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Rezensionen verfasst von
T. A. Wegberg "Textremist" (Berlin)

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Der Seidenspinner: Roman (CORMORAN STRIKE-FÄLLE, Band 2)
Der Seidenspinner: Roman (CORMORAN STRIKE-FÄLLE, Band 2)
von Robert Galbraith
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Umfangreiches Lesevergnügen, 31. Dezember 2014
Der Privatdetektiv Cormoran Strike erhält den Auftrag, einen verschwundenen Schriftsteller aufzuspüren. Seine Frau ist zwar daran gewohnt, dass Owen Quine gelegentlich für eine Weile untertaucht, doch nun drücken sie finanzielle Sorgen und die Belastung, die gemeinsame Tochter allein betreuen zu müssen.

Strike nimmt Kontakt auf zu Quines Verleger, seinem Lektor, seiner Literaturagentin und einigen Autorenkollegen. Auch seine Sekretärin und Assistentin Robin Ellacott muss bei diesem Fall ihr detektivisches Talent unter Beweis stellen. Schließlich findet Strike den vermissten Schriftsteller – ermordet auf eine besonders bestialische und ungewöhnliche Art.

Als er auf Umwegen an Quines letztes, noch unveröffentlichtes Manuskript gelangt, in dem die Hauptfigur auf genau dieselbe Weise ums Leben kommt, wird Strike und Robin klar, dass Quine hier einen Schlüsselroman geschrieben hat und dass sein Mörder unter den wenigen Personen zu finden sein muss, die ihn bereits gelesen haben. Das engt den Kreis der Verdächtigen zwar ein – aber jeder Einzelne von ihnen hat ein Motiv, jeder lügt offensichtlich, und die Jagd nach dem Mörder wird zu einem kniffligen und gefährlichen Wettlauf gegen die Zeit.

Der Seidenspinner ist der zweite Roman von Robert Galbraith (hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Bestseller-Autorin Joanne K. Rowling). Es handelt sich um eine Fortsetzung zu Der Ruf des Kuckucks, in dem die Figuren Strike und Robin bereits eingeführt werden; trotzdem kann man den Seidenspinner auch lesen, ohne das erste Buch zu kennen. Im Text wird recht häufig – für meinen Geschmack vielleicht etwas zu häufig – auf die Ereignisse des Vorgängerromans verwiesen.

Ebenso wichtig wie die Kriminalgeschichte ist das Privatleben der beiden Ermittler. Strike hat sich von seiner langjährigen Freundin Charlotte getrennt und ist immer noch nicht ganz darüber hinweg. Er neigt zu alkoholbedingten Abstürzen, ist übergewichtig und plagt sich mit seiner Unterschenkelprothese, die er seit einem Kriegseinsatz in Afghanistan tragen muss. Robin dagegen plant die Hochzeit mit Matthew, der jedoch ihre Arbeit für den Privatdetektiv – und den Detektiv selbst – missbilligt und mit größter Skepsis betrachtet, was sie wiederum verärgert. Seit ihrer Kindheit träumt sie von kriminalistischer Arbeit und möchte auch keineswegs nur als Sekretärin, sondern als Ermittlerin tätig sein.

Strike und Robin bilden ein originelles Team, das sich aufgrund seiner Gegensätze ergänzt: Strike ist chaotisch, unbeherrscht und etwas depressiv, dabei aber genial. Robin dagegen ist überaus strukturiert, ehrgeizig und behält jederzeit die Kontrolle, hat aber weniger Erfahrung. Im Seidenspinner erweist sie sich als hervorragende, kaltblütige Autofahrerin. Trotz ihrer Unterschiede respektieren und schätzen die beiden einander. Wie in jeder nahen Beziehung kommt es immer wieder zu Missverständnissen und Verletzungen, die meist auf mangelnde Kommunikation zurückzuführen sind. Eine erotische Anziehungskraft zwischen Robin und Strike existiert wenn überhaupt nur sehr unterschwellig, was die üblichen Klischees angenehm umgeht.

