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Rezensionen verfasst von
Stefan Baumgartner (Linz)

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Lost Horizon
Lost Horizon

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fehlen nur noch Filzhut und Peitsche, 30. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Lost Horizon (Computerspiel)
In den wilden Zeiten der Zwischenkriegsjahre bekommt Fenton Paddock - seines Zeichens Pilot, unehrenhaft entlassener Soldat und verwegener Draufgänger (tm) - den Auftrag seinen alten Kameraden Richard aus dem eisigen und unnachgiebigen Tibeter Hinterland zu suchen. Dieser ist nämlich nicht nur Soldat des britischen Empires bzw. Sohn eines sehr einflussreichen und wichtigen Gouverneurs, sondern auch Leiter einer äußerst geheimen Expedition, die es unter allen Bedingungen weiterhin geheim zu halten gilt. Haudegen wie Fenton nun mal ist, macht er sich auf den Weg von Hong Kong hinter den verlorenen Horizont ins Tibetische, allerdings unwissend, dass seine Mission ihn über die Kontinente auf der Suche nach alten Karten, mysteriösen Artefakten und alten Kulturen zerrt, immer einen knappen Schritt den Nazis voraus, die es ebenfalls auf die darin verborgene, geheime Macht abgesehen haben.

Schon nach den ersten Spielminuten wird klar, worauf es die Geheimakte-Macher abgesehen haben: Sie wollen einem der größten Abenteurer aller Zeiten entsprechenden Tribut zollen, etwas, zu dem Lucas und Spielberg mit "Dem Königreich der Kristallschädel" nicht im Stande waren: Indiana Jones lebt in jeder einzelnen Einstellung dieses optisch wie akustisch prächtigen Point-n-Click Adventures. Doch damit ist man weit von einem Plagiat entfernt. Die Eigenständigkeit der Handlung und der Story ist in keinster Weise anzuzweifeln, man versteht sich eher als großes Zitatekino, das die Helden der Jugend - und v.a. auch meiner Jugend - in eine neue Puzzlewelt bringt. Und es macht einen Heidenspaß.

Doch nicht nur die Filme werden zitiert, gerade gegen Ende des Spiels gibt es immer wieder Reminiszenzen an die beiden Indiana Jones Adventures aus den 90ern, bzw. "Flight of the Amazon Queen" und Konsorten. Vor allem das letzte Kapitel schreit an allen und Ende nach "Indiana Jones and the Fate of Atlantis". Doch auch hier gilt wieder: zitieren, nicht kopieren. Gelungen bis ins kleinste Detail ein Cocktail aus Altbekanntem, mit frischen und neuen Ideen garniert und präsentiert. Auch die Action kommt dabei nicht zu kurz, und das im Point-n-Click'schem, positivsten Sinn: Wer beispielsweise die wilden Verfolgungsjagden aus den Indiana Jones Filmen vermisst, darf sich freuen, dass man genau solche in "Lost Horizon" vorfindet. Allerdings immer mit Rätseln verbunden, die einen weiterbringen. Genauso soll es sein: Keine Quick-Time Events im Stile von "Baphomets Fluch 3" oder ähnlichen Actioneinlagen, sondern klassische Kopfnüsse unter Hochspannung.

Wenn ich mir je einen Nachfolger zu "Fate of Atlantis" - einem meiner Lieblingsadventures - gewünscht hätte, er wäre wohl wie "Lost Horizon" geworden. Da nimmt man die einen oder anderen, etwas zu einfach geratenen Rätsel (seien wir uns ehrlich: Damals waren die Rätsel nicht schwerer, lediglich das Spiel unnachgiebiger bzw. die Steuerung fieser) gern in Kauf. Genauso wie die teils karge Mimik der Charaktere. Aber um Grafikextravaganzen ging's in dem Genre eh nie, Hauptsache es ist stimmig und atmosphärisch. Und gerade Atmosphäre hat das Spiel genug.


Das Tal. Das Spiel: Season 1. Teil 1.
Das Tal. Das Spiel: Season 1. Teil 1.
von Krystyna Kuhn
  Audio CD

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Von der Insel ins Tal: Ein LOST-light, 24. August 2010
Das Geschwisterpaar Robert und Julia Frost erreichen eine Woche nach Semesterstart das kanadische Grace College, wo sie die nächsten vier Jahre ihrer Ausbildung verbringen sollen. Schon bei der Ankunft "im Tal" wird klar, dass nicht nur die Vergangenheit der beiden höchst mysteriös ist, sondern auch die schulische Einrichtung samt der umgebenden, geographischen Bedingungen. Das Gebäude folgt zu offensichtlich mathematischen Zahlenspielereien und scheint mit dem Berg "Ghost" und dem nicht weniger eklatant klingenden "Mirror" See in irgendeiner Verbindung zu stehen. Noch dazu gibt es geheime Akten, Nachrichten von fragwürdigen Absenedern, alte Steintafeln an den Orten, wo man es nicht erwartet und selbstredend auch Geflüster im Wald. Immerhin: Wenn man schon offen zugibt, von der Erfolgsserie Lost inspiriert zu sein, dann braucht man sich bei der Wahl der "MacGuffins" auch nicht zurückhalten.

