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Rezensionen verfasst von
Ophelia

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Fahrenheit 451
Fahrenheit 451
von Ray Bradbury
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Düster und faszinierend, 14. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Fahrenheit 451 (Taschenbuch)
Fahrenheit 451 ist ein dystopischer Roman aus dem Jahre 1953. Die Geschichte spielt in einer Welt, in der es verboten ist, Bücher zu lesen, geschweige denn zu besitzen. Es gilt als gefährlich, selbstständig zu denken, da es die Menschen zu antisozialen Wesen entwickle und somit die Gesellschaft destabilisiere. Die Bürger denunzieren sich gegenseitig und erstatten Anzeige bei der Feuerwehr, deren Aufgabe es nicht etwa ist, Brände zu löschen, sondern selbst Feuer zu legen, um noch vorhandene Bücher zu verbrennen. Einmal wird eine ältere Frau mitverbrannt, weil sie lieber sterben will, als ohne Bücher zu leben. Die Feuerwehrmänner tragen Uniformen mit der Nummer 451, genau die Temperatur (232° C), bei der Bücherpapier Feuer fängt und verbrennt, sowie einen Salamander auf der rechten Schulter als Symbol des Feuers.

Protagonist in diesem Werk ist der Feuerwehrmann Guy Montag, der genau wie alle anderen in diesem abgestumpften System funktioniert und seine Freude daran hat, Bücher zu verbrennen. Doch dann lernt er die 17-jährige Clarisse aus seiner Straße kennen, die anders ist als alle Menschen, die Montag je kannte. Die Menschen in "Fahrenheit 451" würden sie als "nicht konform" und "unnormal" bezeichnen, weil sie ein Mensch ist, der noch auf die Natur achtet und weiß, wie sich Regen auf der Haut anfühlt. Alle anderen Menschen sind durch die Dauerberieselung durch Massenmedien wie TV und Radio stumpfsinnig, primitiv und emotionslos geworden.

Durch Clarisse erfährt Montag eine Veränderung: Er beginnt, sich Gedanken zu machen, was wohl in den Büchern so Gefährliches drin stehen könnte und wie das Leben früher war, als Bücher noch einen Platz in der Gesellschaft hatten. Seine Zweifel gehen so weit, dass er einige Bücher bei Verbrennungsaktionen mitgehen lässt und später beschließt, den Feuerwehrdienst für immer zu quittieren. Er findet einen Komplizen, den ehemaligen Literaturprofessor Faber, der ihm den Sinn der Bücher vermitteln möchte.

Doch natürlich bleiben Montags Bücher nicht unentdeckt und eine dramatische Aktion endet in einem Fiasko....

Die Gesellschaft, die Bradbury schafft, erinnert aus heutiger Sicht ein bisschen an uns selbst. Sinn und Zweck des ganzen Daseins in "Fahrenheit 451" ist es, die Menschen permanent zu unterhalten und mit sinnlosen TV-Serien ruhigzustellen, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen. Dabei hat das ganze gar keinen politischen Hintergrund, wie man vermuten möchte. Die Menschen sollen glücklich sein, und Bücher sind verboten, weil sie einem zum Nachdenken bringen können und einen traurig stimmen können. Montags Frau Mildred ist ein klassischer Vertreter dieser "Spaßgesellschaft" - sie hat rund um die Uhr einen "Knopf im Ohr" mit Radiodauerbeschallung, so dass sie gar nicht mehr schlafen kann und versucht, mit Schlaftabletten und Rennfahren runterzukommen. Man kann sie sich bildlich vorstellen, weil man beim Lesen gar nicht drum herum kommt, die Welt Bradburys mit unserer heutigen zu vergleichen und feststellen muss, dass man doch mindestens einen Vertreter à la Mildred kennt.

Fahrenheit 451 ist einfach zeitlos, weil Bradbury vorausgesehen hat, in welche Richtung sich die Menschheit entwickeln wird. Sicherlich kann man das nicht eins zu eins übernehmen, aber mich hat erschreckt, wie viel Wahheit drin steckt und wie wenig wir davon entfernt sind, so zu enden wie in Fahrenheit 451.

Bradburys Zukunftsvision ist düster und beängstigend, aber ebenso faszinierend. Sehr lesenswert!