Im Seidenspinner geht es um den Mord im literarischen Milieu, und so enthält dieser Roman zahlreiche hübsche Seitenhiebe gegen den Literaturbetrieb. Eitelkeiten, Talentlosigkeit, Selbstüberschätzung und Exzentrismus werden wunderbar lebensnah geschildert, sogar das brandaktuelle Thema des Selfpublishing im E-Book-Bereich wird aufgegriffen. Der Großteil der Handlung findet in London statt, und alle erwähnten Ortsnamen sind authentisch. Das macht den Seidenspinner besonders reizvoll für Leser, die London kennen und bestimmte Straßen oder Gebäude darin wiederentdecken.

Vor allem aber ist das Buch als Kriminalroman ein echter Pageturner. Immer neue Aspekte schaffen überraschende Wendungen, die Ermittler geraten in Gefahr, es gibt irreführende Spuren, offensichtliche Lügen und obskure Querverbindungen zwischen den Verdächtigen.

Sprachlich erreicht der Roman ein mittleres bis gehobenes Niveau; man versteht die Handlung auch, wenn man nicht jedes Fach- oder Fremdwort kennt. Den höchsten Schwierigkeitsgrad stellen die zahlreichen handelnden Personen und ihre teils recht ungewöhnlichen Namen dar. Um sich im „Personal“ des Buches zurechtzufinden, sollte man es zügig lesen, denn es bedarf einiger Konzentration, die verschiedenen Charaktere jederzeit zuordnen zu können.

Der Seidenspinner erfüllt die Lesererwartungen gleich in mehrfacher Hinsicht: Er bietet Spannung, psychologische Schlüssigkeit, ein authentisch geschildertes Setting und sympathische, etwas unorthodoxe Protagonisten.


Jakobsweg: Die Brücke der Königin
Jakobsweg: Die Brücke der Königin
Preis: EUR 1,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Weg als Ziel, 31. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Als Mark in St.-Jean-Pied-de-Port ankommt, um sich auf den legendären Jakobsweg zu begeben, trägt er schwer an seinem Gepäck. Weniger im wörtlichen Sinne als vielmehr in Bezug auf die seelischen Lasten, die er mit sich herumträgt und die ihn stärker ausbremsen, als er selbst vermutet. Durch innere Einkehr und Einsamkeit auf dem alten Pilgerweg will er zu sich finden und seine seelischen Verletzungen heilen.

Doch Mark bleibt nicht lange allein. Allerhand sonderbare Gestalten kreuzen seinen Weg und zwingen ihn zur Auseinandersetzung mit dem Zwischenmenschlichen – und darüber letztlich auch zu einer Weiterentwicklung seiner selbst. Auf dem Jakobsweg schließt Mark nicht nur Freundschaften, lernt Demut und Entspanntheit, sondern er begegnet schließlich auch Bella, die in ihm eine Saite zum Klingen bringt, die er längst für zerrissen gehalten hatte.

Ganz leicht macht sie es ihm allerdings nicht. Denn auch Bella trägt seelisches Gepäck mit sich herum, und eine unbedachte Äußerung Marks zerstört beinahe das fragile Band zwischen ihnen. Beide müssen an sich arbeiten, Vergangenes hinter sich lassen und seelische Blockaden überwinden, um sich für einen neuen, gemeinsamen Weg zu öffnen.

Der Jakobsweg wird zur Metapher für das Leben selbst, das zwar einen konkreten Startpunkt, aber kein klar definiertes Ziel kennt. Umwege, Abweichungen, Sackgassen und Irrtümer sind jederzeit möglich und tragen alle zum inneren Reichtum und Erfahrungsschatz bei. Und es geht auch nicht gänzlich ohne das Miteinander, wie Mark anfangs glaubt: Ohne die Hilfe anderer, sei sie bewusst oder zufällig, ist jeder Weg ein vergeblicher.

