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"wiebke_1985"

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Lügen: Roman
Lügen: Roman
von Elke Naters
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Alles andere als hirnlos!!!, 25. September 2005
Rezension bezieht sich auf: Lügen: Roman (Taschenbuch)
Ich habe Elke Naters Roman "Lügen" geschenkt bekommen und zwar vor knapp zwei Jahren. Erst wollte ich dieses Buch gar nicht lesen. Ich habe eine Abneigung gegen hirnlose Texte, in denen das Wort Lippenstift und die Namen gewisser Designer pausemlos vorkommen. Ich dachte, dass "Lügen" ein solcher Roman sei und daher habe ich ihn erst einmal zur Seite gelegt. Nun bin ich doch noch dazu gekommen Elke Naters Roman zu lesen und bin begeistert.
Der Roman handelt von Augusta, die Single ist und Angst hat als neurotisches Wrack angesehen zu werden. Tatsächlich beobachtet sie ihre beste Freundin und Feindin zugleich, die früher Bärbel, Babsi und Barbara hieß und nun Be, ständig. Aber sie urteilt nicht nur über Be, sie beobachtet sich auch selbst, hat Angst davor, peinlich zu sein und führt daher ein äußerst reaktionäres Leben. Doch dann tut sich was in Bes Leben. Zuerst ist Augusta verwundert, erkennt Be erst nicht wieder und kommt dann wieder zu dem Entschluss, dass sich Be nie ändern wird. Augustas Urteil über Be fällt oft etwas zu ungerecht aus. Augusta hält Be für eine Lebenslügnerin, die viel mehr sich als andere belügt. Erst ganz am Ende wird Augusta bewusst, wer sich selbst belügt oder viel mehr um sein eigenes Leben betrügt. Bis zu dieser Erkenntnis, die mit einem gewissen Entschluss verbunden ist, verspricht der Roman "Lügen" äußerst heitere, aber auch viele nachdenkliche Minuten.
Elke Naters Roman "Lügen" ist nicht hirnlos. Er ist nur auf eine angenehme Art und Weise locker und leicht zu lesen und obwohl immer wieder von Lügen die Rede ist, verstecken sich viele Wahrheiten in diesem wirklich reizenden Roman.


Heißer Sommer: Roman
Heißer Sommer: Roman
von Uwe Timm
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Interessant, spannend, rührend!, 15. September 2005
Rezension bezieht sich auf: Heißer Sommer: Roman (Taschenbuch)
Ich weiß nicht, wie ich diesem Roman gerecht werden kann. Ich versuch es einfach.
Ulrich Greiner schrieb in der FAZ über „Heißer Sommer": „(...) Timm hat mit diesem sympathisch-ehrlichen Roman über die Studentenbewegung recht, es war so, wie er sagt."
Ich weiß nicht, ob der Roman „Heißer Sommer" tatsächlich ehrlich ist. Ich war schließlich nicht dabei. Er wirkt jedenfalls, so weit ich das beurteilen kann, sehr authentisch und ist in sich durchaus schlüssig. Sympathisch ist der Roman in jedem Sinne.
Timm hat eine Erzählperspektive gewählt, die dem Leser Ullrichs Gedanken nahe bringt. Fast wirkt es so, als ob man plötzlich selber Ullrich ist und nicht nur an seinen Gedanken, Erlebnissen, an seiner Entwicklung teilnimmt. Manchmal habe ich mich über Ullrich geärgert und dann wieder über andere. Ullrichs Geschichte hat mich berührt. Ich konnte den Roman einfach nicht zur Seite legen. Ich wollte wissen, was mit Ullrich und seinen Freunden passiert.
Meiner Meinung nach geht es jedoch nicht nur um die Studentenrevolution und die Auswirkungen, die sie auf Ullrich ausübt. Es geht ebenfalls um eine Art Freundschaft, zwischen dem SDS-Mitglied Petersen und Ullrich. Eigentlich werden fast alle literarischen Figuren in dem Roman „Heißer Sommer" bei dem Vornamen benannt. Petersens Vornamen kennt man nicht. Obwohl sich Ullrich sogar eine zeitlang von Petersen distanziert, ist er wichtig für Ullrich. Die Geschichte von Ullrich und Petersen, diese zarte Freundschaft, die eigentlich gar keine ist, die ist einfach nur rührend. Die menschlichen Beziehungen spielen in Timms Roman eine wichtige Rolle. Daher ist dieser Roman nicht einfach nur ein Bericht über die Studentenrevolte, sondern ein Roman über den Protagonisten Ullrich. Es geht um seine Entwicklung, um seine Gedanken, um seine Freunde, um seine Feinde, um seine Familie, um seine Erlebnisse und um seine Geschichte von 1967-1969.
Uwe Timms Roman „Heißer Sommer" ist packend, spannend, rührend, interessant und ich gehe einfach mal stark davon aus, dass es ein ehrlicher Roman ist.


