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Lucas Schoppe

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Frau ohne Welt: Trilogie zur Rettung der Liebe von Bernhard Lassahn. Tel 1: Der Krieg gegen den Mann
Frau ohne Welt: Trilogie zur Rettung der Liebe von Bernhard Lassahn. Tel 1: Der Krieg gegen den Mann
von Bernhard Lassahn
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

34 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Krieg im Frieden, 3. Juli 2013
Die These, dass in den westlichen Gesellschaften ein beständiger, zäher Krieg gegen Männer geführt werde, steht im Zentrum von Lassahns großem Essay "Frau ohne Welt - Der Krieg gegen den Mann", der diese These in immer neuen Aspekten umkreist. Lassahn steht mit dieser Position nicht allein: Dass es einen „Krieg gegen die Männer“, einen „war on men“ gäbe, war gerade erst Thema eines viel zitierten und heftig angegriffenen Textes im Wall Street Journal, einer der wichtigsten Tageszeitungen der USA. Ganz ähnlich ist das Bild, dass eben erst die US-Psychologin Helen Smith in ihrem aufsehenerregenden Buch „Der Streik der Männer“ („Men on Strike“) zeichnet, in der sie westliche Gesellschaften als eine feindselige Umgebung für Männer beschreibt und so erklärt, warum immer mehr Männer sich aus gesellschaftlicher und familiärer Verantwortung zurückzögen – zum Schaden für alle.

Leben wir also tatsächlich in Kriegszeiten? „Wir können uns kaum vorstellen, dass es zwischen Frauen und Männern Krieg gäbe…(…) Der Krieg, in dem wir stecken, ist ein asymmetrischer und ein für viele unsichtbarer Krieg.“ (Lassahn, S. 8f.)

Lassahn bietet fast unüberschaubar viele Belege für männerfeindliche Positionen in Politik, Medien und Gesetzen. Er listet Buchtitel auf, die Männer durchweg als dumm, gewalttätig, liebesunfähig, nutzlos, ja lebensunwert darstellen (S. 33f.), zeigt am Beispiel der Gender-Forscherinnen Ingelore und Isabel Welpe die Position einer „female supremacy“, die Männer faktisch zu Untermenschen erklärt und dies im Rahmen der Gender Studies als seriöse Wissenschaft verkaufen kann (S. 35ff.).

Er erläutert, dass die Männerverachtung „von einer belächelten Minderheitenmeinung zur dominierenden Weltanschauung geworden“ sei (S. 40).

Er zeigt, wie feministische Sprachsteuerung die Ebene einer umfassenden menschlichen Gemeinsamkeit diffamiert und stattdessen auf einer Betonung der Geschlechterunterschiede besteht (S. 52 ff.) und „männerfreie Zonen“ (S. 72) schafft, arbeitet Gemeinsamkeiten von Sexismus und Rassismus heraus und zeigt, dass Sexismus, wenn er sich gesellschaftlich etabliert, „in die Selbstvernichtung“ führe (S. 62).

Er geht darauf ein, wie die Politik des „Gender Mainstreaming“ 1995 bei der Weltfrauenkonferenz in Peking als elitäres, undemokratisches Programm etabliert und später ohne ernstzunehmende Aufklärung der Bevölkerung in nationalen Politiken durchgesetzt wurde (S. 106ff.) und wie die rot-grüne Regierung das sogenannte „Gewaltschutzgesetz“ zu Beginn des Jahrtausends als Gesetz etablierte, das die Unschuldsvermutung zu Lasten von Männern aushöhlte und es ermöglichte, sie ohne Beweise von Übergriffen aus den gemeinsamen Wohnungen zu vertreiben.