Thomas T. Horas erzählt diese moderne Parabel mal poetisch-zart, mal handfest, mit viel Humor und alltagstauglich verpackter Philosophie, psychologisch schlüssig und sprachlich versiert. Nicht nur für Pilgerer lesenswert!


Von Ende bis Anfang: Projektarbeit zum Thema Leben und Tod aus kindlicher Perspektive
Von Ende bis Anfang: Projektarbeit zum Thema Leben und Tod aus kindlicher Perspektive
von Inge Beer
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Universell einsetzbar, 9. September 2013
Tod und Sterben gelten immer noch als Tabuthemen - erst recht im Umgang mit Kindern. Tatsächlich können Vorschulkinder die Tragweite des Todes oft noch nicht richtig erfassen, sondern halten ihn eher für einen besonders tiefen Schlaf oder eine lange Reise. Das ist aber kein Grund, sich darüber auszuschweigen! Inge Beer zeigt in ihrem Buch, wie Pädagogen, aber auch Eltern den Wissenshunger kleiner Kinder stillen können, ohne ihnen Angst zu machen.

Das Entscheidende an ihrem Projektansatz ist die aktive Einbeziehung der Kinder selbst. Anstatt ihre Fragen aus der Erwachsenen-Perspektive zu beantworten, wird ihnen zunächst die Möglichkeit gegeben, eigene Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Anschließend überlegen sich Erzieher und Kinder gemeinsam, welche Fachleute wohl vertiefte Informationen liefern könnten. Diese Spezialisten - im vorliegenden Falle Bestatter, Steinmetze, Friedhofsmitarbeiter usw. - bekommen dann eine Liste aller Fragen vorgelegt, die den Kindern auf den Nägeln brennen.

Durch den persönlichen Kontakt mit betroffenen Berufsgruppen bekommt jedes Thema eine ganz andere Relevanz, und am Ende haben die Kinder nicht das Gefühl, belehrt worden zu sein, sondern sich selbstständig ein neues Wissensgebiet erobert zu haben. Das sind Erfahrungen, die lange nachwirken und tiefe Eindrücke hinterlassen!

Beim Thema "Tod" zeigte sich außerdem schnell, dass sich daran viele andere Fragen anschließen, so dass es sich nach und nach zu einem ganz umfassenden Projekt ausweitete, das unter anderem auch den Besuch auf einer Säuglingsstation oder in einem Altersheim mit einschloss. Die Tatsache, dass die Autorin noch nach zwanzig Jahren von einem ihrer ehemaligen Kitakinder auf diese Erlebnisse angesprochen wurde, beweist, wie eindrucksvoll sie waren!

"Von Ende bis Anfang" ist kein klassischer Ratgeber mit trockenen Handlungsanweisungen, sondern ein sehr persönlich und kurzweilig erzählter Projektbericht mit Universalcharakter. Die hier geschilderten Erfahrungen sind in zahllosen Themengebieten anwendbar und deshalb eine unschätzbar wertvolle Anregung für alle Pädagogen und Eltern.


Matchbox Boy
Matchbox Boy
von Alice Gabathuler
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Im Sog des Geschehens, 25. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Matchbox Boy (Taschenbuch)
Jorina, Dany und Leonie sind reiche, verwöhnte Oberschulzicken und verbringen die Sommerferien am elterlichen Swimmingpool mit genau jenen Gesprächen und Tätigkeiten, die man eben von solchen Mädchen erwartet. Der neue Gärtner - jung, gut aussehend, offenbar ein bisschen scheu - kommt ihnen gerade recht. Aus Langeweile machen sie ihn heiß, um ihn dann abblitzen zu lassen, oder demütigen ihn mit entwürdigenden Befehlen. Nach wenigen Tagen taucht er nicht mehr auf.