Die Räuber
Die Räuber

34 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Werk eines Genies- in jeder Hinsicht, 10. September 2005
Rezension bezieht sich auf: Die Räuber (Taschenbuch)
Ich möchte es gleich vorwegnehmen: Lesen Sie „De Räuber" von Friedrich Schiller. Sicherlich gibt es viele gute Theaterinszenierungen. Leider beschränken sich diese jedoch auf den Terrorismus. Diese Tatsache ist mehr als bedauerlich.
Schillers „Die Räuber" wird meistens in die Epoche des Sturm und Drangs eingeordnet. Gefühle und Triebe werden in dieser Epoche dem Verstand gegenübergestellt. Meiner Meinung nach ist Schillers Drama jedoch weit mehr als nur ein Stück des Sturm und Drangs. Friedrich Schiller, der dieses Stück in sehr jungen Jahren verfasst hat, muss seiner Zeit weit voraus gewesen sein. Er stellt dem verstandorientierten Franz einen gefühlvollen Bruder Karl gegenüber. Beide werden oder können nicht glücklich werden.
Friedrich Schiller hat, und das ist nur wenigen bekannt, eine Vorrede zu seinem Stück geschrieben. In dieser Vorrede schreibt Schiller von Bösewichten, die unglücklich werden, obwohl sie auf dem Weg zum höchsten glück sind. Karl und Franz können ohne jede Frage als Bösewichte bezeichnet werden. Karl, Hauptmann einer Räuberbande, ist Mörder vieler ihm unbekannter Menschen. Außerdem ist er der Mörder seiner Geliebten Amalia. Und sein Vater ist durch ein schock, der durch Karls unsensible Worte hervorgerufen wurde, gestorben. Sein Bruder Franz ist ebenfalls ein Bösewicht. Schließlich hat er eine Intrige gegen seinen Bruder geplant, ist für dessen Entwicklung mitverantwortlich, und auch der Tod seines Vaters wurde von ihm geplant. Warum fragt man sich jedoch, sind diese Bösewichte auf dem Weg zum höchsten Glück. Ganz einfach: Zur zeit des Sturm und Drangs war der Begriff des Genies von zentraler Bedeutung. Das Genie stellte derjenige dar, dem es durch Originalität, Individualität und durch eine gewisse Stärke möglich war, auf gesellschaftlicher, politischer und vor allem literarischer Ebene sich seine eigenen Grenzen zu schaffen. Friedrich Schiller, der durch das Schauspiel „Die Räuber" auf Grund seines Hinwegsetzens über die literarischen Gesetze selbst zum Genie wurde, hieß diese Entfaltung des Menschen sicherlich für richtig. Für ihn stellte diese Entwicklung zum Genie den Weg zum höchsten Glück dar. Beide Brüder, sowohl Franz als auch Karl, schaffen sich ihre eigenen Gesetze, indem sie sich über gewisse Normen und Konventionen hinwegsetzen. Beide haben erkannt, dass solche Konventionen die Individualität und die völlige Entfaltung der eigenen Person einschränken. Beide sind Genies, aber sie sind nicht glücklich. Die Antwort, die Schillers Schauspiel hierfür liefert, ist das eigentliche Geniale. Das Scheitern Karl und Franzens macht die eigentliche Kritik Schillers aus. Es ist diese Kritik, die zeigt, wie weit Schiller seiner eigenen Zeit voraus war. Karl und Franz sind gescheitert, weil sie den Einklang zwischen Gefühl und Verstand nicht gefunden haben und damit die Fähigkeit zum Leben verloren haben. Aus diesem Grund sind sie, wie Schiller außerdem in seiner Vorrede erwähnt, „auf dem Weg zur vollkommensten Vollkommenheit zu den unvollkommensten" geworden.
Franz hat die Mitte zwischen Gefühl und Verstand gefunden. Die Enttäuschung und der Schmerz, die er in seiner Kindheit erfahren musste, hat er nicht verarbeitet. Er hat erst seine Gefühle radikalisiert; Enttäuschung und Schmerz wurden zu Hass, und später dieses Gefühl von Hass unterdrückt. Von dort an hat er nur noch Pläne geschmiedet, die ihm zu einem besseren Leben verhelfen sollten. Dabei hat er jedoch nur seinen Verstand eingesetzt und seine Gefühle, wie schon erwähnt, vollends unterdrückt. Das Unterdrücken seiner Gefühle und die zwanghafte Überbetonung seines Intellekts wurden ihm letztendlich zum Verhängnis. Wie ein Sturm sind kurz vor seinem Tod die unterdrückten Gefühle aus ihm herausgedrungen. Die Gefühle Franzens sind zu einer überdimensionalen Macht geworden, die seinen Verstand vollständig ausgelöscht haben, und ihn somit in den Wahnsinn getrieben haben. Dieser Wahn ist erst durch die Unterdrückung der Gefühle entstanden.
Wie sein Bruder ist auch Karl Opfer seiner Gefühle geworden. So kann er mit seinem Schmerz und seiner Enttäuschung über die angebliche Verstoßung seines Vaters nicht vernünftig umgehen. Karl radikalisiert ebenfalls seine Gefühle und wird zu einem Räuber. Obwohl er im Laufe der Handlung immer wider seinen Verstand benutzt und zu vernünftigen Schlüssen kommt, kann er die tiefsitzenden Gefühle nie so überwinden, dass sie im Einklang mit dem Verstand sind. Am Ende des Schauspiels packt auch ihn der Wahn. In diesem agiert er so emotionsgeladen, dass sich seine Gefühle auch auf die Menschen übertragen, die er geliebt hat. Er tötet Amalia, die sich umbringen will, und erweckt in seinem Vater eine solche Enttäuschung, die die dazu fähig ist, auch ihn in den Tod zu treiben. Aus dieser Szene ist jedoch auch erkennbar, dass Amalia und der Vater ebenfalls auf grund von Gehfühlen sterben mussten. Der Vater erliegt dem Gefühl der Enttäuschung und Amalia dem Schmerz, der aus ihrer Liebe resultiert. Alle vier Hauptpersonen werden zu opfern ihrer Emotionen. Zwei davon waren auf dem Weg zum höchsten Glück. Sie scheiterten an der völligen Hingabe einerseits und an der erbarmungslosen Unterdrückung ihrer Gefühle andererseits. Letzteres läuft auf das erst genannte hinaus, da Gefühle sich nicht unterdrücken lassen.
Die Vertreter des Sturm und Drangs haben verstanden, dass man seine Gefühle ausleben muss und dies propagiert. Friedrich Schiller hat jedoch die Erkenntnis gehabt, dass das Gefühl nicht überbetont werden darf. Nur derjenige, in dem Gefühl und Verstand gleichermaßen vereint werden und gleichermaßen zum tragen kommen, ist dazu fähig vernünftig zu sein.
Schillers „Die Räuber" zeigt auf, dass es für sensible und hochbegabte Menschen von solcher Größe, wie Karl und Franz sie sind, unabdingbar ist die Gefühle mit dem Verstand zu vereinen.
Diese Erkenntnis war in der Zeit, in der Schiller lebte, einfach revolutionär und daher sollte dieses Werk wieder viel öfter gelesen werden.


