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Rezensionen verfasst von
Claus Solcher "Lilo Leseratte" (Augsburg)
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BR-Radltour - Unsere Lieblingstouren: Mit Karten und Tipps, vielen Fotos und Anekdoten. Die schönsten Tourenbeschreibungen, Bilder und Geschichten aus 25 Jahren BR-Radltour
BR-Radltour - Unsere Lieblingstouren: Mit Karten und Tipps, vielen Fotos und Anekdoten. Die schönsten Tourenbeschreibungen, Bilder und Geschichten aus 25 Jahren BR-Radltour
von Lutz Bäucker
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Bayern sind mit'm Radl da, 1. Juli 2014
Sie war immer schon ein bisserl mehr als eine gewöhnliche Radtour. Wer bei der BR-Radltour mitfuhr, konnte tatsächlich was erleben, bei Rot über alle Ampeln brettern und zusammen mit Stars wie Eric Burdon, Roger Chapman, Manfred Mann, Suzi Quatro, Haindling oder Wolfgang Ambros abfeiern. Seit 1990 radelt der „Bayerische Rundfunk“ mit 1200 seiner Hörer im Sommer kreuz und quer durch Bayern. Was sich der BR-Redakteur Thomas Gaitanides 1989 ausgedacht hat, hat sich zu einer Massenbewegung gemausert – und zu einer Marke. Tagsüber radeln, abends feiern: Das Motto bewegt viele Teilnehmer dazu, sich alljährlich das Datum der Radltour rot anzustreichen. Es soll so manche geben, die bisher keine Tour versäumt haben. Auch die Unterbringung in Massenquartieren kann sie nicht schrecken. Da muss also mehr dahinter sein. BR-Mann Lutz Bäucker hat so eine Ahnung, er war von Anfang an dabei, kennt die Warteschlangen vor den Toiletten und die harten Matratzen im Schlafsaal, die Strapazen der täglichen 100 Kilometer. Und doch steigt auch er alle Jahre wieder begeistert in die Pedale, weil er sich ein Jahr ohne Radltour gar nicht vorstellen mag. Die „supergute Riesengaudi für jedermann“ wie Olympiasieger Markus Wasmeier die Tour einmal beschrieb, ist wohl alles zusammen: Das Gemeinschaftsgefühl, die gute Organisation, der Spaß und die Schinderei. Das schweißt zusammen. So sehr, dass ein Paar sich sogar getraut hat – auf der Radltour! Wer so einen Tour-Abschnitt mal für sich ausprobieren will, kann das jetzt auch tun: Zum 25. Geburtstag der Radltour hat Lutz Bäucker die Lieblingstouren für ein Buch zusammengestellt. Umrahmt werden die gründlichen Streckenbeschreibungen von Anekdoten und Schmankerln aus 25 Jahren Radltour.


Draußen: Mit der Kamera um die Welt
Draußen: Mit der Kamera um die Welt
von Udo Bernhart
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Fotos, die Fernweh wecken, 20. Juni 2014
Er wollte schon immer hinaus in die Welt, als kleiner Bub schon wurde ihm die Heimat Südtirol zu eng. Als Fotograf entdeckte er ihre Schönheit neu, aber auch die Schönheit der fernen Länder. Udo Bernhart, 1956 in einem kleinen Dorf im Vinschgau geboren, hat die Welt mit seiner Kamera bereist, von der Antarktis bis Alaska, von Kamtschatka bis Kanada, von Patagonien bis Peking. Er war mit der legendären Concorde unterwegs, mit dem Schiff, mit dem Fahrrad, auf Skiern, zu Fuß und auf dem Rücken der Pferde – und immer sind auf seinen Reisen wunderbare Fotos entstanden, die nicht nur die Schönheit des Reiselandes abbilden, sondern auch die Gesichter der Menschen zeigen - alte und junge, wettergegerbte und stolze, glückliche und traurige. 33 Jahre, von 1979 bis 2012, umfasst der Bildband. So manches hat sich in diesen Jahrzehnten verändert. In Peking etwa sind die Räder den Autos gewichen, nur die Natur in Alaska, da, wo die Menschen nicht hinkommen, die ist gleich geblieben. Auch das hat Udo Bernhart mit seiner Kamera festgehalten. Sein sehr persönliches Reise- und Fotobuch lädt dazu ein, ihn auf seinen Ausflügen in die weite Welt zu begleiten, teilzuhaben an seinen Abenteuern - und es weckt Fernweh. Die Sehnsucht, aufzubrechen und in der Ferne einer anderen Art von Leben nahe zu kommen, das die Alltagsroutine verwehrt.


