ARRAY(0xa085b2ac)
 
Profil für Henning > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Henning
Top-Rezensenten Rang: 27.155
Hilfreiche Bewertungen: 57

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Henning "hen" (Viersen)

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2
pixel
Mozart: Sinfonien/ Konzerte/ Sonaten
Mozart: Sinfonien/ Konzerte/ Sonaten
Preis: EUR 35,84

5.0 von 5 Sternen Viel Mozart für wenig Geld, 19. April 2014
Die in dieser Box nun zusammengefassten Einspielungen zeigen Jos van Immerseel, der noch immer so etwas wie ein Geheimtipp ist, sowohl als Pianisten als auch als Dirigenten. Ein feines Schnäppchen, denn wir erleben einen Repräsentanten der HIP, der hier erneut beweisst, dass historische Informiertheit, Strukturbewusstsein und Emotionalität keine Wiedesprüche sind. Seine Versionen der späten Sinfonien sind mindestens auf Augenhöhe mit Gardiner, Harnoncourt oder Jacobs, in der Partnerschft mit Midori Seiler in den Violinkonzerten und Sonaten hat er eine adäquate Mittäterin gefunden und auch in den Bläserkonzerten finden wir einen Mozart jenseits verzärteter Banalität. Viel Mozart, viel Musik für wenig Euronen.


Die Jahreszeiten
Die Jahreszeiten
Preis: EUR 22,30

5.0 von 5 Sternen Haydn an der Schwelle zur Frühromantik, 19. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Jahreszeiten (Audio CD)
Haydn ist heikel. Noch immer mit dem einer falsch verstandenen selbstironischen Bemerkung als Papa Haydn verschrieen, nimmt der erste Vollender von Sinfonie und Streichquartett immer noch nicht den Rang ein, der ihm gebührt. Seine Werke sind immer noch Gegenstand verschiedentlicher Missverständnsse und Vorurteile. Auch die Jahreszeiten sind hiervon nicht verschont geblieben. Hier gelten die durch ihre Wiederholung nicht wahrer werdenden Diskreditierungen vorrangig dem Libretto des in Niederländers van Swieten. Erstaunlich genug ist, dass hier übersehen wird, dass es sich nicht einmal um Swietens genuines Werk handelt, sondern um eine Auswahl und Übersetzung des Orginaltextes von James Thomson.

Faktisch ist Swietens Text weit davon entfernt, ein literarisches Meisterwerk zu sein, bietet jedoch gerade durch seine naturalistische Überfülle, seine zahllosen pastoralen Details, Haydn Gelegenheit zu einiger der schönsten Musik aus seiner Feder. Und seien wir ehrlich: literarisch höchstwertiges ist auch in der klassischen Musik gesungen nicht in der Mehrheit. Tatsächlich ist Haydn nirgendwo anders so nahe an jenem sich zu einem fast rauschhaften Naturerleben, das ein Besandteil der Frühromantik werden sollte. Paradoxerweise wird dies in keiner mir bekannten Einspielung so deutlich wie unter Jacobs, der Haydn gerade von der anderen Seite her, nämlich vom Barock aus betrachtet.

Jetzt hat Harmonia Mundi seine Aufnahme von 2004 zu verträglichem Preis rereleased und es handelt sich immer noch um eine herausragende Produktion. Dies beginnt damit, dass im Gegensatz zu manchen von Jacobs da Ponte-Mozart Einspielungen der Einführungstext von einem Autor verfasst wurde, der auch etwas zum Werk zu sagen hat. Das Libretto ist ebenso mehrsrachig enthalten. Ob die verwendete Papp-Klappbox einer Jewelcase vorzuziehen ist, bleibt Geschmackssache, sie vermittelt indes mt dem gelungenen Artwork einen Anflug von Werigkeit. Das Klangbild ist transparent, direkt und so natürlich, wie es der Transport eines fremden Klangraumes in die häuslichen vier Wände zulässt. Selbst audiophile Hörer dürften zufrieden gestellt werden.

In den vorliegenden Rezensionen ist völlig zu Recht alles positive zu den Solisten gesagt worden. Die eminenten Fähigkeiten des Freiburger Barockorchesters als eines der führenden Orginalklanensembles international sind bekannt und - Jacobs. Hier zeigt sich wieder einmal, welch glänzende Ergebnisse er erzielen kann, wenn er bei seinen Leisten bleibt und nicht nebenher als Gesellschftsphilosoph wie in seiner Don Giovanni Einspielung scheitert. Die Orchestereinleitung zum ersten Teil greift in ihrer tollkühnen Wildheit nahezu bis zur Einleitung der Waklüre vor. Und danach wird es keinen Moment weniger spannend. Jacobs lässt die Erstfassung von1801 spielen, die insgesamt mehr Orchestereineitungen beinhaltet. Der aufgeraute, gleichsam erdige Ton tut dem Werk gut, er vermeidet Süsslichkeit zugunsten von Natürlichkeit. Ein solch flexibler, dennoch viriler Zugriff hätte auch Jacobs Don Giovanni gut getan, aber dazu hätte Jacobs dort aus seinen selbstgemachtem ideologischen Gefängniss entkommen müssen. Ich erlaube mir dies hier anzumerken, weil gerade diese wie andere Aufnahmen des Künstlers zeigen, was -ismen und Zeitgeist verhindern. Dort, wo Jacobs sich von tagesaktuellen Dümmlichkeiten und eigenen biografischen Beschränkungen befreien kann, ist er garndios. Wo er Rokokofiguren zu modernen Feministinen hochstilisiert, wird auch das künstlerische Endergebniss läppisch. Das ist bei diesen CDs dankenswerterweise nicht der Fall und daher sind sie auch jenen uneingeschränkt zu empfehlen, die entweder schon die klassische Einspielung unter Böhm oder auch die ebenfalls guten Versionen etwa von Kuijken oder Gardiner besitzen. Da es keine Zwangsabgabe ins Phrasenschwein gibt, erlaube ich mir, zu schreiben: tatsächlich sollte diese referenzverdächtige Produktion in keiner gut sortierten Klassiksammlung fehlen.


