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Rezensionen verfasst von
Knöppler, Andreas
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Vom Ursprung und Ende der Metaphysik. Eine Studie zur Weltanschauungskritik.
Vom Ursprung und Ende der Metaphysik. Eine Studie zur Weltanschauungskritik.
von Ernst Topitsch
  Broschiert

4.0 von 5 Sternen Frühe Betrachtungen zur Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik, 5. Dezember 2010
"Vom Ursprung und Ende der Metaphysik : Eine Studie zur Weltanschauungskritik" ist Topitschs wirkungsmächtiges Frühwerk aus dem Jahre 1958. Bereits hier werden die Grundgedanken einer soziomorphen, biomorphen und technomorphen Weltdeutung entwickelt, ebenso auch der interessante Ansatz, daß der Mensch von ekstatisch-kathartischen Erfahrungen beeinflußte Wirklichkeitsbewältigungsstrategien zur Linderung des auf ihm lastenden Realitätsdruckes verwendet. Doch beschränkt sich der Autor in dieser Schrift noch stark auf den philosophiegeschichtlichen Aspekt der Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik. Es fehlt nicht nur die Blickfelderweiterung auf den indischen Geistesraum, sondern auch die Plausibilisierung und Vertiefung seiner Theoriekonstruktion durch Einbeziehung evolutionsbiologischer sowie verhaltens-, wahrnehmungs- und entwicklungspsychologischer Forschungsergebnisse. All dies leistet er jedoch vorbildlich in seinem Hauptwerk "Erkenntnis und Illusion : Grundstrukturen unserer Weltauffassung" aus dem Jahre 1988².

Mythostheorien
Mythostheorien
von Jürgen Mohn
  Broschiert
Preis: EUR 34,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Für Laien ungeeignet, 5. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Mythostheorien (Broschiert)
Im Zentrum dieser Dissertation steht die metatheoretische Befragung verschiedener profilierter Mythostheoretiker im Hinblick auf die Nutzbarkeit ihrer Mythostheorien für die Interkulturalitätsdebatte und die Frage, ob mit ihrer Hilfe "Intermythizität" hergestellt werden kann. Anders als der Titel suggeriert, darf der Leser nicht eine synoptische Darstellung verschiedener Mythostheorien nebst ihrer kritischen Evaluierung erwarten! Mohn problematisiert vielmehr den Mythosbegriff als Kontrastfolie für die Genese von Alteritäts- und Identitätsnarrativen, die der Fremdheits- wie der Vertrautheitsvergewisserung dienen. Unter dieser Zielvorgabe gelangt der Autor zu folgender (vorläufiger) Definition: "Mythos wird bestimmt als 'sinnvolle Wirklichkeit' (Welt/Kosmos) konstituierende Rückbindung an eine exemplarische Geschichte (Paradigma/Vorbild), wodurch Erkenntnis und Handlung überhaupt erst möglich werden." (S. 160) Das Werk teilt die scholastische Sperrigkeit rein akademischer Arbeiten und bedarf für die Erschließung breiterer Leserkreise dringend der Umarbeitung. Trotz wertvoller Gedankengänge ist es nur für Fachwissenschaftler rezipierbar!

Zugänglichere metatheoretische Betrachtungen erhält der Leser bei: Christoph JAMME: "Gott an hat ein Gewand : Grenzen und Perspektiven philosophischer Mythos-Theorien der Gegenwart" (1991); Anton GRABNER-HAIDER: "Strukturen des Mythos : Theorie einer Lebenswelt" (1989) sowie Carl-Friedrich GEYER: "Mythos - Formen, Beispiele, Deutungen" (1996).
Ein fundierter erster Einstieg in die moderne Mythosdeutung findet sich bei: Mircea ELIADE: "Mythos und Wirklichkeit" (1963); Kurt HÜBNER: "Die Wahrheit des Mythos" (1985); sowie Leszek KOLAKOWSKI: "Die Gegenwärtigkeit des Mythos" (1974²).

After the Ice: A Global Human History 20,000-5000 BC
After the Ice: A Global Human History 20,000-5000 BC
von Steven Mithen
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,60

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lehren aus dem Mesolithikum - nutzbar gemacht für die Gegenwart, 25. November 2010
Mithen legt mit diesem Buch eine aus archäologischen Funden rekonstruierte, alle fünf Kontinente umfassende Menschheitsgeschichte des Mesolithikums (20.000 - 5.000 vor unserer Zeit) vor.

Um diese schwer zugängliche und wenig erforschte Epoche dem Leser nahezubringen, wählt der Autor eine doppelte Strategie: (1) Er schickt den viktorianischen Politiker und Universalgelehrten John Lubbock, der sich mit seinem Buch "Prehistoric Times" (1865) einen Namen gemacht hat, an jeden wissenschaftlich bedeutsamen Schauplatz und läßt ihn dort - unsichtbar aber sehr lebhaft - die Freuden, Sorgen, Nöte und vielfältigen Lebensbedingungen der Menschen miterleben. (2) Er begründet das jeweilige von ihm vorgeschlagene farbenfrohe Szenario mit der archäologischen Fundlage, die er im Kontext der Hilfsdisziplinen seines Faches interpretiert. Diese Deutungen problematisiert er im Rahmen eines wissenschaftlichen Diskurses, dessen häufige Unabgeschlossenheit er keineswegs verschweigt.

Mithen stellt das für die Datenerhebung unerläßlich Instrumentarium des Archäologen vor: Astronomische, geologische und meteorologische Berechnungen, Radiokarbonmessungen, Dendrochronologie, Pollenanalyse, die Wanderungsbewegungen von Pflanzen aber auch Käfern und Säugetieren als Reaktion auf ökologische Veränderungen, DNA-Analysen zur Feststellung der Unterschiede zwischen Wild- und Zuchtformen von Pflanzen und Tieren, Untersuchungen des Skeletts und besonders der Zähne von Menschen und Tieren, Analyse von Eisbohrkernen und Sedimenten, ethologische Vergleiche mit heute noch lebenden Jäger-und-Sammler-Kulturen.

