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Rezensionen verfasst von
Gordian Ezazi (Troisdorf, Nordrhein-Westfalen Deutschland)
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Empörung
Empörung
von Philip Roth
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

4.0 von 5 Sternen Äußerst gelungen - aber kein Meisterwerk, 24. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Empörung (Taschenbuch)
Den Buchrücken schmückt ein Zitat aus der FAZ: "Philip Roth auf der Höhe seiner Kunst." Tatsächlich ist das knapp zweihundertseitige Werk "Empörung" überaus vorzüglich gelungen. Erzählt wird die Geschichte des jungen College-Studenten Marcus Messner, welcher um der väterlichen Überwachung und Übervorsicht zu entkommen von Newark ins ländlich-konservative Ohio zieht. Als Hintergrund des Ganzen fungiert hierbei der Korea-Krieg zu Beginn der 50er-Jahre.

Roth prangert an. Die Sinnlosigkeit (speziell) dieses Krieges und (allgemein) aller Kriege. In Messners Engstirnigkeit (gute Noten haben zu wollen, in Ruhe gelassen zu werden), seiner offenkundigen Empörung über den zunehmenden Wahnsinn seines Vaters wie auch der Verstocktheit und Restriktion des neuen Colleges, spiegelt sich eine Kritik am ultra-konservativen Amerika in toto wieder. Das ist flott, überaus gut geschrieben, nie langweilig und mit einem tragischen, schlüssigen Ende versehen. Ein kleines feines Buch, das gleichwohl nicht den Stellenwert eines "Der menschliche Makel" erreicht.


Nemesis: Roman
Nemesis: Roman
von Philip Roth
  Gebundene Ausgabe

12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Solide. Aber etwas blutarm., 21. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Nemesis: Roman (Gebundene Ausgabe)
Philip Roth erzählt in "Nemesis", einem in puncto Umfang überschaubaren, kurzen Roman, der eher eine Novelle gleicht, die Geschichte des engagierten jüdischen Sportlehrers Bucky Cantor. Das Besondere an diesem Buch speist sich auch aus dem geschichtlichen Kniff Roths, der zum einen von der Polio-"Epidemie", jener grassierenden "Kinderlähmung" in den USA der 40er-Jahre erzählt, dessen tragischen Folgen viele Kinder und Jugendliche das Leben kostete; zum anderen die Schrecken und die Invasion des Zweiten Weltkrieges ("D-Day") aufblitzen lässt. Zwei Tragödien. Der agile und vitale Bucky Cantor geht nicht vor dem gegnerischen Nazikugelhagel in die Knie, sondern von ebenjener mysteriösen Poliomyelitis.

Der Kampf, vor allem innere Kampf, zwischen den Ansprüchen Cantors an sich selbst- und dem sich ausbreitenden Grauen, ist durchaus gekonnt, wie auch seitens Roth nicht anders zu erwarten, sprachlich präzise erzählt. Gleichwohl ist "Nemesis", das den - im wahrsten Sinne des Wortes - Niedergang des 23jährigen Buckys erzählt, auch ein wenig "leer", meiner Ansicht nach zu selbstreflexiv. Dialoge, strotzend vor Esprit à la "Der menschliche Makel" oder "Empörung", fehlen hier leider en gros.
Fazit: "Nemesis" ist ein solides, gutes Werk aus der Feder Roths. Ein düsterer, bisweilen nihilistischer Niedergang, dem es hie und da an einer Prise Humor und Spritzigkeit fehlt, die man gemeinhin von Roth gewohnt sein mag. Klagen auf hohem Niveau.


Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass - 1800 bis 1933
Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass - 1800 bis 1933
von Götz Aly
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

5 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gelungene, bündige Analyse mit unnötiger, sozialdemokratischer Schelte, 6. Oktober 2011
Götz Alys Buch, und hierauf hat ein Rezensent bereits hingewiesen, ist keine komplexe Quellenstudie. Der Autor belegt seine Aussagen wissenschaftlich genau und äußerst ausführlich, verzichtet aber weitestgehend auf die Wiedergabe respektive den direkten Rekurs seiner Quellen. Dadurch umfasst das Buch "nur" circa dreihundert Seiten. Das macht es zum einen besonders gut lesbar, zum anderen aber auch so besonders gut angreifbar: zu viel Stoff für so wenig Zeilen, möchte man anfügen.