Ladivine
Ladivine
von Marie NDiaye
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Rätsel der Hunde, 18. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Ladivine (Gebundene Ausgabe)
Sie macht es ihren Lesern nicht leicht: Die Goncourt-Preisträgerin Marie NDiaye gibt in ihrem neuen Roman „Ladivine“ einige Rätsel auf. Da sind zum einen die Hunde, die wie aus dem Nichts auftauchen, große Hunde mit treuen Hundeaugen. Wächterhunde. Aber keineswegs ungefährlich. Einer von ihnen soll sich sogar über einen Toten hergemacht haben. Und doch empfinden die vier weiblichen Protagonisten dieses Buches die Anwesenheit der Hunde als tröstlich, sehen in ihnen eine Art Beschützer. Und dann ist da noch die Sache mit dem Jugendlichen irgendwo in Afrika, der nach einem Balkonsturz wieder von den Toten aufersteht. Solche mysteriösen Begebenheiten sind typisch für die literarisch hoch-ambitionierte Tochter einer französischen Lehrerin und eines Senegalesen, die gerne animistische Elemente in ihre Romane mit einbringt.
Vordergründig erzählt „Ladivine“ in komplexen Verschlingungen und einer fast rauschhaften Sprache eine Mehrgenerationen-Geschichte, die um einen familiären Schandfleck kreist. Urheberin dieses unauslöschlichen Makels ist Ladivine Sylla: Sie ist schwarz, ihre Tochter Malinka aber ist weiß – wie der noch vor der Geburt verschwundene Vater. Und Malinka identifiziert sich mit dieser weißen Hautfarbe, sie will dazu gehören. Da ist die schwarze Mutter nur ein Störfaktor, „die Dienerin“ nennt Malinka sie und schämt sich gleichzeitig für die Demütigung, die sie der aufopfernden Mutter zumutet. Mit dem neuen Namen Clarisse, der so hell klingt, will sich Malinka endgültig die Vergangenheit abstreifen. Sie heiratet einen weißen Kleinbürger, dem sie die Mutter ebenso verschweigt wie der – weißen – Tochter, die mit dem Namen der unbekannten Großmutter leben wird. Doch Malinka/Clarisses Verschleierungsstrategien ersticken ihre Gefühle, die Spontaneität, die ihren Charme ausmachte.
Das Familienleben vereist, der Ehemann flüchtet in die Arme einer anderen Clarisse und Ladivine II nach Berlin zu einem Uhrenverkäufer. Das gibt Marie NDiaye Gelegenheit, die Stadt, in der sie seit drei Jahren mit ihrer Familie lebt, ins Spiel zu bringen, das „architektonische Chaos ohne jede Sanftheit und Ironie“. Im Charlottenburger Rathaus gibt Ladivine Französischkurse. Sie hat sich eingerichtet in einer faden Bürgerlichkeit. Nicht einmal der Mord an ihrer Mutter kann sie aus der Lethargie reißen. Malinka/Clarisse ist Opfer des Mannes geworden, dem sie sich endlich ganz offenbaren konnte, weil sie in ihm den Außenseiter, den Underdog, erkannte. Ihm konnte sie auch die Mutter vorführen, die so das kurze Glück erlebte, mit der geliebten Tochter versöhnt zu sein.
Als Ladivine II in einem nicht benannten afrikanischen Land mit ihrer Familie Urlaub macht, begegnet ihr ein Hund, den sie sogleich als den ihr zugedachten Wächter identifiziert, womöglich als den Geist ihrer toten Mutter in Hundegestalt. Das erste Mal, als ein solcher Hund auftauchte, war sie noch ein Baby. Mitgebracht hatte das Tier, das sich sogleich auf das Kleinkind im Bettchen setzte, der Großvater, und auch bei dessen Tod war der Hund zugegen. Nun also ist er wieder aufgetaucht irgendwo in Afrika, wo die Familie gestrandet ist. Denn in diesem Urlaub geht von Anfang an alles schief. Der Koffer wird gestohlen, die Klamotten tauchen als Ware am Wegesrand wieder auf. Das Hotel entpuppt sich als öde Absteige, und die Familie geht einem Tagedieb auf den Leim, den Ladivines völlig verwandelter Mann in einem Zweikampf vom Balkon stürzt.