Im Zentrum der Untersuchung liegen vier Klimaepochen: 20.000-12.700: Letztes Glaziales Maximum (Kaltzeit), 12.700-10.800: Spätglaziales Interstadial (Warmzeit), 10.800-9.600: Jüngere Dryas (Kaltzeit), 9.600 bis heute: kontinuierliche Erwärmung des Holozäns. Mithen entwickelt die komplizierten Auswirkungen dieser Klimaschwankungen auf Bodenbeschaffenheit, Flora, Fauna und Überlebensstrategien der Menschen. Das Abschmelzen der Eisschilde ließ die Weltozeane um 120 Meter ansteigen, was katastrophale Folgen für die hauptsächlich in den Küstengebieten lebenden Jäger-und-Sammler-Kulturen hatte. Der Autor beschreibt die höchst unterschiedlichen Jagdpraktiken in Eiszeit und Warmzeit nebst ihrer weitreichenden sozialen Konsequenzen, den hohen Anspruch der mesolithischen Steinwerkzeugtechnologie und die konfliktreichen Auseinandersetzungen um die nacheiszeitlichen Ressourcen. Er erklärt, weshalb die Tradition der Höhlenmalerei abrupt endete, wie und warum die Domestikation von Wildtieren und die Kultivierung von Wildpflanzen möglich und leider auch notwendig wurden und welche sozialen und psychischen Folgewirkungen die allmähliche Seßhaftigkeit mit sich brachte. Die frühen Siedlungen des Mesolithikums, welche die Hochkulturen vorbereiteten, erweisen sich als eine Anpassungsleistung an Erderwärmung und Bevölkerungswachstum, eine Anpassungsleistung allerdings, die bereits damals alles andere als im Gleichgewicht mit der Natur erfolgte. Mithen scheut nicht den Vergleich mit der Gegenwart: Auch heute bringen (selbstverschuldete!) Klimaveränderungen und Bevölkerungswachstum den Homo Sapiens in eine Zwangslage, und es ist durchaus zweifelhaft, ob er für diese rechtzeitig eine lebensdienliche Anpassungsleistung erbringt.

Die weltumspannende Weite der Thematik, die detailreiche Tiefe der Analyse, die Präzision des wissenschaftlichen Diskurses - Mithen erfüllt diesen unglaublich hohen Anspruch nicht nur vorbildlich, sondern schafft es darüber hinaus auch noch, den Leser mit ergreifenden und farbenprächtigen Szenarien am Leben der Menschen teilhaben zu lassen. Ja, das Buch ist "populär", aber populär im besten Sinne des Wortes. So sollte Wissenschaft vermittelt werden! Wer etwas über die uns bevorstehende Zukunft erfahren möchte, sollte die hier beschriebene Vergangenheit kennen. Als wertvolle Ergänzung empfehle ich: Jost Herbig: "Am Anfang war das Wort" (1984) und "Nahrung für die Götter" (1988), wo auch der Aufstieg der frühen Hochkulturen entwickelt wird.

Die Entdeckung der Religionsgeschichte
Die Entdeckung der Religionsgeschichte
von Hans G. Kippenberg
  Broschiert

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein wertvoller Beitrag zur Dialektik von Wertsetzung und Aufklärung, 8. November 2010
Die vorliegende Monographie ist eine wissenschaftsgeschichtliche Darstellung der Religionsgeschichte. Im Fokus der Aufmerksamkeit des Autors liegen die Möglichkeiten und Grenzen der vorgestellten Ansätze sowie ihre unaufhebbare Perspektivität und Prozessualität.

Entwickelt werden die religionsphilosophischen Anfänge der Religionsgeschichtsschreibung, der Konflikt zwischen Aufklärung und Romantik sowie die wirkungsmächtigen geistesgeschichtlichen Katalysatoren der darwinistischen Evolutionstheorie, der historischen Bibelkritik, der philologischen wie archäologischen Erschließung vergangener Kulturen und der ethnographischen Erforschung fremder Völker. Ob von der Romantik ein 'Unbewußtes', eine 'Seele' jenseits der Vernunft eingefordert wurde, Max Müller glaubte, in der Wurzelbedeutung der Namen den Schlüssel zu einer ursprünglichen Religion gefunden zu haben, Schiller das griechische Welterleben mit Monotheismus und mechanisch-rationaler Weltauffassung kontrastierte oder Rudolf Otto in der religiösen Erfahrung ein unhinterfragbares Authentizitätskriterium identifizierte - stets flossen in die Religionsdeutung implizite Werteimperative ein, deren Geltung vorausgesetzt wurde. Sobald wissenschaftliche Aufklärung diese Werteimperative explizit macht und die Motive und Interessen hinter den jeweiligen Deutungen aufzeigt, wird deren Beschränktheit augenfällig. Exakte Forschung setzt Gegengewichte, entlarvt und korrigiert. Franz Boas beispielsweise relativiert Fortschritts- wie Degenerationsthese und verweist auf das Phänomen der Diffusion,der Verbreitung von Kultur und Religion. Archäologische Grabungsergebnisse ersetzen den schwärmerischen Hellenismus durch die nüchterne Erkenntnis, daß menschliche Ritualhandlungen am Anfang des antiken Theaters standen. Ethnographische Feldarbeit stellt Emilé Durkheims Totemismus-These in Frage usw.