„Man kann den Frauen von Rot-Grün, die dieses Gesetz durchgebracht haben, den Vorwurf nicht ersparen: Sie haben getreu der feministischen Unart des Wegguckens gehandelt, und alle Forschungen, die belegten, dass häusliche Gewalt zu gleichen oder sogar zu größeren Teilen von Frauen ausgeht, unter den Tisch fallen lassen. Sie kannten die Studien. Sie wussten, was sie tun.“ (S. 150)

Am Grundsatzprogramm der SPD und dem berüchtigten Satz, die männliche Gesellschaft müsse überwinden, wer die menschliche Gesellschaft wolle, verdeutlicht Lassahn dann, warum er dem Feminismus einen Vernichtungswillen unterstellt:

„Die Gemeinschaft, die für sich selbst die ‚Menschlichkeit‘ in Anspruch nimmt, will sie (die Männer) nicht. So wird mit der Sprache das Männliche vom Menschlichen getrennt. Als ich dem Feminismus (…) einen Vernichtungswillen bescheinigte, mag das noch übertrieben gewirkt haben. Das ist es aber nicht. Der Vernichtungswille ist real.“ (S. 162)

Natürlich lässt sich auch hier wieder fragen, ob nicht eben diese Position übertrieben ist. Feindseligkeiten gegen Männer, auch gegen alle Männer, lassen sich sicherlich in vielen Statements von Politikerinnen, Journalistinnen, Lobbyistinnen und ihren männlichen Bündnispartnern finden, auch in gesetzlichen Regelungen – aber „Krieg“? „Vernichtungswille“? Was rechtfertigt diese Wortwahl?

Lassahn zitiert den Richter Harald Schütz: „‘In unserem Rechtsstaat kann es Menschen, weit überwiegend Vätern, widerfahren, dass gegen ihren Willen und ohne ihnen anzurechnendes schuldhaftes Verhalten ihre Ehen geschieden, ihnen ihre Kinder entzogen, der Umgang mit ihnen ausgeschlossen, der Vorwurf, ihre Kinder missbraucht zu haben erhoben und durch Gerichtsentscheid bestätigt und sie zudem durch Unterhaltszahlungen auf den Mindestselbstbehalt herabgesetzt werden. Die Dimension solchen staatlich verordneten Leides erreicht tragisches Ausmaß und sollte seinen Platz auf der Bühne, nicht in unserer Rechtswirklichkeit haben.‘“ (S. 156)

Eben solche rechtlichen Rahmenbedingungen wären nicht möglich, wenn es lediglich um zivile Interessengegensätze zwischen Müttern und Vätern ginge, die auch prinzipiell zivil moderiert werden könnten. Sie sind nur möglich als Resultat einer Politik der erbitterten Feindschaft, die nicht einmal mehr momentelang bereit ist, Situationen auch aus der Perspektive der Bekämpften zu betrachten. So ist es sehr schlüssig, wenn Lassahn schon zu Beginn seines Buches die Goldene Regel zitiert („Was du nicht willst, was man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu.“, S. 21) und ihren Bruch als „Zivilisationsbruch“ darstellt.

Das ist treffend. Eine politische Position, die eine zivile Gemeinsamkeit von Männern und Frauen verneint, die gesellschaftliche Bedingungen schlankweg und ausgerechnet als „Patriarchat“, also als „Väterherrschaft“ beschreibt, zivile Ordnungen als scheinhaft darstellt und behauptet, dass sie – sei es in der Sexualität, im Familienleben, in der Berufswelt, in der Kommunikation oder der Politik – grundsätzlich von Gewalt und Machtausübung geprägt sei, die natürlich immer nur von einer, der männlichen Seite ausginge: Eine solche Position entwirft tatsächlich eine Kriegslogik.

