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Beiträge von Knöppler, Andreas
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Rezensionen verfasst von
Knöppler, Andreas
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Die magischen Kanäle, Understanding Media
Die magischen Kanäle, Understanding Media
von Herbert M. McLuhan
  Gebundene Ausgabe

3.0 von 5 Sternen Wertvolle Einsichten neben weltfremden Prognosen, 7. April 2014
Das vorliegende Werk ist eine umfassende Medienanalyse, welche die vielfältigen Merkmale, Funktionsweisen und Folgewirkungen der Medien untersucht: "Es erforscht die Grenzen unserer in den Techniken ausgeweiteten Menschennatur und sucht das Prinzip, mit dem jede von ihnen verständlich wird." (S. 18)

Alle Medien stellen Ausweitungen unseres Körpers, unserer Sinne und unseres Nervensystems dar, sind zugleich jedoch Dauerbelastungen unserer persönlichen Kräfte. McLuhan analysiert unter anderem folgende Medien: das gesprochene Wort, das geschriebene Wort, Straßen, Zahlen, Kleidung, Wohnung, Geld, Uhren, Buchdruck, Rad, Fahrrad, Flugzeug, Fotografie, Presse, Auto, Werbung, Spiel und Sport, Telegrafie, Schreibmaschine, Telefon, Grammophon, Kino, Radio, Fernsehen, Waffen, Automation. Er unterscheidet "heiße" Medien (z.B. Schrift, Radio, Film) - sie sind 'detailreich', erweitern nur einen Sinn und verlangen geringe persönliche Beteiligung - von "kühlen" Medien (Sprache, Telefon, Fernseher) - sie sind 'detailarm' und verlangen eine starke persönliche Beteiligung. Die Wirkungsweise der Medien ist völlig unabhängig von den mit ihnen transportierten "Inhalten", weswegen der Autor formuliert: "Das Medium ist die Botschaft". (S. 30)

Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern war für McLuhan die Initialzündung der westlichen Kultur. Alphabetisierung durchdrang alle Bereiche unseres Lebens. Folgen: Zerlegung beliebiger Prozesse, deren unbegrenzte Wiederholbarkeit und genaue Reproduzierbarkeit, Mechanisierung, Spezialisierung, intensivierte Arbeitsteilung, Distanz und Objektivität, Formulierung und Einnahme fester Standunkte, Zentralismus, striktes Kausalitätsdenken, Engführung der Rationalität auf uniformes, kontinuierliches, serielles Denken, besonders kontinuierliche Raum- und Zeitvorstellungen, starke Betonung des Visuellen und Ausschluß des auditiven und taktilen Menschentypus, Beschleunigung des Austausches und der Information, Auflösung der Stammesstrukturen, Entstehung von Individualismus und Nationalismus, Religionskriege, Profanierung der Bereiche der Natur wie der Macht.

Aber dieses "mechanische Zeitalter" wird jetzt durch das Zeitalter der elektronischen Medien abgelöst. Elektrizität, als Externalisierung unseres Zentralnervensystems, ist reine, inhaltslose Information, hebt die Faktoren Zeit und Raum im menschlichen Zusammenleben auf, wirkt "instantan" (augenblicklich) und erzeugt das Bewußtsein vollständiger Abhängigkeit von der Gesellschaft. Elektrische Medien sind total, allumfassend, dezentral, taktil und organisch. Sie bewirken ein den Erdball umfassendes Menschheitsbewußtsein. Das Elektronengehirn berechtigt uns sogar zu der Hoffnung auf physische Unsterblichkeit, allgemeines kosmisches Bewußtsein und eine menschliche Gesellschaft immerwährender Harmonie und ewigen Friedens. In der vor uns liegenden Epoche des "elektrisch gesteuertes Gemeinschaftsbewußtsein" erhalten die Schwachen und Notleidenden eine kraftvolle Stimme, und da zwischen Erzeugung und Verbrauch eine prästabilisierte Harmonie aller Wünsche und Bestrebungen hergestellt sein wird, werden sich Werbung, Arbeitslosigkeit, entfremdete Arbeit und Rüstungsindustrie "von selbst" erledigen.

Zweierlei fällt auf: McLuhan ist ein eher literarischer und assoziativer als systematischer Denker. Er argumentiert sprunghaft und referenziert zur Veranschaulichung seiner Thesen massiv Mythologen, Dichter, Schriftsteller, Psalmisten, Künstler, Musiker usw., was durchgängig unterhaltsam, teils erhellend, teils aber auch schwer nachvollziehbar ist. Und seine Darstellung zeichnet sich durch ein verblüffendes Nebeneinander wertvoller Erkenntnisse und absurder Deutungen und Prognosen aus. Er erkennt zum Beispiel richtig die Ambivalenz der propositionalen Symbol- und Satzsprache: Sie ist Speicher und Übermittler von Wahrnehmungen und Erfahrungen, drosselt und verzerrt jedoch zugleich diese Erfahrungen. (S. 216) Aber lesen Leser von Paperbacks tatsächlich langsamer und gründlicher als Leser festgebundener Bücher? (S. 492) Verlangen die Menschen seit dem Aufkommen des Fernsehens wirklich nach tieferem und umfangreicherem Wissen? (S. 500)

Die quasi-religiöse, heilsgeschichtliche Hochschätzung "elektronischer Medien" erscheint mir grob unangemessen. Sie ignoriert grundlegende anthropologische Konstanten: Sprachgrenzen, Dominanzhierarchien, Gruppenegoismus und die Unaufhebbarkeit sich verschärfender Werte- und Ressourcenkonflikte. Zutreffend dagegen ist, daß allen Medien ein Element der Effizienzsteigerung und Beschleunigung innewohnt. Lesern, die sich mit dem aktuellen Stand der Forschung zu diesen Themen vertraut machen möchten, sei dringend das Werk von Hartmut ROSA empfohlen: "Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne" (2005) Es ist der vorliegenden Arbeit unbedingt vorzuziehen!


The Psychology of Religious Mysticism. Routledge. 2013.
The Psychology of Religious Mysticism. Routledge. 2013.
von JAMES H.. LEUBA
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Frühe wissenschaftliche Kritik eines religiösen Phänomens, 9. Januar 2014
Dieses Werk aus dem Jahre 1923 ist eine kritische Analyse der religiösen Mystik. Die Methoden sind die der damaligen Psychologie. Der Schwerpunkt liegt auf der christlichen Mystik. Die erarbeiteten Erkenntnisse werden an zahlreichen Lebensläufen christlicher Mystiker veranschaulicht. "Mystik" ist für Leuba jegliche Erfahrung der Vereinigung des Ich mit einem Über-Ich (Gott, das Absolute, Weltgeist usw.) bzw. treffender: das, was der Erfahrende dafür hält.

Welche Motive führen einen Menschen zur Mystik? Anhand authentischer Texte läßt sich zeigen, daß dies folgende sind: Erlangung eines erhöhten und bereicherten Lebensgefühls; Befreiung von Schmerz; Vereinheitlichung der Persönlichkeit; Sehnsucht nach Überwindung der Trennung von Mitmenschen und Vereinigung mit ihnen.

Der Autor stellt zunächst physische und psychische Induktionsmethoden vor, benennt die Elemente der mystischen Erfahrung und thematisiert die Merkmale des Trance-Bewußtseins. Der Schwerpunkt seiner Untersuchung liegt jedoch erwartungsgemäß auf der Person des Mystikers. Dieser besitzt, wie alle anderen Menschen auch, grundlegende Bedürfnisse, etwa nach Selbstachtung, Selbstbehauptung und Liebe. Er ist hochsensitiv, hat Furcht vor Isolierung, Sehnsucht nach moralischer Unterstützung und strebt nach Universalisierung bzw. Sozialisierung seines individuellen Willens. Leuba glaubt, ihm außerdem eine Neigung zur Hysterie, angeborene geistige Labilität und ein abnormes Geschlechtsleben attestieren zu können.

