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Beiträge von Gerhard Brouwer
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Rezensionen verfasst von
Gerhard Brouwer
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Tribunal: Thriller (suhrkamp taschenbuch)
Tribunal: Thriller (suhrkamp taschenbuch)
von André Georgi
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kriegsverbrechen in Holland vor Gericht, 3. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In einem spannenden, knallharten und grausamen thriller wird Geschichtsbewältigung mal anders versucht. Dabei wird es kein Politkrimi, der Gegensatz "Moslems - Orthodoxe" in Serbien wird nur am Rande geschildert, auch wenn die Kriegsverbrechen wie Folter und Massenvergewaltigung realistisch und in aller Deutlichkeit wiedergegeben werden.
Eine junge Ermittlerin gerät selber in höchste Gefahr - in einem langen Showdown, der einem den Atem verschlägt, versucht sie ihr Leben und Beweise zu retten.
Die Schwierigkeit des Tribunals in Den Haag besteht darin, Recht zu sprechen über immer noch in ihrer Heimat populäre, ja ehrfürchtig bewunderte Kämpfer der Kriegszeit. Man wird erinnert an die Nürnberger Prozesse mit ihrem Sicherheitsaufwand und ihren Versuch rechtsstaatlicher Bewältigung der deutschen Kriegstaten.
Andre Georgi, der auch Krimis für Tatort und Bella Block geschrieben hat, gelingt ein großer Wurf!


Wider den Zeitgeist I: Aufsätze und Gespräche über Juden, Deutsche, den Nahostkonflikt und Antisemitismus
Wider den Zeitgeist I: Aufsätze und Gespräche über Juden, Deutsche, den Nahostkonflikt und Antisemitismus
von Moshe Zuckermann
  Broschiert
Preis: EUR 21,00

4.0 von 5 Sternen Ein oder zwei Staaten auf Palästina - das Zeitfenster schließt, 13. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Man braucht kein "antizionistischer Antisemit" zu sein, um den Staat Israel und seine Praxis gegenüber Juden wie Nichtjuden aufs entschiedenste zu kritisieren und es bedarf keines "jüdischen Selbsthasses", um Juden, die sich gegen Menschenrechte vergehen, aufs konsequenteste bekämpfen oder zumindest verurteilen zu wollen.
Jüdischer Nationalismus bildete sich heraus in Absetzung von der Diaspora, den Arabern in Palästina und der als feindlich wahrgenommenen Welt. Palästinensischer Nationalismus bildete sich mit der 1967 beginnenden Okkupation durch repressive Routine.

Ist das Judentum eine Religion, ein Volk, eine Nation? Wer ist Jude? In Israel ist die rigide Trennung von Staat und Religion nie recht vollzogen worden. Jude konnte sein, wer als solcher verfolgt wurde, in ein jüdisches Kollektiv geboren war oder sich auf jüdische Geschichte und Tradition berief. Erst 1967 wurde eine religiös-jüdische Sicht politisch wirksam: die "besetzten Gebiete" als Teil des biblischen "Landes der Urväter". Für die fanatischen Siedler steht das religiöse Recht (das von Rabbinern ausgelegte Gottesrecht) über dem säkularen Recht. Der Konflikt zwischen religiösen Gläubigen und atheistischen Säkularen greift ins Selbstverständnis des Staates Israel. Bleibt die Trennung von Staat und Religion ein Lippenbekenntnis?

Nicht Juden, sondern Nichtjuden schufen das "jüdische Problem". Es boten sich drei Lösungswege: die Assimilation (vor allem von den deutschen Juden angestrebt), der Sozialismus (von den kosmopolitisch ausgerichteten Juden erwählt) und der politische Zionismus (auf Errichtung einer nationalen Heimstätte zielend). Der Holocaust verstärkte den dritten Weg um die Notwendigkeit der Schaffung einer Zufluchtsstätte. Die Gründung des zionistischen Staates ging mit dem Unrecht der kollektiven Katastrophe der palästinensischen Bevölkerung einher. Das war keine Form des Rassismus, dazu reicht ein Blick auf die dunkelhäutige äthiopischen und die "nichtweißen" orientalischen Juden in Israel. Mit einer Zweistaatenlösung würde dieser Vorwurf auch entfallen. Die Behandlung der 1,3 Millionen Araber in Israel als Bürger 2. Klasse ist kein biologischer Rassismus, wohl aber ethnisch beseelter politischer Rassismus.
Die Shoah-Rezeption ist in Israel unterschiedlich: der säkulare Zionismus sieht in ihr das Argument, das Exil aufzuheben; Strömungen im orthodoxen Judentum sehen die Shoah als Gottes Bestrafung für den Zionismus, das eigenmächtige Gründen eines Staates gegen das messianische Erlösungsdenken.
Das 1952 abgeschlossene Abkommen zwischen dem westdeutschen Staat und Israel lief auf eine Materialisierung der Sühne hinaus. Nachkriegsdeutschland sonnte sich in "Wiedergutmachung", der Judenstaat ließ sich darauf ein. Das hatte nichts mit Moral zu tun, sondern mit der damaligen Weltteilung.
Die binationale Lösung des Konflikts Israelis/Palästinenser (ein Staat für zwei Völker) hat etwas Akzeptanz gefunden. Warum? Die Räumung des Westjordanlandes könnte zum Bürgerkrieg führen. Israel kann einfach an der Besetzung festhalten. Sie ist aber unrealistisch, weil aus demographischen Gründen die Israelis in die Minderheit gerieten und bei Wahrung der Demokratie das zionistische Projekt vom Judenstaat verloren ginge. Die faschistische Lösung der Vertreibung der Araber würde die Welt und die arabischen Staaten nicht zulassen. Somit ist die Zweistaatenlösung unabdingbar.
Die Linke in Israel kämpft um eine Zweistaatenlösung mit neuralgischen Punkten: Räumung der im 1967er Krieg besetzten Gebiete und Abbau der in ihnen errichteten Siedlungswerke, politische Lösung der Jerusalem-Frage, Rückkehrrecht der Palästinenser. Doch nach der Ermordung von Rabin wurde der Rechte Netanjahu gewählt. Mit der Hisbollah im Norden und der Hamas im Süden erwuchs Israel ein Feind, der auch von den Linken abgelehnt wurde.

