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Rezensionen verfasst von
Lothar

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Das wohlstrukturierte Mittelalter
Das wohlstrukturierte Mittelalter
von Mario Arndt
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen konstruiertes Konstrukt, 4. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mario Arndt ist in seinem Buch „ Das wohlstrukturierte Mittelalter“ angetreten, um eine neue, die Geschichtswissenschaft - vor allem die Mediävistik - in ihren Grundfesten erschütternde These vorzustellen,nach welcher die Abfolge der Namen der Könige und Kaiser des Hochmittelalters artifiziel angeordnet und „srukturiert“ worden sei. Er selbst formuliert diese These so:

„Die Namen der römisch-deutschen Könige des Hochmittelalters von 911 bis 1313 sind nach folgendem Muster angeordnet: 1.) Konrad, 2.) Heinrich, 3.) Liste beliebiger (und dynastietypischer) Namen, 4. ) Heinrich.“ (S. 19)

Dieses Muster wiederhole sich nach der Meinung des Autors in der genannten Zeit insgesamt viermal. (ebd.) Das von ihm entdeckte Muster können nicht zufällig entstanden sein, da es Regeln und Gesetzmäßigkeiten folge. (S. 10)

Das Buch beginnt mit der Frage, warum der Name „Karl“ in mittelalterlichen Adelshäusern so unbeliebt gewesen sei, da man ihn entgegen der Erwartung des Autors zu selten als Herrschernamen im Verlauf des von ihm betrachteten Zeitraumes finde. Doch schon hier macht Marion Arndt seine persönliche Ansicht und Erwartung zur Grundlage für seine Argumentation (S. 13ff). Die Tatsache, dass man einen Herrscher auch ehren kann, ohne seinen Namen den eigenen Kindern zu geben, etwa in dem man sich auf ihn als Vorfahren beruft, was mehrfach geschehen ist, lässt er unberücksichtigt. Hinzu kommt, dass in den Herrscherfamilien des Hochmittelalters andere Namen als Leitnamen bevorzugt wurden. Diese namen hatten oftmals lange Tradition in den jeweiligen Familien, die bereits begründet wurden, als man noch nicht zur Königsherrschaft aufgestiegen war. Die Namen hatten damit eine tiefe Wurzel, die auch nicht durch die Verehrung des großen Karl nicht beseitigt werden konnte. Weiterhin ist beachtenswert, dass – wie Jürgen Udolph festgestellt hat- der Name Karl seine Wurzeln im gallo-römischen Heimatgebiet der Karolinger hat und deshalb außerhalb desselben nicht gebräuchlich war. Folglich ist Arndts Namensbeobachtung nicht falsch, sie lässt sich aber leicht erklären.
Darüber hinaus beziehen sich die vom Autor referierten Erkenntnisse zur Namenswahl im Mittelalter nicht explizit auf die Namensgebung innerhalb von Herrscherdynastien, sondern auf die Gesamtbevölkerung, weshalb es undurchschaubar bleibt, wie diese Erkenntnisse die These des Autors stützen sollen. Der Leser wird am Ende dieses Kapitels mit der Frage: „Gibt es eine Erklärung für dieses Phänomen?“ (S. 16) auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet, obwohl die Antwort schon hier eindeutig „ja“ lauten muss. Die beschriebenen Namensvorlieben erklären sich schlicht durch die Leitnamentradition der einzelnen Herrscherhäuser, die lange vor deren Aufstieg zur Herrschaft begonnen hatte und letztlich die Kontinuität und damit den folgenden Herrschaftsanspruch der Familien belegen und beanspruchen sollte. Die Ansicht des Autors, dass der Name Karl dennoch viel häufiger hätte vorkommen müssen, basiert somit letztlich allein auf seiner subjektiven Ansicht, womit diese an dieser Stelle erstmalig zu Grundlage für seine pauschalen Zweifel an der Geschichte des Mittelalters gemacht wird.

Nachdem diese Ausführungen gleichsam als Vorspiel abgehandelt wurden, kommt das Buch zu seinem eigentlichen Thema, was das folgende Kapitel durch seine Überschrift „Das wohlstrukturierte Mittelalter“ ankündigt. Es beginnt mit einer „Vorüberlegung“, in welcher der Autor noch einmal ausführt, dass man wohl nicht damit rechnen würde, dass „die aufeinander folgenden Regenten eines Landes (...) nach einem bestimmten Muster angeordnet [seien]“ (S. 17). Als Beispiel führt er die Herrscherliste der Könige von Großbritannien von 1707 bis heute an. In dieser erkennt er kein Muster, obwohl man mit etwas Phantasie such dort eines erkennen könnte, steht doch an zweiter und vorletzter Stelle jeweils ein Georg, die eine Reihe von beliebigen Namen einrahmen und selber durch jeweils eine Königin (Anne und Elisabeth) eingerahmt werden.
Danach versucht der Autor die „Regelmäßigkeiten“, die man in Herrscherlisten finden könne, genauer zu differenzieren. So erklärt er am Beispiel der Könige von Dänemark, die von 1513 bis 1972 abwechselnd Christian oder Friedrich hießen, dass solche Regelmäßigkeiten durch das Prinzip der Leitnamen und „bewußten Nachbenennungen“ erklärt werden könnten und daher nicht Gegenstand seiner Untersuchung sein könnten. Warum er aber diese viel größere Regelmäßigkeit mit Leitnamen erklären will, die deutlich geringere Regelmäßigkeit bei den Herrschern des Mittelalters aber nicht, bleibt an dieser Stelle unerklärt. Allein der Hinweis darauf, dass diese „einfacher“ seien wird gegeben. (S. 18) Vielmehr liegt also auch hier allein seine persönliche und willkürliche Entscheidung zu Grunde, in dem einen eine Abfolge von Leitnamen zu sehen, in dem anderen aber eine nachträgliche Konstruktion, denn ab wann eine solche Abfolge nicht mehr „einfach“ genug ist, wird vom Autor hier nicht erörtert oder begründet.

Dann wendet sich Mario Arndt seinem eigentlichen Gegenstand zu, der Abfolge der Namen im von ihm definierten „System der Königsnamen von 911 bis 1313“. (S. 19) Ein Satz, der ziemlich am Begin dieses Abschnitts steht, mach hellhörig. Er lautet: „Das wohlstrukturierte System der Reihenfolge aller Könige, geordnet nach Krönungs- bzw. Wahljahr [....]“ . Spätestens hier ist die Anordnung der einzelnen Namen innerhalb des vom Autor definierten Muster nicht mehr objektiv nachvollziehbar, da er nicht erläutert oder gar nachvollziehbar begründet, wann er welches Datum –Wahl oder Krönung – als Ordnungskriterium nutzt. Unter wissenschaftlichen Bedingungen wäre das, oder aber die ausnahmslose Festlegung auf ein Datum als methodische Grundlage unverzichtbar. Bei einer einheitlichen Festlegung aber, so lässt sich leicht erkennen, wäre das vom Autor entdeckte Muster:

Konrad I.
Heinrich I.
Otto I. – III.
Heinrich II.

Konrad II.
Heinrich III.
Heinrich IV.
Konrad (III.)
Rudolf von Rheinfelden
Hermann von Salm
Heinrich V.

(Lothar III.)

Konrad III.
Heinrich (VI.)
Friedrich I.
Heinrich VI.
Philipp von Schwaben
Otto IV.
Friedrich II.
Heinrich (VII.)

Konrad IV.
Heinrich Raspe
Wilhelmvon Holland
Richard von Cornwall
Alfons von Kastilien
Rudolf I.
Adolf von Nassau
Albrecht I.
Heinrich VII.

(S. 20)

nicht mehr vorhanden. Und so fallen weitere Willkürlichkeiten in seiner Aufstellung auf: Mit Friedrich II. habe wir einen König, dessen erste Wahl vor der seines Onkels Philipp von Schwaben und der Ottos IV. stattfand. Mario Arndt ordnet ihn aber hinter den beiden ein –was durchaus möglich ist - begründet wird diese Entscheidung aber nicht. Mit Konrad (III.) und Heinrich (VII.) führt er dann Könige in seinem Muster auf, die von der Wissenschaft – und wohl auch von ihren Zeitgenossen – nicht oder nur eingeschränkt zur offiziellen Liste der Herrscher gezählt werden, was man schon daraus erkennt, dass ihre Ordnungszahlen eingeklammert sind, sie also in der Abfolge nicht mitgezählt werden. (Beide hatten das Pech, wieder abgesetzt zu werden und noch vor dem Antritt ihrer alleinigen Herrschaft zu sterben.) Und vor allem bei Heinrich (VII.) drängt sich der Verdacht auf, dass dieser – obwohl er kein offiziell gezählter Herrscher ist – in dem „Muster“ an der nämlichen Stelle auftaucht, weil das Muster ohne ihn an dieser Stelle nicht mehr stimmen würde. Auch bei Konrad IV. und Heinrich Raspe stoßen wir auf diesen Verdacht, denn beide wurde zwar gewählt, jedoch nicht gekrönt. Um diese beiden dennoch in seinem System unterbringen zu können, musste der Autor also auf ihr jeweiliges Wahldatum zurückgreifen, da ohne sie das Muster nicht stimmen würde. Und auch hier wird nicht erklärt oder gar nachvollziehbar begründet, warum Wahl und Krönung faktisch gleichgesetzt werden (S. 20), zumal die Krönung ein wesentlicher Teil der Königserhebung war. Auch die aufgeführten Könige Rudolf und Hermann sind problematisch, da diese nur „Gegenkönige“ waren und nicht als vollgültige Herrscher gezählt werden. Die auf Seite 21 zu findende Aussage, die Differenz der Anzahl der Könige nähme von Abschnitt zu Abschnitt jeweils um eins zu, wird damit ebenfalls anzweifelbar, da sie nur durch die undifferenzierte Subsummierung Rudolfs und Hermanns unter die Reihe der Könige möglich wird. Weiterhin muss man fragen, warum mit Konrad III. ein ebensolcher Gegenkönig nicht separat in der Liste auftaucht. Denn bevor Konrad III. regulärer König wurde, war er von einer Fürstenopposition zur Regierungszeit Lothars zum Gegenkönig gewählt worden. Deses gegenkönigtum müsste Mario Arndt folglich separat in seine Liste aufnehmen, zumal Korads Gegenkönigtum nicht direkt in sein reguläres Königtum überging. Auf die separate Nennung und Einbeziehung zu verzichten, nur weil es sich dabei um die selbe Person handelt, ist daher nicht konsequent und methodisch unzulässig.

