogar ebenso betitelten Song auf "Darkness on the edge of town" (1978). Die Metapher passt einfach - zu beiden, und wirkt authentisch.

Zur gesamten EP:
Da Singles als gepresste CD heutzutage kaum mehr wirtschaftlich sinnvoll sind - zumal Maffay schon seit den frühen 1980er Jahren nur marginale Singleabsätze vorweisen kann, eben weil seine Alben sich konstant in gewaltigen Zahlen verkaufen und kaum wer dann eine daraus ausgekoppelte Single zusätzlich im Regal braucht - ist es umso erfreulicher, dass ab und zu wieder das Format der EP zu neuem Leben erwacht, wo der Single-Titel mit Inhalt angereichert wird, der nicht auf dem dazugehörigen Album zu finden ist; für den Fan also ein wirklich lohnender Mehrwert über das Cover hinaus.

"Gelobtes Land" in der fast sechs minütigen Album-Version ist hier sicherlich am entbehrlichsten, da zu unterstellen ist, dass jeder denkbare Käufer dieser EP das Album bereits hat. Auch die um gut zwei Minuten auf 3:45 kastrierte Radio-Edit, wurde zwar durch das Weglassen des langen Intros und durch ein paar anderen Schnitte nicht völlig verhunzt, einen Mehrwert und somit einen Kaufgrund stellt diese drastische gekürzte Fassung nun aber wahrlich nicht da; es ist immer noch dieselbe Aufnahme, eben nur weniger.

Der Mehrwert liegt in den drei Live-Versionen auf dieser EP (die zusammen fast 21 Minuten beanspruchen!). Der Titelsong natürlich und das epische "Halleluja", letzteres mit gut acht Minuten Spielzeit die Studiofassung noch weit übertreffend. Beide mitgeschnitten bei dem Albumpräsentationskonzert im Münchener Zenith, zwei Tage vor der Veröffentlichung von "Wenn das so ist", was Live in 72 Kinos übertragen wurde (und notabene am 03.04. noch einmal in 30 weiteren Kinos als Konserve gezeigt wird!).

Jeder der es erlebt hat wird bestätigen: das Konzert war intensiv und gewaltig, obwohl oder vielleicht gerade weil ausschließlich das neue Album gespielt wurde - und wie!
Da man (ich denke berechtigt) hoffen kann, dass dieses Konzert im Laufe des Jahres noch als offizielles Live-Album mindestens als DVD veröffentlicht wird (es war einfach zu gut, um es im Archiv den Motten zu überlassen), wäre der Mehrwert dieser EP spätestens dann doch wieder obsolet, wenn da nicht noch eine Version von "Gelobtes Land" wäre.
Zum insgesamt vierten mal taucht die Maffay-spielt-Dylan-im-Springsteen-Sound-Nummer in einer als Akustik-Version deklarierten Variante auf. Und allein dafür lohnt die EP, da nicht davon auszugehen ist, dass das Radiokonzert beim NDR, wo diese Aufnahme vor einigen Wochen entstand, je veröffentlicht wird, und weil diese Version sich doch sehr deutlich von der Studio- und Live-Version in voller Besetzung unterscheidet. Rein akustisch ist sie zwar nicht, die Bezeichnung "Stripped-Version" hätte es besser getroffen, aber sie ist im Vergleich doch sehr viel reduzierter gespielt und entfaltet eine sehr eigene Wirkung.

Nicht zuletzt ist zumindest für Sammler und Liebhaber auch das Cover (erst recht in der limitierten von Maffay signierten Auflage - es ist nicht nur gedruckt!) ein Argument. Im doppelt aufklappbaren Digipack, kommt die EP reich bebildert mit einem Booklet in einem Einschub und einem Mini-Poster (das Covermotiv in 4facher Bookletgröße) in einem weiteren Einschub daher, die CD sitzt dazwischen auf einem festen Tray.
Kurz: ein lohnendes Sammlerstück; eine EP rund um einen starken Song, mit Inhalten die selbst wenn man das Album hat (und das hoffentlich kommende Live-Album haben wird) exklusiv nur hier zu finden sind, und all das in einer rundum gelungenen Aufmachung.