Immer wieder wird Ladivine mit Menschen konfrontiert, die vorgeben sie zu kennen. Immer öfter lässt sie sich auf das Spiel ein, eine andere zu sein. Und immer öfter hat sie das Gefühl angekommen zu sein, bis sie schließlich im Urwald verschwindet – oder sich in einen Hund verwandelt. Denn ihre Tochter Annika glaubt nach der Heimkehr in einem Hund die Augen der vermissten Mutter zu erkennen: „Dennoch war Annika überzeugt, daß nichts und niemand ihre Mutter gezwungen hatte, auf diese distanzierte, unbequeme Art mit ihnen zusammenzuleben, und daß sie eine Zuflucht gefunden hatte in dieser Hundehaut, die ihr, auch wenn sie sie nichthinreichend gegen die Kälte schützte, besser entsprach als ihre Frauenhaut. Das wusste Annika, so war es.“
Es ist nur eine hauchdünne Naht, die bei Marie NDiaye die reale von der magischen Welt trennt. Wer sich auf ihre Vexierbilder einlässt, wird mit einem Leseerlebnis belohnt, das lange nachwirkt.


Ausfahrt Nizza
Ausfahrt Nizza
von Piersandro Pallavicini
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Rentner-Sause auf Italienisch, 9. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Ausfahrt Nizza (Gebundene Ausgabe)
Seit der Hundertjährige aus dem Fenster stieg und die Welt unsicher gemacht hat, überschwemmen Bücher über Oldies und ihre Schrullen den Markt. Piersandro Pallavicini steuert mit „Ausfahrt Nizza“ nun die italienische Variante bei. Und seine männlichen Protagonisten, gekleidet in Brioni und Barbour, und unterwegs im Jaguar, sind noch ausgeflippter als Berlusconi.
Kaum sind sie losgelassen, weg aus dem provinziellen Umfeld des norditalienischen Vigevano, geraten der kauzige Witwer Perségati, der aufbrausende Bonvivant Luciano und Ich-Erzähler Cesare außer Rand und Band. Die mitreisenden Frauen, frühzeitig verknöchert, können dabei nur zusehen und sich mit Gebeten gegen die anbrausenden Gefühlsräusche ihrer Angetrauten wappnen. Hinzu kommt, dass Verleger Cesare glaubt, einen Freund aus alten Zeiten entdeckt zu haben, den schwulen Star-Autor, der zu einer Ehekrise geführt hatte.
Während das Trio Infernale von einer Peinlichkeit in die andere stolpert, wird Cesare schmerzhaft klar, wie sinnentleert sein Leben ist. Da hilft dann nur ein bisschen Cannabis, das der Arzt dem 73-Jährigen wegen seiner MS verschrieben hat und das der mustergültige Sohn dem Vater zähneknirschend besorgt. Mit Cesares Suche nach dem verlorenen Freund wird der abgefahrene Road-Trip der Oldies immer mehr zu einem Krimi. Dann verschwindet auch noch Luciano spurlos und Perségati verrät dem konsternierten Cesare ein pikantes Geheimnis.