Anhand medizinischen Schrifttums zeigt der Autor die hohe Affinität ekstatisch/mystischer Erlebnisse zu drogeninduzierten Halluzinationen und Pathologien wie Hysterie, Neurasthenie und Epilepsie, aber auch die Unterschiede zu ihnen: Die christlichen Mystiker standen nicht weltfremd "mit dem Absoluten und Ewigen in Verbindung", sondern erfüllten eine wichtige Rolle als geistliche Lehrer, Berater, Tröster und Inspiratoren der Jugend wie der Theologie. Sobald sie ihr Leben auf einem höheren Niveau reorganisiert und vereinheitlicht hatten, schritten sie in die Welt hinein und erwiesen sich als tatkräftige Männer und Frauen von nicht geringer Fähigkeit.

Doch wie verhält es sich mit der Authentizität der mystischen Erfahrung? Mystiker schließen aus der Intensität ihrer Erfahrungen auf die absolute Gewißheit der Existenz einer transzendenten, göttlichen Macht - und dieser Schluß ist illegitim! Subjektive Gewißheit ist kein Wahrheitsbeweis! Die "Charakteränderungen" der Mystiker, ihre "großen und edlen Gefühle" - sie alle können auch auf natürliche physische und psychische Ursachen zurückgeführt werden. Und umgekehrt gibt es auch nichtreligiöse Ekstasen, die durch Naturbetrachtungen, festliche Mahlzeiten, Liebe, Kunst, Musik, phantasievolle Vorstellungen usw. ausgelöst werden. Daß in der mystischen Ekstase Probleme gelöst werden, ist eine der wirkmächtigsten Illusionen der Menschheit.

Leuba macht auf Widersprüche und Inkohärenzen in der Mystik aufmerksam: die Unvereinbarkeit von Bewußtlosigkeit und "unvorstellbarer Freude" im Nirwana-Konzept, die Unvereinbarkeit der Passivität in der Trance mit aktiver Askese oder einem tätigen Leben in der christlichen Kirche. Er problematisiert Selbsttäuschungen, vor allem die Macht der Autosuggestion und unsere Neigung, "Wahrheit" nur dann anzunehmen, wenn sie mit unseren Wünschen und Erwartungen übereinstimmt. Und er richtet einen starken Fokus auf die Kontextabhängigkeit mystischer Erlebnisse. Mystische Erlebnisse sind nicht voraussetzungslos! Sie sind abhängig von einer Veranlagung (Temperament, Gesundheitszustand, Tagesform), einer spezifischen Erwartungshaltung und einem gesellschaftlichen Referenzrahmen (religiöse Sozialisation, Bildungsgrad, Bezugspersonen).

Dieser heute zu Unrecht in Vergessenheit geratene Klassiker der Religionspsychologie stellt eine bemerkenswerte Leistung wissenschaftlicher Aufklärung dar und sollte unbedingt "wiederentdeckt" werden. Da die hervorragende deutsche Übersetzung aus dem Jahre 1927 nur sehr mühsam antiquarisch zu beschaffen ist, empfehle ich zu dem schwierigen Feld der Religionspsychologie einige aktuellere Schriften: Neurologisch: SARGANT, William: "Der Kampf um die Seele" (1958); derselbe: "The Mind Possessed: A Physiology of Possession, Mysticism, and Faith Healing" (1974); sprachanalytisch: TUGENDHAT, Ernst: "Egozentrizität und Mystik: Eine anthropologische Studie" (2003); ideologiekritisch: TOPITSCH, Ernst: "Erkenntnis und Illusion: Grundstrukturen unserer Weltauffassung" (1988)


Die Vielfalt religiöser Erfahrung: Eine Studie über die menschliche Natur (insel taschenbuch)
Die Vielfalt religiöser Erfahrung: Eine Studie über die menschliche Natur (insel taschenbuch)
von William James
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Ein bedeutender Klassiker, 4. Januar 2014
Bei diesem Werk handelt es sich um eine Sammlung von zwanzig Vorträgen, die William James 1901/1902 im Rahmen der Gifford Lectures in Edinburgh gehalten hat. Es gilt als Klassiker der Religionspsychologie.

Obwohl James in seiner Definition einen Bezug auf "das Göttliche" einbringt, neigt er doch eher einer funktionalistischen Religionsauffassung zu: Mit "göttlich" sollen alle Letztbegründungen und Überzeugungen gemeint sein. Spezifisch religiöse Emotionen, Akte, Objekte gibt es für ihn nicht. Religion ist die Gesamtreaktion eines Menschen auf das Leben, vor allem eine Reaktion auf unsere Ohnmachtserfahrung sowie eine Antwort auf real vorhandene Bedürfnisse. Wichtige religiöse Funktionen wie Psychointegration, Kontingenzbewältigungspraxis und Komplexitätsreduktion thematisiert er ausdrücklich.

James geht in seiner Analyse von "religiösen Genies" aus, bei denen der religiöse Geist unverkennbar extrem auftritt, ein Ansatz, der heute als veraltet gilt. Sein methodologisches Instrumentarium: (1) unsere philosophischen Vorurteile, (2) unsere Instinkte, (3) unser gesunder Menschenverstand. Er unterscheidet einleitend zwischen Existenzurteilen (deskriptiv, z.B.: "Welches sind die religiösen Neigungen?") und Werturteilen (normativ, z.B.: "Was ist ihre philosophische Bedeutung?"). Beide Urteile können auseinander nicht deduziert werden. Im merkwürdigen Widerspruch zu dieser Einsicht weist er der "Wissenschaft der Religion" absurde Eingriffskompetenzen in die gelebte Religion zu. Beispielsweise glaubt er, sie könne dem Dogma und dem Kult die historischen Verkrustungen fortnehmen!

Der Autor steht in der Tradition des Pragmatismus von Charles Sanders Peirce. Religiöse Meinungen dürfen durchaus evaluiert werden, und zwar (unter anderem) nach dem Kriterium der "moralischen Nützlichkeit". Nicht ihr Ursprung, sondern ihre Auswirkungen sind das Wahrheitskriterium. Anhand ihrer Früchte ist eine Religion zu billigen oder zu verwerfen. Sind diese lebensdienlich, können wir sie akzeptieren, andernfalls: kurzer Prozeß!

Einige der von James problematisierten Themen: Ist Religion von physiologischen Bedingungen (z.B. dem Geschlechtstrieb) verursacht oder nur von diesen abhängig? Entwertet das die Religion? Er analysiert die innerpsychischen Ursachen der Religion, das in ihr gelebte Primat der Erfahrung, des Unbewußten und des Nichtrationalen und kontrastiert die "Religion der robusten Geistesart" (optimistische Lebensbejahung trotz aller Leiden) mit der "Religion der kranken Seele" (Leiden an den Übeln der Welt). Zur Erklärung des Phänomens der "Bekehrung" zieht er die psychologische Theorie des "Bewußtseinsfeldes" heran, das einen "subliminalen", jenseits dieses Feldes liegenden Bewußtseinsbereich postuliert. Umfangreich sind seine Ausführungen zur "mystischen Erfahrung", ihren Merkmalen, den verschiedenen Graden, in denen sie sich ereignet und der Bedeutung, welche diese Erfahrung für das Individuum hat. Er schließt mit einigen religionsphänomenologischen Betrachtungen - Institutionelle Religion, Ästhetik, Opfer, Sündenbekenntnis, Gebet - und erörtert kurz den Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft.