Kurz: Die Darstellungen von Religionsgeschichte reflektieren selbst Modernisierung. Zeit, Kultur und Person des Religionshistorikers fließen in seine Arbeit ein und relativieren deren Wert. In einem Prozeß der Selbstaufklärung - Kippenberg rekurriert z.B. auf Reinhart Koselleck, Jörn Rüsen, Peter L. Berger, Anthony Giddens und Burkhard Gladigow - werden die Voraussetzungen, Bedingtheiten und Grenzen der Forschertätigkeit transparent gemacht. Andererseits glaubt Kippenberg, daß die Religionswissenschaftler der Modernisierung einen Platz in der Religionsgeschichte gegeben haben und selbst wertsetzend tätig wurden: "Indem sie Naturmystik, Seele, Rituale, Magie, Mysterien, Erlösungsreligion, Machterleben, Sozialmoral, Weltablehnung und Ekstase zu ihren Themen machten, haben sie der modernen Gesellschaft ihre andere, offiziell ignorierte Hälfte wiedergegeben: das Faktum von Leben, das sich nicht in den Dienst von Fortschritt stellen ließ." (S. 268)

Nun, dieser Anspruch ist zumindest problematisch, denn wenn Wissenschaft Werte setzen soll, erhebt sich sofort die Frage: welche? Die Wurzel des Konfliktes liegt in der Ambiguität des Leitbegriffes "Erkenntnis" (Aufklärung), die einerseits ein Wert ist - wäre sie keiner, würde niemand nach Wissen streben -, andererseits zugleich mit dem Anspruch verknüpft wird, "wertfrei" zu sein - "rein und interessenlos". Weit entfernt davon, ein wissenschaftliches Spezifikum zu sein, ist der unauflösbare Widerspruch zwischen dem Deskriptiven und dem Normativen eine alle menschlichen Gemeinschaftsformen imprägnierende anthropologische Konstante. Im westlichen Sinne als "institutionalisierter Zweifel" verstandene Wissenschaft kann nie weiter gelangen als bis zum Bewußtsein ihrer Bedingtheit, Begrenztheit und Zugehörigkeit zum Werteuniversum. Diesen Prozeß am Beispiel der Religionsgeschichte zu veranschaulichen, ist Hans Gerhard Kippenberg meisterhaft gelungen. Darüber hinaus ist das Werk sprachlich vorzüglich zugänglich, literarisch unterhaltsam und kann von Fachleuten wie Laien gleichermaßen mit größtem Gewinn gelesen werden.

In Gods We Trust: The Evolutionary Landscape of Religion (Evolution and Cognition)
In Gods We Trust: The Evolutionary Landscape of Religion (Evolution and Cognition)
von Scott Atran
  Taschenbuch
Preis: EUR 22,90

5.0 von 5 Sternen Religion als Antwort auf die conditio humana, 26. Oktober 2010
Atran definiert Religion als "kostspielige und schwer zu fälschende Bindung einer Gemeinschaft an eine faktenwidrige und kontraintuitive Welt übernatürlicher Akteure, welche die existentiellen Bedrängnisse der Menschen, etwa Tod und Täuschung, bewältigen." Somit handelt es sich um den Versuch, der Religion die Funktion einer Wirklichkeitsbewältigungsinstitution zuzuweisen. Der Ansatz ist naturalistisch. Demzufolge ging der Mensch aus einer evolutionären Landschaft hervor, die Art und Umfang seiner religiösen Ausdrucksweisen zwar kanalisiert, aber keinesfalls bestimmt hat. Dieselbe Landschaft war auch für die Entstehung affektiver 'Programme' (primäre und sekundäre Emotionen) sowie sozialer Interaktionsschemata - Raubtiere entdecken, Schutz suchen, Reziprozität im Handeln, Submission und Dominanz - und beim Menschen: Volksmechanik, -biologie, -psychologie, -soziologie verantwortlich, die sich in einem modularen Geist entwickelt haben.

Die Entdeckung von Urheberschaft und Intentionalität folgt interaktiven Ereignisstrukturen wie Jäger-Beute und Freund-Feind. Gerade bei chaotischen und zufälligen, unsicheren oder zukünftigen Ereignissen (Geburt, Pubertät, Alter, Krankheit, Tod) werden übernatürliche Verursacher angerufen. Die Kontinuität des Selbst über lange Zeiträume hat das Todesbewußtsein und damit die "Tragödie der Erkenntnis" hervorgebracht, die erst durch die Einführung übernatürlicher Akteure gelöst wird. Übernatürliche Phänomene sind immer in spezifische Kontexte eingebunden. Gute Mythen erlauben die Integration persönlicher Erfahrungen, indem die gewöhnlichen Relevanzkriterien außer Kraft gesetzt werden. Demnach haben religiöse Lehren keinen Autor, sind zeitlos und wahr. Ihre Widerlegung ist unmöglich. Religiöse Glaubensvorstellungen verletzen ontologische Kategorien (wodurch sie kontraintuitiv werden) und bleiben dennoch an alltägliche Überzeugungen und Schlußfolgerungen gebunden. In dieser Kombination fesseln sie die Aufmerksamkeit, können nicht vollständig verarbeitet werden, ermöglichen sie mehr Schlüsse, sind emotional herausfordernder und können leichter erinnert und weitergegeben werden.

Die menschliche Fähigkeit zu Metarepräsentationen (Vorstellungen über Vorstellungen) erlaubt die Erfahrung von Vergangenheit und Zukunft, die kritische Reflexion von Ideen, geistigen Austausch mit anderen, die Erfindung übernatürlicher Ursachen und Wesen, aber leider auch Täuschung, Betrug und Abtrünnigkeit. Hierfür gibt es drei Lösungsansätze: (1) Übernatürliche Akteure überwachen die Verläßlichkeit der Gläubigen; (2) Metarepräsentationen erzeugen Hoffnung durch Erschaffung kontraintuitiver aber wertrationaler Gegenwirklichkeiten; (3) Zurschaustellung von Loyalitätsgefühlen in öffentlichen Ritualen.