Wer aber an solchen Bedingungen etwas ändern möchte, wird kaum ausgerechnet bei denjenigen Gehör finden, die diese Kriegslogik entwickeln, sie propagieren und ihr selber folgen. Wer etwas ändern möchte, muss Menschen ansprechen, die das Verhältnis der Geschlechter NICHT im Lichte einer Freund-Feind-Logik betrachten und betrachten wollen. Lassahns Buch, das inhaltlich klar und scharf, im Ton und in der Zielsetzung allerdings nirgendwo kriegerisch ist, entwickelt ein gutes Muster dafür.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 19, 2013 2:35 PM MEST


Common One
Common One
Wird angeboten von Side Two
Preis: EUR 27,62

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Herz seiner Musik..., 16. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Common One (Audio CD)
Das ist die LP, die mich zum Van Morrison-Junkie machte. Sie kommt ganz unaufgeregt daher, ruhig, mit großer Selbstverständlichkeit, meditativ, in ihren besten Passagen (in "Haunts of Ancient Peace", "When Heart is Open" und insbesondere im grandiosen "Summertime in England") tranceartig. Das, was diese Musik so fantastisch macht, ist vielleicht eben das, was manchen den Zugang zu ihr erschwert. An keiner Stelle spekuliert sie auf einfache Wirkungen, biedert sich gar an, sie kommt so daher, als sei es gar nicht wichtig, ob sie ihre Hörer und Hörerinnen umhaut oder kalt lässt: "It ain't why, it just is" aus "Summertime in England" ist einer der Schlüsselsätze dieses Albums.

Niemals vorher und niemals nachher, nicht auf "Astral Weeks" oder "Veedon Fleece" oder dem ebenfalls grandiosen späteren Doppelalbum "Hymns to the Silence", wirkt ein Album von ihm so sehr, als ob Van Morrison hier eben die Musik machen würde, die er immer schon machen wollte - als wäre er (um das ausnahmsweise mal etwas esoterisch auszudrücken) ganz bei sich.

Dabei speist sich diese Musik natürlich aus vielen Einflüssen, literarischen (T.S. Eliot, James Joyce,...), philosophischen (z.B. dem Stream of Consciousness-Konzept von William James) und natürlich musikalischen - aber sie macht sich diese Einflüsse mit großer Selbstverständlichkeit zu eigen, verbindet sie zu etwas Neuem... Erst spät habe ich beispielsweise gemerkt, woher Morrison eigentlich die phantastischen Bläsersätze hat, nämlich von Curtis Mayfield ("There's No Place Like America Today", man beachte insbesondere das wunderschöne "So In Love"...) - aber das ist kein Vorwurf: Es gibt kaum eine bessere Musik, von der man sich Bläsersätze abschauen kann, und sie sind in Morrisons Musik so selbstverständlich integriert, als gehörten sie immer schon dahin.

"Can you feel the silence" - auch das ist ein Schlüsselsatz, ebenfalls aus "Summertime in England". Auf einem Konzert hat Van Morrison einmal sein Publikum gebeten, ganz ruhig zu sein....und als dann schließlich tatsächlich all die Menschen, die zuhörten, still waren...und nichts mehr zu hören war...sagte er, dass in dieser Stille das Herz seiner Musik hörbar sei.

Das ist ein Generalthema in der modernen Musik überhaupt, immer und immer wieder auf verschiedene Weise durchgespielt - Musik, um die Stille hörbar zu machen. Aber bei Van Morrison kommt dieses anspruchsvolle, natürlich auch widersprüchliche Konzept daher, als ob es schon uralt wäre ("Ancient...") und als ob es völlig selbstverständlich sei.

Ganz ehrlich: Dieses Album ist ein Wunder. Und ich glaube, tatsächlich das Herz von Van Morrisons Musik.