Weil Deutsche im 20. Jhd. jüdische Existenz ausgelöscht haben, was nie mehr wiedergutgemacht werden kann, sorgen sie materiell für Israels Existenz, palavern dabei über sein Existenzrecht.
Ein binationaler Staat oder zwei Staaten:: was muss das Ziel sein für Nahost? Das Ideal - bi- oder multinationaler Staat oder eine Konföderation, ist zur Zeit nicht zu haben. Zwei Staaten wären das erreichbare Optimum.

Warum nur vier Sterne für Zuckermanns wertvolles Buch? Die Beiträge überwiegend aus den Jahren 2009-2011 wiederholen sich leider stellenweise.


Auf der Sonnenseite: Warum uns die Energiewende zu Gewinnern macht
Auf der Sonnenseite: Warum uns die Energiewende zu Gewinnern macht
von Franz Alt
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

2 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie 100 Prozent Erneuerbare machbar sind, 31. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Alt wendet sich mit seinem Buch nicht an die Regierenden, sondern an die Neugierigen, um sie zu aktivieren. Er zählt nicht nur Probleme auf, sondern berichtet von Erfolgsgeschichten der Energiewende.
Schon 2009 haben Wissenschaftler in der Scientific American eine Studie veröffentlicht, dass bis 2030 eine vollständige Umstellung auf regenerative Energien möglich ist. Noch haben wir die Chance, den Klimawandel auf zwei Grad zu begrenzen, ansonsten droht der Kollaps. Zu hoffen wider alle Hoffnung: das ist Alts Hoffnung.
Aus Alt prasseln nur so die Fakten, es sprudelt zum Thema: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Die Atomlobby hält er für eine Lügenbande: Sellafield, Tscheljabinsk, Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima; alle 10000 Jahre sollte etwas passieren, alle 10 Jahre ist etwas passiert. Die Energiewende muss beschleunigt werden statt die AKWs teuer nachzurüsten.
1990 wurden noch 21,8 Milliarden Tonnen CO²-Treibhausgase emittiert, 2012 waren es bereits 33 Milliarden - sieht so die Zukunft aus? Die von Millionen Bürgern getragene Energieversorgung ist die Jahrhundertaufgabe, für die wir keine 100 Jahre Zeit haben. An Besuchen von Mustergroßanlagen lässt Alt uns teilhaben wie er immer bewusster das Ziel 100%-erneuerbar für möglich hält, er hämmert es uns richtig ein.
Städte wie Frankfurt verfolgen das Ziel, in 10 bis 30 Jahren auf 100% erneuerbare Energie mit Solaranlagen,Windrädern, Bioenergie, Geothermie, Pumpspeicherkraftwerken, Druckluftspeicherkraftwerken zu erreichen.
Eine weitere Speichermöglichkeit ist die Power-to-Gas-Technologie. Der erneuerbare Strom wird durch Elektrolyse in Wasserstoff und Methanisierung in Methan umgewandelt und dann bei Bedarf rückverstromt - zum Beispiel für Erdgasautos.
Deutschland hat mit natürlichen Speichern unter der Erdoberfläche, den Gaskavernen, große Speicherkapazitäten.
Windstrom aus dem Binnenland ist dabei preisgünstiger als der viel zu teure Offshore-Windstrom. Im Herbst 2012 drehen sich 22644 Windräder mit einer Gesamtleistung von 30016 Megawatt. Große Sechs-Megawatt-Anlagen können Strom für 17000 Menschen produzieren. 2020 kann in Deutschland 40 Prozent des Stroms über Windräder produziert werden.