Beim Übergang vom dritten zum vierten „Abschnitt“ des postulierten Systhems, muss Mario Arndt erneut einen Kunstgriff anwenden, damit das „Muster“ erhalten bleibt. Er muss erklären, warum der dritte Abschnitt nicht, wie das Muster eigentlich erfordert, mit einem Heinrich endet, sondern mit einem Friedrich. Eine Begründung nennt er aber nicht, sondern er stellt lakonisch fest, dass Heinrich (VII.) halt vor seinem Vater Friedrich gestorben sei und dieser daher am Ende stehe. (S. 21)
Die Sonderstellung Lothars III., des einzigen Königs, der nicht dynastiebildend war, muss Arndt zwar einräumen, erklärt aber, dass dieser genau in der Mitte stehe und daher auch zum Muster gehöre. Warum das so ist, verrät der Autor aber nicht. (S. 22 u. 29)

Im Anschluss versucht Mario Arndt dann, das System über die Zeitgrenzen von 911 bis 1313 auszudehnen, um seiner Entdeckung weiteres Gewicht zu verleihen. So stellt er fest, dass der letzte König vor dem System ein Ludwig IV. war und ebenso der direkt daran anschließende ein Ludwig IV. Weitere Gemeinsamkeiten stellt er fest. So waren beide Herzöge von Bayern, beide stammten aus Oberbayer und die offiziellen Geburtsorte lagen nur 90 Km auseinander. Aber was will er damit belegen? Genau erfahren wir das nicht, zumal die letztgenannte „Gemeinsamkeit“ ja eigentlich gar keine ist, da es sich eben nicht um den selben Ort handelt. Hier müsste der Autor zumindest erklären, ab wie vielen Kilometern Entfernung er keine „Gemeinsamkeit“ mehr erkennen würde. (S. 22) Ganz zu schweigen davon, dass die vielen Unterschiede zwischen den Personen unberücksichtigt und ebenso unerklärt bleiben.

Anschließend erkennt der Autor in der Struktur der Königsnamen eine Widerspiegelung der „Stammesherzogtümer“ (wobei er nicht mitteilt, welches Stammesherzogtum er dabei betrachtet, also das ältere oder das jüngere), worin er einen weiteren Beleg für seine These sehen will. Die Tatsache aber, dass die Herzöge zu den mächtigsten Fürsten des Reiches gehörten und folglich es nicht überraschen dürfte, dass die Königsnachfolge aus ihren Reihen erfolgte, wenn ein amtierender König keinen dynastischen Nachfolger hinterlassen hatte, oder die Fürsten nach einem neuen Herrscher suchten, bleibt unberücksichtig.

Danach führt Mario Arndt weiter aus, dass sich das System auch vor 911, bis 768 fortsetzen lasse, wenn auch mit anderen Namen: Statt Konrad stehe nun Karl und die Rolle des Heinrich habe in diesem Abschnitt der Name Ludwig eingenommen. So sei der vor 911 gelegene Abschnitt mit einem Karl begonnen worden, an zweiter und letzter Stelle stünde jeweils ein Ludwig. Auch hier muss er einen Kunstgriff anwenden, um diese Behauptung zu belegen. Denn im Jahre 876 übernahm nicht etwa ein Karl die Herrschaft, sondern ein Karlmann, was Arndt nicht abstreitet, aber im Namen Karlmann einfach den Karl fett schreibt und somit aus Karlmann der benötigte Karl wird. Überhaupt macht ihm der Namen Karlmann Schwierigkeiten, da zwei weitere Karlmanns auftauchen, einer davon in der Herrscherliste. Gemeint sind einmal der Bruder Pippins des Kleinen und dann noch Karlmann, der Bruder Karls des Großen, der gemeinsam mit ihm die Herrschaft im entsprechend geteilten Frankenreich antrat. Auch Karls des Großen Sohn Karlmann, der dann als Pippin König von Italien wurde, aber vor seinem Vater starb, will nicht so recht ins Muster passen. Mario Arndt quittiert diesen Umstand mit folgenden Worten: „Wir lassen daher die seltsamen Brüder Karls des Großen und Pippins des Kleinen namens ‚Karlmann‘ außen vor.“ (S. 29) Es zeigt sich also, dass der Autor die Herrscher, die er in seinem System unterbringen muss oder will, recht selektiv gewinnt. Mit Karlmann / Pippin lässt er einen König „außen vor“, Heinrich (VII.) nimmt er aber mit hinein, obwohl beide von ihren regierenden Vätern als Könige über einen Reichsteil (Italien, bzw. Deutschland) eingesetzt worden waren und beide vor ihren Vätern starben. Warum also die unterschiedliche Behandlung der beiden? Erneut drängt sich der Verdacht der Willkür auf, denn Heinrich (VII.) passt in des postulierte System (wenn auch nicht 100%ig), wohingegen ein Karlmann das System stört, da an seiner Stelle ja ein Ludwig stehen muss. (S. 27ff.) Immerhin versucht er in diesem Zusammenhang eine methodische Definition, wenn er anmerkt, dass die fränkischen Könige vor dem Vertrag von Verdun immer nur regional begrenzte Herrschaftgebiete hatten, weshalb immer die „Person des Kaisers“ genommen werden müsse, da dieser ja die Herrschaft über das Gesamtreich beansprucht hätte, was unter den Königen des hohen Mittelalters ja auch nicht anders gewesen sei. Dies sei daher die „einzig sinnvolle Vorgehensweise“, richtig möchte man ergänzen, denn sonst stimmte ja das System nicht mehr. (S. 27) Allerdings drängt sich nun die Frage auf, woran Mario Arndt einen auf das Gesamtreich bezogenen Herrschaftsanspruch Heinrich (VII.) festmachen möchte.

Auch den zeitlichen Rahmen der Entstehung des Systems – denn auf einen bewussten Schöpfungsakt durch bisher nicht näher genannte Verschwörer läuft seine These ja zwangsläufig hinaus – versucht er einzugrenzen. So habe vor Karl dem Großen schließlich ein „Pippin der Kleine“ geherrscht, nach 1493 aber ein Maximilian der I. Und wie es das System erfordere, wäre vor beiden ein Karl zu finden, nämlich Karl Martell und Karl V. Maxilimian – der Größte – sei also als Antonym zu dem kleinen Pippin zu sehen, was nahelege, dass das System während der Herrschaft Karls V. entstanden, oder zumindest erweitert worden sei. (S. 29). Beide Erklärungen können freilich nicht überzeugen, zumal es keinerlei Belege für derartige Annahmen gibt. Die folgenden Seiten enthalten dann den Versuch, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, mit welcher die vom Autor postulierte Systematik durch Zufall entstanden sein kann und präsentieren schließlich als Ergebnis, dass diese Wahrscheinlichkeit unter 0,005% liege.(S. 32) Die Richtigkeit dieser Berechnungen mögen Mathematiker prüfen. Unabhängig davon konnte aber bis her schon gezeigt werden, dass diese Rechnung nur durch die vielen bereits genannten Unschärfen und unterbliebenen Differenzierungen überhaupt möglich werden.

Im folgenden Abschnitt weitet Mario Arndt seine These auf das übrige Europa aus und gerät dabei in eine regelrechte Systematisierungswut, weshalb er feststellt, dass sich ähnliche Strukturen in allen relevanten europäischen Ländern nachweisen ließen. Diese nun so eingehend zu betrachten, wie die bis hier her besprochenen Kapitel des Buches würde zu weit führen. Es sei aber gesagt, dass die weiteren Systeme, die der Autor festgestellt haben will, nicht überzeugender sind, als die hier erörterten. Zwei Beispiele dafür: in Dänemark stellt Mario Arndt fest, dass es drei Blöcke mit jeweils acht Königen gäbe in „denen wie üblich der erste und der letzte Name identisch“ sei. Möglich wird dieses System aber nur, wenn er Waldemar I. und Knut I. als Könige „außer der Reihe“ bezeichnet, wobei völlig unerklärt bleibt, weshalb es in Systemen denn Stellen gibt, die nicht ins System passen. Also drängt sich der altbekannte Verdacht des selektiven Zuordnens erneut auf und man fragt sich, ob dem Autor das nicht auch aufgefallen sein mag. Auch für Schottland muss er einen König, Edgar, als „unregelmäßig“ betrachten, ohne dabei auf den Gedanken zu kommen, dass sich diese „Unregelmäßigkeiten“, die ja eigentlich ein klarer Beweis gegen ein System sind, nur daraus ergeben, dass die von ihm erkannten Systeme nicht existieren. Interessant ist weiterhin, dass Arndt das Königreich Sizilien in seinen Ausführungen nicht berücksichtigt. Die Antwort könnte darin liegen, dass man dort kein „Muster“ finden kann, was dann die Frage provoziert, warum das so sei. Hat man das Königreich Sizilien etwa bei der Konstruktion der vielen Systeme übersehen? Oder ist es nicht eher ein Beleg gegen die von Mario Arndt erkannten „Systeme“?

Die nun folgenden Kapitel des Buches können aus Gründen der Zeitökonomie nur noch kursorisch besprochen werden, was jedoch einem Gesamturteil nicht im Wege steht. Mario Arndt wendet sich nun nach Osten und betrachtet das byzantinische Kaiserreich, wobei er einen „Konstantinopel-Code“ entdeckt. (S. 67 ff.) Wie dies genau geschieht, kann hier nicht dargestellt werden, da es den Rahmen einer Rezension bei Weitem sprengen würde. Nur soviel, er kommt zu dem Ergebnis, dass durch den Code „in der Anzahl der Kaiser Jahreszahlen verschlüsselt“ seien, die eine „Zeitlücke“ von 700 Jahren gewärtigen. (S.79 u. 84) Und so folgen Überlegungen, ob 700 Jahre in der Geschichte erfunden seien. (S. 84 ff.) Dabei stellt Mario Arndt fest, dass eine solche Lücke mit den Eckdaten der Phantomzeitthese nach Illig kompatiebel sei. Einen weitere Beleg für die angeblich fehlenden 700 Jahre findet Mario Arndt u.a. in einem Buch des Historikers G. Bois mit dem Titel „Umbruch im Jahr 1000“. (S. 86) In diesem Buch stellt Bois u.a. die These auf, dass sich die Bedeutung des lateinischen Begriffs „Servus“ eine Verschiebung nicht bereits seit dem 3. Jh. weg von der Bedeutung „Sklave“, hin zu der Bedeutung „Knecht“ erfahren habe, die dann in karolingischer Zeit bereits abgeschlossen gewesen sei, sondern erst im 10. Jh. Für Mario Arndt ist dies von großem Interesse, da er somit feststellen kann, dass sich „bei einer Verschiebung des Beginns unserer Zeitrechnung um 700 Jahre der Befund von Bois in Übereinstimmung mit der bisherigen Forschung“ befinde, was man wohl als einen Beweis für seine „Lückentheorie“ ansehen soll. Der Autor übersieht dabei aber, dass bereits 2008 Franz Irsigler Bois These von einer späten Bedeutungsverschiebung des Begriffs „Servus“ schlüssig widerlegt hat. Des Weiteren lasse sich durch die Lücke von 700 Jahren, so der Autor weiter, die Besetzung der iberischen Halbinsel durch die Araber, die „von der offiziellen Geschichte sowieso nicht überzeugend erklärt werden“ besser verstehen und ebenso sei die „seltsame These“ ein Goten genanntes Volk habe Osteuropa verlassen, damit die Slaven nachrücken konnten, „dann nicht mehr nötig“. Fast ist es überflüssig zu erwähnen, das Mario Arndt hier seine subjektive Ansichten („nicht überzeugend“, „seltsame These“) bezüglich der genannten Erkenntnisse der „offiziellen Geschichte“ zur Grundlage seiner Argumentation macht. (S.88 f.)

