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Rezensionen verfasst von
Claus Solcher "Lilo Leseratte" (Augsburg)
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Hippie Trails: Reiselegenden und ihre Geschichte
Hippie Trails: Reiselegenden und ihre Geschichte
von Detlef Fritz
  Broschiert
Preis: EUR 10,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Legenden und Klischees, 6. Mai 2014
„Reisen war in jeder Form schon immer ein Beitrag zur Globalisierung, am Ballermann der Pauschaltouristen wie auch auf dem Hippie-Trail der Globetrotter“, schreibt Detlef Fritz im Nachwort zu seinem Buch „Hippie Trails“, in dem er so manche Legende entzaubert und so manches Klischee festklopft. Die Tatsache, dass die frühen Rucksackreisenden, die Hippies und Globetrotter, den Weg für die Pauschaltouristen bereiteten, ist sattsam bekannt. Und dass die wenigsten der mit viel Naivität ausgestatteten Reisenden auf dem legendären Hippie-Trail von Istanbul nach Kabul das große Glück fanden, ebenfalls. „Die größten Reiselegenden kommen ohnehin weitgehend aus dem Reich der Fantasie“, schreibt der Autor und macht sich daran, so manche dieser Legenden zu entzaubern. Die von den nomadisierenden Freigeistern etwa, die überall zu Hause waren und mit ihrem Freiheitsideal auch die Einheimischen ansteckten. Fritz ist bitter aufgestoßen, dass die „vermeintlich freiheitsliebenden Reisenden“ sich Länder aussuchten, die „von den finstersten Diktaturen regiert wurden“: das autoritäre Königreich Marokko, das Franco-Spanien und das von einer Militärjunta geknechtete Griechenland. Es waren wohl nicht nur die spießigen Pauschaltouristen, die ohne jedes politische Bewusstsein reisten. Und heute hat seiner Meinung nach die Um- und Mitweltdebatte längst auch die Reiseunternehmen – und damit auch den Massentourismus - in die Pflicht genommen.
Klar wird bei der Lektüre, dass auch die frühen Globetrotter am liebsten unter sich blieben, dass sie den einheimischen Alltag aus einer eher rosarot gefärbten Brille betrachteten – nicht anders als die verachteten „Massentouristen“. „Der Globetrotter hat so wenig Grund, sich vom Touristen abzugrenzen, wie der von Selbstzweifeln geplagt Pauschalurlauber Anlass hat, bewundernd zum Globetrotter aufzuschauen“, folgert Fritz. Dass er sich mit ein paar eingestreuten Erlebnissen als ehemaliger Globetrotter outet, macht solche Einsichten glaubhaft; praktisch sind die optisch abgesetzten Tipps zum Reiserecht, zum Reiseknigge und für Restaurants und Cafés mit Geschichte. Fazit: Eine lesenswerte, munter geschriebene Bestandsaufnahme übers Reisen.


Unterhaltung: Geschichten
Unterhaltung: Geschichten
von Friedrich Ani
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

4.0 von 5 Sternen Die da unten, 31. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Unterhaltung: Geschichten (Gebundene Ausgabe)
Seine Tabor-Süden-Krimis sind mehrfach ausgezeichnet. Nun hat sich Friedrich Ani einem oft vernachlässigten Genre genähert - der Kurzgeschichte. Im Epilog, den er dem uruguayischen Autor Juan Carlos Onetti gewidmet hat, kann man nachlesen, welch hohen Anspruch er an sich selbst hat und was ihn beflügelt. Wie die „onettianischen Prototypen“ zeichnet auch Anis Kurzgeschichten-Personal „ein hohes Maß an Verschlagenheit und Gier“ aus, sind seine Figuren „unermüdlich scheiternde, müde und zynisch gewordene Nachtgestalten“.
39 Kurz- und Kürzestgeschichten füllt der im malerischen Kochel geborene Schriftsteller in dem Sammelband mit dem eher irreführenden Titel „Unterhaltung“ mit bösen Geschichten vom Leben und Streben derer da unten.
Korrupte Polizisten, skrupellose Geschäftemacher, ernüchterte Kommissare, abgebrühte Kneipenwirte, frustrierte Frauen, abgetakelte Nutten: Es sind allesamt versehrte Menschen, die Anis Kurzgeschichten-Universum bevölkern. Manchmal gönnt er seinen Figuren einen Funken Mitleid wie in der Geschichte „Aschenputtel weint nicht mehr“: „Kein Königssohn kam, und ihr Herz hatte nicht mehr die Kraft zu warten.“ Und manchmal nur „eine Schrotthalde verrosteter Träume“. Einmal gönnt er Süden einen Auftritt und hin und wieder macht er einen der Anti-Helden zum kritischen Beobachter des verachteten Zeitgeists wie in „Der verzweifelte Erlöser“: „Ihn regte das auf, dass Friseure Monsterstars waren, obwohl sie einfach nur Haare schnitten, und das Köche Superhelden waren und einer von denen sogar bei McDonalds arbeitete , ohne dass er sich aus lauter Scham eigenhändig frittierte. Und dass Don Corleone im Vergleich zu Sepp Blatter Robin Hood war. Und dass 29-jährige Redakteurinnen alte Männer beleidigen durften und das für Journalismus hielten und Retourkutschen der alten Männer für Sexismus.“
Ani führt seine Leser in die schwärzeste Provinz und in die düsteren Hinterhöfe der Großstädte, dahin, wo das Leben weh tut und dahin, wo nur noch Gewalt hilft, die eingefrorenen Gefühle aufzutauen. Er führt Biedermänner vor, die aus Überdruss zu Mördern werden und Verzweifelte, die sich nach einem „Lichtblick im Weltall“ sehnen. Und immer wieder lässt er das Böse aus der Harmlosigkeit sprießen, überrumpelt die Leser mit mörderischen Gedanken in bürgerlichen Hirnen.


