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Rezensionen verfasst von
Christian Günther
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Das Gespenst der Liebe
Das Gespenst der Liebe
von Adam Haslett
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Verirrten, Verwirrten, Gescheiterten, Ausgegrenzten - und ihre versteckte Schönheit, 22. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Gespenst der Liebe (Taschenbuch)
Keine Ahnung, was hierzulande dieses virulente Streben nach Änderung des originalen Titels bei deutschen Synchronisationen von Filmen und Übersetzungen von Büchern ausgelöst hat. Abgesehen davon, dass die neuen Betitelungen (bis auf ganz wenige Ausnahmen, die letztlich nur die Regel bestätigen) zu allermeist inhaltlich erstaunlich präzise am Ziel vorbei deuten, sollte man doch vielleicht auch einfach davon ausgehen, dass der jeweilige Autor sich etwas bei dem Titel für sein Werk gedacht hat - und selbst wenn nicht, es ist immer noch sein Werk.

Das vorliegende Buch ist ein Musterbeispiel derartig grundloser und sinnfreier Titel-Verhunzung. Diese Sammlung von neun Kurzgeschichten (alle etwa 30 Seiten lang) veröffentlichte der New Yorker Adam Haslett im Jahre 2002. Bereits im Jahr darauf erschien, aufgrund der positiven Resonanz in den Staaten, eine deutsche Übersetzung beim Goldmann-Verlag unter dem Titel "Das Gespenst der Liebe". Der Titel klingt nicht nur platt und hohl, er hat beglückenderweise auch nichts mit dem Buch zu tun.
2010 dann eine Neuveröffentlichung bei Rowohlt. Diesmal heißt dasselbe Ding "Hingabe" und sollte wohl mit diesem neuen Titel auf dem wachsenden Markt der Literatur für erotisch unterversorgte Hausfrauen mit leicht abgedunkelten Phantasien für etwas Umsatz sorgen. Das macht den Quatsch nur noch quätscher und zielt nun gänzlich am Inhalt vorbei. Denn so sehr in einigen der neun Geschichten von Adam Haslett Sex durchaus auch eine Rolle spielt, ist er zum einen nicht zentraler Kern der Handlung und zum andern meist schwul und nur insofern relevant, weil sich aus der Homosexualität für einige der zentralen Figuren schicksalhafte Erschütterungen in ihrer Biographie ergeben. Also nix für die Verwaltungsfachangestellte, die mit opferbereitem Körpereinsatz einen ungezügelten SM-Adonis zum Familienpapi mit echter Begeisterungsfähigkeit für zentrumsnahe Doppelhaushälften umkonditionieren will.

Haslett nannte seine Sammlung von Kurzgeschichten übrigens "You are not a stranger here". Und man soll es nicht für möglich halten: der Titel ist äußerst stimmig für seine zusammengetragenen (erdachten) Geschichten von Ausgegrenzten, Verirrten und Verwirrten, von Menschen und Schicksalen, die man sicher eher bedauert, kaum beneidet.
Haslett aber lässt uns sie bewundern. Er ikonisiert sie nicht, macht sie nicht zum Helden für einen Tag in einem ansonsten reichlich verpfuschten Leben. Und noch mehr meidet er rührseliges Mitgefühl, so gefühlvoll er seine Protagonisten auch mit Worten zeichnet.

Die Geschichten wirken alle vergleichsweise wie Songs von Tom Waits, Nick Cave oder Marianne Faithfull. Sie zeigen das Aufrechte, das Liebenswerte, das Echte inmitten einer spröden Wirklichkeit, das Anrührende und Wertvolle auch im Scheitern. Er holt die Gebückten, die oft Missachteten oder gar Verlachten, die Verstoßenen zurück in die Mitte der Gemeinschaft. Zeigt, sie sind um uns, überall, der Nachbar, die Kollegin, der alte Schulfreund. Wie eine kalte, raue, scheinbar endlose Betonfläche, die von Erschütterungen rissig wurde - und durch einen dieser Risse kämpft sich eine Blume. Nichts besonderes, irgendein kleines robustes Pflänzchen, was dieser Ödnis trotzt und inmitten all dieser Hässlichkeit ein wenig Freude zu schenken vermag, anrührt und zum Symbol des Lebens wird. Dadurch wird diese ramponierte Betonfläche nicht zum Garten Eden, aber büßt eben doch ein wenig von seiner Trostlosigkeit ein.

Haslett schildert sehr detailliert bei jeder Geschichte Seite um Seite eine Realität, in die der Leser sehr rasch eintaucht. Es geht ihm nicht darum eine besondere Geschichte zu erzählen, sondern feinfühlig eine besondere Stimmung aufzubauen. Er dreht keine rhetorischen Pirouetten, jongliert nicht mit Worten und Wendungen um sein literarisches Können zu demonstrieren. Seine Worte schreiten so konsequent wie logisch voran, wie es der Lauf der Dinge im Alltag eben auch tut, bis irgendetwas Unerwartetes eintritt - nichts übermäßig Spektakuläres, nur unerwartet - und er die Leser mit diesem Gefühl allein lässt, weil die Geschichte einfach aufhört. Es sind eben nur Ausrisse aus erdachten Biographien, keine langen Handlungsstränge, nur Stimmungen, Gedanken, Gefühl.

In sechs der neun Geschichten macht er das für mein Dafürhalten meisterhaft und sorgt dafür, dass sich einem diese Episode, die ausgelöste Stimmung, die mitgeschwemmten Gedanken einprägen und über Tage begleiten. Nur drei der Kurzgeschichten ließen mich ein wenig ratlos zurück. Das können bei mir aber andere gewesen sein, als es bei Ihnen sein werden. Nicht jeder Mensch ist für alle Stimmungen gleich empfänglich.
Adam Haslett ist ein wunderbarer Autor für jene, die das Schöne auch dort sehen, wo man es nicht vermutet, wo es rar ist, wo man es suchen und genau hinsehen muss.
Und ich hätte im übrigen nie ein Buch in die Hand genommen, was "Das Gespenst der Liebe" oder "Hingabe" heißt, wenn ich nicht durch eine New Yorkerin auf Adam Haslett aufmerksam gemacht worden wäre, auf eben dieses "You are not a stranger here". Soviel zur Zielgruppen-Treffsicherheit durch an "regional unterschiedliche Märkte angepasste Titel" ihr Marketingexperten (and thanks to you Olivia for your marvelous recommendation)!
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 27, 2013 8:31 PM MEST


Hingabe
Hingabe
von Adam Haslett
  Broschiert
Preis: EUR 12,00

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Verirrten, Verwirrten, Gescheiterten, Ausgegrenzten - und ihre versteckte Schönheit, 22. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Hingabe (Broschiert)
Keine Ahnung, was hierzulande dieses virulente Streben nach Änderung des originalen Titels bei deutschen Synchronisationen von Filmen und Übersetzungen von Büchern ausgelöst hat. Abgesehen davon, dass die neuen Betitelungen (bis auf ganz wenige Ausnahmen, die letztlich nur die Regel bestätigen) zu allermeist inhaltlich erstaunlich präzise am Ziel vorbei deuten, sollte man doch vielleicht auch einfach davon ausgehen, dass der jeweilige Autor sich etwas bei dem Titel für sein Werk gedacht hat - und selbst wenn nicht, es ist immer noch sein Werk.

Das vorliegende Buch ist ein Musterbeispiel derartig grundloser und sinnfreier Titel-Verhunzung. Diese Sammlung von neun Kurzgeschichten (alle etwa 30 Seiten lang) veröffentlichte der New Yorker Adam Haslett im Jahre 2002. Bereits im Jahr darauf erschien, aufgrund der positiven Resonanz in den Staaten, eine deutsche Übersetzung beim Goldmann-Verlag unter dem Titel "Das Gespenst der Liebe". Der Titel klingt nicht nur platt und hohl, er hat beglückenderweise auch nichts mit dem Buch zu tun.
2010 dann eine Neuveröffentlichung bei Rowohlt. Diesmal heißt dasselbe Ding "Hingabe" und sollte wohl mit diesem neuen Titel auf dem wachsenden Markt der Literatur für erotisch unterversorgte Hausfrauen mit leicht abgedunkelten Phantasien für etwas Umsatz sorgen. Das macht den Quatsch nur noch quätscher und zielt nun gänzlich am Inhalt vorbei. Denn so sehr in einigen der neun Geschichten von Adam Haslett Sex durchaus auch eine Rolle spielt, ist er zum einen nicht zentraler Kern der Handlung und zum andern meist schwul und nur insofern relevant, weil sich aus der Homosexualität für einige der zentralen Figuren schicksalhafte Erschütterungen in ihrer Biographie ergeben. Also nix für die Verwaltungsfachangestellte, die mit opferbereitem Körpereinsatz einen ungezügelten SM-Adonis zum Familienpapi mit echter Begeisterungsfähigkeit für zentrumsnahe Doppelhaushälften umkonditionieren will.

Haslett nannte seine Sammlung von Kurzgeschichten übrigens "You are not a stranger here". Und man soll es nicht für möglich halten: der Titel ist äußerst stimmig für seine zusammengetragenen (erdachten) Geschichten von Ausgegrenzten, Verirrten und Verwirrten, von Menschen und Schicksalen, die man sicher eher bedauert, kaum beneidet.
Haslett aber lässt uns sie bewundern. Er ikonisiert sie nicht, macht sie nicht zum Helden für einen Tag in einem ansonsten reichlich verpfuschten Leben. Und noch mehr meidet er rührseliges Mitgefühl, so gefühlvoll er seine Protagonisten auch mit Worten zeichnet.

