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Rezensionen verfasst von
Christian Günther
(TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Poem-Leonard Cohen in Deutscher Sprache
Poem-Leonard Cohen in Deutscher Sprache
Preis: EUR 17,99

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Liebesarbeit, 19. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Tribute-Alben – unterstellen wir mal positiv, daß sie fast immer respektvoll gemeint sind und sich vor dem Geehrten verneigen wollen, und unterstellen wir negativ, daß sie ebenfalls fast immer auch kommerziell motiviert sind und hoffen vom Status und Erfolg des Geehrten zu partizipieren - können sehr gründlich mißlingen. Erst recht, wenn nicht nur ein Künstler einen anderen ehrt, sondern eine ganze Armada von Musikern unterschiedlichster musikalischer Heimat über das Werk eines wehrlosen Ehrempfängers hereinbricht.

Einige Indizien lassen einen “Poem – Leonard Cohen in deutscher Sprache“ recht mißtrauisch, zumindest nicht allzu viel erwartend in den Player (oder auf den Plattenteller) legen. Denn die musikalischen Heimaten der 17 Beteiligten liegen mitunter auf verschiedenen Kontinenten. Kann das gut gehen?
Und dann auch noch Übersetzungen! Kann man Poesie wirklich in eine andere Sprache übertragen, dann auch noch singbar, ohne den Geist zu verstümmeln?
Und da das Album nun auch noch zwei Tage vor dem 80. Geburtstag Leonard Cohens erscheint, obendrein tagesgleich mit dem neuen regulären Werk Cohens “Popular problems“, liegt zu allem Überfluß auch noch der säuerliche Duft des Abkassierens in der Luft...

Sämtliche Zweifel schrumpfen allerdings schon auf ein Minimum, wenn man vor dem Hören der 17 übersetzten Cohen-Songs das Vorwort des Übersetzers im Booklet liest. Misha G. Schoenberg traf Cohen vor gut zwanzig Jahren in Berlin und sagte ihm: Hölderlin tat es für die Klassiker, Rilke für Baudelaire, und ich möchte es für Sie tun! Adäquate lyrische Übertragungen erstellen.“
Zwanzig Jahre! Also kein Schnellschuß zum großen Geburtstag. Lyrische Übertragungen! Also keine phonetisch notdürftig und radebrechend zurecht gepfriemelten Übersetzungen. Und Cohen gab nicht nur sein Einverständnis zum Vorhaben, sondern hat die Ergebnisse begeistert abgesegnet.

Allein daran, wie Schoenberg im Vorwort und in den Kommentaren zu den Liedern über Leonard Cohen und sein Werk schreibt, spürt man die Liebe zum Werk überdeutlich – die Zweifel und Bedenken sind fort. Die Unterschiedlichkeit der Interpreten scheint einem plötzlich sogar zwingend, denn Alin Coen hätte in ihrer Zartheit den Blickwinkel des Terroristen in “First we take Manhatten“ wohl kaum so herausarbeiten können, wie Peter Maffay mit seiner Band. Und Fehlfarben wohl kaum die Melancholie des Briefes im Lied “Famous blue raincoat“ so zum Klingen bringen können, wie Reinhard Mey es vermag usw.. So hat, so scheint es, die Wahl der Interpreten die lyrische Übertragung jeweils noch bekräftigt. Schoenberg hat großartige Arbeit geleistet, wo er ganz bewußt andere Vokabeln verwendet, als die stur übersetzt naheliegenden, erklärt er es im Begleittext verständlich. So wird aus “Dance me to the end of love“ wörtlich falsch “Küss mich bis die Welt vergeht“. Der Englischlehrer hätte es mit einer 6 quittiert, Cohen fand es richtig, und Schoenberg erklärt warum, eben weil es darum ging, die Lieder in der von Cohen gewollten Stimmung ins Deutsche herüber zu heben. Die interpretierenden Musiker betonen diese lyrische Übertragung gerade durch ihre Unterschiedlichkeit.

Das ganze Album kann man nur als Liebesarbeit bezeichnen. Die Qualität der Texte und der dafür betriebene Aufwand belegen dies, ebenso die hörbar bis ins Detail durchdachten Arrangements der Stücke durch die beteiligten Musiker selbst, egal ob einem subjektiv nun unbedingt jede Interpretation zusagt. Ein respektvolles Geschenk an Leonard Cohen zum 80. Geburtstag, eine wahrlich respektvolle Würdigung.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 19, 2014 11:34 PM MEST


Popular Problems
Popular Problems
Preis: EUR 12,99

27 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über die meditative Wirkung des Schuheputzens und die Kraft zeitlos guter Musik und Poesie, 19. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Popular Problems (Audio CD)
Keines der Booklets der zwölf Cohen-Alben zuvor war so stark bebildert. Ganze zehn zur Zeichnung verklärte Fotografien des ab übermorgen 80jährigen finden sich im Textheftchen zum neuen Album "Popular problems". Und alle zeigen ihn in verschiedenen Posen: mal als Stilikone, mal im Gewand eines buddhistischen Mönchs, mal in der schlichten Eleganz eines Gentleman und auch mal ganz ohne Hose, mal kniend, mal hockend, mal im Schneidersitz - aber immer Schuhe putzend! Tatsächlich entfalten schon diese Bilder beim Betrachter eine leichte Vorwirkung dessen, was Cohens Musik gemeinhin bewirkt: Beruhigung, Milde, Nachdenklichkeit, auch Melancholie und die Ahnung, dass in jedem Detail mehr versteckt ist als auf den ersten Blick sichtbar, dass alles zur philosophischen Betrachtung taugt.

Und dann steigt dieser musikalische Poet, dieser poetische Musiker in zu erwartender Entspanntheit mit "Slow" in sein 13. Album ein (was, das kann man jetzt schon sagen, zu seinen besten zu zählen ist). "... Ich mochte es immer langsam, ich mochte es niemals schnell... Es ist nicht, weil ich alt bin. Es ist nicht, weil ich tot bin. Ich mochte es immer langsam..." erklärt er sich selbst. Und schon möchte man während des ersten Liedes niederknien; nein, nicht um seine Schuhe zu putzen, sondern um diesem Großmeister der Besänftigung zu danken. In einem Zeitalter völlig überdrehter Beschleunigung selbst alberndster Banalitäten wirkt Leonard Cohen wie der Anführer der Gegenrevolution und "Popular problems" wie das neuste Testament der Ruhe und des Sinns des Lebens.

Düster und doch dabei rhythmisch und schon beinah cool und so wie das gesamte Album sagenhaft gut und klar instrumentiert (was bei früheren Cohen-Produktionen, insbesondere in den 1980ern, leider nicht immer so war) schildert er dann im zweiten Song, "Almost like the blues", uncharmant und drastisch den vermüllten und verrohten Zustand unserer Zivilisation. Wie stets, aus der Perspektive des fast ernüchterten Beobachters, des kopfschüttelnden Weisen, niemals anklagend oder Parolen formulierend, schon gar nicht mit erhobenem Zeigefinger; beobachtend, hinweisend, fast lakonisch wie: "Sieh mal hier, schau dir das an und dann das da; ist doch Mist, oder?!", immer mit der vollen Wucht der Poesie, unaufgeregt, manchmal trotz Bitterkeit sogar schelmisch.