Kim und Struppi: Ferien in Nordkorea
Kim und Struppi: Ferien in Nordkorea
von Christian Eisert
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Im Orwell-Staat, 25. März 2014
Nein, an Hergés „Tim und Struppi“-Comics erinnert dieses Buch nur dem Namen nach, bei der Lektüre denkt man eher an Orwells beklemmende Zukunftsvision „1984“ über einen Staat, der seinen Bürgern all die Freiheiten vorenthält, die uns selbstverständlich sind. So ist es auch in Nordkorea, bis heute ein Land der Unfreiheit, der Unterdrückung, abgeschottet, hoch gerüstet, ein Atomstaat unter einem unberechenbaren Herrscher aus der Dynastie der Kims. Christian Eisert, TV-Autor und Satiriker, wollte es wissen und ist mit der befreundeten Fotoreporterin Thangh Hoang in das Land der Kims gereist – auf der Suche nach der Regenbogenrutsche, die ihm als jungem Pimpf in der DDR so imponiert hat.
Was die beiden so unterschiedlichen Reisenden, immer unter den wachsamen Augen ihrer beiden Guides und diverser Männer vom Geheimdienst, von Eisert Struppi genannt, erlebten, füllt 318 Seiten. Vieles weiß man inzwischen von den häufiger gewordenen Reisereportagen aus Nordkorea. Vieles erinnert an die ehemalige DDR, aber vieles ist in seinem Größenwahn und der Menschenverachtung absolut schockierend. Noch schockierender ist die Tatsache, dass viele Firmen mit dem international geächteten Regime scheinbar gute Geschäfte machen, auch deutsche Firmen, ja selbst die katholische Kirche. Sie ließ, das hat Eisert recherchiert, einen Kinder-Animationsfilm in Nordkorea zeichnen. Dass das „bizarrste Land der Welt“ auch bizarre Touristen anzieht, hat der Autor ebenso erlebt wie den Lagerkoller, den das ständige unter Beobachtung Stehen und das Gefühl des Eingesperrtseins hervorrufen können. Vor allem der vietnamesisch-stämmigen Fotografin macht die ewige Bevormundung zu schaffen. Während die Spannungen zwischen dem Reise-Duo auf eine Eskalation zusteuern, erzählt Eisert die spannende Geschichte, wie die Kims sich an die Macht putschten und wie die beiden Koreas immer mehr auseinander drifteten – ein literarischer Kunstgriff, der das Buch über die üblichen Reiseberichte hinaushebt. Auch die Schilderungen, was die Entmündigung schon in kurzer Zeit in den Köpfen der Touristen anrichtet und wie sich die Guides im engen Umgang verändern, sind unbedingt lesenswert.
Am Ende schunkeln Touristen und Guides in seliger Selbstvergessenheit zu der Melodie von Michael Holms Schlager „Tränen lügen nicht“. Die Rutsche hat Eisert übrigens nur im Vorüberfahren gesehen. Kennengelernt hat er ein Land wie ein fremder Planet. Und doch: „Bei allem Größenwahn und Elend, bei aller Angst und Brutalität, es leben, lieben, und lachen Menschen in Nordkorea.“