Stattdessen sind die drei Mädchen plötzlich Opfer einer groß angelegten Cybermobbing-Kampagne, die an ihrer Schule beginnt und immer weitere Kreise zieht. Jemand hat Zugriff auf ihre privatesten Bilder, Videos und Notizen und scheut nicht davor zurück, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Freundschaft der drei Nachwuchszicken zerbricht an dieser Belastung sofort, aber auch ihre Familien, ihre schulischen Laufbahnen und ihr gesamtes Privatleben werden in Mitleidenschaft gezogen. Jorina ist die letzte der drei, an der der Matchbox Boy" seine Rache ausagiert, und in ihrem Fall geht es um Leben und Tod.

Alice Gabathulers Buch entwickelt einen enormen Sog und zieht einen sofort ins Geschehen hinein. Man kann es nur schwer aus der Hand legen. Das ist umso erstaunlicher, als es keine wirklich sympathischen Figuren darin gibt, mit denen der Leser sich identifizieren könnte. Trotzdem lässt einen die Eskalation der Ereignisse nicht kalt. Weniger spannend als die Frage, ob die Internetgemeinde nun weitere Enthüllungen fordern wird oder nicht (natürlich wird sie!), fand ich Jorinas persönlichen Umgang mit dieser Herausforderung und die traurige Entwicklung der Mädels-Freundschaft.

Der Roman verknüpft zwei Zeitebenen und rollt in Rückblenden die gesamte Geschichte auf, während in kürzeren Passagen sozusagen der ultimative Showdown zwischen Jorina und dem Racheengel geschildert wird, der die öffentliche Bestrafung initiiert hat. Da man über diesen Rächer wenig weiß und ihn schlecht einschätzen kann, haben diese Abschnitte mich weniger gefesselt, denn so blieb nur Jorinas Perspektive, die versucht, sich ihre Todesangst nicht anmerken zu lassen und sich mit ihrem Eispanzer" zu schützen. Mir fiel es auch ein bisschen schwer, den Schilderungen ihrer verschiedenen Fesselungen und der diversen Ortswechsel zu folgen. Trotzdem wird die beklemmende Atmosphäre einer ausweglosen Situation deutlich.

Gelegentlich werden Auszüge aus Chats eingefügt, in denen die Netzgemeinde über die Bestrafung der Opfer diskutiert. Das ist im Prinzip eine gute Idee, allerdings habe ich noch nie einen Chat gesehen, in dem derart strukturiert, sinnvoll und außerdem noch orthographisch einwandfrei kommuniziert wird!

Lobend zu erwähnen ist unbedingt die sehr liebevolle Gestaltung des Buches, sowohl was das Cover als auch was die Typografie und die Grafiken im Inneren angeht. Auch wenn ich den tieferen Sinn der titelgebenden Streichholzschachteln bis zum Schluss nicht erfasst habe und beim Wort Matchbox immer noch mehr an Autos denke, wird das Thema hier doch konsequent aufgegriffen und grafisch sehr ansprechend umgesetzt.

Der Roman ist nah an der Realität und zeigt vor allem sehr plastisch die zerstörerische Wirkung von Gerüchten. Die Reaktionen der Eltern, der Lehrer, der Geschwister und der Mitschüler sind authentisch und nachvollziehbar. Auch die Entwicklung der Ich-Erzählerin Jorina unter dem Druck der Bedrohung ist psychologisch stimmig. Mir gefällt vor allem, dass sie keine alberne Läuterung" durchläuft, sondern mehr oder weniger sie selbst bleibt, nur eben mit stark reduzierten Emotionen.

Unbedingt lesenswert!


Die späte Ernte des Henry Cage: Roman
Die späte Ernte des Henry Cage: Roman
von David Abbott
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Verschwendung, 26. August 2012
Ein furioser, überaus fesselnder Auftakt: Der Großvater Henry erscheint zur Beerdigung seines achtjährigen Enkels, an dessen Unfalltod er mitschuldig ist. Wie kann ein Mensch mit einer solchen Erfahrung weiterleben? Wie wird das sein Verhältnis zum Sohn und zur Schwiegertochter beeinflussen? Können sie ihm verzeihen? Oder bleibt ein Riss, der zur nachhaltigen Entfremdung führt?