Im Himmel
Im Himmel
von Georg M. Oswald
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Unterhaltung: mehr aber auch nicht, 10. September 2005
Rezension bezieht sich auf: Im Himmel (Taschenbuch)
Die „Welt am Sonntag" urteilte über Georg M. Oswalds Roman „Im Himmel": „Witzig, rührend, packend". Genau das richtige, dachte ich mir und kaufte mir spontan dieses Buch. Im Nachhinein muss ich jedoch sagen, dass der Roman zwar an manchen stellen witzig ist, rührend ist er jedoch nicht und packend scheint er nur zu sein, da der Leser auf etwas wartet, das jedoch nicht kommt.
Oswald wollte wohl ein wenig mehr als einen bloßen Unterhaltungsroman schaffen. „Im Himmel" bleibt jedoch nur ganz normale Belletristik.
In dem Roman geht es um den 20-jährigen Marcel, der sich beginnt mit seinem Umfeld auseinander zusetzen. Das, was er erfährt, ist zum Teil amüsant-zugegeben. Eine Gesellschaftssatire und das ist es wohl, was der Autor konstruieren wollte, ist es jedoch noch lange nicht. Zu oberflächlich werden die Figuren dargestellt, zu vage bleibt die Aussage. Marcel ist Protagonist und Erzähler zugleich. Er, so erfährt der Leser, wollte ein Buch schreiben und genauso wirkt „Im Himmel": Ein Roman-geschrieben von einem spätpubertierenden, verwöhnten Jungen, der noch weit davon entfernt ist, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten. Einzig und allein die Szene, in der der Freund und Nachbarssohn Marcels die Geschichte seiner Familie erzählt ist wirklich lustig, phantasievoll und recht ironisch dargestellt. Diese Szene ist in der Mitte des Romans zu finden und leider bleibt es die beste.
Die wahre Schwäche des Romans ist, dass sich Oswald in die Figur eines 20-Jährigen des 21. Jahrhunderts versucht hineinzudenken und dass dies leider nur ein Versuch bleibt. Damit verliert das Buch an Authentik, welche die Basis für die Satire hätte bilden können.

Trotzdem ist „Im Himmel" kein schlechter Roman. Man kann ihn in der Bahn, im Flugzeug, am Strand oder im Garten beim Sonnenbaden in einem Stück lesen. Er liest sich recht einfach und ist mitunter humorvoll.


Katzenzungen
Katzenzungen
von Borger
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,90

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hervorragende Belletristik, 10. September 2005
Rezension bezieht sich auf: Katzenzungen (Taschenbuch)
Der Roman „Katzenzungen" handelt von drei Jugendfreundinnen, die sich immer mal wieder treffen. Die unterschiedlichen Charakterzüge der Frauen wurden von den Autorinnen Martina Borger und Maria Elisabeth Straub hervorragend herausgearbeitet und dargestellt. Jede der Freundinnen hat ein dunkles Geheimnis, das auch dem Leser anfangs verborgen bleibt. Diese Geheimnisse ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman, der dadurch fast schon an einen Krimi erinnert. Der sarkastische Unterton ist die größte Stärke des Romans. Der Leser wird durch die abwechselnde Erzählperspektive, die keinesfalls plump wirkt, vollends emotional in die Gefühlswelt der Protagonistinnen involviert. Nur an ganz wenigen Stellen wirkt der Roman ein bisschen zu klischeehaft oder aufgesetzt; eine Schwäche, die durch die konstituierte Spannung jedoch vollends aufgehoben wird.
Beim Lesen dachte ich immer wieder, dass dieser Roman genau der richtige für meine Mutter wäre. Doch auch für mich, die ich Mitte der 80er Jahre geboren wurde, war „Katzenzungen" ein Erlebnis. Interessant ist vor allem die Vergangenheit der Freundinnen: Die Aufbruchsstimmung der 70er Jahre, die Zeit der Atomkraftgegner in den 80er Jahren und der Höhepunkt der Emanzipation fließen wie selbstverständlich in die Handlung mit ein. Ebenfalls sehr gut dargestellt sind die verschiedenen familiären Hintergründe der Freundinnen. Da gibt es die gesellschaftlich anerkannte, etwas spießige, scheinbare Heile-Welt-Familie, die alleinerziehende Mutter und die Adoptiveltern- nichts bleibt dem Leser erspart.
„Katzenzungen" ist rührend und sarkastisch zu gleich erzählt: Zum Lesen genau das Richtige für einen freien Morgen.