Hier noch ein Ausschnitt aus dem Buch, der mir besonders gut gefallen hat (Montags Vorgesetzter):
"Arbeite mit dem Zeitraffer, Montag, rasch. Quick? Nimm, lies, hör zu! Kick, Tempo, Match, Tip, Du, Sie, Er, Wir, Alle, Eh? Uh? Ruck, zuck, Bim, Bam, Bumm? Zusammenfassungen von Zusammenfassungen, Zusammenfassungen der Zusammenfassungen von Zusammenfassungen. Politik? Eine Spalte, zwei Sätze, eine Schlagzeile! Und dann, mittendrin, ist plötzlich nichts mehr da. Wirble den Geist des Menschen herum im Betrieb der Verleger, Zwischenhändler und Ansager, dass das Teufelsrad alles überflüssige, zeitvergeudende Denken wegschleudert! [...] Weniger Schule, der Lernzwang gelockert, keine Philosophie mehr, keine Geschichte, keine Sprachen. Der muttersprachliche Unterricht vernachlässigt, schließlich fast ganz aufgehoben. Das Leben drängt, die Berufsarbeit geht vor, an Vergnügungen nachher ist kein Mangel. Wozu etwas lernen, wenn es genügt, auf den Knopf zu drücken, Schalter zu betätigen, Schrauben anzuziehen?"


Halloween
Halloween
von Ray Bradbury
  Broschiert

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Surreal und temporeich, 14. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Halloween (Broschiert)
In dieser kurzen phantastischen Geschichte nimmt uns Bradbury mit auf eine Reise durch die Zeiten auf der Suche nach der wahren Bedeutung von Halloween.

Acht Jungen verkleiden sich zu Halloween, um wie jedes Jahr um die Häuser zu ziehen auf der Suche nach Süßigkeiten. "Was Schönes her, sonst hexen wir!" rufen sie. Sie kommen an ein düsteres Haus, in dem der unheimliche Downground wohnt, der ihnen einen schönen Schrecken einjagt und sie mitnimmt auf eine surreale Reise durch die Jahrtausende und Kulturen, angefangen bei Ägypten vor 4000 Jahren, über Hexenkulte im Mittelalter bis hin zum Bau von Notre Dame in Paris. Auf diesem Trip lernen sie nicht nur die wahre Bedeutung Halloweens kennen, sondern müssen auch ihren verloren gegangenen Freund Pipkin retten, bevor es zu spät ist!

Dieses Buch ist schwer zu beschreiben! In einem unglaublichen Tempo wird der Leser fortgerissen in fremde Orte und Zeiten und erlebt die verschiedensten Totenkulte mit. Sprachgewaltig schafft Bradbury eine schaurig-schöne Atmosphäre, die einen mitreißt. Surreale Elemente verschwimmen zunehmend mit der Wirklichkeit. Ein Buch für Kinder und Erwachsene gleichermaßen, das man jedes Jahr zu Halloween lesen und sich davon bezaubern lassen kann.


Wunschloses Unglück: Erzählung (suhrkamp taschenbuch)
Wunschloses Unglück: Erzählung (suhrkamp taschenbuch)
von Peter Handke
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wunschloses Unglück, 14. Dezember 2011
"Wunschloses Unglück" war mein erster Versuch mit Handke. Sieben Wochen nach dem Freitod der Mutter hat er dieses kleine Werk geschaffen. Er nähert sich der Erinnerung an seine Mutter langsam an, sachlich, aber nicht lieblos. Von Zeit zu Zeit steckt er im Detail fest, merkt dies aber und zieht den Fokus wieder etwas weiter. Es entsteht ein zartes und zerbrechliches Bild der Mutter, doch Handke wird zu keinem Zeitpunkt sentimental oder kitschig. Hin und wieder fand ich seine Erzählweise sehr distanziert, da er von sich und seinen Geschwistern immer nur als "die Kinder" spricht, sich selbst bezieht er in dieser Erzählung nicht ein, es ist, als hätten er und seine Mutter keine gemeinsame Vergangenheit gehabt. Aber eine gewisse Distanz gehört zum Verarbeiten auch dazu, denke ich. Ein kurzes, aber intensives Leseerlebnis.