Die Geschichten wirken alle vergleichsweise wie Songs von Tom Waits, Nick Cave oder Marianne Faithfull. Sie zeigen das Aufrechte, das Liebenswerte, das Echte inmitten einer spröden Wirklichkeit, das Anrührende und Wertvolle auch im Scheitern. Er holt die Gebückten, die oft Missachteten oder gar Verlachten, die Verstoßenen zurück in die Mitte der Gemeinschaft. Zeigt, sie sind um uns, überall, der Nachbar, die Kollegin, der alte Schulfreund. Wie eine kalte, raue, scheinbar endlose Betonfläche, die von Erschütterungen rissig wurde - und durch einen dieser Risse kämpft sich eine Blume. Nichts besonderes, irgendein kleines robustes Pflänzchen, was dieser Ödnis trotzt und inmitten all dieser Hässlichkeit ein wenig Freude zu schenken vermag, anrührt und zum Symbol des Lebens wird. Dadurch wird diese ramponierte Betonfläche nicht zum Garten Eden, aber büßt eben doch ein wenig von seiner Trostlosigkeit ein.

Haslett schildert sehr detailliert bei jeder Geschichte Seite um Seite eine Realität, in die der Leser sehr rasch eintaucht. Es geht ihm nicht darum eine besondere Geschichte zu erzählen, sondern feinfühlig eine besondere Stimmung aufzubauen. Er dreht keine rhetorischen Pirouetten, jongliert nicht mit Worten und Wendungen um sein literarisches Können zu demonstrieren. Seine Worte schreiten so konsequent wie logisch voran, wie es der Lauf der Dinge im Alltag eben auch tut, bis irgendetwas Unerwartetes eintritt - nichts übermäßig Spektakuläres, nur unerwartet - und er die Leser mit diesem Gefühl allein lässt, weil die Geschichte einfach aufhört. Es sind eben nur Ausrisse aus erdachten Biographien, keine langen Handlungsstränge, nur Stimmungen, Gedanken, Gefühl.

In sechs der neun Geschichten macht er das für mein Dafürhalten meisterhaft und sorgt dafür, dass sich einem diese Episode, die ausgelöste Stimmung, die mitgeschwemmten Gedanken einprägen und über Tage begleiten. Nur drei der Kurzgeschichten ließen mich ein wenig ratlos zurück. Das können bei mir aber andere gewesen sein, als es bei Ihnen sein werden. Nicht jeder Mensch ist für alle Stimmungen gleich empfänglich.
Adam Haslett ist ein wunderbarer Autor für jene, die das Schöne auch dort sehen, wo man es nicht vermutet, wo es rar ist, wo man es suchen und genau hinsehen muss.
Und ich hätte im übrigen nie ein Buch in die Hand genommen, was "Das Gespenst der Liebe" oder "Hingabe" heißt, wenn ich nicht durch eine New Yorkerin auf Adam Haslett aufmerksam gemacht worden wäre, auf eben dieses "You are not a stranger here". Soviel zur Zielgruppen-Treffsicherheit durch an "regional unterschiedliche Märkte angepasste Titel" ihr Marketingexperten (and thanks to you Olivia for your marvelous recommendation)!


Sprachlügen: Unworte und Neusprech von »Atomruine« bis »zeitnah«
Sprachlügen: Unworte und Neusprech von »Atomruine« bis »zeitnah«
von Kai Biermann
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Was ein Intensivtäter und das Jobcenter gemeinsam haben, 20. Juni 2013
ganz zu schweigen vom WC-Center und einer Exzellenzinitiative? Jeder der noch einigermaßen bei Trost ist, erkennt es sofort: es ist rhetorischer Unfug! Besserenfalls sind es inhaltsleere Worthülsen, meist aufgepumpte Banalitäten, denen mittels Klangfülle der Anstrich von substanziell nicht vorhandener Wichtigkeit und Dringlichkeit oder überhaupt Notwendigkeit verliehen werden soll, schlimmstenfalls aber (und das leider viel zu häufig) sind es schlichtweg dreiste Täuschungsmanöver - man könnte auch sagen Lügen -, die nach dem Show-Prinzip eines jeden Illusionisten eine Wirklichkeit inszenieren sollen, die gar nicht existiert und umschwurbelt zu verbergen suchen, was gesagt werden sollte. Oder kurz, diese Begriffe sind einfach Quatsch, krachender Blödsinn.

Ich habe oben wahllos drei Begriffe dem Buch entnommen (das WC-Center habe ich zu verantworten), auf 230 Seiten finden sich hunderte Wörter, die mindestens missbraucht, meist eigens konstruiert wurden, um eine nicht ganz so hübsche Wahrheit milder klingen zu lassen, oder zweifelhafte Interessen leichter mehrheitsfähig zu machen. Krieg will schließlich niemand, einen Stabilisierungseinsatz können sich viele schon eher vorstellen, erst recht wenn die zivilen Opfer (also Getötete oder Verletzte) nur als Kollateralschaden an unserem Gewissen vorbeihuschen.

Bei allen Begriffen bei denen das Autorenduo Biermann/Haase bei der Decodierung konsequent etymologisch vorgeht, ist das Buch eine humorvoll unterhaltende Lektüre, dazu sprachlich sensationell. Nicht nur wie sie inhaltlich die Hohlwörter und Antiphrasen zerlegen und ihren Schöpfern um die Ohren hauen, sondern auch wie sprachlich versiert sie es tun, macht das Ganze äußerst lesenswert.

Dass sie bei einigen Begriffen übers Ziel hinausschießen und etwas pedantisch Wörter der Sprachlüge bezichtigen, die es nun wahrlich nicht verdient haben, ist verzeihlich, denn es handelt sich ja um keine trockene wissenschaftliche Arbeit, das Buch ist natürlich auch Polemik. Ich glaube z.B. nicht, dass sich irgendwer ernstlich an den Bezeichnungen >Arbeitgeber und Arbeitnehmer< stört oder darin einen vorsätzlichen Verschleierungsversuch unehrenhafter Motive sieht.

Weniger leicht verzeihlich ist, dass sie bei einigen (insgesamt zu vielen, gefühlt 20%) Begriffen sehr politisch, ideologisch vorgehen. Das gehört nicht in ein solches Buch, was den Missbrauch von Wörtern oder rhetorischen Wendungen aufdecken will. Immerhin - das muss der Fairness halber erwähnt werden - wird in der Autorenvorstellung auf der zweiten Seite darauf hingewiesen, dass Martin Haase bekennender Pirat ist. Das verstößt nicht gegen demokratische Regeln und ist vollkommen okay. Nur leider merkt man es einigen Texten im Buch sehr stark an - und das ist nicht okay. Denn wenn in einem Buch, das weit überwiegend Begriffe zerlegt, die schlicht nur sprachliche Katastrophen sind, völlig unabhängig, wer welches Ziel mit ihrem Gebrauch verfolgt, plötzlich einige Passagen eingestreut sind, deren Kritik ideologischen Vorgaben folgt, dann machen die Autoren letztlich genau das gleiche, wie die von ihnen Kritisierten: Sie versuchen die beim Leser durch den von ihnen erzeugten Wortnebel verursachte schlechte Sicht zu nutzen, um ein paar Inhalte ungesehen über die Straße zu bringen. Man könnte es auch Manipulationsversuch nennen. Mache ich aber nicht, weil ich keinen Vorsatz unterstelle, sondern vermutlich wohl nur der innere Pirat mit dem Autoren durchging.

Absolution erteilt und deswegen auch nur einen Stern Abzug. Denn alles in allem ist "Sprachlügen" ein wunderbarer Kehrbesen für all den herumliegenden Wortmüll. Nun müssen wir nur noch alle viel konsequenter widersprechen oder einfach laut auflachen, wenn uns derartige Wortunglücke begegnen und so die Schöpfer und ihre Schergen bloßstellen, sonst hört das nie auf. Jobcenter ist, abgesehen davon, dass es ein irreführender Begriff ist, auch noch amtlicher weise falsch geschrieben. Im Englischen schriebe man es nämlich Job Center.

Und ein WC-Center? Ist das das ultimative Zentrum aller Toiletten? Oder soll mir die trendig schicke Bezeichnung suggerieren, dass im Gegensatz zu einem normalen Klosett, in einem WC-Center der Stuhlgang zum Event wird? Mit psychologisch geschultem, motivierendem Coach am Eingang, sanfter, die Sinne entspannender musikalischer Untermalung des ehemals stillen Örtchens, einem Leuchtkugel-Feuerwerk bei erfolgreichem Geschäftsabschluss und einer jungen Dame, die mir am Ausgang mit lasziven Blick ein "Du warst dufte" hinterher haucht?
Für ein potentielles "Sprachlügen II" existiert durchaus noch genug Material, zumal es wuchert.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 30, 2013 5:40 PM MEST


Über Bruce Springsteen
Über Bruce Springsteen
von David Remnick
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ego, Eitelkeit und Narzissmus - Ein Portrait eines glaubhaften Volkshelden, 15. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Über Bruce Springsteen (Gebundene Ausgabe)
Kann ein Foto ein ganzes Leben abbilden, eine ganze Lebensgeschichte erzählen? Unmöglich. Aber ein guter Fotograf vermag es in Momenten auf den Auslöser zu drücken, die ein Portrait entstehen lassen, dass dem Betrachter einen schon tausendmal gesehenen Menschen in einer Intensität zeigt, die den Blick fast magnetisch festhält. Jeder kennt solche Bilder, bei denen man meint, man schaut dem Porträtierten bis in die Seele, man kann an den Zügen des Gesichts Lebensstationen erkennen, den Charakter, Grundhaltungen. Die Kunst des Fotografen ist es weniger die Kamera zu halten und den Knopf zu drücken, als den Menschen vor der Linse dazu zubringen, sich für Sekunden so offen zu zeigen und diesen Moment zu erkennen. Nur das ist die Kunst, das Ausleuchten und die Wahl des Equipments sind Handwerk.