Tatsächlich besteht das zum US-Insel-Mythos analoge Tal vor allem aus einer Anhäufung bekannten bzw. beeinflussten Mythen und Mysterien und einem leider etwas gewöhnlichen Krimiplot, der neben all den Gimmicks für den roten Faden sorgt. Und alles im Trend der jüngsten Jugendbücher aus Deutschland natürlich mit höchst internationaler Nomenklatur. Dann wirkt es immerhin mehr "wie aus dem Fernsehen".

Nicht nur bei der Wahl der Stilmittel hat man sich nah an Lost orientiert, auch beim Aufbau wagt man den Weg zu den charakterzentrischen, in Staffeln (Verzeihung: Seasons, von wegen Internationalität) zusammengefassten Episoden. Während "Das Spiel" noch Robert und Julia Frost im Fokus hat, erfahren wir bei genauer Recherche, dass sich die nächste Episode um Zimmerkollegien Katie drehen wird. Eventuell kommt auch der Typ in der rosaroten Pyjamahose in einer kommenden Folge vor (und wird von kanadischen Mounties verhaftet. Die müssen da drüben doch irgendein Gesetz gegen diesen Kleidungsstil haben). Als "Ein Lost zum Lesen" hat man es mir empfohlen, und ja, ohne Zweifel: Das ist es auch. Und auch wenn die Spitzen diesmal nicht ganz so versteckt waren: Es macht auch genauso Spaß.

Tatsächlich ist der Autorin bei aller Liebe zum US-Fernsehen ein äußerst netter und interessanter Auftakt einer für den Buchmarkt frischen Formatidee gelungen. Die kurzen Abstände zwischen den Episoden sorgen für regelmäßigen Nachschub bei den Lesern, deutlicher Gestaltungsfreiheit und Anpassungsfähigkeit bei der Autorin, und dank guter Umsetzung und entsprechender Marketingkampagne für klingelnde Kassen beim Verlag. Für alle Parteien eine Win-Situation und vor allem für die erste ein kurzweiliges und spannendes Vergnügen.

Einen wichtigen Unterschied zum Inseldrama gibt es allerdings doch: Nicht nur, dass die Autorin mit Rückblenden gottseidank sparsam umgeht, sie ist auch gnädig genug um einen nicht zu unterschätzenden Teil der Fragen tatsächlich zu beantworten. Etwas, was sich die große Inspirationsquelle nie getraut hat. Das befriedigt den Wissensdurst doch erheblich (mit dem aufregenden Cliffhanger am Schluss kann man ja sowieso wieder genug Vorfreude auf den nächsten Band schüren), allerdings wird auch klar, warum das Vorbild auf viele Antworten am Ende gepfiffen hat: Je größer das Mysterium, umso ernüchternder ist es, wenn die Auflösung zu einfach ausfällt. "Was zur Hölle"-Momente halten sich so in Grenzen, dafür wird es rund und stimmig. Vor allem bei der Hintergrundgeschichte der beiden Protagonisten. Bevor noch die ewige Andeutung auf die üble Vergangenheit nerven kann, lenken zur Überbrückung genug eingestreute Mythen ab um schlussendlich doch noch eine interessante Erklärung für die Anwesenheit der beiden Frost-Kinder zu liefern.

Trotz der in Schüben auftretenden Lost-Erinnerungen hat mir die Lektüre (im Hörbuch unglaublich passend von Gillian Andersons Synchronstimme Franziska Pigulla vorgetragen) viel Freude bereitet. Die nächste Episode kann gern kommen!


Kalte Stille: Thriller
Kalte Stille: Thriller
von Wulf Dorn
  Gebundene Ausgabe

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fein und detailliert konstruierter Horrortrip - im besten Sinne!, 23. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Kalte Stille: Thriller (Gebundene Ausgabe)
Der Psychologe Jan Forstner wird vom Direktor der psychiatrischen "Waldklinik" zurück in die alte Heimat gerufen, um dort in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Doch die Rückkehr nach Fahlenberg bewirkt gleichzeitig eine Rückkehr der Erinnerungen an die damalige Nacht, in der Jans Bruder Sven spurlos verschwand. Geblieben ist ihm nur der Schmerz, die Wut und ein Diktiergerät samt Kassette, die nur die kalte Stille des Wartens zeigt.