Was dem Album insgesamt auffällig gut tut, ist die Kooperation mit Patrick Leonard. Der Musiker und Produzent (der u.a. auch schon mit und für Bryan Ferry, Elton John, Rod Stewart, Madonna und Pink Floyd arbeitete) war 2012 schon an Leonard Cohens letztem Album "Old ideas" maßgeblich beteiligt; produzierte es, verfeinerte einige Kompositionen und verhalf zu einem bestens zu Cohens Poesie und Stimme passenden Soundkleid. Auf "Popular problems" nun ist er bei allen neun Stücken der Platte als Co-Komponist mit aufgeführt. Natürlich hat Cohen es über die Jahrzehnte stets verstanden seinen Gedichten auch selbst und ohne fremde Hilfe eine klangliche Grundlage zu konstruieren, oft auch sehr schön und eindringlich, aber er ist unbestritten mehr Dichter als Musiker, was seine Musik auf Menschen, die nicht ständig auf den Text achten, zuweilen etwas monoton wirken ließ. Die Kooperation macht seine Musik offener, abwechslungsreicher, ja musikalischer. Bei aller Tiefe wirkt das Album nicht versinkend schwer. Mit wunderbaren, leichten Jazz-Elementen und gelegentlichem, wohl dosierten Rhythmus, gibt Patrick Leonard den doch eher selten ohrwürmigen Melodien Leonard Cohens einen Hauch Lebendigkeit, ohne sie zu Popsongs geraten zu lassen. Dazu die mit den Jahren inzwischen alles bezwingenden Stimme Leonard Cohens und es entstehen wahre Songperlen; neun von neun, alle gut, kein Ausfall.

Zwei Tage vor dem 80. Geburtstag nun schon Glückwünsche zu formulieren und zu gratulieren, bringt ja angeblich Unglück; also laß ich's. Aber Respekt zollen, das kann man heute schon. Und man sollte es!
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 19, 2014 4:42 PM MEST


Kaprizen (Doppel-CD)
Kaprizen (Doppel-CD)
Preis: EUR 17,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kaprize = absichtlicher, lustvoller Regelverstoß, 5. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Kaprizen (Doppel-CD) (Audio CD)
Zugegeben: ich hatte erst einmal ein Wörterbuch zu bemühen, um mir den Titel des Albums verständlich zu machen. Da wandelt man aufrechten Hauptes selbstsicher durch die Gefilde der Rhetorik und Linguistik, glaubt sich fest in den Satteln des Wortschatzes und der Wortfindung und strauchelt schon am Titel des neuen Kunze-Werks (jaja, eigentlich Jan Drees; dazu später mehr). Nun, um Ihnen die Schmach der Wortbedeutungssuche zu ersparen, schon im Titel zur Rezension der Sinninhalt des kaum verwendeten Wörtchens. Und siehe da: wie passend!

Seit Kunze zum Jahreswechsel 2003/04 seinen bald ein Vierteljahrhundert immer wieder verlängerten Plattenvertrag mit der WEA auslaufen ließ (oder er ausgelaufen wurde), erleben wir in engen zeitlichen Wechseln gleich zwei Künstler namens Heinz Rudolf Kunze, von denen man manchmal meinen könnte, sie mögen einander nicht besonders, zumindest nicht genug, um sich je eine Bühne zu teilen. Natürlich spagatierte Kunze auch schon vor 2004 zwischen Pop und Kunst. Immerhin erschienen schon während der WEA-Ära die zwar kommerziell wenig erfolgreichen, aber dennoch legendären drei sogenannten “anderen Alben“ (Sternzeichen: Sündenbock / Der Golem aus Lemgo / Wasser bis zum Hals steht mir) und den tonlosen, reinen Autor in Buchform gibt es parallel zum Musiker ebenfalls schon von Anbeginn. Dennoch erreichte der Album-Künstler Heinz Rudolf Kunze in den vergangenen zehn Jahren eine schöpferische Weite, wie nie zuvor; eine Weite, die kaum mehr mit einem Spagat zu meistern ist, so daß man fast schon von einer doppelten Künstlerpersönlichkeit reden mag (oder eben sogar von einer dreifachen, denn Bücher erscheinen ja nach wie vor – und wie!). Die These verdeutlicht sich, wenn man beachtet, daß Kunze der wohl einzige Musiker ist, der zeitgleich zwei gültige Plattenverträge in der Tasche hat, ohne sich für einen der Verträge mit einem Pseudonym oder als Band-Projekt verbrämen zu müssen. Seit 2004 gibt es den Pop-(und jüngst auch endlich wieder Rock-)Heinz bei Sony Music (erst auf dem Ariola, später dann RCA Label), wo etwa alle zwei Jahre die Alben erscheinen, die einem breiteren Publikum vermittelbar sind; leider zuweilen mit Single-Auskopplungen, die sich etwas arg dem Mitklatsch-Publikum andienen. Parallel aber gibt es den Vertrag bei dem kleinen, sehr feinen, autarken Label Rakete. Und da bekommt der Kopf-Kunze, der radikale, sich um Konventionen, Mainstream und Kompatibilität mit den Charts nicht scherende Künstler, der Sprachliebkoser und gleichzeitige Wortvergewaltiger, der musikalisch jedes Geräusch auslotende, keine Ernsthaftigkeit und keine Albernheit scheuende, der garantiert popfreie HRK jede Freiheit, die einem Künstler gebührt. Ich möchte übrigens keinen der beiden missen! Und diese Doppel-Strategie führt nicht nur zu größerer Kompromisslosigkeit innerhalb eines jeden Albums, sondern zu einem gewaltigen kreativen Output – seit 2005 erschienen inkl. “Kaprizen“ bis dato 13 Alben (und fünf Bücher, um den dritten Kunze, den Heinz für Taube, an dieser Stelle auch nochmal zu würdigen)!

Nun steht über dem Albumtitel “Kaprizen“ ja der Name Jan Drees und nur auf einem zusätzlich aufgepappten Button der sachdienliche Hinweis “mit Heinz Rudolf Kunze“ - wie charmant! Ehre wem Ehre gebührt; Jan Drees ist ein phantastischer Musiker. Seit 2011 begleitet er den Autor Kunze bei seinen Lesereisen und sorgt mit seinen atemberaubenden musikalischen Zwischenspielen für absolut angebrachte Begeisterung beim Publikum. Was dieser Kerl da an Akrobatik auf seiner Gitarre unter Zuhilfenahme abenteuerlichster Effektgeräte fabriziert, sollte olympisch werden! Man sorgt sich im Zuschauerraum beim Beobachten manchmal: Hoffentlich verletzt er sich nicht! Drees ist eine Bereicherung für die Lesungen und mindesten so sehr ein Erlebnis wie die Texte von Kunze. So war die Idee, ein Album gemeinsam zu schaffen, absolut naheliegend. Warum es nun allerdings als Jan Drees Album auf den Markt kommt...? Denn sucht man in Kunzes gewaltiger Diskographie nach dem nächsten Verwandten, stößt man auf das bereits erwähnte “Wasser bis zum Hals steht mir“ aus 2002 und das wurde ja auch nicht als Heiner Lürig und Matthias Ullmer Album (die damals beteiligten Instrumentalisten) und nur mit dem Hinweis “mit Heinz Rudolf Kunze“ veröffentlicht.

