Fashion Pre-Sale Hier klicken Sport & Outdoor foreign_books Cloud Drive Photos Learn More Wein Überraschung saison Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic NYNY
Profil für Volker M. > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Volker M.
Top-Rezensenten Rang: 15
Hilfreiche Bewertungen: 8714

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Volker M.
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   

Anzeigen:  
Seite: 1-10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21-30
pixel
Pelzig stellt sich: WortArt
Pelzig stellt sich: WortArt
von Frank-Markus Barwasser
  Audio CD
Preis: EUR 15,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Cognitive Dissonanzen, 10. Oktober 2015
Rezension bezieht sich auf: Pelzig stellt sich: WortArt (Audio CD)
Erwin Pelzig hat in letzter Zeit vermehrt cognitive Dissonanzen. Das ist nicht ansteckend, sondern der Zustand, der sich einstellt, wenn widersprüchliche Wahrheiten in unserem Kopf aufeinandertreffen und doch alle richtig erscheinen. Von zwei Möglichkeiten entscheide man sich stets für die richtige, sagen die Glücksberater, aber welche ist bitteschön die richtige? Schafft Transparenz wirklich Vertrauen oder ersetzt sie diese nicht vielmehr? Ist die anonyme Meinungsäußerung im Internet der Gipfel der Demokratie oder der Anfang der Anarchie? Ist Lasagne eine italienische Nudelspezialität oder ein bulgarischer Pferdefriedhof? Man weiß es einfach nicht. Und manchmal ist es vielleicht auch besser, es nicht zu wissen. Die Dummen sind die glücklicheren Menschen, wissen die Glücksforscher, denn die Klugen verzweifeln an der Realität. Ist es also vielleicht reine Fürsorge unseres Staates, dass das Bildungsniveau an den Schulen rapide sinkt? Will uns Mutti Merkel in Wirklichkeit nur glücklich machen? Vielleicht sogar marktkonform glücklich machen? Man weiß es nicht. Und wenn Erwin Pelzig mit seinen alter Egos Dr. Göbel und Hartmut streitet, dann prallen die cognitiven Dissonanzen ganz bildlich aufeinander. Der dröge Vernunftmensch Dr. Göbel, der Stammtischphilosoph Hartmut und Erwin Pelzig, der Zweifler und Verzweifler. Drei Wahrheiten sind aber auch keine Lösung.

Das neue Programm funktioniert von der ersten Minute, wenn Erwin Pelzig die aleatorische Demokratie einführt, die Ämtervergabe mit dem Los. Was spricht dagegen, Minister per Losentscheid zu bestimmen, wenn der Amtswechsel vom Verteidigungs- zum Wirtschafts- oder Landwirtschaftsministerium offenbar keinerlei Sachkenntnis voraussetzt? Pelzig probiert es einfach aus und, was soll ich sagen, es funktioniert. Günther aus dem Publikum regiert zwei Stunden lang unser Land und ich habe wirklich keinen Unterschied zum bisherigen Amtsinhaber festgestellt. Und unser neuer ausgeloster Bundespräsident hat dem Volk in der Pause fleißig Mut zugesprochen. Ein Naturtalent. Per Losentscheid. Ist die Demokratie also nur ein riesiger Bluff? Ja, sagt Pelzig und leider hat er recht. Da spricht noch deutlich mehr dafür als nur das launige Experiment mit dem Arbeitslos.

Vielleicht lag es am Heimspiel im fränkischen Würzburg, aber das Publikum geht auf dem Live-Mitschnitt wunderbar mit und die Stimmung überträgt sich auch auf den Hörer. Soviel Wahrheit an einem einzigen Abend. Am Ende hat nicht nur Pelzig cognitive Dissonanzen.