In den folgenden Kapitel trägt der Autor weitere vermeintliche Indizien für seine Thesen zusammen, wobei er dann aber den Boden der realen Tatsachen endgültig verlässt und sich auf das Feld der Esoterik begibt, etwa, wenn er im weiteren Verlauf seines Buches u.a. durch vielfältige Berechnungen dazu kommt, dass das Jahr 1529 „in der offiziellen Geschichte von großer Bedeutung“ sei und in der Folge dieser Erkenntnis dann auch noch Nostradamus und Scaliger bemüht. (S. 135f.) Auch den antiken Osterstreit meint er mithilfe seiner Thesen und Berechnungen klären zu können. (S. 92 ff.) Dass er dann auch noch einen „800 Jahres-Takt in der Geschichte“ erkannt haben will, wozu er auf viele, seiner Meinung nach erkennbare, „Verdoppelungen“ von Personen und Ereignissen verweist, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Aber auch hier muss man feststellen, dass die vielen Unterschiede zwischen den angeführten Personen und Ereignissen dabei unberücksichtigt bleiben. Das Erkennen von „Verdoppelungen“ ist hingegen ein gern betriebener Sport bei den sogn. Chronologiekritikern, welcher jedoch ohne jede wissenschaftliche Relevanz ist.

Werfen wir noch einen Blick auf das Literaturverzeichnis. Dass der Umgang mit der Literatur nicht immer ganz auf der Höhe der zeit ist, konnte schon am beispiel G. Bois gezeigt werden. Auch der Umgang mit der weiteren, zitierten Literatur ist eher naiv zu nennen. So drängt sich ein weiterer Verdacht auf, nämlich der, dass Mario Anrdt alles, was seiner These zu entsprechen scheint, unkritisch und unhinterfragt übernimmt. Etwa werden die Werke von Illig, Heinsohn, Kammeir und Faußner bemüht, ohne zu bemerken, dass diese alle von der Wissenschaft lange widerlegt sind. So wundert es nicht, dass im Literaturverzeichnis noch fragwürdigere Titel und Autoren genannt und in der Arbeit auch zitiert werden. Etwa Werke von Gernot L. Geise, Carotta, Pfister, Topper oder Fomenko. Wenn Mario Arndt diese Autoren zitiert, dann gleitet seine Argumentation ganz in die unwissenschaftlich-esoterische Welt der Chronologiekritik ab, die in einem geschlossenen Zirkel ihre Autoren und deren Thesen völlig unkritisch feiert und alle kritischen Äußerungen und die durchaus aufzufindenden Widerlegungen wissentlich ignoriert.

So bleiben einige Fragen am Schluß dieser Besprechung. Etwa die nach den Quellen, die – nach der These zwangsläufig – in weiten Teilen ge- oder verfälscht worden sein müssen. Spuren davon lassen sich aber in den Quellen nicht finden. Wer hat wann diese Ver-Fälschungen vorgenommen und zu welchem Zweck eigentlich? Wozu diente die künstliche „Strukturierung“ der Geschichte? Um wem diente sie? Wer erfand all die Ereignisse und wie gelang es die Modifikation an den Originalen auch aus der zweiten und dritten Reihe, etwa den Urkunden der Kirchen, Klöster und Stifte vorzunehmen, oder bei denen aus dem Bereich der Privaturkunden, von denen keine der „offiziellen Geschichte“ widerspricht? Wo sind positive Belege für die These, woher kommen die archäologischen Funde? Wer fälschte die Grabtafeln der Salier, die in den Sarkophagen im Dom zu Speyer gefunden wurden und die teilweise die Lebensdaten der Bestatteten Personen angeben und zwar in Übereinstimmung mit den Quellen, u.s.f.?

Mario Arndt Buch darf wohl eine Fleißarbeit genannt werden, mit der sich der Autor einige Zeit abgemüht haben dürfte. Seine Ergebnisse aber sind – wie gezeigt werden konnte – fern jeglicher wissenschaftlicher Relevanz und Methodik.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 15, 2015 2:56 AM CET


Karl der Große: Gewalt und Glaube
Karl der Große: Gewalt und Glaube
von Johannes Fried
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Standardwerk, 16. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Karlsbiographie – die eigentlich keine ist – von Johannes Fried ist ein echtes Leseereignis. Warum ist es keine Biographie im eigentlichen Sinne? Weil Fried gleich zu Beginn klarstellt, dass man sich der Person Karls wenn dann nur auf fiktionaler Ebene nähern kann, da Zeugnisse seiner Selbst annähernd nicht überliefert sind. Aussagen über das Denken und Fühlen des großen Karls sind also nur auf dem Umweg über die sonstigen Quellen und damit bestenFalls indirekt möglich.

Fried folgt Karl nicht chronologisch, sondern in Kapiteln zu bestimmten Fragen, wie Kirche, Wirtschaft, Krieg, Hof, Kultur und gegenwärtiger Bedeutung. Dabei gelangt er zu der Erkenntnis, dass Karl vor allem ein Getriebener war, der alles richtig machen und den Menschen unter seiner Herrschaft Frieden und Auskommen sichern wollte. Nicht zu trennen sind alle seine Regierungshandlungen von seinem tiefen Verwurzeltsein im christlichen Glauben, so, wie man ihn seinerzeit verstand. So sah er sich als den vor Gott letztendlich für das gesamte Frankenreich Verantwortlichen, der auch die Taten seiner Untertanen würde rechtfertigen müssen. Ausdruck findet das u.a. in seinem Bemühen um die Kontrolle über die Kirche und seine Sorge um die rechte Lehre, denn nach dem Urteil seiner Zeit, war das Heil der Menschen im Diesseits wie im Jenseits auch von der korrekten Ausübung des Ritus sowie der Tradition der ursprüglichen Leere in erheblichem Maß abhängig. Somit beanspruchte er die alleinige Leitung von Reich und Kirche, wobei die Päpste zwar in hoher Würde standen, sich letztlich aber seiner Weisung fügen sollten.

Den Weg hin zur korrekten Lehre, zum vorgeschriebenen Ritus und zur effizienten und gerechten Führung des Reiches sah er in der seit der Antike vernachlässigten Wissenschaft und Bildung, die er aus diesem Grund förderte, wo immer er konnte und gleichzeitig das Kopieren von Büchern und Schriften in den Klöstern forcieren und Schulen nicht nur für angehende Kleriker einrichten ließ.

Auch die hohe Zahl an Kapitularien, die das Leben der Menschen regeln und vor allem für Gerechtigkeit und Frieden sorgen sollten, sind vor diesem Hintergrund zu sehen. Die Tatsache aber, dass immer wieder neue Kapitularien erlassen werden mussten, belegt, dass es mit der praktischen Umsetzung derselben eher haperte. Karls Versuch die Durchsetzung seiner Gesetze – wobei auch Stammesrechte berücksichtigt wurden – durch Grafen, die darüber in ihren Grafschaften wachen sollten und deren Kontrolle durch die „Missi“, zu gewährleisten, waren ebenso nur von minderem Erfolg. Dies vor allem, weil sich der Adel nur unzureichend an die neuen Gesetzte gebunden sah, statt dessen immer noch Familienstrukturen und –Interessen im Fordergrund standen.

Besonders dem alternden Kaiser sind diese Mängel immer wieder bewusst geworden, da sich die Zahl der Kapitularien gegen Ende von Karls Herrschaft enorm angewachsen ist. Selbst sein Versuch seine Nachfolge verbindlich zu regeln misslang, da sich Karls Sohn Ludwig, nicht an die auf Verlangen seines Vaters geleisteten Eide hielt. Karl hatte als Erben des Königreichs Italien seinen Enkel Bernhard vorgesehen, der dort seit dem Ableben seines Vaters geherrscht hatte. Dessen Herrschaft zu respektieren und unangetastet zu lassen, hatte Ludwig schwören müssen. Aber bereits kurz nach 814 setzte Ludwig seinen Neffen ab, ließ ihn blenden und in ein Kloster internieren. Genau das hatte Karl verhindern wollen, obwohl er selber bei der Beseitigung seiner Neffen am Beginn seiner Herrschaft nicht weniger zimperlich gewesen war.

Und so stellt Fried Karl den Großen – kurz gesagt - als einen Mann mit tiefem Glauben dar, der sich selbst in der obersten Verantwortung nicht nur für sein eigenen Tun sondern auch für das aller seiner Untertanen sah, der aber weder seinen Anspruch auf absolute Herrschaft über Kirche und Reich, noch seine dazu erlassenen Gesetzte nachhaltig durchsetzen konnte und somit schlussendlich als ein Gescheiterter gesehen werden müsse.

Frieds Buch ist von mitreißender Sprachgewalt, nicht nur inhaltlich ein Meilenstein, sondern auch literarisch gelungen. Die Quellen werden ausführlich gewürdigt, ohne dabei jedoch in den rein wissenschaftlichen Gestus zu verfallen, oder gar langweilig zu werden. Der Überblick, den man so über die dichte Quellenlage gewinnt, ist also ohne große Mühe erreicht, was in vielen anderen Werken nicht möglich ist. Ausführliche Anmerkungen und Nachweise aus Quellen und Literatur runden das Buch ab. Somit darf es wohl als ein kommendes Standardwerk zum Thema für viele Jahre gesehen werden.