Don Giovanni
Don Giovanni
Preis: EUR 39,99

2.0 von 5 Sternen Von Chorknaben, Textdichtern, Zuhältern und Philosophen, 18. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Don Giovanni (Audio CD)
Dem Werbetext seiner Plattenfirma nach will Jacobs bei Mozart das Drama wiederherstellen. Bedauerlicherweise scheint er zumindest bei der Produktion dieses Don Giovanni vergessen zu haben, den eigenen Werbetext auch zu lesen. Dieser Einstieg iin eine Rezension klingt ruppig und recht unfreundlich, doch ist einer Produktion angemessen, deren herausstechenstes Charaktermerkmal traurigerweise das Scheitern am eigenen Anspruch darstellt. Rene Jacobs, der seine Laufbahn als Chorknabe begann, dannals Countertenor wirkte und mittlerweile auf eine Karriere als Dirigent zurückblickt, weiss es nämlich laut Rene Jacobs, besser. Und das besser Wissen bezieht sich natürlich nicht auf Fragen des Chorgesanges oder der Musik. Jacobs weiss es alles besser als Sören Kirkegaard, einer der bedeutensten Philosophen des 19. Jahrhunderts. Kirkegaard nämlich hatte,obwohl Pfarrer, eine Menge Dinge über Don Giovanni geschrieben, die ein Chorknabe völlig zu Recht als unartig empfindet.

Und Jacobs hat zum Zwecke dieses Besserwissens Bücher gelesen, er greift zu diesem Zweck nicht nur auf einen verschiedentlich vom Freistaat Bayern ausgezeichneten Literaturwissenschaftler und ehemaligen Studenten der katholischen Theologie zurück, sondern auf keinen geringeren als - Rene Jacobs selbst. Wer das bedauerlcherweise umfangreichere als gehaltvolle Booklett durchleidet und nicht schon bei den fremdschämgefährdeten Plattitüden Andreas Friesenhagens entnervt aufgibt, der stösst so endlich auf ein Interview, das Rene Jacobs geführt hat. Es ist ein Interview mit Rene Jacobs. Eine Methode des Diskurses, die all jenen sehr zu emfehlen ist, die sich durch abweichende Meinungen völlig zu Recht leicht gestört fühlen.

Gut, jetzt ist diese Rezension schon zwei Abchnitte lang und nicht freundlicher geworden. Hierfür entschuldigt sich der Rezensent bei all jenen, denen es explizit nach einem staatstragenden Don Giovanni im Stil von Facebook verlangt. Es ist heutzutage völlig legtim, die Realität als Beleidigug zu empfinden. Jedoch: über die insgesammt knapp durchschnittliche Stimmqualität der eingesetzten Sänger hat der Rezensent opernfan alles gesagt, was gesagt werden musste. Jacobs Unfähigkeit, das Finale dramaturgisch kohärent zu gestalten, wurde auch mehrfach angemerkt. Man mag einwenden, dass Jacobs, weil er halt vergessen hat, die Werbetexte seiner eigenen Arbeitgeber zu lesen, doch lieber die Kommödie bei Mozart betont. Indes ist das Wichtigste in einer Kommödie das, was Jacobs gänzlich fehlt: Gespür für Timing.

Stattdessen wird uns hier angepasstester Zeitgeist als historische informierte Aufführungpraxis verkauft. Zerlina, wird uns erklärt, sei eine Feministin, Don Ottavio der Mann der Zukunft, frisch aus dem Lehrbuch des Gender Mainstreaming. Und Friesenhagen, wie stets für einen Satz von vollendeter interlektueller Luftigkeit zu haben, schreibt daszu. "Dessen (Giovannis) Vergehen liegt freilich in seinen amorösen Escapaden." Wer sich auch nur halbwegs mit der Biographie von Emanuele Conegliano, der sich später da Ponte nannte, und bekanntermassen das Libretti zu diesem Stück verfasste, befasst hat, darf sich über derartige moralinsaure Plattitüden nur wundern. Mit dem Hochgesang der kastrativen Enthaltsamkeit mag Mann bayerische Staatspreise gewinnen, mit der Lebensrealität haben sie so wenig zu tuen wie die Sonntagsreden jener, die diese Preise verleihen.

Da Ponte alias Conegliano war ein sinnesfroher Radaubruder, der gern einmal die Ehegattinen anderer Männer schwängerte, nachdem man ihn aus dem heimatlichen Venedig exiliert hatte, Karriere machte. Der zum fleissigen Fliessbandschreiber vieler Komponisten avancierte und in wirtschaftlich schwächeren Zeiten dadurch Geld verschaffte, indem er seine Ehefrau zur Prostitution animierte. Für Mozart habe er sich eigenen Angaben zufolge mit Tokaier, Buisquits, einer Tasse Schokolade und einem Mädchen haarscharf oberhalb der heutzutage noch strafrechlich relevanten Altersgrenze fit gehalten.

Dies nun ist der Autor, den uns Jacobs und der bayerische Staatspreis als Erfinder des EU genormten neuen Mannes verkaufen wolken. Wohlgemerkt der EU von 1787. So verständlch es ist, dass die Schmuddelichkeiten des Ancien Regime nichts für einen Chorknaben sind, so sehr darf sich jeder, der dem Chorknabenalter entwachsen ist, hier veralbert vorkommen. Wenn Jacobs Giovanni Kommödie ist, dann bedauerlicherweise unfreiwillige Realsatire.

Da hilft es auch nichts mehr dass das Freiburger Barockorchster fulminant aufspielt und die Ouvertüre dramatisch und vielversprechend ein Versprechen abgibt, dass dann nicht eingehalten wird. Jacobs Versuch gerät nicht über die Exekutierung des eigenen infantilen Grössenselbst hinaus. Er kreist ausschliesslich um die eigene Selbstverliebtheit, bals läppisch albern, bald trotzig die Realität verweigernd. Angebliche historische Informiertheit als Deckmantel für ein Zeitalter des Narzissmus, das alles ausser seiner selbst frohgemut verleugnet. Am Ende tatsächlich eine Buffokommödie, in der Tat.


