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Rezensionen verfasst von
Claus Solcher "Lilo Leseratte" (Augsburg)
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Im Schatten des Banyanbaums
Im Schatten des Banyanbaums
von Vaddey Ratner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Schatten einer Tragödie, 28. Februar 2014
Kambodscha, ein Reiseziel der Superlative: Große Kultur in Angkor, fantastische Landschaften, freundliche Menschen. Wer denkt da noch an die Tragödie, die dieses Land vor nahezu 40 Jahre heimgesucht hat. Zwischen 1975 und 1979 wüteten die Roten Khmer gegen ihr eigenes Volk, das sie in die Steinzeit zurückkatapultieren wollten. Ein von der Uno unterstütztes Sondertribunal soll in diesem Frühjahr das Urteil gegen die letzten zwei Schergen des mörderischen Pol Pot Regimes fällen, das für den Tod von zwei Millionen Menschen verantwortlich ist. Die Erinnerung an die grausame Zeit der Roten Khmer weckt jetzt das Buch von Vaddey Ratner „Im Schatten des Banyanbaums“.
Ratner, eine Nachfahrin von König Sisowath I., wuchs bis zu ihrem fünften Lebensjahr behütet im königlichen Palast auf. Was dann geschah, konnte das Kind nicht begreifen. Die Familie wurde aus ihrem Palast vertrieben wie so viele andere; das kleine Mädchen erlebte Zwangsarbeit, Hunger und Todesgefahr. Die Jahre, in denen sie (fast) alles verlor, was bis dahin ihr Leben ausmachte, hat Ratner jetzt zu einem Roman verarbeitet, in dem sie die siebenjährige Raami, ihr Alter Ego, zur Hauptperson macht. Entstanden ist ein schmerzlich-schönes Buch über die Leidensfähigkeit der Menschen, über Hoffnungen, Trauer und Grausamkeit. Der Gegensatz zur anfänglich geschilderten Idylle im königlichen Palast, wo der Vater sich der Dichtkunst hingibt und wo die schöne Mutter dem von einer Kinderlähmung lahmenden Kind in ihren flatternden Seidenkleidern wie ein Schmetterling erscheint, zu den trostlosen Bauerndörfern, in denen die Vertriebenen erste Zuflucht finden, könnte größer nicht sein. Doch es kommt schlimmer. Die Roten Khmer reißen die Familie auseinander, der Vater opfert sich, die kleine Schwester stirbt an Malaria. Und Mutter und Tochter kämpfen mit allen Mitteln ums Überleben. Womöglich hilft der Kleinen dabei die Tatsache, dass sie ein Krüppel ist und - damit keine Patrone wert.
Vaddey Ratner schildert die unmenschlichen Lebensumstände, den zähen Überlebenswillen, der sich von winzigen Glücksmomenten nährt, und sie zeigt, wie kleine Gesten der Humanität Großes bewirken. Ein aufwühlendes, ein wichtiges Buch!


