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Beiträge von Christian Günther
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Rezensionen verfasst von
Christian Günther
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Lucky Numbers
Lucky Numbers
Preis: EUR 16,72

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die völlige Veramerikanisierung eines Engländers, 27. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Lucky Numbers (Audio CD)
Sunderland liegt ganz im Norden an der Ostküste Englands, so sehr im Norden, dass es nur eines etwas ausgiebigeren Strandspaziergangs entlang der rauen Küste bedarf und man ist in Schottland - vorausgesetzt, man läuft in nördliche Richtung, sonst könnte es sich etwas hinziehen. In eben diesem nordenglischen Sunderland kam vor 61 Jahren Dave Stewart zur Welt, in einer Gegend, in der damals wie heute Blues-Rock und Country etwa genauso sehr zum typischen Klangbild gehören, wie Tango, Sirtaki oder Schuhplattler.

Nachdem er sich und sein offenbar unerschöpfliches musikalisches Talent seit Ende der 90er Jahre anscheinend nur noch auf das Schreiben für Kollegen und das Produzieren ihrer Platten konzentrierte (Mick Jagger, Bon Jovi, Bryan Ferry, No Doubt, Tom Petty, Celine Dion, Joss Stone etc. und auch nochmal zwei neue Songs für sich und Annie Lennox für ein Eurythmics Best of Album im Jahre 2005), schien das Kapitel Solo-Karriere als Sänger für ihn abgeschlossen.

Was auch immer ihn nach Nashville trieb, hier scheint der Songschreiber und Produzent Dave Stewart eine neue Quelle der Inspiration für den Sänger Dave Stewart gefunden zu haben. Mit "The Blackbird diaries" legte er 2011 jedenfalls ein sagenhaftes Album vor, was amerikanischer hätte kaum sein können. Blues, Folk-Rock, Outlaw-Country bis hin zu einem gemeinsam mit Bob Dylan geschriebenen Song und Duetten mit Stevie Nicks und Martina McBride - viel mehr Amerika passt nicht auf ein Album.

Passt doch! Nur 13 Monate später schuf er 2012 mit "The Ringmaster General" ein Follow-up-Album, dass sich zwar grundsätzlich der gleichen Rezeptur des Vorgängers bediente, doch würzte er hier noch eine ordentliche Prise kraftstrotzenden E-Street-Rock bei und verlieh dem Album so die nötige Eigenständigkeit. Die amerikanischen Damen auf der Gästeliste hießen diesmal u.a. Diane Birch, Jessie Baylin und Alison Krauss. Ort des Geschehens war wieder Nashville.

Das ist dieser Tage wieder gerade mal erst ein gutes Jahr her und nun kann man schon von einer Nashville-Trilogie reden. Und "Lucky Numbers" ist wieder gleich und wieder ganz anders. Die Verwandtschaft der drei Alben ist unüberhörbar und doch hat auch das nun dritte Album wieder ein sehr hohes Maß an Eigenständigkeit, denn zu all den typisch amerikanischen musikalischen Attributen, treten bei "Lucky numbers" wieder ein paar Facetten hinzu.
Die gepflegte Übertreibung eines außer Kontrolle geratenen Gospel-Chors z.B. samt lautstark mitsingender E-Gitarren gegen Ende von "What's wrong with me". Oder beste Grüße von Jimi Hendrix auf "Satellite", einem alles planierendem Blues-Rock. Oder die etwas staubige, freundliche Ausgelassenheit in einer schon etwas länger nicht mehr renovierten, durchschnittlich besuchten Bar im mittleren Westen auf "Why can't we be friends?", wo laut Booklet neben der kompletten Band, auch eine Schiffscrew, herumlungernde Kinder und Hunde in den wilden Chor einstimmen. Und vor allem klingt auf "Lucky numbers", anders als bei den beiden Vorgängern, auch das andere Amerika - New York - bei zwei Songs deutlich durch. Sowohl beim Titelstück des Albums als auch bei der Singleauskopplung "Every single night", meint man in die Nachtwelt New Yorks, in einen angesagten Upper Class Club zu geraten. Und das mit von Hand gespielten Instrumenten? Ohne Computer-Gewummer? Geht! Bei Dave Stewart geht alles. Ob als Komponist oder Arrangeur, der Kerl ist ein musikalisches Genie. Er beweist es mit "Lucky numbers" einmal mehr, zum dritten mal binnen dreier Jahre. So unterschiedlich die Stile der einzelnen amerikanischen Musiken auch sind, Stewart verbindet alles zu einem homogenen, in sich stimmigen Album.

Keine Ahnung, warum die Alben die er für andere schreibt und produziert (einschließlich der Gemeinschaftswerke mit Annie Lennox) sich wie selbstverständlich weltweit millionenfach verkaufen und seine Solo-Platten ewige Geheimtipps bleiben. Und das bei einer Stimme, die so klingt, wie David Bowie gern klingen würde. "Lucky numbers" ist wieder mal eine klare Empfehlung, die beiden Alben davor gleich mit. Möge er noch auf Jahre in Nashville bleiben und in dem Turnus weiter veröffentlichen.


Bryan Ferry - Live in Lyon
Bryan Ferry - Live in Lyon
DVD ~ Bryan Ferry
Preis: EUR 18,99

26 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Verteidigung von Stil und Ästhetik, 20. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Bryan Ferry - Live in Lyon (DVD)
Wozu braucht man ein Live-Album von Bryan Ferry? Überraschungen gibt es nicht wirklich. Auch wenn "Live in Lyon" ein Mitschnitt der ausgedehnten, mehrteiligen Tournee zum Album "Olympia" ist, schafften es (leider) nur drei der zehn Stücke des Albums ins Live-Set. Der Großteil, 19 der 22 gespielten Songs, des 90minütigen Live-Programms sind eine erlesene Werkschau der nun vierzig Jahre währenden Karriere des Briten. Stücke aus der Roxy Music Ära, prägende Stücke seiner zahlreichen Solo-Alben aus allen Dekaden und natürlich auch Coversongs, die Ferry im Laufe der Jahre zu seinen eigenen machte. Und ausnahmslos alle verharren weitgehend im originalen Arrangement, wie sie einst im Studio erdacht wurden.

Doch "Live ist Leben" notierte Udo Jürgens in das Booklet seines aktuellen Live-Albums und wollte damit sicher nicht den Beweis antreten, dass er des Übersetzens fähig ist. Er bringt damit zum Ausdruck, was für Bryan Ferry in höchstem Maße gilt. Im Studio ist er der Klangperfektionist, kein Ton ist da Zufall, jede Phrasierung bis zum Durchatmen konzipiert. Daher klangen und klingen seine Alben, egal ob nun Roxy Music auf dem Cover steht oder Bryan Ferry, stets etwas kühl - perfekt zwar, zweifellos elegant und absolut stilecht und musikalisch brillant, aber kühl. Auf der Bühne entledigen sich die Stücke des Übermaßes an Perfektion, atmen frei, leben. So perfekt und virtuos auch alle Bühnen-Mitstreiter und Ferry selbst die Songs getreu den Studio-Arrangements reproduzieren, mischen sich unvermeidlich Zwischentöne ein, gerade im Gesang, heißes Blut pumpt durch die Adern der Songs - und das tut dem Material so unendlich gut!

Cool bleibt dabei nur Bryan Ferry selbst. Betont relaxt, jede Geste wie zufällig, flirtet er subtil mit dem Publikum und liefert mit seinem gesamten Habitus eine Definition von Britishness. Doch das sieht man natürlich nur bei den Videoformaten (wahlweise BluRay oder DVD). Hört man das Album nur in der den Deluxe-Editionen beigelegten (um drei Songs auf knapp 80 Minuten gekürzten) CD-Version, bleibt der Gewinn vor allem in Ferrys wohltuend älter gewordenen Stimme und dem lebendigeren Klangbild der vertrauten Arrangements - und ja, das ein oder andere Solo weicht dann doch auch von der vertrauten Studiofassung ab.

Mit bewegten Bildern wird das Album dann zum Ereignis. Bryan Ferry bleibt der ewige Verteidiger von Stil und Ästhetik. In Person, aber auch in Ausgestaltung des Bühnenbildes. Ob Einspieler auf der sich über den gesamten Bühnenrücken erstreckenden Videowand oder vor allem die Damen davor: die langen, schlanken Beine der Tänzerinnen, die Band, bei der Frau von der Leyen ihre vehement geforderte Frauen-Quote für bevorzugte Lebensbereiche übererfüllt vorfindet, alles bildet, zusammen mit dem perfekten Sound und dem mit jeder Geste zuvorkommende und gleichsam feinfühlige und bestimmte Eleganz ausstrahlenden Sänger in der Bühnenmitte, eine Demonstration des guten Geschmacks.