Sullivan: Ivanhoe
Sullivan: Ivanhoe
Preis: EUR 36,94

5.0 von 5 Sternen Das Land mit Musik, 16. April 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sullivan: Ivanhoe (Audio CD)
Land ohne Musik, Englische Gesellschaftsprobleme, so lautet der Titel eines Pamphletes, das ein Oskar H. Schmitz im Höhepunkt nationalistischen Grössenwahns der Kaiserzeit 1905 herausbrachte. Die Anwürfe waren einfach, die Stossrichtung vulgär. Es ging um die Hochstilisierung der eigenen Künstlerpersönlichkeiten zu Säulenheiligen einer Kunstreligion zum Zwecke der Abwerung der kulturellen Leistung anderer Völker, speziell des perfiden Albions, wie man damals England zu nennen begann. Es war einer von vielen Akten des Völkerhasses und der Verächtlichmachung, deren Folgen nur allzu bekannt sind. Am Ende der Entwicklung machten es sich die Apologeten des nationalen Rausches noch einfacher. In der Nazizeit war etwa Vaughn Williams schlichtweg verboten.

Unter diesen Anwürfen hat die Britische Musik bis heute zu leiden. Ähnliches findet sich etwa in der Rezeptionsgeschichte der Werke Mendelssons, deren Herabwürdigug durch Richard Wagner belastet ist. Hier wie dort zeigt sich die traurige Wahrheit, dass nur ausreichend lange mit Schmutz geworfen werden muss, bis ewas hängen bleibt. So ist es rational kaum verständlich, dass die hier vorliegende Produktion, die in der englischsprachigen Welt als Sensation gefeiert wurde und etwa der New York Times einen Sonderartikel wert war, in Deutschland weiterhin mit Nichtachtung und Ignoranz bedacht wird.

Doch worum geht es?
Arthur Sullivan, 1842 als Sohn eines Irischen Musikers und seiner italienischstämmigen Frau in London geboren, ist eine eminente Figur der britishen Musikgeschichte. Er studierte an der Royal Academy und am Konservatorium in Leipzig, war ein begabter Chorsänger, Pianist und Dirigent. Seine musiktheoretischen Äusserungen sind als frühe Erscheinungen dessen zu werten, was wir heute historisch informierte Aufführungsprxis nennen. Er trat in Kontakt mit Clara Schumann, Joseph Joachim und Franz Liszt. Ein Besuch von Peter Cornelius komischer Oper Der Barbier von Bagdad, grob vereinfachend gesagt dem Missing Link zwischen Lortzings Wildschütz und Wagners Meistersingern, erwies sich für seinen weiteren Lebensweg als prägend. Zusammen mit dem Liberetisten W. S. Gilbert schuf er seit 1871 eine Reihe sog Comic Operas, die so erfolgreich waren, dass das Gespann Gilbert und Sullivan bis heute quasi als Synonym für ein ganzes Genre steht. Ein Genre mithin, das ausserhalb Großbritanniens quasi inexistent ist. Eine Comic Opera ist ebensowenig eine Operette wie Weils Dreigroschenoper ein Musical. Vielmehr haben wir es mit einer genuinen Kunstform aus Geselschaftssatire, Wortwitz und einzigartiger Symbiose aus Text und Musik zu tuen. Gilbert und Sullivan sind nicht nur aufgrund von Gilberts genialen Wortspielereien unübersetzbar. Sullivans Musik ist so eng mit dem Text verflochten, dass sie nur mit diesem funktioniert.

Angesichts dieser erstaunlichen Passung mag es zunächst verwunderlich scheinen, dass die beiden Symbionten sich keinesfals immer sonderlich grün waren und es Sullivan offensichtlich drängte, aus der Partnerschaft auszubrechen. In der Zeit vor Gilbert hatte er Lieder, Oratorien und Orchestermusik komponiert. Der Ivanhoe endlch war eine von zwei ernsten Opern, mit denen Sullivan versuchte, sich von Gilbert und dem gemeinsamen Erfolg zu emanzipieren.

Das Sujet dürfte auch in Deutschland bekannt sein. Es folgt im wes. dem historischen Roman von Sir Walter Scott, der auch Vorlage zu dem sehr bunten Hollywood Film lieferte, in dem wir uns immer fragten, warum Ivanhoe die langweilige Lady nimmt, obwohl er doch auch Elisabeth Taylor haben könnte. Im Kern geht es jedoch um die Verherrlichung des guten Königs Richard Löwenherz, der das Land befriedet und die Differenzen zwischen den Völkerteilen überwindet. Um nun Sullivans Oper zu vestehen, müssen wir einen Blick auf Ort und Zeit der Entstehung werfen.

Es war die Zeit Queen Victorias, der die Oper gewidmet und nach der ein ganzes Zeitalter benannt ist. England war Weltmacht und herrschte über ein Empire, das den Globus umspannte. Der Kolonialismus mit all seinen menschenverachtenden Implikationen befand sich auf dem Höhepunkt. Bald sollten Freud und Breuer in Studien über Hysterie die Folgen einer Sexalpathologie beschreiben, deren Apologeten rieten, Tischbeinen Hosen anzuziehen, um de Ausbreitung der Sinneslust zu unterbinden. Der Frühkapitalismus hatte gerade in Grossbritannien zu schweren sozialen Verwerfungen geführt. Eine Versöhnung durch Miss Victoria war schlechterdings illusionär.