Beim Biosprit sieht Alt die Schädlichkeit der "Vermaisung der Landschaft", dass Tropenwald für Sojaanbau abgeholzt wird und somit der Fleischproduktion als Tierfutter dient, hilft aber nicht weiter, wenn der Konflikt "Teller oder Tank" zum Konflikt "Trog oder Tank" abgetan wird. Da ist sein Zuruf an die Ökofundis "lernt zu differenzieren" erst die halbe Miete. Auf dem Wege vom Landwirt zum Energiewirt ist energieeffizienter "Schilfgras statt Raps", er fordert Schilfgras in den Tank! Wenn mit Grünabfällen Biogas oder Pellets erzeugt werden, soll sich seiner Meinung nach die Diskussion Teller oder Tank erübrigen.
Geothermie, Wasserkraft, Gezeiten- und Wellenkraftwerken sowie Strömungskraftwerken widmet Alt je einen eigenen Abschnitt.

Folgende Schritte für die Beschleunigung der Energiewende sind notwendig: Vorrang beim Einspeisen der Erneuerbaren (wie im EEG geregelt) und Planungssicherheit; Ausbauziele bis 2020 von jetzt 35 Prozent auf 50-60 Prozent; Abbau der zu teuren Offshore-Windpläne; keine Deckelung der Photovoltaik; Belastung beim Strom aller Wirtschaftszweige; finanzieller Anreiz für Stromspeicher; Förderung der Energieeffizienz bei Autos und Altbauten.
Die Zukunft wird erneuerbar oder wir haben keine, die Energiewende ist die Reformation des 21. Jahrhunderts.

Ein grundlegendes Buch für Erstinformation, aber auch weiterführend!


Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung (3., unveränderte Auflage 2013)
Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung (3., unveränderte Auflage 2013)
von Felix Hasler
  Broschiert
Preis: EUR 22,80

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was kann Hirnforschung wirklich?, 27. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wir leben im Zeitalter von Neuro-Euphorie, der Neuro-Zug rollt, alle machen Hirnforschung, von der Neuro-Philosophie über Neuro-Theologie, Neuro-Finanzwissenschaften bis hin zu sozialen Neurowissenschaften. Immer will man die ursprüngliche Disziplin mit den "neuesten Erkenntnissen aus der Hirnforschung" reformieren.
Die Magnetresonanztomographie (MRT) reduziert letztlich bislang ziemlich ungenügend verstandene Zusammenhänge auf eine Oberflächenbetrachtung. Diese Hirnscanner sind Evidenzmaschinen - man glaubt den Bildern. Am Beispiel von MRT-Aufnahmen bei Zeigen von geliebten und gehassten Menschen demonstriert Hasler, wieviel Spekulation bei der Interpretation herrscht. Weitere Probleme sind Varianz und Treffergenauigkeit bei den Bildern. Es gibt konzeptionelle Mängel, technische Defizite, statistische Fehlerquellen, willkürliche Entscheidungen, nie bewiesene Grundannahmen.

Bis tief in die 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts beschäftigte sich die Neurologie mit hirnpathologischen Veränderungen (Epilepsie, Parkinson, Multiple Sklerose). Befindlichkeitsstörungen in der Domäne des Psychischen waren ein Fall für den Psychiater. Auch wurde psychischen Störungen (Depression, Manie, Zwangserkrankung, Schizophrenie) eine gewichtige soziale Komponente zugesprochen. Inzwischen ist Sozialpsychiatrie zur Sozialtechnokratie verkommen - ihre Bedeutung befindet sich im Sinkflug. Im Trend liegt Molekularpsychiatrie, die psychische Erkrankungen auf zellulärer und subzellulärer Ebene untersucht. Sollte etwas schief laufen (etwa bei einer psychischen Störung), dann ist das Gehirn zu reparieren. Dabei gibt es für die biologische Psychiatrie keine speziellen biologischen Diagnoseverfahren.

In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts standen ein Medikament gegen Psychosen, zwei gegen Angstzustände und zwei gegen Depressionen zur Verfügung. 1957 machten Pharmafirmen in den USA erstmals Verkaufserlöse über eine Milliarde Dollar, 2014 wird die Pharmaindustrie weltweit schätzungsweise 1,1 Billionen Dollar erzielen.
An Fallbeispielen, Publikationsverzerrungen und verzerrten Darstellungen von Forschungsergebnissen erläutert Hasler die Fragwürdigkeit von Erfolgsberichten vieler Psychopharmaka. Auch das Zustandekommen mancher Fachpublikationen in Marketingabteilungen von Pharmafirmen wird beschrieben. Dass Depressionen innerhalb von fünfzig Jahren sich epidemisch verhundertfacht haben, ist unter anderem der "Aufklärungsoffensive" der Pharmaindustrie geschuldet. Antidepressiva sind ein Sieg des Marketing über die Wissenschaft.
Ein Beispiel für das Verkaufen von Medikamenten per Verkaufen der Krankheit ist die "soziale Phobie" am Beispiel von Paxil. Bis in die 1990er Jahre war diese Phobie nahezu unbekannt - 2009 hat SmithKlineBeecham mit Paxil fast 800 Millionen Dollar erzielt.