Das Glücksprinzip
Das Glücksprinzip
DVD ~ Kevin Spacey
Preis: EUR 10,49

7 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Kitsch und Erlösung, 29. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Das Glücksprinzip (DVD)
Man muss schon am Ende anfangen, wenn man erklären will, warum dieser Film so schlecht ist. (Also: Spoiler-Alert) Ohne nachvollziehbaren Zusammenhang mit dem Rest der Handlung wird der zwölfjährige Protagonist Trevor (Haley Joel Osment) getötet. Ein sinnloses, aufgesetztes Ende von gefühlloser und zynischer Gefühligkeit: "Hey, lass uns zum Schluss den Jungen mal abstechen, die Leute werden heulen ohne Ende."
Dabei hat der Film mit Trevors Plan, den er für ein Social Studies-Projekt entwickelt, eine interessante Grundidee - gute Taten nach dem Prinzip eines Kettenbriefs. Und es ist eine der wenigen tatsächlich anrührenden Szenen des Films, wenn ein Reporter der Mutter mitteilt, dass Trevors "movement" bereits die großen Städte der Westküste erreicht hat - aber weder die Mutter noch der Junge überhaupt gewusst haben, dass er eine solche Bewegung ausgelöst hat.

Ansonsten ist der Film jedoch, mit der ekligen Steigerung am Ende, wie aus einem Mobilbaukasten mit Kitschelementen aufgebaut: alkoholkranke, aber herzensgute alleinerziehende Mutter (Helen Hunt), einfühlsamer, aber traumatisierter Lehrer (Kevin Spacey), der ganz langsam eine Beziehung zu der Mutter und zu Trevor aufbaut - und eben Trevor, der im emotionalen Elend aufwächst, aber dabei eine Idee hat, die die Welt verändern kann. Vielleicht erklärt auch dies das absurde Ende - die seltsame Überzeugung, dass zur Welterlösung irgendwie ein Menschenopfer dazugehört.
Die guten Schauspieler retten den Film nicht, sondern machen ihn nur noch unstimmiger - und lösen leichte Gefühle von Mitleid und Fremdscham aus, wenn man sich fragt, welcher Teufel sie eigentlich geritten hat, bei so etwas mitzumachen.

Besonders ärgerlich sind dabei die Geschlechterklischees: Alkoholkrankheit hin oder her, die Mutter sorgt selbstverständlich liebevoll und hart arbeitend für ihr Kind, nur der Vater (Jon Bon Jovi!) ist ein Problem - erst hat er sich aus dem Staub gemacht, und als er wiederkommt, ist er gewalttätig. Man weiß ja, wie Väter so sind. Auch dem Lehrer, Mr. Simonet, hatte übrigens sein eigener gewalttätiger Vater seine entstellenden Brandwunden zugefügt (im Buch sind sie noch Folgen des Einsatzes in Vietnam, aber den Filmverantwortlichen lag offenbar viel am Motiv des brutalen Vaters).
Und so lernen wir: Männer, insbesondere Väter, sind prinzipiell gewalttätig und verantwortungslos, aber es gibt ein paar, die anders sind (Trevor, Simonet) - nur sind sie leider zu schwach, sich gegen die bösen Männer wirklich durchsetzen zu können. Und so passt denn Trevors Tod am Ende doch noch zum Rest dieses ideologischen Films - schließlich wird er von ein paar Schulhofbullies getötet, die praktischerweise auch noch wie Latinos aussehen, so dass sich Sexismus, Rassismus und Sentimentalität schließlich auf Trefflichste miteinander verbinden lassen.

Wenn nur durch so einen Mist Erlösung möglich ist, dann ist es entschieden besser, unerlöst zu bleiben.
Und menschlicher.


Männerkrankheiten: Schmutzblindheit, Mitdenkschwäche, Einkaufsdemenz und weitere unheilbare Leiden unserer echten Kerle
Männerkrankheiten: Schmutzblindheit, Mitdenkschwäche, Einkaufsdemenz und weitere unheilbare Leiden unserer echten Kerle
von Hanna Dietz
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ein Buch über Frauen, 23. September 2012
Eine Sammlung von gängigen Stereotypien über Männer, alphabetisch geordnet, erfolglos um witzige Präsentation bemüht. Ganz sicher haben Männer auch ähnlich entwertende Stereotypien über Frauen im Kopf, verbreiten sie an Stammtischen und Arbeitsplätzen und erwarten von den Frauen, dass diese die Aggressionen in diesen Klischees doch bitteschön mit etwas Humor nehmen sollten. Allerdings würden Männer wohl niemals eine fein säuberlich alphabetisch geordnete Sammlung solcher Entwertungen an die Spitze der Bestsellerlisten kaufen.