Sullivan, der 1883 zum Ritter geschlagen wurde, gehörte, als er den Ivanhoe schrieb, zur herrschenden und priviligierten Klasse. Er war kein Revolutionär und ohne Gilbert auch kein Mann def Geselkschaftskritik. Erstaunlich genug, dass der Ivanhoe dennoch in weiten Teilen auf Pomp und Circumstances verzichtet. Statt der victorianischen Mode, einen Great Man zu feiern, ist er eine Ensembleoper, die mehr Wert auf die Interaktion der Figuren legt als auf die Massentableus. Sullivan wollte sich absichtlich sowohl von der italienischen, französischen und deutschen Oper abgrenzen. Wenn man den Ivanhoe auf seinen gewollt britischen Kern reduzieren möchte, dann ist dieser wohl Understatement. Er ist in seinen schwächsten wie besten Momenten das Werk eines Gentelman. Wer diese Zurückhaltung als gepflegte Langeweile missdeutet, mag seine Freude in krachledernen Schuhplattler finden. Am Ende findet man ihn selbst in jenem Karl Krauss zugeschriebenen Worten wieder. Hat Ihnen die Kritik etwas gesagt -ja, eine Menge über den Kritiker.

Sullivan handhabt die Wagnersche Leitmotivtechnik sehr zurückhaltend. Er arbeitert mit feinen harmonischen Wendungen und greift auf seine Erfahrung als Liedkomponist zurück, was den eher liedhaften Ton der Oper erklärt, bei der der vermeindlich typisch englische Chor oftmals nur Ornament ist. Wie fein er dennoch psychologisch abstuft, zeigt beispeilhaft die Szene, in der die zwecks sexueler Ausbeutung entführte Jüdin in den Saal ihres Entführers geführt wird. Hier erklingt das rohe Motiv seiner Macht. Die rohe Gewalt triumphiert übrer das Menschliche. Einem denkenden Musikhörer werden solche Details wichtiger sein als die Frage, wie avanciert das Gesamtmaterial ist. Er weiss, dass Modernität als einziges Bewertungskriterim von künstlerischer Qualität in die tiefste Mottenkiste der Musikwissenschaft gehört.

Es mag diskutabel erscheinen, ob Sullivan mit dem Ivanhoe ein Meisterwerk schrieb, ein Machwerk ist er allenfalls jenen, die dem Geist gleichen, den sie begreifen. Vielmehr haben wir es hier mit einem faszinierenden zeitgeschichtlichen Dokument zu tuen, dass für sich wahrscheinlich im britischen Kontext nicht den Rang der Opern etwa Brittens, Tippets oder Waltons oder auch von Ethel Smyth The Wreckers erreicht, dem vorurteilsfreien Hörer jedoch "much pleasure" bietet. Und kritischen Geistern Gelegenheit gibt, darüber nachzudenken, wie weit unsere moderne Gesellschaft tatsächlich von den Dingen des viktorianischen Zeitalters entfernt ist, die wir zu recht überwunden sehen wollen. Queen Victoria im überigen hat den Ivanhoe nicht ein einziges Mal angesehen.

Diese Produktion kann insofern jedem neugierigen Klassikhörer empfohlen werden. Zumal wir Sullivan hier klangtechnisch, künstlerisch und editorisch vorbildlich präsentiert bekommen. Oder wie die engliche Musikkritik einhellig textete. Not to be missed...


The British Symphonic Collection: Elgar, Bax, Delius, Vaughan, Williams, amo!
The British Symphonic Collection: Elgar, Bax, Delius, Vaughan, Williams, amo!
Preis: EUR 15,62

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein bunter Strauss von Raritäten und Bekanntem, 5. April 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Das Beste der britischen Musik, wie der Werbetext behauptet, bietet diese Box eher nicht. Dafür fehlen einfach zu viele Schlüsselwerke. Geboten bekommt man aber eine Ganze Reihe von Raritäten, garniert mit einigem einigermassen Bekannten wie der 6. Bax oder dem Hampshire Suite von Holst und V Ws Job, a Masque for Dancing. Stilistisch reicht das Ganze von der Spätromantik bis zur gemäßigten sog. Moderne. Neben dem zumindest dem Kenner Vertrauteren können wir hier bislang kaum hörbares wie zwei Sinfonien von Butterworth, eine tolle Arnold Zusammenstellung oder Sinfonien von Cowen, Coolridge Taylor und Bush oder Orchesterkonzerte von Gregson u.a. hören. Delius ist nicht mit seinen Greatest Hits, sondern mit skandinawischen Impressionen zu hören. Die Insulane Musik, der hierzulande noch immer mit peinlichster Ignoranz begegnet wird, kennt viele Nebenwege und Gesichter, ist jedoch stets unverkennbar in ihrer britischen Eigenart. Der aufmerksame Kenner wird sie bei Dowland ebenso finden wie bei den Beatles und allen dazwischen. Es ist neben der oft diskutierten typischen noblen Melancholie der sozusagen Maritime Charakter. Wenn Furtwängler meinte, in der Italienischen Musik gäbe es keinen Wald, wie in der deutschen, dann ist die britische Musik voller Ozean. Hier nun wird für sehr wenig Geld eine Reise in ein Terra Incognita geboten, das zu bereisen sehr lohnend sein kann. Von den oben genannten bekannteren Werken gibt es jeweils Vergleichseinspielungen, die dem hier gebotenen überlegen sind, Bax etwa unter Handley, Job unter Andrew Davis. Dennoch schlägt sich Bostock, der nichts mit dem von der ebenfalls sehr britischen Band Jethro Tull erfunden Wunderkind (Trick as a brick) zu tuen hat, sondern Schüler u.a. von Adrian Boult war, insgesamt achtbar und die Tontechnik ist solide. Die Münchner Symphoniker sind sicher nicht das LPO, leisten sich aber zumindest keine auffälligen Schnitzer. Letzteres kann man von der lieblosen bis inexistenten editorischen Aufmachung leider nicht sagen.

Insgesamt ein erneuter Beweis dafür, wie dümmlich es ist, an dem Verdict des Land without Music festzuhalten, dass immer noch von gewissen Ahnungslosen repitiert wird. Das ist nämlich tatsächlch Trick as a brick...