Atran entwickelt die komplexen Hintergründe der Ritualdynamik, problematisiert die kühnen Thesen der "Neurotheologie" und des anthropologischen Funktionalismus, hinterfragt kritisch Richard Dawkins' "Mem-Theorie" und analysiert abschließend die grundlegenden Unterschiede zwischen Religion und Wissenschaft. Auch wenn Religion keine evolutionäre Funktion per se hat, so stellen doch moralische Gefühle und existentielle Ängste evolutionär entstandene unentrinnbare Elemente der conditio humana dar, mit denen Religion routiniert und umfassend umgeht. Nie wird sie durch Wissenschaft oder Ideologie ersetzt werden. Spiritualität ist das voraussehbare Schicksal der Menschheit.

Das Werk ist sprachlich sehr viel schwerer zugänglich als Pascal Boyers "Und Mensch schuf Gott". Dennoch sollte es unbedingt als Ergänzung zu diesem Buch gelesen werden, zumal die von Boyer eingeführten Problemstellungen aus etwas anderer Perspektive beleuchtet werden und auch neue Aspekte zur Sprache kommen.

Und Mensch schuf Gott
Und Mensch schuf Gott
von Pascal Boyer
  Gebundene Ausgabe

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk der Aufklärung, 26. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Und Mensch schuf Gott (Gebundene Ausgabe)
Bei diesem Werk handelt es sich um eine naturalistische Grundlegung der Religion. Ausgangspunkt ist der modulare Geist. Zahlreiche evolutionär entstandene mentale "Schlußfolgerungssysteme" bzw. "geistige Schablonen" - etwa zur Erkennung von Gesichtern oder Gefahren - fungieren als pragmatische Wirklichkeitsbewältigungsstrategien. Dazu zählt auch eine starke Neigung zum Lernen und die Fähigkeit, Religion zu erwerben.

Religiöse Vorstellungen erfüllen zwei Bedingungen: (1) Sie verletzen gewisse Erwartungen über ontologische Kriterien und (2) bewahren andere Erwartungen. Ein allwissender Gott beispielsweise ist eine Person (ontologische Kategorie) mit besonderen kognitiven Fähigkeiten (Verletzung dieser Kategorie). Das besondere Merkmal widerspricht den in der ontologischen Kategorie gegebenen Informationen. Religiöse Konzepte beschreiben Personen ohne Körper, Naturgegenstände mit einer Physiologie, Pflanzen mit einer Seele, Artefakte mit Biologie und Kognitionsfähigkeit. Die besonderen Merkmale sind zu der aktivierten Kategorie kontraintuitiv. Die Schablonen (Person, Tier, Pflanze, Artefakt etc.) bleiben jedoch intakt, was die Familienähnlichkeiten zwischen übernatürlichen Vorstellungen erklärt. Kulturübergreifende Studien zeigen, daß Narrative, die Verletzungen ontologischer Kategorien enthalten, am besten erinnert werden. Die Kombination von einer Verletzung mit erhalten gebliebenen Erwartungen ist ein kognitives Optimum.

Menschen sind von Natur aus soziale Wesen. Sie bewohnen eine kognitive Nische, in der sie auf Informationen von anderen Menschen angewiesen sind. Das hat eine stark vergrößerte soziale Intelligenz zur Folge, die Fähigkeit, vier und mehr Ebenen der Intentionalität zu berücksichtigen, eine Vorliebe für "Klatsch", eine Anpassung für sozialen Austausch, Wertschätzung von Vertrauenswürdigkeit und die Neigung, spontan Gruppen zu formen. Der Mensch ist darüber hinaus in der Lage, von Sinneseindrücken "entkoppelt" zu denken, sich Gedanken über Vergangenheit und Zukunft zu machen und Schlußfolgerungen auf der Grundlage imaginärer Voraussetzungen zu ziehen.

Unser Kognitionssystem zwingt uns dazu, uns übernatürliche Akteure anthropomorph, als Personen, vorzustellen und mit ihnen konkret zu interagieren. Dies wird durch unsere Fähigkeit erleichtert, kontrafaktische Annahmen zu denken und "entkoppelte" Schlüsse auch über vollständig imaginäre Charaktere zu ziehen. Zentral ist die Annahme, daß übernatürliche Personen unbeschränkten Zugang zu strategisch wichtigen Informationen besitzen. Sie wissen mehr als wir über Verhaltensweisen, die im sozialen Leben bedeutsam sind, und sie sind "interessierte Partei". Der menschliche Geist erklärt herausragende Ereignisse dadurch, daß "jemand" etwas getan hat, und die Vorstellung übernatürlicher Akteure (Götter, Geister, Hexen etc.) stellt eine brauchbare Identität für dieses "jemand" zur Verfügung.

Boyer entwickelt die emotionalen Ambivalenzen und kognitiven Dissoziationen, die der Anblick eines Leichnams bei uns auslöst, die Funktionen von Ritualhandlungen nebst ihrer neurologischen Grundlagen, die konstante Wettbewerbssituation von Universalreligionen in Schriftkulturen und die daraus resultierende Dialektik zwischen "doktrinärer" und "charismatischer" Religiosität, die sozialen Implikationen unseres anscheinend unüberwindbaren essentialistischen Denkens, das Phänomen des Fundamentalismus als Reaktion auf die Bedingungen der Moderne und die vielfältigen mentalen Prozesse, die illusionäre Wirklichkeitsdeutungen erzeugen und uns von klaren, beweisgestützten Überzeugungen wegführen.