Wie dem auch sei: auf “Kaprizen“ rezitiert sich Kunze nicht einfach nur zu ein paar unaufdringlichen Gitarren-Lauten selbst, es ist kein musikalisches Hörbuch! Es geht – und ja, das zweifellos dank Jan Drees – musikalisch höchst abenteuerlich und vielschichtig zur Sache. Von geradezu grotesk wirren Klangkollagen bis hin zu sanft freundlichen Harmonien, von nicht mehr auseinanderzuhaltenden Geräuschschichtungen bis zu absolut minimalistischer Untermalung ist innerhalb der guten Dreiviertelstunde alles erlebbar, was Kunzes Texte noch lebendiger und wirkungsvoller macht, als stünde das nackte Wort nur für sich allein. All das keineswegs nur auf der Gitarre; Drees erzeugt seine Klangwelten mit dem Inventar einer ganzen gut sortierten Instrumentarien-Handlung. Es packt einen Angst und es überkommt einen ein tiefer, beruhigender Frieden - nur durch Klangspiele! Dem Album als Bonus eine zweite CD ohne Heinz Rudolf Kunze mit Instrumentalversionen beizugeben, ist schön und sinnvoll; die Stücke funktionieren auch ohne Text, wie die Texte auch ohne Musik funktionieren (bereits bewiesen, denn sie sind ohne Ausnahme Kunzes Büchern der letzten Jahre entnommen).

Das (einigen wir uns auf) Kunze/Drees-Album “Kaprizen“ ist definitiv nichts zum Nebenherhören, ungeeignet um beim Shoppen etwas aus dem Handy tröten zu lassen oder lästige Hausarbeiten durch Beschallung beschwingter zu absolvieren. Es ist Kunst, der es sich mit Muße hinzugeben gilt; eine schwer gelungene Verklanglichung von Literatur, oder einfach ein wirklich spannendes Album. “Kaprizen“ ist Erfolg zu wünschen!


Chronicles: Vol. 1
Chronicles: Vol. 1
von Bob Dylan
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zehn Jahre danach, 30. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Chronicles: Vol. 1 (Taschenbuch)
Zehn Jahre ist es her, dass Bob Dylan endlich mal eine Art Autobiographie vorlegte; zehn Jahre her, dass ich sie erstmals las (und mir bald darauf als Audiobook von Wolfgang Niedecken noch einmal vorlesen ließ - von wem auch sonst? wer wäre für den Job prädestinierter in Deutschland?). Unter dem Titel "Chronicles" prangt in kleineren Lettern der Hinweis: Volume one. Aha. Daß "Volume two" nun nicht gleich 2005 oder 2006 folgen würde, war nicht zu erwarten, aber so sachte ist es doch langsam an der Zeit. In Ermangelung der sehnsüchtig erwarteten Fortsetzung und das Buch als rundum gelungen in Erinnerung, widmete ich mich erneut den 300 Seiten.

Das Faszinierende an "Chronicles" ist, daß man wahrhaft ein wenig den Menschen hinter dem Mythos zu erkennen glaubt, gerade weil einem eine ganz andere Person begegnet, als man erwartet hatte. Nichts schrulliges, nichts sonderlich kauziges tritt da zu tage, kein Typ, der in kryptischen Umschweifen mit jedem Satz den Nebel nur noch mehr verdichtet und den Mythos ausbaut. Im Gegenteil. Dylan plaudert anekdotisch einige Momente seines Lebens durch. Momente, die man in Kenntnis seiner Biographie (aus der nun wahrlich im Übermaß existierenden Literatur über ihn) und in Kenntnis seines Werkes wohl kaum als Leser ausgewählt hätte. Da schienen doch andere Jahre, andere Alben, andere Personen und andere Schlüsselmomente wesentlicher, als die hier von ihm beschriebenen. Und das ist dann schon wieder typisch Dylan; und es ist wie häufig genauso brillant.

Hätte er die Produktion von "Blonde on blonde" ausführlich beschrieben oder das Schreiben von "Blowin' in the wind" oder das eindrucksvolle Rückmelden als prägender und nach wie vor relevanter Songwriter mit dem Album "Time out of mind" oder die Beziehung zu Joan Baez, dann hätte er Erwartungen erfüllt und - so er es gewollt hätte - dank seiner Wortkraft durch geschicktes Ausschmücken der Ereignisse sein eigenes Denkmal poliert. Dylan erzählt aber die Entstehung von "New morning", eines nun wahrlich nicht von allen geliebten Albums, was in seiner Diskographie auch historisch keinen allzu berühmten Platz einnimmt, und er erzählt von Songs, die nicht gelangen, die verworfen wurden oder bestenfalls erst Jahre später im Rahmen seiner "Bootleg Series" doch noch veröffentlicht wurden. Und er berichtet von Begegnungen mit Menschen, die er nur einmal traf, deren Namen er nicht mal weiß; zum Teil seltsame Gestalten, die ihm aber für einen Moment ein paar entscheidende Gedanken bescherten, ohne ihm unbedingt besonders sympathisch gewesen zu sein. Prominente Namen tauchen hingegen kaum auf.

Er hat damit alles richtig gemacht. Zum einen, weil nur so das Buch den Leser wirklich überraschen kann; und zum andern, weil man merkt: dieser Typ steht nicht jeden Morgen auf und denkt darüber nach, dass er eine lebende Legende ist. Dass er entgegen dessen, was der Titel suggeriert, ganz und gar nicht chronologisch vorgeht, geschweige denn lückenlos sein Leben durchpflügt, erscheint ebenfalls kaum als Makel. Er erzählt halt etwas aus seinem Leben; sprachmächtig und dennoch lakonisch, was ihm einfällt, nicht sortiert nach Zeit oder vermeintlicher Wichtigkeit oder Ausschlag für seine Karriere, einfach so und überaus angenehm. Und Dylan verkneift sich nicht etliches derart atmosphärisch darzustellen, dass man eher meint, einen auf das jeweilige bezogenen Essay zu lesen statt einer Musiker-Autobiographie. Es macht alles so verflixt Lust auf mehr. Was war in den Lücken? Und wie entstand vielleicht doch das ein oder andere Überwerk? Und was denkt er über zu Welthits gewordene Coverversionen?

Dieses Leben würde ohne Not fünf spannende Folgen von "Chronicles" hergeben. So unaufdringlich berichtet, macht es einfach Freude darin abzutauchen. Band zwei wäre ja schon mal ein Anfang. Bis er erscheint (wenn er überhaupt je erscheint), kann man diesen ersten Teil immer wieder mal alle paar Jahre zur Hand nehmen. Es fühlt sich ein bißchen an wie: Dylan auf der Straße treffen und sich festquatschen, unprätentiös, entspannt, absolut angenehm, und gar nicht wie ein Göttertreffen.