Jan muss bald feststellen, dass er nicht nur seinen Dämonen der Vergangenheit gegenübertreten muss. Die Heimkehr wirbelt eine Menge Staub auf die eine Vielzahl an ungeklärten Fragen offenbart. So wie es scheint, hat die verhängnisvolle Nacht des 11. Januars 1985 nicht nur sein Leben verändert, sondern sorgt dafür dass bis zum heutigen Tage sich die Leute mit den Konsequenzen auseinandersetzen müssen. Erstaunlich, wie ein einzelner Spaziergang einen derartigen Einfluss auf die verschiedensten Personen haben kann. Beinah nicht zu glauben, und umso schöner, dass Wulf Dorn alle Verstrickungen sehr plausibel und realistisch darstellt.

Gleichzeitig werfen aber auch neue Ereignisse genug Fragen für Forstner auf. Rund um seine Person scheinen die Leute aus verschiedensten Gründen zu sterben oder dem Tode nahe zu sein, und je weiter Jan in die Vergangenheit schaut, umso gefährlicher wird es für ihn und seine Mitmenschen. Dabei wird Jans eigene Obsession mit der Suche nach dem Verbleib seines Bruders nach einigen Kapiteln schon Nebensache, als der Handlungsfaden mit Nathalie Köpplers Tod ins Gesamtgewebe gesponnen wird und sich überraschend sauber in die eigentliche Geschichte einfügt. Ich hätte schon beinahe nicht mehr an eine Auflösung des übergreifenden Plots gerechnet, und doch findet jedes der gezeigten Schicksale tatsächlich seinen Weg ins brillante Ende. Und mit einer Wanderung zwischen Ironie und Melancholie schafft es Dorn die umfassende Klammer zu schließen. Hut ab vor dieser feinen Konstruktion und dem beachtlichen Fingerspitzengefühl!

Dass Dorn einen guten Psycho-Thriller schreiben kann, hat er zuletzt mit seinem Debut "Trigger" mehr als bewiesen. Mit "Kalte Stille" geht er allerdings noch einen Schritt weiter und macht den aus dem Vorgänger bekannten Ort Fahlenberg zum Protagonisten seiner Geschichte. Jeder Ort hat bekanntlich seine Geheimnisse, und jeder Bewohner trägt seinen Teil dazu bei. Was wir bei "Kalte Stille" sehen, ist allerdings nur ein Bruchteil dessen, was uns noch auf uns wartet. Ich kann beileibe nicht sagen, dass ich diesen fiktiven Ort gerne als Urlaubsziel hätte, wenn es ihn denn gäbe. Aber in Papierform freue ich mich schon sehr auf den nächsten Besuch!


Der Sünde Sold: Kriminalroman
Der Sünde Sold: Kriminalroman
von Inge Löhnig
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Großartige Besetzung, 20. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Der Sünde Sold: Kriminalroman (Taschenbuch)
Unweit der bayrischen Metropole München, im kleinen Dorf Mariaseeon, verschwindet ein kleiner Junge spurlos. Dies bringt die Kriminalpolizei auf den Plan, allen voran den charmanten Einzelgänger Konstantin Dühnfort, der mit seinem Team nun vor Ort ermittelt. Das bedeutet für den Kommissar vor allem eines: Sich genau mit der Geschichte und den Personen des Dorfes auseinandersetzen. Und das möglichst schnell, die Zeit scheint ihnen davonzulaufen.

Die Handlung klingt auf den ersten Blick nicht besonders aufregend, entwickelt sich aber über die Zeit hinweg zu einem spannenden Rätselspiel. Das liegt vor allem an den Bewohnern Mariaseeons, allen voran die "Zugereiste" Agnes, die mit ihren ganz eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Ihr neues Leben im Dorf will ihr anfangs noch nicht so gelingen, doch Schritt für Schritt wagt sie sich näher an die Personen, die sie in diesem Ort so trifft. Umso schlimmer trifft sie es, wenn diese ihr wieder entrissen werden.

Auch der zweite Protagonist des Romans (und ich stelle ihn bewusst hinter Agnes an), Konstantin "Tino" Dühnfort, überzeugt auf voller Linie. Seine Überlegungen sind nachvollziehbar, seine Vorlieben, Sehnsüchte und Standpunkte wirken zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt. Über jedes "Merde", das ihm entfährt freut man sich, und wenn er dem Rätsel nach und nach auf die Spur kommt, ist auch die nötige Spannung nicht mehr weit.

