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Reinhard Koehrer "raykoehrer" (Kissing, Bayern)

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Eine gefährliche Methode: Freud, Jung und Sabina Spielrein
Eine gefährliche Methode: Freud, Jung und Sabina Spielrein
von John Kerr
  Taschenbuch

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Als Briefe noch Waffen waren, 27. Januar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das umfangreiche Werk des Historikers und Psychologen John Kerr beginnt mit den Worten: „Sigmund Freud und Carl Gustav Jung begegneten sich zum ersten Mal am 3. März 1907. Sie unterhielten sich 13 Stunden ohne Pause. Das letzte Mal begegneten sie sich beim Vierten Internationalen Psychoanalytischen Kongress am 7. und 8. September 1913 in München. Soweit wir wissen, wechselten sie bei dieser Gelegenheit kein einziges Wort.“

Diese sechs Jahre bilden den thematischen Schwerpunkt des Buches. Doch es verharrt nicht in diesem Zeitrahmen, sondern schildert mit weit ausholender Geste die Entwicklung der Psychoanalyse und ihrer Vorläuferformen von den Anfängen bis hin zum letzten bekannten Brief von Carl Gustav Jung an Sabina Spielrein, datiert auf den 7. Oktober 1919. Die Bekanntschaft der beiden reichte zurück in das Jahr 1904, als Sabina Spielrein, eine junge russische Jüdin aus begüterter Familie, mit allen Anzeichen schwerer Hysterie in die psychiatrische Burghölzli-Klinik bei Zürich eingeliefert wurde. Jung schloss die Analyse der Patientin noch im gleichen Jahr ab, und wenige Monate später begann Sabina Spielrein ihr Medizinstudium an der Züricher Universität. Für Jung entwickelte sich die Beziehung von einem Schul- zu einem Sündenfall, als Spielrein seine Geliebte wurde: ein auch heute noch schwer auslotbares Verhältnis, eine symbolbeladene Mischung aus flammender Erotik und dunkler Mystik, die wohl am besten – nomen est omen – mit psychoanalytischen Methoden zu durchleuchten wäre. Jung schrammte nur knapp an einem öffentlichen Skandal vorbei, und er musste Freud gegenüber seine Verfehlung schließlich Stück für Stück einräumen.

Ich habe das Buch bisher zweimal gelesen und werde es wohl irgendwann ein drittes Mal in die Hand nehmen: nicht weil ich von Natur aus begriffsstutzig bin oder weil der Verfasser furchtbar verknäuelte Satzkonstrukte fabriziert. Nichts von alledem: John Kerr schreibt flüssig, leicht lesbar und verwendet Fachtermini in sehr sparsamer Dosierung. Dafür besticht sein Werk mit einer überwältigenden Datenfülle, die immer neue Aspekte und Denkanstöße vermittelt. Kerr verzichtet wohlweislich darauf, das gesamte gesellschaftliche Spektrum zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzufächern. Dieser Bereich erschließt sich dem Leser eher rudimentär. Dafür lernt man jene Personen kennen, die wesentlich zur Ausbreitung und Etablierung der Psychoanalyse beitrugen (wie zum Beispiel Abraham, Binswanger, Ferenczy oder Fließ). Mit am bekanntesten ist Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie und abtrünniger Freud-Schüler, weshalb ihm der grollende Meister das Etikett „bösartiger Paranoiker“ anheftete. Von Adler ist allerdings bei Kerr nur am Rande die Rede, vermutlich deshalb, weil dieses Thema eine eigene Geschichte und somit ein eigenes Buch wert wäre.

Ähnlich dramatisch wie der Bruch mit Adler verlief für Sigmund Freud auch die Beziehung zu Jung. Anfangs reagierte Freud geradezu euphorisch, als sich die Chance bot, eine Verbindung nach Zürich zu knüpfen: Denn hinter Carl Gustav Jung stand der höchst angesehene Eugen Bleuler, Leiter der Burghölzli-Klinik und als solcher ein wichtiger Repräsentant der Züricher medizinischen Fakultät. Für Freud war es die erhoffte Möglichkeit, seine Lehre aus dem Wiener Kaffeehaus-Ambiente zu befreien und vor einem qualifizierten Fachpublikum auszubreiten. John Kerr schildert diese Entwicklung anhand der umfangreichen Korrespondenz zwischen Wien und Zürich, und er schildert auch, wie sich im Laufe der Jahre fast unmerklich ein leises Misstrauen in und vor allem zwischen den Briefzeilen einnistete. Ein erster Stein des Anstoßes war die Spielrein-Affäre, doch offenbar wusste auch Jung einige intime Dinge über seinen „geistigen Vater“, die besser unter Verschluss blieben. Es begann ein stummes Ringen mit dem stark vom Unbewussten besetzten Thema, wer in dieser komplizierten Zweierbeziehung der Analytiker und wer der Analysand sein sollte. Es war, auf einen Nenner gebracht, der Konkurrenzkampf zweier Alpha-Tiere, von denen keines „B“ sagen wollte. Je mehr sie in ihren persönlichen und wissenschaftlichen Ansichten auseinander drifteten, umso deutlicher zeichnete sich das endgültige Zerwürfnis ab. Wenn sie hingegen über dritte Personen tratschten, waren sie sich oft genug einig, besonders wenn es darum ging, einen herablassenden männlichen Chauvinismus zu zelebrieren. So wird bei Freud aus der offiziellen Briefanrede „Hochverehrtes Fräulein Spielrein“ privatissimo rasch eine „kleine Autorin“ oder einfach nur „die Kleine“, während ein anderes Mitglied des Freudschen Zirkels die abschätzige Bezeichnung „unser Doktorenweib“ umgehängt bekommt.

Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass Sabina Spielrein lange Zeit als merkwürdige Schattengestalt durch die psychoanalytischen Annalen geisterte. Von ihrer Existenz zeugten lediglich ein paar Fußnotenverweise in der Fachliteratur. Erst mit der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Freud und Jung im Jahre 1974 gewann ihr diffuser Umriss erstmals an Konturen, und es war zu erahnen, dass ihre Rolle in der frühen psychoanalytischen Bewegung über Jahrzehnte hinweg sträflich unterschätzt worden war. Mit der zufälligen Entdeckung von Sabina Spielreins Tagebüchern und Teilen ihrer Korrespondenz entstand allmählich das Bild einer vielschichtigen und außergewöhnlichen Persönlichkeit. Inzwischen sind weitere Spielrein-Texte publiziert worden, und auch ihre Krankenakten aus der Burghölzli-Zeit liegen nun vollständig vor. Auf einige dieser Quellen musste John Kerr naturgemäß verzichten, da sein Werk im Original bereits 1993 erschien. Dennoch hatte ich manchmal das Empfinden, dass er das damals zugängliche Material nicht in vollem Umfang auswertete und entsprechende Analysen eher oberflächlich ausführte. Hier empfiehlt sich als Alternative und Korrektiv die akribisch recherchierte Spielrein-Biographie von Sabine Richebächer, die auch das gesellschaftliche Umfeld respektive den Zeitgeist mit einbezieht und diesen in anschaulich-detaillierter Weise beschreibt (in: Sabina Spielrein – Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft).