Dantons Tod
Dantons Tod
von Georg Büchner
  Taschenbuch

9 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen DAS Werk Georg Büchners! Grandios!!!, 10. September 2005
Rezension bezieht sich auf: Dantons Tod (Taschenbuch)
Georg Büchner wurde am 17. Oktober 1913 in Goddelau bei Darmstadt geboren. Um die reaktionären Verhältnisse in Hessen zu ändern, schloss er sich der radikalen Freiheitsbewegung an und war 1834 Mitbegründer der „Gesellschaft der Menschenrechte". Nach seiner Doktorarbeit im naturwissenschaftlichen Bereich war er als Dozent an der Universität engagiert worden. Er konnte dieser Tätigkeit jedoch nur ein einziges Mal nachkommen, da er wegen seiner politischen Flugschrift „Der hessische Landbote" seit 1835 steckbrieflich gesucht wurde. Zwischen 1835 und 1837 verfasste er die drei Dramen „Dantons Tod", „Woyzeck" und „Leonce und Lena" sowie die Erzählung „Lenz" und die Flugschrift „Der Hessische Landbote". Zahlreiche weitere Schriften wie Briefe und Aufsätze sind bekannt und erhalten geblieben.
„Dantons Tod" ist das Erstlingsdrama Büchners. Im März des Jahres 1835 erschien es stark zensiert im Literaturblatt „Phönix". Bereits im Juli desselben Jahres wurde es schließlich als selbstständige Buchausgabe verlegt.
Das Drama spielt zur Zeit der Französischen Revolution. Die Figuren sind bis auf wenige Ausnahmen nicht fiktiv, sondern reale Personen und die Handlung stützt sich auf wichtige und ereignisreiche Daten der Revolution.
Georg Büchner hat bei den Lesern und Zuschauern seines Stücks durchaus geschichtliche Kenntnisse in Bezug auf die Französische Revolution vorausgesetzt. Es ist daher empfehlenswert sich ein wenig mit den wichtigsten Daten auseinander zusetzen, bevor man mit dem Lesen beginnt.
„Dantons Tod" muss als Lehrstück der Geschichte begriffen werden. Georg Büchner, der selbst Revolutionär in Deutschland war, will mit seinem Stück zeigen, warum die Französische Revolution gescheitert und in einer Schreckensherrschaft ausgeartet ist.
Büchner wuchs zur zeit des Biedermeiers auf. Bürger und Bauern sollten sich wieder von politischen Dingen fern halten. Die Aristokraten wollten die Aufklärungszeit ungeschehen machen. Anfang 1830 wächst bei vielen Intellektuellen und Studenten die Unzufriedenheit der reaktionären Verhältnisse. Es entstehen revolutionäre Gruppen, in denen auch Georg Büchner mitwirkt. Damit die aufkommende Revolution eine bessere als die in Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts wird, gibt Büchner in seinem Drama wieder, warum die Französische Revolution scheitern musste. Dabei ist er darauf bedacht, die Ereignisse nicht zu verherrlichen, sondern möglichst realistisch widerzugeben. Büchners Kritik richtet sich vor allem gegen den Idealisten Robespierre. Er stellt Robespierre einen Danton gegenüber, der begriffen hat, das Robespierre falsch handelt. Danton und Robespierre haben zwar beide erkannt, dass das Volk noch nicht für eine Herrschaft bereit ist; Robespierre hält jedoch an seinem Kurs fest. Damit die Revolution nicht scheitert, übernimmt er selbst die Funktion des Volkes. Er herrscht über das Volk und gibt vor, im Sinne des Volkes zu herrschen. Um den „Willen des Volkes" durchzusetzen und die eigene Macht zu sichern, lässt Robespierre alle seine Gegner ermorden. Er ist der Auffassung, dass derjenige, der nicht seine Meinung teilt, auch gleichzeitig gegen die ganze Revolution ist. Robespierre bevormundet das Volk wie zuvor die Aristokraten und somit wandelt sich die Revolution in eine Schreckensherrschaft. Danton ist jedoch der Auffassung, dass Mord nicht gerechtfertigt werden kann; auch wenn dieser angeblich im sinne der Revolution, also nach Robespierre tugendhaft ist.
Büchner warnt in seinem Drama „Dantons tot" vor der Ermordung politischer Gegner. Er zeigt anhand des Konflikts zwischen Danton und Robespierre, dass durch eine Schreckensherrschaft kein sinnvolles Zusammenleben gestaltet werden kann. Büchner wendet sich gegen jegliche Bevormundung des Volkes und spricht sich für politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen aus. Mit Dantons Tod möchte Büchner ein scheitern der Revolution in Deutschland verhindern, indem er Robespierres Schreckenherrschaft kritisiert und Dantons Auffassung lobt und mit dessen Tod zeigt, dass sie nur auf Grund von Ungerechtigkeiten keine Chance zur Verwirklichung hatte.
Georg Büchners Drama ist in keinem Fall antirevolutionär, jedoch steht es der Französischen Revolution kritisch gegenüber. Vielmehr zeigt Büchner allerdings durch „Dantons Tod", dass es eine Revolution geben kann, die in einer Entwicklung mündet. Eine Revolution, wie sie sich Danton vor seinem Ableben in Büchners Drama wünschte.
Eine für die damalige Zeit hervorragende Auseinandersetzung mit der Revolution und ihrer möglichen Folgen.
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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
von Robert Musil
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,99