Sogar der mysteriöse Antagonist findet seinen Raum im Buch und ist mehr als fein ausgearbeitet. Die kommenden Morde scheinen zwar religiös motiviert, doch der Leser bekommt einen so offenen Einblick in das Leben des Täters, dass man schnell merkt, was da eigentlich dahinter steckt. In Filmen gilt ja oft, dass je weniger man über den Gegenspieler erfährt, dieser umso interessanter wird. In "Der Sünde Sold" ist genau das Gegenteil der Fall. Sowieso, nicht nur dieses Dreiergespann ist besonders gut ausgearbeitet, jeder einzelne Bewohner Mariaseeons, und ist der Auftritt noch so klein, hat seine Vergangenheit, seine herausstechenden Eigenschaften und ist im besten Sinne ein Original.

Inge Löhnig ist zweifelsohne die Mutter ihrer Figuren: Sie kennt alle Eigenheiten, Stärken wie Fehler, und hütet sich davor darüber zu richten. Stattdessen lässt sie ihre Charaktere leben und gibt ihnen den Freiraum zur Entfaltung, den sie brauchen. Fernab sämtlicher Klischees und Stereotypen gibt's in "Der Sünde Sold" eine großartige Besetzung an nachvollziehbaren und realistischen Personen, die einen auch über gewisse Schwächen hinwegsehen lassen, wie zum Beispiel die zwar gering auftretende, dennoch zu pauschale Satanistenkiste.

Ein starkes Debut, ich freu mich auf den Nachfolger.


Ohnmachtspiele. Kriminalroman
Ohnmachtspiele. Kriminalroman
von Georg Haderer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

5.0 von 5 Sternen Konsequente Fortführung eines gelungenen Charakterporträts, 19. August 2010
Zurück in Wien muss Major Schäfer erkennen, dass die Ereignisse aus "Schäfers Qualen" ihm doch tiefer in den Knochen stecken, als er anfangs angenommen hat. Auf unbestimmte Zeit beurlaubt besteht sein einziger Zeitvertreib in Schwarzweißfilmen und Stunden bei einem guten Psychotherapeut. Bis eines Tages an einem Donauufer eine Leiche angeschwemmt wird, und die durch Budgetkürzungen äußerst gering besetzte Kriminalpolizei Wien einig Schäfer wieder auf den Plan ruft, der den Fall schnellstmöglich lösen soll. Schneller, als ihm übrigens lieb ist. Denn eigentlich steht für die Politiker und den Polizeipräsidenten die Lösung schon längst fest und passt hervorragend in die Statistik, die am Jahresende erwartet wird. Doch nicht mit Schäfer. Nicht nur, dass die angeschwemmte Frau sein Interesse weckt, auch sind der alte Fall eines im Wald vergessenen Junkies und ein weiterer Mord an der Tochter eines reichen Großindustriellen ausschlaggebend, dass Schäfers Talent unter all den Depressionen und Angstzuständen wieder zum Vorschein kommt. Der grausame Tod als Motor, die Politik und Selbstzweifel als Bremse. Warum eigentlich nicht Kindergärtner werden?

Georg Haderer führt in seinem zweiten Schäfer-Krimi das Porträt des innerlich zerrissenen und äußerlich kaltschnäuzigen Polizeimajors konsequent weiter: Vor allem die Rückkehr Schäfers in seine Wahlheimat, die Zusammenarbeit mit dem in den letzten Jahren vertrauten Menschen und wie diese durch äußere, beinah unkontrollierbare Einflüsse sich zu verändern droht steht im Mittelpunkt der Charakterentwicklung, die wieder einmal außerordentlich gelungen ist. Erfrischend nachvollziehbar sehen wir eine Gratwanderung zwischen knallhart offener Selbstanalyse und bissigem Humor, oft auch beides zugleich. Dabei scheut Haderer nicht davor zurück, Schäfer mehr als einmal ordentlich gegen die Wand fahren zu lassen, seine eigenen Theorie und Konzepte werden nicht nur von den Obrigen abgelehnt, sondern oft auch durch die Realität vor seinen Augen zerstört. Mehr als ein zu Depressionen neigender Ermittler verkraften kann? Vielleicht.

Unterstützt wird die Charakterisierung Schäfers vor allem durch die Riege an Nebenfiguren, die teilweise im ersten Band schon vorgestellt wurden, sich jetzt aber vollends entfalten. Gerade Bergmann und Kamp, die durch die kurzen Auftritte in "Schäfers Qualen" schon überzeugen konnten haben hier eine Menge Raum bekommen. Dabei präsentieren sie sich nicht nur selbst hervorragend, sondern zeigen auch ihren unumstrittenen Einfluss auf Schäfer. Auch die Familienseite wird mit dem Auftritt seines Bruders Jakob und dessen Tochter verstärkt betrachtet. Dabei sei allerdings gesagt, dass es nicht nötig ist den ersten Band der Reihe zu kennen, aber gerade mit Bergmann und Kamp hat man sicher doppelt so viel Spaß, wenn man schon das Gefühl hat, sie zu kennen.