Blood and Bones
Blood and Bones
Preis: EUR 17,49

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Irisch-Amerikanischer-New-Folk-Urban-Rock-Singer-Songwriter-Pop, 6. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Blood and Bones (Audio CD)
Sie dürfen sich angesichts der Überschrift gern zwei-, dreimal mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen; ich nehme es Ihnen nicht übel. Genau das hätte ich nämlich getan, hätte ich diese zeilenfüllende Wortkette, die übrigens dem offiziellen Pressetext zum Album entnommen ist, gelesen, bevor ich das Album hörte. Es hätte eigentlich nur noch die Erwähnung von Heavy Metal, New Jazz und Hiphop gefehlt, um dann die Überphrase "da ist für jeden Geschmack etwas dabei" anzubringen, die zumindest gefühlt in jedem zweiten Pressetext in unbeholfenen Variationen auftaucht; keineswegs nur von Musikalben, auch bei Filmen, Urlaubsreisen und Hundefutter.

Ich habe den Text erst später gelesen, auf der Suche nach irgendwelchen brauchbaren Informationen über Künstler und Album, die (noch) kaum zu finden sind; seine Homepage ist recht wortkarg was Biographisches betrifft, und auch weiterführende Artikel gibt es (noch) nicht über ihn, denn (noch) ist SJ McArdle nicht sonderlich bekannt oder gar berühmt. Ein guter Freund drückte mir vor einigen Tagen die Platte in die Hand und kommentierte die Schenkung lediglich mit den Worten: "Das musst du gehört haben; diese Scheibe rotiert bei mir seit Tagen in der Endlosschleife." Auf meine Nachfrage, was mich denn erwarte, reagierte er beinah wortlos achselzuckend und setzte mit "Hör es einfach, ist wirklich toll." ein dickes Ausrufezeichen hinter sein Achselzucken. Nun er hätte auch Irisch-Amerikanischer-New-Folk-Urban-Rock-Singer-Songwriter-Pop sagen können, aber er hatte den Pressetext vermutlich ebenso nicht gelesen, und selbst wenn, hätte er gewusst, dass er mir das unmöglich zur Antwort geben kann, weil ich mich dann umgehend ernsthaft besorgt nach seinem geistigen Gesundheitszustand erkundigt hätte; und wirklich schlauer wäre ich auch nicht gewesen.

Erwartungsvoll legte ich das Album also ein. Abgesehen von spontaner Begeisterung über die baumfällende, markant eigene, charismatische Stimme von SJ McArdle, dachte ich nach den ersten Songs: das klingt wie Irisch-Amerikanischer-New-Folk-Urban-Rock-Singer-Songwriter-Pop!
Zugegeben, ich bin mir nicht sicher ob wirklich in ebendieser Reihenfolge, aber exakt diese Assoziationen hüpfen einem beim ersten Hören tatsächlich durchs Großhirn. Das klingt wie ein irischer Songwriter, der sehr starken Nashville Einflüssen ausgesetzt war, mit viel Folk und einer kräftigen Beimischung von saftigen Rockelementen bei einigen der Songs.
Die Songs sind durchweg nicht nur ideenreich gespielt und thematisch vielseitig, sondern auch schreib-handwerklich unanständig gut gemacht. Gerade bei Singer-Songwritern-Alben besteht häufig die Gefahr, dass, abgesehen vom Text und ein paar unterschiedlicher Nuancen durch Einstreuung einzelner markanter Instrumente, ein Lied häufig klingt wie das andere. In diese Falle tappt McArdle nicht, eben weil er eine stilistische Genre-Wortkette zurecht über sein Album schreiben kann.