Hätte man Verstand, brauchte man keine Götter: Religionskritik in Zitaten
Hätte man Verstand, brauchte man keine Götter: Religionskritik in Zitaten
von Klaus Huber
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

4 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen anachronistische Religionsauffassung, 12. März 2014
Gleich vorne weg sei der Fairness halber angemerkt, dass ich nur das Vorwrot gelesen (daher fünf Sterne, da ich nicht vorschnell schlecht bewerten möchte) habe, aber dieses regt mich doch zu einigen Einwänden an:

Wenn der Autor dort schreibt, dass die Religion der Wissenschaft immer "Knüppel zwischen die Beine geworfen" hätte, so ist das eine zutiefst gegenwärtige Sicht, die jegliche historische und vor allem kritische Distanz vermissen lässt. Zu Zeiten des ebenfalls erwähnten Giordano Brunos (der übrigens selber kein Atheist war) handelten die menschen so,wie es ihnen ihre Lebensrealität vorgab. Und in dieser war die Welt ohne einen Gott nicht zu erklären. Auch der intendierte Vorwur, "die Kirche" habe aus Machtkalkül gehandelt und das Volk wider besseres Wissen unterdrückt, ist schlicht Unsinn. Warum fällt es heutigen Menschen so schwer anzuerkennen, dass auch Priester, Bischöfe und Päpste so handelten, wie sie es zum Erhalt der Welt und der göttlichen Ordnung, von der man annahm,dass sie für das Geschick der Welt und der Menscheit maßgeblich sei, für notwendig hielten? Dass dabei nicht Machterhalt oder Besitzgier im Fordergrund standen?

Wenn der Autor dieses Verhalten als "grenzenlose Dummheit und Ignoranz" bezeichnet, dann offenbart er einzig, dass er selber mit eben der vorgeworfenen Ignoranz über die Menschen vergangener Epochen urteilt. Vor allem, weil er seine eigene Lebensrealität dabei als Maßstab ansetzt. Damit verstrickt er sich gewaltig im Anachronismus. So wird man aber den Menschen der vergangenen Epochen nicht gerecht und verurteilen oder diskreditieren kann man sie damit schon gleich gar nicht.

Dass es ihm frei steht, seine Meinung zu äußern, steht außer Frage. Dies sei hier extra - wenn auch eigentlich unnötig - betont, da er sich dazu veranlasst fühlte, allen, die sich "angegriffen fühlen" könnten, nahezulegen, ihr "Verhältnis zu Toleranz und Meinungsvielfalt einer kritischen Prüfung [zu]unterziehen". Da möchte man ihm aber auch empfehlen, eine solche Prüfung bei seinem eigenen Verständis von heutiger Religion durchzuführen und dieser nicht ungerechtfertigte Anachronismen zu unterstellen. Leider resultiert eine solche Ansicht auch aus der Lektüre von Autoren wie Dawkins oder Schmidt-Salomon, deren Religionskritik am Kern aufgeklärter Religionen zielsicher vorbeigeht und als solche kaum qualifiziert ist.

Und so ist auch die Schlussbemerkung des Autors, mit der er sein Vorwort beendet, von dem nun mehrfach diagnostizierten Anachronismus geprägt, denn Religion - zumindest der Katholizismus - verhindert weder Denken, noch Fortschritt, noch Humanismus.

Denn ich persönlich bin ein klar denkender, den Fortschritt begüßender Humanist.
Kommentar Kommentare (36) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 22, 2014 4:37 PM MEST


Franziskus - Zeichen der Hoffnung: Vom Erbe Benedikts XVI. zur Revolution im Vatikan
Franziskus - Zeichen der Hoffnung: Vom Erbe Benedikts XVI. zur Revolution im Vatikan
von Andreas Englisch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

20 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Antizipierende Lobhudelei, 21. Mai 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
ist dieses Buch von Andreas Englisch in erster Linie. Und zwar auf den neuen Papst Franziskus. Viele der eher disparat wirkenden Kapitel sind ihm und seinen Vorzügen, seiner Lebensleistung und der Aussicht auf Reformen - was auch immer darunter verstanden werden soll - gewidmet. Dabei werden immer wieder Kapitel zwischen geschoben, die Benedikt XVI. als "schwachen Papst" postulieren, der sich von der Kurie habe gängeln lassen, sich aus der Politik heraus gehalten habe und politisch unfähig gewesen (S. 55, 66) und überhaupt viel zu sehr Gelehrter gewesen sei, der die Aufgaben eines Papstes nur widerwillig übernommen habe und überhaupt am liebsten gar nicht Papst geworden wäre. (kleine Anmerkung am Rande: wäre dem wirklich so gewesen, hätte Joseph Ratzinger sicherlich einen Weg gefunden, nicht gewählt zu werden.) Auch die oftmals prächtige Inszenierung Benedikts wird kritisiert, den seine Zeremonienmeister schon zu geringeren Kirchenfesten in "prächtige Gewänder" gesteckt und mit "Umhängen" versehen hätten, die schon zu Zeiten des Kirchenstaates vor 100 Jahren genäht worden wären. (Offen bleibt dabei, was Andreas Englisch da eigentlich genau meint, denn "Umhänge" trägt ein katholischer Priester während des Gottesdienstes nicht. Er trägt in der Messe zu Albe und Stola ein Messgewand (Kasel), oder bei nicht eucharistischen Gottesdiensten zu Albe und Stola oder zur Chorkleidung ein Pluviale. Und der Seidenstoff, den Priester zur Soutane tragen, ist nicht etwa eine "Schärpe" (276), sondern ein Zingulum.)

Dem kontrastiert wird immer wieder die Bescheidenheit des neuen Papstes Franziskus, der immer noch sein eisernes Brustkreuz trage, während das des emiritierten Papstes immer noch deutlich prächtiger sei (277). Andreas Englisch übersieht dabei aber, dass die von ihm gescholtene Prachtentfaltung innerhalb der katholischen Liturgie nicht etwa dazu dient, "die Kirche zu feiern", wie er suggeriert, sondern Ausdruck der Verehrung Gottes ist und in erster Linie für IHN gepflegt wird. Und die Bescheidenheit Jorge Bergoglios mag diesen auszeichnen, für einen Papst ist sie aber manchmal fehl am Platze, da der Papst nicht mehr nur seine Person verkörpert, sondern auch im höchsten Amt steht, dass die katholische Kirche kennt. Und dieses Amt hat Traditionen, die seine besondere Würde auszeichnen. Und diese zeigt sich eben auch darin, dass allein der Papst sein Pektoral an einer goldenen Kordel tragen darf und dass er im Gottesdienst ein angemessenes Gewand trägt. Und Josef Ratzinger war in liturgischen Dingen schon immer ein Freund der Tradition (sein Buch Der Geist der Liturgie" belegt das). Er hat die prächtigen Auftritte daher wohl kaum um seiner selbst Willen gezeigt, sondern im Gedenken an diese Tradition. Und wie gesagt, geht es in dieser Tradition nicht um die Verherrlichung einer Person, sondern um die des HERRN.

Wirklich unfassbar wird es, wenn Andreas Englisch behauptet, der Gott Bergoglios sei ein anderer Gott als der Ratzingers. Hier ist ein Zitat aus dem letzten Kapitel angebracht. Dort (284) schreibt Andreas Englisch folgendes: "Er sagte, [Papst Benedikt bei der Seligsprechung Clemens August Graf von Galens] dass Graf von Galen ,Gott mehr fürchtete als die Menschen`, und deshalb sei er so mutig gegenüber den Nationalsozialisten aufgetreten. Mussten die Menschen so viel Furcht vor einem Gott haben, weil er noch Furchtbareres androhte als die Nationalsozialisten? Der Gott des Jorge Mario Bergoglio war ein ganz anderer Gott, ein Gott der Liebe". So viel Unsinn in zwei Sätzen hat man lange nicht gelesen! Andreas Englisch versteht den Begriff der Gottesfurcht" dermaßen falsch, dass man sich nur noch wundern kann. Und den Titel der ersten Enzyklika Papst Benedikts ("Deus Caritas Est")hat er wie es scheint vergessen, ebenso deren Inhalt und auch die Jesus-Bücher des Papstes Emeritus hat er offensichtlich nicht gelesen - obwohl man sich das kaum vorstellen kann.

Kritik am neuen Papst wird nicht geübt. So wird seine strikte Ablehnung der Homo-Ehe zwar erwähnt (274), aber nicht kritisch gewürdigt, obwohl diese Ablehnung beim aufgeklärten Katholiken auf großes Unverständnis trifft.

Des Weiteren erwartet Andreas Englisch von Franziskus, dass dieser die korrupte Kurie endlich säubern solle. Woher er aber seine Informationen über die inneren Angelegenheiten des Vatikan und auch des Konklaves sowie die Interessen der einzelnen Kardinalsgruppen hat, die er breit auswalzt, bleibt größten Teils sein Geheimnis, weshalb sie oftmals als nicht mehr als Vermutungen und Unterstellungen angesehen werden dürfen. Handfeste Belege dafür gibt es nicht.

Ergänzt werden die Ausführungen des Buches dann noch durch mehrere Erwähnungen des Helden-Papstes" Johannes Paul II., den Andreas Englisch tief verehrt. Auch hier bleiben kritische Würdigungen aus. Statt dessen wird seine harte Hand gelobt, mit der er die Kirche geführt und die Kurie kontrolliert habe, ohne dabei zu erwähnen, dass es diese harte Hand und der unumstößliche Rigorismus eines Johannes Paul II. waren, was viele Katholiken in Westeuropa aus der Kirche getrieben hat. Auch dessen verhängnisvoller Fehler, die Schwangerenkonfliktberatung den deutschen Bistümern zu verbieten, wird nur unkritisch erwähnt. (Man könnte einwenden, dass das in einem Buch über Papst Franziskus auch nicht am richtigen Patze gewesen wäre, dann muss man auch fragen, wozu diese Erwähnungen des Vorgänger Papstes überhaupt nötig waren.)

Als Fazit darf man formulieren, dass dieses Buch nicht besonders erhellend, dafür aber ganz von den Eindrücken und Ansichten seines Autors geprägt und allein diesen verpflichtet ist.
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Die Fälschung der deutschen Geschichte - I
Die Fälschung der deutschen Geschichte - I
von Wilhelm Kammeier
  Gebundene Ausgabe

3 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Kammeiers Märchenstunde, 5. April 2013
Wilhelm Kammeier scheint einigen offensichtlich als verehrungswürdiger, wenn gleich mißverstandener und zu unrecht ignorierter Forscher zu gelten. In den 30er Jahren versuchte er die Erfindung der mittelalterlichen deutschen Geschichte nachzuweisen, obwohl er weder Historiker noch Mediävist war. Seine fehlende Sachkenntnis glaubte er dabei durch die von ihm propagierte "Methode des gesunden Menschenverstandes" ausgleichen zu können. Allein: ohne Fachkenntnisse führt der "gesunde Menschenverstand" leider oft in die Irre, wie man an Kammeiers Beispiel sehr schön demonstrieren kann.