Doch so sehr Ferry auch Glanz liebt, verkommt das Bühnenbild nicht zur Materialschlacht. Zu viel Pomp und Protz ist bekanntlich stillos. Kamerateam und Regie fügen sich ganz in Ferrys Vorstellung einer geschmackvollen Darbietung. Die Perspektiven wechseln, aber nicht zu oft und nie zu hastig, von dem Schwenk über die Open Air Arena bis hin zu intensiven Close-ups, alles strahlt eine gereifte Würde und Stilsicherheit aus. Bilder vom Bühnenrücken werden für Sequenzen gesondert eingespielt und das die Kamera der schönen Saxophonistin und der schönen Keyboarderin auffällig häufig auf den Hintern starrt, anstatt sich ihrem Antlitz zu widmen, liegt wohl an der Begeisterungsfähigkeit der zuständigen Filmcrew. Bryan Ferry ist jedenfalls meist von vorn zu sehen...

Die Damen sind bei Ferrys Musik seit jeher elementar - nicht nur Dekoration! Wenn sich auf früheren Alben-Covers beispielsweise Jerry Hall oder auf dem jüngsten Album zur Tour Kate Moss nicht unbedingt für einen ausgedehnten Winterspaziergang gekleidet in Szene setzen lassen, dann beweist Ferry auch und gerade hier Stil. Er stellt die Ladys ins Zentrum der Performance, betet sie aus der gebotenen Distanz an, spielt das Spiel des sich Verzehrens - "Slave to love" eben. Knisternde Erotik, kein On-Stage-Porno á la Madonna. Vor allem aber bleibt es in jeder Sekunde ein Konzert, keine Varietee-Show, die Musik steht im Mittelpunkt.

All das macht dieses Bryan Ferry Live-Album unbedingt lohnend und nach dem 2000er Mitschnitt "Live at the Apollo" der Roxy Music Reunion Tour wurde es auch mal wieder Zeit. Zumal das musikalische Spektrum hier so breit ist, wie auf keinem Live-Album zuvor. Aus jeder Schaffensphase kommen Stücke zum Zug und belegen eindrucksvoll Ferrys weites musikalisches Spektrum - besser als jede bisher erhältliche Best of Compilation.

Die neben den Standard DVD oder BluRay Versionen erhältlichen Deluxe-Editionen von "Live in Lyon" lohnen für jeden, dem es nicht nur um das Konzert geht. Gar nicht so sehr nur der beigelegten CD des selben Konzerts wegen, sondern mehr noch wegen der wertvollen Aufmachung. DVD (oder BluRay) und CD kommen im Hardcover-Buch mit fast 80 Seiten daher. Alle beteiligten Musiker und ebenfalls alle bisher veröffentlichten Ferry-Alben werden wort- und bildreich dargestellt. Auch hier Perfektion bis ins Detail.

Für Fans ist "Live in Lyon" klare Pflicht, für Entdecker vielleicht der beste Einstieg in Bryan Ferrys ganzheitliches Kunst-Konglomerat aus Klängen, Worten und Bildern und den dadurch entstehenden einzigartigen Eindrücken.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 23, 2013 10:47 AM MEST


The Last Ship (Super Deluxe Edition im Digipack inkl. 3 Bonustracks / exklusiv bei Amazon)
The Last Ship (Super Deluxe Edition im Digipack inkl. 3 Bonustracks / exklusiv bei Amazon)
Preis: EUR 36,90

77 von 91 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schönste Balladen und deftige Shantys - und insgesamt etwas zu viel Kunst, 20. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Von der ersten Police LP "Outlandos d'Amour" (1978) an, bewies Sting 25 Jahre und zwölf Studio-Alben lang, dass ein hoher Kunstanspruch und Erfolg im Mainstream sich nicht zwingend ausschließen müssen. Er bediente sich bei Ideen und Elementen aus Jazz und Klassik, bekannte bei J.S.Bach ganze Passagen für eigene Kompositionen entnommen zu haben und garnierte diese zum Teil hochkomplexen, mit wechselnden Tempi und wilden Harmoniefolgen durchsetzten Stücke mit wahlweise recht rüdem Rock-Instrumentarium in prähistorischen Police-Zeiten und später dann mit feinsten Klängen aus dem großen Popmusik-Baukasten - bis 2003, bis zum Album "Sacred love".

In den vergangenen zehn Jahren aber betrieb er abwechselnd Legenden bildende Maßnahmen - 2008 eine großangelegte Reunion-Tour mit den alten Weggefährten von Police, die mit dem opulenten Live-Album "Certifiable" dokumentiert wurde, dann einem Recycling großer Songs seines Oeuvre mit freundlicher Unterstützung gleich dreier klassischer Orchester auf "Symphonicities" und dem Konzertmitschnitt "Live in Berlin" (beide 2010) und zuletzt 2011-2013 mit einer knackigen, ihn an seine musikalischen Wurzeln zurückführenden Club-Tournee rund um den Globus unter dem Titel "Back to Bass", der leider (bisher) kein Live-Album folgte - und zuweilen doch arg kopflastigen Kunstprojekten - auf "Songs from the Labyrinth" (2006) fahndete er nach vergessener Musik aus dem ausklingenden Mittelalter um das Jahr 1600 und versuchte sich daran unter Verwendung von Instrumenten jener Zeit, und 2009 widmete er sich mit ähnlich ungewöhnlichen Klängen winterlich-weihnachtlichen Themen auf "If on a winter's night" - und natürlich gab es auch die obligatorischen Best of Veröffentlichungen. Vom gestauchten Überblick auf die Spielzeit einer CD komprimiert, bis zur ausufernden 4CD-Box zum Preis eines Kleinwagens, war alles dabei.
All diese Experimente und rückblickenden Exkurse wurden von seinem Publikum sehr unterschiedlich und uneinheitlich aufgenommen, das soll hier nicht weiter Thema sein, nicht jedem gefiel alles. Einigkeit bestand mit den Jahren nur im Wunsch nach neuen Songs, nach Selbsterdachtem, nach einem neuen vorwärts gewandtem Sting-Album.

Dieses von vielen lang herbeigesehnte Album ist "The last ship" nicht. Jedenfalls nicht im Sinne eines Follow-ups zu (dem auch schon nicht gleichmäßig geliebten) "Sacred love", nicht im Sinne eines regulären Studio-Albums, was nicht mehr sein will, als die Sammlung einer Reihe neuer Songs.

"The last ship" ist ein Konzeptalbum. Es uneingeschränkt jedem zu empfehlen, der grundsätzlich mit der Musik von Sting in den letzten 35 Jahren in allen Ausprägungen sympathisiert hat, fällt einigermaßen schwer. Dafür ist es zu speziell, ganzheitlich zu kunstvoll und wird daher nicht auf ohne Ausnahme widerspruchslose Gegenliebe hoffen dürfen. Es ist in jedem Falle ein künstlerisch großes Album, in jeder Hinsicht: Songschreiberisch, wie konzeptionell und erst recht in der handwerklichen, spielerischen Umsetzung - es ist Sting! Egal auf welchem musikalischen Parkett er sich auch gerade bewegt, die erlesene Auswahl seiner musikalischen Mitstreiter, die Durchdachtheit bis in die letzte Note eines kaum wahrnehmbaren Instruments im Hintergrund, der insgesamt selten hohe Anspruch selbst bei kleinsten Feinheiten, eint jede Produktion für die Sting je verantwortlich war. "The last ship" bildet da keine Ausnahme, im Gegenteil, sein Perfektionismus, sein Drang ungewöhnliche Instrumente zu verwenden, wird immer exzessiver. Nur liegen objektiv hohe musikalische Qualität und persönlicher Geschmack der Hörer nicht zwingend stets übereinander. Musik soll auch unterhalten, die Seele berühren, nicht nur den Kopf. Ich persönlich bin jedenfalls nicht bereit von diesem Anspruch zu weichen, schimpft mich meinetwegen Kulturbanause, aber wenn ich intellektuellen Spagat über will, lese ich lieber ein geräuschloses Buch.