Schade, dass Abbott keine einzige dieser Fragen beantwortet, sondern stattdessen ganz unvermittelt vier Jahre zurückgeht. Nun gut, denkt der Leser etwas irritiert, aber angesichts der spannenden Einleitung geduldig, dann werden wohl jetzt die Ereignisse aufgerollt, die zu dem tragischen Unfall geführt haben.

Erneut Fehlanzeige. Wir erfahren eine Menge über Henry Cage, den vorzeitig in den Ruhestand genötigten Werbeexperten, und seine Schilderung ist auch verhältnismäßig differenziert. Außerdem werden unzählige Nebenfiguren und -handlungen eingeführt, von denen die meisten sang- und klanglos wieder verschwinden. Lediglich der Bösewicht Colin erhält viel Raum zur Entfaltung seiner schurkischen Persönlichkeit, die allerdings trotzdem sehr eindimensional bleibt.

Alles Übrige wird nur mal kurz angespielt, als scrolle Abbott durch eine iPod-Playlist: eine unvollendete Affäre mit einer viel jüngeren Frau, die berufliche Karriere der krebskranken Exfrau Nessa, die rätselhafte Beziehung zwischen Nessa und Jack, die Machenschaften des Werbefritzen Ed Needy, das Leben und Treiben von Colins Freundin Eileen, die Gedankenwelten der Putzfrau Peggy Abraham. Nichts kommt zu einem befriedigenden Abschluss, das meiste bricht schon ab, bevor der Refrain zu hören ist.

Am Ende kommt es zum Showdown zwischen Colin und Henry. Der junge Halunke kommt ums Leben, Henry wird des Mordes angeklagt, dann aber freigesprochen und entschließt sich nach ein paar Wochen, zu seinem Sohn zu ziehen.

Und was ist nun mit dem Enkel? Wie konnte es zu diesem Unfall kommen? Wie geht Henry mit dieser neuerlichen Last um? Wird er daran zerbrechen, nachdem er schon so viel durchgemacht hat? Fragen über Fragen - schließlich hat man Henry nach 240 Seiten ein wenig ins Herz geschlossen, auch wenn er ein relativ dröger und berechenbarer älterer Herr ist. Aber keine der Erwartungen, die das fantastische erste Kapitel dieses Romans geweckt hat, wird erfüllt. Nicht mal der Titel findet seine Entsprechung, denn auch auf eine Ernte wartet man vergebens. Was für eine Verschwendung!


Pampa Blues
Pampa Blues
von Rolf Lappert
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

5.0 von 5 Sternen UFOs außer Kontrolle, 14. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Pampa Blues (Broschiert)
Ben ist sechzehn und der einzige Jugendliche in Wingroden. Müsste er sich nicht um seinen senilen Opa Karl kümmern, so wäre er schon längst weg, am liebsten in Afrika, dem Land seiner Träume. Sein Vater ist tot, seine Mutter tingelt als Jazzsängerin durch die Welt, und Ben steckt in einem abgelegenen Dorf fest, dessen Bewohner bis auf eine Ausnahme alle männlich sind und seine Väter, wenn nicht gar seine Großväter sein könnten. Er macht eine vorgebliche Gärtnerausbildung und schraubt leidenschaftlich an alten Fahrzeugen herum.

Der Alltag ist öde und wird durch die abendlichen Zusammenkünfte im Gasthaus Schimmel" auch nicht spannender. Worüber sollte man auch reden, wenn den ganzen Tag nichts passiert ist?

Wenn das so weitergeht, wird Wingroden in Kürze von der Landkarte verschwinden, aber das will Kneipenwirt Maslow, der hier geboren wurde und trotz finanzieller Erfolge wieder zurückgekehrt ist, unbedingt verhindern. Sein Plan ist ehrgeizig: Mithilfe eines selbst gebauten UFOs soll Wingroden weltweite Aufmerksamkeit erregen und zu einem Wallfahrtsort für Journalisten, Wundergläubige und Sensationslustige werden.

