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Rezensionen verfasst von
Christof Sperl "chrisnoi" (Quassel)

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Die 500 besten Alben aller Zeiten (Porträts)
Die 500 besten Alben aller Zeiten (Porträts)
von Joe Levy
  Gebundene Ausgabe

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schöner Schmöker, 20. August 2011
Wer nur im eigenen Geschmackssaft schmort, lernt kaum Neues kennen. Daher ist die grandios subjektive Auswahl des Rolling Stone eine Bereicherung für jeden Musikliebhaber, obwohl so mancher unbewußt vielleicht mehr von RS beeinflußt ist, als er zugeben mag. Ich hatte mich bisher zum Beispiel an Bruckmaiers bösem Soundcheck-Taschenbuch orientiert und war damit sehr gut bedient. Das opulente RS-Werk glänzt dagegen durch schöne Coverabbildungen auf schwerem Papier und amüsante, bisweilen sarkastische Texte. Sarkasmus ist in diesem Zusammenhang sehr gut geeignet, um den Musikzirkus auch einmal ein wenig auf die Pop-Schippe zu nehmen und ihm den Spiegel der ihm eigenen bornierten Arroganz vorzuhalten, die er allerdings von uns allen angefüttert bekommt. Manchmal fällt es eben schwer, einen Bono so ganz ernst zu nehmen.

Der quadratische Band im fast-LP-Format ist ein wunderbar informativer Alben-Schmöker mit Ausflügen zu den großen Unbekannten hinter den Mischpulten, zu den wichtigsten Studios, Komponisten und Sessionmusikern werden auch die entsprechenden Platten gelistet. Glücklicherweise sind auch Miles und andere wichtige Jazzer vertreten.

Leider leistet sich die Übersetzerin einige denglische Anwandlungen, so ist auf Seite 107 zu lesen: Ich ging zu DIESER Party und dort spielten sie DIESE Musik - eine solch unangebrachte Übertragung von this und that klingt im Deutschen nicht gut an und nervt immer wieder, auch im guten alten SPIEGEL.

Im Register werden einige Falschangaben zu Seiten und Titeln gemacht.
Trotzdem: Tolles Buch, immer wieder liest man gern darin herum und träumt von der Vervollständigung seiner Sammlung, die wie jede gute Sammlung voller Lücken sein muss. Nun werde ich wieder arm und jede Menge Geld in CDs investieren, zu denen der RS-Text mich verführt hat. Ich plane so etwa die Anschaffung von James Browns Live at the Atlanta. Man wird sich auf die Empfehlung verlassen können.


Kollaps.Warum Gesellschaften überleben oder untergehen
Kollaps.Warum Gesellschaften überleben oder untergehen
von Jared M. Diamond
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Tour d'horizon des Weltzustandes, 6. August 2011
Diamond erklärt in wohlgegliederter und anschaulicher Form Gründe für das Verschwinden großer Kulturen (Maya, Osterinsel, Wikinger Grönlands, Anasazi usw.). Die Gründe liegen immer in der übertriebenen Ausbeutung natürlicher Ressourcen und im Unwissen über ökologische Folgen. Diamond stellt die Ergebnisse der Zustandsbeschreibung moderner Kulturen gegenüber (Haiti, Dominikanische Republik, China, USA)und findet auch hier Beweise für diese These.
Der Geologe und Ornithologe ist Optimist und hofft, die sich selbst gefährdende Menscheit könne durch vernünftige Entscheidungen ihr widersprüchliches Verhalten korrigieren (wir Deutschen z.B. tun alles für unsere Kinder, sind aber gegen ein Tempolimit auf der Autobahn und zerstören durch die Raserei in großen Autos die zukünftigen natürlichen Ressourcen der Nachkommen). Das 650-seitige Buch liest sich spannend und unterhaltsam, obwohl die Faktenlage sehr detailreich auch anhand von Zahlenmaterial dargelegt wird. Diamond faßt oft das Vorhergehende zusammen, es entstehen daher Wiederholungen.

Die Übersetzung ist sehr holprig und sprachlich grob gezimmert. Das Buch enthält einige unschöne Druck- und Rechtschreibfehler.