Il Milione - Die Wunder der Welt
Il Milione - Die Wunder der Welt
von Marco Polo
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Wunder der Welt, 8. Oktober 2015
Es ist das erste Mal, dass ich Marco Polos Reisebericht als vollständigen Text lese. Bisher habe ich nur stark verkürzte, in der Rückschau muss ich sagen verstümmelte Fassungen in Händen gehabt, die oft nur die Sensation bedienten, dadurch den eigentlichen Charakter des Buches aber verfälschten. Denn Marco Polo wollte ganz sicher keinen reinen Abenteuerbericht schreiben, sondern bewegt sich durchaus in der Tradition der Weltbeschreibungen seit Herodot. Die Wunder, die er gesehen hat, will er der Nachwelt zur Kenntnis bringen, weil sie es wert sind, aufgeschrieben zu werden. Immer wieder verfällt er dabei in eine Art Dialog mit dem Leser, spricht ihn direkt an, macht ihn zum Vertrauten, ja zum Komplizen. Er ruft sich augenzwinkernd selber zur Ordnung, beim Thema zu bleiben und viel deutlicher als ich es aus den Kurzfassungen im Gedächtnis habe, bedient sich Polo einer fast umgangssprachlichen Vertraulichkeit. Erkennbar versucht er den Leser zu fesseln und nutzt dabei eine erstaunlich modern wirkende Dramaturgie. Er greift voraus, vertröstet auf später, unterbricht eine Erzählung an einer aufregenden Stelle und spannt den Leser auf die Folter. Es ist wahrlich kein Wunder, dass dieses Buch in zahlreichen Kopien erhalten geblieben ist und bis heute seine Fangemeinde hat.
Die Editionsgeschichte von "Il Milione" seit der Renaissance ist kompliziert. Elise Guignard, die auch die Übersetzung besorgt hat, gibt im Nachwort eine kurze Zusammenfassung, aus der erkennbar wird, wie schwierig es ist, die Übersicht in den mehr als 150 erhaltenen mittelalterlichen Manuskriptversionen zu behalten. Der Manesse-Band stützt sich auf die nach derzeitiger Erkenntnis zwei ältesten Kopien in Latein und Altfranzösisch, die vermutlich noch zu Lebzeiten Marco Polos entstanden. Bewusst wurde die Kommentierung auf das Nötigste beschränkt, d. h. die leidige Frage, ob Polo wirklich in gehobener Position beim Großkhan tätig war, bleibt undiskutiert. Dass Polo persönlich in China war, bezweifelt in der seriösen Forschung übrigens niemand mehr.

Neben der eigentlichen Beschreibung der Reiseroute setzt Marco Polo einen deutlichen Schwerpunkt auf anekdotische Erzählungen, oft im Stil orientalischer Märchen, deren Motiv des gerechten Herrschers häufig wiederkehrt. Auch beschreibt er die durchreisten Städte mit ihren charakteristischen Waren, wie überhaupt das Merkantile für ihn als Kaufmann von besonderer Bedeutung ist. "Il Milione" liest sich streckenweise wie ein Musterbuch mittelalterlicher Luxuswaren.

Eines sollte man nicht erwarten: einen tieferen Zugang zur Person Marco Polos. Die Selbstreflexion wird in der Reiseliteratur erst ein halbes Jahrtausend später zum Thema. Aus heutiger Sicht wirken Polos Beschreibungen oft überhöht, ja angeberisch. Das mag auch ein Grund sein, warum Forscher immer wieder versucht haben, den Text in Misskredit zu bringen. Aber man muss Texte aus der Zeit heraus interpretieren, in der sie entstanden sind und im Mittelalter ist es durchaus üblich "dick aufzutragen". Der Chronist Rusticello, der Polos Bericht aufschrieb, als beide gemeinsam in Genua im Gefängnis saßen, hatte einen nachweislichen Hang zu bretonischen Ritterromanen, deren Stil und Motive sich daher auch im "Il Milione" wiederfinden. Elise Guignard verweist im Anhang auf einige weiterführende Literatur für interessierte Leser.