Religion ist also nur "wahrscheinlich" und keineswegs zwingend. Dennoch erklärt Boyer die Frage, warum einige Menschen nicht glauben, für unbeantwortbar. Die Bedeutung unserer propositionalen Symbolsprache für die Hervorbringung wertrationaler Gegenwirklichkeiten kommt etwas zu kurz, und seine berechtigte Kritik an funktionalistischen Vergröberungen hindert nicht, daß Religion auch für ihn in wechselnden Kontexten vielfältige - besonders soziale - "Funktionen" wahrnehmen kann. Insgesamt stellt diese interdisziplinär breit angelegte, tiefgehende und faktengesättigte naturalistische Religionstheorie eine vorbildliche Leistung der Aufklärung dar. Jedem auch nur flüchtig an Religion Interessierten sei die Lektüre dringend nahegelegt!

Origins of the Modern Mind: Three Stages in the Evolution of Culture and Cognition
Origins of the Modern Mind: Three Stages in the Evolution of Culture and Cognition
von Merlin Donald
  Taschenbuch
Preis: EUR 22,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Evolution des modernen menschlichen Geistes - ein kulturanthropologischer Ansatz, 17. Oktober 2010
Donald analysiert die Genese des modernen menschlichen Geistes als eine Reihe größerer Anpassungen, von denen jede ein neues Wirklichkeitsvorstellungssystem emergieren ließ.

Im Zentrum seiner Überlegungen steht das von kognitiven Theorien oft vernachlässigte Element Kultur. Nur beim Menschen besteht zwischen Kultur und individueller Kognition Interdependenz. Mit der Hominisation geht eine Beschleunigung kulturellen Wandels einher. Einleitend problematisiert Donald verschiedene Kognitionstheorien, wobei er die Modularitätsthese von Fodor favorisiert. Anschließend entwickelt er zwei wichtige Aspekte der Anthropogenese - den aufrechten Gang und die Zerebralisation - sowie die daraus resultierenden anatomischen, intellektuellen und sozialen Veränderungen.

Der Graben zwischen Menschenaffen und Menschen kann nicht durch Sprache alleine überbrückt werden. Schimpansen beispielsweise können nicht einmal regelgeleitete Spiele erlernen, die selbst taubstumme Kinder mühelos beherrschen. Die Verwendung von Zeichen muß ihnen mühsam andressiert werden. Nie verwenden sie Zeichen spontan oder erfinden ein Zeichensystem. Donald klassifiziert Kulturen nach den in ihnen vorherrschenden kognitiven Strukturen, nach ihrer Vorstellungsstrategie. Demnach ist die Kultur der Menschenaffen episodisch. Ihr Verhalten ist nichtreflexiv, konkret und situationsgebunden. Sie leben vollständig in der Gegenwart, in einer Serie konkreter Episoden.

Mit der systematischen Steinwerkzeugtechnologie des Homo erectus wächst der Intellekt über eine konkrete, zeitgebundene episodische Mentalität hinaus. Hier liegt Mimetik vor, die Fähigkeit, repräsentationale Akte selbstätig auszulösen, die intentional aber nicht sprachlich sind. Mimetik begann mit der Zuschreibung von Absichten, etwas wozu Schimpansen nicht fähig sind. Sie dient einer Gruppe zur kollektiven Selbstdefinition, u.a. durch Formung der Sozialstruktur, wechselseitige mimetische Spiele, Koordinierung sich wiederholender Verhaltensmuster, gruppenmimetische Handlungen und Tradierung von Fertigkeiten. Mimetischer Ausdruck war und ist visuell-motorisch. Er setzt als kontrollierter Gebrauch von Gefühlsausdrücken Mimesis des Gesichtes und der Stimme voraus, ebenso die Fähigkeit, Rhythmen zu erfinden und durchzuhalten. Kognitive Grundlage mimetischen Handelns ist eine erweiterte Selbstvorstellung, eine "mimetischer Kontrolleur" genannte neue Struktur. Dieser kann für Vorstellungen über das eigene Selbst auf das episodische System zurückgreifen, wodurch selbstbewußtes Handeln entsteht. Anders als symbolische Sprache ist Mimesis jedoch langsam, mehrdeutig und in ihrem Gegenstandsbereich beschränkt.

Die Absenkung des Kehlkopfes und die Verfeinerung des vokalen Apparates ermöglichten unsere Hochgeschwindigkeitsvokalisationssprache. Mit ihr bildeten sich lineares, analytisches, regelgeleitetes, segmentiertes und metaphorisches Denken sowie semantisches und propositionales Gedächtnis heraus. Und die Mythogenese begann, die Konstruktion gedanklicher 'Modelle' des menschlichen Universums, die zugleich Welterklärung und Bedeutungszuweisung sind. Die Erfindung von Symbolen ist ein kreativer Akt, der jenseits der Möglichkeiten von Menschenaffen liegt. Wortsymbole sind kognitive Werkzeuge des Geistes für seine unmittelbaren Zwecke, ursprüngliche Sprachschöpfungen, deren kontextabhängige Verwendungsregeln kollektiv akzeptiert werden müssen, damit sie mehrdeutige Äußerungen entambiguisieren. Der narrative Modus des menschlichen Geistes, seine Fähigkeit, Geschichten zu konstruieren und historische Ereignisse zu chronologisieren, bringt den "linguistischen Kontrolleur" hervor, die Triebkraft hinter sprachlicher Erfindung. Das zerstreute Wissen der mimetischen Kultur gerät unter einen integrativen Mythos.

Der dritte Übergang brachte visuell-graphische Erfindung hervor - Körperbemalung, Ritualnarben, Körperschmuck, Gesichtsmasken, Höhlenmalereien, Lehmskulpturen und vor ca. 6.000 Jahren erste Formen der Schrift. Während Kunst sakrale Funktionen hatte, war Schrift weltlichen Ursprungs. Sie ist im Kern eine Methode externer Gedächtnisspeicherung. Mit ihr emergierte die "theoretische Haltung", der absichtliche Gebrauch symbolischen Denkens und damit die Wissenschaft.