Unter Grund: U-Bahn-Stationen in Deutschland
Unter Grund: U-Bahn-Stationen in Deutschland
von Micha Pawlitzki
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 48,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unter dem Großstadtpflaster, 16. Februar 2014
Vor 150 Jahren wurde in London die erste U-Bahn gebaut. Bis zur Elektrifizierung wurden die Züge noch von Pferden und Ochsen gezogen. Inzwischen haben die meisten der Metropolen U-Bahnen, um unterirdisch die Verkehrsprobleme zu lösen, die überirdisch überhand zu nehmen drohen. Die Mega-Citys der Schwellenländer bauen riesige Metronetze, die schon bald nicht mehr ausreichen. Mit 456 Kilometer Netzfläche hält Peking den Rekord – bis 2016 soll das Netz um weitere 200 Kilometer erweitert werden. In München werden die zentralen U-Bahn-Stationen gerade neu designt und in Berlin soll die „Kanzler-U-Bahn“ endlich Anschluss finden. Ein Ende der Untergrundbahn ist also nicht abzusehen. Im Gegenteil. Zunehmend werden die U-Bahnhöfe zum Aushängeschild, gleichen Galerien, Museen, Shopping Malls. Die U-Bahn-Architektur, hat Micha Pawlitzka festgestellt, wird zunehmend zum Spiegel der urbanen Moderne, die Bahnhöfe wandeln sich zu Tempeln der Mobilität. Eine Aussage, die der Bildband mit großformatigen Motiven und überraschenden Perspektiven aus dem Untergrund belegt. Dass trotz aller Aufhübschung noch Nachholbedarf besteht und die U-Bahn in vielen Bereichen die Anmutung einer Angströhre hat, verhehlt Pawlitzka nicht – auch wenn er sich in den „Anmerkungen des Fotografen“ am Ende als U-Bahn-Fan outet oder zumindest als Fan der menschenleeren architektonischen Landschaften unter dem Großstadtpflaster. Denn Pawlitzka hat die Menschen aus seinen Bildern ausgesperrt. Er hat nachts fotografiert, in einer „kontemplativen Atmosphäre“, in der ihn die Magie der Stationen fasziniert hat. Ganz zum Schluss kommen dann die Menschen doch noch vor, ganz normale Mitfahrende und solche mit schrulligen Hobbys wie sie eben auch der Autor pflegt. Alles in allem eine lohnende Bildreise in den deutschen Untergrund.


Shakespeare in Kabul: Ein Aufbruch in drei Akten
Shakespeare in Kabul: Ein Aufbruch in drei Akten
von Stephen Landrigan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Was Shakespeare vermag, 14. Januar 2014
Vor 450 Jahren wurde William Shakespeare geboren, der Mann, dem bis heute die größten Tragödien und schönsten Komödien der Welt zugeschrieben werden. „All the world’s a stage“ hat der große Dramaturg den melancholischen Jacques in „Wie es euch gefällt“ sagen lassen, die ganze Welt ist Bühne. Und trotzdem hätte er sich gewundert, was seine Stücke heute noch zu bewegen vermögen. Selbst in einem von religiösen Kriegen zerrissenem Land wie Afghanistan.
Das Buch „Shakespeare in Kabul“ erzählt von dem einzigartigen Experiment, ein Stück des britischen Dichters auf eine afghanische Bühne zu bringen.
Doch welches? Vor allem die Tragödien boten zahlreiche Parallelen zur Geschichte des Landes und der Taliban-Diktatur. Bürgerkriege, Komplotte und Gegen-Komplotte, ja sogar Ehrenmorde – das alles kennen die Afghanen aus ihrem Alltag. Aber wollen sie es auch auf der Bühne sehen? Die Verantwortlichen unter der französischen Regisseurin Corinne entschieden sich deshalb für die eher harmlose Komödie „Verlorene Liebesmüh‘“. Doch selbst dieses Stück war eine echte Herausforderung, standen doch zum ersten Mal seit über 30 Jahren Männer und Frauen gemeinsam auf der Bühne. Vor allem die Frauen, die selbstbewusst eine Lösung herbeiführten, überzeugten die Regisseurin, dass dieser Shakespeare in Kabul gehört werden musste. Welche Probleme auf sie warteten, ahnte sie allerdings nicht.
Es dauerte, bis die Männer die Gleichberechtigung der Frauen auf der Bühne akzeptieren. Es dauerte, bis alle Shakespeares Verse verstanden. Es dauerte, bis jeder sich mit seiner Rolle identifizierte. Und doch schienen Shakespeares Worte auf fruchtbaren Boden zu fallen: „Shakespare ist wie ein starker Wind, der direkt durch den Geist und das Bewusstsein des Menschen weht und so Antworten aufwirbelt, nach denen wir lange gesucht haben,“ formulierte es einer der Hauptdarsteller.