Dessen ungeachtet ist das Buch eine sehr lesenswerte monumentale Charakterstudie, deren Schwerpunkte annähernd gleichmäßig zwischen Freud und Jung aufgeteilt sind (mit leichten Platzvorteilen für Jung), während Sabina Spielrein eher die Rolle eines verbindenden Elements einnimmt. Doch sie war – besonders für ihren zeitweiligen Mentor Carl Gustav Jung – weit mehr als eine Episode, mehr als ein eigenwilliger feministischer Akzent aus der Frühzeit der Psychotherapie. Die Beziehung zu Sabina Spielrein prägte Jung für sein gesamtes späteres Leben, selbst als alle Kontakte zu ihr längst erloschen waren.

Um zum Schluss noch einmal John Kerr zu zitieren: „Während Freud dafür sorgte, dass spätere Generationen Sabina Spielreins Beitrag zur Psychoanalyse gründlich missverstanden, war Jung damit beschäftigt, sie unsterblich zu machen – allerdings unter einem anderen Namen.“ Dieser Name nimmt in Jungs Werk eine zentrale Bedeutung ein: Es ist das Bild der Anima, das Bild des inneren weiblichen Ideals, das dem Mann als jene Frau erscheint, der man gehorchen muss. Für Jung muss es ein bittersüßes Ideal gewesen sein, denn seine ganz persönliche Anima ging selbstbewusst eigene Wege und begann schließlich eine therapeutische Laufbahn als überzeugte Freudianerin.


Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung (3., unveränderte Auflage 2013)
Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung (3., unveränderte Auflage 2013)
von Felix Hasler
  Broschiert
Preis: EUR 22,80

45 von 49 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Neuromythologie und Neuro-Wahrheit, 17. Januar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es ist ein beliebtes und manchmal auch amüsantes Hobby einiger Wissenschaftsjournale, in regelmäßigen Abständen die größten Menschheitsrätsel in Form einer „Hitliste“ zu veröffentlichen. Ganz oben in den Charts steht dann zumeist (zusammen mit der kosmologischen „Ur-Frage“ nach der Struktur des Universums) die noch weitgehend ungeklärte Beziehung zwischen Gehirn und Bewusstsein. Diese Beziehung heißt „Qualia-Problem“ und beschäftigt seit längerer Zeit Legionen von Philosophen, Psychologen und Medizinern (in neuerer Zeit auch Computerexperten und sogar Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler).

Der Autor Felix Hasler beginnt seinen Exkurs mit einem Streifzug durch das „neurozentrische Zeitalter“, und er beschreibt dabei unter anderem die Rolle der Medien, die ziemlich kritik- und ahnungslos jede vermeintlich neue Entdeckung aus dem Bereich der Neurologie zu Sensationsmeldungen aufbauschen. Dass hingegen in der Arena des wissenschaftlichen Disputs alles andere als eitel Sonnenschein herrscht, wird auf den folgenden Seiten klar. Gerade in den grundlegenden Fragen prallen die Meinungen hart aufeinander. Während manche etwas vorschnell das Bewusstseinsrätsel als gelöst betrachten, argumentiert die Gegenseite, dass die angepriesenen Lösungen den Kern der Sache verfehlen und dass es bis dato nicht mal gelungen ist, richtige Fragen zu formulieren (von Antworten ganz zu schweigen).

Natürlich ergreift Felix Hasler die Gelegenheit beim Schopf, ein Happening der besonderen Art zu schildern. Die Geschichte ist nicht ganz neu, verdient jedoch eine Erwähnung, da sie ein grundlegendes Problem beleuchtet: Vor einigen Jahren legten drei junge Psychologen einen ausgewachsenen Lachs in den MRT-Scanner und hielten ihm Fotos von Menschen in sozialer oder familiärer Interaktion vor die Kiemen. Pflichtschuldig zeichnete der Scanner die lachsspezifischen Gehirnaktivitäten auf, die bei der Auswertung als charakteristische rote Blasen im Tomogramm erschienen. Leider hatte das Experiment einen gravierenden Haken: Der Fisch befand sich im postmortalen Stadium, war also längst tot, und die vermeintlichen Aktivitätsmuster entpuppten sich als rechnerische Artefakte. Der „Lachs des Zweifels“ erlangte rasch Berühmtheit, doch die Fachwelt war darüber nicht sehr amused. Sie wies darauf hin, dass Scannerdaten, um falsche Signale auszuschließen, stets mit statistisch relevanten Methoden korrigiert werden. Soweit die Theorie. Inzwischen hat eine retrospektive Analyse jedoch gezeigt, dass dies in vielen Fällen eben nicht geschieht. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil beim Herausrechnen falscher „Blobs“ auch echte Signale spurlos verschwinden können.

Es würde hier zu weit führen, alle Tücken und Unwägbarkeiten aufzuführen, die sich bei der Vermessung des menschlichen Gehirns ergeben, wobei die mangelnde Reproduzierbarkeit nur ein Manko von vielen ist. Von manchen Forschern wird der Nutzen bildgebender Verfahren generell bezweifelt, da nach Ihrer Ansicht neuronale Korrelate des Bewusstseins nicht existieren. Nichtsdestotrotz widmen sich immer mehr wissenschaftliche Richtungen, die das Kürzel „Neuro“ im Titel führen, der Erforschung des menschlichen Zentralorgans. Ein Paradebeispiel, das in Haslers Buch ausführlich besprochen wird, trägt die Kapitelüberschrift „Neuro-Reduktionismus, Neuro-Manipulation und das Verkaufen von Krankheiten“. Es geht darin um die schlichte Tatsache, dass im klinischen Sektor die altbekannte Psychotherapie längst zur Neurotherapie mutiert ist. Frühe Versuche aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts trugen Bezeichnungen wie „Insulinschock“, „Elektrokrampftherapie“ und „Lobotomie“ und erinnerten in ihren Aus- und Nebenwirkungen lebhaft an eine Frankenstein-Geschichte. Inzwischen ist an die Stelle dieser Brachialanwendungen ein scheinbar sanfterer Umgang mit den Patienten getreten, nämlich die Verabreichung von Psychopharmaka. Der weltweite Markt für diese Mittel wird in Kürze das Volumen von einer Billion Dollar erreichen, und entsprechend ausgeprägt sind die Begehrlichkeiten, die dieses Wachstum weckt bzw. schon lange geweckt hat. An dieser Stelle sei nur kurz erwähnt, dass dieses Buchkapitel nicht nur ein langes, sondern auch ein sehr dunkles ist, mit allerlei zünftigen Zutaten wie Schweige- und Schmiergelder, größeren und kleineren Manipulationen, im Sande verlaufenen Gerichtsprozessen und falschen wissenschaftlichen Studien, die von „Ghostwritern“ der Pharmafirmen verfasst wurden.