High Society: Eine Kulturgeschichte der Drogen
High Society: Eine Kulturgeschichte der Drogen
von Mike Jay
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Droge ist, was die Bigotterie festlegt, 27. Juni 2011
Kaffetrinkern wurde die Zunge herausgeschnitten, während der US-Amerikanischen Alkoholprohibition entstanden mafiöse Verbrechersyndikate, Heroin war gar einmal ein Hustenmittel. Jay stellt klar, daß das negativ konnotierte Wort "Droge" aus einem "Medikament" etwas Schlimmes macht, wenn die gesellschaftlichen Umstände dies so erfordern oder die Folgewirkungen so negativ sind, wie man es nicht abschätzen konnte. Viele Substanzen, die heute als illegale Drogen gelten, wurden lange Zeit frei als Medizin in Apotheken verkauft. Jay liefert eher die soziologische Komponente, bespricht den Umgang mit Droge als gesellschaftlichem Phänomen und stellt pharmakologische Überlegungen nur am Rande an.
Der Übergang von der erwünschten Droge zum geächteten Suchtmittel läßt sich gerade in der geschätzten Gegenwart anhand der Zigarette beobachten: Früher in aller Munde, sind die Süchtigen mit dem Nikotinstäbchen heute auf den Balkon verbannt worden.
Das Buch enthält zahlreiche hochinteressante Illustrationen und Fotos in Farbe und ist auch ein schmökerndes Blättervergnügen. Interessant ist auch, was man unter den oben skizzierten Überlegungsweise alles in die Kategorie Droge aufnehmen kann, wenn die psychoaktiven Wirkungen als solche betrachtet werden sollen: Kaffee (als Stimulanz), Nikotin (ebenso), Tee, Schokolade (als Endorphin-Auslöser), Zucker (als hochkarätiger Energielieferant). In diesem Sinne stünde ein Normalo wie ich es bin ständig unter Drogen.
Leser, die Hochwissenschaftliches erwarten werden enttäuscht. Der Text liest sich als kurzweiliger, bsiweilen philosophierender Streifzug.


Hartland: Zu Fuß durch Amerika
Hartland: Zu Fuß durch Amerika
von Wolfgang Büscher
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen wunderbare Sprache, 27. Juni 2011
Es ist für US-Amerikaner derartig verdächtig und ungewöhnlich, wenn jemand ohne Auto und zu Fuß an ihrer Grenze um Einlaß und Visum begehrt, daß erst mal sein Rucksack gefilzt werden muß, bevor man den Reisenden nach einigen Stunden (und mit ein paar Warnungen vor den Gefahren versehen) passieren läßt. Bürgersteige gibt es nicht: entweder steht man mit einem Fuß auf der Straße oder man muß durch die Vorgärten der Leute laufen, um voranzukommen. Man kann als so ein seltsamer Fußgänger sogar mal beleidigt werden: Kauf dir doch ein verdammtes Auto! schallt es ihm einmal entgegen.
Mit tiefer geschichtlich-literarischer Kenntnis und großem kulturellem Einfühlungsvermögen wird in diesem Buch von einer Wanderung durch die USA erzählt. Der Autor erreicht dabei ein sprachliches Niveau, das sich nicht hinter einem Ransmayr verstecken müsste und zieht den Leser in einen mit Literaturbezügen versehenen Erzählstrom, von dem sich zu lösen sehr schwer wird. Nur unwillig möchte man das Buch zur Seite legen und weiterlesen über diese seltsamen Revolverträger Gottes, die ihre schlecht gebauten Häuser nicht verschließen und ständig auf der Suche nach neuen Träumen und Herausforderungen sind. Büscher stellt immer wieder den historischen Bezug her, berichtet von Indiandern und ihren großen Schlachten, von Custer und dem Little Bighorn, von einsamen Leuten, die sich in ihren Pickups sitzend von Festern zu Fenster im Auto unterhalten. Ein wunderbar tiefes und großes Buch. Bei der Lektüre stellt man Vergleiche zu Chatwin an! Büschers Text ist alles andere als eine simple Reisebetrachtung, es handelt sich eher um eine philosophische Kulturbeschreibung der USA.


Horses
Horses
Preis: EUR 6,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aufgewacht, 12. Juni 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Horses (Audio CD)
Diese LP hat mich aus meinem jugendlichen Dauerschlaf aufgerüttelt. Wie später bei den Fehlfarben lag beim Hören die Revolution an. Der Unterschied zwischen Smith und den Musikerkollegen des Jahren 1975 war: Patti ging auf die Straße - und die Anderen vielleicht mal auf den Balkon. Es war unmöglich, Horses leise zu hören und die Boxen des Concerto-5050-Receivers von Telefunken mussten irgendwann dran glauben. Patti war die hohe Priesterin, die ihre Botschaft unter unsere Haut brachte. Sie war die pure Kraft. Wir trafen uns zu Rockpalast-TV-Parties und drehten das Radio auf, denn die Musik wurde in Stereo und live übertragen. Ich verliebte mich in sie. Sie war beim späteren Interview mit Alan Bangs (auf youtube dokumentiert) der pure bekiffte und lysergaäuregesättigte grinsende Punk, gegen den ein Sid Vicious nur eine Fußballstadion-Lachnummer war. Alle Frauen wollten mit übergroßen Altkleider-Jacketts irgendwann so aussehen wie Patti. Manche haben es geschafft. Sie hat der Zeit ein Gesicht gegeben. Diese CD/LP muss jeder haben.