Manchmal haben offizielle Album-Pressetexte also in ihrem ungelenken Streben nach Allgemeingültigkeit, um möglichst jede Zielgruppe zu kitzeln, also tatsächlich doch recht; im vorliegenden Fall auch mit der löblichen Aussparung der Behauptung, dass für jedermann etwas dabei sei, denn für Heavy Metal, New Jazz und Hiphop-Entusiasten ist "Blood and bones" definitiv nix. Bei allen andern aber, vor allem bei Freunden authentischer, handgemachter Musik, besteht akute Dauerrotationsgefahr.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 21, 2014 12:21 AM CET


Vergesst Deutschland!: Eine patriotische Rede
Vergesst Deutschland!: Eine patriotische Rede
von Navid Kermani
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 3,99

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine patriotische Rede, 2. März 2014
Ich mag dieses Land, wahrscheinlich liebe ich es sogar, auch wenn ich permanent an ihm leide; und seine Menschen, mitsamt des oft schwer begreiflichen Volkscharakters, der mit seinen bewundernswerten Stärken und kaum erträglichen Schwächen auch von mir zu einem winzigen Teil gespeist wird. Und deshalb werden ultralinke Ideologen, die sich in ihrer uferlosen Selbstverneinung zu Parolen wie >Deutschland verrecke< hinreißen lassen, immer mit meinem vehementen Widerspruch rechnen dürfen, mit verständnisloser Fassungslosigkeit ohnehin.

Denn zwischen diesem psychologisch schon bedenklichen Selbsthass, der einer völligen Entwurzelung gleichkommt, und einem ideologisch zur Selbstkritik unfähigen und sich selbst erhöhenden Nationalstolz, ist viel Raum, für ein ehrliches und ehrbares Gefühl, dessen man sich nicht erwehren sollte.

Nun titelt Navid Kermani >Vergesst Deutschland!< seine Anfang 2012 in Hamburg gehaltene Rede zur Eröffnung der Lessing Tage, die in etwas erweiterter Form hier nun als 40seitiger Essay vorliegt, und ist mit diesem Titel im Grunde gar nicht so weit weg von den oben erwähnten Parolen. Doch er untertitelt diese provokante Zeile entschieden mit >Eine patriotische Rede<. Ein Widerspruch? Eben nicht! Zumindest dann nicht mehr, wenn man seinen Ausführungen gefolgt ist.

Unter dem Eindruck der damals erst wenige Monate zuvor offenbar gewordenen Zusammenhänge der NSU-Mordserie und den Geist Lessings zentral in seine Überlegungen einbezogen, gelingt Kermani eine Tour d'Horizon mit Blick auf die deutschen Literaturgroßmeister durch die letzten Jahrhunderte - also auch und insbesondere vor dem Irrsinn der tausend Jahre zwischen 1933 und 1945 - und er zeigt, dass diese zerrissene Haltung dem eigenen Land und Volk gegenüber keineswegs erst nach Adolf Nazi aufkam; eine fälschliche Annahme manch Möchtegerndeutschstolzer, die diese Distanz zum eigenen Volk und Vaterland gern als aufoktroyierte Kriegsfolge beweinen, die es doch nun endlich abzustreifen gelte. Ob Goethe, Heine oder Hesse, ob Immanuel Kant, Thomas Mann oder G.E.Lessing, sie alle standen der Deutschtümelei ihrer jeweiligen Zeit mindestens skeptisch, wenn nicht ablehnend gegenüber, wie jedweder nationalen Überbetonung auch in den anderen Staaten Europas. Mangelnde Heimatliebe, kann man wohl aber keinem der genannten Dichter und Denker vorhalten.

Und genau das ist der Punkt, den Kermani ausmacht. Die Liebe zur Heimat, ist so natürlich, so völlig selbstverständlich und so wenig verwerflich wie die Liebe zu seinen Eltern, und wohl auch für das Seelenwohl nötig. Aber zur Nation? Noch dazu überfrachtet mit ideologisch aufgepumptem Stolz und daraus leider oftmals resultierender (psychologisch leicht erklärbarer) sich selbst und seines gleichen Besserdünkerei?