Auch wenn ich mir persönlich eine etwas umfangreichere Kommentierung gewünscht hätte (angesichts der geradezu ausufernden Kommentarliteratur ein allerdings schwer erfüllbarer Wunsch), so ist diese Ausgabe doch die erste, die bei mir den Eindruck hinterlassen hat, wirklich mit Marco Polo auf Reisen gegangen zu sein. Auch ich habe "Die Wunder der Welt" gesehen.


Das wahre Buch vom südlichen Blütenland: Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von Richard Wilhelm (Fernöstliche Klassiker)
Das wahre Buch vom südlichen Blütenland: Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von Richard Wilhelm (Fernöstliche Klassiker)
von Dschuang Dsï
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Klassische Übersetzung eines chinesischen Klassikers, 6. Oktober 2015
Die Bedeutung von Richard Wilhelm für die Vermittlung chinesischer Kultur im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts kann man kaum überschätzen. Er verfasste nicht nur einige hochgerühmte Übersetzungen klassischer chinesischer Werke, die bis heute Gültigkeit haben, darunter das shangzeitliche "Yi Jing" (Buch der Wandlungen), aber auch Konfuzis' Gespräche und die drei Hauptwerke des Taoismus: Daodejing, Zhuangzi und Liezi. Die Schwierigkeit einer Übersetzung dieser Texte besteht nicht nur in den üblichen Problemen von Bedeutungsverschiebungen zwischen den Sprachen, sondern in einer vom Autor beabsichtigten Indifferenz, die auch die chinesischen Kommentatoren seit Jahrtausenden beschäftigt. Es beginnt bereits mit der Übersetzung des Wortes "Tao". Wilhelm verwendet zwar das Wort "Sinn", ist sich der Unzulänglichkeit der Übersetzung aber voll bewusst. Heute ist man dazu übergegangen, das Wort gar nicht mehr zu übersetzen, sondern als "Tao" beizubehalten.
Die taoistische Philosophie ist sicher die komplexeste und am schwersten zu durchdringende unter den klassischen chinesischen Philosophien und das "Wahre Buch vom südlichen Blütenland" bietet ganz sicher nicht der leichteste Zugang zur Materie. Zur Zeit Wilhelms (1912) gab es kaum verlässliche Vorlagen in der westlichen Literatur und so nutzt er in erster Linie chinesische Originalquellen und Kommentare. Eine bemerkenswerte Leistung, steckte die deutsche Sinologie doch noch in den Kinderschuhen.

Vielleicht ist Zhuang Zis Selbstcharakterisierung noch die beste Art, sich dem Autor und seinem Buch zu nähern: "Er (Zhuang Zi) ist Ursprung einer Bewegung, und nur der hat ihn verstanden, der vom Wortlaut loskommt und die Bewegung in sich zu erzeugen vermag", schreibt er im Nachwort zum 27. Buch. Diese Loslösung vom Wort, ja von allem Irdischen ist ein zentraler Punkt im Taoismus. Auch sieht Wilhelm den Konfuzianismus nicht als den großen Widersacher des Taoismus. Seine vermeintlich konfuziuskritischen Anwandlungen ist in Wirklichkeit Kritik an unwürdigen Schülern des Konfuzius, die sich von der reinen Lehre entfernt haben. Aber Zhuang Zi lässt auch keinen Zweifel daran, dass die übergeordnete Lehre die des Tao ist.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Transkription der chinesischen Namen und Orte nach dem heute veralteten Lessing-Othmer-System (Wilhelm nennt es etwas unbescheiden das "Wilhelm-Lessing-System"), das im deutschen Sprachraum nach 1910 hauptsächlich verwendet wurde. Manchmal fällt deshalb der Groschen etwas später, wer nach heutiger Lesart eigentlich gemeint ist. Aber man gewöhnt sich schnell daran.

Das "Buch vom südlichen Blütenland" ist wahrlich keine leichte Kost, aber vor allem wegen der umfangreichen Kommentierung eine immer noch lohnende Lektüre für alle, die sich für chinesische Philosophie und die klassische chinesische Literatur interessieren.