Und der Übersetzer, der lange Zeit das Gefühl hatte, zwischen allen Stühlen zu sitzen, stellte fest: „Allen Rückschlägen zum Trotz muss man die Forstschritte, die die Schauspieler machten, historisch nennen. Sie schoben mehr als nur ein Jahrtausend tradierter gesellschaftlicher Sitten und Bräuche beiseite und überwanden ein dreißig Jahre währendes Trauma.“ Auch bei den Zuschauern, die sich in Scharen einfanden, war die Resonanz überwältigend. Shakespeare in Kabul, das war auch eine sehr politische Botschaft: Nur durch die Vertreibung der Taliban war es möglich, eine Liebesgeschichte auf die Bühne zu stellen. Ein Tabu wurde gebrochen, Hoffnung geschürt.
Doch nur kurze Zeit später explodierte eine Bombe in der Universität von Herat aus Protest gegen ein Bildungswesen, das Frauen zuließ. Und eine der Schauspielerinnen erfuhr in der eigenen Familie die Engstirnigkeit der von den Taliban indoktrinierten Landsleute. Ihr Mann wurde Opfer von Meuchelmördern, weil er seiner Frau erlaubt hatte, im Shakespeare-Stück mitzuspielen. Wie sagte ein Student auf die Frage, warum Shakespeare ihm gefalle: „Er lässt dich mit dem einen Auge lachen und mit dem anderen weinen.“


Die Chemie der Tränen: Roman
Die Chemie der Tränen: Roman
von Peter Carey
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4.0 von 5 Sternen Automatische Trauerbewältigung, 14. Januar 2014
Catherine hat ihren Liebsten verloren. Ein Herzinfarkt hat ihn dahingerafft und ihr nichts hinterlassen als Trauer. Nun soll ein Automat der Konservatorin bei der Bewältigung der Trauer helfen. Die Rekonstruktion ist eine diffizile Aufgabe, die Catherines ganzes Talent fordert. Zugleich stürzt sie sich in das Leben des Mannes, der den Automaten in Auftrag gegeben hat – für seinen kranken Sohn. Henry Brandlings Notizbücher, die Catherine heimlich liest, entführen sie in eine andere Zeit und in ein anderes Leben.
Sie sieht mit Henrys Augen die Uhrmacher im Schwarzwald, verzweifelt mit ihm, weil seine Mission zu viel Zeit verschlingt.
Denn Henry hat sein Schicksal in die Hände eines schwer zu durchschauenden Mannes gelegt, der sich selbst als Künstler sieht und in einem abgelegenen Bauernhof arbeitet. Zu der bunten Gesellschaft gehört neben einem Jungen, der Brandling an seinen Sohn erinnert, auch ein Märchensammler. Was Carey dazu nutzt, seinem Roman auch Märchenmotive zugrunde zu legen wie Andersens Märchen vom hässlichen Entlein.
Dem Autor gelingt der Kunstgriff, durch ein technisches Wunderwerk zwei Jahrhunderte und zwei liebende Menschen zu verbinden. Aber um all die Facetten der Liebe, um die „Chemie der Tränen“, von denen Carey schreibt, zu erfassen, muss der Leser dem Text seine ganze Aufmerksamkeit schenken. Der gebürtige Australier und seit langem in New York lebende Autor hat viel hineingepackt in diesen schmalen Band, in dem es nur vordergründig um das Entstehen und die Reparatur eines Automaten geht. Weder Catherine noch Henry sind in ihrer Larmoyanz und Ich-Bezogenheit echte Sympathieträger, zu verhaftet sind sie in ihrer eigenen Welt. Und doch schaffen sie es im Duett etwas von dem zu vermitteln, was die Mystik der Liebe ausmacht. So wie aus der ursprünglichen Ente, die Henry nachbauen lassen wollte, ein strahlender Schwan wird, kann Amanda am Ende ihre Liebe sublimieren und begreifen, dass der Tod nicht das Ende ist.