Der Bürgermeister von Casterbridge: Leben und Tod eines Mannes von Charakter (insel taschenbuch)
Der Bürgermeister von Casterbridge: Leben und Tod eines Mannes von Charakter (insel taschenbuch)
von Thomas Hardy
  Taschenbuch

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Leben und Tod eines Mannes von Charakter", 14. Dezember 2011
Der ärmliche Heubinder Michael Henchard verkauft im Zustand der Trunkenheit und Übermut seine Frau und Tochter auf einem Jahrmarkt, weil er ihrer überdrüssig geworden ist. Schon am nächsten Morgen bereut er seine Dummheit, doch seine Frau ist mit ihrem "Käufer", einem Seemann namens Newson, längst über alle Berge. Von diesem Tag an schwört er, 21 Jahre lang keinen Tropfen Alkohol anzurühren. Viele Jahre gehen ins Land, Henchard lässt sich in der Kleinstadt Casterbridge nieder und erarbeitet sich durch Fleiß und Zielstrebigkeit eine beachtliche Position, schließlich bringt er es bis zum Bürgermeister. Nach fast zwanzig Jahren erscheint seine Frau (ihr Mann Newson gilt als verschollen) mit ihrer Tochter, die er einst so schlecht behandelte, und bittet ihn, sie wieder aufzunehmen, da sie mittel- und heimatlos sind. Henchard, an dem seine alte Schuld immernoch nagt, willigt ein, macht aber zur Bedingung, dass weder ihre Tochter Elizabeth-Jane noch die Bürger von Casterbridge ihre gemeinsame Vergangenheit erfahren. Seine Versuche, das Geschehene wieder gut zu machen, enden jedoch in einem dramatischen Schicksal.

Schon zu Beginn vermag es Hardy, den Leser durch seine detaillierte und einfühlsame Beschreibung der Menschen und ihrer Umgebung in den Bann zu ziehen. Mit wenigen Pinselstrichen malt er ein Bild des frühviktorianischen Englands, in dem die Industrialisierung noch in den Kinderschuhen steckt. Doch bedeutender und faszinierender ist Hardys Fähigkeit, seine Protagonisten zu "psychologisieren". Sprache, Gang, Kleidung und Gesichtsausdruck der Menschen lassen indirekt auf ihren Charakter schließen, das Innere wird sichtbar nach außen gekehrt. Dieser Sinn für Optik und Ästhetik ist sicherlich nicht zuletzt der Arbeit Hardys als Architekt geschuldet. Der Farb- und Lichtsymbolik kommt in diesem Roman ebenfalls eine wichtige Rolle zu. Henchards Charakter ist von wechselhaftem Temperament, er ist widersprüchlich, ungestüm, und eigentlich sehr ungebildet und unkultiviert. Dennoch ist er kein schlechter Mensch, wie die Anfangsszene vermuten lässt. Er erdrückt seine Mitmenschen mit seinen unbeholfen wirkenden Freundschaftsbekundungen, sieht aber nicht, was diese Menschen wirklich wollen und brauchen. Sein Mangel an Menschenkenntnis und Urteilsvermögen verleitet ihn zu Handlungen, die für den außenstehenden Leser nicht nachzuvollziehen sind und die ihn in Situationen bringen, die seinem Ruf ernsthaft schaden. Durch eine Verkettung von Begebenheiten beginnt sein langsamer gesellschaftlicher Abstieg. Es ist das Schicksal eines einfachen Mannes, der sich mühevoll hocharbeitet, es zu Wohlstand bringt, im Innern aber doch der gleiche einfach gestrickte und von Fehlern behaftete Mensch geblieben ist, und dem fortdauerndes Glück nicht gegönnt zu sein scheint.

Zum Untertitel: Er bedeutet nicht das, was er suggeriert, oder was man als Leser mit dem Begriff "Mann von Charakter" verbinden mag. Aber er ist passend. Denn "Charakter ist Schicksal", wie Tochter Elizabeth-Jane aus Novalis zitiert. Im Nachwort wird Hardys Ansicht erläutert, dass man als Mensch nie vollkommen frei handeln kann, sondern dass unsere Persönlichkeit und Veranlagung uns dazu drängen, so zu handeln, wie es unserem Wesen entspricht. Und genau das ist bei Henchard der Fall - er kann einfach nicht aus seiner Haut heraus. Sein Charakter ist konsequent, und genau diese Konsequenz führt ihn in sein düsteres Schicksal.