Chronicles Volume one
Chronicles Volume one
von Bob Dylan
  Broschiert
Preis: EUR 22,00

5.0 von 5 Sternen Zehn Jahre danach, 30. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Chronicles Volume one (Broschiert)
Zehn Jahre ist es her, dass Bob Dylan endlich mal eine Art Autobiographie vorlegte; zehn Jahre her, dass ich sie erstmals las (und mir bald darauf als Audiobook von Wolfgang Niedecken noch einmal vorlesen ließ - von wem auch sonst? wer wäre für den Job prädestinierter in Deutschland?). Unter dem Titel "Chronicles" prangt in kleineren Lettern der Hinweis: Volume one. Aha. Daß "Volume two" nun nicht gleich 2005 oder 2006 folgen würde, war nicht zu erwarten, aber so sachte ist es doch langsam an der Zeit. In Ermangelung der sehnsüchtig erwarteten Fortsetzung und das Buch als rundum gelungen in Erinnerung, widmete ich mich erneut den 300 Seiten.

Das Faszinierende an "Chronicles" ist, daß man wahrhaft ein wenig den Menschen hinter dem Mythos zu erkennen glaubt, gerade weil einem eine ganz andere Person begegnet, als man erwartet hatte. Nichts schrulliges, nichts sonderlich kauziges tritt da zu tage, kein Typ, der in kryptischen Umschweifen mit jedem Satz den Nebel nur noch mehr verdichtet und den Mythos ausbaut. Im Gegenteil. Dylan plaudert anekdotisch einige Momente seines Lebens durch. Momente, die man in Kenntnis seiner Biographie (aus der nun wahrlich im Übermaß existierenden Literatur über ihn) und in Kenntnis seines Werkes wohl kaum als Leser ausgewählt hätte. Da schienen doch andere Jahre, andere Alben, andere Personen und andere Schlüsselmomente wesentlicher, als die hier von ihm beschriebenen. Und das ist dann schon wieder typisch Dylan; und es ist wie häufig genauso brillant.

Hätte er die Produktion von "Blonde on blonde" ausführlich beschrieben oder das Schreiben von "Blowin' in the wind" oder das eindrucksvolle Rückmelden als prägender und nach wie vor relevanter Songwriter mit dem Album "Time out of mind" oder die Beziehung zu Joan Baez, dann hätte er Erwartungen erfüllt und - so er es gewollt hätte - dank seiner Wortkraft durch geschicktes Ausschmücken der Ereignisse sein eigenes Denkmal poliert. Dylan erzählt aber die Entstehung von "New morning", eines nun wahrlich nicht von allen geliebten Albums, was in seiner Diskographie auch historisch keinen allzu berühmten Platz einnimmt, und er erzählt von Songs, die nicht gelangen, die verworfen wurden oder bestenfalls erst Jahre später im Rahmen seiner "Bootleg Series" doch noch veröffentlicht wurden. Und er berichtet von Begegnungen mit Menschen, die er nur einmal traf, deren Namen er nicht mal weiß; zum Teil seltsame Gestalten, die ihm aber für einen Moment ein paar entscheidende Gedanken bescherten, ohne ihm unbedingt besonders sympathisch gewesen zu sein. Prominente Namen tauchen hingegen kaum auf.

Er hat damit alles richtig gemacht. Zum einen, weil nur so das Buch den Leser wirklich überraschen kann; und zum andern, weil man merkt: dieser Typ steht nicht jeden Morgen auf und denkt darüber nach, dass er eine lebende Legende ist. Dass er entgegen dessen, was der Titel suggeriert, ganz und gar nicht chronologisch vorgeht, geschweige denn lückenlos sein Leben durchpflügt, erscheint ebenfalls kaum als Makel. Er erzählt halt etwas aus seinem Leben; sprachmächtig und dennoch lakonisch, was ihm einfällt, nicht sortiert nach Zeit oder vermeintlicher Wichtigkeit oder Ausschlag für seine Karriere, einfach so und überaus angenehm. Und Dylan verkneift sich nicht etliches derart atmosphärisch darzustellen, dass man eher meint, einen auf das jeweilige bezogenen Essay zu lesen statt einer Musiker-Autobiographie. Es macht alles so verflixt Lust auf mehr. Was war in den Lücken? Und wie entstand vielleicht doch das ein oder andere Überwerk? Und was denkt er über zu Welthits gewordene Coverversionen?

Dieses Leben würde ohne Not fünf spannende Folgen von "Chronicles" hergeben. So unaufdringlich berichtet, macht es einfach Freude darin abzutauchen. Band zwei wäre ja schon mal ein Anfang. Bis er erscheint (wenn er überhaupt je erscheint), kann man diesen ersten Teil immer wieder mal alle paar Jahre zur Hand nehmen. Es fühlt sich ein bißchen an wie: Dylan auf der Straße treffen und sich festquatschen, unprätentiös, entspannt, absolut angenehm, und gar nicht wie ein Göttertreffen.


Es gibt viel zu tun: Warum wir kluge Politik für eine starke Wirtschaft brauchen
Es gibt viel zu tun: Warum wir kluge Politik für eine starke Wirtschaft brauchen
von Bill Clinton
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht zu viel Staat, aber auch nicht gar keiner!, 14. Juni 2014
Warum sollte man als Europäer ein Buch eines ehemaligen US-Präsidenten lesen, in dem er die wirtschaftliche, finanzpolitische und grundsätzliche gesellschaftliche Situation seines Landes ausführlich analysiert und ebenso ausführlich Lösungsvorschläge dezidiert darlegt? Aus zwei Gründen: zum einen, weil man die USA und ihre gegenwärtige Situation durch diese Betrachtung von innen heraus deutlich besser erfasst, als man es aus den Medien, selbst aus den qualitativ besten und um Sachlichkeit und Aufklärung bemühten, mit Blick von außen erfahren kann; zum andern, weil sich aus den Lösungsvorschlägen durchaus auch Ableitungen für unsere eigenen zum Teil erheblichen Schwierigkeiten konstruieren lassen, denn so sehr es viele grundlegende Unterschiede im staatlichen und gesellschaftlichen Aufbau zwischen Europa und den USA gibt, überwiegen doch die Gemeinsamkeiten und somit auch ein recht großer Teil der dringend zur Lösung anstehenden Probleme.

