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Rezensionen verfasst von
Sebastian Rosenberger "Philologos" (Heidelberg)
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Die Nibelungen
Die Nibelungen
DVD ~ Paul Richter
Preis: EUR 12,99

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Monumental, 15. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Nibelungen (DVD)
Wenn eine fast 90 Jahre alte Verfilmung des Nibelungen-Stoffes trotz einiger Nachfolger immer noch (zurecht) als die beste gilt, so spricht das nicht nur gegen die späteren Filmschaffenden, sondern vor allem für die Qualität von Fritz Langs Monumentalwerk. Von den schauspielerischen Leistungen über die Sets bis zur Kameraführung - besser kann man es nicht machen.
Das Drehbuch hält sich weitgehend an das mittelhochdeutsche Nibelungenlied, nur einige Stellen werden ausgespart (so wird etwa die unheilverkündende Reise der Burgunden/Nibelungen zur Etzelburg auf den Aufenthalt bei Rüdiger reduziert) oder aus der nordischen Sagentradition ergänzt (was insbesondere für Siegfrieds Jugendgeschichte gilt: Im Nibelungenlied wird z. B. der Drache nur in einem Vers erwähnt). Einige Widersprüche im Text (etwa Siegfrieds doppelte Jugend: Er wächst in Xanten auf, bis er nach Worms reist, um Kriemhild zu freien; in Worms wird berichtet, dass Siegfried den Drachen getötet und den Nibelungenhort errungen hätte) werden sinnvoll geglättet: Siegfried erringt sich das Königtum, indem er mehrere Könige im Kampf besiegt und sie so zu seinen Vasallen macht. Auch die tragischen Verwicklungen, die im Gemetzel enden, werden - wenn man wieder von Glättungen absieht - dem Text und dem mittelalterlichen Weltbild gemäß präsentiert: Dieses war von Standes- und Hierarchiedenken geprägt. Brunhild muss nach den Zeichen, die sie empfangen hat, annehmen, dass Siegfried ein Vasall Gunthers ist, genau diesen Eindruck hatten sie mit ihrem Schauspiel auch erwecken wollen. Daher ist es aus Brunhilds Sicht und mit dem hierarchisch geprägten Weltbild im Hintergrund nur folgerichtig, dass ihr der Primat vor Kriemhild gebührt. Siegfried wird letztlich Opfer seines eigenen Betrugs, den er für Gunther begangen hat. Und Gunther verstrickt sich in Verpflichtungen und die Notwendigkeit der Staatsraison - deshalb wird er an Siegfried schuldig. Hagen übernimmt als Machiavellist avant la lettre die Drecksarbeit und die gesamte Schuld, was ihm von Gunther durch ihre Treue vergolten wird. Brunhild ist Opfer der Betrügereien Siegfrieds und Gunthers, aber auch ihres eigenen Stolzes. Kriemhild schließlich wird von einem naiven jungen Mädchen zur kaltblütigen Massenmörderin. Niemand trägt die alleinige Schuld, doch schuldlos ist keiner.
Die visuellen Gestaltungen der Figuren und Orte sind zu ikonographischen Motiven geworden: Siegfried als blonder Held, der körperlich allen anderen überlegen ist und dies auch offen zeigt; Hagen als sein finsterer Gegenpart, immer dunkel gekleidet und einäugig (ein aus der Walthersage übernommenes Motiv) und mit einem riesigen Flügelhelm ausgestattet; Gunther als schwacher Herrscher, der mehr will, als er bewältigen kann (Brunhild) und daran zugrunde geht; Etzel, im Nibelungenlied der Inbegriff des höfischen Königs, in der nordischen Sagentradition blutrünstig und grausam, wird in diesem Film zu einer Mischung aus beidem: Er ist wild und ungesittet, stellt aber die Gastfreundschaft über alles und liebt seinen Sohn abgöttisch - beides wird ihm zum Verhängnis; Kriemhild, die an Siegfrieds Leiche kniend anklagend auf den Mörder Hagen zeigt und später mit versteinertem Gesicht vor der brennenden Etzelburg steht - man muss den Film nicht kennen, um diese Bilder zu kennen, die oft kopiert und doch nie erreicht wurden.
Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung hat dieses Meisterwerk der Filmgeschichte aufwändig restauriert, die Originalmusik neu einspielen lassen, fehlende Zwischentitel sowie Lücken im Filmmaterial rekonstruiert und die damalige Kolorierungstechnik eingesetzt, so dass die DVD dem Film relativ nahe kommt, den auch die Zuschauer im Jahre 1924 sehen konnten. Dafür vielen Dank an die Stiftung und ihre Mitarbeiter.
Zum Abschluss seien noch ein paar Worte über die Ideologie verloren, die in diesem Film transportiert wird. Am Anfang der beiden Teile wird jeweils der Widmung "Dem deutschen Volke zugeeignet" eingespielt. Damit wird der Anschluss an die Nationalisierung der Nibelungensage hergestellt, die im 18. Jahrhundert nach der Wiederentdeckung des Nibelungenliedes einsetzte (etwa durch Bodmers Rede von der "deutschen Ilias") und die ihren Höhepunkt in der Rezeption der künstlerisch bedeutsamsten Umsetzung des Stoffes in der Neuzeit, in Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" (wohlgemerkt: gegen Wagners Intentionen!) fand. Doch Fritz Lang lieferte keineswegs einen vorzeitigen Propagandafilm für die Nationalsozialisten ("Die Nibelungen" soll Hitlers Lieblingsfilm gewesen sein; man kann sich seine Fans aber nicht aussuchen), denn die im Film als besonders deutsch propagierte Tugend, die Treue, führt alle Beteiligten in den Untergang und wird damit massiv in Frage gestellt - eine Implikation, die den Nazis überhaupt nicht genehm sein konnte.
"Die Nibelungen" ist ein frühes Meisterwerk der Filmgeschichte, das in keiner Filmothek eines Cineasten oder Filmliebhabers, noch dazu eines, der sich für mittelalterliche Sagentraditionen interessiert, fehlen sollte.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 3, 2014 10:15 AM CET