Cranford
Cranford
von Elizabeth Gaskell
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 6,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Humorvolle und kurzweilige Unterhaltung, 14. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Cranford (Gebundene Ausgabe)
Cranford ist ein fiktiver Ort in England, dessen Vorbild Knutsford in Cheshire darstellt. Die Erzählerin Mary Smith erzählt in Episoden aus dem Leben der Bewohner, insbesondere der Bewohnerinnen, des kleinen beschaulichen Örtchens. Es handelt sich also um keinen Roman im klassischen Sinne, sondern um einzelne Kapitel bzw. Anekdoten, die aber alle miteinander verbunden sind.

"Vornehme Sparsamkeit" ist das Lebensmotto der schon in die Jahre gekommenen Jungfern, die bei der Erzählung im Mittelpunkt stehen. Man hat wenig, aber das was man besitzt, muss auch von Qualität sein. Geldausgeben und Protzen ist für sie ordinär und verpönt. Wenn man sich keine Sänfte leisten kann, so wird dies selbstbewusst damit begründet, dass die Abendluft so mild und erfrischend ist. Eine jede Frau hat sich gut allein eingerichtet, Lebensinhalt sind mangels anderer Beschäftigungen die Besuche bei den befreundeten Damen von nebenan, mit Klatsch und Tratsch und Intrigen kann man sich schließlich wunderbar unterhalten. Des Öfteren wird der heitere Frieden des Dorfes durch tragische Unfälle, Einbrüche und das Wiederauftauchen verschollen geglaubter Verwandter gestört. Doch die Cranforderinnen wären keine echten Cranforderinnen, wenn sie sich nicht zu helfen wüssten!

Mit viel Ironie, Humor und Charme zeichnet Elizabeth Gaskell in einem ihrer bekanntesten Werke ein liebevolles Bild eines frühviktorianischen Dorfes, das die Industrialisierung noch kaum berührt hat. Der leichtfüßige Schreibstil trägt dazu bei, dass man sich als Leser wunderbar in die kleine geschlossene Gesellschaft hineinfühlen und mit den Bewohnern und ihren Problemchen mitfühlen kann.

Auffallend ist die Diskrepanz zwischen den anfänglichen Kapiteln und dem Rest des Buches. Der erste Teil ist deutlich humorvoller und beschwingter. Die Begründung dazu hat ein Vorrezensent schon gegeben. Vor allem im Mittelteil sind einige Längen enthalten; im letzten Drittel hat mich Gaskell dann aber doch überzeugen können, dass sie wunderbar schreiben kann.

Zu dieser Ausgabe: Der Preis ist sehr gut für ein gebundenes Buch, allerdings hat dies auch seine Nachteile: Abgesehen von einigen Tippfehlern fand ich die zahlreichen Fußnoten sehr lästig und z. T. auch wenig informativ. So werden allgemein bekannte Begriffe wie Blutegel oder Spartaner in der Fußnote eräutert.


Lady Chatterley's Lover
Lady Chatterley's Lover
von David H Lawrence
  Broschiert
Preis: EUR 11,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Viel Lärm um nichts, 28. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Lady Chatterley's Lover (Broschiert)
Schauplatz der Geschichte ist zunächst Wragby Hall, wo Constance (genannt Connie) mit ihrem Gatten Clifford Chatterley lebt. Clifford, der im Ersten Weltkrieg schwer verwundet wird und fortan sein Leben im Rollstuhl fristen muss, entwickelt sich mehr und mehr zu einem komischen, gefühllosen Kauz. Als Connies Vater zu Besuch kommt, sieht er, dass mit ihr etwas nicht stimmt, dass sie isoliert und einsam lebt, dass ihr zwischenmenschliche Kontakte fehlen. Er weiß, dass sein Schwiegersohn impotent ist und Constance ihm keine Kinder schenken kann. Constance Vater schlägt vor, dass seine Tochter Reisen unternehmen sollte, um Abwechslung zu haben und andere Menschen kennen zu lernen. Auf einem Spaziergang suggeriert Clifford seiner Frau dies und räumt ihr die Freiheit ein, sich Liebhaber zu nehmen und Kinder zu bekommen. Er würde auch ein uneheliches Kind als sein eigenes akzeptieren, vorausgesetzt, der Vater entspricht seinen standesgemäßen Vorstellungen.