Lebenserinnerungen: Lebenserinnerungen des Malerbruders (Die Andere Bibliothek)
Lebenserinnerungen: Lebenserinnerungen des Malerbruders (Die Andere Bibliothek)
von Ludwig Emil Grimm
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 99,00

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein aufgezeichnetes Leben, 4. Oktober 2015
Seine beiden älteren Brüder Jakob und Wilhelm waren zwar ungleich berühmter als er, aber auch Ludwig Emil Grimm schlug eine künstlerische Laufbahn ein. Als Portraitstecher und Illustrator hatte er einen guten Ruf und konnte seine Familie angemessen mit seiner Profession ernähren. Zwar würde ich nicht so weit gehen wie die beiden Herausgeber, die Ludwig Emil Grimm gleich in der ersten Riege der Portraitisten des 19. Jahrhunderts stellen wollen (da gibt es dann doch andere Kaliber), aber zum einen ist sein Portfolio alleine dadurch bemerkenswert, dass ihm zahlreiche Berühmtheiten Modell saßen, zum anderen hat sich sein Werk relativ kompakt erhalten, sodass es sein Leben fast lückenlos "bebildert". Diese ungewöhnlich reiche Quellenlage macht auch den besonderen Reiz der Andere-Bibliothek-Edition von Ludwig Emil Grimms Autobiografie aus, denn obschon niemals an eine breitere Öffentlichkeit gerichtet, wurde sie bereits mehrfach herausgegeben. Noch nie allerdings in einer so anschaulichen, emotional dichten und schönen Art und Weise, wie hier. Vor den Augen des Lesers zieht das bewegte Leben eines Menschen der Biedermeierzeit vorüber, der mit wachem Verstand und einer ebenso präzisen wie humorvollen Beobachtungsgabe Geschehnisse und Menschen aufzeichnet. "Aufzeichnen" meine ich ganz wörtlich. Wo Ludwig geht und steht, hat er einen Zeichenstift in der Hand und auch seine Beschreibungen sind stark visuell geprägt. Noch nach 30 Jahren erinnert er sich an die Farbe des Gehrocks einzelner Personen, nimmt Marotten oder Merkwürdigkeiten aufs Korn, oft mit humoristischem Unterton, manchmal auch mit beißendem Spott. Vor allem Dünkelhaftigkeit geißelt er mit Vorliebe und nicht nur dort kommt seine republikanisch-humanistische Gesinnung zum Vorschein. Möglicherweise war diese in der Urschrift sogar noch ausgeprägter, denn an einigen Stellen wurden ganze Passagen aus dem Manuskript herausgeschnitten, möglicherweise nach der Revolution 1848. Was sie enthielten, ist unbekannt.

Der Text ist nicht datiert, aber man vermutet eine Entstehung in der Zeit zwischen 1835 und 1850, als Ludwig zwischen 45 und 60 Jahre alt war. Sein geradezu fotografisches Gedächtnis für Ereignisse und Begegnungen ist bewundernswert und die Lebendigkeit der Schilderung ist auch heute noch fesselnd. Seine Nähe zum Brentano-Kreis bringt ihn mit der Bildungselite seiner Zeit in Kontakt, er trifft Goethe und die Humboldts, ist eng befreundet mit den Brentanos, den Droste-Hülshoffs, verschwägert mit der Familie Hassenpflug und das Namensregister im Anhang liest sich wie das who-is-who seiner Zeit. Dabei sucht Ludwig, anders als seine Brüder nicht das Licht der Öffentlichkeit. Er ist eben doch ein Mensch des Biedermeier, mit starker Familienbindung, einem gewissen Hang zum Häuslichen, aber aufgeschlossen und an der Welt interessiert. Als ihn Georg Brentano 1816 zu einer Italienreise einlädt, die am nächsten Tag beginnen soll, sagt er zu. Auch diese Unternehmung wird sein Leben und seine Arbeit nachhaltig beeinflussen.