26 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Großartig! Nehmen Sie sich Zeit für diesen Roman., 10. September 2005
Der Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" hat ca. 140 Seiten und ist in keine Kapitel unterteilt. Ein auktorialer Erzähler schildert die Gefühlswelt des Jungen Törleß, der um die 15 Jahre zu sein scheint. Außerdem erfährt der Leser vom Erzähler in Bruchstücken etwas aus der Vergangenheit des Jugendlichen und über seine Zukunft.
Törleß ist von seinen Eltern in eine Militärschule geschickt worden. Dort spielt der Roman auch. Vom Erzähler erfährt der Leser, dass Törleß sich sehr unwohl und einsam in der Schule fühlt und außerdem auf der Suche nach etwas ist, dass er selbst nicht genau erklären kann. Dieses Gefühl wird als eine Art Sehnsucht beschrieben.
Die meiste freie Zeit verbringt Törleß mit seinen Mitschülern Beineberg und Reiting. Beineberg ist von der indischen Philosophie fasziniert. Er macht einen altklugen, aber erschreckend fanatischen Eindruck. Er wird als nicht besonders hübsch beschrieben, hat abstehende Ohren und einen sehnigen Körper. Reiting ist dagegen beinahe eine Schönheit. Allerdings ist seine einzige Leidenschaft, Intrigen zu spinnen und daraus seinen eigenen Vorteil zu gewinnen. Eigentlich mag Törleß keinen von beiden. Trotzdem treffen sich alle drei seit geraumer Zeit auf dem Dachboden der Schule, zu dem sie einen Schlüssel besitzen.
Es gibt in dem Roman vier bedeutende Szenen, die als eine Art Schlüsselszenen zu betrachten sind. Die erste spielt sich an einem Sonntagabend ab. Törleß und Beineberg sind unterwegs. Sie besuchen die Prostituierte Bozena. Während Beineberg mit Bozena, die oft Besuch aus dem Internat erhält, scherzt, ist Törleß still. Ihm kommt die Situation, in der er sich befindet, absurd vor. Er spürt eine Art zweite Wirklichkeit. In Bozenas Nähe muss er an seine Familie denken. Die Situation widert ihn zwar an, er fühlt jedoch, dass sie von Bedeutung ist; auch wenn er nicht sagen kann, wieso dies so ist. Bei Bozena fällt ebenfalls erstmals der Name Basini. Dieser ist ebenfalls ein Junge aus Törleß' Klasse. Seine Familie ist jedoch weniger gesellschaftlich bedeutend und Basini selbst sehr schmächtig.
Des Weiteren wird später ersichtlich, dass Basini gestohlen hat. Da Reiting dies herausgefunden hat, überlegt er gemeinsam mit Reiting und Törleß, was zu tun ist. Sie einigen sich darauf, Basini selbst zur Moral zu erziehen. Während Reiting und Beineberg den schmächtigen Basini erst demütigen und später misshandeln, besteht Törleß Interesse in etwas anderem. Törleß sieht in Basini ein Objekt, das ihm dienen kann. Durch ihn möchte er herausfinden, was es war, das er schon bei Bozena gespürt hatte. Eine wichtige Szene spielt sich an einem Tag ab, an dem Reiting und Beineberg im Urlaub sind. Törleß ist mit Basini allein. Er möchte herausfinden, was Basini sich beim Diebstahl gedacht hatte, um daraus eine Erkenntnis für sich selbst zu gewinnen. Er geht jedoch keineswegs wie Beineberg und Reiting vor, die Basini zwingen sich auszuziehen, staub zu essen, die ihn auspeitschen und von grund auf quälen. Törleß stellt Basini Fragen. Obwohl er das, was er sucht, immer besser einzuschätzen weiß, gelingt es ihm dennoch noch nicht vollständig.
In einer Mathematikstunde entdeckt er schließlich, dass die Mathematik zwar eine Naturwissenschaft ist, jedoch trotzdem zum teil auf dem Nichtfassbaren basiert. Seine Erkenntnis verwirrt ihn so sehr, dass er seinen Lehrer aufsucht. In dessen Wohnung macht ihm der Lehrer klar, dass Törleß Problem ein philosophisches sei und dass Törleß die Mathematik auf seinem derzeitigen Wissensstand noch nicht beurteilen könne. Da der Lehrer Törleß ein Buch von kant gezeigt hat, kauft er sich die Reclam-Ausgabe dieses Buches und versucht erneut seinem Gefühl auf die Schliche zu kommen.
Des Weiteren spitzt sich der Konflikt um Basini immer mehr zu. Basini ist leichenblass, übersehen mit Blessuren und steht vollends neben sich. Törleß ekelt das Verhalten seiner zwei Mitschüler immer mehr an. Als die beiden beschließen, Basini der Klasse auszuliefern und ihm damit noch Schrecklicheres zumuten wollen, trifft Törleß eine Entscheidung. Die möchte ich jedoch nicht verraten, da sie einen Teil des Spannungsbogens ausmacht.
Am Ende des Romans muss sich Törleß vor dem Direktor, dem Religionslehrer und dem schon erwähnten Mathematiklehrer rechtfertigen. Er hält eine leidenschaftliche Rede, in der deutlich wird, wonach er die ganze Zeit über suchte. Es geht um das Handeln der Menschen, um ihre Seele, um eine zweite Wirklichkeit, die nicht fassbar ist. Dieser „zweite Zustand", wie Törleß ihn nennt, ist für ihn selbst an Personen, Gegenständen und der Wissenschaft erkennbar. Die Lehrer sind so verwirrt von Törleß' Schilderungen, dass er die Schule verlassen muss.
Zum einen ist die Denkweise des Törleß für diesen Roman ausschlaggebend. Seine Verwirrungen, sein Grübeln, sein Verhalten und die Erkenntnisse, die schließlich für seine spätere Entwicklung von Bedeutung werden sollen, wie der Erzähler vorwegnimmt.
Wichtig sind jedoch auch die Machtgelüste Beinebergs und Reitings. Sie quälen Basini auf eine so unmenschliche Art, wie es später in den Konzentrationslagern noch schlimmer geschehen sollte.
Bemerkenswert ist vor allem, dass die Misshandlungen an Basini für die Leitung der Schule weniger schlimm als der Diebstahl ist. Daher ist der Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" vor allem auch Kritik an derartige schulische Einrichtungen, die der Autor schließlich selbst besuchte.
Dieser Roman ist etwas für den anspruchsvollen Leser. Die Bedeutung des Romans basiert einmal auf die unverschönte Darstellungsweise, die ein Skandal war. Jedoch ebenso auf die Art, in der die Gedanken eines pubertierenden Jungen dargelegt worden sind. Die komplizierten Gedankengänge sind schließlich der wichtigste Bestandteil des Romans.
Für dieses Werk müssen Sie sich Zeit nehmen. Dies ist kein Roman, den man zur Seite legen und später wieder aufgreifen kann. Dies ist ein Roman, den man an einem Stück lesen muss ohne dabei gestört zu werden.