Wenn Patriotismus sich am Nationalstaat festmacht, samt heimatlicher Exklusivattribute, deren Fehlen als Wertigkeitsmangel bei allen Fremden definiert wird, dann ist das Ausgrenzen und Umschlagen in Auseinandersetzungen bis hin zur offenen Gewalt in der Unsinnigkeit des Anspruchs von vornherein festgeschrieben (und in der Geschichte - keineswegs nur in Deutschland! - ja nun auch schon zur genüge durchexerziert).
Die Nation oder der Nationalstaat ist nicht nur eine relativ junge Erfindung der Menschheit, und allein schon daher nicht sonderlich geeignet für patriotische Gefühle, sondern per se eine (zweifellos sinnvolle) politische Einrichtung, die übergreifend Ethnien und Kulturen in einer politisch-geografischen Einheit zusammenfasst; also ein rein technisch-institutionelles Gebilde. Bis auf einige wenige Zwergstaaten gibt es keine Nation auf dieser Erde, die heimatlich-patriotischen Gefühlen zu Brauchtum und Zungenschlag gerecht würde. Begriffe wie Nationalpatriotismus oder Nationalstolz sind in sich Wort gewordener Unfug und leider ganz und gar dazu geeignet, einen kulturellen Hoheitsanspruch (meist der bevölkerungsreichsten oder wirtschaftlich mächtigsten Volksgruppe einer Nation) für die ganze Nation herzuleiten, der schlimmstenfalls in die Katastrophe führt.
Kulturelle Diversität ist die Regel in der Konstruktion beinah aller Nationen und jede auf Unbehagen oder gar Angst basierende Argumentation, dass durch Überfremdung die kulturelle Homogenität in Gefahr gerate, ist aus nationalstaatlicher Sicht gelinde absurd, weil kulturelle Homogenität in beinah keiner Nation bei ihrer Gründung ins Stammbuch geschrieben wurde.

Lessing ersehnte einen Patriotismus als Weltbürger, der ihn seinen deutschen Patriotismus vergessen lässt. Daran lehnt Kermani seinen Titel an. Heimatliebe und Zugehörigkeitsgefühl, auch die Notwendigkeit sich in bestehende Strukturen zu integrieren (auch als Preuße in Bayern, oder als Schwabe in Friesland, keineswegs nur als Türke in Düsseldorf!), um die nativen Gegebenheiten der dort ansässigen Mitmenschen nicht zu brüskieren, stehen deshalb ausdrücklich nicht in Abrede.

Kermani ist Iraner, 1967 in Siegen geboren, lebt in Köln und ist u.a. Mitglied der DASD (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung) und hat mit seiner Arbeit, seinen Büchern und Vorträgen, ganz sicher mehr für dieses Land, sein Deutschland, und besonders für die deutsche Sprache geleistet, als so manch ein Stammtischpatriot, der seinen diffusen nationalen Stolz eigentlich nur mit der Gnade der Geburt begründen kann.

Dabei darf die Lesart dieses Essays nicht die sein, dass ein Verachten von heimischen Traditionen, Alltagsgepflogenheiten und kulturellen Standards seitens Integrationsunwilliger schweigsam, wegduckend und (um beim Schlüsselwort des Essays zu bleiben) unpatriotisch hingenommen werden soll - das wäre fatal und ebenso falsch und dann tatsächlich sich selbst verneinend und ist von Kermani so auch nicht gemeint! Es geht lediglich um die Nichtüberbetonung der eigenen Weltsicht und seines Platzes darin, durch sachlich unbegründeten Stolz und ideologischen Patriotismus - die Nichtüberbetonung gar nicht so sehr gegen andere, vor allem gegenüber sich selbst.