Warum erwähne ich das? "David Remnick über Bruce Springsteen" ist schließlich kein Foto-Band und Remnick wie Springsteen sind bestenfalls Familienfeier- und Ausflugs-Fotografen. Weil sich die Frage eingangs auch für dieses Buch adaptieren lässt, darum. Kann ein Buch mit nur 70 Seiten Text (der auch noch mit etlichen Schwarz-Weiss-Fotos durchzogen ist) ein ganzes Leben abbilden, eine ganze Lebensgeschichte erzählen?
Nein, kann es nicht, wie auch das beste Foto-Portrait es nicht kann. Das Buch ist genausowenig eine ganzheitliche biographische Betrachtung Springsteens, wie es kein Foto-Band über ihn ist. Es ist ein Text-Portrait - eines der besten über Springsteen, das jemals erschienen ist, meint der "Rolling Stone" und, wenn auch im Urteilsgewicht nicht annähernd so schwerwiegend, meine auch ich.

David Remnick, Chefredakteur des "The New Yorker", beobachtet Springsteen seit vierzig Jahren, also seit den Anfängen seiner Karriere, seit er ihn 1973 zufällig als Vorband von "Chicago" im Madison Square Garden in New York erlebte. Er kennt ihn offenbar gut, kennt sein Werk, seine Wurzeln, seine biographischen Bahnen. Er begleitete Springsteen einige Wochen im Frühjahr 2012, während der Proben und Vorbereitungen für seine (noch bis September 2013 laufende) "Wrecking Ball - World Tour 2012/13", der vierten gigantischen Tour innerhalb der letzten zehn Jahre. Er war bei der Veröffentlichung des Albums dabei, dem Moment als die Band während der Proben erfuhr, dass es (wiedereinmal) gelang in den USA, UK, Deutschland und 13 weiteren Ländern aus dem Stand auf die 1 der Verkauf-Charts zu springen und Springsteen eine spontane Party anberaumte. Und Remnick begleitete den Boss-Tross auch noch während des ersten Tournee-Blocks in Europa bis Ende Juli 2012. Viele ereignisreiche, arbeitsintensive Wochen also inmitten eines energiegeladenen Wanderzirkus. Viele Gespräche mit Springsteen, mit Mitgliedern seiner E-Street-Band, seiner Frau Patti Scialfa, seinem engen Freund/Berater/Manager (seit 1974) John Landau, aber auch mit Zurückgelassenen, wie den Drummer der ersten beiden Alben Vini Lopez.

All diese Eindrücke verwandelt Remnick nicht in eine Art Road-Book, einem Bericht über einen Weltstar auf seiner aktuellen Welttournee, sondern er zeichnet kunstvoll ein Portrait dieses phänomenalen Kerls. Er beobachtet sehr genau Details, sammelt Eindrücke, filtert Schlüsselbemerkungen von ihm und über ihn, achtet auf Reaktionen auf ihn, sowohl von Freunden und Kollegen, als auch die Reaktionen zigtausender aus allen Schichten und Generationen, die in die Arenen zu seinen Konzerten pilgern.
Und tatsächlich meint man am Ende des Textes selbst anstelle Remnicks diese Wochen neben Springsteen verbracht zu haben, die Atmosphäre aufgesaugt, die Philosophie, die Arbeitsweise, die Motivation nicht erzählt bekommen oder gelesen, sondern selbst erlebt zu haben. Ein starker Text, weil subtil, still begleitend.

Remnick zeigt einen Multimillionär im Arbeiter-Shirt, der sich über diese Ambivalenz schon von dem Moment an als sie auftrat im Klaren war und ist - und diesen Widerspruch kraft seiner Persönlichkeit, seiner Motive und Authentizität auflöst. Die Empörung über gesellschaftsspaltende Gier auf den Finanzplätzen und menschenverachtendes Gebaren einiger Vertreter der Oberschicht, ist genauso echt, wie das Empfinden der Annehmlichkeiten des monetären Wohlstands. Seine Ausführungen über sein eigenes (Springsteen O-Ton: relativ kontrolliertes) Ego nebst Eitelkeit und Narzissmus, sind genauso wenig kokettiert wie sein Empfinden für gescheiterte Existenzen, sei es bittere Armut oder verwüstete Seelen. Das ewige Totschlag-Argument einiger Kritiker, als finanziell gutsituierter Mensch verliert man des Empfinden für die Schattenseiten des Lebens, ist bestenfalls naiv, eher einfältig und nur erklärbar, wenn man ernstlich glaubt, Glück und Leid hingen in erster Linie vom Bankkonto ab. Welch krachender Blödsinn! Man gewinnt den Eindruck, dass Springsteen versucht, die Energie seiner Dämonen (Eitelkeit, Narzissmus etc.), die man einfach braucht um über Jahrzehnte eine solche Strahlkraft zu erzeugen, umzuwandeln in etwas positives. Und es bedarf keiner rosa Fan-Brille um anerkennend festzustellen, dass ihm das gelingt.

Remnick differenziert bei der Betrachtung nicht zwischen privater Person und Rockstar, es gibt auch nur eine Person. Und die begreift man in ihrem Wesen durch dieses kleine Buch besser, als in vielen andern Büchern über Bruce Springsteen. Es ersetzt keine faktenreiche, detaillierte Biographie, aber es verschafft einen sehr persönlichen Eindruck. So wie ein intensives Foto mehr über den Menschen verraten kann, als hunderte Seiten biographischer Wegpunkte.

Um mit dem anfänglichen Vergleich zur Kunst des Fotografierens auch wieder zu schließen: Die Kunst die David Remnick hier zeigt ist nicht das Worte zu Sätzen reihen, sondern das über Wochen den Porträtierten beobachten, ihn dazu zubringen sich immer wieder für Momente ganz offen zu zeigen, ganz offen zu reden, und die Essenz dessen zu einem Text zusammenzutragen, der dem Leser den Eindruck vermittelt selbst dabei gewesen zu sein.


NORMAL: Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen
NORMAL: Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen
von Allen Frances
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Im Zweifel: Normal!, 13. Juni 2013
Die New York Times bezeichnete Allen Frances als den einflussreichsten Psychiater Amerikas. Ungeachtet ob man ihn nun so einsam an der Spitze sieht, Allen Frances ist jedenfalls nicht irgendwer, nicht irgendein mehr oder weniger guter Psychiater, wie es nun mal in jedem Bereich von hochbegabten bis hin zu offenbar völlig von Ahnung und Begabung befreite Vertreter ihrer Zunft gibt. Der heute siebzigjährige leitete in den vergangenen vierzig Jahren u.a. den psychiatrischen Fachbereich an der Duke University, Durham, veröffentlichte weltweit beachtete und geachtete Fachartikel und genießt daraus resultierend international ein Renommee als profilierter, versierter und ernstzunehmender Fachmann. Unter seinem Vorsitz entstand 1994 des DSM-IV, auch an dessen Vorläufer war er redaktionell maßgeblich beteiligt.

Einfügung: Das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) ist eine Ergänzung/Erweiterung des in Europa weiter verbreiteten oder häufiger angewendeten ICD (International statistical Classification of Diseases and related health problems), allerdings widmet es sich ausschließlich psychischen Störungen und Erkrankungen. Es ist, vereinfacht formuliert, eine Art Handbuch der Psychiatrie, dass bei der Erstellung psychiatrischer Diagnosen unterstützen soll, in dem es Symptome, Dauer von angezeigten Symptomen etc. psychischen Erkrankungen zuordnet) -

Mit seinem Buch "Normal - gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen", was gewiss in weiten Teilen eine Streitschrift ist (im doppelten Wortsinn: Frances streitet für und gegen die Psychiatrie!), stemmt er sich ganz wesentlich auch gegen das just jetzt 2013 veröffentlichte DSM-V.

Nun anzunehmen, es handle sich wiedermal um einen Alten, der gegen die Jungen wettert, die seine Erkenntnisse über Bord werfen, ist zwar einigermaßen naheliegend, aber grundfalsch. Frances geht mit dem unter seinem Vorsitz vor zwanzig Jahren entstandenen DSM-IV nicht milder um. Gerade weil er miterlebt hat, was dies indirekt angerichtet oder zumindest begünstigt und gefördert hat, trotz aller guter Vorsätze, die er und sein Team damals in die Arbeit einbrachten, ist es geboten Alarm zu schlagen, weil mit Erscheinen des (fahrlässig und bedenklich ergänzten und modifizierten) DSM-V eine Hyperinflation an psychiatrischen Diagnosen samt Medikation mit unnötigen, teuren und gesundheitsschädlichen Psychopharmaka einzusetzen droht. Die Gefahr ist nicht konstruiert, anhand einiger Beispiele lässt sich das leicht erfassen. Dazu später unten mehr.