Ludwig Emil Grimm soll ein umgänglicher Mensch gewesen sein, und wenn man seine humorvollen Texte liest, seine witzigen Mundart-Transkriptionen aus dem Hessischen oder seine treffenden Charakterisierungen, dann will man das gerne glauben. Selbst aus der Distanz von fast 200 Jahren bleibt er als Mensch mit all seinen Ansichten und Einsichten erkennbar und ganz nebenbei wird auch seine Zeit lebendig, geradezu verschwenderisch illustriert durch das zusätzliche Bildmaterial, das vielen auftretenden Personen "ein Gesicht verleiht".

Die zusätzlichen Illustrationen von Albert Schindehütte auf den letzten 20 Seiten haben zwar eine Referenz zur Originalgrafik Grimms, nur fehlte mir hier leider der emotionale Zugang. Dagegen haben mich seine Kalligrafien zu Grimmschen Sentenzen absolut begeistert. Da wird Schrift zur eigenen Kunstform. Einfach wunderschön.


Michael Martin: Planet Wüste
Michael Martin: Planet Wüste
von Michael Martin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,95

29 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wüsten sind nicht unverwüstlich, 2. Oktober 2015
Der Aufwand, ein solches Buch zu produzieren muss gewaltig sein. Normalerweise werden aus den Portfolios verschiedener Fotografen die passenden Aufnahmen herausgesucht und zusammengestellt. Hier kommt jedoch alles aus einer Hand, und zwar von "dem" Wüstenfotografen überhaupt, Michael Martin. Der Münchner ist seit über 30 Jahren in Sachen Wüsten auf der ganzen Welt unterwegs und hat bereits zahlreiche Bücher zum Thema verfasst. Das erste Mal bin ich mit ihm in Berührung gekommen, als ich "Die Wüsten Afrikas" geschenkt bekam - das ist jetzt fast 20 Jahre her. Dieses Buch hatte bei mir den Wunsch geweckt, selber einmal in die Wüste zu reisen, ein Wunsch, der mittlerweile einige Male und in verschiedenen Ländern in Erfüllung ging.
Wüsten haben bei aller Schönheit allerdings auch immer etwas Erschreckendes an sich. Michael Martin schreibt im Vorwort zu "Planet Wüste" völlig richtig, dass alle Steinplaneten und Monde des Sonnensystems Wüsten sind und das wirft auch ein Licht auf die Zukunft der Erde. Irgendwann wird sie ebenfalls als leblose Wüste enden - ich rede hier wohlgemerkt nicht von menschlichen Eingriffen, wie Umweltzerstörung und Klimawandel, durch die sich die Wüstenzonen der Erde derzeit immer weiter ausdehnen. In geologischen Epochen gedacht, ist das vorübergehende Phänomen Mensch absolut bedeutungslos. Unsere Wüsten sind älter als die Menschheit und es wird sie noch geben, wenn es uns längst nicht mehr gibt.

Michael Martin hat sechs Jahre gebraucht, um die Aufnahmen für diesen großformatigen und mit 5 Kilo auch ziemlich gewichtigen Bildband zu machen. Er war an den unwirtlichsten Orten der Erde, von den Trockentälern der Antarktis, wo seit 2 Millionen Jahren kein Tropfen Regen mehr gefallen ist, über die Eiswüsten der Arktis oder die unendlichen Sandwüsten der arabischen Halbinsel, über die Salzwüsten in den Anden bis hin zu den Halbwüsten in Indien oder China. Überall hat er spektakuläre Landschaften gefunden und sie mit seinem ausgeprägten Gespür für Ästhetik ins Bild gesetzt. 400 Bilder der Erde, jedes anders, jedes auf seine Art einzigartig. Ich bin sicher, dass für einige Fotos wochenlange Vorarbeiten nötig waren, von den Reisekosten ganz abgesehen. Da sind wirklich Orte dabei, zu denen man auch heute nur mit Expeditionen vordringen kann. Und doch finden sich immer wieder Beispiele dafür, dass der Mensch selbst unter widrigsten Umständen überleben kann. Ob das nun die Inuit in der Arktis, oder die Nomaden in der bereits überbevölkerten Wüste Thar in Indien sind.