Kaleidoscope (Special Edition)
Kaleidoscope (Special Edition)
Preis: EUR 18,99

7 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alter Sack, 2. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Kaleidoscope (Special Edition) (Audio CD)
Natürlich hast du ähnliches irgendwie schon einmal gehört. Das willst du aber nicht hören, denn gut ist es und vor Allem, vertraut. Du warst unterwegs und es ist lange her. Du warst auf deiner Reise schon öfter hier. Warum? Das solltest du doch wissen, aber es fällt Dir nicht ein. Damals, das weißt du noch, hieß diese Kneipe Close to the Edge von Yes und von dort aus hast du eine Reise gestartet. Sie führte fast überallhin, aber selten in den 3 Minutensongsumpf. Du bist zu verzerrten Gitarren und Darmsaitenbespannten Orginaklanggeigen gereist.

Große Güte, jetzt fällt Dir ein, wie diese blöde Kneipe heißt. Kaleidoskop. Könnte innovativer sein, der Name, Selling England by the Sound oder Tarkus hieß sie damals auch mal, als noch der durchgeknallte Peter und der verbissene Kieth das Starbier ausschenkten. Hau weg die Sch... hat der Fripp Robert immer gesagt. Da hieß die Kneipe King Crimson, was für ein bescheuerter Name.

Was warst du auf Jück. Du warst zu Besuch auf dem Mars bei Volta, in Japan, wo hinter den Keyboards meist Frauen stehen und ihren männlichen westlichen Kollegen locke den Arsch abspielen, in Osteuropäischen Proggefilden, auf dem Planet Zeul, dessen Gesangsext-Sprache kein Mensch versteht. Du bist Ludwig van begegnet und Richard W., dem Weiberheld. Herrlich. Auf deiner Reise hast du irre Engländer kennen gelernt, die Steven Wilson, Ralph Vaughn Williams und Arnold (!) Bax hießen. Zwischendurch warst du, (wieso überhaupt), wieder hier. Damals war schon alles irgendwie vertraut und hieß nun völlig doof Spocks Bart oder so. In gerade mal einer Star Teck Folge hast du Spock mit Bart gesehen. Aber gut war es, hier zu sein. Staub kann man wegwischen.

Natürlich bist du weitergezogen. Du wurdest nebenbei älter. Immer so ein wenig.

Was suchst du dann wieder in diesem Stall? Sicher keine Überraschungen. Was ist das für eine Lokalität? Ehrlicherweise kennst du jeden Arsch oder zumindest seinen Schwager, Onkel oder -bitte nicht näher- seine Frau Mutter. Das Starkbier kennst sowieso und die Bestandteile der Speisekarte sind auch die Gleichen wie damals. Nein, keine Molekulare Küche. Das arrogante Aloch in dir fragt: Haben die Leute hier schon bessere Zeiten gesehen? Oder hat sie die Erfahrung nur abgeklärter gemacht? De Verwandten deiner alten Bekannten sind allesamt mitte Fünfzig, klappt da noch Revolution? Muss sie noch klapen? Hat man Bock drauf oder ...

Du streckst die Beine aus, und als du dich reckst, da fällt dir gerade ein, warum du wieder hier bist. Bei Neal, Pete, Ronie und diesem tätowierten Berserker. Du bist in deiner Musik-Dorfkneipe. Du bist genau hier, alter Sack, und das ist nicht superneu, nicht s*****... innovativ. Und das ist genau richtig so. Denn du bist zuhause.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 7, 2014 11:21 PM CET


Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg (Engl.)
Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg (Engl.)
Preis: EUR 41,03

5.0 von 5 Sternen Richard Lee Wagner jr. ?, 20. Januar 2014
Dieses Meisterwerk des 1813 in Leeds geborenen und 1983 in Venice Beach LA von uns gegangenen Oskarpreisträgers Richard Lee Wagner jr. ist neben den beiden Opern des gleichalten Russen Guiseppe Verdi-Korsakoff (Aidanowska und La Traviata Ludmila)... einfach nur geklaut? Aber brilliant geklaut allemal.

Oder ernsthafter - Wagner und Englisch geht das? Wir durften uns ja mit vielem erquicken, von Schubert remixed bis Mahler garantiert vibrato und gefühlsbefreit. Aber das kann doch nicht gehen. Nein?

Und wie das geht! Denn es klingt. Wer sich ein wenig vom derzeit hippen Speedrun bei Wagner erholen will, der findet hier allemal Labsal. Ein Dokument aus Zeiten, die auch im vereinigten Königreich vorbei sind. Hier wird die Langsamkeit Ereigniss, wie sonst vieleicht nur bei Celi, dem Zenmeister. Für den politisch korrekten Gefühlsinvaliden ist das nichts, aber wer dem Alten Bayreuthrer Hexenmeister jenseits großer Namen einmal wieder verfallen will, ist hier richtig. Im Englischen Original, auch wenn das gelogen ist. Ach, und singen konnte man auch, im Land of Hope And Glory and of the Chöre. Fast ganz ohne Starnamen die Solisten und dennoch so anhörenswert und erst der Chor, aber das konnten wir ahnen.

Auf diesem Niveau können Toskanajanska und Der fliegende Engländer kommen. Lieber heute als Morgen.


Richard Wagner - Parsifal [Blu-ray]
Richard Wagner - Parsifal [Blu-ray]
DVD ~ Christian Thielemann
Preis: EUR 24,02

14 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Endlich: Michael Schulzes Hauptwerk, leider mit Musik, 8. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Richard Wagner - Parsifal [Blu-ray] (Blu-ray)
Die hier vorliegende, maßstabsetzende Inszenierung des Werkes "Die Frittöse" von Michael Schulz wird in ihrem Rang nur dadurch beeinträchtigt, dass die ganze Zeit jemand singt und eine ganze Bande von Unruhestiftern auch noch irgend etwas fiedelt.