Die Geschichte des Holocaust, so Aly, ist keine abstrakte, singuläre Geschichte. Der Massenmord an den Juden ist nicht aus einem plötzlich einsetzenden antisemitischen Furor heraus entstanden. Hiermit betritt der Autor weniger Neuland, als dass er vielmehr dem Mainstream der Geschichtswissenschaft folgt. Von provozierenderen Werken, wie Goldhagens These vom "eliminatorischen Antisemitismus", welcher den Deutschen seit je her, vom Mittelalter ausgehend, immanent gewesen sei, distanziert sich Aly gleichwohl dennoch, wenn auch nicht apodiktisch.

Dies erklärt sich aus dem ersten Teil seiner Untersuchung, die die beiden Fragestellungen zu beleuchten versucht "Warum die Deutschen? Warum die Juden?".

Jener erste Teil wiederholt die These vom deutschen Sonderweg: die späte Staatenwerdung, die späte Zerschlagung von Zunft und Protektionismus, wie das daraus resultierende, gestörte Verhältnis zu Modernisierung und - entscheidender - dem Fortschritt sowie Liberalismus. Diesen Fortschritt hätten die Juden gegenüber der christlichen Mehrheitsgesellschaft weit besser in die Tat umgesetzt. Qua Sozialisation seien die Juden an den Universitäten und Schulen häufiger vertreten, dazumal ihre Leistungen besser gewesen wären. Wie Aly diese Unterschiede nachzeichnet, die aus einem differierenden religiösen Verständnis von Bildung heraus resultieren (interessant auch ob mancher aktueller Diagnosen, die dem Islam ein Bildungsdefizit attestiert, gerade im Vergleich zum vermeintlich bildungsaffinen Christentum), ist beachtlich, ganz formidabel gelungen.

Als gelungen sind auch die im dreihundertseitigen Werk eingestreuten Kurzporträts zu bezeichnen. Gerade der Linksliberale Friedrich Naumann wird hier, mithilfe von überzeugenden Belegen, als eifernder Nationalist und Antisemit entlarvt. Aly geht es keineswegs darum jeden Deutschen des 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhunderts als unerbittlichen Judenfeind zu skizzieren, der Maßnahmen wie den Holocaust tolerieren würde. Vielmehr geht es ihm darum den breitflächigen, gesellschaftlich fundierten Antisemitismus innerhalb der deutschen Gesellschaft darzulegen. Dieser habe sich, so die Hauptthese, aus einer Art Neid und Modernisierungsangst gegenüber den fortschrittlicheren Juden heraus ergeben; in Deutschland sei dieser "sozial" unterfütterte Antisemitismus besonders stark gewesen, da die "protektionistische Hand" der vorstaatlichen deutschen Gebilde, oder eben Preußens, einen Wettbewerb - nicht nur in ökonomischer Sicht - verhindert hätte.