Am Ende kommen die Kinder, um ihre Eltern abzuholen - und angesichts der Arroganz der Jugend läuft Cesare noch einmal zu großer Form auf: „Wir sind alt. Wir sind steinalt. Wenn nicht gar Greise, wir haben uns selbst überlebt. Wir sind tot, wir stecken in Körpern, die sich aufgrund eines Wunders noch von selbst bewegen… Irgendwann ist es aus. Und für jemanden in meinem Alter ist das genauso schockierend wie ein bewölkter Himmel nach einer Woche Sonnenschein.“
Piersandro Pallavicini, Jahrgang 1962
und – wie seine Rentner-Gang - aus Vigevano, ist eigentlich Chemiker und Experte für Nanotechnologie an der Universität von Pavia. Laut Welt mischte er Anfang der Neunzigerjahre „in der Undergroundszene mit, debütierte im Umfeld der Vertreter von Pulp und Trash.“ Seine Vorliebe für Drastisches und Schrilles begleitete auch sein Debüt als Autor. Sie ist auch in diesem Buch zu spüren, in einer oft zotigen Sprache und derben Sprüchen. Trotzdem, diese italienische Milieustudie hat’s ins sich – und liefert auch so manches, das nachdenklich macht. Beispiel gefällig: „Ich bin allein unterwegs, gehe nach Belieben über Straßen und Gassen, mit hoch erhobenem Kopf und kräftigen Beinen, wie immer am frühen Vormittag. Was für ein Tag. Was für eine Sonne. Herrlich, sie ist weiß und steht tief am Himmel, kristallklar wie die Luft. Eine freundliche und widerwärtige Sonne, genauso wie das Lächeln der unbekannten Personen, denen ich auf der Straße begegne. Ich erwidere es mit einem freundlichen Nicken, man lächelt mich an, weil ich ein eleganter, gut gekleideter älterer Herr mit verlorenem Blick bin. Ich flehe Sie an: Lächeln Sie niemals einen Herrn an, bloß weil er silberweiße Haare hat und gut gekleidet ist. Niemals. Nicht einmal, wenn er einen gebrechlichen, mumifizierten Eindruck erweckt. Nicht einmal, wenn er wackelige Beine hat. Lassen Sie ihn in Ruhe. Vielen Dank.“


Hippie Trails: Reiselegenden und ihre Geschichte
Hippie Trails: Reiselegenden und ihre Geschichte
von Detlef Fritz
  Broschiert
Preis: EUR 10,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Legenden und Klischees, 6. Mai 2014
„Reisen war in jeder Form schon immer ein Beitrag zur Globalisierung, am Ballermann der Pauschaltouristen wie auch auf dem Hippie-Trail der Globetrotter“, schreibt Detlef Fritz im Nachwort zu seinem Buch „Hippie Trails“, in dem er so manche Legende entzaubert und so manches Klischee festklopft. Die Tatsache, dass die frühen Rucksackreisenden, die Hippies und Globetrotter, den Weg für die Pauschaltouristen bereiteten, ist sattsam bekannt. Und dass die wenigsten der mit viel Naivität ausgestatteten Reisenden auf dem legendären Hippie-Trail von Istanbul nach Kabul das große Glück fanden, ebenfalls. „Die größten Reiselegenden kommen ohnehin weitgehend aus dem Reich der Fantasie“, schreibt der Autor und macht sich daran, so manche dieser Legenden zu entzaubern. Die von den nomadisierenden Freigeistern etwa, die überall zu Hause waren und mit ihrem Freiheitsideal auch die Einheimischen ansteckten. Fritz ist bitter aufgestoßen, dass die „vermeintlich freiheitsliebenden Reisenden“ sich Länder aussuchten, die „von den finstersten Diktaturen regiert wurden“: das autoritäre Königreich Marokko, das Franco-Spanien und das von einer Militärjunta geknechtete Griechenland. Es waren wohl nicht nur die spießigen Pauschaltouristen, die ohne jedes politische Bewusstsein reisten. Und heute hat seiner Meinung nach die Um- und Mitweltdebatte längst auch die Reiseunternehmen – und damit auch den Massentourismus - in die Pflicht genommen.
Klar wird bei der Lektüre, dass auch die frühen Globetrotter am liebsten unter sich blieben, dass sie den einheimischen Alltag aus einer eher rosarot gefärbten Brille betrachteten – nicht anders als die verachteten „Massentouristen“. „Der Globetrotter hat so wenig Grund, sich vom Touristen abzugrenzen, wie der von Selbstzweifeln geplagt Pauschalurlauber Anlass hat, bewundernd zum Globetrotter aufzuschauen“, folgert Fritz. Dass er sich mit ein paar eingestreuten Erlebnissen als ehemaliger Globetrotter outet, macht solche Einsichten glaubhaft; praktisch sind die optisch abgesetzten Tipps zum Reiserecht, zum Reiseknigge und für Restaurants und Cafés mit Geschichte. Fazit: Eine lesenswerte, munter geschriebene Bestandsaufnahme übers Reisen.