Das neue Werk - und Werk ist die trefflichste Bezeichnung, es ist nicht einfach nur ein Album - fährt in der delüxesten aller Ausgaben mit 20 neuen Liedern auf (Standard 12, Deluxe 17, Super Deluxe 20 Songs - noch Fragen?) und dient einem noch nicht uraufgeführten Musical als musikalische Grundlage. Und darin liegt vermutlich auch das große Problem. Mag sein, dass im Theater mit Handlung erlebt, jeder der Songs sitzt, seine volle Wirkung entfaltet und vor allem die Anordnung der Lieder einen Spannungsbogen erzeugt. Auf der Platte ohne Handlung misslingt das gründlich. Die zwanzig neuen Lieder lassen sich, Feinheiten ignorierend, grob in zwei Gruppen kategorisieren: schönste Balladen und deftige Shantys, etwa halbe halbe.

Man könnte sich auch in Superlativen überschlagen und sagen "aller schönste, berührendste, geradezu traumhafte anrührende Balladen" und es wäre nicht übertrieben. Was Sting hier zaubert, lässt sich am Besten, was er in dieser Kategorie bisher geschaffen hat, messen. Allein das macht das Album zwingend, zumindest für all jene, die frühere Songs wie "Shape of my heart", "Tomorrow we'll see", "It's proberply me" und natürlich "Fragile" für unverzichtbare Lebensbegleiter halten. Es ist einfach nur wunderbar, zumindest auf diesem Felde, von Sting nach so langer Zeit wieder eine ganze Reihe neuer Hochkaräter zu erleben. Er kann's noch.

Doch gerade bei der temporeichen, unsentimentalen Abteilung, wird es auf "The last ship" eigen, das Thema der Platte und des anstehenden Musicals gibt die Richtung vor. Hier hören wir Shantys satt. Zwar alles neue Songs von Sting geschrieben, aber ihn umgibt stets die Klangkulisse grölender Seeleute, beschwingtes und trotziges Gemeinschaftsgefühl deftiger Jungs in rauer Umgebung. Nun liebe ich geradezu die kraftvolle Hymne an die heimkehrenden und sich sämtlicher Benimmregeln entledigender Seeleute im Hafen von Amsterdam von Jacques Brel (auch die deutsche Version von Klaus Hoffmann ist phantastisch) - aber etwa jedes zweite Lied auf einem Album? Es mag zur Story passen, auch musikalisch ist jedes der Shanty-Stücke für sich stehend gelungen, aber die Dosis ist doch etwas arg hoch, zumal es nicht unbedingt das ist, womit man den Namen Sting bisher verband.

Die größte Schwierigkeit dabei ist, dass wenn man das Album im Ganzen hört, man ständig die Gefühle wechseln muss. Gerade wurde man von einer der neuen Balladen fast zu Tränen gerührt, schon wird man aus seiner Ergriffenheit von einem die Stimme verstellenden Sting nebst seines rauflustigen Gefolges heraus gerissen und darf sich den Gesang eines Chores grölgelaunter Hafenarbeiter über an die Wand gepisstes Bier anhören. Und dieses stilistische hin und her kommt nicht nur einmal vor, es ist geradezu prägend für das Album. Wie gesagt: Jacques Brels "Amsterdam" ist großartig, aber bitte nicht direkt nach "Ne me quitte pas" und schon doppelt nicht immer und immer wieder dieses Emotionen-Ping-Pong, ein ganzes Album lang.

Mit "The last ship" meldet sich Sting, ungeachtet der Kritik an stilistischer Ausprägung etlicher Songs und deren Verhältnismäßigkeit zu anderen Stücken auf dem Album und der Abfolge der emotional denkbar gegensätzliche Songs, überaus eindrucksvoll nach ziemlich genau zehn Jahren als Songwriter zurück. Unter den Balladen findet sich eine ganze Reihe wahrer Perlen, musikalisch auf höchstem Niveau. Neben einer feurig swingenden Jazz-Nummer und zwei, drei Stücken, die sich mit etwas Phantasie noch am ehesten als dynamische Popsongs im unorthodoxen Arrangement bezeichnen lassen, besteht etwa die knappe Hälfte des Albums aus Liedern, die völlig wertungsfrei als Shantys einzuordnen sind. Das muss man mögen. Doch selbst wenn man diese Seemanns- oder Hafenarbeiter-Romantik sehr mag, macht der ständige Wechsel der Stile ein Durchhören gelinde anstrengend. Darum keine Höchstwertung, auch wenn jedes Lied für sich höchsten Ansprüchen gerecht wird, die nötige Präferenz in den musikalischen Hörgewohnheiten vorausgesetzt.
Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 18, 2014 7:19 PM CET


Feels Like Home
Feels Like Home
Wird angeboten von mrtopseller
Preis: EUR 8,38

28 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ... und manchmal gelingt ihr einfach alles, 15. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Feels Like Home (Audio CD)
Es mag durchaus auch daran liegen, dass man als Fan immer etwas milder kritisch beurteilt als ein neutraler Gelegenheitshörer es tut, und es ist ganz sicher so, dass es fast unmöglich ist, sich dem Charme, der offensiv freundlichen und emotionalen Präsenz von Sheryl Crow zu entziehen, dennoch: Seit sie vor fast auf den Monat genau zwanzig Jahren mit dem herausragenden Album "Tuesday night music club" den weltweit deutlich hörbaren Startschuss für ihre Karriere abgab, hat sie keine wirklich schlechte Platte abgeliefert - und wichtiger noch: nie zweimal dieselbe! Jedes ihrer bisher acht Studio-Alben hat einen ureigenen Charakter. Zwar immer klar als Sheryl Crow Album erkennbar, doch jedes mal in der Feinabstimmung deutlich anders, immer mit anderen Zutaten angereichert.

Beim zweiten nur mit ihrem Namen betitelten Album gab es starke Grunge-Rock Elemente, alles sehr schroff und düster, auf "C'mon, c'mon" (2001) strahlte die Sonne wieder freundlich und alles klang hell, leicht und lebensfroh, wieder einige Jahre später auf "Wildflower" (2005) gab sie sich behutsam, zart und nachdenklich und zuletzt zeigte sie mit "100 Miles from Memphis" (2010), dass die für sie typischen Country-Rock Klänge durchaus mit satten, von Hand gespielten Soul-Grooves kompatibel sind. Auch weihnachtlich wurde es schon. Dass nun nicht jeder Fan ihr beim Herumschlendern durch die Landschaften verschiedenster Musikstile in jede Richtung begeistert folgt, nimmt sie in Kauf. Und sicherlich liegt ihr nicht jeder Stil wie der andere, aber manchmal gelingt ihr einfach alles, ein Album wie aus einem Guss, kein Song, den man vielleicht doch hätte lieber bleiben lassen sollen. Bei der Debüt-LP war es so, bei "The globe sessions" (1998) auch, da herrscht in Fan- und Fachkreisen allgemeine Einigkeit, und wie es scheint, ist "Feels like home", das neue, das neunte Album wieder so ein absoluter Volltreffer, dem man sich nur ergeben kann.

Schon mit den ersten Takten des ersten Liedes "Shotgun" gibt sie präzise die Richtung für ihr 2013er Baby vor. Präzise ist schon ein gutes Stichwort. Die Platte ist absolut straight, schnörkellos auf den Punkt, keine Umwege, keine Kompromisse - geradeaus! Eine knackende E-Gitarre setzt an, ein Schlagzeug, was auch wie ein Schlagzeug klingt und wohlig satt dem Hörer Dampf unterm Allerwertesten macht, gesellt sich ganz und gar nicht unauffällig dazu und ab geht's. Mit "Shotgun" hat das Album schon das erste Zwölftel überzeugend gewonnen. Gefolgt von der Single "Easy", mit der erfrischenden Botschaft: "Hey, wer braucht schon Urlaub in Mexiko, lass uns Zuhause bleiben, hier kann man auch Tequila trinken und dann haben wir schließlich auch noch dieses King-Size-Bett... wer braucht da Mexiko?" da ist dann schon das zweite Zwölftel gesichert.

Und so geht es weiter, mit etlichen mal eher lebensfrohen oder auch bittersüßen, klar definierten Rocksongs. Nie aggressiv, aber auch nie weichgespült - knackend, direkt, pulsierend. Das gilt für acht der zwölf Songs auf "Feels like home". Mittendrin mit "(Why's he always gotta be) Calling me when I'm lonely" eine wundervoll kraftvolle und emotionale Ballade, kein gekitschtes Gejaule, sondern Trotz und auch Wut über die eigene Schwäche, energisch emotional.

Und eigentlich erst im letzten Viertel des Albums (Titel 9, 10, 12) passieren dann doch noch ein paar wirklich ruhige, getragene Balladen - und was für welche! "Homesick", "Homecoming Queen" und "Stay at home Mother" geben dem Album exakt die Balladen-Dosis die es braucht und runden es angenehm ab. Bei allen dreien liegt der Fokus klar auf dem Text, doch ohne die musikalische Eingängigkeit zu vernachlässigen.