Schlaflose Tage: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Schlaflose Tage: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Jurek Becker
  Sondereinband
Preis: EUR 8,50

20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein kleines Meisterwerk, 10. September 2005
Der Roman „Schlaflose Tage" wurde von dem DDR-Autor Jurek Becker geschrieben und erschien 1978 in der Bundesrepublik Deutschland. In der DDR wurde Beckers Roman nicht veröffentlicht, da in diesem Kritik an dem DDR-Regime erkennbar wird. Allerdings handelt „Schlaflose Tage" nicht nur von dem Leben in der DDR. Inhaltlich setzt sich der Autor mit den Wünschen, Gedanken und Taten eines 36-jährigen Lehrers, der sich in einer neuen Entwicklungsphase befindet, auseinander. Ist der Roman „Schlaflose Tage" jedoch nur die Geschichte eines Lehrers, der sich in der sogenannten Midlife crisis befindet, oder ist der Roman eine ausgeklügelte Kritik an der DDR?
Um diese Frage beantworten zu können, sollte man sich erst einmal vor Augen führen, was eine Midlife crisis eigentlich bedeutet. Unter einer Midlife crisis versteht man die Suche nach dem Sinn des Lebens in der Lebensmitte. Ein Mensch, der sich in der Midlife crisis befindet, hat das Gefühl etwas in seinem Leben zu versäumt zu haben. Dieses Gefühl wird meistens durch die Eintönigkeit und Geradlinigkeit des alltäglichen Lebens hervorgerufen, welche im besagten Lebensabschnitt am deutlichsten hervortritt.
Karl Simrock ist ein ganz normaler DDR-Bürger. Er ist Lehrer, hat demnach einen recht angesehenen Job, er ist verheiratet und Vater einer Tochter. Trotzdem ist Karl Simrock mit seinem Leben unzufrieden. Zu Beginn des Romans verspürt er Herzschmerzen. Anfangs glaubt Simrock ernsthaft krank zu sein. Gerade diese Angst löst in ihm den Zweifel am Inhalt seines Lebens aus. Sobald Simrock erkannt hat, dass er mit seinem Leben unzufrieden ist, versucht er es tatkräftig zu ändern. So gesehen ist Karl Simrock sicherlich ein Lehrer, der sich in der Midlife crisis befindet. Fragwürdig ist nur, ob Jurek Becker einen Roman schreiben wollte, der sich mit den Problemen eines Mannes auseinandersetzt oder ob er nicht viel mehr die DDR kritisieren wollte.
Wäre Beckers Intention die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der sich in der Midlife crisis befindet, müsste ihm vor allem wichtig sein, dass sich möglichst viele Menschen mit dem Protagonisten dieses Romans identifizieren können. Meiner Meinung nach ist Simrock jedoch so dargestellt, dass eine Identifikation mit ihm für den Leser schwierig bis unmöglich zu sein scheint. So ist Simrock kein sympathischer Charakter. Er betrinkt sich, ohne Rücksicht auf seine Tochter zu nehmen. Er verlässt seine Frau auf eine nicht gerade behutsame Art und Weise, obwohl im bewusst ist, dass ihr viel an ihm liegt. Während er seine Entscheidungen trifft, denkt er kaum an die Gefühle seiner Ehefrau und Tochter, sondern fast ausnahmslos an sein eigenes Leben, das ihn nicht mehr befriedigen kann. Doch nicht nur Simrocks Verhalten, sondern auch seine Art zu denken, alles möglichst genau zu analysieren und seine mitunter auftretende Gefühlskälte machen ihn nicht besonders liebenswert. Manchmal wirkt Simrock wie eine Karikatur, die sich durch überspitzte Darstellungsweise des Autors auszeichnet. So ist es fast schon seltsam, dass Simrock, der durch und durch Kopfmensch ist, sogar seine eigenen Gefühlsausbrüche analysiert. Ohne jede Frage wird dem Leser die Identifikation mit dem Protagonisten des Romans äußerst schwer gemacht. Aus diesem grund taucht die Frage auf, warum Jurek Becker seine Hauptperson in einer solchen art dargestellt hat und ob es ihm vielleicht doch um mehr als nur um eine bloße Midlife crisis gegangen ist.
Meiner Meinung nach hat Beckers Darstellung des Lehrers Simrock durchaus Sinn. Simrock wird als ein sogenannter Kopfmensch dargestellt, weil es Becker vordergründig um die Schlüsse und Erkenntnisse geht, die Simrock im Laufe des Romans zieht beziehungsweise gewinnt. Simrock möchte sein Leben von grund auf ändern. Seine Intention scheint fast schon existentialistisch zu sein, da für ihn die Selbstverwirklichung und der Sinn seines Lebens eine gewichtige Rolle spielen. Um sich individuell zu entfalten und ein besonders guter Mensch zu werden, stellt er sich eine Art Lebensplan auf. Dabei geht er sehr analytisch vor. Sicherlich liegt ihm viel an der Verwirklichung des