Unterhaltung: Geschichten
Unterhaltung: Geschichten
von Friedrich Ani
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

4.0 von 5 Sternen Die da unten, 31. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Unterhaltung: Geschichten (Gebundene Ausgabe)
Seine Tabor-Süden-Krimis sind mehrfach ausgezeichnet. Nun hat sich Friedrich Ani einem oft vernachlässigten Genre genähert - der Kurzgeschichte. Im Epilog, den er dem uruguayischen Autor Juan Carlos Onetti gewidmet hat, kann man nachlesen, welch hohen Anspruch er an sich selbst hat und was ihn beflügelt. Wie die „onettianischen Prototypen“ zeichnet auch Anis Kurzgeschichten-Personal „ein hohes Maß an Verschlagenheit und Gier“ aus, sind seine Figuren „unermüdlich scheiternde, müde und zynisch gewordene Nachtgestalten“.
39 Kurz- und Kürzestgeschichten füllt der im malerischen Kochel geborene Schriftsteller in dem Sammelband mit dem eher irreführenden Titel „Unterhaltung“ mit bösen Geschichten vom Leben und Streben derer da unten.
Korrupte Polizisten, skrupellose Geschäftemacher, ernüchterte Kommissare, abgebrühte Kneipenwirte, frustrierte Frauen, abgetakelte Nutten: Es sind allesamt versehrte Menschen, die Anis Kurzgeschichten-Universum bevölkern. Manchmal gönnt er seinen Figuren einen Funken Mitleid wie in der Geschichte „Aschenputtel weint nicht mehr“: „Kein Königssohn kam, und ihr Herz hatte nicht mehr die Kraft zu warten.“ Und manchmal nur „eine Schrotthalde verrosteter Träume“. Einmal gönnt er Süden einen Auftritt und hin und wieder macht er einen der Anti-Helden zum kritischen Beobachter des verachteten Zeitgeists wie in „Der verzweifelte Erlöser“: „Ihn regte das auf, dass Friseure Monsterstars waren, obwohl sie einfach nur Haare schnitten, und das Köche Superhelden waren und einer von denen sogar bei McDonalds arbeitete , ohne dass er sich aus lauter Scham eigenhändig frittierte. Und dass Don Corleone im Vergleich zu Sepp Blatter Robin Hood war. Und dass 29-jährige Redakteurinnen alte Männer beleidigen durften und das für Journalismus hielten und Retourkutschen der alten Männer für Sexismus.“
Ani führt seine Leser in die schwärzeste Provinz und in die düsteren Hinterhöfe der Großstädte, dahin, wo das Leben weh tut und dahin, wo nur noch Gewalt hilft, die eingefrorenen Gefühle aufzutauen. Er führt Biedermänner vor, die aus Überdruss zu Mördern werden und Verzweifelte, die sich nach einem „Lichtblick im Weltall“ sehnen. Und immer wieder lässt er das Böse aus der Harmlosigkeit sprießen, überrumpelt die Leser mit mörderischen Gedanken in bürgerlichen Hirnen.


Kim und Struppi: Ferien in Nordkorea
Kim und Struppi: Ferien in Nordkorea
von Christian Eisert
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Im Orwell-Staat, 25. März 2014
Nein, an Hergés „Tim und Struppi“-Comics erinnert dieses Buch nur dem Namen nach, bei der Lektüre denkt man eher an Orwells beklemmende Zukunftsvision „1984“ über einen Staat, der seinen Bürgern all die Freiheiten vorenthält, die uns selbstverständlich sind. So ist es auch in Nordkorea, bis heute ein Land der Unfreiheit, der Unterdrückung, abgeschottet, hoch gerüstet, ein Atomstaat unter einem unberechenbaren Herrscher aus der Dynastie der Kims. Christian Eisert, TV-Autor und Satiriker, wollte es wissen und ist mit der befreundeten Fotoreporterin Thangh Hoang in das Land der Kims gereist – auf der Suche nach der Regenbogenrutsche, die ihm als jungem Pimpf in der DDR so imponiert hat.