Wenn ich oben behauptete, dass es meines Erachtens kein wirklich misslungenes Album von Sheryl Crow gibt, wäre es resümierend einigermaßen albern "Feels like home" als eines ihrer besten einzuordnen. Gut bis sehr gut sind sie alle, "Feels like home" ist besonders stark, klar und durchdringend.


Zosamme Alt (Limited Deluxe Edition)
Zosamme Alt (Limited Deluxe Edition)

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Liebe: kitschfrei und unpathetisch, 13. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wenn einer wie Wolfgang Niedecken anfängt seine Gefühle zu bündeln und ein ganzes Album konzentriert mit Liebesliedern füllt, dann ist dahinter ein Motiv zu vermuten. Und Wahrhaftigkeit auch, denn Niedecken ist nicht der Typ, der einen Lovesongs-Sampler auf den Markt wirft, weil man damit ohne viel Mühe eine paar Euro extra machen kann.

Zur Geschichte des Albums gehört zweifellos der 2. November 2011 - ohne den Gott sei Dank überlebten und wie es scheint auch weitgehend ohne größere erkennbare Folgeschäden überstandenen Schlaganfall hier nun weiter groß zu thematisieren - der die Titelauswahl, das zentrale Thema des Albums vorgab: Tina Niedecken. Und ganz ehrlich: Das war auch mal fällig.

Ein Unplugged-Album steht ja seit mindestens 1999 auf dem Zettel, was "Tonfilm" hätte eigentlich werden sollen. Doch da nach der "Comics & Pin ups - Tour" im Sommer'99 mit Major Heuser und Effendi Büchel gleich zwei zentrale Figuren recht kurzfristig die Firma BAP verließen, wollte Niedecken mit teilerneurter Besetzung nicht gleich völlig laid back starten und "Tonfilm" bekam doch etwas Strom ab. Immer wieder kamen andere zeitintensive Projekte dazwischen, bis zur Zäsur.

Mag sein, dass erst das Bewusstsein, dass es künftig ein Datum in der eigenen Biographie gibt, an dem das Leben hätte auch seinen Schlusspunkt setzten können, die Prioritäten wieder in die richtige Reihenfolge bringt. Mag auch sein, dass für Niedecken über all die Jahre, die er mit der Idee eines in Woodstock eingespielten reinen Unplugged-Albums schwanger ging, immer klar war, dass er dafür die bis dato entstandenen Tina-Lieder auswählt. Spekulation. Er hat es getan und es war eine verdammt gute Wahl. Denn erst so wird bewusst, dass die (beinah) chronologisch nach Entstehen aufgefädelten Lieder immer zu den heimlichen Favoriten eines jeden Albums der letzten 25 Jahre gehörten. Es sind nicht die Lieder, die mit Erscheinen eines jeden neuen Albums lang und breit besprochen wurden, andere waren sicher thematisch origineller, wieder andere musikalisch auffälliger, Singleauskopplungen waren diese Songs auch bis auf wenige Ausnahmen nicht und offiziell verbuchte man sie meist unter: Ah ja, das Quoten-Liebeslied des neuen BAP-Albums, Herr Niedecken und seine Fee passen offenbar wie Topf und Deckel, immer noch, Glückwunsch.
Insgeheim aber kam man nicht umhin fasziniert festzustellen: der macht das verdammt gut. Über Liebeslieder kann man wunderbar ausrutschen und wenn sie dann auch noch sehr persönlich werden, droht oft akute Fremdschamgefahr. Nicht bei Niedecken, er taugt nicht für süße Schwüre á la "Ich liebe Dich von morgens bis abends und nachts ganz besonders und ich bin jeden Tag 24 Stunden damit beschäftigt darüber nachzudenken, was ich tun kann, dass du milde lächelnd glücklich bist und wenn ich doch mal schlafe, dann träume ich immer nur von dir..."

In den Texten seiner Liebeslieder ist immer auch Alltag, kein Lametta, kein Kitsch. Die Sprache unpathetisch und klar. Wie in meinem Favoriten (generell und besonders in der neuen Version hier) "Waat ens jraad" (ursprünglich auf dem 2011er Album "Halv su wild"): "Warte mal, eh du dich umdrehst... Ich möchte tausend Lieder schreiben, die du allesamt verdienst. Doch besser nicht übertreiben, nachher glaubst du mir gar keins. Mädchen, du bist für mich alles, mehr als ich mir je erhofft. Lass mich bloß nicht irgendwann fallen. Ja, ich liebe dich. Jetzt schlaf."

Vierzehn Liebeslieder, entstanden zwischen 1987 und 2013, und keines der zwölf Unplugged-Remakes ist im Arrangement auch nur in der Nähe der originalen Version. Selbst jene nicht, die schon in ihrer Erstfassung recht stromlos und ruhig daher kamen. Einst kräftige, dynamische Nummern wie "Rääts un links vum Bahndamm" oder "Nöher zu mir" sind komplett gewandelt und definieren sich noch einmal völlig neu.
Das ganze Album ist wie aus einem Guss, klingt ganz und gar tiefenentspannt, kommt ohne jedes Schlagwerk oder Percussion aus und überlässt den erlesenen Musikern allen Raum sich zu entfalten. Feinste akustische Klänge, jeder Ton liebevoll platziert, voller Fokus auf die Texte und Niedeckens unbemühte Stimme. Wobei unbemüht hier kein uneingeschränktes Lob ist. In einigen Passagen nölt Niedecken schon fast etwas zu sehr, streift die richtige Tonlage etwas sehr knapp. Wohl nicht zuletzt, um jedem Pathos den Garaus zu machen. Das gelingt und ist in der Summe auch gut so.
Ganz besonders wird das Klangbild, wenn Steve Elson bei einigen Songs sein gut abgehangenes Saxophon mit einstreut - traumhaft, spröde, verraucht und garantiert kitschfrei!

"Zosamme alt" ist ein Album zum genau Zuhören, zum Gefühle zulassen und vielleicht auch zum ein wenig Reflektieren über Sinn und Unsinn des eigenen Seins und Tuns. Wer rocken will oder tobende Gesellschaftskritik wie in "Widderlich" oder "Kristallnaach" erwartet, sollte die Platte auslassen (aber sie deshalb nicht schlecht reden!). "Zosamme alt" ist nicht einfach nur unplugged, im Sinne von: nur unter Verwendung von Instrumenten, die auch ohne Stecker spielbar sind. Es ist vor allem entschleunigt, erzählt die Geschichte zweier Menschen. Schon allein deshalb ist es sinnvoll, dass es kein BAP-Album wurde, sondern Niedecken auf dem Cover steht.

Die Deluxe-Edition lohnt schon allein der edlen Aufmachung im Hardcover-Buch mit 44seitigem reich bebilderten Booklet wegen. Und natürlich wegen der zweiten CD (25 min Spielzeit) mit vier weiteren Songs, die den roten faden des Albums durchschnitten hätten und einem sechs Minuten Ausschnitt aus einer Autobiographie-Lesung Niedeckens, natürlich des Kapitels "Love at first sight": die erste Begegnung der schönen Blonden und des zu dem Zeitpunkt gerade nicht ganz nüchternen Halbwilden Mittdreißigers in Begleitung seiner vollwilden Kapelle auf einem Flughafen...
Lob auch für die Vinyl-Edition, die als Doppel-LP neben allen 14 Titeln des Albums auf der D-Seite auch die fünf Bonusstücke der zweiten CD enthält.


The Diving Board (Deluxe Edition)
The Diving Board (Deluxe Edition)
Wird angeboten von hardliner-music
Preis: EUR 16,89

40 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wohltuend schlicht - pure Substanz, 13. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Diving Board (Deluxe Edition) (Audio CD)
Etwas als schlicht zu bezeichnen, muss nicht zwingend auch als Kompliment gemeint sein. Hier unbedingt. Elton Johns Album Jahrgang 2013 "The diving board", sein 34. Sudiowerk seit er 1969 mit "Empty sky" debütierte, ist im allerbesten Wortsinn schlicht, transparent, wohltuend unaufgeregt und ohne jeden Schnörkel als akustischen Ballast.