Dass die Biologisierung der Psychiatrie ein Segen für die Patienten sei, ist ein Mythos und hat sich nicht erfüllt. Trotz jahrzehntelanger internationaler Forschungsanstrengungen hat man immer noch keine Ahnung, wo und was genau bei psychischen Störungen im Gehirn verändert sein soll.
Gehirndoping (Ritalin oder Modafinil) kann vielleicht die Aufmerksamkeitsspanne verlängern, mehr auch nicht - hat in absehbarer Zeit keine Zukunft.

Ein "ich", ein "freier Wille" oder das "Gehirn eines Verbrechers" lässt sich nicht auf das biologische Substrat reduzieren, seine Verortung gehört ins Reich der Mythen. Während Alkohol- und Drogensucht als Erkrankungen des Gehirns verstanden werden, kommt der "Tatort-Gehirn", die Medikalisierung von kriminellem Verhalten nicht voran. Gehirn-Scan mittels MRT-Methode wurde auch vor Gericht in den USA wegen Unzuverlässigkeit zur Wahrheitsfindung nicht anerkannt.

Seit 50 Jahren steht die Hirnforschung ganz kurz vor dem großen Durchbruch. Nach der Überschreitung des "Gipfels der überzogenen Erwartungen" (etwa 2006) kommt hoffentlich nach dem Durchschreiten des "Tals der Enttäuschungen" das Einschwenken auf den "Pfad der Erkenntnis".


Unter Piraten: Erkundungen in einer neuen politischen Arena
Unter Piraten: Erkundungen in einer neuen politischen Arena
von Christoph Bieber
  Broschiert
Preis: EUR 19,80

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Piratenchancen aus längerfristigem Blickwinkel, 18. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Eine Partei zu Zeiten von Mitgliederschwund, Überalterung, schwindender Beteiligungsmöglichkeiten, mangelnder Problemkompetenz, Verfall gesellschaftlicher Anerkennung? Und das bei Möglichkeiten für kurzfristige, bequeme Online-Beteiligung durch digitale Petitionen oder virtuelle Unterschriftensammlungen bis hin zu virtuellem Ungehorsam im Stil von Anonymus?
Geholfen hat den Piraten auch der Versuch der Einführung von Internetsperren (Zensurursula)oder die europaweiten Demonstrationen gegen das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA). Gerade der Zwang zu analogem Handeln neben dem Digitalen wie die Sammlung von Unterstützerunterschriften oder den Mitgliederversammlungen halfen, eben die Verschränkung von digitalem und realem Raum. Nicht so sehr inhaltliche Fragen, vielmehr der Stil der innerparteilichen Meinungs- und Willensbildung charakterisieren die Piraten.
Die "liquid democracy" mit Einsatz von Blogs, Chat-Umgebungen, neuen Kommunikationstechniken positionierte sich gegen "klassisch-repräsentative" Verfahren und sorgte für breitere Beteiligung der Parteibasis.

Vor allem "Transparenz" - Offenheit und Sichtbarkeit politischer Prozesse wurde eingefordert. Lösungen an etablierten Diskursorten (Parlament, Feuilleton, Salon, Talkshow, Stammtisch) befinden sich noch im Anfangsstadium. Ihr Zustand ist nicht als beliebig oder chaotisch, sondern als ergebnisoffen zu beschreiben.
Die Beiträge in dem Sammelband analysieren Innovationsprozesse, die seit längerem anhalten und damit die Kurzatmigkeit des Politikbetriebs übersteigen.
Die Piraten sind nicht ein deutsches Einzelphänomen, sondern Ergebnis und Treiber einer transnationalen Bewegung.
Das neue Milieu liegt in den Herausforderungen einer Wissens- und Informationsgesellschaft, deren alltägliches Leben von Internet und dessen Kultur geprägt wird.
Die nerds werden das nicht durch den Computer, sondern wenden sich ihm zu als Kompensation von Defiziten.
Zu kurz greifen häufige Erklärungen für die Piraten: Protestpartei, Ein-Themen-Partei, neue FDP oder neue Grüne, Online-Wahlkämpfer. Wichtiger ist soziale und kulturelle Teilhabe auch und gerade auf das Wissen im Internet.
Die Piratenpartei träumt von umfassender Transparenz, einer durchsichtigen Verwaltung der Gesellschaft - Postdemokratie?
Was Piraten unter gemeinen Gütern, die allen offen stehen sollen, verstehen, wird auch unter den Begriffen Allmende oder Commons diskutiert.
Ein weiteres Thema, ein Kernthema der Piraten ist die Reform des Urheberrechts.