Helplessness Blues
Helplessness Blues
Preis: EUR 9,99

18 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Panoptikum der Klänge, 13. Mai 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Helplessness Blues (Audio CD)
Man müßte über die Fleet Foxes wie über das Bouquet eines edlen Weines schreiben, doch am nächsten kommt man der Musik vielleicht, indem man zunächst sagt, nach was die Band nicht klingt: mediokrem Formatradio-Dudelkram und irgendwelcher aufgeblasenen Mainstream-Brüllerei. Zwar ist Spaß ein Gut für sich, doch diese Musik hat mit Spaß sehr wenig zu tun. Sie ist im Gegenteil eine ganz ernst gemeinte Mitteilung aus einer zukünftigen, aber heute bereits absehbaren musikalischen Entwicklung. Damit so etwas wie Science Fiction unplugged.

Die CD steht mit ihrer dicken, auffälligen und westernartigen Schmalseitenbeschriftung selbstbewußter im Regal als alle anderen, auf dem großformatigen Digipack-Cover kreisen einige aquarellblasse Figuren um ein blumiges Zentrum, der CD liegt ein Poster im Beatles-Revolver-Stil bei, der Tonträger selbst ist in einer schlichten, schwarzen und weichen Papphülle untergebracht, die an alte LP-Designs erinnert.

El Vez zitiert direkt, die Fleet Foxes aber klingen nur nach etwas Anderem und erinnern mit den Anklängen an alle möglichen wichtigen Interpreten der neueren Musikgeschichte. Wie bei allen Großen (für mich Zappa, Cale, Reed, Young, Eno usw.) schimmern oftmals Facetten der Musikerkollegen durch.

Ich wollte beim ersten Hören nebenbei die Zeitung durchsehen, mußte sie aus lauter Faszination an dieser zarten Musik allerdings schnell beiseite legen. Und dies obwohl mir Musik nie laut, brachial, schnell, scheppernd und aggressiv genug klingen kann. Ich lauschte also der nach überflogenen Feuilleton-Begeisterungen schnell und auf gut Glück bestellten CD und fand beim ersten Hören der mit ungewöhnlichen Instrumenten (Harpsichord, Mellotron, Marxiphone, Pump Organ etc.) aufgenommenen Musik so viele Anklänge, daß ich mir eine Liste der Sounds erstellen musste. Das Folgende habe ich dann gefunden:

Schnelles Joni-Mitchell-Gitarren-Geschrammel, darüber fragiler Belle-And-Sebastian-artiger Gesang, ein dunkler Klang nach Grunge ohne Verstärker - aber dafür mit Landluft, schwer rummsende Paukenschläge, der mittlere Donovan, Dylaneske Jingle-Jangle-Byrds-Rhythmen, gregorianisch-psychedelische Kirchengesänge, ein Rasenmäher, kaum wahrnehmbares, mittelalterlich anmutendes Mandolinengezupfe, Spinettobertöne, Eulensiegelbilder kamen hierbei auf, der frühe Bowie (Low) kommt durch, auch früh-Floydsche Satzgesänge (als Syd Barrett noch dabei war), ein atavistisch-antiquierter, an Burgfräulein und Minne erinnernder Raum tut sich auf, Ryan Adams kam entlang, die Beatles, Cat Stevens, Genesis-Zwischengeplänkel. All dies wird fragil, milde, ohne Leiden vorgetragen, melancholisch und nicht deprimierend (der Titel lautet ja immerhin "helplessness blues"),intellektuell, dunkel, groß.

Über der anachronistischen Musik liegen Samples: Kutschen klingen an, ein Zug, eine Spieluhr, ein Gefühl wie als Kind in Großmutters Standuhr zu sitzen kommt auf, und dies alles ist souverän gesichtet, vermischt, gestaltet, präsentiert, daß es eine reine Freude ist. Die Instrumente selbst sind kaum zu umreißen, Ziel war offenbar ein höchst ungewöhnliches Klangbild. So enstehen interessante Farbmischungen. Der Gesang bricht überraschend und unvermutet oft schon nach ein, zwei Takten herein, lange Präludien wie bei den Cure sind nicht enthalten. Dies gibt der Musik auch etwas Ungestümes.