Kritisch, und hier ist u.a. den kritischen Rezensionen von Claus Leggewie (Zeit) und Patrick Bahners (FAZ) zuzustimmen, muss man Götz Alys Anmerkungen bezüglich der Rolle der Sozialdemokratie anführen. Es ist gewiss nicht zu leugnen, dass antisemitische Tendenzen auch in den sozialistisch-kollektivistischen, in den sowjetischen zumal, Ideenkreisen vorhanden war. Dass Aly aber fortwährend das Motiv der Modernisierungsfeindlichkeit im sozialdemokratischen Milieu zu verorten versucht und somit an mehreren Stellen insinuiert, dabei handele es sich um eine Form des Antisemitismus, verwässert, ja, schwächt seine vorherigen Ausführungen - sowie seinen Antisemitismus-Begriff - ganz explizit. Dass "antikapitalistische Versprechungen, wie sie von den gemäßigten sozialdemokratischen und gewerkschafltichen Milieus vertreten wurden" (vgl. S. 170) ein Wegbereiter für die Ausweitung der Judendiskriminierung waren, ist nicht belegbar. Alys "Goldhagensche Pirouette", die hier den Antisemitismus teleologisch und ausschließlich im Motiv des finanziellen Neides verortet, suggeriert, dass kollektivistische Ideen oder Reformen, sozialstaatliche Errungenschaften per se einen antijüdischen Geist in sich trügen. Insofern, und das ist dann doch eine ungewollte Ironie, würde Aly das gleiche Bild der Deutschjuden hegen, das jahrelang von den Vertrtetern des wilhelminischen Deutschlands propagiert wurde: der reiche, kapitalistische Jude, profit- und gewinnorientiert, fernab der staatlichen Ordnung und Sozialsysteme in die eigene Tasche wirtschaftend. Dass Aly diese Ansicht nicht teilt, versteht sich von selbst; dass er gleichwohl diese Zweifel bei manch einem Leser bestehen lässt, schwächt dieses vorzügliche, superbe Werk en detail. Deshalb "nur" Vier Sterne.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 13, 2014 5:30 PM MEST


Im Schatten des Vaters: Roman
Im Schatten des Vaters: Roman
von David Vann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sprachlich präzises Kammerspiel - etwas überteuert, 26. September 2011
David Vanns Novelle Im "Schatten des Vaters", die der Suhrkamp-Verlag ärgerlicherweise unter die Disziplin der Romane subsummiert und somit gleichwohl den Verkaufspreis in die Höhe geschraubt hat, ist ein Kammerspiel, fernab jedweder Zivilisation, im amerikanischen Alaska spielend.

Roy und Jim. Vater und Sohn. Zum einen: der pubertierende Roy, der nicht so recht weiß, warum er seinen Vater in das kalte Einöd begleitet hat. Halb aus pubertärem Trotz, halb wegen der fehlenden Entschlusskraft seiner Mutter ein Verbot auszusprechen, versucht er nun ohne Freunde, Freundin und geregelten Schulalltag seinen - abermals geschiedenen - unzufriedenen Vater ein wenig aufzumuntern, diesen durch seine Anwesenheit zufriedenzustellen.

Jim, der Vater Roys, ist ein larmoyanter, abgehalfteter Frauenheld, der nach seiner zweiten Scheidung in der Sinnkrise zu stecken scheint, welche sich gleichwohl als nicht allzu tiefsinnig entpuppt - und vielmehr als die "Mid-Life-Crisis" eines geborenen Schürzenjägers beschrieben werden kann. Die bisweilen inszenierte Weinerlichkeit des Vaters (er weint sich in den Schlaf), die Unfähigkeit, den einjährigen Aufenthalt auf der kleinen Insel, in einer kleinen Holzhütte zu planen (wie lagert man Lebensmittel?), wird noch von seinem fortwährenden Egozentrismus übertroffen (was denkt überhaupt Roy?).

Das Buch lebt von dieser (Nicht-)Beziehung zwischen Vater und Sohn. Der dritte Akteur des Buches ist die von Vann vortrefflich beschriebene - im wahrsten Sinne des Wortes - Kälte der Umgebung. Die einsame Schönheit Alaskas, mutiert hier, zwischen der Befremdung der Charaktere, zum Katalysator und Metapher für deren destruktives Agieren.

Der dramatische Knall zur Mitte des Buches, von anderen Rezensenten bereits vermerkt, kommt durchaus überraschend, vermochte mich allerdings nicht zur Gänze zu überzeugen. Vanns Buch ist toll zu lesen, allerdings muss man sich an zwei Dinge gewöhnen, die zunächst wie Kleinigkeiten anmuten, dennoch den Lesefluss beeinflussen können: zum einen kommt die Direkte Rede hier ohne Anführungszeichen aus, was, auch aufgrund der Dialoglastigkeit, mitunter zu Verwirrungen führen kann.