Obwohl dieser religionspsychologische Grundlagentext aus heutiger Sicht vom methodologischen Ansatz her fragwürdig ist, so bietet er doch eine Fülle tiefer und wertvoller Einsichten, die ihn immer noch zur Lektüre empfehlen. Zudem ist die durch zahlreiche anschauliche Fallbeispiele aufgelockerte Vortragsreihe leicht verständlich und ausgezeichnet zugänglich. Für Studenten der Religionswissenschaft ist die Schrift obligatorisch, doch auch für interessierte Laien ein großer persönlicher Gewinn.

Einen Einblick in die zeitgenössische Religionstheorie gewähren zum Beispiel folgende Werke: BOYER, Pascal: "Und Mensch schuf Gott" (2004); ATRAN, Scott: "In Gods We Trust: The Evolutionary Landscape of Religion (Evolution and Cognition)" (2002); THOMSON, J. Anderson: "Warum wir (an Gott) glauben: Eine kompakte Einführung in die Wissenschaft der Religion" (2013)


Evolutionary Psychology: The Science of Human Behavior and Evolution
Evolutionary Psychology: The Science of Human Behavior and Evolution
von Matthew J. Rossano
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Eine ausgezeichnete Einführung, 4. Januar 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Die vorliegende Einführung in die Evolutionspsychologie ist als Lehrbuch für amerikanische College-Studenten konzipiert.

Rossano beginnt mit dem geschichtlichen Hintergrund der Evolutionslehre, führt dann in Grundkonzepte der Disziplin ein (evolutionäre Landschaft, multimodularer Geist, Emotionen), erläutert Selbstverständnis und Methoden der Evolutionspsychologie sowie die Kritik an ihr und erörtert dann die bisher erarbeiteten Grundlagen zur menschlichen Evolution: Begrifflichkeit, Anpassung an wechselnde Umwelten, vermutlicher Evolutionsweg des Menschen von Australopithecinen über frühe und späte Homininen bis zum Homo sapiens.

Der zweite Hauptteil stellt die Forschungsergebnisse zu Ursachen und Folgen der Bipedalität sowie der zerebralen Voraussetzungen motorischer Kontrolle vor. Intentionale, geübte, verfeinerte Bewegungsabläufe (gezieltes Werfen, Werkzeugherstellung, mimetische Rituale) setzen deren bewußte Kontrolle durch die Frontallappen des Cortexes voraus. Anschließend führt der Autor in die Evolution und adaptive Funktion von Emotionen ein. Sie evolvierten in der Anthropogenese zur Verhaltenslenkung und Regulierung sozialer Interaktionen. Nur Menschen besitzen die Fähigkeit, Gefühle zu unterdrücken oder vorzutäuschen. Phobien, Depressionen, Sozio- und Psychopathie haben einen adaptiven evolutionären Hintergrund, der in der Gegenwart dysfunktional wird.

Im dritten Abschnitt zeigt Rossano, wie die Fähigkeit zur Kooperation uns sowohl konstruktive wie auch destruktive Macht verlieh. Er erforscht die Voraussetzungen der Reziprozität, die Bedeutung homininer Dominanzhierarchien und die Wege, auf denen kooperationsverweigernde Betrüger isoliert wurden. Zwischen Kooperationsfähigkeit und Gewalttätigkeit besteht ein enger Zusammenhang! In gleich drei Kapiteln wird die Evolution der Kooperation zwischen den Geschlechtern vorgestellt, und zwar sowohl aus männlicher als auch aus weiblicher Perspektive. Einige ausführlich erörterte Leitbegriffe: Elterninvestition, Fortpflanzungsstrategien, sexuelle Selektion, Geschlechterdimorphismus, abhängiger Nachwuchs, Vaterschaftsgewißheit, Fortpflanzungswert, Ressourcen, Status.

Rossano beschreibt die Dynamik innerfamiliärer Beziehungen: Geschwisterkonflikte, Stiefkinder, Kindstötung und stellt wesentliche entwicklungspsychologische Arbeiten vor, besonders hinsichtlich des Laufenlernens und des Spracherwerbs menschlicher Kinder. Diese sind fähig, Gesichter zu erkennen und andere Menschen als intentionale Akteure wahrzunehmen.

Im fünften Hauptteil wendet der Autor sich den höheren Fähigkeiten zu. Ist die menschliche Rationalität einzigartig? Primatologen haben Feldstudien getrieben und Laborversuche entworfen, um die intellektuellen Möglichkeiten und Grenzen von Schimpansen auszuloten. Ergebnis: Menschenaffen leben im "Hier und Jetzt". Sie können Wissen weder zeitlich integrieren noch "Theorien" darüber aufstellen, wie die Welt funktioniert.

Es folgt ein Überblick über die Evolution homininer Denkfähigkeiten anhand fossiler Werkzeugfunde: Oldowan-Werkzeuge, die nach langer Anleitung auch von Schimpansen gefertigt werden können, Acheuläische Werkzeuge, welche die Emergenz motorischer, kognitiver und kommunikativer Systeme voraussetzen, Oberes Paläolithikum: anspruchsvolle Kompositwerkzeuge, Ornamente und primitive Kunst. Zeitbewußtsein, abstraktes und fiktionales Denken sowie Zukunftsplanung treten auf. Analyse der sozialen Transformationen, die den menschlichen Geist hervorbrachten, etwa des kindlichen Spiels und der folgenreichen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern.

Ausgehend von einer sprachwissenschaftlich exakten Definition menschlicher Sprache fragt der Autor nach den Unterschieden zu den Tiersprachen. Es erweist sich, daß animalische Kommunikation stets an den emotionalen Zustand der Tiere gebunden und bei stark begrenztem Repertoire grundsätzlich gegenwartsbezogen ist. Anschließend erläutert er, wie die Fähigkeit zur bewußten motorischen Kontrolle entkontextualisierter Bewegungsabläufe Generativität, symbolische Vorstellungsfähigkeit, Selbstleitung und willentlichen Zugang zu den Inhalten des eigenen Geistes zur Folge hatte. Die Übermittlung aufrichtiger Information erhöhte den Status des Mitteilenden und war für Gemeinschaft wie Individuum vorteilhaft. Angesprochen werden ferner Rituale als wesentlichstes Element einander vertrauender Gemeinschaften sowie die Bedeutung der Gruppengröße für das Wachstum des Neokortex und die Entstehung unserer Vokalisationssprache. Betrachtungen über die Anatomie des Sprachtraktes runden das Kapitel ab.

Das Schlußkapitel erforscht die Genese der menschlichen Moral. Kooperatives Verhalten gibt es bei vielen Arten, aber alleine Menschen besitzen die Fähigkeit, sich geistig die Welt aus der Perspektive des Anderen vorzustellen. Das versetzt uns in die Lage, tiefere Empathie zu empfinden, aber leider auch entsetzlichere Grausamkeiten zu begehen als andere Tiere. Abschließend eine ausführliche Analyse der evolutionären Wurzeln der spezifisch menschlichen Eigenschaften des Selbstbewußtseins und der "Theorie des Geistes", und zwar unter Hinzuziehung primatologischer, paläoanthropologischer und entwicklungspsychologischer Studien.