Neppomuk's Rache
Neppomuk's Rache
Wird angeboten von Multi-Media-Trade GmbH - Alle Preisangaben inkl. MwSt.
Preis: EUR 19,05

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Intelligente Satire neben purer Blödelei, 11. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Neppomuk's Rache (Audio CD)
Der Nachfolger von "Liebe, Tod & Teufel" kommt an dieses grandiose Album nicht ganz heran, hebt sich aber dennoch weit über den Durchschnitt. Im typischen EAV-Stil mischen sich bissige Satiren mit purem Nonsens - manchmal ist nicht einmal zu entscheiden, in welche Kategorie ein Song gehört.
Nach einem kurzen Intro beginnt "Neppomuks Rache" mit einem ironischen Abgesang auf die untergegangene Donaumonarchie, die durch die "schrägen Töne" der Popmusik abgelöst wurde. Walzer und Radetzkymarsch statt Rock'n'Roll - damit soll das degenerierte Österreich wieder zu altem Glanz geführt werden; das respektlose Cover des Albums zeigt, was von solchen Forderungen zu halten ist...
Danach folgt das witzige "Ding Dong", in dem vor dem Öffnen der Tür gewarnt wird - schließlich weiß man nie, wer draußen steht; und weil die Hauptfigur des Lieds ständig die Warnung ignoriert, bricht eine Katastrophe nach der anderen über ihn herein.
Nach einem kurzen Zwischenspiel sagt ein Mann seiner verwöhnten Lebensgefährtin "Arrivederci", danach macht ein anderer mit seiner Freundin Schluss, weil kein Zug in ihren Wohnort Eierbach fährt. Beide Songs sind eher lauwarm und bald vergessen, mit Sicherheit die schwächste Stelle des Albums.
In "S' Muaterl" greift die EAV eines ihrer wichtigsten Themen auf: Kritik an der katholischen Kirche. Eine vom Schicksal schwer geprüfte alte Frau sucht Trost bei der Kirche, wird aber nur ausgenutzt. Schließlich kommt sie zu der Erkenntnis: "Sie bet't ein Vaterunser und sagt: Es ist ein Skandal, unserm Herrgott sein Bodenpersonal." Das Lied hebt sich von den anderen in diesem Album durch seine Ruhe und Nachdenklichkeit ab.
Sehr viel launiger kommt "Einer geht um die Welt" daher. Mit zahlreichen Anspielungen garniert wird ein Lobgesang auf den Furz veranstaltet, der sogar metaphysische Weihen erhält: "Vor ihm sind alle Menschen gleich." Nach dem ernsten "S'Muaterl" ist dieses Lied eher eine Blödelei.
Der vielleicht beste Song des Albums ist "Samurai", eine beißende Satire auf den Sextourismus in Ostasien, in dem die geschmacklosen Vorlieben der meist älteren Touristen schonungslos enthüllt werden: "Ja im Land des Lächelns sind die Frauen klein, er beginnt zu hecheln, könnt' seine Tochter sein." Schließlich nimmt er ein sehr unerwünschtes Souvenir mit nach Hause. Sprachlich interessant ist der pseudo-asiatische Akzent, in dem der Gesang gehalten ist.
Damals aktuell war die Desillusionierung der DDR-Bürger, die mit der Vereinigung alle Hoffnungen verbanden und schwer enttäuscht wurden. In "Es steht ein Haus in Ostberlin" muss ein Mann diese Erfahrung machen: "Dass nicht alles, was da glänzt, Gold ist, weiß Karl-Otto längst - außer, wenn man sich's leisten kann." Schließlich kehrt er nach Ostberlin zurück.
In "Würschtelstand" werden das Desinteresse und die Ignoranz der Wohlstandsgesellschaft aufs Korn genommen: "Wir pfeifen aufs Ozonloch und auf Südafrika - unser Problem: Wo sind die Debreziner?"
Den Abschluss findet das Album schließlich in "Vorbei". Ein gerade verstorbener Mann schaut aus dem Grab seiner eigenen Beerdigung zu und kommentiert drastisch die geheuchelte Trauer seiner Angehörigen: "Die Verwandten ham statt der Bibel den Taschenrechner in der Hand und dividiern das Erbe auseinand". Hämisch teilt er mit, dass es nichts zu erben gibt: Vor seinem Tod war er noch im Casino.
Fazit: Ein typisches EAV-Album, das neben schwächeren Nummern großartige Satiren (S' Muaterl, Samurai, Es steht ein Haus...) beinhaltet und auf jeden Fall in eine Sammlung intelligenter Popmusik gehört.