Ein Eckpfeiler der gegenwärtigen Neuro-Konjunktur ist die völlig unbelegte, aber gleichwohl höchst aktuelle Annahme, dass der Mensch ein Bioautomat ohne freien Willen ist, der nach festgeschriebenen Programmschemata handelt, und dass dessen Ich und das damit verknüpfte Bewusstsein nichts anderes als Illusionen respektive Hilfskonstrukte des Gehirns darstellen. Weiter gedacht ergibt sich daraus die Konsequenz, dass nicht die Person für individuelle Verfehlungen zur Verantwortung gezogen werden kann, sondern bestenfalls das betreffende Gehirn. Nun kann man ein Gehirn schlecht separieren und bewachen, aber man könnte es – so die Vorstellung einiger Neuro-Forensiker und Gesundheitsbehörden – bereits im Vorfeld therapieren. Mit dem geeigneten Instrumentarium wäre es ein Leichtes, aggressiv-kriminelle Potenziale rechtzeitig zu scannen – möglichst in früher Jugend - und aus dieser „Vermessung des Bösen“ die optimale Medikation abzuleiten. Das Verfahren ließe sich auch bei einer vermuteten Drogensucht anwenden, da das Verlangen nach Rauschmitteln (einschließlich Alkohol) als Krankheit des Gehirns definiert wird. Wobei die Suche nach „pathologischen“ und „abnormen“ Gehirnen an diesem Punkt kaum aufhören und wohl direkt in eine schöne neue Neuro-Welt von Orwellschen Ausmaßen führen würde. Dieser von einigen Psychohygienikern gehegte Wunschtraum hat lediglich einen Schönheitsfehler: Die Fundamente, auf denen er ruht, erweisen sich als äußerst brüchig, wimmeln vor statistischen Fehlern und sind in keiner Weise empirisch gesichert. Nicht nur auf diesem Sektor hüllt sich die Neurobiologie in das gleiche Outfit, wie es in der Märchengeschichte „Des Kaisers neue Kleider“ beschrieben wird.

Felix Hasler hat ein wichtiges, informatives und rundum gelungenes Buch aus Sicht eines in der Neurobiologie bewanderten Insiders geschrieben. Der Autor schildert umfassend das Für und Wider verschiedener wissenschaftlicher Positionen, zeigt jedoch deutlich auf, wo seiner Meinung nach ein fehlender Datenfundus durch ideologische Inhalte ersetzt wird. Manches wird nur am Rande erwähnt, wie der komplexe Bereich veränderter Bewusstseinszustände, die Frage möglicher epigenetischer Einflüsse auf die Gehirnplastizität oder das weite Feld vererbter verhaltenspsychologischer Eigenschaften. Das ist indes leicht zu verschmerzen, da das Werk bewusst Schwerpunkte setzt. Es will kein trockenes Kompendium sein, sondern (wie bereits der Titel verheißt) eine ebenso aufrüttelnde wie fundierte Streitschrift gegen neurobiologische Allmachtsphantasien und allzu bequeme reduktionistische Sichtweisen.

Fazit: Haslers Buch ist ein ungemein faktenreicher und exzellenter Beleg dafür, welche Verwirrung (und das in jeder Hinsicht) eine knapp dreipfündige cerebrale Biomasse stiften kann.

Noch ein kleiner Tipp zum Abschluss: Wer mehr über philosophische, erkenntnistheoretische und physikalische Aspekte zu diesem Thema wissen möchte, ist bei „Brigitte Falkenburg – Mythos Determinismus. Wieviel erklärt uns die Hirnforschung?“ bestens aufgehoben.


Eine dunkle Begierde
Eine dunkle Begierde
DVD ~ Michael Fassbender
Preis: EUR 5,55

23 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Logik des Kinos ist die Logik des Traums, 3. Januar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Eine dunkle Begierde (DVD)
Das obenstehende Motto stammt von Regisseur David Cronenberg, und in ganz besonderem Maße trifft es auf „Eine dunkle Begierde“ zu. Der Film hat eine längere Vorgeschichte: Er basiert großteils auf dem Theaterstück „The Talking Cure“ von Christopher Hampton – jenem Christopher Hampton, der auch das Drehbuch verfasste und der eine Reihe von geschliffenen Dialogszenen von der Bühne in den Film übernahm. Hampton schöpfte dabei aus einer ebenso zuverlässigen wie umfangreichen Quelle, nämlich dem 800-Seiten-Wälzer des Psychoanalytikers John Kerr "A most dangerous Method: The Story of Jung, Freud and Sabina Spielrein".