Das Werk ist reichhaltig, anspruchsvoll und in gut verständlichem Englisch geschrieben. Jedes Kapitel enthält außerdem: Textmodule mit Zusatzinformationen, knappe Zusammenfassung, Schlüsselbegriffe, Verständnisfragen, Leseempfehlungen und sogar Netzverweise. Dazu: Glossar, Literatur-, Namens- und Sachverzeichnis. Vorgestellte Positionen werden grundsätzlich problematisiert: Was spricht gegen die Theorie? Gibt es noch andere Erklärungen? Wo liegen Widersprüche vor? Spekulation oder gesicherte Erkenntnis? Wo besteht weiterer Forschungsbedarf? Das Lehrbuch mag nach zehn Jahren etwas veraltet sein, aber mir ist kein vergleichbar umfassendes anderes Grundlagenwerk zur Evolutionspsychologie bekannt.


Der Kult mit der Schuld
Der Kult mit der Schuld
von Heinz Nawratil
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gegenwartsanalyse wider den Zeitgeist, 9. November 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Kult mit der Schuld (Gebundene Ausgabe)
Das vorliegende Werk ist der Versuch einer Bestandsaufnahme der deutschen Nachkriegsmentalität.

Bezugnehmend auf namhafte öffentliche Exponenten zeigt Nawratil zunächst, daß die formal bestrittene Kollektivschuld tatsächlich gültig ist und ihre Akzeptanz erwartet wird. Es ist ein 'negativer Nationalismus' entstanden, mit 'Auschwitz' als Gründungsmythos der BRD. Trifft dies zu, kann die Finalität dieses Staates nur darin bestehen zu verschwinden.

Nawratil führt die alliierte Kollektivbestrafung Deutschlands während und nach dem Zweiten Weltkrieg an, verortet die Wurzeln der Kollektivschuld im kollektivistischen Denken, während sich Individualschuld nur langsam durchsetzen konnte und zeigt die durchaus unterschiedlichen Positionen zur Kollektivschuld bei den Alliierten, dem EKD ("Stuttgarter Schuldbekenntnis"), der katholischen Welt und im humanistischen Judentum.

Der Autor zerpflückt die konkreten Schuldvorwürfe, welche die Kollektivschuldthese untermauern, anhand historischer Richtigstellungen und zeigt, wie "zweite Schuld" (Giordano) und "Erinnerungsarbeit" (Mitscherlich) zu einer Zivilreligion geführt haben, während alliierte Kriegsverbrechen ungesühnt und unbewältigt bleiben. Die Kollektivschuldthese erklärt die Phänomene einer Diktatur nicht wissenschaftlich (soziologisch, psychologisch, ökonomisch, historisch), sondern verlagert das Problem einfach auf die rassische Ebene. Die behauptete "Singularität" der 'deutschen' Verbrechen könnte nur im Vergleich erhärtet werden, und genau der unterbleibt.

Nawratil untersucht die Instrumentalisierung der "deutschen Vergangenheit" für Humanität und Moral, die Verzahnung von Schuldkomplexen, Selbsthaß und moralischer Desorientierung, den "selektiven Humanismus" unserer Gedenkstättenkultur, die Umdeutung des 8. Mai 1945 als "Befreiung", die Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts der Völker seitens der politischen Linken und deren folgenreiche Doppelmoral: Der absolute Maßstab "Holocaust" hat in der Praxis zu einer Trivialisierung aller übrigen Verbrechen geführt.

Des weiteren zeigt der Autor die Konsequenzen der "Vergangenheitsbewältigung": politische Handlungsunfähigkeit Deutschlands, geistigen Konformismus, Thementabuisierungen, Strategien der Ausgrenzung, Diskussionsverweigerung, politische Asymmetrie und absolute Deutungshoheit der politischen Linken nebst Entlegitimisierung der demokratischen Rechten, die Statistik-Manipulationen der "Verfassungsschutzberichte", die medial geschürte Massenhysterie "gegen rechts", die enge Verflechtung etablierter Politiker mit "autonomen" Antifaschisten und anderen linksextremen Kräften sowie den offenen Terror gegen Dissidenten und Oppositionelle.

Auch die kulturellen Folgen des 'negativen Nationalismus' werden unter die Lupe genommen: politische Instrumentalisierung der Goethe-Institute, absurde Anglizismen in der deutschen Sprache, deren Studium übrigens generell unter Faschismusverdacht steht, rigorose Ausgrenzung aller nicht-antideutschen Kulturschaffenden. Noch gravierender ist die Abschaffung des deutschen Volkes als Rechtssubjekt ("Bevölkerung") und sein Austausch gegen Fremde ("Einwanderung"). Nawratil widerlegt fundiert alle Argumente der Überfremdungseuphoriker. Ferner erörtert er die Benachteiligung Deutschlands in der EU, die anscheinend unabschließbaren Wiedergutmachungsforderungen und den zur Neurose verhärteten hochproblematischen deutschen Selbsthaß.

Ein intellektueller Höhepunkt ist das psychoanalytische Nachwort von Prof. Hubert Speidel. Hier wird erstmals aus einer nicht mit linker Ideologie imprägnierten Perspektive eine sozialpsychologische Deutung der deutschen Gegenwartsgesellschaft geleistet. Die überzeugende Erarbeitung der Ursachen, Hintergründe und pathologischen Folgewirkungen des Kollektivschulddenkens ist alleine schon die Anschaffung des Buches wert.

Weiterführend und ergänzend: KLEINE-HARTLAGE, Manfred: "'Neue Weltordnung' - Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie?" (2012); derselbe: "Die liberale Gesellschaft und ihr Ende: Über den Selbstmord eines Systems" (2013); BRAUN, Johann: "Wahn und Wirklichkeit. Über die innere Verfassung der Bundesrepublik Deutschland" (2008); GOTTFRIED, Paul Edward: "Multikulturalismus und die Politik der Schuld: Unterwegs zum manipulativen Staat?" (2004)
Kommentar Kommentare (9) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 15, 2013 6:18 PM CET


Multikulturalismus und die Politik der Schuld: Unterwegs zum manipulativen Staat?
Multikulturalismus und die Politik der Schuld: Unterwegs zum manipulativen Staat?
von Paul E Gottfried
  Gebundene Ausgabe

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Brillante Tiefenanalyse von Multikultur und "therapeutischem Staat", 9. November 2013
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Das vorliegende Werk ist der zweite Teil einer dreibändigen Studie über den "demokratischen Verwaltungsstaat", der durch egalitäre Erziehung und die Propagierung "wissenschaftlichen Denkens" gekennzeichnet ist. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es jedoch zu einem Paradigmenwechsel: "Durch seinen Zugriff auf die sozialen Sicherungssysteme und auf die Bildungseinrichtungen ist der heutige Staat in der Lage, das Verhalten seiner Bürger gemäß eigener Vorstellungen zu beeinflussen." (S. 5) Der Autor beabsichtigt eine Analyse der Motive und Interessen hinter dem "Kult mit der Schuld" in Europa und US-Amerika.

Ausgangspunkt ist die normative Weltdeutung der europäisch-abendländischen Gegenwart: (1) Zuschreibung aller gesellschaftlichen Übel - Sexismus, Homophobie, Sklaverei, Antisemitismus - an "weiße christliche Männer"; (2) Delegitimierung traditioneller sozialer und familiärer Konventionen; (3) Oktroyierung "universalistischer Ideale" wie "offene Gemeinschaften", "homosexuelle Familien", "pluralistische Strukturen" und vor allem "Multikulturalität" durch grenzenlose Zuwanderung aus Drittweltstaaten; (4) Kriminalisierung und Pathologisierung aller für "inakzeptabel" gehaltenen Positionen ("Political Correctness"). Als Ergebnis entstand der "therapeutische Verwaltungsstaat".