All diese Charakterzeichnung würde allerdings nicht wirken, wenn die Handlung sie nicht tragen würde. Und auch da kann Haderer mit der Idee des "Kartenspielmörders" absolut überzeugen. Gestützt wird das ganze durch den gelungenen Stil aus dem Vorgänger: Teilweise protokollartige Abläufe, wenig Äußerlichkeiten beschrieben, dafür mehr den Blick auf oft übersehene Details und Emotionen. Und dazwischen immer wieder ein neues, auflockerndes Experiment in Sachen literarische Ambitionen.

Alles in allem eine gelungene Fortsetzung samt konsequenter Weiterentwicklung in Stil und Figur. Die Wechsel zwischen melancholischen Selbsterkenntnissen und bissigem Witz hat es mir besonders angetan: Zum Lachen, zum Nachdenken, zum Rätseln und zum Staunen. Gerne mehr davon.


Das Wörterbuch der Liebenden: 2 CDs
Das Wörterbuch der Liebenden: 2 CDs
von David Levithan
  Audio CD

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Innovativ erzählte Lovestory für Romantiker, 18. August 2010
Das Wörterbuch der Liebenden erzählt eine Liebesgeschichte, die eigentlich keine Geschichte sein will. Vielmehr ist es eine Reihe an Episoden und Betrachtungen aus dem Leben eines Liebespaares, von der ersten Begegnung weg bis hin zu einer äußerst schweren Krise, das Folgende darauf beinah unvermeidlich.

Dabei ist an eine gewohnte zeitliche Abfolge nicht zu denken, wie das Buch selbst erklärt:

"Wir enthüllen unsere Geschichte einander nicht chronologisch. Es ist nicht so als könnten wir unseren Gegenüber auf einen Stuhl pflanzen und sagen: Erzähl mir alles! [...] Manchmal merken wir nicht einmal, dass wir uns häppchenweise offenbaren."

Dieses Zitat kann als Motto des Buches angesehen werden, da zu einer Reihe an Wörtern, alphabetisch sortiert, der Erzähler immer wieder seine Gedanken zu seiner Beziehung kundtut. Seien es Anekdoten, Stimmungen oder generelle Gefühlseindrücke bei ganz alltäglichen Situationen, die jeder von uns schon einmal erlebt haben müsste. Dabei beweist der Erzähler ein Gespür fürs Detail, oft wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, dass gerade zu einem gewissen Wort so eine Geschichte folgt. Bei genauerem Betrachten bzw. erneutem Anhören allerdings kommt man hinter die doppelbödige Meinung.

Erneut Anhören bzw. Lesen kann man übrigens oft genug. Das Buch eignet sich hervorragend für Zitatesammler, die besonders auf feine Betrachtungen eines Liebenden stehen. Dabei wird David Levithan allerdings nie übertrieben kitschig, freut sich einfach an Details und kleidet sie in oft passende, teils auch nah an der Grenze zum Pathetischen gewählte Worte.

Von der Idee ganz abgesehen gelingt es dem Autor durch gezielte Aneinanderreihung der chronologisch auseinandergefädelten Ereignisse harte Sprünge zu kreieren, die durch Wechsel Betrachtungsweise oft vom "gemeinsam" auf das "einsam" springen und eine ganz andere Atmosphäre erzeugen. Spricht der Erzähler im einen Eintrag noch vom guten Sex, kommt im nächsten Absatz bereits die Meinung "warum gibt's keinen Knopf am Steißbein, der dich kommen lässt".

Die Charaktere bekommen unglaublich viel Freiheit, sich zu entfalten. Besonders der Erzähler, der sich schnell als relativ unsicher und zweifelnd entpuppt. Anders hingegen seine Frau, die er auf Podeste hebt, von unten dann allerdings auch durchaus kritisch sein kann. Früh genug merken wir auch, dass nicht alles rosig im Leben der beiden verläuft, und alles scheint sich dann um den Tag zu drehen, an dem der Erzähler etwas erfährt, was er nicht wissen wollte.

Darauf läuft es tatsächlich hinaus, unglaublich kunstvoll in den letzten Seiten verstrickt, als die Erzählweise selbst Teil der Handlung wird und alles im absoluten Höhepunkt endet, und dieser ist nicht nur metaphorisch gemeint.

Noch eine kleine Anmerkung zum Hörbuch: Ungekürzt und vom Übersetzer Andreas Steinhöfel unglaublich gefühlvoll vorgetragen! Die perfekte Stimme zur erzählenden Person, da muss sehr viel Herzblut in die Übersetzung geflossen sein.

Ein wundervolles, romantisches wie verträumtes Liebesbuch. Innovativ erzählt und zum Wiederlesen anregend. Allerdings auch gut, dass es einigermaßen kurz gehalten ist, für einen längeren Text hätte der Wörterbuchstil wohl nicht gehalten.