Doch die kluge und eigensinnige Constance verliebt sich in den Wildhüter von Wragby Hall, Oliver Parkin, und beginnt eine Affäre mit ihm, von der Clifford bis zum Ende nichts erfahren wird. Durch das Bewusstwerden ihrer eigenen Körperlichkeit erleben beide eine Wandlung, sie finden zu neuer Lebenskraft zurück. Doch während Constance auf Europareise ist, kehrt Parkins verhasste Frau zu ihm zurück

Lady Chatterley's Lover ist ein gut zu lesendes, geradliniges Buch. Lawrence beschreibt die Charaktere sehr genau und treffend und nicht in schwarz-weiß, so dass man oft nicht genau einordnen kann, ob man diejenige Person nun sympathisch finden soll oder nicht. Das Buch wurde wegen seines angeblichen pornographischen Inhaltes lange Zeit verboten, doch wenn man das Buch liest, kann man darüber eigentlich nur schmunzeln. Dies ist kein Porno-, sondern schlicht und ergreifend ein Liebesroman aus den 20er Jahren. Die "Aktszenen" werden recht abstrakt und emotionslos beschrieben. An sich nicht weiter schlimm, aber wenn man bedenkt, dass der Autor die ganze Zeit rüberzubringen versucht, dass zwischen den beiden mehr als nur das F-Wort besteht, dann wirkt das schon wieder unglaubwürdig. Die Thematik der Überwindung einer Klassengesellschaft durch die Kraft der Liebe ist ein recht komplexes Thema, doch hier hat mich Lawrence nicht restlos überzeugen können. Aus der Gesamtsicht heraus finde ich das Buch recht oberflächlich, das Ende geradezu unbefriedigend. Die Gesellschaftskritik baut Lawrence im ersten Drittel des Buches recht zusammenhanglos ein. Zwar ist richtig, was er am Kapitalismus und an der Industrialisierung zu kritisieren hat, doch kommen seine Worte eher unbeholfen und schmalbrüstig herüber. Das Merkwürdige an dem Buch ist, dass es kaum Höhen und Tiefen gibt, die Geschichte plätschert so vor sich hin und man wartet als Leser regelrecht auf den großen Knall, dass das Liebespaar enttarnt wird. Doch nichts Weltbewegendes geschieht. Nicht einmal die Tatsache, dass Parkins Frau während Constances Abwesenheit auftaucht, haut einen vom Hocker.

Alles in allem ein unterhaltsames Buch, was mich aber nicht restlos begeistert und auch wenig berührt und aufgewühlt hat.


Der Chinese: Roman
Der Chinese: Roman
von Henning Mankell
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

4.0 von 5 Sternen Kein klassischer Mankell-Krimi, 28. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Chinese: Roman (Gebundene Ausgabe)
Nach langer Zeit habe ich mich wieder einen Mankell geschnappt, die Wallander-Reihe ist nun (leider) beendet, und mit seinen Afrika-Romanen kann ich nicht viel anfangen, daher habe ich mich schon auf die Lektüre des Chinesen gefreut.

Enttäuscht wie viele andere wurde ich nicht!
Die Story beginnt Mankell-typisch mit einer düster-winterlich-blutigen Szenerie in Schweden, 19 Menschen eines kleinen Dorfes wurden auf grausamste Weise ermordet. Trocken und analytisch wie gewohnt, doch spannend schildert Mankell die beginnenden Ermittlungen. Die Richterin Brigitta Roslin, die mir vor dem geistigen Auge immer ein bisschen wie eine weibliche Ausgabe von Kurt Wallander vorkam (kaputte Ehe, lose Beziehung zu den Kindern, schlechte Lebensweise, zu viel Stress, aber auch ein hohes Gerechtigkeitsempfinden), findet heraus, dass sie mit einem Ehepaar, das sich unter den Opfern befindet, entfernt "verwandt" ist und beginnt, ein wenig auf eigene Faust zu ermitteln. Bald schon hat sie einen Verdächtigen ausgemacht und versorgt die hiesige Polizei mit Informationen, die sich allerdings nur mäßig zu interessieren scheint, da sie eigene Spuren verfolgt.