Honig
Honig
von Ian McEwan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Liebe und Lügen, 5. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Honig (Gebundene Ausgabe)
Serena Frome ist jung, schön, begabt. All das weiß die Absolventin eines Mathematikstudiums in Cambridge sehr wohl. Die Tochter eines anglikanischen Bischofs und einer aufopfernden Hausfrau fühlt sich geradezu verpflichtet, Karriere zu machen. Ein Professor, der zum väterlichen Liebhaber wird, nimmt sich der „Erziehung“ der Vielleserin an, bestärkt sie in ihren eher konservativen Ansichten und weckt ihre Lust auf Luxus. Als er sie verlässt, fällt Serena in ein tiefes Loch. Da kommt der britische Geheimdienst M15, dem er die junge Geliebte ans Herz gelegt hat, gerade recht. Die junge Frau lässt sich anwerben, ja sie fühlt sich als etwas Besonderes trotz der frauenfeindlichen Atmosphäre im Inner Circle.
Für die Operation „Honig“, mit der man junge Publizisten für die eigene Sache ködern will, kann Serena sich schnell erwärmen. Und für den jungen Autor Tom Haley empfindet sie bald mehr als nur professionelles Interesse. Die Quellen, aus denen das Stipendium, das sie ihm andient, kommt, verrät sie ihm nicht. Die Lüge, die zwischen ihnen steht, belastet Serena zwar. Aber sie sieht sich außerstande, Tom die wahren Hintergründe zu offenbaren. So verstrickt sie sich mehr und mehr in ein Geflecht von Lügen und Heimlichkeiten, während Tom seinen ersten großen Erfolg mit einem Roman feiert, der den Interessen von Serenas Auftraggebern zuwider läuft. Mit der Dystopie einer in Auflösung begriffenen Gesellschaft wird Tom zum Shooting Star eines launischen Literaturbetriebs, und Serena ahnt, dass ihr Versteckspiel bald ein Ende haben wird. Es kommt schneller als gedacht und vor allem ganz anders.
Denn in diesem Roman, der nur oberflächlich ein Spionage-Thriller ist, zeigt sich Ian McEwan als großartiger Strippenzieher. Er lässt nicht nur den unbedarften Tom in die Honigfalle der süßen Serena tappen, sondern führt auch die Leser an der Nase herum. Ist es wirklich Serena, die 40 Jahre später ihre Geschichte erzählt? Eine Geschichte, die zurückführt in das Großbritannien der Siebziger Jahre, ein Land am Rand des Nervenzusammenbruchs, als die IRA ihre Bombenattentate verübte, der Ölschock Europa im Klammergriff hielt und der Kalte Krieg die Hirne vernebelte. In die Zeit auch, als der junge Ian McEwan seine ersten literarischen Gehversuche machte. Nicht von ungefähr trägt Tom Haley Züge des Autors, erinnern die Auszüge seiner Geschichten an McEwan.
Und auch der Hintergrund, vor dem der englische Bestseller-Autor seinen Roman inszeniert, ist nicht erfunden, wie McEwan in einem Interview mit der Zeit verriet: „George Orwells „Die Farm der Tiere“ wurde in 17 Sprachen übersetzt, das Geld kam vom MI6, dem Auslandsgeheimdienst. Die Beteiligten wussten in den meisten Fällen gar nicht, woher das Geld stammte. Dieses Paradox war die Ausgangsidee für meinen Roman: dass man die freie Gesellschaft stärken wollte, dies aber heimlich tat.“ McEwans meisterhaft komponierter Roman über Sein und Schein, Wirklichkeit und Inszenierung, Liebe und Lüge, Lesen und Dichten in der Vor-Thatcher-Ära gibt eine Ahnung von der Manipulierbarkeit des Einzelnen und des Ausgeliefertseins an undefinierbare Mächte, die hier als graue Bürokraten erscheinen.
Und heute in Zeiten des NSA-Skandals? Sind Themen wie Verrat und Überwachung aktueller denn je. Aber man braucht wohl keine honigsüße Versuchung mehr, um Menschen auf eine falsche Fährte zu locken.