Mit viel (manchmal auch zu viel) Klanggarnitur hat Elton John in der Vergangenheit gern gearbeitet, meist auch durchaus geschmackvoll, vor allem auf den vielen legendären Alben in den 1970ern und auch wieder in den 90er Jahren auf "The one" und "Made in England" gelang es stilecht die Kompositionen mit wenn es sein musste ganzen Orchestern und/oder diversen Spielereien aufzupumpen, obwohl auch sie ohne viel Drumherum ausgekommen wären, auf Solokonzerten beweist er es zuweilen. In den 80ern gelang dies seltener. Wenn auch kommerziell wie stets eindrucksvoll erfolgreich, klang in dieser Dekade vieles mit billigem Synthie-Geklingel und Geklapper überladen oftmals doch arg verkitscht, vieles nach kalkuliertem Erfolg eines routinierten Vollprofis.

Es wundert schon ein wenig, dass in der öffentlichen Berichterstattung bisher kaum bis überhaupt nicht gewürdigt wird, dass Elton John mit Anbruch des neuen Jahrtausends kaum mehr auf die Charts schielt. Er schreibt und produziert gezielt am Mainstream vorbei - und wird dabei immer großartiger!

Schon das 2001er "Songs from the West Coast" klang wie aus einer anderen Zeit, ohne die vielen Effekte und elektronischen Klangspielzeuge, derer er sich zwanzig Jahre lang ausgiebig bedient hatte. "Peachtree road" (2004) und "The Captain and the Kid" (2006) folgten stur dieser Richtung und mit dem bisher jüngsten Werk, "The union" (2010), schuf er gemeinsam mit Leon Russell zweifellos einen weiteren echten Klassiker, ein Album, was auch in Jahrzehnten noch Menschen kennen, mögen und verehren werden.

Wird "The diving board" nun auch so ein Klassiker? Die Chancen stehen gut, die Substanz hat es. Und es hat sogar potentielle Hits - vorausgesetzt die Radiostationen spielen zur wirklichen Abwechslung nicht ewig nur einen seiner über zwanzig größten Hits bis man sie irgendwann einfach nicht mehr hören mag, sondern öfter mal eine neue Single.
Mit "Home again", der ersten Auskopplung, beweist Sir Elton einmal mehr, dass er das perfekte Songwriting beherrscht, wie nur sehr wenige. Nicht zuletzt auch dank des bemerkenswerten Textes von (wie fast immer) Bernie Taupin ist allein dieses Lied die Anschaffung der Platte wert. So etwas fehlte auf den letzten Alben. Nicht, dass ich es allzu sehr vermisst hätte. Elton John ist einer der ganz wenigen Künstler, der ein beinah drei Stunden Konzert geben kann und selbst wenn er ausschließlich seine großen Hits spielen würde, kämen nicht alle unter, es sind einfach zu viele - wer kann das noch von sich behaupten? Ein Bedarf aus Mangel an Ohrwürmern besteht also nicht im geringsten. Der eher Songwriter artige Stil seiner letzten Alben passt ganz hervorragend zu ihm und es ist nur zu bedauern, dass er zugunsten eben jener Vielzahl großer Hits in seinen Konzerten meist nur sehr wenig davon erklingen lässt.

Auf dem neuen Album aber gelingt ihm das Kunststück, wieder wie vor sehr sehr langer Zeit weit zurück in den 70ern, Songs zu entwickeln, die nicht mit dem aufdringlichen Gestus eines Ohrwurms daher kommen, eben nicht wie "I'm still standing" oder "Can you feel the love tonight", sondern subtiler vorzugehen. Songs, die sich an den Hörer heranschleichen, die Idee, die Töne, die Story in den Mittelpunkt stellend - und verflixt, es ist klammheimlich doch ein Ohrwurm!
"Home again" ist so ein Song, einer der melancholischen Sorte, aber eben keine mit Violinen verhangene Überballade, sondern aus innerer, substanzieller Intensität kraftvoll. Die im Älterwerden tiefer gewordene Stimme Elton Johns, trägt nicht unwesentlich dazu bei, Süße in Würde zu wandeln.
Aus der eher rhythmischen Fraktion sind unbedingt "Oscar Wilde gets out" und "Can't stay alone tonight" zu nennen. Keine wilden Rocknummern, schon gar keine Popsongs, sondern Uptempo-Stücke, mit absolut gemeinen nicht mehr vergessbaren Melodielinien. Gemein natürlich auch wie schlicht im besten Wortsinn!

Die Platte ist insgesamt noch deutlich transparenter und aufgeräumter als die anderen vier Alben der letzten zwölf Jahre. Das bringt das ganzheitlich ohne Aussetzer wirklich allerbeste Songwriting perfekt zur Geltung. Insbesondere auch der Opener "Oceans away" und der Titelsong "The diving board" lassen neben dem schon erwähnten "Home again" erhabene Eleganz zu Tönen werden, stilvoll schlicht eben. Kein wuchtiger Pomp.

Und ja, da besteht zunehmend eine Ambivalenz zum Kleidungsstil des Künstlers. Gab es in der Mitte der 90er Jahre eine Phase, wo man ihn meist in gedeckten Farben oder gar komplett in schwarz auf Bühnen und Covers erlebte, glitzert und funkelt es inzwischen doch wieder recht üppig um und an ihm. Auf sein neues Album lässt das keine Rückschlüsse zu. "The diving board" ist unaufdringlich und überzeugt, einfach weil es ist, es braucht keinen Schein, keinen Glamour. Pure Substanz, keine mit Kitsch übergekleisterten Schwächen in der Architektur.


Nie und Nimmer-Remastered Deluxe Edition
Nie und Nimmer-Remastered Deluxe Edition
Preis: EUR 11,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Es erinnert ein wenig an manche Mädchen, 10. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sollten Sie aufgrund der Überschrift jetzt intensiv Ihr Hirn durchforsten, an welche junge Damen Sie Wolfgang Ambros erinnern könnte - wenn auch der damals noch sehr junge, im für Musiker gemeingefährlichen Alter von 27 Jahren (remember: Kurt Cobain, Amy Winehouse, Jim Morrison, Janis Joplin, Robert Johnson, Alexandra, Brian Jones...) noch dazu in Wien, dem Epizentrum der romantischen Suizid-Verklärung - stellen Sie den Suchauftrag in der Kategorie >real existierende Personen< jetzt bitte wieder ein und starten einen neuen in der Kategorie >legendäre Alben<.

Es gibt auffällig viele Parallelen zwischen Ambros '79er Album "Nie und nimmer" und dem im Jahr zuvor veröffentlichten Rolling Stones Klassiker "Some girls", dem meistverkauften Stones-Album überhaupt. Ambros hat nicht einfach eine Blaupause bemüht und eine plumpe Kopie erstellt, doch die Rezeptur ist schon auffällig nah beieinander.

Mit "Miss you" feuerte das Album der Stones als erstes Lied der Platte (das auch Vorab-Single war) eine wahres Disco-Inferno ab. Ende der 70er Jahre, als auch Pop noch mit richtigen Instrumenten eingespielt wurde, überschlugen sich Newcomer und altbekannte Popstars im Wetteifern der gleichzeitig sing- und tanzbarsten Nummern. Handwerklich gut gemacht und ohrwürmig bis zur Belästigung, klang alles irgendwie nach Abba. Das nun ausgerechnet auch die Stones in diesem Kontext auftauchen, war nicht unbedingt zu erwarten. Aber sie brachten den Dreck der Straße mit in den glitzernden Tanztempel und "Miss you" zeigte, dass man als reine Herren-Combo, um im Abba-Zeitgeist einen Hit zu landen, nicht mit eingeklemmten Erlebnis-Organen "Ha-ha-ha-ha Staing alive, staying alive" singen musste, sondern auch weiterhin auch auf der Tanzfläche ein Kerl bleiben kann (auf Jaggers Bühnen-Outfit zu der Zeit möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, es würde meine Argumentation etwas konterkarieren).

Ambros mochte diesen Disco-Sound mit all seinen glitzernden Auswürfen nicht sonderlich und bringt dies im Text von "Nie und nimmer" großartig zum Ausdruck. Aber an den Disco-Hasen fand er durchaus Gefallen und um die Auserwählte ins Bett zu kriegen (Ende der 70er durfte man diese Absicht auch noch klar so benennen, heute dürfte das dank Alice Schwarzer und ihren Kampfgruppen wohl mindestens als Chauvinismus geächtet werden) begab er sich auf gefährliches Terrain. "Nie und nimmer", ebenfalls Vorab-Single und erstes Lied der Platte, geriet jedenfalls zu genau dem, was Ambros wortreich ablehnt: eine auf Anhieb mitsingbare und tanzbare Disco-Nummer, ein unverschämter Ohrwurm, dampfend produziert, ein vorhersehbarer Hit. Allerdings ohne das Ambros (wie auch Jagger bei "Miss you") dabei sein Gesicht verliert oder es anmutet, als würde er sich bei den Bee Gees um das Tragen zu enger Hosen bewerben. Er bleibt ganz Ambros - und wohl auch darum wird das nichts mit dem Hasen und dem Bett und den Absichten, nie und nimmer.