Weitaus eher eine Frage des Geschmacks ist die sprachliche Kargheit, auf die Vann bei seinen Schilderungen zurückgreift. Sie passt zu den Charakteren und deren Gedankenwelt; sie geht in der Beschreibung der hier zelebrierten Einsamkeit auf, sorgt aber dennoch für keinen absoluten sprachlichen Hochgenuss. Diese dezente, ruhige Sprachführung ist durchaus löblich, wenn auch, aus rein subjektiver Rezensentensicht, manchmal auch wenig erklecklich.


Die Korrekturen
Die Korrekturen
von Jonathan Franzen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Liebevolle Charakterstudie mit einer großion Portion Humor, 22. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Korrekturen (Gebundene Ausgabe)
In Anbetracht der Fülle der (positiven) Rezensionen, versucht es der Rezensent kurz zu machen: Jonathan Franzens "Die Korrekturen" ist eine so liebevolle Familien- und Charakterstudie, eine sprachlich so wohlfeile, knapp achthundert Seiten lange Romanprosa, dass sie eigentlich jedem Lesetypen nur wärmstens anempfohlen werden kann.

Die Sprache ist genial, vor allem weil Franzens trockener, an manchen Stellen herrlich tiefgründiger Humor selbst schwerfälligere Passagen trägt. Wie aus einer einfachen Geschichte, jener fünfköpfigen Familie, die auf Antrieb ihrer Mutter hin zu einem gemeinsamen, letzten Weihnachtsessen versammelt werden soll, ein derartig umfangreiches und interessantes Sammelsurium an Rückblicken und Lebensgeschichten (der Familienmitglieder) konstruiert werden kann, ist große Kunst.


Jeder stirbt für sich allein: Roman
Jeder stirbt für sich allein: Roman
von Hans Fallada
  Gebundene Ausgabe

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Als Original-Manuskript ein Meisterwerk!, 21. September 2011
Hans Falladas Roman ist, so schlicht muss dies konstatiert werden, ein Meisterwerk. Das hat größtenteils mit der derben, gleichwohl höchst authentischem Sprache des Romans zu tun. Die, so erklärt uns eine sehr intuitive Nachbetrachtung, die dem Werke "Jeder stirbt für sich allein" beiliegt, im Zusammenhang mit dem nunmehr erstmalig vom Aufbau-Verlag publizierten Original-Manuskript steht. Jenes Falladsche Erstmanuskript ist - im Gegensatz zur vorherigen Auflage - frei von den Korrekturen, den sprachlichen Bügeleien eines Lektors. In diesem Falle muss man sagen: Gott sei Dank!

Erzählt wird die Geschichte der Quangels, eines recht einfachen Arbeiterehepaares, das nach der plötzlich eingetroffenen Todesnachricht ihres Sohnes, der als Soldat der Wehrmacht im Kriege diente, eben selbigen Krieg und das Nazi-Regime in Frage zu stellen beginnt. Diese (plötzliche) Wandlung stellt dann auch einen durchweg berechtigten Kritikansatz des Buches dar. Die Quangels sind unpolitisch, ihre Ehe eher konventionell und tradiert-gezwungen "zurechtgetackert", diese Todesnachricht löst Emotionen aus, die im Widerstand kulminieren (Das Ablegen von kriegskritischen Postkarten in Treppenhäusern). Doch wie Fallada diese Wandlung, eben aus der Perspektive beider Charaktere, der unsicher-emotionalen Anna Quangel, wie auch dem stoisch-unemotionalen Otto Quangel schildert, ist schlicht atemberaubend.