Liebe, Tod und Teufel Teil 1
Liebe, Tod und Teufel Teil 1
Preis: EUR 20,98

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Plötzlich wieder aktuell, 28. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Liebe, Tod und Teufel Teil 1 (Audio CD)
Ich bin mit der EAV aufgewachsen, hatte sie aber in den letzten zehn Jahren überhaupt nicht mehr im Bewusstsein. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima brachte mich dazu, mich an "Burli" zu erinnern, den Song, in dem die EAV die Katastrophe von Tschernobyl satirisch kommentierte: Burli ist ein "Mutantenwastl", der aus einer "kleinen Havarie" in einem Kernkraftwerk hervorgegangen ist; er hat einen Wasserkopf, einen Pilz auf dem Schädel, drei Ohren auf jeder Seite, "an jeder Hand zehn Finger, und Hände hat er vier, keiner spielt so schnell Klavier". Nebenbei wird die Sparsamkeit von Burlis Eltern auf unnachahmlich boshafte Weise karikiert: "Das Geld wird immer knapper, doch es frohlockt der Papa, weil er den halben Strom nur zahlt, seit der Bu als Nachttischlamperl strahlt". Am Ende heiratet Burli Amalia, die ebenfalls einiges zu viel hat, als "Andenken von Tschernobyl", sie wiederum freut sich, denn Burli hat "zwa, drei..."
Da ich nur noch eine alte MC besaß, die das Album nur verstümmelt wiedergibt, habe ich mir die CD besorgt. Dabei lernte ich auch viele weitere Songs (wieder) lieben: Den düsteren Titelsong "Liebe, Tod und Teufel", bei dem das sardonische Lachen am Ende mit dem albernen Gelächter aus "Drei verliebte Pinguine" kontrastiert. Ebenso sind zu nennen die Bodybuilderparodie "An der Copacabana", die wunderbare, an "Romeo und Julia" angelehnte Ballade "Sandlerkönig Eberhard" oder "Der Tod", der eine merkwürdige Mischung aus melancholischer Reflexion über den Tod, dem Grauen des Sensenmannes und der heiteren Überwindung, die dem Tod den Schrecken nimmt, darstellt. Schließlich, nicht zu vergessen, einer der bekanntesten Songs der EAV, "Küss die Hand, schöne Frau": Ein Mann verführt eine Frau und lässt sie am nächsten Tag sitzen - und dies mit schmissigem Rhythmus und einem Text, der oft sinnlose Interjektionen für die Reime benutzt und so auch die mangelnde Ernsthaftigkeit des Mannes unterstreicht: "Dideldong, dideldei, ist da noch ein Platzerl frei". Als Bonus befindet sich auf der CD eine erweiterte, "unzensierte" Fassung des Liedes, in dem wir die beiden ins Schlafzimmer begleiten: "Sapperlott, hoppala, wann kommst du, ich bin schon da."
Fazit: Allein wegen des erstgenannten Songs ist der Kauf ein Muss für jeden, der Gesellschaftssatire liebt. Die anderen aufgeführten Songs sind kaum schwächer und auch die nichtgenannten sind hörenswert. Unbedingte Kaufempfehlung.


Grimmelshausen Courasche
Grimmelshausen Courasche
von Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen
  Sondereinband
Preis: EUR 5,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Provokant, 1. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Grimmelshausen Courasche (Sondereinband)
Mit der Courasche hat Grimmelshausen eine der provokantesten Frauenfiguren der deutschen Literaturgeschichte geschaffen. Die "Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche" ist ein Sprossroman des viel bekannteren "Simplicissimus". Die alte Courasche schreibt ihre Lebensgeschichte nieder. In Böhmen geboren, wird sie schon als Kind in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges gerissen und muss sich irgendwie in dieser Männerwelt behaupten. Die ist insgesamt siebenmal verheiratet, kämpft als Soldatin in den Schlachten mit und macht z. T. reiche Beute, sie verdient ihr Geld auch als Hure und Marketenderin, als Diebin und Betrügerin. Dabei ist sie Inbegriff der prallen Sinnlichkeit: Schon ihr Name hat eine verborgene sexuelle Konnotation.
Da sie den Männern oft überlegen ist, zieht sie deren Feindschaft auf sich: Mehrfach wird sie als Hexe angeklagt, sie wird verprügelt und vergewaltigt und schafft es doch immer wieder, Oberwasser zu gewinnen. Den jungen naiven Springinsfeld richtet sie zu einem geschickten Dieb ab, behält in ihrer Beziehung aber immer die Hosen an. Und wer versucht, sie zu unterdrücken, muss damit rechnen, dass er eine Keule an den Kopf bekommt...
Nicht nur die Tatsache, dass sie alle gängigen Frauenbilder der Zeit konterkariert und deshalb verblüffend modern wirkt, macht ihre Provokanz aus. Sie schreibt ihre Lebensgeschichte einzig aus den Grund auf, um ihre eigene moralische Verworfenheit öffentlich zu machen. Damit will sie sich an Simplicissimus rächen, der sie einst abgewiesen und lächerlich gemacht hatte. Ihre Logik: Sie will zeigen, mit was für einem "ehrbarn Zobelgen" der fromme Einsiedler Simplicissimus verkehrt hatte. Letztlich stellt sie sich selbst also als völlig verworfene Person dar, um den Ruf des Simplicissimus zu ruinieren. Nebenbei wird auch das Konzept der "Confessio", der Autobiographie als Lebensbeichte, eine Tradition, die der Kirchenvater Augustinus ins Leben gerufen hatte, ins Gegenteil verkehrt. Dieser Zusammenhang wird bereits im furiosen ersten Kapitel deutlich.
Alles in allem ist die "Courasche" eine ebenso unterhaltsame wie lehrhafte Lektüre (ganz nach dem Motto des Horaz, nach dem Literatur belehren und unterhalten soll), die einerseits als Ergänzung zum "Simplicissimus", andererseits auch als Einstieg in Grimmelshausens Werk bzw. die Literatur des Barock gelesen werden kann. Egal, wie man es wendet, die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall.