Ein insgesamt kluger Diskussionsbeitrag, über den man gewiss in so manchem Nebensatz auch kontrovers und leidenschaftlich streiten kann; aber gerade darin liegt der größte Wert einer offenen, pluralistischen Gesellschaft!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 25, 2014 1:10 AM MEST


Gilbert Bécaud À L'olympia (1964-67-73-76)
Gilbert Bécaud À L'olympia (1964-67-73-76)
Preis: EUR 21,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Besser so als gar nicht, 28. Februar 2014
Gilbert Bécaud und das Olympia: das war eine fast schon heilige Verbindung. Zwischen 1954 und 1999 bezog er 33 mal jenes legendäre Konzerthaus, was wohl neben der Carnegie Hall in New York und der Londoner Royal Albert Hall zu den weltweit bekanntesten und sagenumwobensten unter den altehrwürdigen Konzerthäusern gehört. Nicht für 33 Konzerte! Für 33 Konzertreihen! Wenn Becaud kam, füllte er das knapp 2.000 Menschen fassende Auditorium stets an zehn und mehr Abenden infolge; insgesamt über 400 mal!
Wahrscheinlich hat jeder Musiker seine präferierten Konzertsäle und das aus verschiedensten Gründen, aber Bécauds Liebe zu dem Pariser Musentempel ging soweit, dass er ausnahmslos alle 15 offiziellen Live-Alben seiner Karriere dort aufnahm. Diese Ausschließlichkeit ist einmalig in der Musikgeschichte. Gut, auch Bécauds Freund und Weggefährte Jacques Brel nahm all seine Live-Alben im selben Saal auf - auch bei ihm war es natürlich das Olympia, wie es sich für einen ordentlichen Belgier, den die ganze Welt für einen Franzosen hält, gehört - aber bei ihm waren es nur zwei.

Bis in diese Tage Anfang 2014 hinein, gab es von den 15 im Olympia entstandenen Live-Alben lediglich die letzten drei (1988/92/97) auf CD, die "ersten" zwölf, die zwischen 1955 und 1983 entstanden, haben eine vollständige Digitalisierung bisher nicht erfahren und sind nur mit viel Mühe, zumal hierzulande, in einem guten gebrauchten Zustand als Schallplatte zu bekommen. Lediglich das 1997 veröffentlichte Sampler-Album "Becolympia" kompilierte einige Ausrisse aus jenen Konzertmitschnitten eben genau dieser ausschließlich auf Vinyl veröffentlichten Alben. Ein völlig unverständliches Versäumnis, denn gerade die Live-Alben dokumentieren den wahren Gilbert Bécaud. Bei kaum einem anderen Künstler sind die Live-Alben soviel essentieller als die Studioproduktionen. Warum bei Becaud, zu Lebzeiten bis 2001 und mehr noch posthum, gerade diese Alben so sträflich im Archiv verkrusteten und stattdessen ausnahmslos jedes Jahr mal mehr, meist weniger sinnvolle Best of Kompilationen auf den Markt geworfen wurden, die immer und immer wieder "Et maintenant", "L'important cest la rose" und natürlich "Nathalie" und ein Dutzend weiterer üblicher verdächtiger in wechselnder Folge auffädelten, gehört zu den kolossal denkwirren Geheimnissen der Plattenfirma.

Nun scheint in den letzten Jahren sich doch jemand der Verantwortlichen Bécauds zu erinnern und zwischen den nach wie vor in steter Regelmäßigkeit veröffentlichten Ramsch mischt sich neuerdings doch auch immer öfter sinnvolles, lang ersehntes.
So erschien anlässlich des zehnten Todestages Ende 2011 mit "Le Coffret Essentiel" eine wertige kleine Kiste, die eine ganze Reihe zuvor ebenfalls nie auf CD veröffentlichter Studio-Alben barg (von Bécauds Studio-Alben sind notabene bis heute ein nicht unwesentlicher Teil ebenfalls noch immer nie auf CD erschienen!), die optisch in der Aufmachung als Vinyl-Replika daherkamen. Und Ende vergangenen Jahres wurde mit dem 4-CD-Sampler "Bécaud (Edition 60e Anniversaire)" zu 60. Jubiläum seines Album-Debüts bewiesen, dass man offenbar doch imstande ist auch sinnvoll Best ofs zu kreieren; denn neben den zu erwartenden Klassikern, die enthalten sein mussten, wurde dieses Set doch mit auffällig vielen raren, zum Teil bis dato gänzlich unveröffentlichten Stücken für Fans aufgewertet.