Leider zeigen die lokalen Zeitungsredaktionen sich kaum interessiert an den ersten UFO-Sichtungen. Dann taucht Lena auf, die angeblich eine Autopanne hatte. Ist sie eine getarnte Reporterin? Warum sonst hat sie eine so professionelle Fotoausrüstung dabei? Zumindest ist sie jung genug, um Bens Fantasie zu beflügeln, und sie scheint ihren Automechaniker auch gar nicht so übel zu finden. Wenn da bloß nicht Opa Karl wäre, den man keine Minute aus den Augen lassen kann!

Schon auf den ersten Seiten zieht Rolf Lappert den Leser mitten in das schräg-charmante Universum von Wingroden. Der liebenswerte Ich-Erzähler Ben mit seinen nur allzu menschlichen Schwächen und Träumen ist ein wunderbarer Beobachter und charakterisiert die Dorfgemeinschaft präzise, illusionslos und dennoch immer mit respektvoller Zuneigung. Hier wird niemand abgeurteilt oder ausgegrenzt, die Schrullen der Alteingesessenen werden einfach wertfrei beschrieben. Auch Ben ist ja einer von ihnen und wird trotz seiner jungen Jahre genauso selbstverständlich integriert wie sein dementer Opa Karl, der traumatisierte Russe Georgi oder der Bier trinkende Hund Rühmann.

Genau das macht für mich den größten Reiz dieses Romans aus: dass die Charaktere keine Schwarz-Weiß-Abziehbilder sind, sondern liebevoll gestaltete Persönlichkeiten mit sämtlichen Spleens und Momenten innerer Größe, die Menschen nun mal so haben. Hinzu kommt die wirklich witzige Story rund um das falsche UFO, das dem rührigen Maslow ziemlich außer Kontrolle gerät, und natürlich die hauchzarte Liebesgeschichte zwischen Ben und Lena. Es gibt sogar einen mutmaßlichen Mord in Wingroden. Ganz so öde ist es eben doch nicht auf dem platten Land im hohen Nordosten.

Pampa Blues ist im höchsten Maße empfehlenswert, und das keineswegs nur für jugendliche Leser!


Der Gott der kleinen Dinge: Roman
Der Gott der kleinen Dinge: Roman
von Arundhati Roy
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Manieriert und selbstverliebt, 24. März 2011
Sehr zwiegespalten ist meine Meinung zu diesem Buch. Auf den ersten Seiten war ich fasziniert von Roys Sprachgewalt und ihren bildhaften Vergleichen, aber dann zog sich alles schmerzhaft in die Länge. Es wurden Charaktere in epischer Breite eingeführt, die letztlich kaum zur Handlung beitragen und die ich nie richtig lebendig vor Augen hatte, ganz zu schweigen von ihren verworrenen verwandtschaftlichen Beziehungen.

Der Plot ist mit zwei Sätzen erzählt: Indische Zwillinge reißen von zu Hause aus, weil sie sich von ihrer Mutter abgelehnt fühlen, und nehmen ihre frisch aus England angereiste Cousine mit, die dabei ums Leben kommt. Die Mutter hat eine Affäre mit einem Unberührbaren, einem Paravan, die für beide tragisch (und tödlich) endet.

Und das wars auch schon ... Die Handlung trägt einfach keinen Roman von 380 Seiten. Vollkommen banalen Ereignissen wie etwa dem Warten am Flughafen auf die englische Cousine werden ganze Kapitel gewidmet, und auf Dauer wirkt Roys übermäßig poetische Sprache, die sich in zahllosen Wiederholungen gefällt, eher manieriert als beeindruckend. Ungefähr auf halber Strecke wollte ich die Lektüre eigentlich aufgeben, nur eine Art preußische Disziplin hat mich bei der Stange gehalten, und im letzten Drittel wurde es dann auch wieder ein bisschen besser. Hier überzeugte Roy vor allem mit ihrem Einfühlungsvermögen in die kindliche Psyche.