Der Buchtitel grenzt das Thema des Films kurz und bündig ein: Im Jahre 1904 wird die knapp neunzehnjährige Sabina Spielrein, Tochter eines russischen Kaufmanns, in die Nervenheilanstalt Burghölzli bei Zürich eingewiesen (oder besser gesagt: verfrachtet). Der behandelnde Arzt heißt Carl Gustav Jung (Michael Fassbender), der an seiner neuen Patientin erstmals die von Sigmund Freud (Viggo Mortensen) entwickelte „Sprechkur“ anwendet – eine Therapieform, die später unter dem Namen Psychoanalyse weltweit bekannt wurde. Die seelische Genesung von Sabina Spielrein, verkörpert von Keira Knightley, macht rasche Fortschritte, und bereits ein Jahr später beginnt sie ihr Medizinstudium an der Universität Zürich. Gleichzeitig gestaltet sich ihre Beziehung zu Jung immer intensiver, und schließlich wird sie seine Geliebte. Der Film vermittelt diese Entwicklung gewissermaßen in Etappen, das heißt in verschiedenen „Zeitfenstern“, die in einem Abstand von etwa zwei Jahren kurz geöffnet werden: Man wird zum Zeugen, wie sich Jung und Freud erstmals begegnen, wie sich zwischen den beiden Männern eine von intellektuellem Respekt geprägte Freundschaft entwickelt, die jedoch später fast in ihr Gegenteil umschlägt; man erlebt mit, wie sich Sabina Spielrein allmählich emanzipiert, auch von ihrem Mentor Jung, der sie fallen lässt und damit den Anstoß gibt, dass sie auf die Seite von Sigmund Freud wechselt. Und schließlich erlebt man die Person von Carl Gustav Jung in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, einesteils beseelt vom Streben nach absoluter Erkenntnis, andererseits den Versuchungen eines wohlsituierten Großbürgertums nahezu hilflos ausgeliefert. Der Film endet im Juli 1913, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, aber die Geschichte seiner drei Hauptpersonen begann eigentlich erst jetzt. Ihre Wege jedoch strebten von nun an auseinander.

„Eine dunkle Begierde“ ist kein einfacher Film. Er ist vor allem eines nicht: ein reiner Unterhaltungsfilm. Da er auf die leichtverdaulichen Zutaten eines Popcorn-Kinos generell verzichtet, werden ihn manche sicher langweilig finden oder auch anstrengend und verwirrend. In dieser Hinsicht ist er mit einer echten Psychoanalyse vergleichbar: Die nachhaltigsten „Actionszenen“ liegen unter der glatten Oberfläche begraben. Wer nur passiv darauf wartet, dass etwas Weltbewegendes geschieht, dürfte zwangsläufig enttäuscht sein, doch wer tiefer schürft, wird so manche Perle entdecken. Die Story erhält zusätzlichen Reiz durch das Auftreten des Anarchisten Otto Gross (ich glaube, Cronenberg nannte ihn einen „Proto-Hippie“). Er ist die dritte Zutat für den sich abzeichnenden psychoanalytischen Urknall: Sigmund Freud als kühl analysierender, rational denkender Begründer einer neuen Wissenschaft, C. G. Jung als idealistischer Sucher nach dem Unbekannten, als Erforscher der Archetypen und des kollektiven Unbewussten, während Otto Gross (gespielt von Vincent Cassel) die sexuelle Befreiung des Individuums in Form einer Kulturrevolution auf die gesamte Gesellschaft ausdehnen wollte – aus diesen drei Ur-Elementen entstanden alle psychologischen Anschauungen, Schulen und Richtungen, wie sie heute existieren.

Der Film überzeugt auch durch die hervorragenden Schauspielerleistungen. Viggo Mortensen interpretiert Freud als monolithischen Übervater, festgemauert in seinen Ansichten, während Jung offener und neugieriger, aber auch labiler wirkt. Einige Rezensenten haben an dieser Stelle Keira Knigthley für die vermeintlich überzogene und exzessive Darstellung der Sabina Spielrein kritisiert, besonders ihr Auftreten im ersten Drittel des Films. Aber man sollte nicht vergessen, dass der heutige Blickwinkel nicht unbedingt mit den Realitäten übereinstimmen muss, wie sie vor hundert Jahren herrschten. Dazu sagte Regisseur Cronenberg in einem Interview: „Ich habe mir zusammen mit Keira Knightley eine Menge alter Fotografien angeschaut, auf denen Hysteriekranke zu sehen sind.“ Und er fuhr fort: „Diese Fotos sind schockierend, fast unerträglich, weil die Gesichter der Menschen darauf oft schrecklich entstellt sind. Im Vergleich dazu ist der Film eher zurückhaltend.“ Ergänzend sei angefügt, dass Jungs detaillierte Beschreibungen von Sabina Spielreins Krankheitssymptomen („Wein- und Schreikrämpfe“) rund 50 Seiten umfassen und somit durchaus Rückschlüsse auf die psychische Verfassung der Patientin gestatten.

Ein weiterer Pluspunkt, den „Eine dunkle Begierde“ verbuchen kann, ist das Bemühen um historische Genauigkeit. So wurde die Jungsche Villa (ursprünglich am Zürichsee stehend) am Ufer des Bodensees originalgetreu wieder aufgebaut, und vielfach wurde auf Sammlungen und persönliche Gegenstände der Protagonisten zurückgegriffen. Fast anekdotisch wirkt die Recherche der Filmcrew in Bezug auf den Zigarrenkonsum von Sigmund Freund: Welche Zigarren rauchte er? Welche Länge, Dicke und Farbe besaßen diese? Rauchte er stets die gleiche Marke, oder bemühte er sich um Abwechslung? Und vor allem: Wie viele rauchte er pro Tag? Antwort: Ziemlich viele (etwa 20 bis 25 Stück). Ergo gibt es kaum eine Szene, in der Freud nicht in Begleitung einer qualmenden Zigarre auftritt. Vor dem Hintergrund dieser Detailbesessenheit wirkt es befremdlich, dass sich der Film im Abspann zwei grobe Schnitzer leistet: Otto Gross starb nämlich nicht 1919, sondern im Jahre 1920, und auch Sabina Spielreins Ermordung ist ein Jahr zu früh angesetzt (richtig wäre 1942). Das sollte einem Film, der sich um historische Authentizität bemüht, eigentlich nicht passieren (auch wenn diese falschen Angaben gelegentlich in der entsprechenden Literatur zirkulieren). Dessen ungeachtet ist „Eine dunkle Begierde“ keine Dokumentation, sondern immer noch ein Spielfilm, der gewisse Schwerpunkte setzt und andere Bereiche eher stiefmütterlich behandelt. So bleibt die Rolle von Jungs Ehefrau Emma schattenhaft diffus, und an keiner Stelle ist zu erahnen, dass sie später ebenfalls als Psychoanalytikerin arbeitete. Aber vielleicht wäre es zu viel verlangt, dass der Film alle agierenden Personen in gleicher Weise würdigt. Im Grunde ist er mit der skizzenhaften Darstellung des Dreiecksverhältnisses Freud – Jung – Spielrein vollkommen „ausgelastet“.