Gottfried kontrastiert zwei Demokratiemodelle: (1) selbstbewußte Völker regieren sich selbst; (2) Implementierung einer "Zivilgesellschaft", die durch Sozialingenieure mit "progressiven" Gesellschaftsideen gelenkt wird. Beide Sichtweisen existieren nebeneinander, sind aber miteinander unvereinbar! Er deckt die Widersprüche der Sozialpädagogen auf und entlarvt anschaulich deren Doppelmoral. Auf "Wahrheit" kommt es den Organen dieses Regimes (Politikern, Medien, Gerichten) nicht an: ideologisch "unerwünschte" Tatsachen sind unmaßgeblich!

Nach dem Untergang der Sowjetunion galt das Sozialismusexperiment zunächst als gescheitert, doch haben sich die sozialistischen Programme in den westlichen Industriestaaten in Richtung auf einen "universalen Wohlfahrtsstaat" entwickelt. Seine Kennzeichen: Schleifung von Autoritäten und Traditionen, radikaler Individualismus, selektive Anerkennung kollektiver Identitäten definierter "Opfergruppen". Während die alte Linke für drastische Umverteilung der Einkommen, Nationalisierung der Schwerindustrie und umfassende Sozialprogramme für die Arbeiterklasse stand, fordert die postkommunistische Linke offene Grenzen, Freihandel, sexuelle Selbstverwirklichung und die sukzessive Auflösung der westlichen Kultur im Zuge eines nicht enden wollenden Stromes von zuwandernden ethnischen Minderheiten. Zwischen dem Verwaltungsstaat und den Kräften der Kapitalakkumulation besteht kein Widerspruch, sondern ein Bündnis!

Aber warum akzeptieren die europäischen Mehrheitsbevölkerungen ihre kollektive Abwertung? Gottfried verortet die Ursache für deren negatives Selbstbild im liberalen Protestantismus Amerikas. Dieser sei grundlegend antihierarchisch angelegt und von der Überzeugung durchdrungen, daß die "Sünde" eine existentielle Komponente darstelle, die alles andere überschatte. Ausgehend von den sozialpsychologischen Folgen der calvinistischen Prädestinationslehre entstand in den USA eine "Viktimologie" in Verbindung mit einer "Feminisierung des Christentums": "Grundlegend für das religiöse Leben Amerikas ist die Verschmelzung eines opferzentrierten Feminismus mit den protestantischen Vorstellungen von Sünde und Erlösung." (S. 85) Gefördert wird die Theologie der Schuld durch kulturelle und historische Unbildung.

"Therapeutische Regierungsformen werden so verkleidet, daß ihr Gewaltpotential verschleiert bleibt." (S. 117) Deshalb reagieren die Mehrheitsbevölkerungen mit Gleichgültigkeit oder öffentlicher Unterstützung. Weltanschaulich gleichgeschaltete Massenmedien steuern kraft ihrer Deutungsmacht die Wahrnehmung. Gottfried zeigt, wie die von den Puritanern übernommenen Prinzipien der "frommen Gesellschaft, die sich von den Sündern deutlich abhebt" und der militanten christlichen Heidenbekehrung in säkularisierter Form die amerikanische Außenpolitik bestimmen und zu einer "Politik der Weltverbesserung", ja einer "theokratischen Politik" (Kissinger) führten. Die Übertragung der "fürsorglichen Verhaltenslenkung" auf Nichtwestler trifft bei diesen allerdings nicht immer auf die erhoffte Gegenliebe. In Europa gibt es wohl Gegner der Masseneinwanderung, aber sie konnten noch nirgends mehrheitsfähig werden. Dafür sorgen "sanfter Gegendruck" seitens der EU und anderer übernationaler Organisationen, ferner die politische, militärische und kulturelle Hegemonie der USA, die auch das moralische und begriffliche Monopol besitzen und nicht zuletzt ein immer noch beachtliches Wohlstandsniveau.

Neben den vom manipulativen Staat privilegierten Minderheiten selbst profitieren von der Zuwanderung vor allem Großfirmen und Wirtschaftsunternehmen, die mit niedrigen Löhnen und leicht zu disziplinierenden Arbeitern operieren können und linke Parteien, die sich aus der Dritten Welt ihre "zukünftigen Wähler" importieren. Aber es ist durchaus zweifelhaft, ob Multikulturalismus beispielsweise die Rechte der Frauen und ihre "Selbstverwirklichungsperspektiven" fördern wird. Viel wahrscheinlicher wird geschlechtsbetonte Unterdrückung zunehmen, wenn hispano-amerikanische Rassisten und mexikanische Irredentisten (USA) oder islamische Geistliche (Europa) die Macht übernehmen. Dann löst sich das therapeutische Verwaltungsregime auf - aber leider nicht nur das!

Weiterführend und ergänzend: KLEINE-HARTLAGE, Manfred: "'Neue Weltordnung‘ - Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie?" (2012); derselbe: "Die liberale Gesellschaft und ihr Ende: Über den Selbstmord eines Systems" (2013); BRAUN, Johann: "Wahn und Wirklichkeit. Über die innere Verfassung der Bundesrepublik Deutschland" (2008); NAWRATIL, Heinz: "Der Kult mit der Schuld: Geschichte im Unterbewusstsein" (2004²)


Wahn und Wirklichkeit: Über die innere Verfassung der Bundesrepublik Deutschland
Wahn und Wirklichkeit: Über die innere Verfassung der Bundesrepublik Deutschland
von Johann Braun
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,80

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ernüchternde Bestandsaufnahme, 8. November 2013
Dieses Buch ist eine auf die "innere Verfassung" der Bundesrepublik Deutschland abzielende Kulturkritik und Gesellschaftsanalyse. Nachdem der Autor seinen Ansatz - deskriptiv und weltverbesserungsabstinent - erläutert hat, stellt er zunächst den allgemeinen Tendenzen in der modernen Gesellschaft die distinguierenden Besonderheiten in unserem Lande gegenüber.

Braun ist Jurist und legt daher in seiner Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftsumbau einen stark rechtlichen Schwerpunkt. So zeigt er etwa, welche Konsequenzen die Abschaffung des Bürgers als selbstverantwortlichen und urteilsfähigen Rechtsgenossen und die Entstehung des unselbständigen, täuschungs- und irrtumsanfälligen, schutzbedürftigen Verbrauchers hatte.

Die historisch bedingte negative Haltung zur deutschen Identität ist mittelfristig mit der Fortexistenz Deutschlands schwer vereinbar. Unsere auswegslose demoskopische Situation ist dem Diktat ökonomischer Rationalität und dem Primat individueller Selbstverwirklichung geschuldet.

In weiteren Kapiteln entlarvt Braun den Prozeß der Entdemokratisierung und Entparlamentarisierung der repräsentativen Demokratie, die Verlagerung politischer Macht an übernationale Organe, die Aufhebung der Gewaltenteilung und die Entstehung einer Mehrparteiendiktatur, die EU als konzeptionslose Vereinigung Europas 'von oben' und ihre Strategie der Normsetzung als Mittel der Gesellschaftsveränderung, die zunehmende Unklarheit unserer Gesetzgebung, den Umbau des sozialen Rechtsstaates der Nachkriegszeit in einen rechtlich verfaßten Sozialstaat und die daraus resultierende Beschäftigungs- und Verschuldungskrise sowie die verheerenden Globalisierungsfolgen.