KAmmeiers Kritik beruht auf einer recht eigenwilligen Auswertung der Quellen, vor allem der mittelalterlichen Urkunden. Besonders in den Datumszeilen meinte er Unstimmigkeiten entdecken zu können. So wies er darauf hin, dass des öfteren Fehler in der Angabe der Herrscherjahre gemacht wurden, in der Jahreszahl, in der Indiktion, oder bei der Angabe des Ausstellungsortes. Er folgerte daraus, dass diese Urkunden gefälscht sein müssen, da sich schließlich niemand bei klarem Verstand in der Jahreszahl irren können, da diese einem erwachsenen Menschen schließlich immer präsent sein müsse. Gleiches gelte für die Herrscherjahre, ebenso für die Ortsangabe. Die Fehler, bzw die nachträglichen Änderungen könnten nur durch einen galoppierenden Schwachsinn der Notare erklärt werden - oder eben durch eine große Fälschungsaktion. Dies erkläre auch die Urkunden, in denen man nachträglich eingesetzte Daten oder Orte finde, oder auch freigelassene Zwischenräume für das bewußte spätere Nachtragen dieser Informationen. Auch dies sei nur durch eine Fälschungsaktion zu erklären, da man die vielen Texte auf einander abstimmen mußte, sich dabei aber einige Fehler eingeschlichen hätten. Diese Einschätzungen Kammeiers beruhen aber auf der Übertragung seiner eigenen Erfahrungen auf das Mittelalter. Im 20. Jahrhundert war den Menschen die aktuelle Jahreszahl wohl durchaus präsent, im Mittelalter aber eben nicht. Warum? Ganz einfach, Kalenderberechnungen waren schwierig, nicht jedem stand ein Kalender zur Verfügung - für den aller größten Teil der Bevölkerung war die aktuelle Jahreszahl auch völlig unwichtig - auch das Datum des Jahresbeginns war nicht einheitlich geregelt, was schon allein Differenzen begründen kann. Im Übrigen sind die Fehler in der Angabe des Inkarnationsjahres bei weitem nicht so häufig, wie Kammeier zu suggerieren versuchte (ich glaube auch kaum, dass der die Quellen mal in der Hand gehabt hat), und wenn sich mal kleinere Fehler einschlichen, so wurden diese von den Notaren meist erkannt, was man an den Änderungen sehen kann, weshalb diese als Beleg einer "großen Aktion" nicht taugen, sonder eher für die Sorgfalt der Notare stehen, die ihre Fehler gewissenhaft verbesserten, wenn sie ihnen auffielen. Und die Fehler, die gemacht wurden, bewegen sich durchaus in einem Rahmen, der durch die eben geschilderten Gründe plausibel erklärbar ist. Für die ottonische Zeit habe ich keine Urkunde gefunden, in der eine Inkarnationsjahresangabe im Bereich von 100er oder 1000er-Stelle nachweisbar geändert wurde. Die Verbesserungen beziehen sich immer auf den Bereich der 10er Stellen. Was die Herrscherdaten angeht, so kann wieder nur die Erfahrung unserer Gegenwart die Erwartung wecken, dass diese immer genau präsent gewesen sein müssen. Im Mittelalter gab es keine Behörde, die diese Daten erhoben oder zentral gespeichert hätte. Und auch dabei liegen die nachweisbaren Fehler der Notare wieder in Bereichen, die eher klein ausfallen und somit durch Rechen- oder Überlieferungsfehler erklärt werden können. Und auch wenn solche Daten in den Annalenwerken verzeichnet waren, so waren diese nicht überall zugänglich und den Brockhaus, in dem man mal eben hätte nachschauen können, den gab`s auch nicht. Ansonsten finden sich in den Datumszeilen des öfteren Berichtigungen von falsch geschriebenen Monatsnamen oder anderer Wörter, aber auch das kann Kammeiers These nicht stützen. Die von ihm bemängelten nachträglichen Ergänzungen lassen sich ebenfalls sehr einfach erklären. Die Urkunden wurden durchaus schon während der Verhandlungen über das betreffende Rechtsgeschäft geschrieben, aber erst am Tag der tatsächlichen Übergabe datiert. Falls dieser Tag beim Schreiben der Urkunde noch nicht feststand, ließ man ein dafür ausreichendes Feld in der Datumszeile frei, was auch für die Angabe des Ortes gilt, die dann nachträglich eingesetzt wurden. Überhaupt galt den mittelalterlichen Zeitgenossen das geschriebene Wort deutlich weniger, als uns heutigen Menschen, was vielleicht begründet, dass kleinere Fehler auch mal nicht berichtigt wurden. Ihre Rechtskraft erhielt eine Urkunde außerdem vor allem durch die Zeugen, die bei ihrer Übergabe zugegen waren, und die in langen Zeugenreihen auf der Urkunde verewigt wurden. (durch diese Zeugenliesten lassen sich übrigens sehr schöne Itinerare für einzelne Personen ableiten, die stimmig sind und sehr schwer zu fälschen wären....) In einer größtenteils illiteraten Gesellschaft kann das nicht verwundern. Was die Indiktion betrifft, so hatte sie für die zeitgenössische Datierung überhaupt keine praktische Funktion, was sich schon daran zeigt, dass wir in den Urkunden immer nur das Jahr innerhalb des aktuellen Indiktionszyklus finden, jedoch nie die Angabe, um die wievielte Indiktion seit Beginn der Indiktionszählung es sich handelte. Aber nur aus dieser Angabe wäre eine Datierung überhaupt sicher ableitbar. Außerdem war die korrekte Berechnung der Indiktion kompliziert, weshalb mögliche Fehler nicht überraschen können. Dass die Indiktion überhaupt angegeben wurde, lag einzig daran, dass man sich in die Tradition des römischen Reiches stellen wollte, auf dessen Tradition sich das deutsche Kaisertum des Mittelalters schließlich berief. Überhaupt hätte man im späten Mittelalter, in welchen Kammeier ja den Ursprung seiner großen Aktion sieht, keine Urkunden gefälscht, wenn man die Geschichte hätte "umschreiben" oder gar "erfinden" wollen. Warum auch, schließlich galten sie den Zeitgenossen nicht als Quelle für historiographische Untersuchungen. Solche Quellenwert haben sie erst seit knapp 200 Jahren, ihre Erfindung wäre also völlig sinnfrei gewesen. Es zeigt sich also, dass Kammeiers Bewertung der mittelalterlichen Quellen hauptsächlich auf der Übertragung von Erfahrungen aus seiner Gegenwart auf das Mittelalter resultieren, was methodisch aber - für jedermann verständlicher Weise - nicht haltbar ist. Dies gilt auch für den Urheber, dem Kammeier die große Aktion gern anhängen möchte: die katholische Kirche. Die von Wilhelm Kammeier angenommene einheitliche Organisation der katholischen Kirche, die als einzige in der Lage gewesen sei, das von ihm diagnostizierte Fälschungsgesamtwerk zu produzieren, zumal schließlich alle Priester, Mönche und Kleriker, die mit der Fälschung beauftragt wurden, von den Weisungen der "Zentralmacht" in Rom abhängig und dieser zu widerspruchslosem Gehorsam verpflichtet gewesen seien, gab es so nicht. Eine uneingeschränkte Herrschaftsgewalt des Papstes über alle Institutionen der katholischen Kirche bestand faktisch nicht - so ungewohnt das für uns heute sein mag. Aus dem allen sollte klar werden, warum Wilhelm Kammeiers "Werk" als Beleg für eine große Erfindung nicht taugt, bzw. sich die von ihm "erkannten" Fehler sehr viel einfacher erklären lassen, als durch die Konstruktion einer großen Erfindung.


Die Fälschung der deutschen Geschichte - I
Die Fälschung der deutschen Geschichte - I
von Wilhelm. Kammeier
  Broschiert

2 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Kammeiers Märchen ....., 14. Dezember 2012
Wilhelm Kammeier scheint einigen offensichtlich als verehrungswürdiger, wenn gleich mißverstandener und zu unrecht ignorierter Forscher zu gelten. In den 30er Jahren versuchte er die Erfindung der mittelalterlichen deutschen Geschichte nachzuweisen, obwohl er weder Historiker noch Mediävist war. Seine fehlende Sachkenntnis glaubte er dabei durch die von ihm propagierte "Methode des gesunden Menschenverstandes" ausgleichen zu können. Allein: ohne Fachkenntnisse führt der "gesunde Menschenverstand" leider oft in die Irre, wie man an Kammeiers Beispiel sehr schön demonstrieren kann.