Shutter Island: Buch zum Film
Shutter Island: Buch zum Film
von Dennis Lehane
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Die Mutter aller Psychothriller, 18. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Shutter Island: Buch zum Film (Taschenbuch)
US Marshal Teddy Daniels und sein Kollege Chuck werden im Jahre 1954 auf die Insel Shutter Island gebracht, die in Bostoner Nähe Ashecliffe Hospital beherbergt, eine Hochsicherheits-Klinik für nervenkranke Straftäter. Dort soll nämlich eine gefährliche Patientin unter mysteriösen Umständen ausgebrochen sein, und es liegt nun an den beiden Marshals, diese wiederzufinden. Dass Teddy Daniels diese Ermittlungen leitet, ist kein Zufall, denn auf Shutter Island befindet sich noch ein weiterer Patient, einer, mit dem Teddy noch eine Rechnung offen hat. Langsam kommt er ihm auf die Spur, merkt allerdings, dass sich anscheinend das gesamte Krankenhaus gegen ihn verschworen hat und einiges nicht mit rechten Dingen zugeht.

Schon die Kurzbeschreibung der Geschichte klingt nach einem Stereotyp, und es soll nicht bei dem einen bleiben. Wenn man ehrlich ist, ist Shutter Island eine Anhäufung von Klischees, beginnend beim Horrorszenario auf der verlassenen, im Sturm untergehenden Insel über der dort ansässigen Nervenklinik samt dubiosen Psychiater und der damit verbundenen Geheimniskrämerei. Alles schreit nach "schon einmal dagewesen", alles kommt einem unglaublich bekannt vor und dennoch: Es funktioniert tadellos!

Shutter Island macht einfach Spaß. Zwar jagt ein Klischee das andere, aber man findet sich bei weitem nicht in einem lahmen Aufguss wieder, sondern merkt, dass der Autor mit einer leichten Ironie so etwas wie ein großes Zitatekino veranstaltet. Jede Szene, Darstellung und Figur ist eine bescheidene Verbeugung vor Hollywoods schwarzer Serie, den Hardboiled-Detektiven und all jenen Gruselgeschichten, in denen ein "Doktor" im Titel vorkommt. Man fühlt sich wohl, dieses Potpourri an Ideen auf so frische Weise verknüpft zu sehen.

Das würde allerdings nur beschränkt gelingen, wenn Dennis Lehane nicht einen so dermaßen eleganten wie fesselnden Schreibstil hätte. Ich hasse es zwar, wenn ich so etwas sagen muss, weil es viel zu banal klingt, dennoch: Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Dieser "Ach das eine Kapitel geht schon noch" Effekt vor dem Schlafengehen, dieses ewige wissen wollen, wie es weitergeht. Und das, obwohl ich den Ausgang der Geschichte schon vom Film her kannte! Vier Tage auf Shutter Island mit Teddy Daniels, und man selbst ist mitten im Geschehen.

Und trotz all der Ironie und den vor Testosteron sprühenden Alt-Hollywood-Dialogen -- Teddy und Chuck spielen sich gekonnt die Bälle zu -- ist die Spannung ständig am Höhepunkt. Besonders als der Hurrikan aufzieht und Teddys Isolation in "feindlichem Gebiet" deutlich wird, fürchtet man um die Charaktere, die einem so schnell ans Herz gewachsen sind.

Das Ende greift ebenfalls tief in die Psychothrillerkiste und zieht nichts Neues aus dem Hut, fügt sich allerdings perfekt in die Handlung ein. Und es überrascht erneut, wie oft man schon vom Buch selbst auf die richtige Lösung hingewiesen wurde, man allerdings diese Details gekonnt übersehen hatte. Mit all dieser Zitatfreudigkeit und der mehr als gelungenen Umsetzung hat man hier wohl die Mutter aller Psychothriller in den Händen. Ich fand's großartig.


Das alte Kind
Das alte Kind
von Zoë Beck
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kein Thriller, aber ein gelungenes Familiendrama, 11. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Das alte Kind (Taschenbuch)
Berlin 1978: Die Kunsthändlerin Carla Arnim ist außer sich. Da will ihr nach wenigen Tagen der Trennung das Krankenhaus tatsächlich das Kind einer anderen als ihre Felicitas unterjubeln. Mütter wissen es besser und erkennen ihre Kinder, doch leider will niemand ihr glauben.

31 Jahre später, in Edinburgh: Fiona erwacht in ihrer blutgefüllten Badewanne, die Pulsadern aufgeschnitten. Den scheinbare Selbstmordversuch noch einmal glücklich abgewendet, steht die dreißigjährige vor einem Rätsel: Sie wollte sich nicht umbringen. Da hat jemand anderes an den Handgelenken gekratzt. Und schon gibt es die erste Parallele: Auch ihr will keiner glauben.