Erforscht werden die Ursachen des Niedergangs von Ehe und Familie: Frauenemanzipation, sexuelle Liberalisierung und Sozialisierung der Altersversorgung. Das Ansinnen, allen zu einem sozialen Aufstieg zu verhelfen, hat unser Schulsystem in die Mediokrität geführt, die Einführung der 'antiautoritären Erziehung' verursachte innerer Verwahrlosung. Die hehren Ideale unserer Hochschulen sind unter den Zwängen der Vermassung und des ökonomisch verwertbaren Praxisbezugs zusammengebrochen.

Alle traditionellen Werte wurden nach 1945 zerstört. Der Jugend bleiben keine Vorbilder mehr. Es entsteht ein industrialisiertes Bewußtsein, an dessen Instinkte man appellieren kann, das aber zu eigenständigen Überlegungen nicht mehr fähig ist. Braun veranschaulicht den Wertewandel am Beispiel der Dialektik von Enttabuisierung und Neuerrichtung von Tabus ('political correctness'). Eine mit Strafgesetzen sanktionierende Gesinnungstyrannei bereitet den Weg in den Totalitarismus!

Meinungs- und Gewissensfreiheit, Versammlungsfreiheit, Forschungsfreiheit, ja jede diskursive Demokratie beruhen auf der (neurophysiologisch unhaltbaren) Annahme der Willensfreiheit! Schlüssel zum Verständnis des Multikulturalismus ist der Gleichheitsgedanke als 'Gleichwertigkeit des Verschiedenen'. Doch das 'gleichermaßen gültige' ist eben auch das Gleichgültige! Dieses von kampfstarken Minderheiten für ihre Zwecke instrumentalisierte Prinzip erwies sich als Kulturvernichtungsprogramm. Darüber hinaus wohnt dem Gleichheitssatz die Tendenz inne, Verschiedenes tatsächlich gleich zu machen, was Austauschbarkeit und den Verlust der individuellen Selbstzweckhaftigkeit zur Folge hat. Die zunehmende Rechtsgleichheit kontrastiert auffällig mit wachsender sozialer Ungleichheit.

Braun erforscht, wie die die Exponenten der 68er Revolte die rechtsstaatliche Trennung von Recht und Moral aufhoben und mittels der europäischen Gesinnungskontrollbürokratie eine jakobinische Erziehungsdiktatur errichteten. Die beiden Abschlußkapitel über Kultur und Religion sind Meisterleistungen der Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik. Schonungslos dokumentiert der Autor die Pathogenese der westlichen Kultur und führt uns die Symptome unseres unentrinnbaren Niedergangs vor Augen, verschweigt aber auch nicht die vorzügliche Nützlichkeit der sich formenden Daseinshaltungen und Wertvorstellungen für die neuen Führungseliten.

Braun klagt nicht, warnt nicht und macht keine 'Rettungsvorschläge'. Er zieht Bilanz, und das tut weh! Seine Ausführungen sind vorzüglich verständlich, argumentativ hochdifferenziert, historisch kontextualisiert und stilistisch brillant. Ich kann diese außerordentlich wertvolle Kulturkritik allen an einem vertieften Wirklichkeitsverständnis interessierten Menschen uneingeschränkt empfehlen!

Weiterführend und ergänzend: KLEINE-HARTLAGE, Manfred: "'Neue Weltordnung' – Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie?" (2012); derselbe: "Die liberale Gesellschaft und ihr Ende: Über den Selbstmord eines Systems" (2013); GOTTFRIED, Paul Edward: "Multikulturalismus und die Politik der Schuld: Unterwegs zum manipulativen Staat?" (2004); NAWRATIL, Heinz: "Der Kult mit der Schuld: Geschichte im Unterbewusstsein" (2004²)
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 13, 2013 8:22 AM CET


"Neue Weltordnung" - Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie?
"Neue Weltordnung" - Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie?
von Manfred Kleine-Hartlage
  Gebundene Ausgabe

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überwältigend!, 8. November 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Dieses Werk erarbeitet mit den Mitteln der Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik die Prämissen, Implikate und Konsequenzen der "Neuen Weltordnung".

Die Chiffre "Neue Weltordnung" (NWO) steht für die Auflösung überkommener solidaritätsstiftender Strukturen - Volk, Familie, Religion - zugunsten einer globalen Einheitsgesellschaft, in der Menschen, Waren, Dienstleistungen und Kapital frei migrieren können. Kleine-Hartlage veranschaulicht die strukturelle Affinität von Neoliberalismus und Marxismus, die sowohl in einem erstaunlichen Geschichtsdeterminismus (der Globalismus ist "alternativlos"), als auch in einer utopisch postulierten Idealmenschheit zum Ausdruck kommt. Unhinterfragbare Werteimperative wie "Menschenrechte", "Freiheit", "Toleranz", "Dialog", "Frieden" delegitimieren jeden Kritiker. An einer Merkelrede zeigt er beispielhaft, daß die NWO keine Verschwörungstheorie, sondern das Ziel der politischen Eliten ist.

Der Autor entlarvt ferner, wie multilaterale Vertragssysteme in die inneren Verhältnisse der Nationalstaaten eingreifen und deren Souveränität aushöhlen. Der Internationale Strafgerichtshof hat seine Zuständigkeit auch für Nichtunterzeichnerstaaten erklärt, verfolgt aber keineswegs jede Straftat, sondern nur jene, die den ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates (besonders USA, Rußland, China) opportun erscheinen. Und diese Staaten schützen sich durch ein schlichtes Veto vor Verfolgung! Es entsteht erkennbar keine globale Rechtsordnung, sondern eine globale Willkürherrschaft!

Ein wichtiges Element der NWO ist der Neoliberalismus: Privatisierung auch essentieller Güter wie Bildung, Gesundheit, Sicherheit; Mobilität aller Produktionsfaktoren, einschließlich der Arbeitskraft; Bekämpfung jeglicher "Handelshemmnisse" (nichtmerkantile Solidaritätsverhältnisse wie intakte Familien, Völker und Religionsgemeinschaften). Das neoliberale Projekt zielt darauf, die Gesellschaft auf individuelle Wahlfreiheit statt auf soziale Bindungen zu gründen. Das scheitert zwar empirisch, doch kann die Utopie weiter verfolgt werden, weil die Gesellschaft die totalitäre Denkfigur vom "Fortschritt" verinnerlicht hat.

Um das kollektive Selbstbild der Völker zu zerstören, wird ihnen die Deutungshoheit entzogen. Die Globalisierer installieren in einer Art "Salamitaktik" eine sich räumlich wie sachlich immer mehr ausweitende Gesinnungsjustiz, die Konformität mit einem bestimmten Geschichtsbild erzwingen soll. Die Dämonisierung Deutschlands ("Auschwitz") dient als Kontrastfolie zur Diskreditierung konkurrierender Weltanschauungen, stellt eine hocheffiziente Immunisierungsstrategie dar und ermöglicht die Zementierung der One-World-Ideologie als unhinterfragbaren Heilsweg. Gegenwärtig arbeiten die Funktionseliten in einem weiteren Globalisierungsschritt daran, ein idealisiertes islamisches Geschichtsbild verbindlich zu machen.

Der Globalismus ist bereits in sozialen Strukturen objektiviert, nämlich internationalen Elitennetzwerken, in denen Transparenz nicht vorgesehen ist, die Öffentlichkeit ausgesperrt bleibt und demokratische Kontrollen nicht stattfinden. Kleine-Hartlage veranschaulicht dieses Vorgehen am Beispiel des "Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Migration und Integration". Diese Netzwerke formatieren vorzugsweise mediokre Politiker im Sinne der NWO.