Intensive Recherchen (Wikipedia) haben ergeben, dass als Verursacher dieses Lärmes ein gewisser Richard Wagner festzumachen ist. Allerdings hat sich dieses Subjekt der strafrechtlichen Verfolgung durch Wegsterben entzogen. Daher ließe sich allenfalls sein Komplize, ein gewisser Thielemann, belangen. Doch auch hier dürfte der Ruf nach Gerechtigkeit ungehört verhallen. Soviel zum angeblichen Rechtsstaat.

Aber kommen wir zum Kern dieser Blue Ray, der epochalen Frittöse von Schulz. Sie gilt zurecht, neben dem Literaturklassiker "Feuchtgebiete" der Nobelpreiskanidatin Charlotte Roche, als herausragende Repräsintantin des vakuonösen Bürokratismus. Diese ganz unserer Zeit entsprunge Kunstrichtung vernetzt genialisch die bezaubernd stille Hohlheit des Nichts mit der zart monetären Faszination des Vakuums. Das grobe Nichts der Existenzialsten wird entlarft, indem man ihm einen federleichten Spiegel vorhält. Verkehrt herum, aus Prinzip.

Schulz Meisterwerk handelt von den Nöten einer Gruppe nach den Dreharbeiten arbeitslos gewordener Spermiendarsteller aus Woody Allens Fim "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten". Diese lustigen weißen Kerlchen vernetzen sich mit einem gewissen Gurnemanz. Herr Gurnemanz befindet sich auf der Flucht vor seinem Kostümschneider, da dieser, die Nadel noch in der Hand, beim Sterben vor Langeweile, auf Gurnemanz zu stürzen drohte. Zunächst war Gurnemanz noch der Meinung gewesen, es sei zu seinem Schutz ausreichned, sich Blechplatten auf den Second Hand Anzug (Kleiderkammer, sehr preiswert) zu kleben. Dann jedoch erkannte er, dass nur sofortige Flucht Rettung versprach. Schulz weiß wohl, was er uns empfiehlt.

Auf ihrem Weg durch ein Geflecht von Glasröhren (Schulzes Anklage gegen die konventionelle rundheit von Kreisen?) treffen Gurnemanz und seine Gonaden-Gang keinen Geingeren als - Papageno! Dieser hat infolge der Kochkünste seiner Papagena erstens das Stimmfach zum Tenor gewechselt und zweitens geringfügig Gewicht zugelegt. Außerdem ist besagter Vogelfänger, der rechtsirrümlichen Meinung, der bloße Besitz eines Schwanes berechtige zur Tierquälerei. Als er von Gurnemanz eines Besseren belehrt wird, steht eine Weile lang unmotiviert herum, um sich dergestalt den Tatbestand der Verjährung zu erschleichen. Außerdem gibt er wahrheitswiderig an, sein Name laute Parsifal und überhaupt wisse er von nichts. Man vergleiche diese müden Schutzbehauptungen mal mit der genialen Versterbetaktik des flüchtigen Wagner. Eine Alternative im übrigen, die auch bei Hennig mit zunehmender Betrachtungsdauer dieser Blue Ray immer verlockender wurde.

Sei es drum. Während gerade auch Gurnemans und seine Keimdrüsen-Sprösslinge mal wieder versuchen, ob die alte Standbein-Spielbeinnummer noch funktioniert, erscheint eine - Frau. Und jetzt zeigt sich Schulzes ganze Genialität, das Spiel mit Erwartungshaltungen. Bislang bewegte sich das Gezeigte nämlich absichtlich auf dem darstellerischen Niveau gewisser Filme aus dem Bereich der Erwachsenenunterhaltung. Das Publikum denkt ergo, jetzt ginge es endlich zur Sache. Man erwartet den Auftritt etwa eines stattlichen Klemtners. Und warum auch nicht, der Entzug vom Inzest wiegt schwer auf der Bühne seit dem letzten ersten Walkürenakt. Ein Opernbesucher ist doch auch nur ein Mensch, irgendwie...

Nichts da! Schulz lässt einfach weiter herumstehen und schreiten und reisst so nicht nur dem Sexismus zusammen mit den Theaterkonventionen die Maske vom Gesicht, er betreibt virales Gender Mainstreaming. Herrlich.Das trennt den wahren Komatösen vom Pöbel.

Der zweite Aufzug. Pure Ökologie. Claudia Roth soll hinterher geweint haben und das macht die sonst nie. Statt der Wegwerfgesellschaft zu fröhnen, stellt Schulze endlich alles, was in der Requisitenkammer zu finden war, auf die Bühne. Dann geht es auch gleich handlungsmäßig weiter. Neben Papageno und der Roten treten weitere Herren auf. Einer ist Jesus. Er war auch schon im ersten Aufzug zugegen, da aber nicht weiter von Relevanz. Jetzt aber plädiert er nachdrücklich für hygienische Toleranz, indem er ungewaschen Joga macht.

Nachdem einige unerfreulich schnieke Damen in Stiefeln aus der Beatles-Aera sich erfolglos um Papageno bemühten, muss gleich wieder die Rothaarige ran. Sie versichert dem angeblichen Parsifal, ihre Zuneigung grundsätzlich unabhängig vom Body Mass Index zu verschenken. Außerdem weisst sie darauf hin, dass bei all dem Gerümpel auf der Bühne Übergewicht sowieso nicht weiter auffalle. Die Beiden kommen sich näher, sollte vielleicht jetzt? Nein, im allerletzten Augenblick fällt Papageno ein, dass Gurnemanz ja noch von seinem Kostümbildner bedroht wird. Er enteilt zu dessen Rettung.