Differenziert wird dargelegt, dass "Männerbündelei" den Diskussions- und Programmstand nicht trifft, aber progressive, gar (post)Genderpolitik noch nicht gelebt wird (werden kann).
Die Piraten provozieren Lernen bei den Altparteien (der Altmaier-Effekt). Vielleicht modernisiert sich so die politische Repräsentation.

Eine Darstellung der Piraten weit weg von der üblichen in den Medien!


Wir nennen es Politik: Ideen für eine zeitgemäße Demokratie
Wir nennen es Politik: Ideen für eine zeitgemäße Demokratie
von Marina Weisband
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

8 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Innenansicht aus der Piratenpartei, 15. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mit leichter Hand geschrieben berichtet Marina Weisband, wie sie fast ohne politische Erfahrung ein Jahr im Kern der Piratenpartei als politische Geschäftsführerin agiert hat. Ein Rückblick auf ihr junges Leben (geb. 1987) vermittelt das Lebensgefühl ihrer Generation: nach Dampfmaschine oder der Erfindung der Schrift hat der Computer unser Leben verändert. Das Internet, die große Kommunikationsmaschine, prägt sie seit ihrem 13. Lebensjahr. In Münster rutscht sie in die Partei und wird politisiert, übernimmt Funktionen, macht Wahlkampf. Sie will die Gesellschaft, die Menschen ändern, Hilfestellung für den Anpassungsprozess an das Neue bieten.

Im Hauptteil des Sachbuches erläutert sie die Botschaft der Piratenpartei: liquid democracy als Mischform zwischen direkter und repräsentativer Demokratie. Es sollen Netzwerke gebildet werden, die sie nach der Vernetzung unseres Gehirns beschreibt. So soll Macht kontrolliert und Beteiligung erweitert werden. Eine weitere Kernforderung kann erfüllt werden: Transparenz.

Farbig schildert sie die Mühen der Ebene, wie sie die unbezahlte 60-Stunden-Woche als politische Geschäftsführerin durchstand und dabei auch von einer Anti- zu einer Feministin wurde. Beispiele für beleidigende, verletzende Tweets mit antisemitischem oder sexistischem Inhalt machen plastisch, dass der Posten ein dickes Fell erfordert.
In einem Ausblick auf Politik in den Medien und auf die Erfordernis von politischer Bildung zeigt sie gesellschaftliche Defizite auf.

Wer bisher Inhalte und Programm der Piratenpartei vermisste: hier werden sie geboten.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 30, 2013 12:42 AM CET


Innerlich beschnittene Juden: Zu Eduard Fuchs "Die Juden in der Karikatur"
Innerlich beschnittene Juden: Zu Eduard Fuchs "Die Juden in der Karikatur"
von Micha Brumlik
  Broschiert
Preis: EUR 18,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zum Antisemitismus vor der Nazidiktatur, 1. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Micha Brumlik beschäftigt sich in seinem Essay über "Die Juden in der Karikatur" von 1921 des Kommunisten Eduard Fuchs mit der Frage, ob Rassismus und Antisemitismua vorliegt und klopft den Text auf seinen Wahrheitsgehalt und seine Wissenschaftlichkeit ab. Neben zentralen Passagen von Fuchs' Text (zur Rolle der Juden in der Geschichte, dem Anteil der Juden an der europäischen Kultur und warum die Juden von aller Welt gehasst werden) sind von ihm 34 Abbildungen und 8 farbige Bilder, die Geschichte, Verfolgung und Emanzipation der Juden von Mittelalter bis nach dem ersten Weltkrieg plastisch karikieren, wiedergegeben.

Karikaturen sind für Brumlik menschenfeindlicher Spott, von Hässlichkeit gespeist, in denen judenfeindliche Karikaturen über Jahrhunderte einen festen Platz haben.
War Fuchs Antisemit oder Rassist? Er war Antisemitismuskritiker von links, dessen Hauptquelle für die Geschichte des Judentums sein Zeitgenosse Werner Sombart war, von dem er allerhand inzwischen überholte und widerlegte Theorien übernahm, einschließlich seines "intuitiven" Rassebegriffs. Sombart war nach 1933 zeitweise Parteigänger der Nazis.

Die Karikaturen von Fuchs sind breiter angelegt als Darstellungen der Juden als "Kapitalisten" oder "Geldverleiher". Fuchs ist nur eingeschränkt "Marxist", für den in seiner frühen Schrift "Zur Judenfrage" die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum identisch mit der gesellschaftlichen Emanzipation der Juden war. Für Fuchs war die politische Emanzipation der Juden die Weiterentwicklung vom Wucherer zum jüdischen Börsianer.
Während Marx die Geldwirtschaft nicht auf Juden als Verursacher oder Schuldige zurückführt, kann man Luther mit seiner Schrift "Von den Jüden und ihren Lügen" von 1543 als in der Tradition des christlichen Mittelalters stehend bezeichnen, der das Programm der Nazis (ohne den Holocaust) vorwegnahm.