Eine kleine Anmerkung zur Ausgabe: Hier ist die Sprache leicht modernisiert, ein Kurzkommentar für schwer verständliche Wörter erleichtert die Lektüre. Wer mit der Sprache des 17. Jahrhunderts nicht besonders vertraut ist, kann sich hier sehr gut einlesen.


Inglourious Basterds
Inglourious Basterds
DVD ~ Brad Pitt
Preis: EUR 4,97

12 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vielseitig und anspielungsreich, 11. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Inglourious Basterds (DVD)
Quentin Tarantinos Satire Inglourious Basterds" gehört zu den besten Filmen, die bisher über den Zweiten Weltkrieg gedreht wurden. Oft werden Filme mit historischem Inhalt peinlich genau auf ihre Authentizität geprüft und eine falsche Uniform oder eine kleine Ungenauigkeit im Ablauf der historischen Ereignisse wird sofort bemäkelt. Diese Fehler" sind jedoch meist völlig belanglos. Tarantino nimmt mit seinem Ansatz, die Geschichte unbekümmert so zu erzählen, wie sie abgelaufen sein könnte, ohne dabei Rücksicht auf die tatsächlichen Ereignisse zu nehmen, solchen Pedanten den Wind aus den Segeln. Ein deutscher Regisseur hätte dies wohl nicht wagen können, da brauchte es einen Amerikaner, der ohnehin wenig Wert auf Konventionen legt.
Neben diesem unverkrampften Umgang mit Geschichte ist auch der Film an sich überaus sehenswert. Allein die Eingangsszene ist den Eintrittspreis ins Kino bzw. Kauf der DVD wert. Die Perfidie, mit der Hans Landa den französischen Bauern zu dem Geständnis bringt, dass er bei sich Juden versteckt, ist unnachahmlich. Hinter all den wortreichen Ausführungen Landas steckt der unausgesprochene Gedanke: Ich weiß, dass du Juden versteckst, und du weißt, dass ich das weiß und ich weiß auch, dass du weißt, dass ich das weiß". Der Bauer bemerkt diesen unausgesprochenen Gedanken und daher fällt es ihm immer schwerer, seine Fassade aufrecht zu erhalten. Von Landa direkt darauf angesprochen, leistet er dann schließlich keinen Widerstand mehr. Die Szene kann als Musterbeispiel für die Macht der Sprache dienen. Landa bezeichnet die Juden als Ratten", führt dabei Hitlers und Goebbels' Propaganda scheinbar ad absurdum, um sie dann vollauf zu bestätigen. Der Bauer hat dem nichts entgegenzusetzen und das Unheil nimmt seinen Lauf...
Überhaupt bietet der Film viele Subtexte, die sich nicht auf die oberflächliche Anspielungen auf die Filmgeschichte beschränkt. So fällt beispielsweise in der Szene, in der einem deutschen Soldaten ein Hakenkreuz in die Stirn geritzt wird, einem der Basterds" scheinbar zufällig ein gelbes Blatt auf die linke Brust. Optisch ähnelt das Blatt dem Judenstern. Und so wie es den Juden verboten war, den Judenstern zu verbergen und sie daher für jeden als Juden erkennbar waren und stigmatisiert wurden (Victor Klemperer schreibt an einer Stelle in seinem Buch LTI [Lingua Tertii Imperii], das Schlimmste, was die Nazis den Juden angetan hätten, sei der Judenstern gewesen), so werden nun die Nazis stigmatisiert mit einem Hakenkreuz auf der Stirn. Dieser Vorgang erinnert nebenbei auch an Genesis 4,15...
Der Titel des Films und auch die veröffentlichten Trailer führen den Zuschauer absichtlich in die Irre: Nicht die Basterds sind die eigentlichen Handlungsträger des Films - auch wenn sie als Rächer die Nazis genauso erbarmungslos jagen wie es die Nazis mit den Juden getan hatten (was durch Ironisierungen wie den Comicnamen Donnie Donnowitz auch wieder relativiert wird) -, sondern Hans Landa (Christoph Waltz) und Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent). Über Waltz ist an anderer Stelle schon viel gesagt worden, ich kann mich den Lobeshymnen nur anschließen. Ich möchte aber hier auf den anderen Star des Films hinweisen, eben auf Mélanie Laurent. Man achte in der Szene, in der sie an Goebbels' Mittagstisch sitzt und kurz darauf mit ihrem Erzfeind Landa konfrontiert wird, nur einmal auf ihr Mienenspiel.
Daneben zeigt der Film auch überaus feinsinnig die Unterschiede zwischen den Kulturen. Die Deutschen werden dabei differenziert gezeigt und genießen z. T. sogar die Sympathien der Zuschauer, so z. B. Frederick Zoller (Daniel Brühl), der Shosanna Dreyfus Avancen macht und sich auch durch ihre offene Ablehnung nicht entmutigen lässt. Er kann schließlich nicht wissen, dass Shosanna mehr Grund hat die Deutschen zu hassen als viele andere. Während der Filmvorführung ist ihm seine Heldentat" peinlich, andererseits kann er sich der Heldenverehrung, die ihm zuteil wird, nicht entziehen. Er ist ein Beispiel dafür, dass die Deutschen hier keine stumpfsinnigen Schlächter sind, wie in vielen anderen amerikanischen Nazifilmen. Überzeichnet und lächerlich gemacht werden hier lediglich Hitler und Goebbels.
Daneben bietet der Film viele Kleinigkeiten, die sich dem Zuschauer oft erst beim zweiten oder dritten Sehen erschließen, so etwa Anachronismen (bei einem Deutschen konnte man zu dieser Zeit nicht voraussetzen, dass er weiß, was ein Mexican Standoff ist), Absurditäten (Hitler fragt einen seiner Leibwächter nach Kaugummi) oder die oben beschriebene bildliche Anspielung auf den Judenstern. Die Idee, dass sich der englische Offizier in der Kellerszene durch eine Geste verrät, zeugt von enormer Beobachtungsgabe.
Bemerkenswert ist die Internationalität des Films auch, was die Sprache betrifft. Tarantino legte Wert darauf, dass die Rollen mit Schauspielern aus den jeweiligen Ländern besetzt werden. Amerikaner und Engländer sprechen englisch, Franzosen französisch und Deutsche deutsch. Dieser Polylingualismus hebt den Film von vielen vergleichbaren Produktionen ab. Und dass ausgerechnet Hans Landa als charismatischer Bösewicht als Einziger mühelos zwischen den Sprachen wechselt und den Inbegriff der weltmännischen Polyglossie darstellt, ist die ironische Pointe des Films.
Man könnte noch viele weitere Vorzüge des Films aufzählen, doch ich will es hier dabei bewenden lassen und dazu auffordern, sich selbst ein Urteil zu bilden.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 19, 2012 10:51 AM MEST