Was sich durch den gesamten Roman zieht, ist eine morbide Präzision in der Schilderung von Körperausscheidungen, Schleim, Krankheiten und Verkrüppelungen sowie äußerster Gewalt, die mich sehr angewidert hat. Das mag allerdings eine sehr subjektive Abneigung sein.

Außerdem werden viele Themen angerissen, aber nicht wirklich ausgearbeitet. So flüchten die Zwillinge etwa zu einem geheimnisumwitterten Haus, in dem der Geist eines Mannes spuken soll - doch außer ein paar nebulösen Andeutungen erfährt man nie, wessen genau er sich schuldig gemacht haben soll.

Meine Hauptmotivation der Lektüre war der Wunsch, mehr über Indien zu erfahren, und in dieser Hinsicht konnte ich tatsächlich einiges dazulernen, insbesondere über das Zusammenwirken der Religionen in Kerala, über die Nachhaltigkeit des Kastensystems und auch über die Konfrontation der Menschen mit einer kaum zu kontrollierenden ungezähmten Natur.

Insgesamt bin ich ziemlich enttäuscht von diesem Buch, das mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde und von dem ich schon deshalb deutlich mehr erwartet hätte.


Verfluchter Sommer
Verfluchter Sommer
von Oliver Fehn
  Broschiert
Preis: EUR 11,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verschlungene Wege, 28. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Verfluchter Sommer (Broschiert)
Bennie ist fünfzehn, in einem Alter also, das an Verwirrung und emotionalen Schwankungen kaum zu übertreffen ist. Und genau das spiegelt sich in Oliver Fehns gesamtem Roman "Verfluchter Sommer" wider. Bennies Weg durch diesen Sommer ist kein geradliniger, sondern er führt ihn immer wieder in Sackgassen, in die Irre oder von seinem Ziel weg.

Dieses Ziel - seinen älteren Bruder zu finden - verliert ohnehin schon bald an Bedeutung, weil so viele andere Dinge passieren, die größere Aktualität besitzen. Das ist keineswegs nur Bennies allmähliche Einsicht, dass er sich auch von Jungs erotisch angezogen fühlt. Es geht zudem um das Verständnis für andere, um das Durchschauen von Blendern, um das Enthüllen von Lügen und das Einstehen für Freunde. Gleichzeitig löst Bennie sich immer mehr von seinem Elternhaus ab - ein typischer Coming-of-Age-Roman also.

Oliver Fehn hat ein Gespür für schöne, außergewöhnliche Formulierungen, die immer wieder dazu verlocken, das Lesen für einen Augenblick zu unterbrechen, um sie auszukosten. Genau dieses Talent ist es auch, das über ein paar logische Schwächen hinwegtröstet: die Initialen von Conny Rogler sind ganz sicher nicht B.R., Stiefmütterchen blühen im Spätsommer schon lange nicht mehr, und das von Tanita als Goldkettchen beschriebene Schmuckstück mutiert nur ein paar Seiten weiter zum Silberamulett. Sei's drum: die meiste Zeit sieht man Bennie, seine Mitmenschen und die Umgebung durchaus plastisch vor sich.

An einigen Stellen hätte mir persönlich etwas weniger gnadenloser Realismus besser gefallen. Die sehr häufigen Schilderungen von abgekauten Fingernägeln, speicheligen Küssen, Schweißgerüchen, vollgepissten Hosen und dergleichen mehr haben verhindert, dass ich echte Sympathie für die Protagonisten entwickeln konnte - aber vielleicht bin ich ja auch einfach nur ein bisschen überempfindlich ;-)

Gleichwohl bleibt "Verfluchter Sommer" ein lesenswerter Roman über das mühsame Geschäft des Erwachsenwerdens unter erschwerten Bedingungen!