Unterirdisches Salzburg: Verborgenes in Stadt und Land
Unterirdisches Salzburg: Verborgenes in Stadt und Land
von Peter Pfarl
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 25,00

4.0 von 5 Sternen Im Untergrund, 3. Januar 2014
Dass Salzburg über der Erde sehenswert ist, weiß jeder. Aber im Untergrund? Peter Pfarl und der Fotograf Toni Anzenberger gehen in ihrem Buch „Unterirdisches Salzburg“ dem nach, was unter der Oberfläche liegt, sie führen in Höhlen, Keller und in künstliche Grotten, wo einst die Fürsten ausgelassene Feste feierten, sie erkunden Bergwerkstollen und die unterirdische Römerstadt Juvavum unter dem Dom. Und da darf man sich auf einige Überraschungen gefasst machen: Dass es unter dem Friedhof von St. Peter Höhlenkapellen gibt, die Ähnlichkeit mit syrischen Höhlenklöstern haben, erfährt der Leser ebenso wie dass die Illuminaten sich im Hexenloch am Aigner Park trafen, dem „wollüstigsten Aufenthalt für gefühlvolle, sanft-schwärmende Herzen“, das wohl auch der Freimaurer Wolfgang Amadeus Mozart kannte. Wer ahnt schon, dass in den Luftschutzstollen, die Zwangsarbeiter in die Stadtberge treiben mussten, Hunderte von Kindern der Stollenkrankheit erlagen – während die Erbauer den Bomben schutzlos ausgeliefert blieben, weil sie nicht in die Stollen hineindurften? Und wer erinnert sich noch daran, dass 142 000 Tonnen Gestein ausgebrochen werden mussten, um die Parkgaragen im Innern der Felsen zu bauen und dass dabei eine alte, längst vergessene Tropfsteinhöhle wieder entdeckt wurde? Man sieht, es lohnt sich, im Untergrund zu schürfen. Auch in der Umgebung von Salzburg wurden Autor und Fotograf fündig, in den Salzbergwerken von Dürrnbach oder Hallein etwa, deren Salzkristalle den französischen Schriftsteller Stendhal nachhaltig beeindruckten, Im Bergbaumuseum von Böckstein, im Schaubergwerk Leogang oder auch im Badgasteiner Heilstollen. Und zum guten Ende führen Fotograf und Autor noch dahin, wo der Untergrund seinen Schrecken verloren hat – in Bierkeller.


M: Ein Tabor Süden Roman
M: Ein Tabor Süden Roman
von Friedrich Ani
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Süden im braunen Sumpf, 27. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: M: Ein Tabor Süden Roman (Gebundene Ausgabe)
Es ist eine vogelwilde Geschichte, die Friedrich Ani seinem Tabor Süden da zumutet, eine Geschichte, die manchmal auch der Logik entbehrt. Aber auch eine Geschichte, die Angst macht und – wütend. Tabor Süden, der nachdenklich Detektiv mit den grünen Augen, der im Gespräch mit den Toten die besten Ideen hat und der in der Detektei Liebergsell eine Heimat gefunden hat, watet diesmal tief im braunen Sumpf. Und Edith Liebergsell wird mit den Geistern ihrer Vergangenheit konfrontiert. Nicht genug damit, die ganze Detektei gerät in Gefahr. Und alles nur wegen einer Vermisstensuche, mit der Mia Bischof, eine Lokaljournalistin, das Büro beauftragt hat. Süden, der Mann mit dem Sinn für das, was sich hinter der Oberfläche verbirgt, ahnt von Anfang an, dass dieser Auftrag schwierig werden könnte. Zu wenig gibt die Auftraggeberin preis, zu verschwommen ist die Beschreibung des Gesuchten.