Das ganze Psychodrama ist zumeist in hellen, freundlichen und oft sonnendurchfluteten Szenen eingefangen, in ruhig fließenden, aber nie langweiligen Einstellungen. Die Bilder vermitteln den Eindruck einer Belle Epoque in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Wobei das „Belle“ natürlich nur für das gehobene Bürgertum zutrifft. Und so gilt auch hier der Satz: Die Wahrheit ist – wie immer – unter einer harmlos schimmernden Oberfläche verborgen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 6, 2014 10:22 PM MEST


Väterchen Franz
Väterchen Franz
Preis: EUR 20,98

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein immer noch aktuelles Zeitdokument, 14. Juni 2012
Rezension bezieht sich auf: Väterchen Franz (Audio CD)
Franz Josef Degenhardt veröffentlichte seine erste Platte im Jahre 1963, also noch während der letzten Monate der Kanzlerschaft Konrad Adenauers. Anfangs eher ein Bänkelsänger mit Ruhrpott-Einschlag, wurden seine Aussagen und Liedtexte zunehmend schärfer und pointierter, bis er schließlich zum musikalischen Sprachrohr der 68er-Generation avancierte. Für die damals 18- bis 25-jährigen (soweit sie politisch dachten) war Degenhardt der Exponent einer Protesthaltung, die die Normen und Werte der bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellte oder ganz abschaffen wollte.

Das Album "Väterchen Franz" markiert eine Übergangsphase: eine allmähliche Abwendung vom eher literarisch geprägten Chansonstil, hin zum großen basisdemokratischen Rundumschlag. 1966 war von den Umwälzungen und Unruhen, die zwei Jahre später die Republik erschütterten, noch wenig zu spüren. Doch an den Universitäten, wo Adorno und Marcuse eine marxistisch geprägte Soziologie lehrten, gärte es bereits. 1966 war auch das Gründungsjahr der Großen Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger. Die geplante Notstandsgesetzgebung der neuen Regierung bildete bald darauf zusammen mit dem Vietnam-Krieg 'den Kristallisationspunkt für die größten Protestdemonstrationen, die die Bundesrepublik bis dahin erleben sollte. Gleichzeitig machten sich die ersten schüchternen Ausläufer der 'sexuellen Revolution' bemerkbar, und auch die Diskussion über die NS-Zeit gewann an Prägnanz und Schärfe.

Dessen ungeachtet zog 1966 erstmals die NPD in die Länderparlamente von Bayern und Hessen ein, begünstigt auch durch den Umstand, dass es 1966/67 erstmals so etwas wie eine Konjunkturflaute gab. Die Wirtschaftswunder-Epoche ging langsam zu Ende, und allmählich wurden gewisse Grenzen des Wachstums sichtbar. Während das Gros der Bevölkerung die Zeichen des Wandels ignorierte und an die immerwährende Stabilität ihres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems glaubte, bereitete sich im 'Untergrund', in Filmen, Theaterstücken und Büchern, ein kultureller Umbruch vor. Die Schriften von Freud, Reich und Adler erlebten eine Renaissance in intellektuellen Zirkeln, und es dauerte nicht lange, bis dieser Funke auch auf Teile der Jugend übersprang. Nicht nur in der alten Bundesrepublik, sondern in vielen Ländern der Welt folgten junge Leute den Vorbildern einer neuen Popkultur, die ihren prägnantesten Ausdruck in der Musik fand, auch wenn die "Woodstock Generation" noch einige Jahre auf sich warten ließ. Doch zwischen den Großmächten herrschte - trotz einiger Entspannungsansätze - noch immer "kalter Krieg", und die Gefahr eines atomaren Konflikts schwebte wie ein Damoklesschwert über den Menschen. Vor diesem Hintergrund entstand, viele der geschilderten Punkte einflechtend, das Album "Väterchen Franz".

Meine Favoriten: "In den guten alten Zeiten", "Tonio Schiavo" und "Feierabend" (besonders letzteres Lied, dank Melodie und Text und der daraus resultierenden, ebenso poetischen wie bedrohlichen Stimmung). Aber auch die anderen Songs sind durchweg gelungen und weisen sowohl textlich als auch musikalisch eine große Spannbreite auf. Und obwohl zwischen dem Produktionsjahr der Platte und der Gegenwart inzwischen einige Jahrzehnte liegen, finden sich immer wieder Textpassagen, die heute genauso aktuell sind wie damals. Genaues Hin- und Zuhören lohnt sich also auf jeden Fall.


Wenn die Dunkelheit ein Ende findet: Terminale Geistesklarheit und andere ungewöhnliche Phänomene in Todesnähe
Wenn die Dunkelheit ein Ende findet: Terminale Geistesklarheit und andere ungewöhnliche Phänomene in Todesnähe
von Michael Nahm
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

21 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Sein und der Tod, 2. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Obwohl das Buch mit 286 Seiten nicht übermäßig umfangreich geraten ist, enthält es doch ein beeindruckendes Spektrum der unterschiedlichsten Fallsammlungen. Die akribische Recherche des Autors wird auch am Literaturverzeichnis deutlich, das mehr als 250 Referenztitel umfasst. Schwerpunkt des Werks ist die detaillierte Darstellung der Terminalen Geistesklarheit in Todesnähe. Im Prinzip geht es dabei um die Schilderung von schweren Gehirnfunktionsstörungen, hervorgerufen durch Demenz, Schlaganfälle oder Tumoren, um nur ein paar Stichworte zu nennen. Aber auch das Schicksal von Patienten, die Zeit ihres Lebens geistig behindert waren, wird ausführlich beschrieben. Bei all diesen Menschen trat Tage oder Stunden vor ihrem Tod ein erstaunliches Phänomen auf: Für kurze Zeit kehrten sie zu völliger geistiger Klarheit zurück, erlangten die verloren geglaubte Sprachfähigkeit wieder oder entwickelten plötzlich Fähigkeiten und Gaben, die sie vorher nie besessen hatten.

Es ist ein Verdienst des Autors, dass er hierbei nicht nur die aktuelle Literatur verwendet, sondern auch Berichte bemüht, die aus dem 18. oder 19. Jahrhundert datieren. Freilich ist dieses Vorgehen, wenn man streng wissenschaftliche Maßstäbe anlegt, mit gewissen Risiken verbunden. Die Gefahr eines Irrtums oder einer Manipulation kann nie ganz ausgeschlossen werden, zumal das medizinische Vokabular vor hundert oder mehr Jahren ein völlig anderes war als heute (zum Beispiel ist "Melancholie" eine ziemlich unscharfe Diagnose, hinter der sich alles mögliche verbergen kann). Zudem ereigneten sich die geistigen Spontanheilungen nur selten unter klinischer Beobachtung, dafür umso häufiger im Familienkreis oder in Pflegeheimen.