Clinton erweist sich mit diesem Buch einmal mehr als ein ausgezeichneter Staatsmann, der Ideologien ablehnt und Probleme pragmatisch zu lösen oder mindestens zu lindern sucht. Keineswegs nur in diesem Buch, das belegen auch alle neutralen Quellen, ist erkennbar, dass kein ehemaliger US-Präsident der letzten 30-40 Jahre eine größere Legitimation hätte als Clinton, ein solches Buch als einen ernsthaften Beitrag in die gesellschaftliche politische Diskussion einzubringen. Unter keiner anderen Regierung ging die Arbeitslosenquote soweit zurück, wurde Staatsverschuldung massiv abgebaut (es wurden nicht nur keine neuen Schulden gemacht, was Sinn unserer neuen gesetzlichen Schuldenbremse ist, sondern massiv getilgt!), wurden Zukunftsinvestitionen angeschoben und die unter Reagan einsetzende Drift zwischen Verarmung und schon an Perversion grenzenden Reichtum umgekehrt. Und all das ohne ein überbordendes staatliches Eingreifen oder exorbitant steigende Steuern, aber eben auch nicht durch selbstzerstörerische permanente Steuersenkungen, ideologisch naiven Marktglauben und einer Regierung, die sich aus am besten allem heraushält, wie es die an Einfluss gewinnende Tea-Party-Bewegung mit den Jahren immer hysterischer als Forderung propagiert. Ein Großteil dessen kippte die ihm folgende Bush-Administration binnen kürzester Zeit und erreichte rasch (und noch deutlich vor dem Kollaps des Finanzsystems!) neue Negativrekorde in Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Ausdünnung der Mittelschicht sowie Pleiten von mittelständischen Firmen und Privatpersonen und eine vollkommen durchdrehende sich nach oben bohrende Spirale der Vermögensbildung des obersten Prozents der amerikanischen Gesellschaft. Hatte zu Beginn der 1980er Jahre ein Vorstand eines Aktienunternehmens noch etwa das 35fache des durchschnittlichen US-Jahresgehalts (und hatten dies auch im Grunde alle als gerecht empfunden), lag es am Ende der zwölfjährigen Reagan/Bush sen. Ära bei etwa dem 120fachen. Auf diesem Niveau wurde es die acht Jahre (1993-2001) unter Clinton gehalten, um dann bis 2007 auf das 400fache anzusteigen! Und trotz der von den USA ausgehenden weltweiten Krise des Finanzmarkts, liegt es heute, nach kurzem "Einbruch" inzwischen wieder beim 300-350fachen (Stand 2012 bei Erscheinen des Buches), während Millionen Amerikaner ihre Kreditraten für ihre Häuser nicht mehr zahlen können und sie aus der Mittelschicht absteigen oder abzusteigen drohen.

Es ist von außen betrachtet nicht verständlich, wie bei so offensichtlichen Fehlentwicklungen, die ideologische Propaganda der Tea-Party-Bewegung die Grand Old Party (Republikaner), aus deren Reihen sie hervorgeht, zu zerreißen droht, und zwar keine eigene Mehrheit, aber doch soviel Einflussnahme vom Wähler gestattet bekommt, dass sie das Land lahmlegen und nachhaltig beschädigen kann. Clinton, als Demokrat schon aus Tradition eher pragmatisch veranlagt und von einem vernünftigen, nötigen Maß der Einflussnahme seitens der Regierung und des Staates überzeugt, leistet mit "Es gibt viel zu tun" ein wertvolles Stück Aufklärungsarbeit. Das Buch richtet sich natürlich voranging an die politische Klasse, müht sich aber auch für einfache Bürger verständlich zu sein - was ihm bei der Komplexität vieler Themen nicht gelingen kann, ein gewisses Maß an Vorwissen und Verständnis ist nötig, anders wäre ein solches Buch auch wertlos; Politik ist eben nicht Talk-Show kompatibel!

Clintons Analysen sind genau und scharf, frei von Polemik, aber nicht frei von Humor vorgetragen, sachlich untermauert und mit ausführlichen Entwicklungs-daten/-tabellen und internationalen Vergleichen zu anderen Staaten dargestellt und belegt. Dass die USA in den Clinton-Jahren bereits auf einem besseren Weg waren, kann man ihm nicht als kosmetischen Griff vorhalten, um im eigenen Buch besser dazustehen, es sind Fakten. Und er überbetont es nicht, im Gegenteil, er wird nicht müde insbesondere Leistungen früherer republikanischer Präsidenten über Lincoln zu Theodore Roosevelt und Eisenhower zu loben und ist klug genug auch Verdienste von Reagan, Bush sen. und selbst Bush jun. zu goutieren.

Der 130seitigen Analyse folgt als zweiter Teil des Buches über fast 100 Seiten eine lange Reihe wohlüberlegter und sachlich begründeter Vorschläge zu Maßnahmen, die zum Teil längst überfällig sind, um die USA aus dem fatalen Sog der regierungsfeindlichen Ideologen zu lösen und der Gesellschaft wieder das zurückzugeben, was in den USA einstmals erfunden wurde: den amerikanischen Traum! Ein Amalgam aus Vitalität, Leistungsbereitschaft, Chancengleichheit, Solidarität mit Benachteiligten und unbedingte Meinungsfreiheit, frei von ideologischer Ächtung und Diffamierung. In 46 Punkten schildert Clinton, was zu tun ist, nur was auch möglich ist, was dringend geboten ist. Er begnügt sich mit diesem Buch also nicht mit Wehklagen und Vorwürfen, sondern bringt aktiv ausgearbeitete Vorschläge in die Diskussion ein und mahnt deutlich zur Eile. Auch aus diesen Vorschläge, kann die europäische politische Klasse Inspirationen ziehen, auch wenn einige der Punkte auf uns weniger oder auch gar nicht zutreffen, andere dafür umso mehr. Es gibt viel zu tun, keineswegs nur in den USA!


Ach, dieses Paradies
Ach, dieses Paradies
von John Cheever
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einigkeit zwischen Peter Handke und mir, 11. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Ach, dieses Paradies (Gebundene Ausgabe)
"Dies ist eine Geschichte, die sich vortrefflich als Bettlektüre für eine Regennacht in einem alten Haus eignet." Mit diesen Worten eröffnet John Cheever seinen letzten Roman, der im Original 1982 erst kurz vor seinem Tod erschien. Nun, die Situation, während ich diese Zeilen las, hätte konträrer kaum sein können; es war hellichter Tag, die Sonne brannte bei schwülwarmen 33 Grad und ich saß aufrecht an einem Tisch im Schatten eines gewaltigen Baumes, der zuweilen den Eindruck erweckt, als wäre es nur seiner Freundlichkeit geschuldet, dass er mit seiner mächtigen Astkrone die ihn umstellenden Häuser, in deren Hofgarten er residiert, nicht einfach beiseite schiebt.
Ich ignorierte die Vortrefflichkeitsempfehlug des Autors und las, den denkbar größten Gegensatz der Situation beschmunzelnd, einfach weiter, um 120 begeisternde Seiten und etliche die Hitze einigermaßen erträglich machende Eistee später dann den letzten Satz auf der letzten Seite, John Cheevers nüchterne Beschwichtigung zu ein paar offenbleibenden Fragen, zu lesen: "...aber darum geht es hier nicht, und wie ich schon zu Beginn sagte, ist dies bloß eine Geschichte, die sich vortrefflich als Bettlektüre... usw."

Was ich beim ersten Satz noch nicht wissen konnte, beim letzten mir aber umso deutlicher schien: Cheever hat tiefgestapelt, sehr tief! "Ach, dieses Paradies" ist keine Einschlafhilfe-Literatur, keine leichte nur schon fast im Halbschlaf noch irgendwie ganz hübsch zu findende Schreibe. Im Gegenteil. Das Buch verdient die aufrechte Haltung des Lesers bei der Lektüre und wache Sinne, um all die Feinheiten, die vielen brillanten, meist subtilen Andeutungen zu bemerken, seinen lapidaren Schreibstil, der keine Szene übermäßig bis ins kleinste Detail auserzählt, sondern wortmalerisch mit denkbar knappen Schilderungen auskommt, zu bestaunen und sich daran zu erfreuen.