Donalds interdisziplinär angelegtes kulturanthropologisches Dreiphasenmodell der Evolution des Geistes ist eine hochgradig anspruchsvolle Durchdringung dieser komplexen Problemstellung. Dem Leser wird ein reichhaltiges Reservoir tiefschürfender Überlegungen und überraschender Einsichten geboten, die ihren Wert wohl so schnell nicht verlieren werden. Ich kann dem Buch den Status eines unverzichtbaren Grundlagenwerkes zubilligen, das niemand aus den Händen legen wird, ohne tief berührt zu sein.

Singing Neanderthals: The Origins of Music, Language, Mind and Body
Singing Neanderthals: The Origins of Music, Language, Mind and Body
von Steven Mithen
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,99

5.0 von 5 Sternen Mehr als nur eine Sprachtheorie, 15. Oktober 2010
Mithen erarbeitet in diesem Werk eine an den Ursprüngen von Musik und Sprache ausgerichtete Theorie zur Anthropogenese. Hierfür greift er wie stets auf eine Vielzahl von Disziplinen zurück: Sprach- und Musiktheorie, Paläoanthropologie, Verhaltens-, Kognitions- und Entwicklungspsychologie, Sozialwissenschaften, Anatomie, Primatologie, Neurologie usw. Zunächst entwickelt er Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Musik und Sprache und formuliert anschließend seine These, daß beide einen gemeinsamen Vorgänger, eine Art "Musik-Sprache" bzw. "holistische Proto-Sprache", gehabt haben müssen. Diese These wird an neurophysiologischen Befunden verschiedener Hirnläsionen und an entwicklungspsychologischen Analysen der 'an Kinder gerichteten Sprache' überprüft und findet dort ihre Bestätigung.

Emotionen und ihr Ausdruck liegen im Zentrum des menschlichen Lebens und Denkens. Musik kann emotionale Zustände nicht nur ausdrücken, sondern auch in einem selbst sowie in anderen erzeugen. Vergrößerte musikalische Fähigkeiten erlauben die Manipulation anderer Individuen im Sinne der eigenen Interessen, wodurch ein Fortpflanzungsvorteil erlangt wird. Bereits die Vokalisationen von Affen und Menschenaffen haben die Funktion, emotionale Konflikte zu lösen.

Eine Reihe von Faktoren übten auf Hominiden und "Frühe Menschen" einen Selektionsdruck zur Entstehung der Protosprache aus: die Notwendigkeit, in der Gruppe - besonders bei dramatischen Klimaänderungen - zu kooperieren, das Bedürfnis, Informationen über die natürliche Umwelt zu kommunizieren, um Paarungspartner zu konkurrieren, für Kleinkinder zu sorgen und Paarbindungen zu festigen. Paläoanthropologen zeigen die vielfältigen Korrelationen zwischen Bipedalität, Ernährungsverhalten, anatomischen Veränderungen, Cerebralisation und Sozialgruppengröße auf. So haben sich bei den "Frühen Menschen" die Fähigkeiten in der "Theorie des Geistes" vergrößert, während die "Fellpflege" aufgrund der Gruppengröße durch Vokalisationen einer Protosprache ersetzt werden mußte. Diese Protosprache war weder kompositorisch noch referentiell, sondern ganzheitlich. Mithen nennt sie "Hmmmmm"-Kommunikation. (Holistisch, multi-modal, manipulativ, musikalisch und mimetisch). Ganzheitliche Äußerungen wollen manipulativ kooperatives Verhalten induzieren, also begrüßen, warnen, befehlen, bedrohen, erbitten, befrieden usw. Dies geschieht nicht nur mittels rhythmischer und melodischer Lautäußerungen, sondern auch durch Mimik, Gestik, Körperhaltung, Onomatopoesien und Klang-Synästhesien. Mimesis bedeutet die Fähigkeit, bewußt und aus eigenem Antrieb repräsentationale Akte zu erzeugen, die intentional aber nicht sprachlich sind. Zusammen mit Rhythmus, Melodie, Timbre und Tonhöhe ließen sich damit nicht nur sämtliche emotionalen Zustände ausdrücken und hervorrufen, sondern auch komplizierte Unternehmungen, wie etwa eine Großwildjagd, organisieren.

Erst von "Modernen Menschen" (homo sapiens) wurde die "Hmmmmm"-Kommunikation, die mit ihren feststehenden Äußerungen konservatives Denken und kulturelle Stasis bewirkt hatte, in einem Prozeß der "Segmentierung" in unabhängige Einheiten aufgebrochen, von denen jede eine referentielle Bedeutung hatte und mit anderen Einheiten zu unendlich vielen neuen Äußerungen rekombiniert werden konnte. Die Entstehung spezialisierter ökonomischer und sozialer Rollen für den Austausch mit anderen Gemeinschaften (das "Sprechen mit Fremden") hat diese Entwicklung beschleunigt. Die zu unserer kompositorischen Symbolsprache mutierte "Hmmmmm"-Sprache verschwand jedoch nicht, sondern wurde zu Musik, als welche sie sich ganz dem Ausdruck von Gefühlen, dem Schmieden von Gruppenidentitäten und der Kommunikation mit übernatürlichen Akteuren widmete.

Dieses Werk ist eine großartige interdisziplinäre Leistung, deren Erkenntnisreichtum, wissenschaftliche Sorgfalt, intellektuelle Schärfe und überraschende Originalität in einer Rezension unmöglich zum Ausdruck kommen können. Es ist mit weitem Abstand das Beste, was ich je gelesen habe. Möge sich niemand durch den etwas possierlichen Titel von der Lektüre abhalten lassen!