Der Vorleser
Der Vorleser
DVD ~ Kate Winslet
Preis: EUR 7,99

18 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Durchschnittliche Verfilmung eines überschätzten Romans, 30. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser (DVD)
Betrachtet man "Der Vorleser" als reine Literaturverfilmung, dann ist sie nur teilweise gelungen. Viele wichtige Aspekte des Romans werden unterschlagen (etwa der Zettel, den Michael Hanna bei der Radtour hinterlässt und den sie nicht lesen konnte) oder sind unterbelichtet. So kann der Zuschauer Michaels Beweggründe nur vermuten, warum er, trotz der Aufforderung seines Professors, darauf verzichtet, dem Gericht Hannas Analphabetismus mitzuteilen und sie damit zu entlasten. Doch letztlich sind diese Mängel zweitrangig, weil der Film die konzeptionellen Mängel des nach meiner Ansicht völlig überschätzten Romans von Bernhard Schlink übernimmt. So bleibt völlig unklar, warum ein sexuelles Verhältnis zwischen einem 15jährigen Schüler und einer zwanzig Jahre älteren Frau in Verbindung mit Kriegsverbrechen der SS gesetzt werden muss. Wenn sich Michael Berg als Opfer dieser dominanten Frau versteht, was sind dann die Frauen, für deren Tod sie mitverantwortlich ist? Zudem bleibt die moralische Indifferenz unkommentiert, die hinter Hannas Entscheidung steht, die Hauptverantwortung für dreihundertfachen Mord zu übernehmen, um nicht zugeben zu müssen, dass sie Analphabetin ist. Weder Roman noch Film nehmen wirklich dazu Stellung.
Von der schauspielerischen Seite her ist der Film einigermaßen sehenswert. Kate Winslet spielt die Rolle der harten, sexuell verführerischen Hanna Schmitz wie auch die Rolle der alten und verhärmten Frau, die ein wenig stolz darauf ist, doch noch ein wenig lesen und schreiben gelernt zu haben, gut, wenn auch nicht unbedingt oscarreif. David Kross ist ein talentierter Nachwuchsschauspieler, lediglich Ralph Fiennes nimmt man die Neurosen Michael Bergs nicht wirklich ab.
Auf der handwerklichen Seite des Films ist es sehr störend, dass bei der Verfilmung eines deutschsprachigen Romans, der auch vollständig in Deutschland spielt und deutschsprachige Protagonisten hat, englischsprachige Bücher benutzt werden. Michael wird Lessings "Emilia Galotti" wohl kaum in einer englischen Übersetzung vorgelesen haben. Etwas mehr Sinn für Logik hätte man den Verantwortlichen zutrauen können.
Ich halte "Der Vorleser" für eine bestenfalls durchschnittliche Verfilmung eines bestenfalls durchschnittlichen Romans und kann den Film deshalb nur bedingt empfehlen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 12, 2013 3:27 PM CET