Der Band bietet einen anderen Zugang zur Geschichte des Judentums in Deutschland und gibt neue Anregungen anhand nicht leicht erhältlichen Materials.


Die Hungermacher: Wie Deutsche Bank, Allianz und Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren<br /> Ein foodwatch-Buch
Die Hungermacher: Wie Deutsche Bank, Allianz und Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren
Ein foodwatch-Buch
von Harald Schumann
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was macht das Brot an der Börse?, 28. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Weizen, Mais und Reis sind 300% teurer als 2000. Das trifft nicht die Verbraucher der reichen Industriestaaten, die weniger als 10% ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, sondern die Armutsbevölkerung in den Städten, die für Essen und Transport nicht mehr zahlen können. 2008 gab es in Uganda und Burkina Faso Hungerrevolten, als die Preise für Nahrungsmittel und Öl stiegen. Auch die Armutsstaaten Zentralamerikas wurden besonders hart getroffen, als das Maisbrot, die Tortilla, binnen Jahresfrist bis zu 70% teurer wurde.
Mit der industriellen Revolution kam der erste Siegeszug des Marktliberalismus. 1848 gründeten Getreidehändler in Chicago die Börsengesellschaft. Harald Schumann beschreibt, wie sie funktionierte. An Future-Börsen wird mit Warenterminverträgen gehandelt, die gehandelten Verträge sind unabhängig von der Menge der vorhandenen physischen Ware.
Werden die Preise von Spekulanten nach oben getrieben?
1936 schuf Roosevelt im Gefolge der Großen Depression eine effektive Aufsicht über die Rohstoffbörsen. Unter Nixon wurden die Goldreserven als Pfand gekündigt, ein neues Angebot wurde vermarktet: die Anlage in Rohstoffen. Regulierungen wurden aufgehoben. Schumann geht ins Detail und macht plausibel, dass die Behauptung, die Rohstoffspekulation habe keinen Einfluss auf die Preise für Nahrungsmittel, nicht länger haltbar ist.
Bis 1999 lag der Weizen-Kontrakt der Börse in Chicago zu spekulativen Zwecken bei 20-30%, gut zwei Drittel bei den klassischen Interessenten für die Preissicherung, bis 2006 hat sich das Verhältnis völlig umgekehrt: bis zu 80% geht auf das Konto der Spekulanten, das traditionelle Absichern macht höchsten ein Drittel des Gesamtvolumens aus. Die Schwankungen der Preise verteuern die Absicherung gegen sie. In Erwartung höherer Preise (durch den Future-Markt signalisiert) verkaufen Landwirte häufig nur einen Teil der Ernte und legen den Rest auf Lager.
Schumann erläutert, wie die finanzmarktgetriebene Spekulation eine wichtige Rolle bei den Rohstoffpreisen hat. Die Weltbank schätzte, dass während der Hochpreisphase 2007/2008 an die 100 Millionen Menschen zusätzlich Hunger leiden mussten, weil sie die höheren Preise nicht mehr bezahlen konnten.
In den USA wird eine gesetzliche Begrenzung oder das Verbot von Rohstoffspekulationen von Pensionsfonds und Stiftungen angestrebt. Dagegen hat sich ein "Lobbysturm" der Finanzindustrie formiert.
So weit mit der Regulierung ist man in Europa nicht - vier Jahre nach der großen Krise.
Als 2011 foodwatch und attac mit dem Appell an die Deutsche Bank, kein Geschäft mit dem Hunger zu machen, großes Echo in den Medien fand, nahm Ackermann (Deutsche Bank) mit der Aussage, den Sachverhalt gründlich zu prüfen, den Aktivisten den Wind aus den Segeln. Nach fast einem Jahr hieß es, es geben keine empirischen Beweise für einen Einfluss der Kapitalanleger auf die Getreidepreise. Foodwatch und Oxfam trugen ihr Anliegen auf Aktionärsversammlungen von Deutscher Bank und Allianzkonzern vor. Die Deka-Bank, LBBW und Commerzbank beschlossen, keine Fonds mehr anzubieten, die auf Agrarpreise wetten. Welthungerhilfe, medico international, Misereor, terre des hommes, Katholische Arbeitnehmerbewegung und campact (internetbasiert) unterstützten die Kampagne "mit dem Essen zockt man nicht" und fanden fast 100000 Unterstützer.
Ob die Rohstoffspekulation eingeschränkt wird, ist noch völlig offen, ja höchst fraglich.
Das massenhafte Wettgeschäft auf Rohstoffpreise ist nicht die wichtigste Ursache für den grausamen Skandal, dass mehr als 800 Millionen Menschen hungern müssen, obwohl es genügend Nahrungsmittel auf der Welt gibt. Es gibt aber überwältigend viele Indizien, dass der Missbrauch der Rohstoffbörsen für die Kapitalanlagen die Preise höher treibt, als es nötig wäre.
Es handelt sich um eine Massentötung durch Nichthandeln.