Man hat sich gerade so eingelesen, da findet diese Passage ein jähes Ende. Mankell nimmt uns mit auf die Reise in die Mitte des 19. Jh. in Amerika und schildert die unmenschlichen Bedingungen, unter der z. T. verschleppte Arbeiter aus China, Afrika etc. schuften müssen. Hier wird das Einzelschicksal eines Mannes relativ ausführlich dargestellt, doch mich persönlich störte es weniger, da Mankell es versteht, eine Dichte Atmosphäre zu schaffen, so dass die Morde in Schweden erst einmal vergessen sind und man interessiert weiterliest.

Dann schlägt Mankell den Bogen zurück zur Gegenwart und lässt Brigitta Roslin mit einer Freundin nach China reisen. Dort beginnt sie gegen jede Vernunft, nach "ihrem" verdächtigen Chinesen zu suchen, und begiebt sich damit in Gefahr...

An dieser Stelle habe ich erstmals angefangen mich zu ärgern! Von einer Richterin, die schon einige Lebenserfahrung hat, sollte man wirklich mehr Verstand erwarten können! Auf naive Weise ermittelt sie in China und erlebt dort Dinge, von denen sie nicht gewagt hat zu träumen, als sie noch im heimischen und sicheren Schweden war. Mal abgesehen von ihrer unreflektierten Meinung über ihre rote Vergangenheit. So manches Mal habe ich den Kopf schütteln müssen über ihre Blindheit, und genau diese Unvorsichtigkeit und diese Verkettung von Zufällen ist es, die die Lösung des "Falles" nach sich zieht. Das wirkt im Nachhinein recht konstruiert und ein wenig an den Haaren herbeigezogen, ebenso wie das Motiv, welches man am Ende erfährt. Nichtsdestotrotz ist "Der Chinese" ein gelungener Roman - man kann ihn nicht als klassischen Krimi oder Thriller beschreiben (wenn man Mankells Krimis kennt, lässt einen "Der Chinese" vielleicht irritiert oder auch empört zurück), eher Politroman / Gesellschaftskritik mit kriminalistischer Rahmenhandlung, doch wenn man als Leser auf seine Kosten kommen will, sollte man sich von der Vorstellung lösen, einen Krimi nach Schema F oder in CSI-Manier serviert zu bekommen. Das war nicht Mankells Absicht und daher ist ihm auch kein Vorwurf zu machen. Wer unbedarft an die Lektüre herangeht und kein Problem mit der Darstellung von politischen Zusammenhängen hat, wird sicherlich nicht enttäuscht werden.


Der Feind im Schatten: Roman
Der Feind im Schatten: Roman
von Henning Mankell
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Unwürdiger Abschied von Kurt, 28. November 2011
Als eingefleischter Wallander-Fan war für mich natürlich auch der letzte Krimi der Reihe Pflicht. Dieses Buch aber fällt allein schon formal aus der Reihe. Wallander ermittelt hier weitestgehend von zu Hause aus, zum einen hat er Urlaub, zum anderen wurde er suspendiert, nachdem er seine Waffe im Suff in einem Restaurant liegen ließ. Keine übliche Ermittlung im Rahmen des altbekannten Ermittlerteams also. Die Story um das Verschwinden eines alten Offiziers ist sehr konstruiert und um ehrlich zu sein, sehr langatmig und uninteressant. Das Geschehen lässt den Leser seltsam unberührt. Das liegt maßgeblich daran, dass Wallander und sein Leben, das er auch mit 60 Jahren noch nicht in den Griff bekommen hat, mehr im Vordergrund stehen. Er sinniert über die Maßen oft über seine Vergangenheit, Menschen, die er einst geliebt und die nun fort sind, mehrfach wird erwähnt (ich glaube, 3 mal), dass er als junger Polizist ein Messerstecherei überlebt hat und von da an merkt, dass das Leben sehr schnell vorbei sein kann. Leider kann diese simple Erkenntnis ihn nicht dazu bewegen, endlich einmal nur an sich zu denken und sein Leben zu genießen! Immer öfter leidet er an Gedächtnislücken und erkennt nicht einmal mehr seinen Hund (der fast nur im Zwinger auf dem Hof lebt). Permanent werden Wallanders Gedanken an den Tod und seine Angst davor thematisiert. Ich muss sagen, dass das Lesen mich sehr deprimiert hat, ich hatte regelrecht schlechte Laune und einen Unwillen, weiter zu lesen. So habe ich mir ein Finale für Wallander nicht vorgestellt. Dem Ganzen wird noch eine Krone aufgesetzt, als seine große Liebe aus Riga ihn ein letztes Mal besucht, und seine Ex-Frau in die Entzugsklinik eingewiesen wird. Was auch immer in diesem Buch passiert, es ist nie etwas Positives oder Hoffnungsvolles. Die Lösung des Falles übrigens lässt einen recht unbefriedigt zurück.