2001: Odyssee im Weltraum
2001: Odyssee im Weltraum
DVD ~ Keir Dullea
Preis: EUR 4,97

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Irritierend und faszinierend, 28. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: 2001: Odyssee im Weltraum (DVD)
Zugegeben, nach dem ersten Ansehen von "2001" war ich ratlos; ich wusste nicht, was ich von diesem Film halten sollte, meine persönliche Bewertung schwankte zwischen "sterbenslangweilig" und "genial und faszinierend". Nach dem zweiten Ansehen schwenkt das Pendel eindeutig zum Letzteren.
Diese Irritation ist vom Regisseur durchaus gewollt, sie stellt sich immer wieder bei Kubricks Filmen ein (etwa bei "Uhrwerk Orange"). Doch während in diesem die Hauptfigur Alex die Handlung zusammenhält und trotz aller Verfremdung ein klarer roter Faden bleibt, ist der Zuschauer bei "2001" erheblich mehr gefordert. Bereits der Anfang des Films, wenn der Bildschirm dunkel bleibt und man nur Musik von Ligeti hört, ist interpretationsbedürftig; aus dem Folgenden - Sonne, Erde und Mond in Konjunktion und danach das Kapitel "The Dawn of Man" - schließe ich, dass hier die Entstehung des Universums angedeutet werden könnte - möglicherweise in Analogie zum "Rheingold"-Vorspiel.
Dass man danach für fast eine halbe Stunde in die Urzeit zurückversetzt wird in einem Film, der dem Titel nach in der Zukunft im Weltraum spielen soll, ist ein weiteres der zahlreichen Irritationsmomente - doch der rätselhafte Monolith, das Verhalten der Anwesenden bei der Erkundung des Steins, die Musik (das sirrende "Requiem" Ligetis und der "Zarathustra" von Richard Strauß) stellen die Kohärenz mit dem Rest des Films her. Die Affenmenschen führen den brutalen Kampf ums Dasein, und als sie, nach der Entdeckung des Monolithen, lernen, Knochen als Werkzeuge und vor allem als Waffen zu gebrauchen, erweisen sie sich den anderen Horden und den Tieren als überlegen.
Die weitere Menschheitsgeschichte wird als bekannt vorausgesetzt - wie der berühmte Cut deutlich macht. Das pessimistische Menschenbild Kubricks äußert sich hier: Aus dem Knochen, der gerade als Mord-Werkzeug benutzt wurde, wird ein Raumschiff im Universum. Die Technik ist vorangeschritten, doch sie dient noch immer als Mordwerkzeug, wenn auch nun auf subtilere Weise. Das höfliche, doch von Taktik und gegenseitigem Misstrauen geprägte Gespräch zwischen amerikanischen und sowjetischen Wissenschaftlern deutet dies an.
In der Jupitermission wird die technische Perfektion, die der Mensch erreicht hat, seit er den Knochen als Werkzeug entdeckt hat, auf die Spitze getrieben durch den Supercomputer HAL 9000, der angeblich unfähig ist, Fehler zu machen. Das Vertrauen der Besatzungsmitglieder in die Technik ist so grenzenlos, dass durch einen einzigen offensichtlichen Fehler des Computers dieses Vertrauen in Misstrauen umschlägt. Der Computer wehrt sich gegen seine Abschaltung und tötet alle Besatzungsmitglieder bis auf einen. Es folgt eine der für Kubrick typischen Umwertungen: Der Mensch wird zum emotionslosen Werkzeug seiner eigenen Wut, der Computer zeigt plötzlich menschliche Gefühle, die über seine synthetische Persönlichkeit hinausführen: "Ich habe Angst". Die Naivität des Kinderliedes steht im Kontrast zu der Gnadenlosigkeit, mit der HAL abgeschaltet wird.
Was nun folgt, dürfte zum Rätselhaftesten und Interpretationsbedürftigsten gehören, was die Filmgeschichte je hervorgebracht hat. Die Fülle an Deutungsansätzen, die in verschiedenen Medien veröffentlicht wurden, zeigt vor allem eines: Dass der Film für viele Inerpretationsmöglichkeiten offen ist und kaum eine ausschließt. Gerade die Vieldeutigkeit ist jedoch - wie in allen Künsten wie Malerei, Literatur oder Musik - auch im Film ein Qualitätsmerkmal.
Fazit: Ich kenne kaum einen sperrigeren Film, doch auch keinen anderen, der deutlicher macht, dass man sich Filme mindestens zweimal ansehen sollte, um sie bewerten zu können.