Man muss sich übrigens von dem Gedanken lösen, dass Trockenwüsten immer nur aus Sanddünen bestehen. Das trifft nur für 10 % der Fläche zu und Wüsten sind in ihrer Gestalt vielleicht sogar die abwechslungsreichsten Geländeformationen der Erde. Sie können farbig wie ausgelaufene Tuschkästen sein, sie können funkeln wie geschliffene Smaragde oder Gebirge schaffen, wie von Architektenhand gestaltet. Michael Martin schaut auf das große Ganze ebenso wie aufs Detail, mit Weitwinkel-Luftaufnahmen und dem Teleobjektiv. Mir gefällt besonders, dass er eben nicht nur ein begnadeter Landschaftsfotograf ist (einige seiner Aufnahmen haben fast schon ikonischen Charakter), sondern dass er auch die Menschen im Blick hat. Er setzt Portraits genauso intim und aussagekräftig um, wie ein imposantes Wüstengebirge in der Abendsonne. (Druck)technisch sind die Fotos auch unter schwierigsten Aufnahmebedingungen makellos und das Seitenlayout lässt ihnen den angemessenen Raum, um zu wirken.

Der Text vermittelt erstaunlich viel Detailwissen und appelliert daran, dass Wüsten schützenswerte und empfindliche Lebensräume sind. Tiere und Pflanzen sind so sehr spezialisiert, dass sie durch Störungen viel schneller gefährdet sein können, als in anderen Biotopen. So ist die Regeneration teilweise ausgesprochen langsam. Wer einmal gesehen hat, wie Fahrspuren in der Wüste die spärliche Vegetation auf Jahrzehnte hinaus vernichten, der weiß, was ich meine. Wüsten sind eben nicht unverwüstlich.


Der Marsianer: Rettet Mark Watney
Der Marsianer: Rettet Mark Watney
von Andy Weir
  MP3 CD
Preis: EUR 12,74

12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Extrem spannende Geschichte, leider etwas nachlässiger Sprecher (Hörbuch), 30. September 2015
Rezension bezieht sich auf: Der Marsianer: Rettet Mark Watney (MP3 CD)
Ich kann es immer noch nicht ganz verstehen, warum mich diese Geschichte so sehr in ihren Bann gezogen hat. Aber es ist so. Eine völlig lineare Entwicklung, fast ausschließlich aus der Sicht einer einzigen Person geschrieben, vollgestopft mit technischen und wissenschaftlichen Details und noch dazu spielt das Ganze an einem Ort, gegen den der Bonner Zentralfriedhof ein lustiger Jahrmarkt ist. Und trotzdem ist "Der Marsianer" vom ersten Moment an hochspannend und wird nicht eine Minute langatmig. Ein echtes Phänomen, das ich das letzte Mal bei dem Film "Interstellar" hatte. Das ist auch so eine Geschichte bei der man einschläft, wenn man sie nachzuerzählen versucht. Da bleibt nur, es sich selber anzusehen, zu lesen oder anzuhören. Und das lohnt sich!