Tod, Trauer, Einsamkeit. Das hat Kurt Wallander nicht verdient. Eine positive Bilanz und etwas mehr Lebensfreude hätte man dem alten Kurt schon gegönnt. So ist es einfach nur ein unwürdiges Ende einer sonst spannenden Krimireihe.


Wir
Wir
von Jewgenij Samjatin
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Geniestreich, 28. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Wir (Taschenbuch)
WIR spielt im Einzigen Staat, welcher sich nach einem 200-jährigen Krieg und einer letzten Revolution herausbildete. Oberhaupt dieses Staates ist der Wohltäter, der seinen Menschen - diese tragen keine Namen mehr, sondern Nummern - eine bedingungslose Fürsorge angedeihen lässt. Und wer sich wehrt, wird hingerichtet.

Der Staat, das ist eine Stadt, umgeben von einer Grünen Mauer, hinter der die letzten "Wilden" leben. Die Straßen sind schnurgerade, die Wohnblocks kubisch und gläsern, denn im Einzigen Staat haben die Menschen nichts voreinander zu verbergen. Die Gesetzestafel bestimmt das Leben der Nummern im Staat bis ins kleinste Detail: Millionen Nummern stehen zur gleichen Minute, besser: zur gleichen Sekunde auf, nehmen zur gleichen Sekunde die künstliche Naphtha-Nahrung zu sich, zur gleichen Sekunde nehmen sie ihre Arbeit auf, zur gleichen Sekunde legen sie sie nieder, zur gleichen Sekunde gehen sie spazieren, zur gleichen Sekunde - punkt 22.30 Uhr - legen sich alle schlafen. Bei Nacht wach zu sein ist ein Verbrechen, denn die Nacht ist dazu da, ausgeschlafen für einen Tag voller systematischer Arbeit zu sein. Sogar das Liebesleben ist mathematisch geregelt: anhand von Hormonanalysen wird der Bedarf einer jeden Nummer berechnet, nach diesem Bedarf werden rosa Billets für sexuelle Momente ausgeteilt.

Auf diese Weise hat die Menschheit es geschafft, die Wurzel allen Übels - Hunger und Liebe - zu beseitigen. Doch um diesen Zustand des Glücks zu erreichen, mussten die Menschen ihre Freiheit opfern.

"Glück ohne Freiheit oder Freiheit ohne Glück - eine andere Möglichkeit gibt es nicht."

Geschrieben ist der Roman in Form eines Tagebuchs von D-503, dem ersten Konstrukteur der Rakete INTEGRAL. Er soll die Revolution in andere Welten tragen und dafür Traktate und Manifeste verfassen. Das ist auch der Grund, warum er ein Tagebuch beginnt. D-503 ist 32 Jahre alt, hat stark behaarte Hände, die ihn abstoßen, und ist durch und durch Wissenschaftler und Mathematiker. Doch dann lernt er I-330 kennen. Sie zeigt ihm, dass der Einzige Staat die endgültige Formel für das kollektive Glück noch nicht gefunden hat und dass es Menschen gibt, die gegen den Staat aufbegehren und ihn stürzen wollen. Fasziniert von der Andersartigkeit von I-330, entwickelt sich D-503 zu einem, der sich immer mehr vom Kollektiv abkapselt, er beginnt zu träumen und fühlt sich nicht mehr wie vorher. Der Arzt diagnostiziert:

"Es steht schlecht um Sie! Bei Ihnen hat sich offenbar eine Seele gebildet."