Was die beiden so unterschiedlichen Reisenden, immer unter den wachsamen Augen ihrer beiden Guides und diverser Männer vom Geheimdienst, von Eisert Struppi genannt, erlebten, füllt 318 Seiten. Vieles weiß man inzwischen von den häufiger gewordenen Reisereportagen aus Nordkorea. Vieles erinnert an die ehemalige DDR, aber vieles ist in seinem Größenwahn und der Menschenverachtung absolut schockierend. Noch schockierender ist die Tatsache, dass viele Firmen mit dem international geächteten Regime scheinbar gute Geschäfte machen, auch deutsche Firmen, ja selbst die katholische Kirche. Sie ließ, das hat Eisert recherchiert, einen Kinder-Animationsfilm in Nordkorea zeichnen. Dass das „bizarrste Land der Welt“ auch bizarre Touristen anzieht, hat der Autor ebenso erlebt wie den Lagerkoller, den das ständige unter Beobachtung Stehen und das Gefühl des Eingesperrtseins hervorrufen können. Vor allem der vietnamesisch-stämmigen Fotografin macht die ewige Bevormundung zu schaffen. Während die Spannungen zwischen dem Reise-Duo auf eine Eskalation zusteuern, erzählt Eisert die spannende Geschichte, wie die Kims sich an die Macht putschten und wie die beiden Koreas immer mehr auseinander drifteten – ein literarischer Kunstgriff, der das Buch über die üblichen Reiseberichte hinaushebt. Auch die Schilderungen, was die Entmündigung schon in kurzer Zeit in den Köpfen der Touristen anrichtet und wie sich die Guides im engen Umgang verändern, sind unbedingt lesenswert.
Am Ende schunkeln Touristen und Guides in seliger Selbstvergessenheit zu der Melodie von Michael Holms Schlager „Tränen lügen nicht“. Die Rutsche hat Eisert übrigens nur im Vorüberfahren gesehen. Kennengelernt hat er ein Land wie ein fremder Planet. Und doch: „Bei allem Größenwahn und Elend, bei aller Angst und Brutalität, es leben, lieben, und lachen Menschen in Nordkorea.“


Freitags in der Faulen Kobra: Roman
Freitags in der Faulen Kobra: Roman
von Stefan Nink
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schnitzeljagd à la Siebeneisen, 17. März 2014
Mit „Donnerstags im fetten Hecht“ hat sich der Reisejournalist Stefan Nink eine große Fangemeinde erschrieben. Die Geschichte um den Lokalreporter Siebeneisen aus dem Örtchen Oer-Erkenschwick, der für seinen Freund Schatten weltweit Familienangehörige sucht, damit dieser sein Erbe antreten kann, hat mit ihrem schrägen Witz ebenso begeistert wie mit ihren intimen Kenntnissen der exotischen Ziele. Da profitierte Nink von seinen vielfältigen, den Globus umspannenden Reiseerfahrungen. Jetzt schiebt der vielfach ausgezeichnete Autor mit „Freitags in der Faulen Kobra“ eine nicht minder amüsante Fortsetzung nach. Wieder muss Siebeneisen auf Weltreise gehen, diesmal um einem indischen Maharadscha zu helfen. Er soll die Bruchstücke einer magischen Statue des indischen Elefantengotts Ganesh finden, die kein Geringerer als der legendäre James Cook an allen möglichen Ecken unserer Erde versteckt hat. Und wieder heckt der sparsame Freund Wipperführth die Route aus, die Siebeneisen so einiges zumutet, ihm aber auch Gelegenheit gibt, mit seiner Geliebte, der Amerikanerin Lawn, gemeinsame Sache zu machen. Die schräge Schnitzeljagd, durch die Siebeneisen stolpert, gibt Stefan Nink reichlich Gelegenheit, übers Reisen zu philosophieren, von exotischen Gegenden zu schwärmen oder die Mühen der Wegfindung zu beschreiben und so manchen Reise-Mythos als solchen zu entlarven. Dazu kommen noch ein paar lehrreiche Lektionen zur Geschichte von James Cook, Plaudereien über Musikstile und eine ordentliche Prise Indien. Denn von dort, aus dem Teehaus „Zur faulen Kobra“, steuern Wipperfürth und der ihm zur Hilfe geeilte Freund Schatten Siebeneisens verrückte Reise. Natürlich endet alles nach fast 450 Seiten (und kleineren Längen) wieder im Fetten Hecht in Oer-Erkenschwick. Doch, weil der Lokalreporter trotz aller schlechten Erfahrungen schon bei der letzten Rückkehr „Hummeln im Hintern“ und „ein Kribbeln in den Füßen“ verspürt hatte, darf man sicher sein, dass es ihn bald wieder hinaustreibt in die weite Welt. War da nicht mitten im Buch die Rede von einer Kneipe mit einem tierischen Namen?