Dass bei den Bluttransfusionen dann weder Vater, noch die verstorbene Mutter die gleiche Blutgruppe aufweisen wie Fiona ist da nur noch ein weiterer Hinweis fürs Offensichtliche: Irgendwie müssen ja die beiden zeitlich getrennten Handlungsfäden irgendwann zusammenlaufen. Daraus macht die Autorin Zoë Beck keinen Hehl: Die Verbindung der beiden Protagonistinnen ist klar, und das WAS ist schnell geklärt. Und auch wenn die Charaktere ca. 200 Seiten brauchen, bis sie selbst darauf kommen, schafft es die Autorin sich doch hauptsächlich auf das WIE zu konzentrieren.

Zu Schade allerdings, dass es auch da kaum Überraschungen gibt. Die Handlung verläuft nicht nur äußerst geradlinig, sie verläuft auch so, wie man es sich von Beginn an vorstellt. Einzig und allein zwei zusätzliche Handlungsstränge stechen da angenehm heraus: Zum einen Geschichte um Cedric Darney, der Fionas Ex-Liebhaber Ben auf journalistische Ermittlungsreise zu einem Fertilitätsspezialisten schickt. Hier gibt es nicht nur viele Andeutungen und ungeklärte Fragen, allerdings verläuft die Handlung schneller im Sand als gedacht bzw. löst sie sich buchstäblich in Rauch auf. Schade, für Cedric hätte nicht nur mehr Platz im Buch gewünscht, auch wär hier eine etwas rundere Auflösung schön gewesen.

Die andere Nebenhandlung betrifft Fionas Mitbewohnerin Mòrag, meine Lieblingsfigur in diesem Roman, die mit Abstand die größten und interessantesten, psychischen Probleme hat. Sie schafft es auch, ein wenig Thriller in die ganze Angelegenheit zu bringen und steckt die ersten Hinweise auf die andere, die ungeklärte Frage von Fionas Ausgangssituation. Leider verschwindet auch Mòrag schon nach wenigen Seiten. Damit auch der Thriller, der kommt erst auf den letzten 40 Seiten wieder ins Spiel.

Der Rest ist vor allem eines: Familiendrama. Allerdings verdammt gut geschrieben. Auch wenn der Spannungsbogen für einen Thriller praktisch nicht vorhanden ist, erschafft die Autorin eine wunderbare Besetzung an fein ausgearbeiteten Charakteren. Diese Detailverliebtheit, die Sprache und die im Klappentext angesprochene, atmosphärische Dichte haben mich echt an das Buch gefesselt. Teilweise geizt Beck auch nicht mit schwarzem, britischem Humor. Die Szene mit dem Anwalt gegen Ende? Ich hab Tränen gelacht.

Nur braucht es schon mehr, als ein "Kind" im Titel und einen Killer am Ende, um einer gelungenen und gut ausgearbeiteten Familiensaga dieses Ettiket aufzukleben. Daran kann man sich stören, sollte man aber nicht. Die Geschichte ist gut, die Personen sind einnehmend, und wie fein die parallel laufende Erzählweise Atmosphäre erzeugt, das ist nur noch großartig!


Bacons Finsternis: Roman
Bacons Finsternis: Roman
von Wilfried Steiner
  Gebundene Ausgabe

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nichts ist erhellender als Bacons Finsternis, 9. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Bacons Finsternis: Roman (Gebundene Ausgabe)
Arthur Valentin ist einsam. Zuerst verlässt ihn seine Frau Isabel, direkt anschließend seine Lebensfreude. Die folgenden Wochen verbringt er isoliert, im ewigen Blues -- beinah ein "High Fidelity" für Intellektuelle -- umgeben nur von Isabels Hinterlassenschaften: B-Movies und Punkrock. Das unausweichliche Aufrappeln und Mut fassen bringt ihn zu seiner ersten Tätigkeit abseits des Abschottens in der alten, ehemals gemeinsamen Wohnung: Arthur besucht eine Ausstellung von Francis Bacon. Und aller Ironie zum Trotz findet er gerade in den surrealen Gemälden des britischen Künstlers seinen Frieden: Die Figuren Bacons, frei von sämtlicher Existenz an Sinn und Erlösung geben dem Antiquar neuen Antrieb, neuen Lebensmut, ein Ziel und lösen obendrein eine wahrhafte Obsession aus. So tourt Arthur als Bacon-Groupie den Bildern durch ganz Europa nach, weiß allerdings noch nicht, dass ihn dies wieder näher an Isabel bringt, als ihm eigentlich lieb ist...