Zunächst ist über das Buch zu sagen, dass Frances eine ungewöhnlich herausragende Arbeit abgeliefert hat. Denn so sehr "Normal" ein Fachbuch für ein noch dazu sehr spezielles und kompliziertes Fachgebiet ist, ist es ein sich über 400 Seiten erstreckendes Lesevergnügen - auch für den Laien. An dieser Stelle ist ein ausdrückliches Kompliment auch an die Übersetzerin Barbara Schaden nötig!

Bevor sich Allen Frances der eigentlichen Streitschrift nähert, erläutert er zunächst ausführlich und interessant den historischen Weg der Menschheit im Umgang mit Geisteskrankheiten und die Entstehung dessen, was wir heute Psychiatrie nennen. Und schnell wird dem Leser klar, es war immer und zu allen Zeiten ganz wesentlich Willkür, die darüber entschied, was normal ist und was nicht und im Umkehrschluss, was als geisteskrank gilt. Es ist mehr eine Geschichte von Irrungen, weniger von Irren. Glaubhaft wird Frances schon hier, weil er dennoch nicht in Zweifel zieht, dass es natürlich (auch medikamentös) behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen gibt. Es wäre Unsinn das zu bestreiten und es ist auch nicht sein Ziel die Psychiatrie an sich ad absurdum zu führen. Nur wo ziehen wir die Grenze zwischen krank und normal?
Hierzu bemüht er auch verschiedene philosophische Betrachtungen des Normalitäts-Begriffes und immer klarer wird: Es ist - und das ist auch nicht zu ändern - letztlich Willkür, so hässlich das Wort auch klingt. Umso vorsichtiger muss bei der Diagnose vorgegangen werden. Umso mehr muss ein Psychiater im Zweifel bereit sein, seine Diagnose auch wieder zu verwerfen und darf nicht eitel an ihr festhalten. Umso gebotener ist ein verantwortungsvolles Vorgehen bei der Diagnose, was in den letzten Jahrzehnten im Fall psychischer Beschwerden dramatisch zurückgegangen ist. Man kann sich auch ganz einfach auf Hippokrates berufen: "Der Arzt muss sich vergewissern, dass sein Eingriff mehr nütze als schade!" Das ist heute so richtig wie vor 2500 Jahren. Nicht behandeln ist im Zweifel besser als falsch zu behandeln.

So sehr nun zu hoffen und zu wünschen ist, dass möglichst jeder in irgendeiner Form psychiatrisch arbeitende Mensch Frances Buch lesen möge, richtet sich der Autor mit mindestens selber Aufmerksamkeit auch an alle Nicht-Experten und entsprechend wählt er seinen Duktus. Fachbegriffe werden so weit möglich gemieden, wo sie unverzichtbar sind, werden sie verständlich erklärt. Hinzu kommt, dass Frances, rhetorisch äußerst begabt, einen Modus wählt, der sowohl fachlich seriös, aber dennoch allgemein verständlich, kritisierend, aber nicht skandalisierend, anklagend und mahnend, aber nicht verurteilend, sachlich, freundlich und zuweilen staubtrocken humoristisch ist. Er bemüht sich konstant erfolgreich um einen ernsthaften, aber unterhaltsamen Sprachstil. Frances spart ebenfalls nicht an kritischer Selbstbetrachtung und diagnostiziert darüber hinaus in schelmischer Erzählweise anhand seiner eigenen Unarten eine bunte Palette der im DSM-V gelisteten psychischen Störungen bei sich selbst. Und genau da erodiert der freundlich lächelnde Witz aus dem Alltag zu einer hässlich grinsenden Fratze. Man konnte schon mit dem DSM-IV bei nahezu jedem beinah alles diagnostizieren, mit dem DSM-V fällt es umso leichter. Was ist geschehen?

Wenn binnen weniger Jahre eine psychische Störung oder gar Erkrankung um 200-300% häufiger diagnostiziert wird (bei einigen Störungen hat sich die Quote um das 40fache erhöht!), dann muss man kein Experte sein, dann genügt der gesunde Menschenverstand, um zu begreifen, dass nicht die Menschen kranker geworden sind, sondern dass offenbar die Definition verändert wurde (und/oder falsch diagnostiziert wird). So massiv geschehen nach Erscheinen von DSM-IV mit vor allem ADHS, Autismus, bipolarer Störung und Depressionen.

Wie es zu beinahe jeder inflationär ansteigenden Diagnose kommt (und womit sich die Willkürlichkeit bestätigt), lässt sich am leichtesten am Beispiel des IQ erklären. Abgesehen davon, dass auch dieser kaum absolut zu messen ist, haben wir uns irgendwann darauf verständigt (oder unschöner formuliert: willkürlich festgelegt, wenn auch nach besten Vorsätzen), dass ein Mensch mit einem IQ von 70 oder weniger als geistig behindert gilt. Nun muss man kein Psychiater sein, um klarzusehen, dass ein Mensch mit einem IQ 72 einem anderen mit IQ 69 nicht allzu sehr überlegen sein wird. Er wird im Alltag wohl so ziemlich die gleichen Probleme haben, die der andere auch hätte, der aber, weil er als krank gilt, anders behandelt wird. Man könnte nun auch argumentieren, es wäre besser die Grenze bei 75 zu ziehen oder bei 80... Ich habe dazu keine Meinung, auf diesem Gebiet ist das Problem auch nicht spürbar, weil es kein Psychopharmakon gibt, das eine konstante, relevante Intelligenzzunahme herbeiführen könnte. Daran lässt sich nur sehr leicht die Schwierigkeit der Definition dessen, was als normal gelten soll, erkennen, denn der Übergang von gesund zu krank verhält sich bei ausnahmslos allen psychischen Belastungen exakt genau so, es ist immer ein fließender Übergang. Ein gebrochener Arm oder ein Tumor ist eindeutig, und auch eine schwere Form von Autismus oder Depression etc. lässt sich noch sehr leicht erkennen. Schwere psychische Störungen sind aber eher selten (betreffen maximal 1% der Bevölkerung, eher weniger), die allermeisten Diagnosen stochern in der Grauzone, wo Menschen zwar tatsächlich psychisch belastet sind und entsprechende Schwierigkeiten haben, aber keineswegs anhand einiger (oft nur relativ kurze Zeit auftretender) Symptome ohne weiteres eine pathologische Krankheit diagnostiziert werden kann - aber leider dennoch immer häufiger diagnostiziert wird, samt einer oft gesundheitsschädigenden und/oder abhängig machenden Medikation.

Fakt ist, dass insbesondere die Pharmaindustrie natürlich schwer dafür ist die Grenze bei möglichst vielen psychischen Belastungen, die wir Menschen nun einmal im Leben aushalten müssen, immer weiter zu verschieben, das Feld der Normalität immer mehr zu verengen. Je früher eine Traurigkeit als Depressionen diagnostiziert wird und der Patient künftig Antidepressiva zu sich nimmt wie Zitronen-Drops, je schneller ein Kind, dass in einer Phase etwas mehr zappelt und rennt und redet die Diagnose ADHS angeheftet bekommt und eine entsprechende Medikation eingestellt wird, umso mehr freuen sich die Pharmakonzerne und ihre Aktionäre. Oder um bei dem Beispiel IQ zu bleiben: Gäbe es irgendwann tatsächlich ein Medikament, was imstande ist die Intelligenz auch nur einen Hauch zu erhöhen, würden wir erleben, wie die Pharmaindustrie alles daran setzte, die Bemessung zur geistigen Störung aufzuweichen und wenn möglich anzuheben, am besten auf IQ 95. Denn je mehr eigentlich völlig normale Menschen als krank diagnostiziert werden, umso mehr teure Psychopharmaka werden verkauft. Für diese These muss man nun ganz bestimmt kein Verschwörungstheoretiker sein. Hier greift besonders Allen Frances wohltuende Sachlichkeit. Er versteigt sich nicht dazu die Pharmakonzerne in Bausch und Bogen zu verdammen. Sie verhalten sich exakt so wie jedes andere Unternehmen es auch täte und versuchen Nachfrage für ihre Produkte zu generieren. Moralische Anklage ist zweifelsfrei angebracht, hilft hier aber nicht weiter, denn es gilt die Normalität zu retten. Die Verantwortung liegt natürlich ganz wesentlich bei der Industrie und einer enthemmten Profitgier, aber nicht minder bei den Ärzten, der Politik und auch bei den Patienten und der ganzen Gesellschaft.
Die Motive der Industrie sind leicht zu durchschauen. Und das DSM ist (wenn auch ohne Vorsatz) zu ihrem Vehikel verkommen. Durch zum teil übereifrige DSM-gläubige Ärzte und wahre Schnell-Diagnose-Enthusiasten begünstigt und verschärft durch eine leichtgläubige und zunehmend von der Pharmalobby manipulierte Öffentlichkeit, drohen wir allmählich zu einer Gesellschaft von Geisteskranken zu mutieren.