Wäre der große Hit im für beide ungewöhnlichen Klanggewand die einzige Gemeinsamkeit, wäre das für ein Zusammenrücken der beiden Alben etwas dürftig. Doch auch der Rest birgt zahlreiche Gemeinsamkeiten. Denn für beide Alben ist der Flirt mit dem Zeitgeist im ersten Stück ganz und gar nicht repräsentativ. Durch das starke Abweichen vom eigentlichen Stil im Opener, scheinen die Stones wie auch Ambros (Achtung: Spekulation) den Gedanken reizvoll gefunden zu haben, ein ganzes Album zu kreieren auf dem beinah jedes Stück einer anderen Stilistik zuzuordnen ist, kein kohärentes Werk, wie sowohl für Ambros als auch die Rolling Stones sonst eher üblich, auf dem alle Songs auf einem recht breiten gemeinsamen Fundament stehen. "Nie und nimmer" ist, wie auch das "Some girls" Album für die Rolling Stones, wohl das facettenreichste seiner bisherigen Karriere.

Die Platte bietet amtlichen Blues (Cocain-Blues), klassische Songwriter-Nummer mit unbedingt hinhörenswerten Texten (De Swoboda), experimentell, hart und sperriges (I hob a bissl z'vü dawischt), in ein federleichtes Arrangement á la J.J. Cale verpacktes lakonisch melodisches Genöle, wie es auch Keith Richards hätte nicht besser nölen können (I mog di ned, i kann di ned leiden, du hast bei mir einen Freiflug ums Haus...), auch eine Nummer zum Mitschunkeln mit gewürztem Text ist vertreten (Chanson Toilette), sowie auch eine Prise Punk Einfluss, der damals aufkommenden musikalischen Anti-Bewegung zum Disco-Sound im Mainstream (Hey listen", für Ambros ungewöhnlich tatsächlich mit englischem Text) und natürlich auch etwas typischen, klar definierten Straßenrock (De Nr.1 vom Wienerwald).
All diese Zutaten findet man auch auf dem damals aktuellen Rolling Stones Album - auf "Nie und nimmer" aber mit eindeutiger Ambros Handschrift.

Die nun dieser Tage veröffentlichte Neuauflage der letzten Ambros LP der 1970er Jahre gewinnt, neben dem für die Remaster-Reihe all seiner Alben zwischen 1973 und 1981 inzwischen gewohnten hohen klanglichen Niveau und der liebevollen optischen Ausgestaltung, wieder durch die Bonustracks.
Auf dem originalen Master des Albums befanden sich elf Stücke, zehn waren dann aber nur auf der Platte. Das siebeneinhalbminütige "Fußballade" verschwand im Archiv und verblieb dort ein gutes Dritteljahrhundert. Verständlich, die Nummer hätte das Album nicht in eine andere Liga gehoben. Sie versucht zu viel (wenn auch lustigen) Text mit zu wenig musikalischen Überraschungen zu transportieren, das wird dann nach spätestens fünf Minuten doch etwas öd - nur da ist sie halt noch lange nicht um. Kürzen wäre nur zum Preis der Textverstümmelung möglich gewesen und so war es vernünftig den Song damals nicht mit aufs Album zu nehmen. Heute als Bonus ist er ein Gewinn, weil man ihm so mit einer anderen Haltung begegnet. Und wenn man noch nicht genug hat, ist "Fußballade" auch noch in einer weiteren Version enthalten, die nur von einer Akustik-Klampfe begleitet immer noch knapp sieben Minuten auf den Zähler bringt.
Wirklich schön ist die ebenfalls rein akustische Demo-Fassung von "De Swoboda". Ein typischer Prokopetz Text über zwei in einen Streit geratenden Hausbewohner, über den Verbleib der alten im selben Haus lebenden Swoboda. Darüber, ob sie womöglich gestorben sei und wem denn nun die letzte Rente zustünde, die bereits treuhänderisch bei einem der beiden abgegeben wurde, bis die Gute plötzlich um die Ecke kommt...

Alles in allem ein sehr vielschichtiges Album. Ambros gelang es dennoch alles mit einem roten Faden zu verbinden, es wirkt nicht zerhackt, wie so mancher Sampler, wo Unvereinbares aufeinanderprallt.
Klare Empfehlung also auch zu diesem Album. Und wenn ich hier schon lang und breit den Vergleich bemühte: Auch klare Empfehlung zum "Some girls" Album der Stones, was ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit (November 2011) in einer Neuauflage als Doppel-CD mit ganzen zwölf wirklich lohnenden Bonustracks aus den Sessions erschien - also noch eine Parallele. Nur die weltweiten Verkaufszahlen, die gingen doch recht empfindlich auseinander.


So wirst du stinkreich im boomenden Asien: Roman
So wirst du stinkreich im boomenden Asien: Roman
von Mohsin Hamid
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ungewöhnlich und sagenhaft schnell, 7. September 2013
Der Plot des neuen Romans von Mohsin Hamid ist alles andere als außergewöhnlich, geschweige denn spannend. Das jedoch fällt dem Leser bestenfalls nach dem Lesen der letzten Seite und beim abschließenden Zuklappen des Buches auf und dass "So wirst du stinkreich im boomenden Asien" dennoch so fesselnd ist, dass man es getrost als literarische Sensation bezeichnen kann, liegt nicht an dem was Hamid erzählt, sondern wie - am Stil, am Aufbau und am atemberaubenden Tempo des Buches.

Über 220 Seiten, in zwölf recht gleichmäßig umfangreiche Kapitel geteilt, jagt der Autor seinen Protagonisten durch sein komplettes Leben. Und der Protagonist ist Du. Der letzte Satz ist grammatisch nicht vertretbar, ich weiß, und dennoch richtig. Hamid spricht den Leser direkt an und zieht ihn so unmittelbar in die Handlung hinein - ein Kunststück! Zumal die tatsächliche Biographie des Lesers hierzulande wohl absolut keine Übereinstimmung mit der Erzählung haben dürfte. Ich für meinen Teil bin jedenfalls weder in einer bitter armen Region eines instabilen ostasiatischen Staates aufgewachsen, nicht als Teenager mit meiner Familie in eine bevölkerungsexplodierende Metropole umgezogen, hatte nie vor im boomenden Asien stinkreich zu werden und bin schon gar nicht etwa 80jährig dort gestorben. Und dennoch gelingt es Mohsin Hamid den Leser zum Ich des Buches zu machen, ihn es tatsächlich fühlen zu lassen.

Der ganze Roman verhält sich wie ein Selbsthilfebuch - nicht ohne die ein oder andere mehr oder weniger subtile Polemik gegen die Tsunami artige Flut an Selbsthilfebüchern, die offenbar auch und gerade den asiatischen Buchmarkt überschwemmt - und gibt dem Leser, der konsequent mit Du angesprochen und nie beim Namen genannt wird, Schilderungen seiner aktuellen Situation und Handlungsvorschläge, die er, wie sich von Kapitel zu Kapitel nachvollziehen lässt, offenbar beherzigt hat. Am Ende ist er, also Du, dann tatsächlich stinkreich im boomenden Asien geworden - zumindest vorübergehend - ganz am Ende stirbt er und schaut auf ein Leben mit spektakulärem Erfolgen und bitteren Niederlagen, mit Gewinnen und Entbehrungen zurück und vielleicht mit der Erkenntnis, dass man sich in dieser Zeitspanne zwischen geboren worden sein und sterben müssen genau überlegen sollte welchen Zielen man nacheifert.

Hamid baut beinah beiläufig wirkend Sätze wie "Denn es hat einmal einen Augenblick gegeben, in dem alles möglich war. Und es wird einen Augenblick geben, in dem nichts mehr möglich ist. Aber in der Zwischenzeit können wir gestalten." in die Handlung ein und tritt so in einen imaginären Dialog mit dem Leser. Da geht es nicht mehr um die konkreten Handlungsstränge des Protagonisten, respektive des Du, respektive des Lesers, sondern es sind Gedanken des Autoren, der sich auch als Autor des Buches im Buch klar benennt - oder anders und einfacher formuliert: schlicht großartig!