Warum also ist solch eine primitive Sammlung so erfolgreich? Vermutlich, weil jede Entwertung der Männer unterschwellig, aber durchaus deutlich eine entsprechende Aufwertung von Frauen impliziert. Männer sind, das lernen wir (aber die gute Frau Dietz und ihre Leserinnen WISSEN das ja eigentlich schon), faul, unsensibel, fett, schmutzig, verantwortungslos, egoistisch, etc., mit einem Wort: KRANK - also sind Frauen selbstverständlich fleißig, sensibel, schlank, sauber, verantwortungsvoll, sozial und altruistisch, summa summarum GESUND (abgesehen natürlich von der Tatsache, dass sie sich aus unerfindlichen Gründen noch immer für Männer interessieren). In anderen Zusammenhängen würde man solche primitiven Konstruktionen als "Hate Speech" brandmarken, beim Ullstein-Verlag geht es als Komik durch.

Die einzige ernsthafte Frage, die der Text aufwirft, ist: Was ist mit den Frauen los, die ein solches Buch gerne lesen? Die es nötig haben, ihr eigenes Selbstbewusstsein aufzupolieren, indem Männer ermüdend auf über 200 Seiten primitiv abgewertet werden? Die es brauchen, ihre Aggressionen, durchaus auch ihren Hass als "Humor" zu verklären (obwohl es in diesem Buch nun wirklich nichts zu lachen gibt)? Die dabei die Bestätigung brauchen, dass es Hunderte, ja Tausende anderer Frauen ebenso tun?

Tatsächlich also hat Frau Dietz nur vordergründig ein Buch über Männer geschrieben - eigentlich ist es eines über Frauen (nicht über alle, aber offenkundig über viel zu viele). Und als solches ist es durchaus vernichtend: Es spekuliert kühl auf primitive Impulse seiner Leserinnen und hat großen Erfolg damit.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 30, 2012 5:56 PM CET


Lenz: Studienausgabe mit Quellenanhang und Nachwort
Lenz: Studienausgabe mit Quellenanhang und Nachwort
von Georg Büchner
  Taschenbuch

15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wahnsinn und Wahrheitsliebe, 13. Februar 2008
Was Büchners "Lenz" uns heute zu sagen hat