Aus Liebe zu I will D sein eigenes Projekt, nämlich die INTEGRAL in den Weltraum zu senden, sabotieren. Doch wird es gelingen? Werden die Menschen aufbegehren und den Staat vernichten?

Samjatins WIR diente sozusagen als Vorlage für folgende Dystopien à la "Brave New World" (Aldus Huxley) und "1984" (George Orwell). Wenn man letztere gelesen hat, so betrachtet man sie nach der Lektüre von WIR mit anderen Augen. Die Parallelen zwischen den Romanen sind nicht von der Hand zu weisen: bei Samjatin herrscht der Wohltäter über den Einzigen Staat, bei Huxley der Weltaufsichtsrat, bei Orwell der Große Bruder. Die primitiven, behaarten Menschen hinter der Grünen Mauer Samjatins kehren bei Huxley als die Eingeborenen der Reservationen, bei Orwell als "Proles" wieder. In WIR gerät der Protagonist durch eine andersdenkende Frau aus dem Gleichgewicht. Diese Idee nahm Orwell in "1984" auf.

Dennoch unterscheiden sich die drei Werke in einem maßgeblichen Punkt: Die Darstellung der Welt in WIR ist deutlich prophetischer, denn zur Zeit, als Samjatin sein Werk schrieb, existierte der Totalitarismus gerade mal in seinen Grundzügen. Im Gegensatz zu "1984" bezieht sich Samjatin nicht ausschließlich auf den Stalinismus bzw. Kommunismus, sondern er lässt mehrere Möglichkeiten offen: Assoziationen zum Nationalsozialismus (Gaskammern, Massenvernichtungswaffen, operative Eingriffe wie die Entfernung der Phantasie im Hirn etc.) sind ebenso gegeben wie Andeutungen zum Bolschewismus. Huxley und Orwell konnten ihre Zukunftsvisionen, nachdem sich in Europa totalitäre Systeme wie Nationalsozialismus und Kommunismus entwickelten, deutlich detaillierter ausmalen und Bezug nehmen auf bereits existierende Maßnahmen zur "Normung" der Menschen. Aber genau das ist das geniale an WIR, das weite Vorausschauen in die totalitären Zustände der Zukunft (man denke an die Grüne Mauer, Sinnbild für den Eisernen Vorhang, sowie an die Geheimpolizei). Daneben wirkt "1984" nur wie ein Plagiat.

Trotz oder gerade wegen der recht drögen und steifen Sprache vermochte das Buch mich in eine gespannte und merkwürdige Atmosphäre zu versetzen. Düster fand ich es nicht, im Gegensatz zu "1984", welches mich sprichwörtlich fertig gemacht hat. "Wir" ist eine bereichernde Lektüre über die Gesellschaft und den Menschen.


Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen
Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen
von John Irving
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Geschichte in der Geschichte, 28. November 2011
"Tom wachte auf, Tim aber nicht. Es war mitten in der Nacht."

"Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen" ist das Buch im Buch aus "Witwe für ein Jahr" von John Irving. Der Kinderbuchautor Ted Cole schrieb die Geschichte für seine kleine Tochter Ruth, die sich im Dunkeln fürchtet.

Der vierjährige Tom wacht nachts von einem unheimlichen Geräusch auf. Er schleicht sich zu seinem Vater. Gemeinsam machen sich die beiden auf die Suche nach dem geheimnisvollen Geräusch. Ein Geräusch "wie ein Monster mit ohne Arme und ohne Beine", es war so ein Geräusch, "wie wenn in Mamis Schrank ein Kleid lebendig wird und von seinem Kleiderbügel runterklettern will", oder wie wenn "ein Gespenst in der Mansarde die Erdnüsse fallen lässt, die es aus der Küche stibitzt hat." Toms zweijähriger Bruder Tim schläft tief und fest und bekommt von der Aufregung nichts mit. Als Toms Phantasie droht mit ihm durchzugehen, findet sein Vater den Urheber des Geräusches - und Tom kann beruhigt weiterschlafen. Es gibt eben doch keine Monster. :smile:

Tatjana Hauptmann illustrierte die Geschichte sehr liebevoll und in kühlen Blau- und Graunuancen, was wunderbar zur nächtlichen und gruseligen Stimmung passt. Eine nette Geschichte zum Vorlesen - und für Irving-Fans sowieso ein Muss.


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