Dies gestaltet sich in den Abschnitten, in denen rätselhafte Gehirnbefunde behandelt werden, grundlegend anders. Hier wird umfassend auf klinische oder ärztliche Untersuchungen eingegangen, wie die eines überdurchschnittlich intelligenten Mathematikstudenten, dessen völlig abnorme Gehirnmasse, verkümmert zu einer millimeterdünnen Schicht, ein Gewicht von kaum mehr als 100 Gramm hatte. Wie ein intaktes Bewusstsein unter derartigen Bedingungen funktionieren soll, ist eine offene Frage, deren Beantwortung die konventionelle Neurobiologie schuldig bleibt.

Ein weiterer Abschnitt des Buches befasst sich mit Nahtod-Erfahrungen, von denen es inzwischen Tausende von dokumentierten Fällen gibt und die sowohl in retrospektiven als auch in prospektiven Studien ausführlich analysiert wurden. Angesichts der Komplexität des Themas werden diese Phänomene vergleichsweise relativ kurz behandelt, runden das Buch jedoch vorteilhaft ab.

Es ist hier nicht der Platz, um alle Punkte zu besprechen, die der Verfasser Michael Nahm aufführt (darunter auch interessante Aspekte des Autismus). Aber allein die hier genannten Beispiele dürften genügen, um sich die Frage zu stellen, ob Bewusstsein wirklich eine ausschließliche Leistung des Gehirns ist oder ob es womöglich etwas gibt, das über die bekannten neurophysikalischen Prozesse hinausweist. Lesenswert!
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 26, 2012 9:09 PM MEST


Warum es keinen Zufall gibt -
Warum es keinen Zufall gibt -
von Hans C. Moolenburgh
  Broschiert

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nicht zufällig nur zwei Sterne, 5. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Warum es keinen Zufall gibt - (Broschiert)
Ich muss meiner Vor-Rezensentin in vielen Punkten recht geben. Das Werk des holländischen Arztes H. C. Moolenburgh hat auch bei mir gute Chancen, auf Nimmerwiedersehen in eine dunkle Ecke meines Bücherregals abzutauchen. Das hat vor allem den Grund, dass sich der Verfasser dem Thema Zufall auf eine doch sehr einseitige und vor allem subjektiv gefärbte Weise nähert. Mit anderen Worten: Manchmal etwas umständlich und langwierig beschreibt er jene Zufälle und ungewöhnlichen Begebenheiten, die ihm selbst oder seinem Umfeld widerfahren sind. Dabei schweift er immer wieder ab und bringt seine persönlichen Ansichten zu vielen Dingen ins Spiel.

Auf diese Weise beklagt er (in einer Art "Schwarzer Liste") an exemplarischen Beispielen die menschliche Unvernunft und führt dabei unter anderem die Evolutionstheorie auf. Und auch die kosmologische Vorstellung eines Urknalls fällt unter die Rubrik "Irrungen und Wirrungen". Freilich versäumt der Autor zu erläutern, warum dies seiner Meinung nach so ist, und ebenso versäumt er die Bekanntmachung eines Gegenentwurfs (was, um größeren Schaden zu vermeiden, vielleicht auch besser ist). Man ahnt lediglich, dass Moolenburgh mit "kopflastiger" Wissenschaft nicht viel am Hut hat und stattdessen ein eigenes Gedankenmodell vertritt, das allerdings nur in groben Umrissen erklärt wird.
Seltsamerweise vertritt er jedoch, was seine eigene berufliche Tätigkeit betrifft, unbeirrt die offizielle Schulmedizin und nimmt Chemotherapie oder Bestrahlungen im Falle von Krebserkrankungen als gottgegeben hin.

Ich habe vor langer Zeit einmal den Satz gelesen: "Was wir als Zufälle bezeichnen, sind Fingerzeige des Schicksals." Man mag dem zustimmen oder nicht, jedenfalls leitet Moolenburgh daraus ein direktes Wirken oder sogar Eingreifen Gottes und/oder höherer Mächte ab. Es ist dieser missionarische Eifer, der immer wieder zwischen den Zeilen aufscheint und manchmal unverblümt zutage tritt, was das Buch in meinen Augen problematisch macht.

Über Zufälle sind schon viele Abhandlungen geschrieben worden, und einige davon finden sich auch im Literaturverzeichnis des Buches. Die Gedanken eines Carl Gustav Jung, der Grundlegendes zur Synchronizität von Ereignissen und zu sinnvollen Koinzidenzen geschrieben hat, fehlen jedoch ebenso wie das tiefsinnige Werk von Arthur Koestler "Die Wurzeln des Zufalls".

Mit diesen Autoren kann Moolenburgh nicht konkurrieren - sein Buch ist die bemühte Abhandlung eines Hobbyforschers, in manchen Teiles durchaus liebenswert und anekdotisch, aber im Grunde sehr weit davon entfernt, dem Zufall wirklich auf die Spur zu kommen.


Tanzbär (180g) [Vinyl LP] [Vinyl LP]
Tanzbär (180g) [Vinyl LP] [Vinyl LP]
Preis: EUR 37,98

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Frühlingsfrisch, 4. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Tanzbär (180g) [Vinyl LP] [Vinyl LP] (Vinyl)
Das Prädikat "Frühlingsfrisch" trifft auf dieses Album gleich in mehrfacher Weise zu. Zum einen ist der Klang so durchsichtig und sauber, das "Tanzbär" vor Uzeiten zu den Referenzplatten eines bekannten HiFi- und Audiomagazins gehörte, und zum anderen ist es die Musik selbst, die wie ein klarer Quellbach aus den Lautsprechern sprudelt.

Für mich zählt "Tanzbär" immer noch zu den besten und erfrischendsten Folkproduktionen in deutscher Sprache. Ich habe mir die Platte im Jahr ihres Erscheinens (1977) gekauft und sie vor kurzem unter Eliminierung aller vinylbedingten Knistergeräusche in professioneller Weise auf CD überspielen lassen. Somit bin ich für alle Wechselfälle des Lebens gewappnet und freue mich stets aufs neue darauf, sie in entspannter Stimmung anzuhören. Da Vergleiche immer hinken und daher leicht in die Irre führen, würde ich gerne darauf verzichten. Dennoch: Am ehesten ähnelt "Tanzbär" dem zweiten Album von Ougenweide anno 1974 ("All die weil ich mag").