Plans. Trotzdem hat Simrock Schwierigkeiten den Plan in die Realität umzusetzen. Obwohl er sich keineswegs vormacht, dass sein plan einfach zu realisieren ist, glaubt er auf eine idealistische Art an ihn. Genauso verhält es sich mit seiner Liste eines guten Lehrers. Seine Vorstellungen sind durchaus lobenswert und sicherlich ebenfalls gut durchdacht; praxisnah sind sie jedoch nicht. Vor allem sind sie dies nicht in einem Staat, wie die DDR einer war. Jeder Anflug von Individualität, die dem System auf irgendeine Art schaden könnte, war schädlich für die betreffende Person. Becker kritisiert mit seinem Roman „Schlaflose Tage" die DDR, indem er aufzeigt, dass ein Mensch voller guter Absichten nicht die Möglichkeit hat, diese in die Tat umzusetzen, nur weil die besagten Absichten auf irgendeine erdenkliche Art und Weise schädlich für das DDR-Regime sein könnten.
Becker belässt es jedoch nicht nur bei dieser Kritik. Er geht viel weiter. Sein Roman „Schlaflose Tage" ist nicht nur eine politische Kritik an der DDR, er liefert zugleich auch die Erklärung für das Scheitern des Sozialismus in der DDR, der schließlich im Kommunismus münden sollte. So ist Simrock keinesfalls Systemgegner. Er glaubt an den Sozialismus. Simrock und seine Art und Weise Pläne in die Tat umzusetzen, sind sogar letztlich mit den Sozialisten und deren Versuch den Sozialismus praktisch umzusetzen zu vergleichen.
Wie die Sozialisten hat auch Simrock eine idealistische Vorstellung, die sich in seinem fall jedoch fast ausschließlich auf sein eigenes Leben konzentriert. Theoretisch kann er seine Vorstellungen begründen. Sie ergeben Sinn, sind einleuchtend, scheinen sogar perfekt zu sein. Allerdings lassen sie sich nicht in die Realität umsetzen. Das DDR-Regime wollte seine Bürger nicht unterdrücken. Ganz im Gegenteil wollte es anfangs die Selbstentfaltung eines jeden unterstützen. Genau dies ist jedoch nicht gelungen. Simrock wollte niemanden verletzen, er wollte ein guter Lehrer sein, er wollte seine Schüler ebenfalls in ihrer Entwicklung unterstützen und er wollte seinem leben einen höheren sinn einverleiben. Dies gelingt ihm jedoch nur teilweise. Zu oft ergeben sich aus Praxis und Theorie Widersprüche. Oft liegt die Schwierigkeit der praktischen Umsetzung bei Simrocks Mitmenschen. Dies zeigt sich besonders einleuchtend in der folgenden Begebenheit. Simrock verabredet sich mit seinen Schülern, um die Gestaltung seines Unterrichtes zu besprechen und diskutieren. Allerdings erscheint kein einziger Schüler. So wie die Schüler nicht bereit für die Vorstellungen Simrocks sind, so ist eine Vielzahl der Menschen in der DDR nicht für die idealistischen Vorstellungen der Sozialisten bereit gewesen.
Besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der Simrock sich gedanklich mit seiner neuen Freundin Antonia auseinandersetzt. Weil ihm eine Äußerung ihrerseits nicht passt, denkt er, dass es noch vieles an ihr zu ändern gibt. Genau dies steht mit seinen Überlegungen bezüglich der individuellen Entfaltung im Widerspruch. So wie sich Simrock in Widersprüchen verrennt, die aus Versuchen, die Theorie in die Praxis umzusetzen, resultieren, so ist auch die Idee des Sozialismus gescheitert. Hier wird auch das Paradoxon des Romans deutlich: Simrock, der metaphorisch für die Sozialisten steht, eckt selbst an dem System des Sozialismus an. Die Sozialisten, die einst an die Idee des Kommunismus glaubten, widersprechen diesem in ihren politischen Handlungen.
Der Roman „Schlaflose Tage" ist nicht nur eine Kritik an der DDR, sondern auch eine Erklärung für diese. Diese politische Auseinandersetzung baut sich auf der Midlife crisis eines Mannes auf, der sich in der Mitte seines Lebens befindet und seine Lebensweise ernsthaft ändern möchte. Dass es sich jedoch nicht vordergründig um die Midlife crisis dieses Mannes dreht, wird an der Darstellungsweise sichtbar. In einer die Wirklichkeit überzeichnenden Weise wird der Protagonist Simrock dem Leser nahegebracht. Dem Autor sind seine Emotionen, die psychologisch eine wichtige Rolle in der Midlife crisis spielen, nicht so wichtig wie seine analytische Denkweise.
Jurek Becker hat einen Roman konstruiert, der sich auf den Problemen eines Mannes aufbaut, um sich politisch mit einem Staat auseinander zusetzen und aufzuzeigen, warum dieser trotz guter Vorsätze nicht funktioniert.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 17, 2014 7:30 AM MEST