Eine weitere Faszination, die "So wirst du stinkreich im boomenden Asien" auslöst, ist das bereits erwähnte gefühlte Tempo des Buches. Natürlich hängt die Zeitspanne, die zum Lesen der etwa 220 Seiten vergehen auch bei diesem Buch von der Lesegeschwindigkeit und der Auffassungsgabe des Lesers ab, wie bei jedem anderen Buch auch. Dennoch erzeugt Hamid durch rhetorisches Geschick und Aufbau des Romans den Eindruck rauschender Geschwindigkeit, wie von einem Sog gezogen von der Geburt weg hin zum Tod. Keine Dramatik darin, kein Hadern, nur Tempo und der aufkeimende kleine Gedanke im Hinterkopf des Lesers: Verfolge ich die richtigen Lebensziele? Vergeude ich kostbare Lebenszeit? Hetzt mein Eifer in die richtige Richtung? Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit, das Infragestellen der eigenen Maxime, macht den Roman für manchen Leser vielleicht tatsächlich zum Selbsthilfebuch. Und zwar im besten Wortsinn, mit Betonung auf Selbst.

Für global-gesellschaftlich interessierte Leser bietet das Buch eine weitere aufschlussreiche Facette, die für den Autor, der selbst (inzwischen wieder) in Pakistan lebt, vermutlich gar nicht vordergründiges Ansinnen gewesen ist. Kaum ein Zeitungsartikel, kaum eine öffentliche oder private Diskussion, kein Buch, in dem Autoren gedankenschwer nach Lösungen oder wenigstens Abmilderung unvermeidlich auftretender Probleme in näherer und mittlerer Zukunft einer globalisierten Welt suchen, kommt ohne den Blick nach Asien aus. Die Schilderungen der wachsenden Schwierigkeiten durch kaum oder gänzlich ungebremstes Bevölkerungswachstum, gleichzeitiger Technisierung und Industrialisierung von weiten Teilen der Welt in denen Milliarden Menschen leben, die ohne Übergang aus dem Mittelalter in die Zukunft springen, die Gefahr zukünftiger gewaltsamer Konflikte nicht um Öl sondern um sauberes Trinkwasser, bis hin zu soziologischen Brandherden, die aufgrund unkontrollierter Urbanisierung in gigantischem Ausmaß völlig unvermeidbar scheinen, all das können wir Europäer zwar intellektuell erfassen, dennoch bleiben diese Schilderungen immer seltsam abstrakt. Ein wirkliches Gefühl für die Gemengelage, eine reale Einschätzung für die Lebenswirklichkeit von hunderten Millionen von Großstadt-Asiaten haben wir nicht. Können wir auch gar nicht haben, weil nichts davon in unserer Lebenswirklichkeit vorkommt. Am ehesten noch die Verstädterung, aber selbst die größten alt-gewachsenen europäischen Metropolen wirken wie Ruhe- und Luftkurorte im Vergleich zu asiatischen Giga-Cities, die, auf dem Reißbrett entstanden, binnen weniger Jahrzehnte mit mehr Menschen bevölkert sind als Berlin, Paris und London zusammen, allerdings auf erheblich weniger Fläche und unter meist empfindlich schlechteren geologischen Bedingungen.

Mit diesem Roman aber, durch das direkte Einbeziehen durch permanente direkte Anrede und durch den Charakter eines Selbsthilfebuches mit konkreten Handlungsempfehlungen im Alltäglichen, eben in der Lebenswirklichkeit einer ausufernden asiatischen Großstadt, bekommt man als Leser ein Alltagsempfinden für diesen uns so fremden Teil der Welt. Das geschieht ganz subtil, denn für das eigentliche Faszinosum des Romans spielt der Spielort einer Großstadt in Asien nur eine eher untergeordnete Rolle.

Das Buch leistet sich nur eine kleine Schwäche, eher eine Merkwürdigkeit. Die etwa 80 Jahre Handlungsspanne scheinen innerhalb von nur einem Jahrzehnt komprimiert abzulaufen. Die technische Entwicklung, die sich nur in Nebensätzen andeutet und keinerlei Relevanz für die Handlung des Buches hat, lässt jedenfalls keine andere Schlussfolgerung zu, außer der, dass Moshin Hamid, diesen Aspekt nicht beachtet hat oder aber davon ausgeht, dass in den nächsten Jahrzehnten keine neuen technischen Errungenschaften der Menschheit ihren praktischen Nutzen aufzwingen. Fakt ist: im Buch besorgt der Hauptakteur als Teenager einem schönen Mädchen - was in seinem Leben die zentrale Liebe bleiben wird, wenn sie auch die meiste Zeit nur passiv darin vorkommt - Filme auf DVD. Diese muss es zu dem Zeitpunkt also offenbar schon geben, also etwa Jetztzeit, vielleicht zehn Jahre zurück. Dem folgend datiert das Ende seines Lebens dann aber irgendwann um 2060. Und da liegt die Krux, denn das technische Drumherum in alltäglichen Kleinigkeiten scheint auch bei dem alten Du in seinen letzten Lebensjahren immer noch ziemlich genau da in der Entwicklung zu sein, wo es heute bereits ist. Für das Buch absolut nicht wichtig, Hamid wollte ja keinen phantasieüberfrachteten Science-Fiction-Roman schreiben, und für die Idee und den Geist des Buches völlig irrelevant und von mir, zugegeben, einfach nur spitzfindig, um wenigstens irgendetwas Negatives über "So wirst du stinkreich im boomenden Asien" sagen zu können, denn ansonsten ist das Buch eine uneingeschränkte Empfehlung.


Wie im Schlaf-Remastered Delux Edition
Wie im Schlaf-Remastered Delux Edition
Wird angeboten von bellaama
Preis: EUR 12,99

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Inklusive Brandloch, 5. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Steigerung von Perfektion ist Perfektion mit Detailliebe. Für die über das ganze Jahr 2013 gestaffelten Veröffentlichungen der von Grund auf restaurierten Wolfgang Ambros Alben der Jahre 1973-1981 gilt ganz klar letzteres.

Das originale Cover-Layout von 1978, das natürlich auch hier verwendet wurde, zeigt unter dem geschwungenen W.Ambros Schriftzug eine bis auf den Filter herunter geglimmte Zigarette, die, wie achtlos abgelegt, ein Brandloch in das gute LP-Cover brannte. Wie um alle Neuveröffentlichungen der Remaster-Reihe wurde auch hier über die CD-Hülle mit originalem LP-Artwork ein Schuber gestreift, der den Remaster-Alben zur Corporate Identity verhilft, also alle Alben der Serie in ein einheitliches Design bringt und das eigentliche Cover nur andeutet. Und in eben diesem Pappschuber ist bei der nun vorliegenden Neuauflage von "Wie im Schlaf" am glimmenden Ende des Zigarettenstummels tatsächlich ein Brandloch - nicht gedruckt, gestanzt - und gibt den Blick auf die darunter liegende Plastikhülle frei. Das mag für viele nicht wesentlich sein, doch sagt es viel über die Liebe zum Detail mit der hier einmal mehr gearbeitet wurde. Mehr oder minder gut aufgearbeitete Neuauflagen alter Alben erscheinen jährlich zuhauf, so sehr bis ins Detail perfektioniert eher selten, und schon gar nicht bei Themen, wo man nicht von allzu ausufernden Absatzzahlen ausgehen kann.

Für das Klangbild gilt, was auch schon für alle bisher in diesem Jahr veröffentlichten Remaster-Alben von Wolfgang Ambros gilt: wunderbar, klar, satt und dynamisch, die 35 Jahre alten Aufnahmen klingen als wären sie erst gestern entstanden.

Dass der damals 26jährige Wolfgang Ambros die Songs von Bob Dylan wahrlich wie im Schlaf beherrscht und verinnerlicht hatte, ist den zehn Liedern des Albums anzuhören. Die von ihm ins Österreichische übertragenen Texte fügen sich wie selbstverständlich auf Dylans Musiken und bleiben inhaltlich nah am Original. Mit traumwandlerischer Leichtigkeit formte Ambros die Dylan Songs zu seinen eigenen um - und schuf so wohl eine der wichtigsten, meistbeachteten und über die Jahre auch meistverkauften LPs seiner Karriere, vor allem in Deutschland. Und das obwohl aus dem Album nicht eine Single ausgekoppelt wurde.