KAmmeiers Kritik beruht auf einer recht eigenwilligen Auswertung der Quellen, vor allem der mittelalterlichen Urkunden. Besonders in den Datumszeilen meinte er Unstimmigkeiten entdecken zu können. So wies er darauf hin, dass des öfteren Fehler in der Angabe der Herrscherjahre gemacht wurden, in der Jahreszahl, in der Indiktion, oder bei der Angabe des Ausstellungsortes. Er folgerte daraus, dass diese Urkunden gefälscht sein müssen, da sich schließlich niemand bei klarem Verstand in der Jahreszahl irren können, da diese einem erwachsenen Menschen schließlich immer präsent sein müsse. Gleiches gelte für die Herrscherjahre, ebenso für die Ortsangabe. Die Fehler, bzw die nachträglichen Änderungen könnten nur durch einen galoppierenden Schwachsinn der Notare erklärt werden - oder eben durch eine große Fälschungsaktion. Dies erkläre auch die Urkunden, in denen man nachträglich eingesetzte Daten oder Orte finde, oder auch freigelassene Zwischenräume für das bewußte spätere Nachtragen dieser Informationen. Auch dies sei nur durch eine Fälschungsaktion zu erklären, da man die vielen Texte auf einander abstimmen mußte, sich dabei aber einige Fehler eingeschlichen hätten. Diese Einschätzungen Kammeiers beruhen aber auf der Übertragung seiner eigenen Erfahrungen auf das Mittelalter. Im 20. Jahrhundert war den Menschen die aktuelle Jahreszahl wohl durchaus präsent, im Mittelalter aber eben nicht. Warum? Ganz einfach, Kalenderberechnungen waren schwierig, nicht jedem stand ein Kalender zur Verfügung - für den aller größten Teil der Bevölkerung war die aktuelle Jahreszahl auch völlig unwichtig - auch das Datum des Jahresbeginns war nicht einheitlich geregelt, was schon allein Differenzen begründen kann. Im Übrigen sind die Fehler in der Angabe des Inkarnationsjahres bei weitem nicht so häufig, wie Kammeier zu suggerieren versuchte (ich glaube auch kaum, dass der die Quellen mal in der Hand gehabt hat), und wenn sich mal kleinere Fehler einschlichen, so wurden diese von den Notaren meist erkannt, was man an den Änderungen sehen kann, weshalb diese als Beleg einer "großen Aktion" nicht taugen, sonder eher für die Sorgfalt der Notare stehen, die ihre Fehler gewissenhaft verbesserten, wenn sie ihnen auffielen. Und die Fehler, die gemacht wurden, bewegen sich durchaus in einem Rahmen, der durch die eben geschilderten Gründe plausibel erklärbar ist. Für die ottonische Zeit habe ich keine Urkunde gefunden, in der eine Inkarnationsjahresangabe im Bereich von 100er oder 1000er-Stelle nachweisbar geändert wurde. Die Verbesserungen beziehen sich immer auf den Bereich der 10er Stellen. Was die Herrscherdaten angeht, so kann wieder nur die Erfahrung unserer Gegenwart die Erwartung wecken, dass diese immer genau präsent gewesen sein müssen. Im Mittelalter gab es keine Behörde, die diese Daten erhoben oder zentral gespeichert hätte. Und auch dabei liegen die nachweisbaren Fehler der Notare wieder in Bereichen, die eher klein ausfallen und somit durch Rechen- oder Überlieferungsfehler erklärt werden können. Und auch wenn solche Daten in den Annalenwerken verzeichnet waren, so waren diese nicht überall zugänglich und den Brockhaus, in dem man mal eben hätte nachschauen können, den gab`s auch nicht. Ansonsten finden sich in den Datumszeilen des öfteren Berichtigungen von falsch geschriebenen Monatsnamen oder anderer Wörter, aber auch das kann Kammeiers These nicht stützen. Die von ihm bemängelten nachträglichen Ergänzungen lassen sich ebenfalls sehr einfach erklären. Die Urkunden wurden durchaus schon während der Verhandlungen über das betreffende Rechtsgeschäft geschrieben, aber erst am Tag der tatsächlichen Übergabe datiert. Falls dieser Tag beim Schreiben der Urkunde noch nicht feststand, ließ man ein dafür ausreichendes Feld in der Datumszeile frei, was auch für die Angabe des Ortes gilt, die dann nachträglich eingesetzt wurden. Überhaupt galt den mittelalterlichen Zeitgenossen das geschriebene Wort deutlich weniger, als uns heutigen Menschen, was vielleicht begründet, dass kleinere Fehler auch mal nicht berichtigt wurden. Ihre Rechtskraft erhielt eine Urkunde außerdem vor allem durch die Zeugen, die bei ihrer Übergabe zugegen waren, und die in langen Zeugenreihen auf der Urkunde verewigt wurden. (durch diese Zeugenliesten lassen sich übrigens sehr schöne Itinerare für einzelne Personen ableiten, die stimmig sind und sehr schwer zu fälschen wären....) In einer größtenteils illiteraten Gesellschaft kann das nicht verwundern. Was die Indiktion betrifft, so hatte sie für die zeitgenössische Datierung überhaupt keine praktische Funktion, was sich schon daran zeigt, dass wir in den Urkunden immer nur das Jahr innerhalb des aktuellen Indiktionszyklus finden, jedoch nie die Angabe, um die wievielte Indiktion seit Beginn der Indiktionszählung es sich handelte. Aber nur aus dieser Angabe wäre eine Datierung überhaupt sicher ableitbar. Außerdem war die korrekte Berechnung der Indiktion kompliziert, weshalb mögliche Fehler nicht überraschen können. Dass die Indiktion überhaupt angegeben wurde, lag einzig daran, dass man sich in die Tradition des römischen Reiches stellen wollte, auf dessen Tradition sich das deutsche Kaisertum des Mittelalters schließlich berief. Überhaupt hätte man im späten Mittelalter, in welchen Kammeier ja den Ursprung seiner großen Aktion sieht, keine Urkunden gefälscht, wenn man die Geschichte hätte "umschreiben" oder gar "erfinden" wollen. Warum auch, schließlich galten sie den Zeitgenossen nicht als Quelle für historiographische Untersuchungen. Solche Quellenwert haben sie erst seit knapp 200 Jahren, ihre Erfindung wäre also völlig sinnfrei gewesen. Es zeigt sich also, dass Kammeiers Bewertung der mittelalterlichen Quellen hauptsächlich auf der Übertragung von Erfahrungen aus seiner Gegenwart auf das Mittelalter resultieren, was methodisch aber - für jedermann verständlicher Weise - nicht haltbar ist. Dies gilt auch für den Urheber, dem Kammeier die große Aktion gern anhängen möchte: die katholische Kirche. Die von Wilhelm Kammeier angenommene einheitliche Organisation der katholischen Kirche, die als einzige in der Lage gewesen sei, das von ihm diagnostizierte Fälschungsgesamtwerk zu produzieren, zumal schließlich alle Priester, Mönche und Kleriker, die mit der Fälschung beauftragt wurden, von den Weisungen der "Zentralmacht" in Rom abhängig und dieser zu widerspruchslosem Gehorsam verpflichtet gewesen seien, gab es so nicht. Eine uneingeschränkte Herrschaftsgewalt des Papstes über alle Institutionen der katholischen Kirche bestand faktisch nicht - so ungewohnt das für uns heute sein mag. Aus dem allen sollte klar werden, warum Wilhelm Kammeiers "Werk" als Beleg für eine große Erfindung nicht taugt, bzw. sich die von ihm "erkannten" Fehler sehr viel einfacher erklären lassen, als durch die Konstruktion einer großen Erfindung.


Zweifel: Gab es Karl den Großen wirklich?
Zweifel: Gab es Karl den Großen wirklich?
von Detlef Suhr
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 3,95