Abschließend erörtert der Autor die Internationalisierung der politischen wie der wirtschaftlichen herrschenden Klasse, die nicht mehr dem Wohl ihres Volkes verpflichtet ist, sondern Standesinteressen wie die Adelskaste der Vergangenheit. Eine derartige "Kollektivherrschaft" hat den Vorteil, ohne parlamentarische Kontrolle oder öffentliche Kritik auszukommen. Sie kann auf "Sachzwänge" verweisen. Der Sozialstaat, der die Unter- und Mittelschicht an die Linksparteien bindet, ist genau die Struktur, die die weitere Verschlechterung der Lebensverhältnisse bis zum Zusammenbruch garantiert. Wirksamer Widerstand dagegen ist unmöglich, da die Globalisten gesellschaftliche Wirklichkeitsbeschreibungen auf allen Ebenen monopolisiert haben. Karriere ist nur unter der Voraussetzung ideologischer Konformität möglich! Im Zentrum der herrschenden Klasse existiert eine Geldmachtelite aus wenigen tausend Superreichen, die mit dem Prinzip der Kooptation Marxismus, Liberalismus und Konservativismus in ihr System integriert haben. Ihr Ziel ist die Errichtung eines buchstäblich unzerstörbaren Herrschaftssystems. Dies gelingt ihnen durch Zerstörung aller solidaritätsstiftenden Kollektive (Familie, Volk, Religion), Auslöschung jedes Bewußtseins von Transzendenz, ununterbrochene Mobilitätsforderungen und Atomisierung der Gesellschaft.

Dieses großartig geschriebene Meisterwerk ist ein Meilenstein gesellschaftskritischer Aufklärung. Schon in seiner Fähigkeit, ein so hochkomplexes Thema wie den zeitgenössischen Gesellschaftsumbau auf weniger als hundert Seiten schlüssig und erschöpfend darzustellen, zeigt sich die außergewöhnliche Begabung Kleine-Hartlages. Vorzügliche Verständlichkeit und ein angenehmer, pointierter Stil empfehlen das Buch zusätzlich. Ich lege es jedem an aktuellen Gegenwartsfragen interessierten Menschen dringend ans Herz!

Weiterführend und ergänzend: KLEINE-HARTLAGE, Manfred: „Die liberale Gesellschaft und ihr Ende: Über den Selbstmord eines Systems“ (2013); BRAUN, Johann: „Wahn und Wirklichkeit. Über die innere Verfassung der Bundesrepublik Deutschland“ (2008); GOTTFRIED, Paul Edward: „Multikulturalismus und die Politik der Schuld: Unterwegs zum manipulativen Staat?“ (2004); NAWRATIL, Heinz: „Der Kult mit der Schuld: Geschichte im Unterbewusstsein“ (2004²)


Die liberale Gesellschaft und ihr Ende: Über den Selbstmord eines Systems
Die liberale Gesellschaft und ihr Ende: Über den Selbstmord eines Systems

17 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erschütternd!, 8. November 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Dieses Werk erforscht die Ursachen des Unterganges der liberalen demokratischen Gesellschaften des Westens. Der Autor versteht sein Werk als "Gegenaufklärung", also Aufklärung über die Folgen von Aufklärung. Seine Methoden sind wieder die der Weltanschauungsanalyse, Kultur- und Ideologiekritik.

Kleine-Hartlage erläutert zunächst die facettenreiche Gefährdung der Moderne. Es gibt verschiedene Gesellschaftsverständnisse. Gesellschaften können als abstrakte Regelprinzipien verstanden werden, aber auch als Solidarverbände und Konsensgemeinschaften, deren Gerechtigkeits-, Wahrheits- und Moralvorstellungen mitunter unvereinbar sind. Aufklärung vermag nur eine abstrakte Ethik zu entwickeln, lebt aber von den Überresten eines voraufklärerischen ethischen Konsenses. Sie propagiert die individuelle wie kollektive Selbsterschaffung und Selbsterlösung des Menschen, verleugnet seine Doppelnatur als Natur- und Verstandeswesen, bringt das vormals Selbstverständliche unter Begründungszwang und kann das menschliche Bedürfnis nach Transzendenz und Sinn nicht erfüllen. Das Ideal der Aufklärung ("Befreiung des Menschen") verdichtete sich zu einer Utopie, die dieses Ideal zu verwirklichen versprach, dann wurden Dogmen aufgestellt, welche die Utopie legitimierten und schließlich eine Gesellschaft errichtet, die über diese Dogmen gesteuert wird und in der die Menschen die Fähigkeit, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, eingebüßt haben. Aufklärung als gesellschaftlich verwirklichte Utopie führt also unentrinnbar zu ihrer Selbstaufhebung!

Während der "Konservativismus" politisch kaum noch eine Rolle spielt, hat sich Aufklärung in den geistesverwandten Ideologien des Liberalismus und Marxismus sozial objektiviert. Beide kritisieren alle nicht freiwillig eingegangenen sozialen Bindungen, besonders Volk, Familie, Kirche, beide haben einen universalistischen Geltungsanspruch, und beide beurteilen empirische Gesellschaften vom Standpunkt der Utopie aus. Diese Schnittmenge der beiden utopischen Weltdeutungen bildet heute eine "Metaideologie", die mittlerweile in den Fundus unserer kulturellen Selbstverständlichkeiten eingegangen ist. Deren Implikationen - Beweislastumkehr, Entstrukturierung, Herrschaft der Abstraktion, Wahrheitsmonopol, Feinddefinition, utopisches Menschenbild - unterwirft der Autor einer kenntnisreichen Analyse.

Er entlarvt die selbstzerstörerische Dynamik von Marxismus und Liberalismus und zerlegt die von ihnen gebildete Metaideologie mit chirurgischer Präzision. Im Rahmen der "Political Correctness" ist es nicht mehr möglich, die Prämissen der Metaideologie durch Tatsachenbehauptungen zu falsifizieren, weil die Kategorie "wahr/unwahr" durch die Kategorie "gut/böse" verdrängt wurde. In der dadurch entstehenden Atmosphäre der Denunziation degenerieren Bürger zu politisch beliebig manipulierbaren Untertanen und gebrochenen Menschen, die die kognitiven Dissonanzen unserer Lebenswirklichkeit mittels "doublethink" und immer hysterischer werdender Immunisierungs- und Selbstverstärkungsmechanismen ("Kampf gegen Rechts") zu bewältigen versuchen. Wertvolle Dienste leistet den Machteliten der Dekonstruktivismus, der quasi eine ideologische Selbstermächtigung zur Lüge ist.

Kleine-Hartlage benennt die Mechanismen und Akteure der Destruktion. Auf verschiedenen Ebenen erfolgt eine Entstrukturierung und Entdifferenzierung. Diese artikuliert sich z.B. in der Politisierung des Christentums, der Ideologisierung der Wissenschaft, der Auflösung des Staatsvolkes durch "Integrationspolitik", der Beseitigung der Staatssouveränität durch supranationale Organisationen usw. Der Autor erörtert und problematisiert sorgfältig die konkreten Folgen der Metaideologie: Geschichtsdeterminismus als Waffe gegen demokratische Partizipationsansprüche, Beseitigung der abendländischen Errungenschaft des legitimen Konflikts, Entlegitimisierung von Mehrheitsinteressen, Errichtung von Desinformations- und Parteienkartellen, kollusives Zusammenwirken von Staat und Privatleuten zum Zwecke des Rechtsbruchs, Umgehung des Zensurverbots und Bekämpfung von Dissidenten und Oppositionellen mit allen Mitteln.