Prehistory of the Mind: A Search for the Origins of Art, Religion and Science
Prehistory of the Mind: A Search for the Origins of Art, Religion and Science
von Steven Mithen
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,70

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine evolutionspsychologische Erklärung der menschlichen Kultur, 11. Oktober 2010
In dieser interdisziplinär breit angelegten naturalistischen Studie erforscht Mithen die Evolution des menschlichen Geistes. Diesen müssen wir uns als aus "geistigen Modulen" bzw. "Fähigkeiten" oder "Intelligenzen" bestehend vorstellen, die jeweils spezifische Probleme lösen: Module für Gesichtererkennung, Raumverhältnisse, Werkzeuggebrauch, sozialen Austausch, Grammatikerwerb, Theorie des Geistes usw. In der Phylogenese wie in der Ontogenese steht am Anfang eine "allgemeine Intelligenz", auf der sich Modulbündel für spezifische Verhaltensweisen aufbauen: soziale Intelligenz > intuitive Psychologie; naturgeschichtliche Intelligenz > intuitive Biologie; technische Intelligenz > intuitive Physik; dazu: sprachliche Intelligenz. Die einzelnen Module sind "eingekapselt" und können nicht aufeinander zugreifen. In einem abschließenden Entwicklungsschritt kann das in den einzelnen Modulen isolierte Wissen integriert werden und "kognitive Fluidität", die grenzenlose Fähigkeit zu Vorstellungen und Phantasien, entsteht.

Die Evolution der Module begann vor ca. 35 Millionen Jahren mit der sozialen Intelligenz, gefolgt von naturgeschichtlicher und technischer Intelligenz. Mithen entwickelt akribisch die komplexen Korrelationen zwischen Bipedalität, Ernährungsverhalten, Gruppengröße und Cerebralisation. Die "Frühen Menschen" (homo erectus, sapiens, heidelbergensis usw.) fertigten in der Zeit vor 1,8 Millionen bis 100.000 Jahren technisch wie ästhetisch anspruchsvolle Handäxte an, allerdings mit nur geringen Variationen und nur aus Stein. Kompositwerkzeuge kannten sie nicht. Ihre naturgeschichtliche Intelligenz war weit fortgeschritten, doch Gedanken über Steinwerkzeuge waren für Gedanken über Naturgeschichte unerreichbar. Trotz hoher sozialer Intelligenz lebten diese Menschen nur in sehr kleinen Gruppen. Zwischen ihren sozialen, technischen und naturhistorischen Intelligenzen existierten unübersteigbare Barrieren. Nichts weist auf Körperschmuck hin. Sie verwendeten lediglich Ocker, was sich mit der allgemeinen Intelligenz bewerkstelligen ließ. Den Frühen Menschen fehlte kognitive Fluidität.

Diese entstand erst in den "Modernen Menschen" mit der 'kulturellen Explosion' vor ca. 40.000 Jahren. Die spezialisierten "Intelligenzen" konnten aufeinander zugreifen bzw. es formte sich ein Modul für Metarepräsentation. Soziale + naturgeschichtliche Intelligenz ermöglichten Anthropomorphismus und Totemismus. Soziale + technische Intelligenz ermöglichten Menschen als Artefakte (z.B. Statuetten) und Artefakte für soziale Interaktionen (z.B. Perlenketten). Naturgeschichtliche + technische Intelligenz ermöglichten spezialisierte Jagdtechnologien sowie Tiere und Pflanzen als 'Artefakte'. Soziale + technische + naturgeschichtliche Intelligenz ermöglichen Kunst, Religion und Wissenschaft.

Sprache war ursprünglich Sprechen über die soziale Welt. Ihre metaphorische Ausweitung auf physikalische Objekte stellte einen Überlebensvorteil dar. Das "Modul für Metarepräsentation" diente als Integrationsmechanismus modularer Prozesse und war die Voraussetzung unseres reflexiven Bewußtseins. Die menschliche Neotenie, die durch das Gehirnwachstum verursachte Vergrößerung des Zeitraumes zwischen Geburt und Reifung, erzeugte einen Selektionsdruck in Richtung Entwicklung einer propositionalen Sprache, was die Initialzündung für die Entstehung der menschlichen Kultur war: Kunst - die Fähigkeit, visuelle Symbole erschaffen und verstehen zu können; Wissenschaft - die Fähigkeit, Hypothesen zu erzeugen und zu testen und Werkzeugen, Metaphern und Analogien zu gebrauchen; Religion - Mythen zur Welterklärung, Rituale zur Einflußnahme auf die Welt, Glaube an kontraintuitive übernatürliche Akteure und an ein Weiterleben nach dem Tode. Alle singulär menschlichen Phänomene sind die Folge kognitiver Fluidität, beispielsweise: Rassismus - Gedanken über Menschen, Tiere und Gegenstände werden durcheinandergebracht, der Essentialismus der 'intuitiven Biologie' wird auf den sozialen Bereich übertragen. Humor - die Fähigkeit, nicht miteinander vereinbare Ideen originell zu verbinden. Landwirtschaft - die Fähigkeit, Pflanzen und Tiere technisch zu manipulieren, zu ihnen soziale Beziehungen zu entwickeln und sie als Mittel zu benutzen, um Macht und Ansehen zu erlangen.

Das Werk stellt eine geniale Integration und kreative Weiterentwicklung der Forschungsergebnisse vieler Disziplinen zu den Bereichen Anthropogenese, Evolutionspsychologie, Philosophie des Geistes und Kulturanthropologie dar. Trotz höchsten wissenschaftlichen Niveaus ist es ausgezeichnet verständlich, ja von literarischer Qualität. Ich kann seine Anschaffung vorbehaltlos empfehlen!