Eingebettet ist das Ganze in ein düster-sinister beschriebenes Berlin, das in seiner ganzen Schmutzigkeit und Armut an das von Döblin skizzierte Berlin in "Berlin Alexanderplatz" erinnert. Dass sein, Falladas, Berlin so authentisch anmutet, dass auch die Quangels und ihr Opponieren so spannend zu lesen ist, liegt in erster Linie an den vielen, vielen Nebencharakteren des Buches. Die Quangels nehmen zwischenzeitlich kaum mehr als die Hälfte der geschriebenen Zeilen ein. Fallada erzählt die Geschichte einer Postbotin, die den Quangels den Brief mit der Nachricht vom Tode ihres Sohnes überbringt; er erzählt aber auch die Geschichte der jüdischen Nachbarin, die sich den zunehmenden Repressionen des NS-Regimes und auch ihrer SS-treuen Nachbarn ausgesetzt sieht. Kriminalistisch wird die erzählte Geschichte durch die Wiedergabe der Ermittlungsgeschichte (wiederum aus der Sicht des Kommissars Escherisch): wie nimmt der Polizei- beziehungsweise Naziapparat derartige Bedrohungen war; sind solche "Postkarten" überhaupt Bedrohungen - wie viele Personen melden derlei Gefahren, wie reagieren sie auf das Auffinden einer Karte; wie wirkmächtig ist die Unterdrückungsmaschinerie?
Diesen Bogen spannt Fallada. Die (Hass-)Liebe zum Berlin der 40er-Jahre, die Liebe zu seinen Charakteren, auch seine Liebe gegenüber den Quangels und ihrem kleinbürgerlichen Widerstand im Kleinen, machen dieses Werk zu einem durchaus großen Meisterwerk.


Schiffbruch. Roman
Schiffbruch. Roman
von Louis Begley
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,00

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Begleys Buch erleidet den dramaturgischen Schiffbruch, 14. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Schiffbruch. Roman (Taschenbuch)
Mit der Verwendung von allzu plumpen Wortwitzen, mit ihrem inflationären Gebrauch, sollte man gewiss Vorsicht walten lassen. Dennoch, in dem Falle von Begleys Roman bietet sich ein derartiger Vergleich durchaus an. Sein Buch erleidet einen dramaturgischen "Schiffbruch". Nicht nur das, das Buch ist dazumal geschwätzig, bisweilen lieblos geschrieben, macht gar den Eindruck eines Schnellschusses.

Kritik kann manchmal unfair sein, doch falsch ist sie deshalb nicht. Die Geschichte eines amerikanischen Schriftstellers, der zwischen seiner (perfekten) Ehefrau und seiner (perfekten) französischen Geliebten schwankt, bedient ein wenig das, was von feministischer Feuilletonisten-Front Philip Roth und John Updike unterstellt worden ist: Altmännerphantasien. Und tatsächlich, bei Begley vermag dieser Verdacht - anders als bei den genannten, großen Autoren - durchaus seine Entsprechung finden.

Das ewige Kreisen um das Autorenleben, gar Selbstmitleid, das Begley mit jener, ergo seiner eigenen Profession, zu hegen scheint, wie auch das harte Los der Männlichkeit, seiner Libido zu entsagen, korreliert mit einer nicht vorhandenen Spannungskurve, die dieses Buch mitunter unerträglich langweilig macht. Das Ende ist, ein Rezensent hat dies passend vermerkt, vorhersehbar, wenig überraschend, gleichwohl - von Begleys Schilderung der Charaktere deduzierend - wiederum unglaubwürdig und plump. Ein wirklich sehr, sehr enttäuschendes Werk.


1977: Roman
1977: Roman
von David Peace
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Überdrehter Nachfolger, 20. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: 1977: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein Rezensent schrieb über den zweiten Teil des Red-Riding-Quartetts: "Knallharte Kost für hartgesottene Leser. Anstrengende Lektüre und eine atmosphärische, düstere und beklemmende Inszenierung." Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, eine detailliertere Wiedergabe der Story, die anders als der erste Teil 1974, nicht aus der Sicht eines (dem Gerichtsreporter Eddie Dunford), sondern zweier Protagonisten (des Polizeisergeant Bill Fraser sowie des Journalisten Jack Whitehead) erzählt wird, entfällt an dieser Stelle. Dennoch: Der Buchrücken gibt den Inhalt der Geschichte nur ungenügend wieder.
Drei Dinge seien an dieser Stelle besonders betont. Zum einen der Schreibstil von David Peace; jenes bisweilen durchaus enervierende Wort-Stakkato, das Aneinanderreihen von Kurz- und Halbsätzen; das Ineinanderreihen von Dialogen, Traumsequenzen und Gedankengängen. Was in 1974 noch wohl dosiert war, ist hier oft nur noch anstrengend. Der gewählte Stil ist also mit Vorsicht zu genießen, er macht Peace und seine "Riding-Reihe" zwar einerseits besonders, auf der anderen Seite überstrapaziert er dieses Mittel meines Erachtens in diesem Teil ein ums andere mal.