Hier nur ein Beispiel für das Zustandekommen leichtfertiger Fehldiagnosen. Ein Patient geht von achtwöchiger tiefer Traurigkeit geplagt zum Hausarzt (der in den USA inzwischen mehr Rezepte für Psychopharmaka verschreibt als Spezialisten der Psychiatrie, zumal meist nur notdürftig geschult bei Seminaren der Pharmaindustrie - Witz komm raus!) Der Arzt blättert im DSM und stellt fest, dass der Patient alle Symptome einer handfesten Depression aufweist und schon geht der Patient mit einem Päckchen Antidepressiva nachhause. Blöd nur, dass völlig normale Trauer und krankhafte Depressionen die gleichen Symptome zeigen! Wenn ich einen sehr geliebten Menschen verliere, ist es überaus normal, dass ich niedergeschlagen bin, keinen Appetit habe, schlecht schlafe, antriebslos und unkonzentriert bin und mir der eigene Lebenswille schwindet, dass ich viel weine und gar nicht lache - und all das leider auch länger als nur ein paar wenige Wochen. Das Wort >Trauerjahr< ist ja nicht grundlos in der Welt, auch wenn der Zeitraum einer normalen Trauer sicherlich so individuell ist, wie Menschen im allgemeinen. Wenn der Arzt sich aber nicht die Zeit für ein intensives Gespräch nimmt, um die Ursachen herauszufinden, die die psychischen Überlastungssymptome möglicherweise zur vollkommen normalen Erscheinung machen, sondern ausschließlich nach DSM-Kriterien diagnostiziert, hat ein Trauernder nach zwei Monaten auch noch die Diagnose einer schweren depressiven Störung als zusätzliche Bürde zu verkraften, obwohl er völlig normal ist. Nach DSM-V wäre die Diagnose >Depression< schon nach nur zwei Wochen möglich - ein Wahnsinn!
Und so hat auch bei weitem nicht jedes für einige Zeit etwas hibbelige Kind zwingend gleich ADHS, bei weitem nicht jeder der mal ein paar Wochen einer stressigen Situation ausgesetzt war auch einen pathologischen Burn-out usw. und schon gar nicht muss sofort ein Medikamentencocktail verabreicht werden, weil das allermeiste - so abgedroschen es auch klingt - heilt die Zeit! Oder der Patient muß lernen sein Leben umzustellen, anstatt sich künftig mit Pillen in der psychischen Balance zu halten.
So selbstverständlich das auch alles klingt, heute, wo ich diese Zeilen schreibe, nehmen 11% aller US-Amerikaner Antidepressiva! Tendenz steigend. Mehr als 50% erhielten schon mal eine psychiatrische Diagnose. Wie oben erwähnt, die Gefahr, der Frances mit diesem Buch entschieden entgegentritt, ist nicht konstruiert.

Wir wären nicht gut beraten, wenn wir uns nun zurücklehnen und es wiedereinmal als eine Groteske des American way of life abtun. Denn abgesehen davon, dass auch in Europa in den letzten Jahren bereits eine drastische Zunahme an psychischen Diagnosen zu verzeichnen ist (und hier wie in den USA, die Medien unheilvoll die "psychischen Epidemien" zum Dauerthema machen und somit kräftig Öl ins Feuer gießen), sollten wir spätestens seit Bill Haley und Elvis Presley 1953/54 dem Rock'n'Roll auf die Welt halfen wissen, dass alles was in den USA den Alltag prägt lediglich mit etwas Zeitverzögerung auch uns betrifft - mit Peter Kraus (1957), Cliff Richard (1958) und Johnny Halliday (1960) hatte sehr bald auch jedes europäische Land seinen Aushilfs-Elvis gefunden und Rock'n'Roll war auch hier allgegenwärtig...
Es schmälert also den Wert des Buches in keinster Weise, dass einige Passagen sich recht konkret auf die USA beziehen. Die Tendenz ist leider überall gleich.

Durch "Normal" wird eines überdeutlich: Wenn man auch zuweilen durchaus den Eindruck haben könnte, ausschließlich von Verrückten und Gestörten umgeben zu sein (den Blick in den Spiegel dabei voll mit eingeschlossen), ist der Eindruck gar nicht so falsch - aber das ist NORMAL! Das Spektrum der Menschheit und des Lebens ist breit, weil das Spektrum der Gefühle und Befindlichkeiten eben sehr breit ist, und wir sollten uns davor hüten das zu ändern. Wir sind nicht alle gleich, in irgendeinem Punkt ist jeder mehr oder weniger auffällig ein Exzentriker oder zumindest sehr sehr eigen. Diese Diversität hat sich nicht ohne Grund über zig Jahrtausende evolutionär durchgesetzt. Ein normaler Mensch zu sein, heißt nicht ohne Unterlass ein glücklicher, unerschütterlicher, niemals trauriger, stets ausgeglichener, maximal leistungsfähiger Mensch zu sein.

Nur wer wirklich über längere Zeiträume mit schweren psychischen Beschwerden zu kämpfen hat und wirklich leidet, nicht mehr allein ins eigenverantwortliche, selbstbestimmte Leben zurück findet und die Ursache dafür nicht erkennbar in äußeren Faktoren und Einflüssen liegt, sondern offenbar pathologisch ist, braucht uneingeschränkte Hilfe, unter Umständen auch medikamentös.

Im Vorfeld der Veröffentlichung kündigte der Verlag das Buch als eine der wichtigsten Fachbuch-Veröffentlichungen des Jahres an, als künftiges Standardwerk. Wenn ich so etwas lese verrutschen mir reflexhaft die Augenbrauen, weil natürlich ein Verlag, wie ein Pharmaunternehmen auch, seine Zielgruppe zu vergrößern versucht. Doch so Marketing tauglich der Satz auch klingt, so zutreffend ist er auch. "Normal - gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen" ist ein wirklich wichtiges Buch, ein schönes noch dazu.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 17, 2013 1:33 PM MEST


Hoffnungslos-Remastered Deluxe Edition
Hoffnungslos-Remastered Deluxe Edition
Preis: EUR 20,99

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein kommerzieller Flop mutiert zum Hit, 10. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Bescheidene 7.000 Einheiten wurden von "Hoffnungslos" im Veröffentlichungsjahr 1977 verkauft. Ein schmerzlicher Flop. Und das obwohl die beiden Vorgängeralben "Es lebe der Zentralfriedhof" (1975) und die Doppel-LP "19 Class A Numbers" (1976) aus dem Stand zu sensationellen Erfolgen gerieten, höchste Chartpositionen in Österreich erreichten und kurzerhand von einer ganzen Generation zu den Visitenkarten einer eigenständigen österreichischen Rock-Musik-Szene erklärt wurden und Ambros zudem auch noch mit der Single "Schifoan" in der vorangegangenen Wintersaison 1976/77 jüngst den wohl ultimativen und fortan beständigsten Apres-Ski-Hit landete. Im Schatten all dieses Erfolges ging "Hoffnungslos" zunächst jäh unter.

Aus späterer Sicht, vollkommen unnachvollziehbar, denn auch wenn, wie der destruktive Titel der Platte bereits erahnen lässt, das '77er Album tendenziell eher düster, schwer, melancholisch und streckenweise auch morbide daherkommt, war diese Facette ja nun gewiss kein Novum für die Musik von Wolfgang Ambros. Ein Album auf dem nicht auch Sterblichkeit, Scheitern, Verzweiflung und Ängste in irgendeiner Form thematisiert werden, gab es meines Wissens weder davor noch danach von ihm. Zugegeben, "Hoffnungslos" ist in seiner Gesamtheit vielleicht tatsächlich das schwermütigste all seiner Veröffentlichungen, der ursprüngliche Misserfolg des Albums lässt sich damit jedoch nicht erklären.

Heute, 2013, bei Erscheinen der Deluxe-Edition, spielt all das Orakeln über die Ursächlichkeit damaliger Missachtung auch keine Rolle mehr. "Hoffnungslos" wurde längst zum gleichberechtigten Klassiker neben den oben genannten und auch wenn ich für diesen Artikel leider nicht die inzwischen nachgezogenen Absatzzahlen eruieren konnte, steht eines ganz sicher fest: Würde man heute 100 Ambros-Fans bitten aus den bisher insgesamt 45 offiziellen Alben (26 Studio-, 10 Live-, 6 Musical-Alben und 3 mit "Austria 3" - ohne Best of Kopplungen!) ihre persönlichen zehn liebsten auszuwählen, behaupte ich, stünde beinah hundertmal "Hoffnungslos" mit auf der Liste, so unterschiedlich diese wohl ansonsten auch ausfielen.