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Neuer Ansatz mit mediävistischen Defiziten, 4. September 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Detlef Suhr ist Arzt und hat schon einige Bücher zu historischen Themen vorgelegt, in denen es ihm vornehmlich darum geht, herauszufinden, welchen Einfluss Krankheiten auf die Weltgeschichte nehmen können. Im hier zu besprechenden kleinen Band geht er aber einer anderen Intention nach. Zwar steht auch hier eine Krankengeschichte im Mittelpunkt, jedoch möchte der Autor hier nicht nachvollziehen, welchen Einfluss sie auf die Geschichte hatte, sondern ob sie überhaupt stattgefunden hat.
Niemand geringerer als Karl der Große ist der prominente Patient, den Suhr sich vorgenommen hat. Und der Titel des Bandes nimmt schon vorweg, zu welchem Ergebnis Detlef Suhr gekommen ist. Suhr hält es für unwahrscheinlich, dass es diesen überhaupt je gegeben hat. Die Ursprungsidee dazu kam nicht ihm, sondern Dr. Heribert Illig, dessen „Fantomzeittheorie“ seit einigen Jahren in den Kreisen der sogenannten „Chronologiekritik“ sorgsam gehegt wird. Da diese These schon lange als haltlos erkannt ist, rechtfertigt es sich eigentlich nicht, ein Buch, das in ihrem Kielwasser entstanden ist, wissenschaftlich zu rezensieren. Da es Detlef Suhr aber gelungen ist, einen neuen Aspekt in der Überlieferung im Hinblick auf die Fantomzeitthese zu entdecken, sei diese kleine Ausnahme gemacht.
Diesen Aspekt fand der schreibende Hobbyhistoriker Suhr in den Quellen. Seinen Ausgangspunkt in dieser Hinsicht findet Suhr in einem Zitat aus Dieter Hägermanns unerreichten Karlsbiographie, welches lautet: „ ...813 / 814 befiel ihn [Karl den Großen] im Januar ein heftiges Fieber, vermutlich in Abwehr einer Lungenentzündung, die eine Rippenfellentzündung nach sich zog, eine Pleuritis, wie Einhard sachkundig und richtig bemerkt.“ Suhr fragt dann 1.) Sind Einhards Bemerkungen wirklich sachkundig und richtig? Und 2.) Kann seine Diagnose stimmen? Es sei bereits hier verraten, Suhr beantwortet beide Fragen mit nein.
Zunächst wendet sich der Autor dem Aussehen Karls zu (S. 77ff.), freilich nur um festzustellen, dass wir außer der Beschreibung bei Einhard keine Kenntnis davon haben, wie Karl der Große ausgesehen haben mag. Seine Frage nach einer Portraitdarstellung des Kaisers erscheint schon recht kurios, da das gesamte Mittelalter nur idealisierte Darstellungen hinterlassen hat. Nur eine einzige Darstellung, der Cappenberger Barbarossa Kopf, gilt als naturalistisches Abbild. Weitere aus dem Mittelalter sind nicht bekannt. Folglich ist der Umstand, dass es von Karl dem Großen keine solche Darstellung gibt, nicht irritierend, weshalb auch Suhr sich dadurch nicht zu Zweifeln an Karls Existenz verleiten lassen sollte. Auch das unbekannte Geburtsdatum Karls wird für Suhr zu einem Indiz für seine Erfindung (S. 99), doch auch das ohne Fundament, denn in Karls Zeit galten Geburtsdaten wenig, das Sterbedatum galt als wichtig, da an diesem Datum unbedingt für das Seelenheil des Verstorbenen zu beten war. Und eine Behörde, die die Geburtsdaten gesammelt hätte, gab es nicht.
Dann endlich kommt Suhr zu den medizinischen Details, die er den Quellen entnehmen kann. Als erste konkret fassbare Erkrankung Karls führt er- abgesehen von einem vereinzelten Genesungswunsch durch Alquin – die Schilderung eines Leidens in Einhards Karlsvita an und kommt dabei gleich ins Stolpern. Einhard berichtet, dass Karl in den letzten Jahren seines Lebens öfter an Fieberanfällen litt und einen Fuß nachzog. Suhr führt dann weiter aus, dass die Historiker darin eine Gichterkrankung erkannten. Nachdem Suhr dann kurz erläutert, wie die Gicht entsteht (S.106) führt er an, aufgrund des Nachziehens eines Fußes sei vielmehr von einer Gehirn- oder Rückenmarkserkrankung auszugehen. Er wirft dem Chronisten daraufhin vor, hier “etwas durcheinander gebracht, oder seiner Fantasie freien Lauf gelassen zu haben“, da eine solche Lähmungserscheinung nicht mit der Gicht einher gehe. Auch die von Einhard überlieferte rein diätische Therapie sei ebenfalls ein Hinweis auf die Unwissenheit des Chronisten, da eine solche Therapie allein nicht angezeigt gewesen wäre, um die Gicht zu behandeln. Dass Suhr darin erneut Indizien für die Erfindung der Karlsvita – und damit für die Erfindung Karls selbst – sieht, muss deshalb erwähnt werden, weil dieses Urteil auf der Gichtdiagnose beruht, die nach Suhr falsch war und falsch behandelt wurde. Allein, diese Diagnose kommt in Einhards Text gar nicht vor. Sie ist – wie gesagt, sogar von Suhr selbst – eine Mutmaßung der Historiker. Zweifel an Einhards Text kann sie daher nicht rechtfertigen.
An einer anderen Stelle wird Einhard dann aber doch konkreter und legt sich fest, wenn er als Todesursache „Pleuritis“ angibt.
Damit kommt Suhr endlich zu seinem Spezialgebiet (S.117). Nachdem er eine kurze Einführung in die Medizin des frühen Mittelalters gegeben hat (S. 109-117), wendet er sich der von Einhard tradierten Diagnose zu. Kann diese stimmen, fragt er sich als erstes. Er beschreibt dann auf welche Arten des Abhörens man die Krankheit diagnostizieren kann und stellt fest, dass man erst 250 Jahre später im griechischen Byzanz in der Lage dazu gewesen sei. Er versteigt sich dann zu der These, dass der Autor der Karlsvita durch die Diagnose der Pleuritis seinen Helden in Bezug zu den byzantinischen Kaisern bringen wollte, die nämlich den Quellen nach häufig an dieser Krankheit starben. (S. 122f.) Dies hat für ihn eine weitere Konsequenz: Wenn Einhards Inspiration zur Pleuritisdiagnose wirklich aus byzantinischen Quellen stamme, dann könne Einhard nicht vor 1055 geschrieben haben, da die betreffenden Quellen in dieses Jahr datiert seinen. (S.123) Immerhin räumt er ein, dass er das alles „natürlich nicht beweisen“ könne. Des Weiteren irritiert Detlef Suhr seine Beobachtung, nach der in Einhards Werk kein Arzt benannt sei, der Karl in seinen letzten Stunden beigestanden habe, obwohl ein so wichtiger Mann aber unzweifelhaft einen Arzt gehabt haben müsse. Den einmal in einer anderen Quelle im Zusammenhang mit dem Fuldarer Abt Sturm bezeugte und als Karls Leibarzt benannte Wintar, erklärt Suhr schlicht zu einem Wortspiel mit dem althochdeutschen Begriff „Wintarmanoth“, was Wintermonat oder auch Januar bedeutet. Welch ein Zufall, dass Karl im Januar starb. Etymologische Untersuchungen findet man bei Suhr hingegen nicht. Suhr führt dann weiter aus, dass die in einer anderen Quelle (Thegan) geschilderten letzten Lebensminuten Karls, in welchen er als sein Ende kommen fühlte, sich niederlegte, einen Psalm sang und verschied, ebenfalls medizinisch gesehen mit den sonstigen Informationen nicht übereinstimmen könne, da es einem an feuchter Pleuritis erkrankten Menschen nicht möglich sei, im Liegen zu atmen, geschweige denn zu singen. Demnach sei also entweder die Diagnose falsch, oder die Überlieferung. (S. 126).
Es fällt nun auf, dass alle von Suhr angeführten Indizien eigentlich nur auf seinen Erwartungen beruhen. Er erwartet, dass ein Arzt genannt werden müsse, er erwartet, dass die Diagnose korrekt überliefert wurde, er kann sich nicht vorstellen, dass die Diagnose schon zu Karls Zeiten einem Arzt möglich war etc. Dass es zu Karls Zeiten keine „ärztliche Ausbildungsstätte“ – wie Suhr es nennt – im Frankenreich gegeben habe, macht für ihn das Wissen um die genannte Krankheit bei Karls Zeitgenossen unmöglich. Als wenn es keinen Wissenstransfer auch über große Distanzen gegeben hätte. Und als wenn es die Schriften des Isidor von Sevilla nicht gegeben hätte, der den fraglichen Begriff bereits einige Generationen vor Einhards Diagnose in die lateinische Literatur eingeführt hätte. Und bei Hägermann hätte Suhr nachlesen können, dass Karl die Vervielfältigung von antikem medizinischen Wissen förderte. Dass die Schilderungen in mittelalterlichen Geschichtswerken nicht unseren Ansprüchen an Geschichtsschreibung entsprechen, berücksichtigt Suhr ebenfalls nicht. Dass Thegan die letzten Minuten Karls literarisch überhöht, dass auch Einhard diese Technik anwandte, dass sie zu den Stereotypen mittelalterlicher Literatur gehört, erst recht, wenn es um die Schilderungen von Heiligen und Wundern ging, bezieht Suhr in seine Überlegungen nicht mit ein.
Dass seine das Kapitel abschließende Frage, „Wenn die Schilderung der Todesumstände nicht stimmt, wenn die Diagnose nicht stimmt, was stimmt dass überhaupt?“, daher in sich schon irrelevant ist, braucht nicht extra erläutert zu werden. Suhrs Postulat (S. 126), nach welchem man den anderen Details in den Quellen folglich auch keinen Glauben schenken dürfe, hat sich damit ebenfalls erledigt.
Im Anschluss untersucht Suhr dann, ob die Berichte von Karls Begräbnis mit seinen Erwartungen übereinstimmen, nur um festzustellen, dass sie es nicht tun. Suhr zeigt sich enttäuscht darüber, dass das Begräbnis offenbar nicht mit großem Pomp begangen wurde, obwohl Karls Tod doch wenigstens „mit dem Dahinscheiden von Sowjetführern wie Lenin und Breschnew, mit im Amt verschiedenen US-Präsidenten wie F.D. Roosevelt oder J.F.Kennedy, mit dem Tod von Päpsten ...“ verglichen werden könne. Dass solche Vergleiche über die Epochen hinweg nicht valide sind, berücksichtigt der Autor nicht. Auch die in den darauf folgenden Kapiteln gemachten Aussagen zu den beiden Öffnungen des Karlsgrabs durch Otto III. (S. 130ff.) und Friedrich Barbarossa (S.141ff.), nach welchen diese sich und den Quellen des Frühmittelalters widersprechen , sind richtig, aber nicht neu und ebenfalls der mittelalterlichen Literaturtradition geschuldet sowie den jeweiligen Wirkungsabsichten. Auch sie können keine Zweifel an der Existenz Karls des Großen rechtfertigen.
Diesen Kapiteln vorgeschaltet widmet sich Detlef Suhr anderen Argumenten, die angeblich Zweifel an Karls Existenz begründen könnten, die aber größten Teils aus dem Werk Heribert Illigs übernommen sind. Zu diesen Seiten des Buches daher nur einige Bemerkungen:
1.) Otto III. und Papst Sylvester seinen die Urheber der Karlserfindung gewesen, da Otto sich und seine Herrschaft in das als heilsgeschichtlich erwartete Jahr 1000 verlagern wollte, obwohl bis dahin noch einige Jahre Zeit gewesen wären. Seine Herrschaft habe Otto so übersteigern wollen und Papst Sylvester hätte ihm dabei gern geholfen. Suhr schreibt dazu: „ Die Zeitumstellung... war ein rein theoretischer Vorgang, der von wenigen Hofgelehrten und Beamten des Kaisers mittels Umdatierungen von Dokumenten vorgenommen wurde.“ (S. 37) Derartige „Umdatierungen“ sind aber an den Dokumenten aus der fraglichen Zeit nicht vorhanden. Und deren unbemerkte Modifizierung an den in diversen Archiven und Bibliotheken lagernden Schriftstücken darf wohl eher als problematisch gelten, wenn nicht als unmöglich. (Allein diese Beobachtung widerlegt die Fantomzeitthese!)
2.) Unmöglich nicht nur aufgrund der hohen Zahl der Quellentexte, wenn diese durch Suhr auch klein geredet wird, wenn er schreibt: „ In diesem beiden kleinen Büchlein, durch die Optik der Reichsannalen und Einhards Karlsvita sehen wir eine ganze Epoche ...“ (S. 45) Damit werden von Suhr ganze Quellengattungen übergangen, die aber reichliche Informationen zur karolingischen Epoche enthalten. (So wird seine Frage, wie aus diesen beiden kurzen Texten Hägermanns 700-Seiten Biographie werden konnte, unfreiwillig komisch, denn mit einem Blick in deren Literaturverzeichnis hätte Detlef Suhr die Antwort gefunden.)
3.) Wie Heribert Illig postuliert auch Detlef Suhr eine Fundarmut (S. 38), ohne anzugeben, welche Anzahl an Funden er erwartet hätte und ebenfalls ohne einen Referenzwert anzugeben, aus welchem diese Zahl resultieren könnte. (Eine Antwort auf diese Frage blieben bisher alle Fantomzeit- und Illiganhänger schuldig, einschließlich ihm selbst, was für die These um so fataler ist, da sie zum großen Teil auf der Ansicht beruht, dass die schriftlich belegten Personen, Zeiten und Ereignisse deutlich mehr Funde hätten hinterlassen müssen. Dass Funde immer zufällig gemacht werden und nicht die Regel, sondern immer ein Glücksfall sind, zumal jegliche Überlieferung immer zufällig erfolgt, wird von den Chronologiekritikern weithin und demonstrativ übersehen.)
4.) Dann greift der Autor das Phänomen der Abschriften von Urkunden auf. Dass es solche gibt und dass die Originale oftmals nicht mehr erhalten sind, veranlasste schon Heribert Illig seiner Zeit zu postulieren, dass es diese Originale nie gegeben habe. Suhr fragt dann aus seiner Sicht folgerichtig: „Worin aber besteht die Logik, vorhandene Urkunden abzuschreiben, sich damit der Gefahr der Manipulation (...) auszusetzen und danach die Originale zu vernichten?“ (S. 53) Die Antwort auf diese Frage ist recht einfach: Die Logik lag in der Art und den Umständen der mittelalterlichen Verwaltungspraxis. Abschriften waren das einzige Mittel der Sicherung. Der Eintrag des Inhaltes von Urkunden in Kopialbücher machte diese handhabbarer. Es schützte den Inhalt und verbesserte die Chance auf Tradition, selbst dann, wenn die Originale verloren gegangen waren. (Bewußt vernichtet – wie Suhr annimmt - wurden die wenigsten Urkunden!) So sind auch Urkunden erhalten, von denen Abschriften vorliegen. Ein weiterer Aspekt schließt sich da an, nämlich der der Fälschung. Auch das Vorhandensein zahlreicher „Fälschungen“ von Urkunden dient dem wackeren Chronologiekritiker dazu, an Karls Existenz zu zweifeln. Dabei wird aber regelmäßig übersehen, dass auch „gefälschte“ – oder besser verfälschte – Urkunden authentische Inhalt tradieren können. Allein die Beurteilung der Echtheitsfrage gibt noch keinen Aufschluss über den Aussagewert einer mittelalterlichen Quelleund kann daher auch nicht zur pauschalen Diskreditierung der Quellen führen.
5.) Danach fragt Suhr, ob denn wenigstens die Unterschrift Karls des Großen auf seinen Urkunden weiterhelfe. Der Mediävist kennt die Antwort schon: Nein, denn Karl konnte nicht schreiben und signierte seine Urkunden mit dem sogenannten Vollziehungsstrich. Der hat nichts individuelles und wurde von den Herrschern des frühen Mittelalters allgemein praktiziert. Und so muss Suhr einräumen, dass Karls Nachfolger es nicht anders hielten. (S. 54)
6.) Dann wendet er sich der Architektur zu, um zu dem Schluss zu kommen, dass auch diese Karls Existenz nicht belegen könne. Dies, da von den vielen schriftlich belegten Bauten Karls nur die wenigsten Spuren bis in unsere Zeit hinterlassen hätten. Neben der Aachener Pfalzkapelle dient ihm hier ein zweites Bauwerk als Referenz, nämlich die Fossa Carolina, der erste Kanal, der Rhein und Donau mit einander verbinden sollte. Auch dieser Kanal – gebaut 792-793 – sei nicht als karolingisch anzusehen, so Detlef Suhr, womit er erneut die Sicht Heribert Illigs zu seiner eigenen macht. Dabei stützt er sich aber auf einen lange überholten Forschungsstand, etwa wenn er anführt, dass die zum Bau des Kanals nötigen Arbeiter, deren Zahl mehrere Tausend betragen habe müsse und von deren Unterkünften noch nichts gefunden worden sei, gar nicht hätten verpflegt werden können. (S. 56) Selbst in der Wikipedia hätte Suhr nachlesen können, dass dies schon lange nicht mehr Stand der Forschung ist. Auch seine Aussage, den Kanal hätte man gar nicht gebrauchen können, da es ja keinen Fernhandel gab, ist falsch. Fernhandel im Karolingerreich ist nachgewiesen.
7.) Mit dem bekannten Thron Karls des Großen in der Aachener Pfalzkapelle befasst sich Suhr dann ebenfalls und kommt zu dem Schluss, dass dieser erst in ottonischer Zeit gebaut worden sei und daher nicht der Thron Karls des Großen gewesen sein könne (S. 58/59). Auch das ist nicht der aktuelle Stand, da bereits im Jahr 2000 neue Erkenntnisse zum Thron und seinem Alter publiziert wurden. Derzeit deuten die Ergebnisse der neueren Untersuchungen stark auf eine karolingische Datierung des Thrones, was durch dendrochronologische Bestimmungen und Analysen der Baugeschichte nahe gelegt wird.
8.) Einen nicht unerheblichen Anteil an Suhrs Zweifel habe die Quellenberichte zur Kaiserkrönung Karls des Großen (S. 59ff.). Dieser begründet sich in einigen Abweichungen im Detail, die Suhr zwischen den vier von ihm betrachteten Berichten gefunden hat, obwohl man doch nach Suhrs Meinung „selbstverständlich vier zumindest in den wesentlichen Punkten übereinstimmende Berichte „ erwarten dürfe. (S. 63) Da möchte man fragen, warum das eigentlich so sein sollte und darauf hinweisen, dass die Quellen in den wesentlichen Punkten durchaus übereinstimmen. Alle nennen die direkt oder indirekt Beteiligten, alle nennen das Ereignis, alle nennen das Jahr und den Ort. Die „wesentlichen Punkte“, die Suhr sogar zu „Grundfragen“ stilisiert, sind Details, in denen sich die Quellen nicht signifikant widersprechen, erst recht nicht, wenn man Suhrs „Widersprüche“ genauer betrachtet. So bemängelt er, dass in einer Quelle als Titel „Augustus“ genannt wird, während andere Texte Karl als „Kaiser“ titulieren. Dass „Augustus“ fester Bestandteil der Kaisertitulatur war, und dem Zeitgenossen als Synonym für den Kaisertitelgelten konnte, merkt Detlef Suhr nicht an. Auch die Tatsache, dass nicht alle Quellen eine Krone erwähnen, mit der Karl gekrönt wurde, erregt Suhrs Missfallen. Zu Unrecht, denn die Krönung wird in allen Quellen genannt und für den mittelalterlichen Zeitgenossen gehört eine Krone unbedingt zu einer Krönung dazu, weshalb sie eben nicht extra erwähnt werden muss. Weiterhin wirkt es schon fast naiv, in welcher Weise Suhr an die Betrachtung der genannten Berichte herangeht. Er übersieht völlig die unterschiedlichen Intentionen, die den jeweiligen Texten zu Grunde liegen. Er rezipirt auch nicht die dazu reichlich erschienene Fachliteratur, in der der Nchweis geführt werden konnte, dass die Berichte von der Krönung vor allem aus politischen Motiven heraus verfasst und deshalb in den Details von einander abweichen. Es zeigt sich also, dass Suhrs Beanstandungen nicht begründet sind und auch keinen Zweifel an Karl dem Großen rechtfertigen. Auch die Tatsache, dass die von ihm betrachteten Quellen zu verschiedenen Gattungen gehören, bleibt unberücksichtigt. Suhrs Frage, wie es möglich sei, dass „vier Quellen unterschiedliche Darstellungen ein und desselben Ereignisses überliefern“, stellt sich demnach nicht. Außer man erwartet für das frühe Mittelalter Nachrichtenagenturen und eine allabendliche Tagesschau. Und dennoch sind die in den Quellen überlieferten Informationen nicht „völlig konträr“ (S.66), wie Detlef Suhr behauptet. Auch hier gilt, dass seine Zweifel letztendlich nur auf den Vorstellungen beruhen, die sich der Autor vom Frühmittelalter macht und in den – unbegründeten – Erwartungen, die er an diese Zeit stellt.
Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass Detlef Suhr sich nicht dazu versteigt, Karls Nichtexistenz als bewiesen zu postulieren. Hingegen suggeriert er dies – zu Unrecht, wie sich zeigen ließ,da seine Argumente hauptsächlich auf seinen Erwartungen beruhen und diese wiederum aus mediävistischen Defiziten resultieren. Dass Detlef Suhr in Folge dessen Otto I. zum „ersten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ (sic!) erhebt (S. 141), sei dabei nur am Rande erwähnt!