Freitags in der Faulen Kobra: Roman
Freitags in der Faulen Kobra: Roman
von Stefan Nink
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schnitzeljagd à la Siebeneisen, 17. März 2014
Mit „Donnerstags im fetten Hecht“ hat sich der Reisejournalist Stefan Nink eine große Fangemeinde erschrieben. Die Geschichte um den Lokalreporter Siebeneisen aus dem Örtchen Oer-Erkenschwick, der für seinen Freund Schatten weltweit Familienangehörige sucht, damit dieser sein Erbe antreten kann, hat mit ihrem schrägen Witz ebenso begeistert wie mit ihren intimen Kenntnissen der exotischen Ziele. Da profitierte Nink von seinen vielfältigen, den Globus umspannenden Reiseerfahrungen. Jetzt schiebt der vielfach ausgezeichnete Autor mit „Freitags in der Faulen Kobra“ eine nicht minder amüsante Fortsetzung nach. Wieder muss Siebeneisen auf Weltreise gehen, diesmal um einem indischen Maharadscha zu helfen. Er soll die Bruchstücke einer magischen Statue des indischen Elefantengotts Ganesh finden, die kein Geringerer als der legendäre James Cook an allen möglichen Ecken unserer Erde versteckt hat. Und wieder heckt der sparsame Freund Wipperführth die Route aus, die Siebeneisen so einiges zumutet, ihm aber auch Gelegenheit gibt, mit seiner Geliebte, der Amerikanerin Lawn, gemeinsame Sache zu machen. Die schräge Schnitzeljagd, durch die Siebeneisen stolpert, gibt Stefan Nink reichlich Gelegenheit, übers Reisen zu philosophieren, von exotischen Gegenden zu schwärmen oder die Mühen der Wegfindung zu beschreiben und so manchen Reise-Mythos als solchen zu entlarven. Dazu kommen noch ein paar lehrreiche Lektionen zur Geschichte von James Cook, Plaudereien über Musikstile und eine ordentliche Prise Indien. Denn von dort, aus dem Teehaus „Zur faulen Kobra“, steuern Wipperfürth und der ihm zur Hilfe geeilte Freund Schatten Siebeneisens verrückte Reise. Natürlich endet alles nach fast 450 Seiten (und kleineren Längen) wieder im Fetten Hecht in Oer-Erkenschwick. Doch, weil der Lokalreporter trotz aller schlechten Erfahrungen schon bei der letzten Rückkehr „Hummeln im Hintern“ und „ein Kribbeln in den Füßen“ verspürt hatte, darf man sicher sein, dass es ihn bald wieder hinaustreibt in die weite Welt. War da nicht mitten im Buch die Rede von einer Kneipe mit einem tierischen Namen?


funny girl
funny girl
von Anthony McCarten
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Protest in der Burka, 3. März 2014
Rezension bezieht sich auf: funny girl (Gebundene Ausgabe)
Azime lebt in London, aber vom englischen Alltag bekommt sie wenig mit. Da, wo sie wohnt herrschen andere Sitten. Sitten, die ihre kurdischen Eltern und andere aus der alten Heimat mitgebracht haben.Wo man als Mädchen noch züchtig ein Kopftuch trägt und sich ohne Widerworte in eine von den Eltern arrangierte Heirat fügt. Doch Azime will nicht werden wie ihre Mutter und sie will nicht enden wie eine Schulkameradin, die wegen ihrer verbotenen Liebe vom Balkon der elterlichen Wohnung stürzte. Mord oder Selbstmord? Das Schicksal des Mädchens lässt Azime keine Ruhe. Über einen Freund, der selbst Außenseiter ist, kommt sie mit einer Schule für Comedians in Berührung. Bei ihrem ersten Auftritt, bei dem sie die Probleme einer Muslimin thematisiert, trägt sie eine Burka, um nicht erkannt zu werden und ihrer Familie keine Schande zu machen. Als ihre Identität enthüllt wird, ist nichts mehr in ihrem Leben so wie es war. Von den Eltern wird sie verstoßen, von Muslimen mit Morddrohungen verfolgt, von neidischen Kollegen verleumdet. Doch Azime setzt sich durch, und am Ende gelingt es ihr sogar, ihre Familie auf ihre Seite zu ziehen. Anthony McCarten zeichnet in seinem Roman „funny girl“ routiniert das Bild einer mutigen jungen Frau, die nicht nur gegen die Traditionen ihrer Familie antritt, sondern gegen eine Welt von Vorurteilen.


Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
von Thomas Meyer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Motti emanzipiert sich, 3. März 2014
Mordechai Wolkenbruch, Motti, genannt, wächst in einer jüdisch-orthodoxen Familie in Zürich auf. Willig unterwirft er sich dem Regiment der resoluten „mame“, bis sie ihn mit immer neuen „frojn“ nervt, die auf inakzeptable Weise der Mutter gleichen und so gar nicht der hübschen Mitstudentin Laura, in die sich Motti verguckt hat. Es kommt, wie es in einem Entwicklungsroman kommen muss. Motti emanzipiert sich und sagt es seiner mame ins schreckensstarre Gesicht: „Mir war jetzt nach einem eigenen Lebn“. Nicht einmal der Ausflug nach Israel zur Verwandtschaft hilft als Gegenmittel. Im Gegenteil, in Tel Aviv nascht der junge Jude vom Apfel der erotischen Freiheit. Ganz neue Möglichkeiten tun sich auf, als er sich mit einer modischen Brille und Jeans ausstaffiert und endlich Lauras Aufmerksamkeit erregt. Dass das Leben der gojim auch nicht so einfach ist, muss er schmerzhaft erfahren. Aber auch diese Erfahrung wird ihn nicht davon abbringen, seinen Weg zu gehen. Thomas Meyer, selbst Jude, hat mit seinem ersten Roman einen Überraschungserfolg gelandet. Zu Recht: Leichtfüßig kommt die Sprache daher – mit jiddischen Einsprengseln, die wunderbar zu den Klischees passen, mit denen Meyer gekonnt jongliert. Ganz nebenbei entwirft der Autor ein trotz aller Komik von Sympathie getragenes Porträt des jüdisch-orthodoxen Milieus in Zürich


Im Schatten des Banyanbaums
Im Schatten des Banyanbaums
von Vaddey Ratner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Schatten einer Tragödie, 28. Februar 2014
Kambodscha, ein Reiseziel der Superlative: Große Kultur in Angkor, fantastische Landschaften, freundliche Menschen. Wer denkt da noch an die Tragödie, die dieses Land vor nahezu 40 Jahre heimgesucht hat. Zwischen 1975 und 1979 wüteten die Roten Khmer gegen ihr eigenes Volk, das sie in die Steinzeit zurückkatapultieren wollten. Ein von der Uno unterstütztes Sondertribunal soll in diesem Frühjahr das Urteil gegen die letzten zwei Schergen des mörderischen Pol Pot Regimes fällen, das für den Tod von zwei Millionen Menschen verantwortlich ist. Die Erinnerung an die grausame Zeit der Roten Khmer weckt jetzt das Buch von Vaddey Ratner „Im Schatten des Banyanbaums“.
Ratner, eine Nachfahrin von König Sisowath I., wuchs bis zu ihrem fünften Lebensjahr behütet im königlichen Palast auf. Was dann geschah, konnte das Kind nicht begreifen. Die Familie wurde aus ihrem Palast vertrieben wie so viele andere; das kleine Mädchen erlebte Zwangsarbeit, Hunger und Todesgefahr. Die Jahre, in denen sie (fast) alles verlor, was bis dahin ihr Leben ausmachte, hat Ratner jetzt zu einem Roman verarbeitet, in dem sie die siebenjährige Raami, ihr Alter Ego, zur Hauptperson macht. Entstanden ist ein schmerzlich-schönes Buch über die Leidensfähigkeit der Menschen, über Hoffnungen, Trauer und Grausamkeit. Der Gegensatz zur anfänglich geschilderten Idylle im königlichen Palast, wo der Vater sich der Dichtkunst hingibt und wo die schöne Mutter dem von einer Kinderlähmung lahmenden Kind in ihren flatternden Seidenkleidern wie ein Schmetterling erscheint, zu den trostlosen Bauerndörfern, in denen die Vertriebenen erste Zuflucht finden, könnte größer nicht sein. Doch es kommt schlimmer. Die Roten Khmer reißen die Familie auseinander, der Vater opfert sich, die kleine Schwester stirbt an Malaria. Und Mutter und Tochter kämpfen mit allen Mitteln ums Überleben. Womöglich hilft der Kleinen dabei die Tatsache, dass sie ein Krüppel ist und - damit keine Patrone wert.
Vaddey Ratner schildert die unmenschlichen Lebensumstände, den zähen Überlebenswillen, der sich von winzigen Glücksmomenten nährt, und sie zeigt, wie kleine Gesten der Humanität Großes bewirken. Ein aufwühlendes, ein wichtiges Buch!