Dieser 2013 neu übersetzten Ausgabe von "Oh what a paradise it seems" - es erschien erstmals bereits 1984 in einer deutschen Übersetzung unter dem unsinnigen Titel "Kein schöner Land"; diese kenne ich zwar nicht, aber allein die Unsitte den Titel derart zu entstellen, erzeugt in mir unweigerlich Abwehr - steuerte kein geringerer als Peter Handke ein sechsseitiges Nachwort bei. An dieser Stelle gestatten Sie mir bitte einen kurzen Moment des intellektuellen Größenwahns, die Illusion des Höhenrauschs mit dem großen Handke auf einer Flughöhe zu sein. Denn auch Handke kommentiert Cheevers gleichwohl einleitenden wie abschließenden Satz, Zitat: "...meine Leseerfahrung dazu: >Regennacht<, ja, aber ebenso auch Tag oder Tage mit Sonne, Wolken, auch Wind und Wellen. Aber: Diese besondere Paradies-Story eine Bett-Lektüre? Nein, und abermals nein! Sie ist etwas zum Aufrechtsitzen und Aufrechtlesen..." Danke Handke! Ich steige jetzt auch wieder brav in die Niederungen kleiner Rezensions-Artikel-Schreiber hinab...

Cheever ersinnt keine großen Heldenfiguren als Protagonisten, in den Handlungen keine kolossalen Dramen. Er verharrt im amerikanischen Alltag und stattet seine Figuren mit allem Menschlichen aus, was wir in uns selbst und um uns herum auch erfahren. So schafft er scheinbar ohne Mühe eine vertraute Atmosphäre. Und weil dem Leser alles so vertraut scheint, ist es auch gar nicht nötig irgendwas über die Maßen detailliert mit Worten zu überschwemmen. Das gilt für mehr oder weniger normale Alltagsbefindlichkeiten - im Kern geht es im Buch um Menschen, die zwar bestrebt sind gutes vordergründig durchaus auch für andere zu tun, dabei allerdings kaum uneigennützig sind - wie auch für außergewöhnliche Momente. Wenn Gewalt aufkommt und einer sterben muß, dann stirbt er binnen zweier Zeilen, aus. Keine seitenlange Orgie der Eskalation, keinen zeilenlanges Beschreiben der Flugbahn des Projektils, kein endloses Ausmalen des Gesichtsausdrucks des Opfers beim letzten Atemzug und des Zuckens der Braue des Schützen beim Anvisieren. All das hat Cheevers Sprache nicht nötig, ohne dabei an Kraft zu verlieren. Er erspart dem Leser auch (wie leider in vielen Romanen zu finden) völlig deplatzierte Versuche irgendwie ein paar Seiten mit etwas unbeholfener, pseudoerotischer Sinnlichkeit zu füllen. Sex findet bei Cheever selten länger als eine Zeile lang statt. Wie ausführlich es wirklich gewesen sein könnte und ob in Anlehnung an gleich mehrere olympische Disziplinen, bleibt des Lesers Phantasie überlassen.

So knapp schreibt Cheever grundsätzlich und schafft es vielleicht gerade deshalb Welten entstehen zu lassen. Er konzentriert sich auf die Essenz, macht kluge Andeutungen, die den Leser in eine eindeutige Denkrichtung stoßen und überlässt es ihm, wie weit er dahin denken will, wie genau er sich die Szene ausmalt. Ein wunderbarer Stil. Auch hier läßt sich noch einmal Peter Handke bemühen, der im Nachwort genau diesen Eindruck der inhaltliche Fülle bestätigt. Er hatte das Buch vor Jahren bereits im englischen Original gelesen, und nun erneut, zum Verfassen seines Beitrags; und er erwähnt verwundert, dass ihm viele Begebenheiten des Buches als Seiten füllend in Erinnerung waren, die sich beim erneuten Lesen als nur wenige Zeilen umfassend präsentierten. Das liegt nicht an der Übersetzung, das ist Cheevers genialer Stil, das Original war auch nicht ausführlicher.

Wunderbarer Autor, wunderbares Buch! Schön, dass in den letzten Jahren etliche seiner Bücher in neuen Übersetzungen erschienen sind und so ein wertvoller Beitrag geleistet wurde John Cheever nicht zu vergessen oder überhaupt erst zu entdecken.


Weggefährten: Meine Songs fürs Leben
Weggefährten: Meine Songs fürs Leben
von Roger Cicero
  Broschiert
Preis: EUR 12,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über die Musik als Grundnahrungsmittel, 8. Juni 2014
Keine Ahnung, ob ein Mensch auf die Idee kommt sich mit diesem Buch zu beschäftigen, der sich von Roger Cicero und seiner Musik nicht allzu sehr angesprochen fühlt. Vermutlich kaum, was schade ist. Denn es ist keineswegs nötig Fan des Musikers zu sein, um sich von diesem Buch begeistern lassen zu können; es genügt ein grundsätzlich starkes Interesse an Musik, für das Wesen von Musik, und man wird die 250 Seiten (netto etwa 200 Seiten, da mit etlichen Bildern im Fließtext und zwischen den Kapiteln durchsetzt) binnen kurzer Zeit regelrecht einsaugen.

Mit “Weggefährten – Meine Songs fürs Leben“ legte der bei Erscheinen des Buches Ende 2010 gerade vierzigjährige Cicero keine Autobiographie vor – was auch arg verfrüht gewesen wäre – sondern tat das, was Musiker sowieso permanent tun, wenn sie nicht gerade musizieren: er redet voller Liebe und Hingabe über Musik; auch aber weniger über die eigene, viel mehr und mit ansteckender Begeisterung über Songs und ganze Alben und deren Schöpfer, also über die Musik von Kollegen, die ihn prägte, die ihn inspiriert hat, die ihn tröstete oder Mut machte, die pure Lebensfreude mit Klängen unterlegte, über Platten, die ihm nur für eine kurze Phase seines Lebens sehr wichtig waren und andere, die ihn schon seit Jahrzehnten begleiten, die ihm aus den verschiedensten Gründen viel bedeuten, kurz: über den Soundtrack zu seinem Leben bis dato.

Das Wunderbare an seinem Buch ist, dass der studierte Musiker bei allem fachlichen Wissen und Können sich hat die Liebe zur Musik, zum Gefühl, was der Ursprung und der einzig dauerhafte Grund ist, warum Menschen Musik machen und gerne hören, hat nie nehmen lassen - gerade unter studierten Jazzern und klassischen Musikern eine häufig auftretende Krankheit, Musik irgendwann nur noch technisch zu analysieren. Man kann Musik analytisch hören, um zu verstehen, was da in diesem oder jenem Stück passiert (oder eben auch nicht). Cicero tut das zuweilen auch und erklärt hie da damit nur umso mehr auch seine technische Bewunderung für Sting oder Sinatra oder Prince usw., aber eben nicht nur, denn Musik ist und bleibt in erster Linie Gefühl in all seinen Spielarten. Wenn sie die Herzen der Hörer nicht erreicht, so pathetisch es auch klingen mag, bleibt sie als Musikstück bedeutungslos und taugt bestenfalls für musikwissenschaftliche Vorlesungen als Anschauungsmaterial, wie technisch schwer beeindruckende Architektur, in der aber kein Mensch leben will.