Im dritten Aufzug ist der World War Z ausgebrochen und deshalb liegen überall Zombies herum. Sie sind aber ziemlich träge, weil es kein Hirn zu essen gibt und im weiteren Verlauf auch kein Hirn mehr erwartet werden kann. Gurnemanz ist dem Bühnenschneider entkommen. Er vergewissert sich mit einem Blick auf den Kalender: Mist, Ostern naht. Konkret ist es gerade zufällig Karfreitag und dieser Tatbestand gibt zu schlimmsten Befürchtungen Anlass. Eine radikale Sekte namens Wagnerianer bedroht, dem Grabe zombifiziert entstiegen, die Welt mit Vegetarismus. Gottseidank naht Papageno und hat auch noch im zweiten Akt einen Speer aus der Requisite mitgehen lassen. Die beiden Jungens eilen, noch immer die aufdringlche Rote im Schlepptau, zu einem gewissen Amfortas, der schon im ersten Aufzug nicht weiter auffiel. Vorsicht, ein kleiner Spoiler: wer sich fragt, wo Woodys Spermiozyten aus dem ersten Aufzug hin sind, hat den (zu unappetidlichsten Mutmaßungen Anlass gebenden) weissen Flecken auf Amfortas Stirn übersehen. Schön ist das jetzt nicht, aber wer die ganzen Sauigeleien in der Walküre beklatscht, dem darf zu Recht aberkannt werden, sich überhaupt noch zu entrüsten.

Also. Am Ende wird alles gut. Amfortas hat nämlich nicht nur einen Fleck, sondern auch eine alte Frittöse. Diese nutzt Parsifal alias Papageno nun, um dem Wagnervegetariertum endgültig den Garaus zu machen. Und auch Jesus ist wieder da! Da Papageno jetzt ganztägig mit der Frittöse zugange ist, verlustiert sich die Rothaarige als selbstbestimmtes Wesen alternativ nicht nur mit dem attraktiven Migranten aus dem nahen Osten, sondern auch noch mit zwei von Gurnemanz Keimlingen, die den Gang an irgendjemandes Stirnen nicht mitmachten. Als es die drei Burschen jedoch übertreiben und sich Jesus, inspieriert von Kim Basinger im Filmklassiker 9 einhalb Wochen mit Ketchup aus Papagenos Fritöse beschmieren lässt, hat selbst die rothaarige Dame keinen Bock mehr auf Beten. Und das kann ich verstehen.

Wann fragt man sich, kommt Schulz endlich im Serie auf RTL? Wenn dann nur nicht dieser Thielemann mit seinen Kumpanen Wind von der Sache bekommt, und wieder mitmachen will, dann wird es ein Erlebniss, genau so, wie es die Schulz-Fans verdienen. So schön kann Oper sein.
Kommentar Kommentare (10) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 9, 2014 1:12 PM CET


Hans Pfitzner: Palestrina (Bayerische Staatsoper) [Blu-ray]
Hans Pfitzner: Palestrina (Bayerische Staatsoper) [Blu-ray]
DVD ~ Karina Fibich
Preis: EUR 35,79

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Farben, die Distel und eine Dirigentin, 7. August 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Pfitzner ist schwierig. Erhaltene Fotos diese politisch gefährlich verwirrten Küstlers zeigen einen Mann mit müden und wütenden, tieftraurigen und infantil trotzigen Augen. Pfitzners Weigerung, sich von dem Naziregime zu distanzieren, bleibt kaum entschuldbar. Er war eine Distel mit der Seele einer Mimose. Pfitzner kämpfte wütend in Wort und Schrift gegen eine Futuristengefahr, die allein in seinem Kopf existierte. Und nebenher ist Pfitzners Palestrina ist eines der größten Meisterwerke der Oper, ein Werk, das so viel klüger, menschlicher und weiser scheint als sein Schöpfer, dass man es kaum glaubt. Der Palestrina ist tiefenpsychologisch fundierte Kunstheorie, er ist offen Kirchenkritisch, durchsetzt von Gedanken, die eher linksliberal anmuten. Er weiss von der korrumpierenden Wirkung von Macht. Eine Meditation zudem über einen grausamen Gott und über Schopenhauers Wille und Vorstellung, Liebe und Verlust. Ein Mirakel. Und das alles mit einer musikalischen Sprache, die Wagners Parsifal auf Augenhöhe begegnet.

In der vorliegenden Aufführung aus der Bayerischen Staatsoper ist der Palestrina nur auf den ersten Blick vorwiegend bunt. Auf den zweiten Blick ist er vorwiegend schlüssig. Wir erleben eine Regiearbeit, die mit sinnhaften Konzepten beweist: hier ist ein Mann am Werk, der das Theater in Bauch und Adern hat. Das Werk wird niemals an eine dümmliche Albernheit verraten, keine der modernisierenden Entscheidungen wirkt aufgesetzt, um die eigene gelangweilte Ideenlosigkeit zu kaschieren. Die Kostüme verdienen ein Sonderlob, sie sind stets in das Gesamtkonzept integriert, fügen Chor und Solisten quasi als Mosaiksteine in das Tabelau.

Gesangstechnisch ist die Aufnahme hochrangig, wenn auch Christopher Ventis nicht die Qualitäten eines Nicolai Gedda in der bekannten Kubelik Aufnahme erreicht und Falk Struckmann nicht Fischer Diesku in ebenjener ist. Außerdem unterlaufen Struckmann kleinere Konditionsschwächen im großen Monolog im ersten Aufzug.

Sensationell in jeder Hinsicht sind hier jedoch zwei Damen in diesem Stück, in dem offiziell gar keine Frauen auftreten. Christine Karg als Ighino ist in sanglicher wie dastellerischer Hinsicht fulminant. Wie sie diese Rolle gestaltet, verweist sie alle mir bekannten Vorgängerinnen auf die Plätze, schon ihre ersten Töne lassen aufhorchen. Eine junge Sängerin mit klangschöner Stimme, guter Technik, zudem mit Herz und dankenswert auch Hirn.