Unter Grund: U-Bahn-Stationen in Deutschland
Unter Grund: U-Bahn-Stationen in Deutschland
von Micha Pawlitzki
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 48,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unter dem Großstadtpflaster, 16. Februar 2014
Vor 150 Jahren wurde in London die erste U-Bahn gebaut. Bis zur Elektrifizierung wurden die Züge noch von Pferden und Ochsen gezogen. Inzwischen haben die meisten der Metropolen U-Bahnen, um unterirdisch die Verkehrsprobleme zu lösen, die überirdisch überhand zu nehmen drohen. Die Mega-Citys der Schwellenländer bauen riesige Metronetze, die schon bald nicht mehr ausreichen. Mit 456 Kilometer Netzfläche hält Peking den Rekord – bis 2016 soll das Netz um weitere 200 Kilometer erweitert werden. In München werden die zentralen U-Bahn-Stationen gerade neu designt und in Berlin soll die „Kanzler-U-Bahn“ endlich Anschluss finden. Ein Ende der Untergrundbahn ist also nicht abzusehen. Im Gegenteil. Zunehmend werden die U-Bahnhöfe zum Aushängeschild, gleichen Galerien, Museen, Shopping Malls. Die U-Bahn-Architektur, hat Micha Pawlitzka festgestellt, wird zunehmend zum Spiegel der urbanen Moderne, die Bahnhöfe wandeln sich zu Tempeln der Mobilität. Eine Aussage, die der Bildband mit großformatigen Motiven und überraschenden Perspektiven aus dem Untergrund belegt. Dass trotz aller Aufhübschung noch Nachholbedarf besteht und die U-Bahn in vielen Bereichen die Anmutung einer Angströhre hat, verhehlt Pawlitzka nicht – auch wenn er sich in den „Anmerkungen des Fotografen“ am Ende als U-Bahn-Fan outet oder zumindest als Fan der menschenleeren architektonischen Landschaften unter dem Großstadtpflaster. Denn Pawlitzka hat die Menschen aus seinen Bildern ausgesperrt. Er hat nachts fotografiert, in einer „kontemplativen Atmosphäre“, in der ihn die Magie der Stationen fasziniert hat. Ganz zum Schluss kommen dann die Menschen doch noch vor, ganz normale Mitfahrende und solche mit schrulligen Hobbys wie sie eben auch der Autor pflegt. Alles in allem eine lohnende Bildreise in den deutschen Untergrund.