Religion Is Not about God: How Spiritual Traditions Nurture Our Biological Nature and What to Expect When They Fail
Religion Is Not about God: How Spiritual Traditions Nurture Our Biological Nature and What to Expect When They Fail
von Loyal Rue
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 25,99

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5.0 von 5 Sternen Religion als Instrument lebensdienlicher Verhaltensmanipulation, 4. Oktober 2010
Rue formuliert in diesem Werk eine allgemeine naturalistische Religionstheorie. Er geht von der Emergenz immer höherrangigerer Ordnungsprinzipien aus, beginnend mit der Materie, die ein Erregungsniveau und das Potential zur Selbstorganisation besitzt. Aus der nur physikalischen Tatsache des Wasserstoffs emergieren schrittweise biologische, psychologische und schließlich (im Menschen) kulturelle Tatsachen.

Rue erläutert die Evolution des Verhaltens und die Erziehung von Emotionen. Die Notwendigkeit, Außenreize genauso wie Informationen über innere Körperzustände zu verarbeiten, hat über bloße Reflexsysteme hinaus zur Evolution immer leistungsfähigerer Wahrnehmungssysteme und differenzierterer Emotionen geführt. Im Zentrum seiner Überlegungen liegen (1) der modulare Geist, (2) die neuronale Plastizität und (3) ein immer mächtigeres Arbeitsgedächtnis. Rue zeigt, wie die Notwendigkeit zur Bewältigung immer komplexerer innerer und äußerer Objekte, Ereignisse, Eigenschaften und Beziehungen zur Entstehung "sekundärer" Operatoren geführt hat, die den angeborenen intuitiven Wirklichkeitsbewältigungsmechanismen (intuitive Physik, Biologie, Psychologie usw.) klar überlegen waren. Das Primatenhirn ist ein "soziales Artefakt", und die wachsenden Fähigkeiten des Arbeitsgedächtnisses haben auch zu einem Gefühl der "Selbstheit" und zu Prozessen der Selbstüberwachung geführt, wobei Selbstachtung der beherrschende Selbstregulator wurde. Die symbolische Sprache, welche alleine Kulturen möglich macht, hat sich in einem Prozeß, der vor 2 Millionen Jahre begann und vor 40.000 Jahren endete, über ikonische und indexikalische Zwischenstufen herausgebildet. Neben dem für alle Lebewesen gültigen "Sinn des Lebens", nämlich dem Fortpflanzungserfolg, gilt das unmittelbare menschliche Trachten zwei voneinander abhängigen und doch im Wettstreit miteinander liegenden Zielen: persönlicher Ganzheit und sozialem Zusammenhalt.

Emotionen sind zeitweilige Gefühlszustände, die einen narrativen Inhalt erlangen und zu einer Handlungsneigung führen. Der emotionale Prozeß folgt einem bestimmten Schema: Auslösendes Ereignis > Beurteilungsprozeß > Emotionale Gefühle > Bewältigungsstrategien > Verhaltensausdruck. Der Entwicklung von primären Emotionen (z.B. Zorn, Begierde, Trauer) zu sekundären (z.B. Empörung, Scham, Stolz) und schließlich tertiären (z.B. Hoffnung, Agape, Nostalgie) korrespondiert die Evolution immer komplexerer Egostrukturen: Proto-Selbst, Kernselbst, autobiographisches Selbst. Emotionen werden von physiologischen, psychologischen und kulturellen Faktoren beeinflußt, haben aber stets eine adaptive Funktion. Menschen besitzen höchst verschiedenartige Zielhierarchien, und bei der "Erziehung von Emotionen" geht es darum, eine "Überlappung" der Eigeninteressen im Sinne des sozialen Zusammenhalts herzustellen.

Diese Funktion hat Religion. Ausgehend von der Tatsache, daß Menschen narrative Wesen sind, liegt erkennbar im Herzen jeder Kultur ein Mythos, der die narrative Integration von Vorstellungen über die Realität und Vorstellungen über Werte darstellt, also Kosmologie und Moral verbindet. Jede religiöse Tradition bedient sich zu diesem Zweck ausgefeilter Hilfsstrategien - des Intellektes, der Erfahrung, des Rituals, der Ästhetik und der Institutionen. Den Ursprung der Religion verortet Rue in zwei großen Zäsuren: Einmal in der Bewältigung der natürlichen Umwelt durch die Projektion von Intentionalität in die Natur (Animismus und Anthropomorphismus); und zum anderen in der Entstehung eines völlig neuartigen Selbstbewußtseins. Vor ca. 40.000 Jahren begannen soziale Kleingruppen aus pragmatischen Gründen, sich periodisch zu Großgruppen zusammenzufinden, was Ad-hoc-Verhaltensregeln erforderlich machte und eine Krise des Selbstverständnisses zur Folge hatte. Es enstand ein Bedürfnis nach Erklärung, und die Mythogenese wurde ausgelöst. Die Doppelfunktion von Religion: (a) therapeutisch und (b) politisch ermöglichte über die Erziehung von Emotionen Selbstachtungsbindungen an die Interessen und Normen der (Groß-)Gruppe. Doch bereits eine Pluralität von Mythen macht diese Ziele unerreichbar.

Das Werk vermittelt außerordentlich wertvolle Hintergrundinformationen über unseren sensuellen und kognitiven Apparat, die Genese von Emotionen und Egostrukturen und die tieferen Ursachen der religiösen Plausibilitätskrise. Rues Religionstheorie dagegen erscheint willkürlich und stellt eindeutig eine funktionalistische Verkürzung dar. Er reflektiert weder die Prozessualität religiöser Weltdeutungsmodelle noch ihre lebensfeindlichen Aspekte. Die Blickfelderweiterung auf Stammesreligionen fehlt. Seine postapokalyptische pantheistische Zukunftsvision ist haltlos naiv. Aufgrund der sorgfältig ausgearbeiteten evolutionspsychologischen wie auch der kulturkritischen Analysen kann ich die Anschaffung des Werkes dennoch empfehlen.

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