Zum zweiten ist der historische Kontext aufzuführen. England gegen Ende der 70er-Jahre: verarmt, verroht, rassistisch. Gerade Fraser und seine Berufskollegen der Polizei kommen hier äußerst negativ weg. Das mag zwar einer gewissen Authentizität nicht entbehren, da aber schlicht jeder Polizist dergestalt qua Profession Alkoholiker, Schläger und Vergewaltiger ist, mutet das Ganze dann doch oftmalig ein wenig zu hart, ein wenig zu übertrieben an ' und strengt beim Lesen (Fäkalsprache) etwas an.

Zum dritten: Der Plot. Die Jagd nach dem "Ripper", jenem Frauen mordenden Kleinstadtmörder, bleibt relativ blass, genauer: der Mörder erlangt in diesem Teil noch keine klaren Konturen, Hinweise auf seine Identität bleiben im Dunkeln. Durch die Verrohung aller Sitten, die sich über alle beschriebenen Charaktere des Buches hinwegzieht, würde man bis zum Schluss jedem Charakter des Buches gewissenhaft die Rolle des Mörders anvertrauen.
Das Ende bleibt ein großes Mysterium. Die literarischen Fertigketen des Autors hin oder her: was die letzten Seiten auszusagen vermögen, bleibt völlig nebulös: wer sich hier auf einer Art Meta-Ebene auf Täter-Suche zu begeben vermag, möge dies tun, der "natürliche" Krimi-Fan wird hier nur schwerlich fündig.
Fazit: Ein im Vergleich zu Teil 1, den ich seinerzeit mit 5 Sternen bedachte, was mir durchweg negative Kritiken einbrachte, ein inhaltlich unausgegorener, unentschlossener und stilistisch überdrehter, viel zu überspitzter Teil der Reihe. Teil drei bietet viel Luft nach oben.


Bonjour tristesse: Roman
Bonjour tristesse: Roman
von Françoise Sagan
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

6 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein Klassiker? Kaum verständlich., 5. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Bonjour tristesse: Roman (Taschenbuch)
Bei Amazon-Rezensionen, zumal wenn sie unter die Drei-Sterne-Kategorie fallen, wagt man sich auf zumeist aufs Glatteis ("nicht empfehlenswert"). Dennoch, eine andere Bewertung würde zwar mehr Anerkennung erhalten, aber gewiss nicht der Wahrheit entsprechen.

Ich kann es oft nicht verstehen, wenn Leute sagen: "Warum ist das ein Klassiker?". Es ist halt ein Klassiker, kurzum, weil der Roman sprachlich brilliert, eine grandiose, tragische Geschichte auffährt und einen in einen Gemütszustand entlässt, vielmehr, derartige durchleben lässt, die man so schnell nicht zu vergessen vermag. Dies alles trifft auf Francoise Sagans Roman, eher: Novelle, nicht zu. Über die Geschichte, die andere Rezensionen sehr zutreffend beschrieben haben, soll an dieser Stelle kein weiteres Wort mehr verloren werden. Wo bleibt der Skandal? Wo bleibt das innovative Moment? Wo ist der tiefere Sinn, der Konflikt zwischen jugendlicher, pubertärer Libertinage und gesellschaftlicher Spießigkeit? Nichts dergleichen. Die Handlungen von Cecile, moderne Frauen- und Jugendliteratur vor Augen, muten kaum obszön oder provaktiv an. Auch werden keine Geschlechtsakte en detail beschrieben; provokative Dialoge gibt es kaum. Das Buch mag in der Prüderie der 50er-Jahre reüssiert haben, eben auch weil die - nach diesem Buch durchweg erfolglose - Sagan seinerzeit 18 Jahre alt war. Aus heutiger Sicht mutet es bisweilen geradezu grotesk an, wie ein derart - und in jeder Hinsicht - "leichtes" Werk den Rang eines Klassikers eingenommen hat.