Und nun die Olympia-Box! Darf es denn wahr sein?
Nun, hält man das Set in den Händen, mengt sich doch etwas Ernüchterung unter die grundsätzlich sehr große Freude über die Erstveröffentlichung auf CD dieser vier legendären Live-Alben. Warum so billig? ist der erste Gedanke. In der Vier-CD-Jewel-Case-Box liegt neben den CDs ein Heftchen mit gerade mal acht Seiten - frontal dasselbe Foto wie das Cover der Box nur ohne Schriftzug, zwei Seiten lang ein paar erläuternde Worte, vier Seiten die jeweilige Tracklist der vier Alben (die ja auch auf der Box-Rückseite zu finden wären), und die Rückseite des Booklets ziert ein schwarzes Nichts mit ein paar Internet-Adressen. Keine weiteren Fotos, geschweige denn die originalen Cover-Motive. Äußerst dürftig das Ganze. Ich, und ganz sicher nicht nur ich, wäre gern bereit gewesen ein paar Euro Mehr auszugeben, für eine optisch etwas liebevollere und originalgetreue Ausstaffierung. Dem Absatz hätte es wohl kaum geschadet, denn der pfennigfuchsende Gelegenheitskäufer, der nur ein paar große Hits von Bécaud im heimischen Plattenschrank integrieren will, greift wohl ohnehin nicht zu einer vier CDs umspannenden Live-Box, egal wie günstig man versucht sie umzusetzen.

Legt man die Alben nacheinander ein, tritt die Enttäuschung über die lieblose Gestaltung aber rasch wieder in den Hintergrund. Auf jedem der vier Alben, ist die ungeheure Energie und die unglaubliche Live-Präsenz von Gilbert Bécaud spürbar. Und bei der klanglichen Restauration wurde erfreulicherweise nicht gespart. Egal ob 1964,67,73 oder 76, alle Mitschnitte sind gemessen an Ihrem Alter in sagenhafter Klangqualität. Zu Bécauds Live-Qualitäten muss nichts weiter gesagt werden, seinen Spitznamen Monsieur 100.000 Volt trug er nicht ohne Grund; nirgends spürbarer als bei seinen Auftritten - intensiv, ob leise oder laut, romantisch oder zürnend!
Dass hier nicht vier aufeinander folgende Olympia-Alben zu einer Box zusammengeführt, sondern Lücken gelassen wurden (es gab auch 1966, 1970 und 1972 Olympia-Alben, die in die hier umfasste Zeitspanne fallen), ist wohl dem Bestreben geschuldet, möglichst wenig Überschneidungen in den dargebotenen Stücken zu haben, denn natürlich gab es Hits und Konzert-Klassiker, die auf mehreren Live-Alben zu finden waren, wenn auch meist im Arrangement mit den Jahren verändert.

Alles in allem drängt sich einem eine Analogie zu einem alten Sprichwort beim Betrachten und Hören dieses Vier-Alben-Box-Sets auf: Was lange währt, wird zumindest zu einem Drittel und leider auch nur beinah gut. Doch besser so als gar nicht!

Bleibt zu hoffen, dass diese CD-Box genügend Käufer findet, sodass es für die Plattenfirma lukrativ scheint auch die immer noch fehlenden acht weiteren Olympia-Alben Bécauds in zwei weiteren Vierer-Boxen zu veröffentlichen (oder vielleicht doch noch eine Veröffentlichung zu ersinnen, die alle 15 Live-Alben unter Verwendung des originalen Covers und vielleicht sogar um Bonusstücke erweitert anbietet. Material sollte vorhanden sein, denn die LPs waren zwangsläufig gekürzt und enthielten nie ein komplettes Konzert).
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 6, 2014 7:21 PM MEST


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