Eigentlich kann man den Plot in wenigen Sätzen zusammenfassen: Mark Watney wird nach einem Sandsturm von seiner Crew totgeglaubt und auf dem Mars zurückgelassen. Nur ist Mark nicht tot, sondern sehr lebendig und wird in den kommenden anderthalb Jahren mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, auf dem Mars zu überleben und von dort zu entkommen. Er schreibt seine Erlebnisse, die Pannen und Katastrophen, aber auch die wunderbaren Glücksmomente "wenn ein Plan funktioniert", in sein Bordtagebuch und es gibt wirklich ausreichend Stoff dafür. Seine Probleme löst er immer mit wissenschaftlicher Akribie, einem sehr kreativen Ingenieurverstand und (das ist für einen Science-Fiction Roman besonders bemerkenswert) jederzeit auf dem Boden der Naturgesetze. Da wird nicht rumgesponnen, da gibt es keinen triefenden amerikanischen Patriotismus, keine Superheldenattitüde, sondern einfach die Geschichte eines blitzgescheiten Mannes, der mit Wachsamkeit und einem scharfen Verstand auf einem lebensfeindlichen Planeten überlebt. Dabei ist alles nachvollziehbar und vollkommen logisch. Die perfekte Geschichte für alle diejenigen, die Interesse an Naturwissenschaften haben und vor allem daran, mit welcher Hilfstechnik zukünftige Astronauten Langstreckenreisen im All unternehmen werden und wie das Überleben auf einem Planeten wie dem Mars möglich sein wird.

Das Hörbuch spricht Richard Barenberg, den ich hier nicht unbedingt für eine Idealbesetzung halte. Zum einen macht er, vor allem im ersten Drittel des Buches, zahlreiche Fehler in der Stimmführung (wenn die Satzmelodie nicht zum Inhalt passt) und seine Überartikulation wirkte auf mich vor allem bei Dialogen etwas gestelzt. Andererseits hat sein Vortragsstil den Vorteil, dass man ihn immer klar und deutlich versteht. Aber andere Schauspieler können eben beides miteinander verbinden. Insgesamt hätte die Regie vielleicht öfter mal einen Take wiederholen lassen sollen, ist mein Eindruck. Dafür gibt es zu meinem Bedauern einen Stern Abzug.

Der Geschichte tut das aber keinen Abbruch. Die ist einfach genial spannend und gehört zum Ungewöhnlichsten, das ich an Science-Fiction Literatur kenne. Es beschreibt eine sehr realistische und nahe Zukunft, die genau so eintreten könnte. Ich zweifle jetzt nicht mehr im geringsten, dass in den nächsten Jahrzehnten ein Mensch auf dem Mars landen wird. Und er wird auch wieder zurückkommen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 13, 2015 2:52 PM CET


Steve McCurry. Indien
Steve McCurry. Indien
von William Dalrymple
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,95

15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Näher an Indien und seine Menschen kann man kaum kommen, 28. September 2015
Rezension bezieht sich auf: Steve McCurry. Indien (Gebundene Ausgabe)
Indien löst bei mir zwiespältige Gefühle aus. Ich kenne kein Land, in dem Arm und Reich so brutal und erbarmungslos aufeinanderprallen, aber gleichzeitig hat Indien von allen Ländern Asiens seine Traditionen am besten bewahrt. Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass beides eng miteinander zusammenhängt. Das indische Kastensystem zementiert das Ungleichgewicht der Kräfte. Und wenn man an den (gerade abflauenden) indischen Wirtschaftsboom denkt, dann hat dieser nur wenige Regionen erreicht und selbst dort, wo er angekommen ist, sind die Zustände oftmals chaotisch. William Dalrymple beschreibt im Vorwort, wie hinter den "Luxusresorts" der Millionäre offene Klärbecken das Abwasser sammeln, Straßen und Stromleitungen regelmäßig zusammenbrechen, die Umwelt unter den Belastungen ächzt.
Steve McCurry zeigt dieses Indien der Gegensätze. Den durch nichts gezügelten Materialismus genauso wie die tiefe Gläubigkeit der Inder, die Folgen der Überbevölkerung und die ungleiche Chancenverteilung. Die Menschen schauen ernst auf seinen Bildern, ernst aber immer würdevoll. Überhaupt ist "Würde" eines der zentralen Themen auf McCurrys Fotos, die niemals die Objekte ihres Interesses bloßstellen. Sie können aufrütteln, vielleicht sogar anklagen, sie können skurril und witzig sein, interessant oder einfach nur von zeitloser Schönheit. Aber niemals verletzend. Die Menschen stehen bei McCurry stets im Vordergrund, man schaut ihnen direkt in die Augen, bis tief in ihre Seelen.