Kampf um Strom. Mythen, Macht und Monopole
Kampf um Strom. Mythen, Macht und Monopole
von Claudia Kemfert
  Broschiert
Preis: EUR 16,90

20 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Erneuerbare-Energien-Gesetz nicht abschaffen!, 18. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Claudia Kemfert liefert eine scharfzüngige, spannende, kenntnisreiche, wissenschaftliche und dabei verständliche, politische Abhandlung zur Energiewende.
Fossile Ressourcen wie Öl, Gas und Kohle sind endlich und werden knapper. Ihr Verbrennen verursacht Treibhausgase, die das Klima gefährden. Die Lösung sind erneuerbare Energien.
Und trotzdem: immer mehr Menschen glauben das Märchen vom teuren Ökostrom. Die Stimmung für die Energiewende droht zu kippen.
Die Energiewende wird häufig mit dem Atomausstieg durcheinandergeworfen. Während letzterer 2022 als Zielmarke hat, wird für sie 2050 als Ziel gesetzt.

Zum Strompreis: während der Staat die Folgekosten, die aus fossilen Brennstoffen entstehen, übernimmt, zahlt der Verbraucher als EEG-Umlage einen Aufpreis für grünen Strom.
Macht es Sinn, für 2050 vorzuplanen? Wenn jetzt Kohlekraftwerke gebaut werden, blockieren sie Ökostromanbieter für Jahre mit ihrer bei weitem umweltschädlichsten Technologie. Um die Kohle konkurrenzfähig zu halten, wird versucht, die Umstellung auf grüne Technologien auszubremsen, zu verlangsamen. Die lange vernachlässigten Stromnetze werden im Interesse der großen Stromversorger ausgebaut, die Kosten den erneuerbaren Energien in die Schuhe geschoben.

Die Forschung von Speicherung des Ökostroms muss weiter gefördert werden.

Für den Ökostrom zahlt der Verbraucher, für Strom aus fossilen Energiequellen fließen Steuergelder in die Taschen der Stromkonzerne. Die Kosten des Ökostroms sind Innovations- und Produktionskosten und gehen in der Tendenz nach unten, die Kosten von Photovoltaikanlagen sind etwa binnen zwei Jahren um die Hälfte gesunken. Da noch viel Forschung und Entwicklung zu leisten ist (besonders bei der Speicherung), ist das EEG weiter wichtig. Bei der Atom- und Kohleproduktion sind Umwelt- und Gesundheitskosten nicht in den Strompreis einbezogen worden und haben ihn somit verbilligt. Die Luft- und die generelle Umweltverschmutzung durch Kohle oder die Umweltschäden durch ein Reaktorunglück stehen in keinem Verhältnis zu den Schäden der erneuerbaren Energien.

Detailliert erklärt Claudia Kemfert die Zusammensetzung des Strompreises und warum er steigt. Der Staat zieht sich letztlich aus der Stromförderung zurück und nimmt den Privatkunden stärker in Haft. Der Anstieg ist nicht darauf zurückzuführen, dass der Strom zu teuer wird, sondern dass er jahrelang zu billig war. Um nicht über Steuererhöhungen diskutieren zu müssen, wird mit Verweis auf Klimawandel und Umweltschutz an den Idealismus der Bürger appelliert. Die EEG-Umlage eignet sich dazu, den grünen Strom zu verunglimpfen und den Wähler zu manipulieren. Durch Nichtweitergabe des sinkenden Börsenpreises und Umverteilung von Subventionen wird der Bürger betrogen.
Weder führt die Energiewende zur Deindustrialisierung Deutschland wie die letzten 22 Jahre gezeigt haben noch zur sozialen Verelendung: der Strompreis steigt seit 15 Jahren um durchschnittlich 4% pro Jahr - vor Ausruf der Energiewende.
Kemfert diskutiert die drei Modelle der Wende und zeigt, dass allein das EEG und nicht der Emissionsrechtehandel oder die Quotenregelung funktioniert. Deutschland könnte Vorreiter werden, wenn nicht wie in der Solarbranche die Förderung weggebrochen wird. Denn während sich die Energiewende ihren Weg bahnt, tobt in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft der Kampf um Strom, um Pfründe, Besitzstände, Macht und Monopole und entfernt sich von der Sache selbst.