Liebe Leser, als Musikbegeisterter habe ich selten so eine großartige Nummer gehört! Die Produktion ist feingezeichnet, hervorragend abgemischt, abgrundtief, dreidimensional. Man muss sich das Ding für den Sommer 2011 bestellen, obwohl es für mich eigentlich eher eine nachdenkliche Wintermusik ist. Die Fleet Foxes werden sich mit ihrem außergewöhnlichen Klang bei mir sehr häufig im CD-Player finden. Ganz große Nummer auch für audiophile Anlagenfreaks.


Triff die Elisabeths!
Triff die Elisabeths!
DVD ~ Lucien Jean-Baptiste
Preis: EUR 10,53

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sie lieben ihre..., 17. März 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Triff die Elisabeths! (DVD)
...Schwarzen, unsere Franzosen (die Araber leider ein bißchen weniger): es gibt schon einen schwarzen Bürgermeister in Frankreich, das soll ihnen einer von uns erst mal nachmachen. Nun ja, die Geschichten Frankreichs und Deutschlands sind trotz aller Gemeinsamkeiten doch höchst unterschiedlich und von den Überseedepartements kommen allerlei Einwanderer, die so gar nicht nach Elsaß-Lothringen aussehen. Die Franzosen wissen oft nicht viel mehr als wir über die Geographie und Kultur der Antillen, genüßlich werden so einige Vorurteile und Unkenntnisse zelebriert.
Ein Familienvater - arbeits- und mittellos, mit Spielsucht, Schulden, Ehekrise und überzogenem Konto - verspricht seinen schwarzen Kindern einen Skiurlaub und wird darob von allen Ghettobewohnern verlacht. Schwarze im Schnee? das gibt's doch gar nicht. Ein Freund leiht ihm einen aufgemotzen Benz, und mit Second-Hand-Klamotten geht`s ohne Ehefrau, dafür aber mit der frommen Oma als Domina in die Berge. Der Mercedes, von dem der Besitzer sich nur unter Tränen trennt, lebt nicht mehr lange, und Papa verspielt die Kohle. Auf einmal kann nicht mal das Chalet mehr bezahlt werden, entdeckte der Besitzer der Hütte nicht seine Liebe zu den vielen schwarzen Kindern. Er erläßt ihnen die Schulden, und wie es weitergeht, wird nicht verraten.
Witzige Sprüche, schöne Musik, viel hintergründiger Humor, eine typisch französische Loserklamotte.
Ton D/F, D auch mit D-Untertiteln.


Je suis prof et je désobéis
Je suis prof et je désobéis
von Bastien Cazals
  Taschenbuch
Preis: EUR 3,15

5.0 von 5 Sternen Ungehorsam sein, 5. März 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Je suis prof et je désobéis (Taschenbuch)
Der als Ingenieur ausgebildete junge französische Lehrerkollege beschreibt die folgen des neoliberalen Sozialabbaus im linksheinischen Bildungssystem, das unserem fachlich immer überlegen, nun jedoch unter Sarko und seiner First Lady erheblich zurückgebaut wird. Wo mangels Fahndung wie bei uns kaum noch Steuern Wohlhabender mehr eingetrieben werden, bleibt auch in Frankreich kein Geld mehr für die Bildung der massenhaft arbeitslos werdenden Jugendlichen. Die Kinder gehen später zur Schule, verlassen sie früher, Stunden werden gekürzt, die Leher sollen allerlei soziale Probleme lösten und den Stellenabbau bei den Sozialarbeitern ausgleichen. Wer sich nicht wirklich für Frankreich interessiert, dann das Buch weglegen. An Bildungspolitik interessierte Leser müssen das ausfrüttelnde Dokument aus dem wirklichen Leben kennen.
Ein neuer Band aus der neuen relevanten Edition indigène, der uns wieder mal vorführt, wie politisches Engagement im Nachbarland aussieht, während wir hier über Bohlen und Ballack diskutieren.
Cazals Engagement besteht im Anprangern und Protestieren, ein Brief an den Präsidenten wurde nicht beantwortet, Cazals will die Verantwortung nicht mehr übernehmen und den Dienst quittieren.