Ciceros musikalische Helden entstammen unterschiedlichsten Genres. Neben den oben schon genannten, reihen sich Songs, Alben und ganze Lebenswerke von Stevie Wonder, Nick Drake, Mario Lanza, The Beatles, Jeff Buckley, Victor Borge, Al Green, James Taylor, Gilbert O'Sullivan, Joni Mitchell und noch etliche mehr aneinander, natürlich spielt auch sein Vater, der weltbekannte Jazz-Pianist Eugen Cicero, eine gewichtige Rolle.
Man erfährt sicherlich auch etliches aus dem Leben Roger Ciceros, weil er die Musik, die er in jedem Kapitel bespricht, in konkreten autobiographischen Zusammenhängen erklärt, wie der jeweilige Song oder meist ganze Alben in sein Leben Einzug hielten, was sie ihm warum vermitteln und bedeuten. Dennoch: das Autobiographische im Buch bleibt anekdotisch, im Vordergrund stehen ganz klar die Musikstücke. Was man aber sehr wohl und überdeutlich über den privaten Menschen erfährt ist: dieser Kerl liebt Musik. Sie ist für ihn Grundnahrungsmittel. Die Liebe und Hingabe, die er den für dieses Buch ausgewählten Platten und Künstlern entgegenbringt, führt dazu, dass man nach der Lektüre eine Einkaufsliste abarbeitet, weil man die Platten hören will, die er so glühend beschreibt. Oder jene, die man bereits besitzt, während des Lesens auf- oder einlegt, um nachzuhören, was Cicero gerade beschreibt, um es mit seinen Ohren zu hören. So ging es mir jedenfalls.

Ein Buch, was einfach Freude macht, was gerne eine Fortsetzung erfahren darf, denn gute Musik, kann man schließlich nie genug entdecken. Und der Mensch Roger Cicero wird einem nebenbei auch gleich noch sympathischer, als er es ohnehin schon war.


Versuch, in der Wahrheit zu leben.
Versuch, in der Wahrheit zu leben.
von Vaclav Havel
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Courage und Aufrichtigkeit gegen sich selbst, 1. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Essay “Versuch, in der Wahrheit zu leben“ aus dem Jahr 1978 kann wohl in der Rückschau als die Verschriftlichung des gedanklichen Fundaments von Václav Havel betrachtet werden, soviel Kluges er davor und noch mehr danach auch an Büchern und Aufsätzen veröffentlichte. Havel war sicherlich (eigentlich) genauso wenig Philosoph wie er Politiker war; er war im Ursprung Dichter oder konkreter noch Dramaturg; und dennoch wurde er im Laufe seines Lebens und der gesellschaftlichen Ereignisse seiner Zeit zum Politiker, zum Staatsmann; vermutlich sogar einer der größten, die Europa in der zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erlebte. Und das ohne es je anzustreben. Genau das gleiche kann man auch über Havel als Philosoph sagen. Er selbst hätte sich wohl nie so bezeichnet und noch weniger Anstrengungen unternommen als solcher betrachtet zu werden. Doch wenn man sich heute seine Überlegungen zum “Versuch, in der Wahrheit zu leben“ erneut ins Bewusstsein hebt, meint man eine Art Anleitung zur friedlichen Revolution zu lesen, ein Drehbuch zu den Ereignissen, die gut zehn Jahre später nicht nur seine Heimat, sondern beinah alle Staaten und deren Gesellschaften, die unter der Hegemonie Moskaus standen, grundlegend veränderten – so gesehen, also doch ein Dramaturg.

Und so wie er zum Staatsoberhaupt ungeübt einfach wurde, weil der Verlauf seiner Biographie ihn unangestrebt dahin spülte, und er wohl gerade dadurch wohltuend unkonventionell dieses Amt ausfüllte, sind auch seine durch und durch philosophischen Betrachtungen zum “Versuch, in der Wahrheit zu leben“ wohltuend unkonventionell, frei vom oft (unnötig) hochtrabend philosophischen Duktus.

Eingangs umreißt Havel in bestechend analytischer Klarheit die Ist-Situation in seinem Land (mit nuancierten Unterschieden übertragbar auf den gesamten sowjetischen Machtbereich in Europa): natürlich keine freie Demokratie, aber eben auch keine Diktatur im herkömmlichen Sinne, die mit einem solitären Allmachtsinhaber und seinem verhältnismäßig kleinen Gefolge die große Mehrheit von oben kontrolliert und unterdrückt, also im klassischen Verständnis totalitär. Die reale Situation war um einiges perfider. Havel nennt es post-totalitäres System, mit dem expliziten Hinweis, dass das Wörtchen post nicht heißen soll, dass es kein totalitäres System sei, sondern lediglich nicht im Sinne des üblichen Verständnisses von einer Diktatur. Ein System, was zur Errichtung eine Ideologie bemühte, die binnen weniger Jahre zum eigentlichen Machthaber völlig entkoppelt von den Menschen (auch von den Mächtigen!) auswuchs. Beste Beispiele zum Beweis sind alle ranghohen Apparatschiks, die selbst zum Opfer des Systems wurden, wenn sie dem Erhalt des ideologischen Systems nicht mehr dienlich waren oder auch nur nicht mehr dienlich schienen (was sie nicht von ihrer Verantwortung befreit!). Ein System, funktionsfähig im Kern nur durch die Anpassung (beinah) aller, die aus subjektiv durchaus verständlichen Motiven, durch die Anpassung aus Angst vor Repressalien selbst Teil des Systems werden. Das nennt Havel zurecht den Zwang zum Leben in der Lüge und stellt dem seine Überlegungen zum Leben in der Wahrheit entgegen – unpolitisch, ohne Waffen, keine Revolution (wiederum im klassischen Wortsinn), sondern einfach nur Wahrheit erkennen und aussprechen – was, wenn immer mehr Menschen in einem post-totalitären System das einfach tun, sich einfach für ein Leben in Wahrheit entscheiden?

Die Weisheit Havels (und mit ihm zeitgleich und in den Jahren danach noch vieler anderer) lag darin zu erkennen, dass eine klassische Revolution nicht nur der Vermeidung von Gewalt wegen nicht wünschenswert wäre, sondern dass sie auch deshalb nicht vielversprechend schien, weil es keine kleine herrschende Klasse gab, die man notfalls eben mit Gewalt zum Teufel jagen konnte und dann wäre das Problem gelöst. Die Lösung lag darin, den Menschen ihr Leben in Lüge bewusst zu machen (womit sie Teil des Systems wurden und es am Leben erhielten, weiter wachsen ließen und es im Grunde sogar legitimierten) und sie zu ermutigen ein Leben in der Wahrheit zu wagen, sich der lächerlichen Scheinwelt zu entziehen, im Grunde wie in Hans Christian Andersens “Des Kaisers neue Kleider“. Und wie wir heute wissen, ist es ähnlich auch passiert. Es gehörte letztlich nicht “viel mehr“ dazu, als ein friedliches Bekenntnis der Massen zur Wahrheit und binnen Wochen zerbrach die Grundlage für ein auf kollektives Selbstbelügen fußendes ideologisches System.