Gruppenbild mit Dame
Gruppenbild mit Dame
von Heinrich Böll
  Broschiert
Preis: EUR 12,90

12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einzigartig, 5. Mai 2004
Rezension bezieht sich auf: Gruppenbild mit Dame (Broschiert)
Heinrich Bölls Roman "Gruppenbild mit Dame" erschien 1971. Er erzählt die Geschichte der 48-jährigen Leni Pfeiffer, die 1922 geboren wurde. Während des Krieges besorgt Leni dem sowjetischen Kriegsgefangenen Boris, den sie kennen und lieben lernt, einen deutschen Pass. Boris, der von den Amerikanern gefangen genommen wurde, kommt bei einem Unglück in einer Kohlengrube um. Selbst der Sohn, den Leni von Boris hat, sitzt im Gefängnis.
So oder ähnlich könnte man den Inhalt des Romans "Gruppenbild mit Dame" zusammenfassen, doch eine solche Zusammenfassung würde dem Roman niemals gerecht werden. Bölls "Gruppenbild mit Dame" erzählt nämlich nicht nur die Geschichte einer Frau mittleren Alters, sondern ist viel mehr eine erzählerische Meisterleistung.
Heinrich Böll schafft es, Authentik mit Absurdem zu verknüpfen. So erscheinen seine Schilderungen erst absurd und im Nachhinein authentisch zu sein. Durch diese Darstellung entsteht eine Kritik, die den Leser zum Lachen bringt, ihn aber ebenfalls zum Nachdenken anregt.
Bölls Kritik bezieht sich auf die Sinnlosigkeit des Krieges, auf den Katholizismus, auf die Gesellschaft, auf vorschnelle Vorurteile, auf soziale Ungerechtigkeit und auf Heuchelei, vor allem in den Institutionen.
Allerdings beinhaltet der Roman nicht nur Kritik. Trotz aller Kritik ist der Roman ein Manifest der Humanität, welches das Idealbild der Klassik korrigiert. Durch die präzise Schilderung aller in dem Roman auftauchender Personen werden diese für den Leser fast alle sympathisch. Wären die Schilderungen oberflächlich gewesen, wäre das Urteil des Lesers sicherlich anders ausgefallen. Der Roman zeigt auf, dass das Leben vieler Menschen anders, also besser, hätte verlaufen können.
Durch den Roman wird ersichtlich, warum die Idealvorstellungen Kants und anderen Vertretern immer wieder scheitern. Sie scheitern nämlich nicht nur an den Menschen, sondern an den Umständen der Umwelt und an den Menschen als Gesellschaft, vor allem aber an den Institutionen.
Bölls Roman bezieht sich nicht nur auf das Dritte Reich und auf den Zweiten Weltkrieg, sondern auch auf den Generationenkonflikt, der in den 60er und 70er Jahren stattfand. Böll kritisiert die Institutionen wie sie auch von der 68er-Generation kritisiert worden sind. Er zeigt auf, dass die Institutionen vor allem in Deutschland eine wichtige Rolle spielen und das sie voller Heuchelei stecken. Trotzdem ist sein Roman auch eine Mahnung an diese Generation. Böll verdeutlicht nämlich mit seinem Roman, dass viele Verbrecher, Parteimitglieder, aber auch andere von der Gesellschaft verachtende Personen, wie Leni eine ist, menschlich sein können. Diese Personen können nicht alle über einen Kamm geschert und angeprangert werden. Sie sind in vielerlei Hinsicht Opfer ihrer Erziehung, ihrer Umwelt, also der Gesellschaft.
Jedes Mal entdeckt der Leser hinter einem maßgeblichen Unmenschen einen Menschen mit Gefühlen. Mit seinen Roman zeigt Böll eine neue Dimension der Aufklärung auf. Den Menschen muss bewusst werden, dass die Fehler anderer oftmals auf die Gesellschaft zurückzuführen sind. Daher darf nicht ein einziger Mensch verstoßen werden, sondern die Gesellschaft muss mit der Hilf aller verändert werden. Dazu würden, dass zeigt der Roman ganz deutlich, eine größere soziale Gerechtigkeit und weniger Heuchelei beitragen.
Böll geht jedoch über die bloße Kritik hinaus. Er setzt der Oberflächlichkeit und Scheinmoral der Gesellschaft die menschliche Würde, die vor allem durch Leni repräsentiert wird, entgegen. Leni stellt sich gegen die Vorurteile der Gesellschaft. Sie lehnt gesellschaftliche Anpassung ab, so fern diese nicht menschlich ist. Aus diesem Grund hat sie ihr ganzes Leben lang mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Leni wird schon fast als Heilige beschrieben, weil an ihr alles echt und nichts Schein ist.
Die Menschlichkeit, dass zeigt Böll mit seinem Roman, kann siegen, aber nur wenn die Menschen ihre Vorurteile gegenüber Menschen wie Leni ablegen würden und selbst mehr „Sein" würden als „Schein".
Ich kann „Gruppenbild mit Dame" nur jedem wärmstens empfehlen. Dieser Roman besticht durch die meisterhaft konstruierte Ironie des Autors. Hier ist jeder, wirklich jeder Satz durchdacht. Jede Beschreibung, jede Szene ergibt einen Sinn. Für mich ist dies der Jahrhundertroman des 20. Jahrhundert.


Zeit am Stiel (Gulliver)
Zeit am Stiel (Gulliver)
von Mirjam Pressler
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Einfühlsam und zeitlos, 5. Mai 2004
Rezension bezieht sich auf: Zeit am Stiel (Gulliver) (Taschenbuch)
Einfühlsam und zeitlos beschreibt Mirjam Pressler das Leben von Martina. Nach dem Tod ihres geliebten Hundes fällt Martina in ein tiefes Loch. Auf einmal erscheint ihr alles nebensächlich und unwichtig. Sie vernachlässigt ihre Freunde und gerät dadurch nur noch tiefer in ihre Krise. Mit der Hilfe der alten Frau Pohl und einem wichtigem Schlüsselereignis wendet sich letztendlich doch alles zum Guten für Martina und sie gewinnt ihre Fröhlichkeit zurück.
Mirjam Pressler beschreibt sehr anschaulich die Probleme eines jugendlichen Mädchens und die damit folgenden kleinen schritte ins Erwachsenenleben. Obwohl die Geschichte von Martina Anfang der 80er Jahre spielt, sind ihre Probleme von Mirjam Pressler zeitlos dargestellt. So dass sich auch Kinder und Jugendliche der heutigen Zeit mit Martina identifizieren können.
Ein durchaus gelungenes Jugendbuch.


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