Doch das, was ihm und den Kollegen bevorsteht, ist auch dem versierten Ermittler nicht einmal ansatzweise bewusst. Sie bewegen sich auf vermintem Gebiet, im Bereich des Staatsschutzes, der V-Männer und der Lügen. Keiner traut dem anderen. Auch der Mann, der sich als Freund des Verschwundenen outet, gibt immer nur so viel preis wie er meint, dass ihm nützen könne. Und so taumelt Süden durch eine Schattenwelt, die ihn und die ganze Detektei zu verschlingen droht. Keine Hilfe in Sicht, auch nicht von der Polizei. Dem Detektiv ist klar, dass seine Gegner schwer zu fassen sind, weil sie nicht in den Computern der Ermittler existierten, „vermutlich nicht einmal in deren Köpfen“. Und doch gibt es sie, in einer braunen Parallelwelt, die mit Geldströmen aus kriminellen Quellen versorgt wird. Dass diese Kräfte auch hinter der Entführung und dem Tod des Sohnes von Edith Liebergsell stecken, passt ins Bild einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft. Am Ende bleiben ein paar Menschen auf der Strecke, doch trocken gelegt ist der braune Sumpf deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil. Ani gelingt es, die hinter rechtschaffenen Fassaden lauernde Gefahr präsent zu machen und mit wuchtigen Sätzen Ausrufezeichen zu setzen. Dass sein Buch gerade jetzt erscheint, zu einer Zeit, da dem NSU in Gestalt der harmlos wirkenden Beate Zschäpe der Prozess gemacht wird, ist sicher kein Zufall. Richtern, Staatsanwälten und Verteidigern sei M als Lektüre, vielleicht auch als Kommentar zu ihrem Prozess unbedingt empfohlen.


Burma / Myanmar
Burma / Myanmar
von Jaroslav Poncar
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 78,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Land der Fülle, 20. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Burma / Myanmar (Gebundene Ausgabe)
Burma, heute Myanmar, ist der Shootings-Star im weltweiten Tourismus. Das Land, das lange Zeit unter einer Militärdiktatur litt, erlebt derzeit einen nie gekannten Ansturm. Doch fasziniert hat Burma schon immer. Von der „liebenswerten Schlichtheit und beneidenswerten Kultiviertheit“ der Bevölkerung, von „einzigartigen Gepräge buddhistischer Religiosität“ und den „vom Dschungel umhüllten Landesgrenzen“ schwärmt denn auch der Asien-Kenner John Key im Vorwort zu dem grandiosen Bildband von Jaroslav Poncar „Myanmar – Reisefotografien von 1985 bis heute“. Poncar, in Prag geboren und in Köln lebend, hat die asiatische Welt fotografierend bereist und sich mit seinen herausragenden Fotos einen Namen gemacht. Der emeritierte Professor am Institut für angewandte Optik und Elektronik hat keine Strapazen gescheut, um den Objekten seiner Leidenschaft – fernen Ländern und fremden Kulturen – so nahe wie möglich zu kommen. Das gilt auch für Burma. Und gerade der lange Zeitraum, über den Poncar das Land beobachtet hat, macht den Reiz dieser Fotografien aus. Man sieht die Veränderungen, die das Land erlebt hat, sieht aber auch voller Staunen, wie sich die Bilder der betenden Mönche gleichen und die Tempelfelder von Bagan, wie die tiefe Frömmigkeit die Jahre überdauert hat. Der Fotograf hat die Gegensätze im Yangon von heute ebenso eingefangen wie die unvergängliche Faszination, die von den riesigen Buddhafiguren ausgeht oder von den Tempelzeremonien. Ja, die Autos auf den Straßen haben sich vermehrt, haben die Pferdekarren an den Rand gedrängt. Die Kleidung vor allem der jungen Frauen ist modischer geworden, westlicher und doch strahlen auch die neuesten Fotografien etwas aus, das für Burma so typisch ist – eine gelassene Ruhe, die der beseelten Fülle zu verdanken ist, der Verbundenheit der Menschen mit der Natur, vor allem aber der tiefen Religiosität, die alle politischen Wirren überlebt hat. Wer schon einmal in Burma war, wird vieles wieder erkennen in diesem Bildband. Wer noch nicht da war, wird einen Hauch von Fernweh verspüren und Lust auf dieses schöne, rätselhafte Land.