Und was wirst du, wenn ich groß bin?
Und was wirst du, wenn ich groß bin?
von Sven Kemmler
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sommerfrische, 6. August 2010
Das Buch zum Sommer: heiter, entspannt und nicht zu lang! Angelockt durch das überaus originelle Cover, das übrigens vom Autor persönlich stammt (Respekt!), habe ich mir diesen Titel recht spontan gegönnt und war nicht enttäuscht. Kemmler schreibt mit leichter Hand, man hört die Erfahrung heraus, und seine Idee, eine Art Autobiografie an 32 Berufen aufzureihen, ist durchaus einzigartig.

Sympathisch ist auch die Unerschrockenheit, mit der er den Ich-Erzähler wenig Schmeichelhaftes über sein Arbeitsethos wiedergeben lässt. Das Ganze kommt immer mit reichlich Selbstironie und Augenzwinkern daher, zumal die einzelnen Kapitel sich keineswegs nur auf berufliches Pfadfinden beschränken, sondern eher ein Gesamtpsychogramm darstellen.

Na schön, ab und zu ist der Witz ein bisschen zu bemüht, da bricht wohl der Comedian durch; und die unerwartet ernste Abhandlung über Tod und Krankheit gegen Ende des Buches macht den Leser nach all der flockigen Heiterkeit ziemlich ratlos. Aber das sind nur Marginalien. Im Großen und Ganzen kann man dieses Buch als Sommerlektüre auch anspruchsvolleren Geistern ruhigen Gewissens empfehlen.


Retro
Retro
von Olivier Bouillère
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Reiten auf der Ekelwelle, 6. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Retro (Gebundene Ausgabe)
In letzter Zeit haben sich ja gerade jene Autoren als besonders erfolgreich erwiesen, die - unter Verzicht auf schriftstellerische Begabung - am freimütigsten über Ekelthemen aller Art schreiben. Bouillère springt auf diese Welle bereitwillig auf.

Schon der Einstieg hätte mich misstrauisch machen sollen. Wenn erwachsene Menschen so wahllos Drogen konsumieren, wie nicht mal Teenager es tun, klingeln bei mir die Alarmglocken: Will sich da jemand mit besonderer Abgebrühtheit interessant machen?

Bouillère lässt es nicht dabei bewenden. Er wendet das an, was er vermutlich für einen Kunstgriff hält: einen fantasyartigen Zeitsprung zurück in sein zehntes Lebensjahr. Leider verschenkt er alle literarischen Möglichkeiten, die in dieser an sich ganz charmanten Idee stecken, denn er hätte genauso gut einfach von Anfang an seine Kindheitserinnerungen wiedergeben können. Nur an sehr wenigen Stellen schimmert sein 30-jähriges Bewusstsein durch; die meisten Ereignisse, die er ja alle schon mal erlebt hat, scheinen aus seiner Erinnerung vollständig verschwunden zu sein. Und das ist erstaunlich, denn schließlich wird nicht jeder Zehnjährige von einem wildfremden Mann anal mit Whisky abgefüllt oder schaut zu, wie einem anderen Jungen mit Sekundenkleber nach und nach sämtliche Körperöffnungen versiegelt werden.

Ich denke, anhand dieser beiden kleinen Beispiele wird auch der Ekelaspekt hinlänglich deutlich.

Sprachlich dümpelt das Ganze auf - nun, eben auf Zehnjährigen-Niveau dahin. Viele kleine kurze Sätze im Präsens, die meist mit "Ich" beginnen. Man fühlt sich an einen Schulaufsatz erinnert. Nicht gerade eine literarische Offenbarung.

Dass der deutsche Verlag (aus Kostengründen?) auf ein Lektorat verzichtet hat, was einem auf jeder einzelnen Buchseite mindestens drei Rechtschreibfehler zumutet, kann den Würgereiz des Lesers beim besten Willen nicht lindern.

Den einzigen Stern verdient "Retro" für sein Cover. Das ist wirklich unglaublich geschmackvoll, wunderbar gestaltet, hat eine sehr edle Ausstrahlung - und ist an dieses Buch leider verschwendet.


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