Das Album ist musikalisch einfach zeitlos groß. Schon das von Christian Kolonovits komponierte instrumentale Eröffnungsstück "Wie hört des auf" schlägt den Hörer in magischen Bann. Der feine Klang der vorliegenden restaurierten Edition hebt die Nummer nun endgültig in lichte Höhen ewiger Musikstücke, atemberaubend! Das Piano perlt über den dicken Soundteppich des guten alten Moog-Synthesizers (ja, elektronische Instrumente klangen nicht immer nach steril seelenloser Plastik) und leitet das Album stimmig ein. Alle weiteren Songs sind zwar Ambros Eigenkompositionen, aber Kolonovits stand der ganzen Platte als Produzent und musikalischer Leiter Pate. Ob nun das thematisch das Opening weiterführende "Wie wird des weitergehen", oder der im lässig entspannten Country-Rock daherkommende Titelsong "Hoffnungslos" (eine der bezeichnenderweise eher noch leichteren Passagen des Albums) oder das genial einfache, nur von einer monoton dudelnden Drehorgel begleitete "Minderheit", bei allen zehn Stücken des Albums hört man eine noch intensivere, so bis dahin bei Ambros noch nie dagewesene musikalische Detailliebe. Jedes Lied des Albums klingt konsequent bis zu ende gedacht, jedes Arrangement ist musikalisch absolut kohärent mit Text und Stimmung des jeweiligen Songs.

Die Müdigkeit bei "I bin miad" kann man fast physisch spüren. Geradezu genial transportiert die Musik die schlaftrunkene Egal-Stimmung die Ambros in ausgetretenstem Österreichisch ins Mikrophon nölt: ... Ich könnt jetzt fortgehen, ins Kaffeehaus - aber nein - dort sind die selben Leute wie gestern - und die seh' ich morgen auch - ich will schlafen, weil ich bin müd' - aber bevor ich schlafen geh, schreib ich noch ein Lied...
In der zweiten Strophe müsste er dann eigentlich mal aufs Klo, aber er sitzt gerade so gemütlich und am Ende der dritten Strophe ist das Lied natürlich immer noch nicht geschrieben und die Müdigkeit obsiegt, aber - immerhin - er träumt von einem Lied. Genial einfache Story, perfekte Umsetzung der Stimmung in Klangbilder.

Wie alle in den letzten Monaten veröffentlichten Neuauflagen von Ambros Frühwerken, wurde auch dieses Album nicht nur klanglich in selten gewordener Qualität remastert, sondern auch optisch veredelt und unter Beibehaltung des originalen Cover-Artworks mit einem liebevoll ausgestalteten Booklet versehen und darüber hinaus ebenfalls mit sinnvollen, hoch erfreulichen Bonustracks angereichert. Auch 1977 gab es mit "Die Blume aus dem Gemeindebau" eine Single nebst B-Seite, die zuvor auf keinem regulären Album enthalten war, hier sind nun beide integriert. Und eben jene B-Seite, der kraftvoll aggressive Rocksong "Denk amoi" liefert den überzeugenden Beweis, dass früher eben doch nicht alles besser war. Offenbar gab es auch 1977 schon die Spezies der selbst verschuldeten Bildungsfernen, die eben nicht pathologisch dumm sind, sondern aufgrund frei gewählter stumpfsinniger Oberflächlichkeit und unerträglicher geistiger Bequemlichkeit jedem intellektuellen Anspruch weiträumig aus dem Weg gehen, denen Ambros unterstützt von kratzenden Gitarren und in beißend polemischen Strophen schlichtweg vorschlägt, einfach mal zu denken - herrliche Nummer!

Als ganz besonderes Schmankerl kommen bei dieser Neuauflage noch drei Demo-Versionen von "De Höld'n san schon alle tot", "Die Blume aus dem Gemeidebau" und "Denk amoi" hinzu. Ambros spielt solo mit akustischer Gitarre die bereits fertig betexteten Stücke (nur bei "Blume" gibt es noch zwei Zeilen lang Nananadubidum Bananentext) und das in einer Qualität, dass, gäbe es mehr derartiges Material, daraus auch ein vollwertiges Solo-Akustik-Album hätte werden können. Die drei Stücke sind natürlich deutlich reduzierter als die endgültigen Fassungen, aber für Demos in einer erstaunlichen Perfektion aufgenommen, gesanglich wie auch im Gitarrenspiel absolut veröffentlichungs-würdig.

Als begeisterter Hörer von Wolfgang Ambros möchte ich mir den Verzicht auf keines seiner vielen Alben vorstellen. Wenn man sich aber nur mit einer Auswahl aus dem umfangreichen Werk begnügen will, dass Ambros schuf, seit er Ende 1971 den Hofa zum wohl prominentesten des Mordes bezichtigten Mordopfers Österreichs werden ließ, sollte "Hoffnungslos" aber keinesfalls fehlen.


19 Class a Numbers-Remastered Deluxe Edition
19 Class a Numbers-Remastered Deluxe Edition
Preis: EUR 16,99

10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 22 Class A Numbers, 7. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Da sich der Albumtitel 1976 ja auf die Anzahl der Lieder bezog, müsste die nun 2013 veröffentlichte neue Ausgabe des Albums im Zuge der Ambros-Remaster-Deluxe-Edition ja genau genommen in "22 (oder 19+3) Class A Numbers" umbenannt werden. Doch dazu später.

Obwohl es nach bisher nun schon drei Neuveröffentlichungen von Ambros-Klassikern aus den 1970er Jahren keine grosse Überraschung mehr war, was einen da klanglich für eine Sensation erwartet, konnte ich mir nicht verkneifen zunächst noch einmal die alte CD-Pressung von "19 Class A Numbers" einzulegen, um den direkten Klangkontrast zu erleben. Meine Wahl fiel auf "Die best'n Liada", jenes still gedankenversunkene kleine Lied, was bittersüss all den ungeschriebenen Liedern nachtrauert, die den Kopf des Komponisten und Texters nie verlassen haben, weil er gerade keinen Stift zur Hand oder keine Lust hatte, zu müde war oder zu sehr mit anderem beschäftigt. "Die besten Lieder hab ich nie geschrieben..." raunt der damals gerade erst 24jährige Ambros. Nun gut, was er schrieb, war aber auch nicht schlecht, konzentrieren wir uns also darauf. Um mich nicht endlos zu wiederholen: das Klangbild ist auch hier ein Schmaus für die Ohren. (Ausführlicher siehe meine Rezension zur Remaster-Edition von "Es lebe der Zentralfriedhof")

Das Album selbst gehört zweifelsfrei zu den ganz grossen Veröffentlichungen in Wolfgang Ambros nun schon gut vierzigjähriger Karriere. Ja mehr noch, es hat durchaus historische Relevanz, denn es war das erste reguläre Studio-Album eines Österreichers, dass als Doppel-LP erschien und eines der ersten im gesamten deutschsprachigen Raum überhaupt (meines Wissens das zweite, mir bekannt ist nur das drei Jahre zuvor veröffentlichte Album "Omen" von Peter Maffay, was zuvor bereits auf zwei Vinylscheiben auf den Markt kam). Den Anfang weltweit machte als erster Bob Dylan mit seinem legendären 1966 veröffentlichten "Blonde on blonde". Zuvor war das Format Doppel-LP ausschließlich einigen wenigen Live-Mitschnitten und Best-of-Kopplungen vorbehalten. Gleich zwei Platten mit völlig neuem Studiomaterial zu füllen war ein Novum und eine der höchsten Ehren die eine Plattenfirma einem Künstler zuteil werden ließ. Denn Doppel-Alben galten als schwerer verkäuflich, weil tatsächlich doppelt so teuer. Außerdem bestand das nicht unerhebliche Risiko, dass es bei doppelt so hohem Output dem Album am Ende auch an Substanz gebricht.

Beides galt für "19 Class A Numbers" nicht. Zwar verkaufte es sich tatsächlich etwas weniger als der Übererfolg "Es lebe der Zentralfriedhof" aus dem Vorjahr, davon war aber ohnehin auszugehen. Und substanziell schuf es einen ganzen Katalog hat ewigen Ambros-Songs, die über Jahrzehnte immer wieder im Set seiner Konzerte auftauchen. Es wird wohl seit 1976 kaum ein Ambros-Konzert gegeben haben bei dem nicht wenigstens ein Lied aus dem Album erklang. Neben dem Eingangs schon erwähnten "De best'n Liada" entspringen auch "Hoit do is a Spoit", "Auftritt", "A gfäuda Tog", "Warum host des g'mocht" und vor allem "Baba und foi ned" und "Du schwarzer Afghane" dieser legendären Produktion. Und auch wenn man sich über die künstlerische Notwendigkeit von "Hilly Billy Lilly" sicher schnell allgemein auf >dusseliger Füllsong< einigen kann, gleicht ein Werk wie das knapp acht minütige "Es is no ned vorbei" derartige durchaus vorhandenen Schwächen locker aus. Und Hand auf's Herz, welches Doppel-Album besteht ausschließlich aus Perlen? Also Dylans "Blonde on blonde" gewiß nicht, so groß und wichtig das Album ist und so sehr ich es liebe, auch Springsteens "The river" leistet sich dünnes und selbst das heilige "Exile on main street" von den Rolling Stones ist nicht durchgehend brillant. Der Gesamteindruck zählt - und der ist bei allen genannten einschließlich Ambros "19 Class A Numbers" zurecht legendär.