Shakespeare in Kabul: Ein Aufbruch in drei Akten
Shakespeare in Kabul: Ein Aufbruch in drei Akten
von Stephen Landrigan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Was Shakespeare vermag, 14. Januar 2014
Vor 450 Jahren wurde William Shakespeare geboren, der Mann, dem bis heute die größten Tragödien und schönsten Komödien der Welt zugeschrieben werden. „All the world’s a stage“ hat der große Dramaturg den melancholischen Jacques in „Wie es euch gefällt“ sagen lassen, die ganze Welt ist Bühne. Und trotzdem hätte er sich gewundert, was seine Stücke heute noch zu bewegen vermögen. Selbst in einem von religiösen Kriegen zerrissenem Land wie Afghanistan.
Das Buch „Shakespeare in Kabul“ erzählt von dem einzigartigen Experiment, ein Stück des britischen Dichters auf eine afghanische Bühne zu bringen.
Doch welches? Vor allem die Tragödien boten zahlreiche Parallelen zur Geschichte des Landes und der Taliban-Diktatur. Bürgerkriege, Komplotte und Gegen-Komplotte, ja sogar Ehrenmorde – das alles kennen die Afghanen aus ihrem Alltag. Aber wollen sie es auch auf der Bühne sehen? Die Verantwortlichen unter der französischen Regisseurin Corinne entschieden sich deshalb für die eher harmlose Komödie „Verlorene Liebesmüh‘“. Doch selbst dieses Stück war eine echte Herausforderung, standen doch zum ersten Mal seit über 30 Jahren Männer und Frauen gemeinsam auf der Bühne. Vor allem die Frauen, die selbstbewusst eine Lösung herbeiführten, überzeugten die Regisseurin, dass dieser Shakespeare in Kabul gehört werden musste. Welche Probleme auf sie warteten, ahnte sie allerdings nicht.
Es dauerte, bis die Männer die Gleichberechtigung der Frauen auf der Bühne akzeptieren. Es dauerte, bis alle Shakespeares Verse verstanden. Es dauerte, bis jeder sich mit seiner Rolle identifizierte. Und doch schienen Shakespeares Worte auf fruchtbaren Boden zu fallen: „Shakespare ist wie ein starker Wind, der direkt durch den Geist und das Bewusstsein des Menschen weht und so Antworten aufwirbelt, nach denen wir lange gesucht haben,“ formulierte es einer der Hauptdarsteller.
Und der Übersetzer, der lange Zeit das Gefühl hatte, zwischen allen Stühlen zu sitzen, stellte fest: „Allen Rückschlägen zum Trotz muss man die Forstschritte, die die Schauspieler machten, historisch nennen. Sie schoben mehr als nur ein Jahrtausend tradierter gesellschaftlicher Sitten und Bräuche beiseite und überwanden ein dreißig Jahre währendes Trauma.“ Auch bei den Zuschauern, die sich in Scharen einfanden, war die Resonanz überwältigend. Shakespeare in Kabul, das war auch eine sehr politische Botschaft: Nur durch die Vertreibung der Taliban war es möglich, eine Liebesgeschichte auf die Bühne zu stellen. Ein Tabu wurde gebrochen, Hoffnung geschürt.
Doch nur kurze Zeit später explodierte eine Bombe in der Universität von Herat aus Protest gegen ein Bildungswesen, das Frauen zuließ. Und eine der Schauspielerinnen erfuhr in der eigenen Familie die Engstirnigkeit der von den Taliban indoktrinierten Landsleute. Ihr Mann wurde Opfer von Meuchelmördern, weil er seiner Frau erlaubt hatte, im Shakespeare-Stück mitzuspielen. Wie sagte ein Student auf die Frage, warum Shakespeare ihm gefalle: „Er lässt dich mit dem einen Auge lachen und mit dem anderen weinen.“


Die Chemie der Tränen: Roman
Die Chemie der Tränen: Roman
von Peter Carey
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4.0 von 5 Sternen Automatische Trauerbewältigung, 14. Januar 2014
Catherine hat ihren Liebsten verloren. Ein Herzinfarkt hat ihn dahingerafft und ihr nichts hinterlassen als Trauer. Nun soll ein Automat der Konservatorin bei der Bewältigung der Trauer helfen. Die Rekonstruktion ist eine diffizile Aufgabe, die Catherines ganzes Talent fordert. Zugleich stürzt sie sich in das Leben des Mannes, der den Automaten in Auftrag gegeben hat – für seinen kranken Sohn. Henry Brandlings Notizbücher, die Catherine heimlich liest, entführen sie in eine andere Zeit und in ein anderes Leben.
Sie sieht mit Henrys Augen die Uhrmacher im Schwarzwald, verzweifelt mit ihm, weil seine Mission zu viel Zeit verschlingt.
Denn Henry hat sein Schicksal in die Hände eines schwer zu durchschauenden Mannes gelegt, der sich selbst als Künstler sieht und in einem abgelegenen Bauernhof arbeitet. Zu der bunten Gesellschaft gehört neben einem Jungen, der Brandling an seinen Sohn erinnert, auch ein Märchensammler. Was Carey dazu nutzt, seinem Roman auch Märchenmotive zugrunde zu legen wie Andersens Märchen vom hässlichen Entlein.
Dem Autor gelingt der Kunstgriff, durch ein technisches Wunderwerk zwei Jahrhunderte und zwei liebende Menschen zu verbinden. Aber um all die Facetten der Liebe, um die „Chemie der Tränen“, von denen Carey schreibt, zu erfassen, muss der Leser dem Text seine ganze Aufmerksamkeit schenken. Der gebürtige Australier und seit langem in New York lebende Autor hat viel hineingepackt in diesen schmalen Band, in dem es nur vordergründig um das Entstehen und die Reparatur eines Automaten geht. Weder Catherine noch Henry sind in ihrer Larmoyanz und Ich-Bezogenheit echte Sympathieträger, zu verhaftet sind sie in ihrer eigenen Welt. Und doch schaffen sie es im Duett etwas von dem zu vermitteln, was die Mystik der Liebe ausmacht. So wie aus der ursprünglichen Ente, die Henry nachbauen lassen wollte, ein strahlender Schwan wird, kann Amanda am Ende ihre Liebe sublimieren und begreifen, dass der Tod nicht das Ende ist.


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