Die "Vision" der Gesellschaftsingenieure der Metaideologie: Die vollkommen unter dem Gesichtspunkt kapitalistischer Effizienz durchorganisierte Globalgesellschaft! Ihre Akteure: Die international vernetzte politische Klasse, die sich von demokratischer Kontrolle befreien will; die politische Linke; ethnisch-religiöse Minderheiten; gesellschaftliche Randgruppen; Angehörige der Sozial-, Integrations- und Ideologieindustrie und nicht zuletzt das Großkapital, eine relativ kleine Schicht von Multimilliardären.

Wie alle Werke des Autors besitzt auch dieses einen unglaublichen Verdichtungsgrad. Es läßt sich in wenigen Worten nicht sinnvoll zusammenfassen! Dennoch ist es vorzüglich verständlich und vom Stil her sehr angenehm zu lesen. Vom Inhalt her ist es außerordentlich anspruchsvoll und fordert zur wiederholten und dauerhaften Auseinandersetzung heraus. Kleine-Hartlage verbleibt im Deskriptiven, er hat keine "Weltverbesserungsprogramm" im Angebot. Ich wünsche dieser Schrift die weitest mögliche Verbreitung und lege sie jedem an den Gegenwartsproblemen unserer Gesellschaft interessierten Menschen dringend ans Herz!

Weiterführend und ergänzend: KLEINE-HARTLAGE, Manfred: "'Neue Weltordnung' - Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie?" (2012); BRAUN, Johann: "Wahn und Wirklichkeit. Über die innere Verfassung der Bundesrepublik Deutschland" (2008); GOTTFRIED, Paul Edward: "Multikulturalismus und die Politik der Schuld: Unterwegs zum manipulativen Staat?" (2004); NAWRATIL, Heinz: "Der Kult mit der Schuld: Geschichte im Unterbewusstsein" (2004²)
Kommentar Kommentare (32) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 4, 2013 9:32 PM CET


Prozessontologie: Ein systematischer Entwurf der Entstehung von Existenz
Prozessontologie: Ein systematischer Entwurf der Entstehung von Existenz
von Wolfgang Sohst
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 32,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine ehrfurchtgebietende Leistung, 1. April 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Die vorliegende Prozeßontologie untersucht den Zusammenhang von Ereignis (Prozeß) und Gegenstand (Existenz). Der Ansatz ist nicht naturalistisch, sondern gänzlich metaphysisch, die Methode dialektisch: aus einem vorgängigen Widerspruch entsteht etwas. Das entworfene Modell ist nicht geltungsautark, sondern kritisierbar. Der Autor fühlt sich der Aufklärung verpflichtet, bedient sich der Alltagssprache und will mit den Fachwissenschaften (von der Physik bis zur Linguistik) nicht konkurrieren, wohl aber an sie anschlußfähig bleiben.

Seine leitenden Prämissen: (1) Der Fluß der Welt hat objektive (vom Erkenntnissubjekt unabhängige) Strukturen. (2) "Die fundamentalen Kategorien der Weltstruktur gehören dem Reich der Prozesse an, und aus ihnen folgt erst die Gegenständlichkeit der Welt." (S. 17) Ausgangspunkt ist die axiomatische Behauptung einer 'Ursphäre' mit unbeschränkter Potenz zur Hervorbringung des Seins, der selbstwidersprüchlichen Pandynamis ('Allmöglichkeit'). Aus dieser fast vollkommenen Indifferenz entfaltet sich die Welt, von Sohst entworfen als Schichtenmodell aus mehreren Struktur- und damit Existenzebenen, wobei die höheren Strukturebenen des Bedingungsgefüges vollständig von den niederen abhängig sind.

Davon ausgehend entwirft der Autor die sich differenzierende Prozeduralität als Kern des Weltprozesses. In einem 'Aktualprozeßpunkt' entsteht aus Möglichkeit Wirklichkeit, zunächst in der Gestalt von 'Identitätsgruppen', von denen sich einige zu 'Objektgruppen' zusammenfinden, die wiederum 'primitive Gegenstände' (subatomare Teilchen) bilden. Doch sind es stets nur Teile der Pandynamis, die einer Umwandlung unterzogen werden, und strukturell komplexere Entitäten können auch wieder in weniger komplexe zerfallen! Die innere Widersprüchlichkeit der Pandynamis haftet aller Existenz an.

In einem weiteren Entfaltungsschritt entstehen 'komplexe Gegenstände' (von Molekülen bis zu Galaxienhaufen), die ihre Selbigkeit und Identität auch über einen Wechsel ihrer Bestandteile hinweg bewahren. Sohst problematisiert in seinem Modell den physikalischen Masse- und Energiebegriff, die Rolle der fundamentalen Naturkräfte und das Hervorgehen von Raum und Zeit aus einem strukturellen 'Abstand'. Die erste Dimension ist für ihn die der 'Komplexität'.

Mit der 'lebendigen Existenz' (vom Mikroorganismus bis zum Menschen) spaltet sich der Aktualprozeßpunkt zunächst in Gegenwart, dann in Vergangenheit und schließlich in Zukunft auf. Leben ist zur Autoreplikation und zur Erfahrungsakkumulation fähig, verfügt über Zielstrukturen, antizipiert Verhaltensalternativen, bringt Subjektivität und (beim Menschen) ein Ich nebst Entschlußfreiheit hervor.

Abstrakte Existenz (beispielsweise Universalien, Propositionen, Zeichen, Werte, Regeln, Sachverhalte, Begriffe) ist unkörperlich und besitzt zwei Existenzmodi: Latenz und Instanz. Sie wird nur von kognitiv begabten Lebewesen wahrgenommen. Träger abstrakter Existenz ist die lebendige Existenz, und zwar das kommunikative Kollektiv. Spezifische Prozeßform des Abstrakten ist seine Bedeutung. Abschließend erörtert Sohst Wahrheit als 'Blüte der Abstraktion' und Werte als hochgradig reaktionsintensiven Letzbezug allen individuellen wie kollektiven Handelns. Wesen, die zukunftsfähig sind, können auf einen wertgestützten Orientierungsrahmen nicht verzichten!

Wir haben es hier mit einer unfaßbar detailreichen, sorgfältigen, kohärenten und überzeugenden philosophischen Kosmogenese zu tun. Die Kühnheit des entworfenen Modells wird vorteilhaft durch die Behutsamkeit der Vorgehensweise ergänzt. Der Autor integriert souverän die Standpunkte der traditionellen wie der analytischen Philosophie und rekurriert kundig auf die grundlegenden Erträge der Natur- und Geisteswissenschaften. Er bringt das Kunststück zustande, schwierigste philosophische Fragestellungen in gut zugänglicher Alltagssprache darzustellen, mit einleuchtenden, bisweilen drolligen Beispielen aus der Lebenswelt anzureichern und in geradezu verblüffend anschaulichen Abbildungen zusammenzufassen. Ein uneingeschränkt zu empfehlendes, lesenswertes Meisterwerk!

Prozessualität wird meines Erachtens erst im Menschen zum Problem. Der unaufhebbare Widerspruch zwischen der Vergänglichkeit aller Wirklichkeitsphänomene und der Ewigkeitserwartung 'unverhandelbarer' Werte hatte weitreichende Folgen - von unabschließbaren Wertekonflikten bis zur narrativen Dauergenese wertrationaler Gegenweltentwürfe. Darüber erfahren wir von Sohst nichts! Er verbleibt strikt in den Grenzen seines fundamentalontologischen Ansatzes und verweist die Tiefenanalyse derartiger Fragestellungen in die Zuständigkeit der jeweiligen Fachdisziplinen.


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