So sehr die 68 Minuten des traditionellen Albums zweier Vinyl-Platten bedurften, um verstaut zu werden, blieb auf der CD noch etwas Platz, der (wie bei allen Veröffentlichungen der Remaster-Edition) mit sinnvollem Bonus aufgefüllt wurde.
Einige Monate nach Erscheinen von "19 Class A Numbers" veröffentlichte Ambros im Dezember 1976 einen seiner größten Hits überhaupt: "Schifoan". Auch wenn die Nummer sicherlich nicht die ganz große Kunst ist (aber das sind Gassenhauer meist nie), ist sie an Unsterblichkeit kaum einholbar. Allein in den letzten paar Jahren wurden von dem Lied etwa 50.000 legale Downloads verkauft! Das ist empfindlich mehr als so manch aktueller Radio-Hit auf den Zähler bringt. Ein Lied, was weit mehr als dreißig Jahre nach seiner Schöpfung immer wieder neu so viele Menschen begeistert, kann über jede Kunstwert-Diskussion getrost erhaben sein. "Schifoan" war aber, wie sehr viele Ambros-Singles jener Zeit auf keinem regulären Album, sondern tauchte immer nur auf (inflationär häufig veröffentlichten) Best of Kompilationen auf. Hier wurde es nun samt der damaligen ebenfalls auf keinem Album enthaltenen B-Seite "Machtwurt" und einer TV-Playback-Version an das Album des selben Jahres angehängt und die CD-Kapazität somit bis zum Rand ausgenützt (und eine Änderung des Albumtitels wäre natürlich Unfug).

Zugegeben, nachdem elegischen "Es is no ned vorbei", dem finalen Stück des ursprünglichen Albums, knirscht das lebensfroh heitere "Schifoan" wie ein Kulturbanause in die Gemütswelt des Hörers und erzwingt etwas brutal einen Wechsel der Gefühle. So ist das nun mal mit angehängtem Bonus. Zeitlich gehört der Hit hier dazu und um das Album in seiner ursprünglichen Spannungskurve zu hören, kann man ja nach Track 19 abschalten und die "+ 3 Class A Numbers" gesondert hören.

Ein wirklich in jeder Hinsicht großes Album, bis hin zum Cover, der optisch nachgeahmten Marlboro-Packung, auch heute noch fesselnd. Klanglich mehr denn je!
Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 12, 2014 6:52 PM CET


Bennett & Brubeck: the White House Sessions,Live
Bennett & Brubeck: the White House Sessions,Live
Wird angeboten von Fulfillment Express
Preis: EUR 17,38

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein wunderbarer Fund, 3. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es gibt wenig was Musikfans mehr begeistert, als die Entdeckung verloren geglaubter Aufnahmen, umso mehr, wenn es sich um eine seltene Kollaboration von legendären Musikern handelt... Mit diesen Worten beginnt frei übersetzt das zweiseitige Vorwort im Booklet, die sogenannten Liner-notes zu den nun endlich etwas verspätet veröffentlichten Aufnahmen. Nun wusste ich zuvor zwar nichts von der Existenz dieses Live-Mitschnitts, bin aber nichtsdestoweniger begeistert.

Da wurde nach langem Suchen im Archiv von Sony Music (die Bänder waren falsch beschriftet, die ganze Geschichte der Odyssee findet sich im Booklet) nichts weniger als eine Sternstunde des ausklingenden "Golden Age of Jazz" geborgen. Dave Brubeck und Tony Bennett auf einer Bühne, wenn auch leider nicht die ganze Zeit über gemeinsam, aber dennoch! 62 Minuten brillanter Jazz, 51 Jahre alt und trotzdem vollkommen staubfrei.
Was die beiden Jazz-Legenden da im Vorgarten des damals von den Kennedys bewohnten Weißen Hauses am 28.August 1962 ablieferten war so vital, so voller Energie, dass die Aufnahmen über all die Jahre im Archiv-Schlummer offenbar alle Staubpartikel selbst weggepußtet haben, noch bevor diese sich absetzen konnten. Anders ist der Klang nicht erklärlich! Ich habe noch keine so klare Live-Aufnahme, noch dazu von einer Open Air Veranstaltung, aus den frühen 60er Jahren gehört. Kein Rauschen, keine dumpfe Verklärung der tonalen Brillanz, nur reine Töne und Applaus - großartig! Die Bänder scheinen (wenn auch unkenntlich beschriftet) optimal gelagert gewesen zu sein und die Verantwortlichen Techniker, sowohl bei der Aufnahme 1962 als auch bei der Aufbereitung gut fünfzig Jahre später, ihr Handwerk vorbildlich beherrscht zu haben.

Doch noch mehr als die technischen Parameter begeistern die künstlerischen. Das Konzert beginnt mit vier Stücken, die Dave Brubeck mit seiner damaligen Quartett-Besetzung spielt (sax - Paul Desmond, bass - Eugene Wright, drums - Joe Morello). Allein die hier konservierte Version von "Take five" rechtfertigt die Anschaffung des Albums. Auch seine völlig tiefen-entspannten Moderationen (selbst hier, kein Rauschen hörbar!) wurden nicht herausgeschnitten und sind für sich schon hörenswert. In aller Ruhe stellt Dave Brubeck seine Kollegen vor und erläutert die gespielten Stücke.

Dann betritt der damals 36jährige Tony Bennett die Bühne und spielt zunächst mit seinen eigenen, ebenfalls großartigen Begleitmusikern (piano - Ralph Sharon, bass - Hal Gaylor, drums - Billy Exiner) sechs Stücke, die zum teil auch damals schon Standards waren, heute allesamt Standards sind. Neben "Just in time", "Rags to the riches" oder "One for my baby", die hier durchweg noch deutlich verspielter über die Bühne gehen, als Bennetts ursprüngliche Studiofassungen, erklingt am Ende seines Sets "I left my heart in San Francisco" - ein Bennett-Standard gewiß, vielleicht sogar der Identifikations-Hit für ihn überhaupt. Damals aber gerade mal zwei Wochen zuvor in die Billboard-Charts eingestiegen, der brandaktuelle Hit also!

Und letztlich kommt es dann zur absoluten Sternstunde: Bennett ruft Brubeck und seine Musiker zurück auf die Bühne und sie geben ungeprobt vier unkaputtbare Klassiker zum Besten. Live, ungeprobt, spontan, intensiv. Es ist eine wahre Freude wie sie sich gegenseitig die Bälle zuspielen. Wenn Bennett bei "Lullaby of Broadway" spontan statt "Listen to the lullaby of Broadway" zu singen "Listen to the lullaby of Dave Brubeck..." gekonnt und mit perfektem Timing ins Mikrophon stolpert und jener sofort übernimmt und sein Klavier bearbeitet, als müsse er Leben retten, dann hockt man 51 Jahre später grinsend unter seinen Kopfhörern und freut sich einfach über diesen wunderbaren Fund.

Das dritte Set und damit das ganze Konzert endet mit der gemeinsamen Versionen von "There will never be another you", wo sie mittendrin das Tempo aus dem Handgelenk mal eben verdoppeln. Was als Ballade beginnt mündet in einem Feuerwerk, ein tobendes Publikum quittiert das Ereignis begeistert. Ich habe auch applaudiert, fast 51 Jahre zu spät zwar und auch einige tausend Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt, aber egal, das Album hat es verdient!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 5, 2013 6:39 PM MEST


Bleibt das immer so (Deluxe Edition im Digipack inkl. Bonus-CD)
Bleibt das immer so (Deluxe Edition im Digipack inkl. Bonus-CD)
Preis: EUR 14,99

39 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gleiche Zutaten, andere Zubereitung, 24. Mai 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Man könnte es jemandem, der bisher nur gelegentlich Rosenstolz gehört und sich nicht allzu intensiv mit den Alben des Duos beschäftigt hat, nicht verübeln, wenn er das Debüt von Gleis 8 schlicht für das neue Rosenstolz-Album hielte. Die zwölf Songs auf "Bleibt das immer so" bestehen weitgehend aus denselben Zutaten, die auch bei Rosenstolz verwendet wurden.

Die vertraute Stimme von AnNa R. hätte zwar auch bei einem revolutionären Stilwechsel Laien zu dieser Annahme verleitet, doch es ist weit mehr als nur die Stimme. Das Album durchweht die übliche hohe Dosis Großstadt-Melancholie, gepaart mit Trennungs-Trotz, viel Mut zu bitter-süßen Gefühlen und auch die latente Spur erotischer Koketterie ist mit "Die Chance" gleich im zweiten Lied vertreten.

Also alles wie gehabt nur ohne Peter Plate? Nicht ganz. Denn auch wenn es keine stilistische Revolution ist, eine Evolution ist es allemal, gelungen noch dazu! Mit Gleis 8 gelingt AnNa R. die Weiterentwicklung, die mit Rosenstolz offenbar (vorerst?) nicht mehr möglich war. Bis zum Album "Das grosse Leben" gab es auch bei Rosenstolz von Album zu Album evolutionäre Veränderungen und die kulminierten 2006 dann in diesem zurecht enorm erfolgreichen Album. Die beiden Nachfolge-Alben "Die Suche geht weiter" (2008) und "Wir sind am Leben" (2011) standen dem zwar, wohlwollend betrachtet, um nichts nach, aber verharrten exakt bei der Rezeptur von "Das grosse Leben", keine Veränderungen mehr, Stillstand. Für eine Pop-Formation eine schwierige Lage, denn Erfolgsalben lassen sich nicht einfach wiederholen, in dem man einfach alles genauso macht. Nun erfreuten sich zwar auch die letzten beiden Rosenstolz-Produktionen als Album und Tournee immer noch massiven Erfolges, aber ein "Das grosse Leben Vol.4" hätte die Welt nun auch bei bestem Willen nicht gebraucht, kommerzieller Erfolg hin oder her.