funny girl
funny girl
von Anthony McCarten
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Protest in der Burka, 3. März 2014
Rezension bezieht sich auf: funny girl (Gebundene Ausgabe)
Azime lebt in London, aber vom englischen Alltag bekommt sie wenig mit. Da, wo sie wohnt herrschen andere Sitten. Sitten, die ihre kurdischen Eltern und andere aus der alten Heimat mitgebracht haben.Wo man als Mädchen noch züchtig ein Kopftuch trägt und sich ohne Widerworte in eine von den Eltern arrangierte Heirat fügt. Doch Azime will nicht werden wie ihre Mutter und sie will nicht enden wie eine Schulkameradin, die wegen ihrer verbotenen Liebe vom Balkon der elterlichen Wohnung stürzte. Mord oder Selbstmord? Das Schicksal des Mädchens lässt Azime keine Ruhe. Über einen Freund, der selbst Außenseiter ist, kommt sie mit einer Schule für Comedians in Berührung. Bei ihrem ersten Auftritt, bei dem sie die Probleme einer Muslimin thematisiert, trägt sie eine Burka, um nicht erkannt zu werden und ihrer Familie keine Schande zu machen. Als ihre Identität enthüllt wird, ist nichts mehr in ihrem Leben so wie es war. Von den Eltern wird sie verstoßen, von Muslimen mit Morddrohungen verfolgt, von neidischen Kollegen verleumdet. Doch Azime setzt sich durch, und am Ende gelingt es ihr sogar, ihre Familie auf ihre Seite zu ziehen. Anthony McCarten zeichnet in seinem Roman „funny girl“ routiniert das Bild einer mutigen jungen Frau, die nicht nur gegen die Traditionen ihrer Familie antritt, sondern gegen eine Welt von Vorurteilen.


Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
von Thomas Meyer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Motti emanzipiert sich, 3. März 2014
Mordechai Wolkenbruch, Motti, genannt, wächst in einer jüdisch-orthodoxen Familie in Zürich auf. Willig unterwirft er sich dem Regiment der resoluten „mame“, bis sie ihn mit immer neuen „frojn“ nervt, die auf inakzeptable Weise der Mutter gleichen und so gar nicht der hübschen Mitstudentin Laura, in die sich Motti verguckt hat. Es kommt, wie es in einem Entwicklungsroman kommen muss. Motti emanzipiert sich und sagt es seiner mame ins schreckensstarre Gesicht: „Mir war jetzt nach einem eigenen Lebn“. Nicht einmal der Ausflug nach Israel zur Verwandtschaft hilft als Gegenmittel. Im Gegenteil, in Tel Aviv nascht der junge Jude vom Apfel der erotischen Freiheit. Ganz neue Möglichkeiten tun sich auf, als er sich mit einer modischen Brille und Jeans ausstaffiert und endlich Lauras Aufmerksamkeit erregt. Dass das Leben der gojim auch nicht so einfach ist, muss er schmerzhaft erfahren. Aber auch diese Erfahrung wird ihn nicht davon abbringen, seinen Weg zu gehen. Thomas Meyer, selbst Jude, hat mit seinem ersten Roman einen Überraschungserfolg gelandet. Zu Recht: Leichtfüßig kommt die Sprache daher – mit jiddischen Einsprengseln, die wunderbar zu den Klischees passen, mit denen Meyer gekonnt jongliert. Ganz nebenbei entwirft der Autor ein trotz aller Komik von Sympathie getragenes Porträt des jüdisch-orthodoxen Milieus in Zürich


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