Büchners Lenz, das ist die Geschichte eines verrückten, früh verstorbenen Dichters aus dem 18. Jahrhundert, erzählt von einem anderen früh verstorbenen Dichter aus dem 19. Jahrhundert. Warum nur sollten wir eine solche Geschichte lesen? Haben wir nicht genug zu tun mit Terrordrohungen, Debatten um Mindestlohn und kriminelle ausländische Jugendliche, mit Dieter Bohlens telegenen Pöbeleien, mit Uri Gellers telepathischen Nachfolgern und unerwarteten Krankheitsfällen im Dschungelcamp? Bei einer Straßenumfrage jedenfalls würden die meisten mit dem Namen "Lenz" (und wohl auch mit dem Namen "Büchner") kaum etwas anzufangen wissen, einigen würde vielleicht noch ein alter Klassiker der Comedian Harmonists einfallen ("Veronika, der Lenz ist da"), und wohl nur ein paar niedersächsische Oberschüler würden an eine der wichtigsten Erzählungen der deutschen Literatur denken - in Niedersachsen nämlich gehört der Text zu den Vorgaben für das Zentralabitur.
Aber warum überhaupt "eine der wichtigsten Erzählungen"? Was hat uns, den Bürgern und Bürgerinnen des 21. Jahrhunderts, dieser Text zu sagen?
Auffällig ist, bei unbefangenem Lesen, zunächst einmal, mit welcher Genauigkeit und Selbstverständlichkeit Büchner von einem psychischen Verfallsprozess erzählt. Da wird keine schnelle Diagnose gestellt ("Der junge Mann leidet offensichtlich unter schizophrenen Schüben." - "Nein, Herr Kollege, es liegen eindeutig Symptome einer Borderline-Störung vor."), und es werden auch keine plakativen politischen Thesen formuliert (so wie es einst, nämlich in den 60er und 70er Jahren, modisch war zu behaupten, verrückt gemacht würden Menschen nur durch die Gesellschaft). Der Erzähler begleitet einfach den jungen Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz bei seinem historisch verbürgten Aufenthalt beim fürsorglichen Pfarrer Oberlin in den Vogesen und berichtet davon nüchtern, stellenweise fast lakonisch ("So lebte er hin" ist der berühmte letzte, ebenso sachliche wie niederschmetternde Satz des Textes). Auf Oberlins Bericht wiederum stützt sich Büchner in seiner Erzählung, greift also auf eine schon vorliegende Fallstudie zurück.
"Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was besseres klecksen, unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen." So formuliert Lenz in Büchners Erzählung sein dichterisches Credo, und für Büchner ist er damit zugleich ein Sprachrohr. Denn der klingt in einem Brief an die Familie (vom 28. Juli 1835) fast genauso wie sein Protagonist: "Wenn man mir übrigens noch sagen wollte, der Dichter müsse die Welt nicht zeigen wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte ich, daß ich es nicht besser machen will, als der liebe Gott, der die Welt gewiß gemacht hat, wie sie sein soll." Was das bedeutet, das lässt Büchner wiederum seinen Lenz erklären, wenn dieser über seine Stücke "Der Hofmeister" und "Die Soldaten" spricht. Idealistische Gestalten (wir können hier an Schillers Figuren denken) seien nur Holzpuppen, die Menschen in seinen eigenen Stücken jedoch seien "die prosaischsten Menschen unter der Sonne; aber die Gefühlsader ist in fast allen Menschen gleich, nur die Hülle mehr oder weniger dicht, durch die sie brechen muß. Man muß nur Aug und Ohren dafür haben."
Was Büchner hier seinen Lenz formulieren lässt, diese dichterische Leitlinie einer strikten Wahrheits- und Wirklichkeitstreue, ist also zugleich Ausdruck eines tiefen Respekts vor dem Leben von Menschen. Auch und gerade die sozial Deklassierten (so wie Lenz' Hofmeister oder Büchners Marie), auch die Ver-rückten (so wie Lenz selbst oder Büchners Woyzeck) sind würdige literarische Gestalten, sie haben ihren eigenen Wert.
Im Vergleich mit der ernsthaften, humanen Wahrheitsverpflichtung Büchners wird uns heute augenfällig, wie sehr es bloß hohle Attitüde ist, wenn in Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" unbedarfte Kandidaten vorgeführt, lächerlich gemacht und beschimpft werden und wenn der am lautesten attackierende Juror dies auch noch schlankweg damit begründet, dass den Menschen eben "die Wahrheit" gesagt werden müsse. Bei Büchner steht Wahrheitstreue nicht im Widerspruch zur Mitmenschlichkeit, sondern ist eine Bedingung dafür.