Mit "Bleibt das immer so" ist AnNa R. samt neuem Kreativ-Team die nötige Veränderung nun gelungen, wenn auch zu dem Preis des neuen Firmennamens Gleis 8. Das Album ist durchgehend einprägsam melodisch und originär instrumentiert, was der Produktion eine gänzlich angenehm erdige Klangfarbe verleiht. So traurig oder bitter es durchaus auch mal in den Texten wird, durch den Sound des Albums wird es niemals wirklich kalt. Die fünf alternativen Akustik-Versionen auf der zweiten CD der Deluxe-Edition setzen noch ein Ausrufezeichen hinter diesen Eindruck. Lohnend, weil es gänzlich eigene Einspielungen sind, zum Teil ganz anders arrangiert. Prägender Unterschied ist auch, dass es auf dem Album hie und da etwas mehr kracht als auf Rosenstolz-Platten. Kein harter Rock, aber doch ein etwas deutlicheres Knurren, da wo es nötig schien.
Insgesamt ein gelungener Neustart, auch wenn der ganz große Unterschied ausbleibt. Das dürfte den meisten Fans vermutlich aber sogar eher ganz recht sein.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 21, 2013 7:21 PM MEST


Mein Leben
Mein Leben
von Eric Clapton
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 4,99

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Beinah ein Gott und fast ein Nichts, 23. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Mein Leben (Gebundene Ausgabe)
Eric Clapton ist Musiker. Ich erwarte nicht, dass ich mit dieser Erkenntnis nun irgendjemanden überrasche, aber wenn man seine 2007 veröffentlichte Autobiographie liest wird einem diese Selbstverständlichkeit ungemein deutlich. Eric Clapton ist Musiker, ein Mann der Töne, kein Autor, kein Mann der Worte. Weder vieler Worte, noch besonders ausgefeilter.

Auf nur etwas mehr als 300 Seiten (hinzu kommen etwa 50 Seiten mit Fotos aus allen Lebensphasen) hetzt er oft im Staccato die unglaublich vielen Stationen seines Lebens ab. Ein volles Leben! - und das zumindest bis 1987 durchaus auch im doppelten Wortsinn.
Während dieser wenig erzählerische Schreibstil anfangs schon fast etwas nervt, gewinnt er zunehmend an Charme und macht das Buch vor allem authentisch. Letzteres halte ich für das wesentliche Kriterium einer Autobiographie, denn es gilt ja den Menschen zu begreifen und ihn etwas kennenzulernen und nicht sich einem poetischen Wortrausch hinzugeben. Und Clapton ist so. Wenn man einige seiner immer seltener werdenden Interviews gesehen hat oder an die knappen bis überhaupt nicht vorkommenden Worte zwischen den Songs bei seinen Konzerten denkt, verwundert der Stil dieser Autobiographie letztlich überhaupt nicht mehr und die karge Kauzigkeit des Buches entspricht absolut seinem gesprochenen Duktus. Je tiefer man ins Buch hinein liest umso mehr erkennt man auch die Emotionen, die sich zwischen die knappen Worte pressen. Denn bei aller Wortknappheit ist Clapton nicht oberflächlich, die Detailfülle ist zuweilen erschlagend und er lässt anscheinend nichts unerwähnt. Nur entsteht und scheitert eine große Liebe durchaus auch mal binnen einer halben Buchseite und hatte mittendrin auch noch eine mehrmonatige glückliche Phase. Er nennt also schlicht alles faktische, verrät aber wenig intimes sobald es auch andere betrifft.

Clapton fokussiert ganz auf sich und rechnet nicht ein einziges mal mit anderen ab. Das Ende einer jeden Beziehung, auf welcher Ebene auch immer, nennt er nur als Ereignis, ohne Schuld zuzuweisen und wenn, dann sich. Überhaupt springt er mit sich geradezu gnadenlos um. Die Schilderungen seines privaten permanenten Scheiterns an Drogen und Alkohol bis zu seinem 42 Lebensjahr 1987 sind häufig charakterlich abstoßend. Eine Mischung aus Größenwahn und personifiziertem Nichts, arrogant und verletzend oder verzweifelt und selbstzerstörerisch und in allem zerstörerisch für die Menschen um ihn herum. Als Leser wird einem der Clapton von Mitte der sechziger bis Mitte der achtziger Jahre überwiegend unausstehlich. Gleichzeitig wächst die Anerkennung, sich selbst rückblickend so konsequent mit allen unattraktiven Konturen nachzuzeichnen.

Nach etwa zwei Drittel der Seiten bekommt das Buch dann eine positivere Färbung. Mit dem endgültigen Zusammenbruch und dem Eingeständnis der Alkoholkrankheit beginnt, wenn auch zunächst bekanntlich nicht frei von Tragödien und Erschütterungen, die bessere Lebensphase, die des Eric Clapton, wie wir ihn heute seit 25 Jahren kennen.
Gleichbleibend betonungslos berichtet er wie er bis heute (also zum Zeitpunkt des Entstehens des Buches schon zwanzig Jahre) nach wie vor regelmäßig zu Treffen der Anonymen Alkoholiker geht und über seinen Weg in ein relativ normales Leben, was für ihn der Inbegriff von Glück und Zufriedenheit wurde. Dass er den tragischen Tod seines noch nicht ganz fünfjährigen Sohnes Connor 1991 überstand ohne rückfällig zu werden grenzt an ein Wunder und ist für Clapton Pflicht und Motivation zugleich durchzuhalten, jeden Tag neu mit dem Entschluss zu beginnen keinen Alkohol zu trinken. Für jeden Leser, der keine Probleme mit Alkohol hat, gerät Claptons Autobiographie so durchaus zu einem Erkenntnisgewinn über diese Krankheit und darüber was es heißt mit ihr zu leben. Für Alkoholiker kann es motivierend sein, vielleicht sogar Orientierung geben. In jedem Fall verdient es Anerkennung, wie offen und schamlos Clapton damit umgeht, ohne je wehleidig zu wirken, noch damit zu kokettieren (wie er es früher tat, als er das Ausmaß noch nicht begriffen hatte) und auch ohne sich als Helden darzustellen. Er läßt keinen Zweifel daran, dass er schlicht auch Glück hatte durch eine Folge von Ereignissen an den Punkt gelangt zu sein trocken zu werden bevor es zu spät war.

Die Schilderungen seines Lebens ab etwa der Jahrtausendwende, seit er seine Frau Melia kennenlernte und mit ihr noch einmal Vater von drei Töchtern wurde und endlich mit Mitte fünfzig angekommen zu sein scheint, bestätigen den Eindruck, den man bei Clapton über alle Jahrzehnte hinweg gewinnen konnte: Er ist eins mit seiner Musik, sie reflektiert sein Befinden, sie ist sein Ausdrucksmittel und klingt wie er fühlt, absolut authentisch. Denn abgesehen von gezielten Projekten (Robert Johnson Cover, Cream Reunion etc.) klingen seine Alben seither entspannt, ausgeglichen und ja, weniger schwer und weniger nach Blues. Er kann den Blues noch, wenn er in seinen Konzerten die Zeiten aufleben und seine Gitarre brennen lässt, aber er hat ihn nicht mehr. Und das ist gut und ihm nur zu wünschen, denn seine Ration an Chaos und Katastrophen, unverschuldet und selbst heraufbeschworen, hat er vom Leben ausgiebig mitbekommen.

Nichts bleibt in "Mein Leben" unerwähnt (soweit man das als Außenstehender beurteilen kann), unzählige Freunde und Weggefährten finden Erwähnung, jede gescheiterte Liebe und Familienmitglieder. Gefühlt kommt die komplette Elite der Musikwelt der letzten 50 Jahre im Buch vor, weil Clapton mit fast allen irgendwann mal gespielt hat und mit vielen eine gutes Verhältnis pflegt oder pflegte. Vor allem natürlich zu George Harrison, aber auch zu Jimi Hendrix, Keith Richards und Mick Jagger, Bob Dylan, Elton John, Tina Turner, Muddy Waters, B.B.King, Paul McCartney, John Lennon, Phil Collins, Pete Townsend, Mark Knopfler, David Bowie, J.J. Cale natürlich u.s.w. aber auch zu vielen hochgradigen Side-man. Und egal von wem die Rede ist, größter Weltstar oder ein Freund von den anonymen Alkoholikern, er schildert die Begebenheiten ohne besondere Betonung. Jedes der zig Alben von den Yardbirds bis zum damals aktuellen mit J.J.Cale wird erwähnt, Tourneen werden beschrieben. Mehr Fakten gehen kaum. Man hat nach 300 Seiten Text glaubhaft den Eindruck, alle wesentlichen Ereignisse aus Claptons 62 Lebensjahren bis dato zu lesen bekommen zu haben, wenn auch ohne den geringsten Hang zur Ausführlichkeit.

"Clapton is god!" stand als Graffiti in den Mitte-60ern an etlichen Wänden in London und in der Tat ist Clapton seit nun 50 Jahren eine der herausragen Musiker-Persönlichkeiten seiner Zeit. Zeitgleich war er aber 25 Jahre lang auch ein Nichts. Dass er alles gleichmäßig ausleuchtet und eher die persönlichen Niederlagen als die musikalischen Triumphe betont, macht dieses Buch glaubhaft.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 16, 2014 12:00 AM MEST


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