Wer will, kann sich dieses Büchlein kaufen, über den Titel sinnieren, den tieferen Sinn fabulieren. Er kann sich das Geld aber auch sparen. Wie ein Amazon-Rezensist vermerkt: "Amoralität konnte ich nicht entdecken, eben so wenig Zynismus." Selbiges gilt für sprachlichen Hochglanz und storytechnischen Tiefgang.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 29, 2011 2:41 PM MEST


"I am not convinced": Der Irak-Krieg und die rot-grünen Jahre
"I am not convinced": Der Irak-Krieg und die rot-grünen Jahre
von Joschka Fischer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Solide politische Autobiographie - mit Schwächen, 5. April 2011
Auch der zweite Teil von Joschka Fischers politischer Autobiographie ist als gelungen zu bezeichnen. Das positive Gesamturteil hat durchaus auch mit der im hiesigen deutschen Sprachbereich durchaus seltenen Gattung jener persönlichen Erfahrungsberichte zu tun, somit auch Vergleichsmaßstäbe fehlen (als weniger gelungen ist demgegenüber etwas Gerhard Schröders Autobiographie von 2006 zu bezeichnen).
Dieser eben jene zweite Teil behandelt die Zeit von 9/11 bis zum Ende von rot-grün (2005), jenem Neuwahlcoup von Schröder und Müntefering (den Fischer nach wie vor für falsch hält); den Epilog bildet ein in die Zukunft blickendes Kapitel, das die globalen Veränderungen unter die Lupe nimmt und bisweilen etwas gönnerhaft und deplatziert anmutet.
Der nacherzählende Teil ist munter, locker, desgleichen sehr selbstkritisch verfasst; so konzediert Fischer, dass er gegenüber der Medien-Zunft durchaus arrogant aufgetreten sei, die schmähende Kritik, gerade im Rahmen der Visa-Affäre 2005, nicht unverdient gewesen sei (vgl. S. 313). Interessante Nebenaspekte sind seine evidente Skepsis gegenüber der französischen Regierung und deren Präsidenten Jaques Chirac (starker Unterschied zu Schröder) als auch sein Desinteresse an Russland, jener "eurasische Riese" findet hier - außer im Falle der (manipulierten) Wahlen in der Ukraine 2004 - kaum Erwähnung.

Die Schwerpunktsetzung ist zu begrüßen: so beschreibt Fischer die Folgen des 11. Septembers und die "uneingeschränkte Solidarität" (Schröder) der deutschen Regierung, die sich aus einer "historischen Dankesschuld" (Fischer) gegenüber den USA gespeist habe. Der Afghanistan-Einsatz wird kurz abgehandelt, weit kürzer als im ersten Teil seiner Biographie die Entscheidung für den Einsatz im Kosovo. Im Zentrum des Buches steht ganz klar, wie dies auch der Untertitel zu verdeutlichen vermag, der Irak-Krieg. Das Verhalten und die Denkweise der damalig amtierenden Bush-Administration ("Neocons") weiß Fischer oftmalig sehr gekonnt und konzise zu kritiseren; gerade auch vor dem Hinblick seines radikal-linken Politikverständnisses in den 60er- und früheren 70er-Jahren.

Über die inhaltliche Schwerpunktsetzung kann man nur schwerlich mäkeln, den sprachlichen Duktus, welchen Fischer mitunter einschlägt, kann man gleichwohl disputieren. Satzbausteine à la "Und dann flog ich nach" oder "Ich hatte, wie sich zeigen sollte zurecht, ein ungutes Gefühl" geben dem Buch einen gehetzten und manchmal auch narzistischen Anstrich, was sich aber wohl im Falle einer solchen politischen Autobiographie nicht ganz vermeiden lässt.
Beiden Teilen seiner Biographie ist vor allem die Kritik an seiner Partei, den Grünen, gemein: Fischers beißende, mitunter sehr zugespitzte Kritik an seiner Partei wirkt überdreht; hat er doch Amt und Würden eben dieser politischen Formation zu verdanken. Diese Dankbarkeit schimmert kaum durch.


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