Es ist schön, wenn man an ein Buch ohne Erwartungen rangeht und binnen kürzester Zeit angenehm überrascht wird. Noch schöner ist es allerdings, wenn ein Buch mittendrin immer wieder von neuem überrascht: Die anfängliche Beziehungsaufarbeitung wird schnell zum melancholischen Kunstroman und nimmt später über weite Strecken sogar Thriller-Züge an. Dazwischen versteht sich Bacons Finsternis durchaus auch als (äußerst zitatreiche) Biographie, die Francis Bacons Leben und Schaffen nicht nur näher beleuchtet sondern auch gekonnt mit der übergreifenden Handlung verbindet. Am Nachhaltigsten sind allerdings Steiners detaillierte Beschreibungen der Gemälde, die fernab von überspitzer Kunstkritik vor allem sehr emotional geraten sind. Ich kannte vorher kein Bild des Malers, doch die Bilder, die der Autor mit Worten kreiert waren besonders eines: Gewaltig.

Diese Sprünge im Handlungsablauf können vielleicht für den einen oder anderen Leser sperrig wirken und ein wenig den Zugang zur Geschichte verwehren, sind allerdings für meinen Geschmack äußerst rund gehalten und fügen sich nahtlos in das Gesamtgeschehen ein. Vor allem wird es auch nie schulmeisternd oder verkopft, sondern bleibt durchwegs hingebungsvoll. Ein gutes Stichwort für die Figur des Arthur Valentin, dessen Entwicklung vor allem zeigt, dass durch obsessive Hingabe oft die eigene Person auf der Strecke bleiben kann. So ist Bacons Finsternis vor allem eines: Eine Liebesgeschichte. Von der Liebe zu einer Frau, der Liebe zur Kunst, und am Ende auch der Liebe zu sich selbst, die man leider viel zu oft vernachlässigt.


Wie man leben soll: Roman
Wie man leben soll: Roman
von Thomas Glavinic
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sympathischer Antiheld im definitiven Anti-Lebensratgeber, 2. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Wie man leben soll: Roman (Taschenbuch)
Karl Kolostrum, von allen mehr oder weniger liebevoll Charlie genannt, ist der falsche Teenager zur falschen Zeit: Als übergewichtiger und laut Lebensratgeber eindeutig als "Sitzer" deklarierter Jugendlicher Mitte der Achtziger Jahre fehlt es vor allem an einem: Orientierung. Wie soll man leben, wo soll man sich hinbewegen, und wie soll man das bewerkstelligen, wenn man so gar keinen Antrieb hat, überhaupt etwas zu verändern?

So lernen wir Charlie kennen, wie er von einer Lebensphase zur anderen schwimmt, ohne wirklich zu bemerken, dass er die vorige verlassen hat und in die nächste reingekommen ist. Einzig Charlies Leidenschaften sind Eckpfeiler in seinem Leben: Zum einen die Musik, zum anderen natürlich die Frauen, die auch bei ihm nicht ausbleiben. Denn merke: Mit wem man geht ist eine Frage der Gelegenheit, nicht der Wünsche. Zwischen den Beziehungen sehen wir Charlie vor allem als typischen, ewigen Studenten, den passivsten Mitstreiter einer aktiven Studentenbewegung und vor allem als "den guten Tatsch", den man halt als hochprozentiger Sitzer und minimaler Draufgänger bieten kann.

Thomas Glavinic hat mit "Wie man leben soll" nicht nur den sympathischsten Antihelden aller Zeiten geschaffen, sondern diesen auch sprachlich in ein einzigartiges Kostüm gesteckt: Die Geschichte an sich wird selbst im Stil eines Lebensratgebers dargestellt, der Protagonist nur als "man" bezeichnet und ist mit diversen, eingestreuten Zitaten und Merksätzen gespickt. Dadurch entsteht eine ungeheure Bindung zur Hauptfigur, auch wenn man -- so hofft man -- sehr wenig mit ihm gemeinsam hat. Andererseits fragt man sich am Ende doch, ob wir nicht alle ein bisschen Charlie Kolostrum sind.

Und auch wenn die Geschichte zeitlich eindeutig fixiert ist und als Generationenporträt verstanden werden kann, passt die Stimmung, die Orientierungslosigkeit der Hauptfigur und die szenischen Ereignisse auch auf Jugendliche aus der heutigen Zeit. Viel mag sich zwar geändert haben, aber auch ich, der bei Charlies erstem Mal gerade einmal vier war, kann mich doch in einigen Dingen wiedererkennen. Und nicht nur bei der hohen Affinität zu Led Zeppelin.

"Wie man leben soll" ist schlussendlich vor allem eines: Ein überaus ironischer, spaßiger und popkulturell geprägter Anti-Lebensratgeber. Ich hab Tränen gelacht, und schön langsam frage ich mich, ob Glavinic auch ein Buch geschrieben hat, das mich nicht überrascht und mir nicht gefällt.


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