Die sechsköpfige Gruppe spielt Lieder und Tänze, denen man spontan das Etikett "mittelalterlich" umhängen kann. Wobei vieles bei genauerem Hinhören nicht wirklich mittelalterlich ist, sondern schon eher an die Renaissance erinnert. Auch das Instrumentarium, das zum Einsatz kommt, ist ein Spiegelbild mehrerer Epochen: Das reicht von Drehleier und Flöten über Bouzouki und Gitarren bis hin zu Mandoline, Cembalo sowie einem ganzen Ensemble an Krummhörnern. Elektrisch erzeugte Klänge erscheinen nur in äußerst homöopathischer Dosierung, und lediglich der E-Bass sorgt von Anfang bis Ende für ein stabiles Sound-Gerüst.

Aus diesem Fundus gestalten die sechs MusikerInnen mit virtuoser Spielfreude ein farbiges Klanggemälde, das nie langweilig wird. Manchmal besinnlich, oft aber schwungvoll und rhythmisch, tragen sie ihre zumeist selbstkomponierten Minnelieder und Tänze vor, stets eingebettet in einen Rahmen eng verflochtener Soloinstrumente. Wobei mitunter auch musikalische Motive auftauchen, die man schon von anderen Produktionen kennt, wie zum Beispiel von einem gewissen Angelo Branduardi.

Insgesamt ein Album, das uneingeschränkt zu empfehlen ist - wenn man ein offenes Ohr für diese heutzutage etwas ungewöhnlichen Töne hat.


Stuart Pigotts kleiner genialer Weinführer 2007
Stuart Pigotts kleiner genialer Weinführer 2007
von Stuart Pigott
  Taschenbuch

12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kleines Meisterwerk, 3. Januar 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Eines voweg: Ich halte Pigotts Weinführer für einen übersichtlich gestalteten, informativen und manchmal auch amüsanten Reisebegleiter zu den verschiedensten Weinen, die auf unserem Globus wachsen. Wobei hinzugefügt werden muss, dass dieses Büchlein mit seinen 192 Seiten im Westentaschenformat weit davon entfernt ist, einen repräsentativen Überblick über alle Erzeugnisse des "Planeten Wein" zu bieten. Das aber lag erkennbar nicht in der Absicht des Verfassers. Seine Auswahl ist ebenso subjektiv wie ehrlich, und wer Sehnsucht nach dickleibigen Weinführern verspürt, die penibel alle Weine einer Region auflisten, sollte lieber zu diesen greifen. Pigott hingegen setzt guten Gewissens eine Reihe von Schwerpunkten: Bei den edelsüßen Weißweinen gilt seine Vorliebe den Rieslingen von Rhein und Mosel, während zum Beispiel die großen Chenin-blanc-Gewächse der Loire ziemlich stiefmütterlich behandelt werden. Das gleiche gilt auch für die geheime Sauternes-Konkurrenz aus Monbazillac - sie wird mit keiner Silbe erwähnt.

Da Pigott daran gelegen ist, Weine zu empfehlen statt in Grund und Boden zu stampfen, werden gut 98 Prozent der knapp und treffend besprochenen Tropfen durchweg positiv bewertet, darunter auch einige "Schnäppchen" im Preissegment zwischen drei und fünf Euro. Natürlich handelt es sich dabei um keine Weltklasseweine, aber immerhin um Abfüllungen, deren Genuß ungetrübte Freude verspricht. Das Preisspektrum der vorgestellten Weine reicht von saubillig bis schweineteuer, und man kann ohne Übertreibung behaupten, dass für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel etwas dabei ist. Und das Schönste: Selbst ausgewiesene Weinliebhaber werden für den einen oder anderen Tipp dankbar sein und Rebensäfte entdecken, die ihnen bisher entgangen sind.

Kritische Anmerkungen finden sich nahezu auschließlich bei den Weinen über fünfzig Euro. Es ist ein offenes Geheimnis, dass manche klassifizierten Chauteaux des Bordelais in ihrer Qualität großen Schwankungen unterliegen. Hier bietet Pigott eine wesentliche Hilfe, da er neben den überragenden und sehr guten Jahrgängen eines Chateau auch die eher mäßigen aufführt. Eine generelle Verdammung kann ich hier beim besten Willen nicht entdecken, sondern eher eine praktische Unterstützung beim Weinkauf. Stichwort Weinkauf: Eine Adressenliste mit 42 bundesdeutschen Weinfachhandlungen (die vielfach auch im Internet vertreten sind) rundet das Buch vorteilhaft ab.

Fazit: Ein empfehlenswertes Werk für alle Weinfreundinnen und -freunde, die sich eine neugierige Ader bewahrt haben und die bereit sind, sich auf Gesckmackserfahrungen der "dritten Art" einzulasssen. Eines ist jedenfalls sicher: Es gibt nichts Vergleichbares auf dem deutschen Büchermarkt!


Electric Folk: The Changing Face of English Traditional Music
Electric Folk: The Changing Face of English Traditional Music
von Britta Sweers
  Taschenbuch
Preis: EUR 22,47

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Music is more, 26. August 2006
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Britta Sweers, Junior Professor at the High School for Music and Theatre in Potsdam, Germany, analyses English-style electric folk music in her book - which is a sociological work containing numerous literature references and registers. Unfortunately, some errors crop up in the appendices: for example, there are only two records under the name of "Albion Dance Band", not a round dozen. Nevertheless, the book has a clear structure, is easy to read and provides extensive historical background information. I am not entirely happy with the book however. The author's opinion is so conservative as to give the impression that she is imbued with the spirit of the folklore collectors Cecil Sharp and Francis James Child.

Britta Sweers ("Born in the year when Fairport Convention produced its groundbreaking album Liege & Lief") primarily focuses on Fairport Convention, Steeleye Span, Pentangle and the Oyster Band. Ironically but hardly coincidentally, this selection corresponds precisely to the incomplete picture of "Electric Folk in England" which now exists in German-speaking countries (although Steeleye Span produced folk-pop music for years, the classic line-up of Pentangle was anything but "electric" and some of the CDs of the Oyster Band contain very few folk elements).

Just like me, this book will be a disappointment to anyone who expected a compendium of English folk music or folk rock music. The book does not remotely come close: not only is there no mention of the exotic pioneers of the early years (Trader Horne, Forest, Mellow Candle, Trees), bands such as Amazing Blondel, Strawbs, Magna Carta or Gryphon are at best mentioned as headwords or are not mentioned at all. According to Britta Sweers, all these artists do not meet the criteria of "electric folk": they sound too much like a rock band, are too independent and are influenced too much by art songs or court music. At times their style is too mediaeval and then again too modern. The fact that there are numerous mixed forms in this field in particular is irrelevant to the author. But that's not all: Britta Sweers also makes some plainly incorrect statements at times. This proves that she cannot have heard all the music she is writing about.