Empört Euch!
Empört Euch!
von Stéphane Hessel
  Broschiert
Preis: EUR 3,99

7 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen empört und engagiert euch in der Demokratur, 26. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Empört Euch! (Broschiert)
Die Botschaft des großen alten Mannes: bleibt nicht gleichgültig gegenüber der Berlusconisierung unserer modernen Demokraturen, in denen sich einige die Taschen immer voller stopfen und andere Ein-Euro-Jobs erledigen, in denen an einem Ort Monate um 5 Euro gerungen, und anderswo Millionen für Prestigegeprotze verplempert werden. Nur der engagierte, sich artikulierende Citoyen ist in der Lage, Dinge noch zu ändern. Besonders brisant ist, wie sich der jüdischstämmige Hessel für die Palestinenser engagiert, in dem er Gaza mit einem Gefängnis unter freiem Himmel (une prison à ciel ouvert) vergleicht. Ägypten, Algerien, Libyen zeigen: Es gibt nichts gutes außer man tut es. Gäbe es jetzt noch die Bastille, müßten die Franzosen nach Chirac und Sarko sie nicht noch einmal stürmen? Aux armes et cetera sagt der große Gainsbourg. Vielleicht ohne in seinem Witz zu ahnen, daß das et cetera 2011 aktueller denn je sein würde. Schließlich hat in Frankreich die elitäre Politokratie à la DSK längst die Aristrokraten aus der Vorjulizeit ersetzt. Nur hatten die Franzosen sich bis vor kurzen kaum darüber aufgeregt.
Die kleine Broschüre ist aufrüttelnd und lesenswert.Und bemerkenswert, weil die Französen die Empörung auch gegen die Diskriminierung von Fremden pflegen, die Deutschen aber außer Sarrazinschen Ressentiments nichts auf die Bestsellerliste bringen. Hessels Ausgangspunnkt sind die Forderungen der Résistance nach der neuen Staatsgründung unter de Gaulle und deren Verwässerung durch die Repräsentanten der fünften Republik.


Arbeit poor. Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft
Arbeit poor. Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft
von Barbara Ehrenreich
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

3.0 von 5 Sternen Ausbeutung und Redeverbot, 22. Dezember 2010
"Sie blickte ins Leere, und ich fragte mich, ob sie ihre Vorfahren sah, die irischen Einwanderer aus ihrer großen Familie."

Solche Sätze schaffen unangenehme, unangebrachte und kitschige, zu sehr amerikanische Stilblüten und Längen, wo doch das Anliegen ein ganz ernstes und schreckliches ist: Die Ausbeutung von arm durch arm im Billigladen, die soziale Plünderung arbeitender Armer, die so wenig verdienen, daß sie in Obdachlosenwohnheimen und dreckigen Absteigen hausen und leben müssen. Eine Miete können sie sich kaum mehr leisten.

Doch ob wir nicht alle selbst Schuld sind, wenn wir, um 4 Cent an der Milchtüte zu sparen, 10 Kilomenter fahren, daß keine vernünftigen Löhne gezahlt werden können? Sinken unserer Reallöhne weiter so, wie sie es seit Jahren tun, dann können wir irgendwann selbst nichts anders tun - während sich die Wohlhabenden die Taschen voller und voller stopfen, und die Schichten weiter auseinander driften.

Was bei Naomi Klein ("No Logo") den politischen Ansatz ausmacht, dieses Salz in der Suppe zum Thema, das fehlt Ehrenreichs Text vollkommen. Positiv ist zu bemerken, daß Ehrenreich sich selbst in die Abgründe der Jobs begibt, wo Supermarkt-Vorgesetzte wie Gefängniswächter Redeverbote überwachen und mit Linealen "unordentlich" eingeräumte Regale leerfegen. Die Verkäuferinnen, die zwei, drei Jobs ausüben, nebenbei Kinder versorgen, doch nicht über die Runden kommen, sich von billigem Mac-Food ernähren, spielen die Sklavenrolle. Die neureiche Dame, die gezielt Dreckhäufchen unter Teppiche plaziert, um die Putzdienste bei Entdeckung die gesamte Etage neu saugen zu lassen, die Rolle der Herrscher.

Am schlimmsten aber sind Mutlosigkeit, Indifferenz und die resignierende Akzeptanz der ausgemergelten Arbeiterinnen: Keine stellt sich die Frage, ob die Löhne gerecht sind, ob eine Gewerkschaft gegründet werden sollte. Die haben Angst vor dem Jobverlust. Da es auch keine vernünftige Krankenversicherung gibt, sind viele sogar auch zahnlos oder anderweitig krank. Zum Arzt geht keine - da wirft man sich lieber ein paar Ibuprofen-Pillen ein.

Nach der Lektüre des trotz aller Theoriearmut kurzweiligen und spannenden Buches und seiner Übersetzungsschwächen hat man verstanden: Die USA von heute sind am Ende und zeigen die Zukunft des Europa von morgen - wenn wir dem nichts entgegensetzen.


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