Was Havels Essay heute noch so unerhört wichtig und wertvoll macht (und es daher nur zu wünschen ist, dass möglichst viele Menschen diese Gedanken auch und gerade heute in sich bewegen) ist, wie er selbst auch immer wieder betont, seine Gültigkeit gegen jede Ideologie, die ganze Gesellschaften in ein Leben in Lüge nötigt. Denn so sehr es damals der Kommunismus als Staatsform war, der sich völlig verselbständigt am Wohle der res publica vorbei einwickelt hat und von allen forderte seiner Erhaltung und Verbreitung als reinen Selbstzweck zu dienen, ist es heute ein Ideologie-Amalgam des Konsums, des Permanent-Entertainments, eines immer häufiger entmenschlichten und völlig kritiklosen Fortschrittsglaubens und totaler Ökonomisierung aller Lebensbereiche, Effizienzwahn und ein missionarischer, vermeintlich guter Gesinnungshoheitsanspruch...

Der Kaiser ist nackt, das sehen die meisten, doch sagen es nur wenige (und laborieren derweil lieber an ihrem Burn-out-Syndrom), denn man will ja nicht als Spaßbremse, rückschrittlich gestrig, prüde oder als verantwortungsloser Umweltsünder oder intoleranter Raucher dastehen...
Courage und Aufrichtigkeit gegen sich selbst, das sind heute wie damals die klügsten Mittel gegen post-totalitäre Systeme und Ideologien, nicht blutige, umstürzlerische Revolten oder bedenkliche Parteien mit obskuren Heilsparolen! Oder nach Havel: Einfach ein Leben in Wahrheit, redlich, menschlich, aufrichtig und mit unverbogenem Rückgrat.


A Letter Home
A Letter Home
Wird angeboten von Crawley Music
Preis: EUR 13,65

52 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein schön schräges Experiment oder doch einfach nur zu viel von der falschen Substanz inhaliert?, 24. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: A Letter Home (Audio CD)
Man stelle sich vor, beim Stöbern auf dem Flohmarkt entdeckt man ein noch funktionierendes Grammophon und aus nostalgischem Überschwang kauft man sich das prähistorische Gerät, obwohl man gar keine Schellackplatten besitzt; aber man ist ja auf dem Flohmarkt... Und siehe da, der nächste Entrümplungsfachmann hat in einer ollen Kiste ein paar noch ollere Platten anno 1940 parat, und noch mal gibt man Geld aus...
Zuhause angekommen, alles installiert, legt man erwartungsvoll die erste Platte auf und hört genau das, was man eigentlich auch erwartet hatte, von Platten, die (mal ganz abgesehen von den aufnahmetechnischen Möglichkeiten im Spätmittelalter) inzwischen auch schon mal während der Kriegswirren als notdürftiges Schutzschild vor Granatsplittern herhalten mussten, danach, in den Aufbaujahren, als es für die Nachkriegskinder kaum genug Nahrung, geschweige denn Spielzeug gab, auch mal einen Sommer lang als Frisbee ihren Dienst taten, und in den ausklingenden 60ern dann in einer ungemein alternativen Studentenkneipe mit notorischen Finanzproblemen als hipper Untersetzer für Biergläser und auch Heißgetränke ihren Einsatz fanden, um dann schlussendlich für gut vierzig Jahre auf irgendeinem staubigen Dachboden bei jährlichen Temperaturschwankungen von -20 bis +40 Grad in einem muffigen Karton abzuwarten bis erst der Entrümplungsdienst und dann du auf dem Flohmarkt...

Es knarzt und rumpelt, es leiert und hier und da fehlt auch schon mal ein ganzer Ton; egal! Es ist Nostalgie! Und es ist dir vollkommen schnuppe, ob da nun ein kleiner grüner Kaktus besungen wird oder jemand singend davon berichtet, dass Onkel Bumba aus Kalumba nur die Rumba tanzt... Vor lauter Nebengeräuschen hört man die Musik ohnehin bestenfalls als ferne Ahnung - doch Moment! Da singt doch einer Dylans "Girl from the north country"?! Du wusstest ja, dass der Song alt ist, aber so alt?! Und war Dylan 1940 überhaupt schon geboren? Man lernt nie aus. Und das hier, das klingt doch durch das leiernde Geschnarre hindurch wie "Crazy" von Willie Nelson? Ja gut, doch, das kann sein; der ist schon so alt, der hat ja bei seiner ersten Europatournee in Holland Johannes Heesters entdeckt. Oder nicht? Na egal. "On the road again" - nochmal der gute Willie Nelson; aber das war doch definitiv viel später?! Mmh, wohl doch nicht, naja...
So geht das dann eine Weile, bis einem spätestens bei Springsteens "My hometown" dämmert: hier stimmt irgendwas nicht!

Warum ein Album frisch 2014 aufgenommen so klingt wie oben dargestellt - und es ist wirklich nicht übertrieben! - lässt nur zwei Schlüsse zu: entweder soll das ein Experiment sein und Neil Young wollte beweisen, wie unverwüstlich diese Songs seiner geschätzten Kollegen sind und das ihnen selbst derartig dargeboten die Seele nicht verloren geht, oder aber der Herr Künstler war mächtig bekifft und fand die Idee, mal so eine Aufnahme zu machen, einfach nur total lustig (was man ja beim lieben Neil bekanntlich nach wie vor nicht ausschließen kann). Ein Kuriosum ist es allemal, aber eines, dem es sich zu widmen lohnt.

Wenn man sich nach ausgiebigem Kopfkratzen beim ersten Durchlauf doch nochmal auf die Platte einlässt - entspannt, halb liegend, Kopfhörer auf den Ohren, ein Glas Wein kann auch nicht schaden - dann entwickelt diese Geräuschkulisse, die "A letter home" über die komplette Spielzeit vierzig Minuten lang prägt, tatsächlich einen gewissen Charme. Durch das fortwährend dominierende Schnarren, Knacksen und Rauschen, ist man geradezu gezwungen sich auf die Essenz der Songs zu konzentrieren und erlebt sie so vielleicht intensiver, als man die soundtechnisch unendlich viel sauberen Originale je erlebt und empfunden hat; insbesondere textlich. Abgesehen davon, wirken die konstant recht gleichförmigen Störgeräusche schon beinah mantrahaft meditativ entspannend. Das Klangbild des Albums wird man nicht im klassischen Sinne als schön empfinden können, aber die anfängliche Irritation weicht, wenn man sich Neil Youngs Idee dahinter nicht verschließt.
Aber Vorsicht: das sagt einer, der Neil Young wirklich sehr gerne hat, der ihn nicht zuletzt auch all seiner Kuriositäten wegen liebt und der doch mehr als ein Glas Wein beim Hören von "A letter home" getrunken hat...
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 24, 2014 12:27 PM MEST


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