One of the basic weaknesses of the book is the lack of any music criticism. Perhaps Britta Sweers did not want to detract from the scientific value of her work by making "subjective" comments. However, it is precisely this decision which gives the book a curious empty feeling and leads to some misjudgements. This attitude does a disservice, for example, to the "Home Service" band whose albums "Alright Jack" and "The Mysteries" rank among the most innovative folk rock creations of all time (and also contain a great deal of traditional material). But in the context of the book, only the historically and sociologically correct "origin" of the song counts. By untiringly placing dogmatic barriers in the free musical landscape, Britta Sweers becomes the involuntary curator of the English Folk Dance and Song Society.

Folk music is communication from "generation to generation" (Karl Dallas), not from person to person. It is permanently subjected to the process of cultural adaptation. If there were a strict insistence on tradition, folk musicians ought to dispense with classical instruments such as a melodeon and guitar and use instead "pipe and tabor" in an archaic fashion. It is just as archaic to want to regulate the degree of electronic elements in "electric folk". It is probably undeniable that a keyboard or a specific electric bass sound may breathe more life and, thus, more authenticity into a song than a whole arsenal of acoustic instruments. As so often is the case in her book, Britta Sweers again only goes halfway regarding this aspect.

The golden age of electric folk began around 1970 with a departure into new worlds of sound. Rock and folk music were combined in fascinating experiments to create more and more new forms of expression - a diverse artistic spectrum comparable with a tree which has thick foliage and can only be understood as an organic whole. Britta Sweers takes a different route: she shakes the tree so long until only the bare skeleton of some branches is left - blown around by the cold wind of sociocultural analysis.


Die Beatles im Spiegel der deutschen Presse (1963-1967): Internationale Pilzvergiftung
Die Beatles im Spiegel der deutschen Presse (1963-1967): Internationale Pilzvergiftung
von Bernd Matheja
  Taschenbuch

12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nur die halben Beatles, 25. Mai 2006
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Auftauchen der Beatles beziehungsweise ihrer Musik traf die bundesdeutsche Presse völlig unvorbereitet. Zwar hatte es einige Jahre vorher bereits das Schockereignis des Rock 'n' Roll gegeben. Doch dieser Musikstil war nach 1960 ziemlich weichgespült (besonders in seinen deutschsprachigen Ausprägungen), und hatte zudem nur Teile der Jugend zu einer mehr oder minder oberflächlichen Rebellion animiert. Dies änderte sich grundlegend mit der "Beatlemania", die 1963/64 scheinbar unaufhaltsam durch das Land schwappte. Erschwerend für die Sittenwächter der öffentlichen Moral kam hinzu, dass die vier Pilzköpfe aus Liverpool nicht nur eine ekstatisch laute Musik produzierten, sondern offenbar auch bestrebt waren, mit ihrem Aussehen zu provozieren. Nach damaligen Maßstäben bedeutete das Revolution auf ganzer Linie, und entprechend fielen die Kommentare der schreibenden Zunft aus: "Schreihälse", "Mistkäfer", "Neandertal-Frisuren" - so oder so ähnlich rauschte es unisono durch den deutschen Blätterwald.

Detailgetreu nachzulesen sind diese Verdammungsurteile in dem großformatigen und reich bebilderten Buch von Bernd Matheja. Es bietet eine reichhaltige Auswahl der verschiedensten Presseartikel - mal umfangreiche feuilletonistische Analysen, dann wieder kurze Schnipsel, manche davon so klein geraten, dass man zur Lektüre eine Lupe bräuchte. Vieles davon ist Klatsch und Tratsch, sind belanglose Allerweltsmeldungen mit zweifelhaftem Informationsgehalt, andere wiederum spiegeln den Zeitgeist um 1964 getreulich wider und lassen erahnen, weshalb die Beatles für viele ein Ärgernis erster Güte darstellten.

Man liest diese komplexe Sammlung des verstörten und empörten Volksempfindens manchmal belustigt, manchmal mit Kopfschütteln. Doch zunehmend habe ich auch über den Kompilator Bernd Matheja den Kopf geschüttelt. Er schildert die Beatles hauptsächlich im Rahmen ihrer Konzerttourneen, die bekanntlich 1966 endeten. Als sie nicht mehr von weiblichen Teenagern bekreischt wurden, ist auch für Herrn Matheja das Thema weitgehend abgeschlossen. Das Jahr 1967 wird bereits äußerst stiefmütterlich behandelt. Laut Autor ereignete sich ab diesem Zeitpunkt "kaum Schlagzeilen- oder Klatschträchtiges rund um die Band". Ein geeigneter Anlass, das Buch zu beenden. Punkt, aus.

Was der Verfasser leider übersehen hat, ist die Rolle der Beatles als Musiker: "Sgt. Pepper", das "Weiße Album" und "Abbey Road" (die unstreitig zu den musikalischen Höhepunkten der Sechziger Jahre zählen) werden bestenfalls in Nebensätzen erwähnt! Diese Alben haben eine Menge Schlagzeilen bewirkt - und eine Menge ernsthafter und gut geschriebener Artikel. Spätestens ab "Help!" wurde jede neue Platte der Fab Four quer durch die Presse ausführlichst besprochen, bejubelt oder kritisiert - in Jugend- und Frauenzeitschriften, in Boulevardzeitungen, in Illustrierten oder Nachrichtenmagazinen. Nichts, aber auch gar nichts davon ist in dem Buch zu finden. Die Geschichte der Beatles mit dem Jahr 1967 praktisch abzuschließen und ihre Musik nur am Rande zu würdigen, zeugt von einer Betriebsblindheit, die ihresgleichen sucht. So ist das Buch im Wesentlichen eine Sammlung diverser Oberflächlichkeiten. Manchmal bietet es gewisse reizvolle Situationsaufnahmen, aber im Hinblick auf die Musik (vor allem in den zeitgenössischen Urteilen) ist die Aussage gleich Null.

Fazit: Die Beatles als Krawallfaktor. Nichts für Leser, die an Hintergrundinformationen und vielschichtigen Betrachtungsweisen interessiert sind.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 25, 2013 3:13 PM CET


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