Sin City
Sin City
DVD ~ Jessica Alba
Wird angeboten von Multi-Media-Trade GmbH - Alle Preisangaben inkl. MwSt.
Preis: EUR 6,99

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Warnung vor Sin City, 9. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Sin City (DVD)
Die fiktive Stadt Basin City kann als das moderne Babylon angesehen werden: Ein Bischof, der einen geisteskranken Kannibalen protegiert, ein Senator, dessen Bruder, der seinen pädophilen und sadistischen Sohn beschützt, korrupte Polizisten, Mörder, Huren, Schlägertypen - das ist Sin City. Wer hier überleben will, muss hart sein. Ein Polizist mit Gewissen und Verantwortungsgefühl wird mit falschen Anschuldigungen inhaftiert, weil er ein elfjährifes Mädchen vor einem Kinderschänder rettet; ein hässlicher und vorbestrafter Schläger wird zum Sündenbock gemacht; ein volltrunkener und gewalttätiger Cop löst nach seiner Ermordung einen Bandenkrieg aus. Visuell werden diese Abgründe durch statische schwarz-weiß-Bilder, aus denen einzelne Farbtupfer desto greller hervorstrahlen, hervorgehoben. Die übertrieben dargestellte Gewalt entspricht den Perversionen, die diese Gewalt auslösen. Hier werden, mit Roland Koch gesprochen, "brutalstmöglich" die Folgen geistiger und moralischer Verwahrlosung aufgezeigt.
Die einzelnen Episoden, wie bei "Pulp Fiction" komplex und vielfältig verschachtelt, spiegeln die vielfach verwobene und komplexe Großstadtwelt wider - filmische Entsprechung der Montagetechnik moderner Großstadtromane wie "Ulysses" oder "Berlin Alexanderplatz". Dazu kommt ein Aufgebot an Schauspielern, das seinesgleichen sucht: Bruce Willis, Michael Madsen, Clive Owen, Mickey Rourke, Benicio Del Toro, Jessica Alba, Brittany Murphy, Rosario Dawson, Elijah Wood...
Insgesamt liegt hier also ein handwerklich wie inhaltlich beeindruckender Film vor, der schockiert und, nachdem man die Perversitäten und Brutalitäten verdaut hat, zum Nachdenken anregt. Die Bibel warnt vor Babylon - Frank Miller und Robert Rodriguez warnen vor Sin City.
Kleine, aber wichtige Anmerkung: FSK 18 ist absolut gerechtfertigt!


Der Herr der Ringe
Der Herr der Ringe
DVD ~ Donald W. Ernst
Wird angeboten von audiovideostar_2
Preis: EUR 14,45

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kein Vergleich zu Peter Jackson, 12. April 2010
Rezension bezieht sich auf: Der Herr der Ringe (DVD)
Diese Zeichentrickversion war der erste Versuch, Tolkiens "Lord of the Rings" zu verfilmen. Dabei kann man einige Figuren und Szenen als durchaus gelungen betrachten (etwa die Darstellung der schwarzen Reiter, die Flucht zur Furt mit surrealen Elementen, der Orkangriff in Moria, der Marsch der Orks nach Isengard mit Merry und Pippin im Schlepptau, die Schlacht von Helms Klamm, Gollum). In der Charakterzeichnung wirken insbesondere Frodo und Aragorn überzeugend. Zudem ist die Umsetzung zu einem großen Teil werkgetreu.
Leider ist die Liste mit den Kritikpunkten länger:
1. Charakterzeichnung: Boromir wirkt als rauflustiger Wikinger deplatziert - er ist immerhin der Sohn des Statthalters von Gondor und müsste dementsprechend mit mehr Würde ausgestattet sein. Sam wird im - nicht mehr verfilmten - letzten Teil des Romans zum eigentlichen Helden der Geschichte. Das traut man dem dämlichen Tollpatsch in diesem Film wirklich nicht zu. An Gimlis Existenz scheinen sich die Filmemacher nur selten zu erinnern.
2. Handlung: Während der Roman bis zur Trennung der Gefährten relativ treu umgesetzt wurde, verliert der Film danach wichtige Handlungsstränge aus dem Auge. Merrys und Pippins Schicksal bleibt unklar, nachdem sie durch Baumbart fortgetragen wurden. Zwar ist dies vom Roman her vorgegeben, doch gerade Zuschauer, die den Roman nicht kennen, finden keinen Anknüpfungspunkt mehr; Frodo und Sam treffen auf Gollum und werden von ihm nach Mordor geführt. Doch wichtige Stationen wie die Totensümpfe und das Schwarze Tor werden einfach unterschlagen, die letzte Szene mit den dreien endet im Ungewissen.
3. Die Kreaturen: Die Umsetzung der Orks, Ringgeister und Gollums ist gelungen. Umso ärgerlicher ist das Balrog: eine zu groß geratene Fledermaus, an der man beim besten Willen keine dämonische Macht erkennen kann. Baumbart wirkt wie eine Mohrrübe mit Ästen. Da ist man eigentlich froh, dass der zweite Teil niemals in die Kinos kam - damit bleibt uns eine ähnlich schlecht gestaltete Kankra erspart.
4. Die Darstellung der Elben: An keiner Stelle wirken die Elben wie unsterbliche, weise und höherwertige Lebewesen. Besonders die dauerfröhliche Galadriel und der Kinderchor von Lothlorien nerven.
5. Der Schluss: Nach der Schlacht von Helms Klamm bricht der Film einfach ab, der unkundige Zuschauer erfährt in ein paar kurzen Sätzen, dass das Böse für immer besiegt wird. Auch wenn der geplante und nie realisierte zweite Teil die offenen Fragen geklärt hätte - der Schluss bleibt unbefriedigend.
Fazit: Nicht nur aus den genannten Gründen hält der Film dem Geniestreich von Peter Jackson in keiner Minute stand; doch wegen der eingangs genannten Vorzüge ist der Film trotzdem eine nette Ergänzung.