Die grüne Energieversorgung wird kommen, es geht darum, wie schnell wir uns von fossilen Energieträgern, insbesondere den so schädlichen Kohlekraftwerken verabschieden.
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 6, 2013 1:12 AM CET


2052. Der neue Bericht an den Club of Rome: Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre
2052. Der neue Bericht an den Club of Rome: Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre
von Jorgen Randers
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen So wird es kommen, auch wenn wir es verhindern könnten, 19. November 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Jorgen Randers, Mitautor der "Grenzen des Wachstums" von 1972, will nicht wie damals vor 40 Jahren Zukunftsszenarien entwickeln (Bevölkerungswachstum, Nahrungsmittel- und Ressourcenknappheit, die sich abzeichnende Umweltzerstörung), um schneller zu technischen Lösungen zu finden, sondern eine Prognose geben mit allgemeinen Trends und Tendenzen. Er veranschaulicht seine Darstellung mit hervorragenden, leicht verständlichen Graphiken (Kurven).

Seine Prognose: Wird der Kapitalismus die auf uns zukommenden Änderungen wie den Sturz aus ehemaliger Herrlichkeit der reichen Welt und die steigende Produktivität im Rest der Welt überleben? Randers prognostiziert: zum Teil, oft stark modifiziert.
Das Wirtschaftswachstum wird nicht mehr so weitergehen können, der Konsum etwa in China wird eingeschränkt werden. Die Demokratie erweist sich als (allzu-) langsam, nach 2052, wo die Probleme immer brennender werden, kommt der Umschwung zur Änderung, spät wenn nicht zu spät. Klimaänderungen bringen mehr Dürren, Hochwasser, Extremwetterereignisse und Insektenplagen. Die Welt ist noch in Betrieb, aber mit höheren Betriebskosten und beängstigenden Aussichten für den Rest des 21. Jahrhunderts. Die Hitze werden zu spüren bekommen die Mitte der Vereinigten Staaten, Osteuropa, Nordafrika, Zentralasien, Westaustralien und die tropischen Wälder rund um den Amazonas. Das BIP wird langsamer wachsen und wir werden lernen, dem Planeten weniger Schaden zuzufügen. Die regionale Verteilung des Anstiegs wird unterschiedlich sein: die Produktivität der Chinesen wird enorm ansteigen, die Amerikaner und Europäer werden auf dem Niveau von 2010 verharren, während der Rest der Welt bedrückend nahe bei dem heutigen Pro-Kopf_BIP bleiben wird.
Während sich zur Zeit in der Weltwirtschaft 25% des BIP auf Investitionen beläuft und drei Viertel auf Konsum, werden zukünftig neue Kosten entstehen (Ersatz für knappe Ressourcen, für gefährliche Emissionen, für ökologische Dienstleistungen wie Wasser von den Gletschern oder Fischproteinersatz, Stilllegung von Atomkraftwerken, Schutz vor Klimaschäden, Wiederaufbau von durch Extremwetter zerstörte Immobilien und Infrastruktur, Unterhalt von Streitkräften zur Abwehr von Immigranten und Verteidigung von Ressourcenvorräten). Die Investitionen werden auf 36% des BIP gebracht werden müssen, zwei Drittel bleiben für den Konsum. Die Weltwirtschaft wird bis 2052 auf das Doppelte anwachsen und die Energieintensität um ein Drittel abnehmen. Somit wird der Energieverbrauch steigen. Durch geringeren Verbrauch an Kohle, Öl und Gas durch erneuerbare Energien wird die Klimaintensität gesenkt werden. Die Atomkraft wird schrittweise an Bedeutung verlieren, denn die wahren Kosten lassen sich nicht verschleiern, die Risiken nach Fukushima nicht begrenzen, Atomanlagen sind anfällig für Terrorangriffe.
2052 werden 80% aller Menschen in Städten leben, 2030 1,5 Milliarden in überfüllten Slums.

Vereinfacht besagt Randers Prognose für 2052, dass es genug Energie, Getreide und Hühnerfleisch sowie etwas Fisch geben wird - außer für die Armen. Und es wird zuviel CO² in der Atmosphäre geben.

Das Internet wird allgegenwärtig sein, wohl ohne den Produktivitätszuwachs zu beschleunigen. Die Privatsphäre, wie wir sie kennen, wird auf der Strecke bleiben. Der Staat wird wohl ein solidarisches Versorgungssystem für Gesundheit in großem Maßstab einrichten, weil es sich als effizienter und gerechter erweisen wird.
Unternehmen werden sich zu Nachhaltigkeit ändern.
Randers fügt der globalen Prognose noch die von fünf Regionen hinzu: den Vereinigten Staaten, Chinas, den OECD-Ländern ohne die USA, den aufstrebenden Schwellenländern und der restlichen Welt.

Schlussendlich bietet Jorgen Randers lakonisch und vergnüglich zu lesen 20 Tipps, deren Erfüllung uns helfen soll, mit der drohenden Katastrophe zu leben ohne die Hoffnung zu verlieren.
Seine Schlussbemerkung: "Es bleibt mir nur noch eines zu sagen: Bitte helfen Sie mir, dass ,meine Prognose sich als falsch erweist. Gemeinsam können wir eine bessere Welt erschaffen."


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