Und dann ist da Simone Young, die leider als GMD in Hamburg nicht glücklich wurde. Dabei sollte solch eine Frau, die kammermusikalischen Zugang und romantisches Feuer kennt, und sich besonders im deutschen Fach zuhause fühlt, doch geschätzt werden können. Aber zur Politik sehe man sich den zweiten Akt dieser Aufführung noch einmal an.
Zurück zu Frau Youngs Leistung in vorliegendem Fall. Da ich beim Vorspiel Kubeliks sehr hellen, eher flächig-symphonischen Klang im Ohr hatte, wurde ich vom ein wenig rauheren und mehr kammermusikalischen Zugang irritiert. Ich habe dann noch einmal Thielemann gegengehört und gestaunt. Kurz: diese von Entschlossenheit getriebene, hochintelligente und vitale Frau zeigt sich sebst im Vergleich mit einem Einzigartigen als strukturbewusste Romantikerin von hohem Rang. Eine Wonne, ihr bei der Arbeit zuzusehen und zuzuhören. Sie arbeitet die Partitur transarent heraus, verdeutlicht die bald Wagneresque, dann die Renaissance evozierende musikalische Fraktur, stellt die Leitmotive klar herus, ohne den Sinn hinter den Noten der puren Struktur zu opfern. Ihre Begeisterung bei den Proben im beigegebenen Making of zu erleben ist erfrischend.

Die Bild- und Klangqualität der Blue Ray entspricht heutigem Standard, ohne neue Maßstäbe setzen zu können. In der Gesamtheit aber ist diese Einspielung, wie meine weniger verspäteten Vorezensenten anmerkten, ein Muss. Kaufen.

Los, worauf warten Sie noch?
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 7, 2014 1:15 AM CET


Giacomo Puccini - Tosca [Blu-ray]
Giacomo Puccini - Tosca [Blu-ray]
DVD ~ Angela Gheorghiu
Preis: EUR 23,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Referenzverdächtig, 7. August 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Giacomo Puccini - Tosca [Blu-ray] (Blu-ray)
Unter musikdramatischen Gesichtspunkten ist Tosca vielleicht Puccinis gelungenstes Opus. Die Verquickung von persönlicher Tragödie, Puccinis melodieaffinem Melos und politischem Drama besitzt (um nur zwei Beispiele zu nennen) weder die Tendenz der Boheme zum Sentimentalen, noch die sentimentalistische und letztlch verharmlosende Sicht des Kolonialsmus der Butterfly. Tosca ist Drama sui generis, in ihrer Schonunslosigkeit an der Grenze zum Existenzialismus.

In der vorliegenden, insgesamt herausragenden Inszenierung des Royal Opera House verlässt sich Jonathan Kent weitgehend auf traditionelle Erzählmuster. Dies birgt den Vorteil, dass der Regisseur quasi hinter das Werk zurücktritt, verhindert jedoch die Schärfung gewisser Akzente. Ein weniger konventioneller Ansatz hätte die Möglichkeit geboten, die weniger vertrauten Aspekte des Werkes zu verdeutlichen. Tosca als Regietheater? Mit einem ausreichend begabten Regisseur sicherlich eine noch tiefgreifendere Erfahrung.

Doch nörgele ich hier auf sehr hohem Niveau. Musikalisch ist diese Produktion außerordentlich. Papano dirigiert stringent und kundig, wie gewohnt mit großem Theaterinstinkt. Das Orchester folgt dem Drigenten souverän und angemessen. Und die Sänger? Unter Stimmkennern wird häufig die alte Callas/deSabata Einspielung als das Maß aller Dinge angesehen. Als audivisuelles Gesamterlebniss könnte diese Produktion der alten Referenz allerdings zu Seite treten.

Angela Gheorghiu. Sie ist wieder in der Lage das Versprechen eines großen Namens einzulösen, das etwa eine medial überhypte Netrebko nur abgibt. Ein klug geführter, warmer, ausgeglichen-klangschöner Sopran, der sich dem dramatischen Ausdruck verplichtet. Nie hatte ich hier den Eindruck purer Äußerlichkeit. Gheorghiu weiß, was sie singt. Oper muss, wenn sie Kunst sein will, eben mehr bieten als süsslichen Zeitvertreib. Mit dieser Prämisse ist man bei der großen Rumänin gut aufgehoben.

Jonas Kaufmanns baritonal getöntes Timbre hat zu diversen nicht gerechtfertigte Anwürfen geführt, die zumeist auf der Verwechselung subjektiver Vorlieben mit tatsächlichen technischen Mängeln beruhen. Kaufmann ist keiner jener primär hell und effektvoll tönenden Corellis. Seine technisch weitgehend markellos geführte Stimme bietet Intensität, Ausdruck und Kraft statt purer Schauwerte. Ein Dramatiker des Singens, kein Zirkuspferd des hohen C- und somit hier völlig richtig am Platz.

Die insgesamt größte Sensation dieser Aufführung ist jedoch einmal mehr Bryn Terfel. Ein Singdarsteller von nahezu elementarer Wucht. Hier ist alles Ausdruck, ohne ein einziges Mal unmusikalisch zu werden. Terfel singt und spielt sich durch zahllose Aspekte des Bösen, durch rohe Gewalt wie durch perfide Meschenverachtung, er ist von Grund aus verlogen, gefährlich charmant, perfekt pathologisch, dann kalt brechnend, schier wiederlich geil, genial mephistofelisch, begeistert korrupt, haltlos sadistisch. Und ist dies alles ohne einen Anflug von sentimentaler Reue. Ein Abrund und ein entsetzlicher Spiegel. Hier erleben wir bei Puccini plötzlich ein expessionistisches Lehrstück, eine Studie über Verkommenheit und die entsetzliche Faszination eines vollkommenen Nihilismus, hochaktuell, heutig und doch zeitlos. Oper als schwarzer Spiegel. Es ist für mich ein Lehrstück, was gutes Musiktheater ausmacht: die Transzendierung des Stoffes bis zu einer allgemein gültigen Aussage zum Menschlichen.

Die Optik ist (zumindest auf meinem mittelgroßen TV) sehr klar, die Farben kraftvoll. Der Klang in DTS 5.1 natürlich und gut ortbar. Es liegt ein schmales Booklet mit ordentlichem mehrsprachigen Einführungstext bei, außerdem ist ein knapper Einführungsfilm enthalten. Gerade zu dem fairen Preis sicherlich eine Einpielung von essentiellem Charakter. Not to be missed.


Seite: 1 | 2