Das ist auch der Grund, weshalb er nicht einfach eine Geschichte imaginiert, sondern auf die Geschichte eines realen, unglücklichen Menschen zurück greift.
Wie er dies tut, das ist bei näherem Hinsehen hochaktuell. "Es war ihm dann, als existiere er allein, als bestünde die Welt nur in seiner Einbildung..." Der junge, hochbegabte Dichter Lenz ist so isoliert, dass er keinen tragfähigen Kontakt mehr zu der Welt hat, in der er lebt. Er findet keinen Platz in ihr. Die einzige intime Beziehung zu einem Menschen, von der er berichtet, ist die zu Friederike, die zuvor Goethes Geliebte war. Doch gerade diese Beziehung ist von massiven Schuldgefühlen geprägt, von der fixen Idee, der Mörder der jungen Frau zu sein. Zudem wird uns, die wir den Text lesen, niemals klar, ob diese Beziehung nicht insgesamt nur in der Phantasie des Lenz existierte.
In seiner Isolation kippt es ihm sogleich in religiöse Größenphantasien um, wenn er aus Mitleid, aus Liebe zu den Menschen seiner Umgebung agiert. Er versucht - die Auferweckung des Lazarus vor Augen - ein junges Mädchen, das gestorben ist, wieder zum Leben zu erwecken, und fällt in tiefe Verzweiflung, als ihm diese Jesus-Kopie misslingt.
Was aber isoliert ihn so sehr?
Einen Hinweis gibt die Ankunft eines Bekannten, der den jungen Lenz im Auftrag des Vaters nach Hause zurück holen soll. Er solle doch einsehen, "wie er sein Leben hier verschleudre, unnütz verliere, er solle sich ein Ziel stecken und dergleichen mehr." Lenz gelingt es nicht, sich in eine geordnete bürgerliche Existenz einzupassen, und er versucht es nicht einmal.
Tragisch ist dies vor allem deshalb, weil er zugleich an ein Versprechen glaubt, das ein zutiefst bürgerliches ist - nämlich an das Versprechen des Aufstiegs durch Bildung. Der historische Lenz hat, ganz wie seine Theaterfigur des Hofmeisters Läuffer, die Erfahrung gemacht, dass ihm all seine Bildung, seine Begabung, seine Arbeit an sich selbst nichts nützt, dass ihm all dies keine sichere bürgerliche Position garantieren kann. Wie Läuffer hat auch Lenz als Hofmeister gearbeitet, nämlich als Lehrer in der Position eines Bediensteten in einer adligen Familie.
Er hat also ein großes Bildungskapital angesammelt, kann mit diesem Kapital aber eigentlich nichts anfangen. Die Ständegesellschaft, in der er lebt, hält keinen angemessenen Platz für ihn bereit. Mit all seinem Wissen, mit all seiner literarischen und philosophischen Bildung kreist er am Ende allein um sich selbst.
Und dies ist auch heute noch eine Provokation. Auch heute noch gilt das Versprechen, durch Bildung, durch jahrelange gewissenhafte Arbeit an sich selbst und den eigenen Fertigkeiten sei es möglich, eine gesicherte und angemessene bürgerliche Existenz aufbauen zu können. Auch heute noch aber machen viele Universitätsabgänger die Erfahrung, dass sie eigentlich nicht gebraucht und bestenfalls für schlechtbezahlte Praktikumstätigkeiten benötigt werden. Und aus allen Statistiken wissen wir, dass Bildungserfolg keineswegs nur von Intelligenz, Fleiß oder Leistung, sondern in erster Linie von der sozialen Position des Elternhauses abhängt.
So ist Büchners Lenz ein bemerkenswert aktueller Text. Wir können bei Büchner lernen, wie Wahrheitsliebe und Respekt vor den Menschen Hand in Hand gehen - und wir können lernen, wie es Menschen ergeht, denen zwar beachtliche Bildungsmöglichkeiten geboten werden, die aber zugleich in der Angst leben, dass sie womöglich keinen Platz finden in der Gesellschaft, in der sie leben und sich bilden.
Büchner hat also gerade uns sehr viel zu sagen.
Doch um zu erfahren, ob dies wirklich so stimmt, müssten wir vielleicht einmal ein paar niedersächsische Abiturienten fragen.


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