Sex und Folter in der Kirche: 2000 Jahre Folter im Namen Gottes
Sex und Folter in der Kirche: 2000 Jahre Folter im Namen Gottes
von Horst Herrmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,99

3 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen sehr amüsant, 6. Januar 2012
Ich hatte neulich das Vergnügen, das fragliche Buch in der Buchhandlung in die Hand zu bekommen und Zeit genug, darin ein wenig zu blättern. Ich fragte mich dabei unwillkürlich, was uns der Autor eigentlich Neues vortägt. Die Antwort: Nichts. Dass Christen gefoltert haben - sogar im Auftrag ihrer Kirche - ist nicht neu. Ebenso wenig, dass bis heute die Zugehörigkeit zu einer christlichen Konfession so manchen Christen nicht davon abhält Folter auszuüben. Hermanns Anliegen zur "notwendige Aufklärung über gewaltbestimmte Tatsachen und Mentalitäten" beizutragen, ist somit in genereller Hinsicht durchaus löblich, im Speziellen aber redundant.

Amüsant wird es dann, wenn Hermann versucht, die Verfehlungen christlicher Täter aus der "strengen Morallehre der Kirche" herzuleiten und diese als Ursache für Hexenjagden, bestialische Martern und kaltblütige Hinrichtungen zu diskreditieren. Mehr als einfache und stereotype Küchenpsychologie hat er - wie mir scheint - da nicht zu bieten.

Als ich dann noch sah, dass der Autor davon ausgeht, dass sein Buch "unvoreingenommen" gelesen werde, musste ich doch schallend lachen, da er selber diese Unvoreingenommenheit nun wirklich nicht verkörpert. Und dass "Hass, Abrechnung und Rache" nicht seine Beweggründe für dieses Buch waren, mögen ihm die in seinem Sinne Unvoreingenommenen auch glauben.

Kurz gesagt, es ist ein Buch für jene, die "es schon immer wussten". Für alle Anderen ist es zumindest sehr unterhaltend, daher volle fünf Sterne!


Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend
Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend
von Andreas Altmann
  Gebundene Ausgabe

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen bedauernswert, 7. Oktober 2011
ist Herr Altmann allemal. Eine Jugend wie die seine ist nur schwer zu ertragen - selbst, wenn man sie "nur lesen" und nicht selber durchleben muss. Da freut es einen, dass er die Gelegenheit hatte, sich davon zu befreien und dieses Buch zu schreiben. Der Autor äußerte in einer Talkshow neulich, dass er das Buch erst schreiben konnte, nachdem seine Eltern gestorben waren. Fast schade möchte ich sagen, dass der Vater diese Abrechnung mit sich und seiner Auslegung des Christentums nicht mehr lesen konne. Er hätte es verdient.

Bedauerlich ist es aber auch, dass der Autor so nur zu einer vernichtenden Sicht auf das Christentum und den Katholizismus kommen konnte, denn das, was ihm widerfahren ist, hat eben nicht viel mit dem heutigen Christentum gemein. Traurig macht da seine Einschätzung, das Christentum sei eine Religion, die den Tod liebe. Denn es ist umgekehrt: Das Christetum liebt das Leben und die Liebe.

Dass Altmann ihm keine zweite Chance geben möchte, kann man dennoch verstehen.


Darwin. Das Abenteuer des Lebens.
Darwin. Das Abenteuer des Lebens.
von Jürgen Neffe
  Gebundene Ausgabe

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr lesenswert, 19. Oktober 2009
Jürgen Neffe chafft es, eine ausführliche Biographie Darwins mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen von Biologie und Geologie zu verbinden und gleichzeitig deren Weiterentwicklung in den seit Darwins Publikationen vergangenen Jahren klar und verständlich vorzuführen. Sein Buch bietet Biologie- und Evolutionsunterricht in höchster Qualität und gleichzeitig literarische Meisterschaft. Und immer wieder gelingen dem Autor, während er Darwins Spuren folgt, aktuelle Bezüge zwischen der Welt und den Gedanken Darwins und unserer Gegenwart, wobei diese oftmals besorgniserregend sind. So etwa wenn er vor den Gefahren einer völlig unkontrollierten Gentechnik warnt, ohne allerdings einen moralischen Zeigefinger zu heben.
Dass ihm dabei auch noch ein großartiger Reisebericht gelungen ist, der dem Leser exotische und nur selten erreichte Orte näher bringt, sei dabei nur am Rande erwähnt.


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