Die zehn von Ambros für dieses Album 1978 adaptierten Songs stammen alle aus den legendären sechs frühen Alben von Bob Dylan zwischen "The freewheelin' Bob Dylan" (1963) und "Blonde on blonde" (1966). Schon damals hatte Dylan bereits zehn weitere Alben veröffentlicht - neben einigen Kuriositäten auch weitere ewige Klassiker wie "Blood on the tracks" (1975) oder "Desire" (1976), schon damals wünschten sich viele eine bald nachfolgende zweite "Ambros singt Dylan" LP. Inzwischen ist Dylans Oeuvre auf 35 reguläre Alben angewachsen und gerade auf den großartigen Alben der letzten 15 Jahre, seit er mit "Time out of mind" (1997) beginnend und den Folgealben ein Alterswerk entstehen lässt, was dem Frühwerk an Bedeutung um nichts nachsteht, wächst der Wunsch, Ambros möge noch mal die Feder spitzen und machte sich dran, den späten Dylan singbar zu übersetzen. Dylan-Songs, die für den alten Ambros geradezu prädestiniert sind, gibt es die Fülle.

Nun sind die Bonustracks auf den Ambros-Remaster-Alben ja inzwischen der ersehnte i-Punkt der ganzheitlich erfreulichen restaurierten Ambros-Klassiker. Auf den bisher veröffentlichten Alben fanden sich da bis zu acht zusätzliche Songs: seltene Singles oder B-Seiten, instrumentale Playback-Version (für TV-Auftritte entstanden) oder sogar gänzlich unbekannte, unveröffentlichte Demo-Versionen.
Hier enttäuscht "Wie im Schlaf", was dem Album oder der Neuauflage aber nicht angelastet werden kann. Es gab nun mal nichts. Singles wurden aus dem Album nicht ausgekoppelt und ohne Single auch keine B-Seite. Offenbar wurden nur die zehn Stücke, die das Album letztlich enthält auch produziert, auch Demo-Versionen gibt es keine. Schade.
Über den Sinn der beiden dennoch angefügten Bonustracks, kann man streiten. Einziger Zusammenhang zum Album ist das Veröffentlichungsjahr: 1978. Ansonsten haben sie hier eigentlich nichts verloren. Sie sind weder übersetzte Songs von Bob Dylan, noch entspringen sie einer herrenlosen Single aus dem Veröffentlichungszeitraum.
Sie entstammen dem musikalischen Hörspiel-Album "Schaffnerlos", was Ambros gemeinsam mit Manfred Tauchen und Josi Prokopetz im Januar 1978 veröffentlichte. Mit dem "Watzmann" (1974) und "Augustin" (1980) schufen sie davor und danach in dieser Konstellation insgesamt drei derartige musikalische Geschichten (nur mit Ambros und Prokopetz gab es außerdem 1972 bereits den "Fäustling").

Alle drei hätten eine derartige Aufbereitung wie der frühe Ambros-Katalog verdient, insbesondere das wohl melancholischste der drei: "Schaffnerlos". Eine Geschichte über einen Wiener Tram-Schaffner, der in Pension geht, wissend, dass mit ihm auch sein ganzer Berufsstand bald unwiderruflich verschwinden wird, ersetzt von Automaten.
Der ewig schöne Titelsong dieser Platte und ein weiterer wurden hier nun als Bonus an "Wie im Schlaf" dran gehängt. Wirklich passend ist das nicht. Die in für die gesamte Reihe gewohnter Qualität remasterte Fassung von "Schaffnerlos" lässt die Konzeptlosigkeit an der Stelle aber verzeihen. Denn wenn, so wie es aussieht, die Hörspiele nicht remastert neu aufgelegt werden, ist es schön so wenigstens den Titelsong, den Ambros bis heute immer wieder in seine Konzertprogramme hebt, in dieser unglaublichen Brillanz zu hören.
Und außerdem lässt sich doch ein Bogen spannen: Dylan könnte stolz sein, wenn ihm die Nummer eingefallen wäre. Zu ihm passen würde sie nämlich ganz hervorragend.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 13, 2013 7:45 AM MEST


Bryan Adams - Live at Sydney Opera House (+ Audio-CD) [Deluxe Edition] [2 DVDs]
Bryan Adams - Live at Sydney Opera House (+ Audio-CD) [Deluxe Edition] [2 DVDs]
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Wird angeboten von Fulfillment Express
Preis: EUR 20,42

20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zu gut, um es schlecht zu bewerten, 30. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Schon wenn er nur auf die Bühne schlurft und noch kein Wort gesagt oder gesungen hat, strahlt der Mann durch einen wachen, klaren Blick und ein glaubhaftes Lächeln eine einnehmende Sympathie aus. Sympathie ist noch keine musikalische Qualität. Doch auch da gibt es bei "The Bare Bones Tour - Live at Sydney Opera House" nichts zu beanstanden. Jeder der 26 Songs auf der DVD (oder der um vier Songs und in den Moderationen gekürzten CD) entfaltet in dieser reduzierten Umsetzung nur mit Piano und akustischer Gitarre intensive Wirkung. Mag auf seinen regulären Alben manches zuweilen etwas überproduziert sein, manches Arrangement im Studio etwas zu sehr mit dem Zeitgeist flirten, Bryan Adams ist ein großartiger Songwriter - Punkt.

Ist? Oder war?
Weniger wohlwollend betrachtet, muss man auch als Fan einräumen, lässt sich das neue Live-Album auch als kreative Bankrotterklärung deuten. Denn wenn ganze drei Jahre nach dem letzten Live-Album "Bare bones", noch dazu ohne ein neues Studio-Album in der Zwischenzeit, nun Ende August 2013 ein bereits vor zwei Jahren aufgezeichneter Mitschnitt eben jener Tour als erstes Lebenszeichen in Form einer Tonkonserve erscheint, dann kann von einem kreativen Vorgang keine Rede sein, auch von künstlerischem Bedürfnis nicht. Lediglich das Ausbleiben von neuem veröffentlichungswürdigem Material taugt als Erklärung für den Rückgriff auf einen weiteren Mitschnitt des ohne jeden Zweifel brillanten "Bare bones" Konzert-Programms, der zudem auch schon zwei Jahre zurückliegt. Die hier verwendeten Aufnahmen aus Sydney entstanden am 18. September 2011.

Doch auch das nun neue "The Bare Bones Tour - Live at Sydney Opera House" ist so gut, dass weniger als Höchstwertung mir ungerecht vorkäme. In mehrfacher Hinsicht ist es im Vergleich zum 2010er Album das insgesamt noch bessere. Zum einen, weil es visualisiert wurde. Die filmische Umsetzung ist ganz nah dran und zeigt Bryan Adams ohne jeden Bühnen-Pomp. Wohnzimmeratmosphäre vor etwa 4.000 Leuten, der größte Effekt ist seine Mimik, die anzeigt: er singt nicht nur, er lebt die Songs und entdeckt sie in dieser sparsamen Instrumentierung selber wieder für sich neu. Hinzu kommt ganz quantitativ, dass es vor drei Jahren zwar auch schon 20 Songs waren, hier aber mit 26 (CD 22) eben ein noch größerer Fächer ist, den Adams öffnet, mehr Songs (und zu etwa einem Drittel auch andere als vor drei Jahren) in diesem wunderbar klaren und schnörkellosen Gewand daher kommen. Und in der Setlist befinden sich auch ein paar echte Überraschungen. Die großen Hits, klar, aber eben auch etliche Songs, die sich einfach anboten für diese Klangkulisse, auch wenn sie nicht die Nummern sind, die einem als erstes einfallen, wenn man an Bryan Adams denkt.

Insgesamt also ein wirklich großartiges, akustisches Album, wäre da nur nicht der Kontext, dass "11", das letzte Studio-Album, nun schon 5 1/2 Jahre zurückliegt und vor drei Jahren beinah das gleiche Album schon mal veröffentlicht wurde - ein anderes Konzert zwar, auch ein paar andere Titel und ohne bewegte Bilder, aber so recht nötig scheint "The Bare Bones Tour - Live at Sydney Opera House" nicht, so gut es auch ist.
Wer "Bare bones" von 2010 noch nicht besitzt, sollte ganz klar dieser 2013er Veröffentlichung den Vorzug geben. Hat man "Bare bones" aber schon, ist die Anschaffung nicht zwingend.
Ich habe ja vollstes Verständnis dafür, dass es eine sehr schöne Nebentätigkeit ist Pink halbnackt zu fotografieren (Bryan Adams ist ein begnadeter Kunst-Fotograf, hat bevorzugt Kollegen vor der Linse und machte Album-Cover-Fotos u.a. für Amy Winehouse oder Marius Müller Westernhagen) aber so sachte ist das zwölfte amtliche Album arg überfällig. Also bitte, ab ins Studio...
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 1, 2013 3:30 AM MEST


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