Total alles über Österreich The complete Austria
Total alles über Österreich The complete Austria
von Sonja Franzke
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Österreichische Eigenheiten, 16. Dezember 2013
Bei Österreich, da fallen den meisten gleich ein paar Klischees ein: Schnitzel und Salzburger Nockerln, Hofrat und Kammersänger, Berge und K.u.K., die Trapp-Familie und Operettenseligkeit, Wien und Walzer. Sie alle stimmen, aber die Alpenrepublik hat auch noch ein paar andere Seiten. „Total alles über Österreich“ verspricht Sonja Franzke in ihrem übersichtlichen Infographic-Buch, das ähnlich funktioniert wie sein Vorgänger „Total alles über Südtirol“. Auch hier kann man auf spielerische Art so einiges über das Nachbarland erfahren: Wo die meisten Hofers wohnen etwa oder dass Schloss Schönbrunn sagenhafte 1441 Zimmer hat. Man erfährt, dass die legendäre Sisi gerade mal 45 Kilogramm auf die Waage brachte, fünf Kilo weniger als allein ihre Haarpracht wog. Man kann nachschauen, wie lange ein Industriearbeiter wofür arbeiten musste und muss und lernt dabei, dass sich der Gang zum Friseur deutlich verteuert hat, während der Farbfernseher günstiger geworden ist. Man kann sich im Mehlspeisenhimmel umsehen und die Walzerschritte üben, kann sich über exhibitionistische Autoschilder amüsieren und Traditionen auf die Spur kommen. Man kann ein Wiener Schnitzel nachkochen und nachblättern, welche Autoren aus Österreich kommen. Zum Schluss gibt’s noch 100 Jahre Österreich im Zeitraffer. Wer bis dahin durchgekommen ist, weiß tatsächlich einiges mehr über Österreich – von der Höhe der Berge bis zur Zahl der Goldfische. Auch wenn’s vielleicht nicht „total alles“ ist, was man wissen möchte, diese österreichische Innenschau, die mit Schmäh‘ serviert und durch einen eher freundlichen Blick von außen ergänzt wird, ist ebenso vergnüglich wie informativ.


Silent Space: Salzburg
Silent Space: Salzburg
von Wolfgang Danzmayr
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 34,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Salzburg menschenleer, 5. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Silent Space: Salzburg (Gebundene Ausgabe)
„Endlich frei von Menschenmassen“ zeigt Jens Rieke in dem bemerkenswerten Bildband „Silent Space“ Salzburg, das kommerzielle Zentrum der Festspiele. Wo sich sonst Besucher gegenseitig auf die Füße treten, herrscht gähnende Leere. Vor dem Mozarthaus, auf dem Rathaus- und dem Domplatz, ja sogar im Hauptbahnhof. So hat man Salzburg noch nie gesehen. Wie der Fotograf es wohl geschafft hat, Getreide- oder Goldgasse zu entleeren? Egal, das Ergebnis ist unglaublich, es verfremdet die allseits bekannte Stadt, lässt Schatten wieder zu ihrem Recht kommen und nächtliche Schrecken aufleben. Leere auch in Hellbrunn, in der Vorstadt, auf dem Mönchsberg. Kein Auto auf den Straßen, keines in der Parkgarage. Dafür Pfützen, in denen sich Häuser spiegeln, Sonnenflecken auf dem Mönchsberg, der Lüpertz-Mozart vereinsamt auf seinem Sockel, Friedhofsruhe. Unglaublich, plötzlich kommen Häuser zu ihrem Recht, die man bisher immer übersehen hat. Sieben Literaten haben den außergewöhnlichen Fotos einer entleerten Stadt lesenswerte Texte zur Seite gestellt. Im besten Fall schaffen sie in den Köpfen der Betrachter das, was Karl-Markus Gauß zum Ritzenbogen schreibt: „So bringt der Fotograf das Kunststück zuwege, mich an das zu erinnern, was auf seinem Bild ausgespart ist“.


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