Die Träumer
Die Träumer
DVD ~ Michael Pitt
Preis: EUR 9,26

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lebensgefühl '68?, 6. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Träumer (DVD)
Befürworter feiern die "68er" als Motoren einer lange ersehnten Kulturrevolution, Kritiker weisen auf die ideologische Eindimensionalität hin, die stereotyp zwischen "faschistischen" Alten und "sozialistischen" Jungen unterscheidet. Bernardo Bertuloccis "Die Träumer" ist als Auseinandersetzung mit der Jugendrevolte gedacht, versinkt aber über weite Strecken in die solipsistische Darstellung dreier Jugendlicher, deren Kosmos sich zunemend nur noch um Filme und um sie selbst dreht. Der amerikanische Student Matthew verbringt ein Jahr in Paris, um die französische Sprache zu lernen, doch eigentlich interessiert ihn nur das Kino. Als die Regierung den Gründer der Cinémathèque, Henri Langlois, entlässt, ist Matthew unter den Demonstranten und lernt das Zwillingspaar Théo und Isabelle kennen. Er freundet sich mit ihnen an und wird von ihnen eingeladen, ein paar Wochen bei ihnen zu verbringen, da deren Eltern verreist sind. Die drei verbringen die Tage mit dem Nachspielen von Filmszenen und verlieren dabei zunehmend die Realität aus dem Auge, ihr Weltbild reicht nicht über die Grenzen der riesigen verwinkelten Wohnung heraus. Ist Matthew zunächst irritiert, als er die Geschwister nackt in einem Bett schlafen sieht, üben sie dennoch eine Faszination auf ihn aus, der er sich nicht entziehen kann. Er schläft viele Male mit Isabelle, ein homoerotisches Verhältnis zu Théo ist angedeutet. Die drei plündern Vaters Weinkeller, rauchen Joints und baden zusammen. Insbesondere Isabelle und Théo zeigen eine enorme geistige Unreife. Sie lassen die Wohnung zu einer Müllhalde verkommen und sind nicht einmal in der Lage, sich selbst zu ernähren. Während Isabelle kein Interesse an den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen außerhalb der Wohnung zeigt, beschränkt sich Théo darauf, marxistische und maoistische Theorien auszubreiten. Am Ende des Films wird er Molotow-Cocktails auf Polizisten werfen. Auf Matthews Skepsis dem Kommunismus und insbesondere der Gewalt gegenüber reagiert er aggressiv. Gerade hier zeigt sich, dass Matthew deutlich flexibler und geistig reifer ist als seine Gastgeber. So bleibt er alleine zurück, als sich Théo und Isabelle, die nicht voneinander lassen können, in das Getümmel stürzen, nachdem ein Backstein die selbstgewählte Isolation beendet hat.
Isabelles und Théos Protest gegen die etablierten Verhältnisse beschränkt sich auf den Protest gegen die eigenen Eltern, was sich in Diskussionen mit dem Vater und in der Verwahrlosung der Wohnung äußert. Weiter geht er jedoch nicht. Der selbsternannte Revolutionär Théo bleibt in Parolen und sinnlosem Aktionismus stecken und findet am Ende keine intelligentere Lösung der Gewalt. Isabelle ist ohne eigene Meinung, schließt sich ihrem Bruder an, die einzige Entscheidung, die sie selbständig trifft, ist ein Selbstmordversuch. Lediglich Matthew äußert sich differenzierter und ist deutlich liberaler. Er wirkt als Gegenpol zu Théo und ihre Konkurrenz zeigt sich auch ihm Buhlen um Isabelles Gunst. Sexualität wird dabei als Machtmittel eingesetzt: Isabelle zwingt Théo, vor ihr und Matthew zu onanieren, dieser veranlasst die Entjungferung Isabelles durch Matthew als Strafe, weil sie eine Anspielung auf einen Film nicht erraten können. Auch sie wird als Mittel zum Protest gegen die Eltern eingesetzt und damit politisiert. So ist es auch zu verstehen, dass die Eltern, als sie nach Wochen zurückkehren und die verwahrloste Wohnung sowie die drei Jugendlichen nackt in einem selbstgebauten Zelt vorfinden, sich dezent zurückziehen. Dies ist nicht ihre Welt, sie wollen nichts damit zu tun haben. Der Generationenkonflikt scheint unüberbrückbar.
Das Ende bleibt offen, so wie auch die Frage offen bleibt, wie die "68er" zu bewerten sind. Radikalität und Gewalt, Sexualität und Protest, so scheint es, sind die Leitkonzepte der Bewegung, deren Repräsentanten geistig unreif wirken. Der liberale Skeptiker Matthew bleibt allein. So ist der Film als Bertuloccis skeptisches Fazit der Jugendrevolte zu verstehen.


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