Über 30 Jahre hat Steve McCurry Indien bereist, dort gearbeitet. Aber egal aus welcher Zeit seine Aufnahmen stammen, die innere Atmosphäre hat sich nie geändert, so sehr sich Indien auch äußerlich verändert hat. Es ist immer noch ein Schmelztiegel der Menschen, Völker und Religionen, die bei allen Unterschieden eines eint: ihr Land. Indien.

Steve McCurry fotografiert analog, was jedoch keinerlei Abstriche in der technischen Qualität seiner Fotos nach sich zieht. Sie haben eine ganz eigene Ästhetik, geprägt von geheimnisvollen Kontrasten und einem geradezu unheimlichen Gespür für "den richtigen Moment". Den einen, der gleich eine ganze Geschichte erzählt. Knapp 100 Aufnahmen, ausgewählt aus dem Portfolio eines ganzen Fotografenlebens. Es ist kein Buch, das man einfach mal durchblättert. Ich bin buchstäblich auf jeder Seite hängengeblieben, weil jedes Foto umso mehr zeigt, je länger man es betrachtet. Man wird eingesogen von der Atmosphäre, glaubt Klänge zu hören, Gerüche zu riechen. Die Bildaufteilung ist einfach grandios und dadurch, dass kein Foto über den Mittelfalz geht, wird die beabsichtigte Ästhetik niemals durchbrochen. Das erklärt übrigens auch das ungewöhnlich große Format des Buches, das jedem einzelnen Foto genug Raum lässt, um zu wirken.

Ich habe schon einige Fotobildbände über Indien gesehen, aber ich kann mich an keinen erinnern, der einer eine so hohe Intensität hat, wie dieser. Näher an Indien und seine Menschen kann man mit den Mitteln eines Buches kaum kommen.


Mein Recht im Netz: Der Ratgeber für die digitale Selbstbestimmung
Mein Recht im Netz: Der Ratgeber für die digitale Selbstbestimmung
von Peter Apel
  Broschiert
Preis: EUR 19,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wer bin ich und wenn ja, wo überall?, 26. September 2015
Die meisten von uns haben E-Mail-Adressen, nutzen Onlinebanking, bestellen über das Internet und sind Mitglieder in sozialen Netzwerken oder Foren. Da sollte man sich rechtzeitig damit beschäftigen, wie man den Überblick über Benutzernamen und Passwörtern behält, wie man diese Daten sicher aufbewahrt und wie man für den Notfall vorsorgt, wenn die Hinterbliebenen an die Daten müssen (oder digitale Besitztümer vererbt bekommen). Bei vielen Fragen rund um die digitale Persönlichkeit hilft der auch für Einsteiger sehr verständliche Ratgeber von Peter Apel mit konkreten Handlungsempfehlungen und Mustervorlagen weiter.

Die absolute Sicherheit im Internet gibt es nicht, das zeigen die zahlreichen Sicherheitslücken in Betriebssystemen und Programmen. Immer mehr Webseiten werden Opfer von Cyberattacken und im Zeitalter von NSA & Co. habe ich immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich z. B. Zahlungsinformationen und Passwörter digital eingebe und hinterlege. Nach Abwägen der Vor- und Nachteile empfiehlt der Autor eine Kombination aus Papier- und Digitaldokumentation. Die Informationen werden digital aufbewahrt (z. B. verschlüsselt auf einem USB-Stick oder in einer Cloud) und eine Kopie sollte als Papierausdruck an einem sicheren Ort (z. B. Banksafe) hinterlegt werden. Für die Speicherung von Passwörtern bevorzugt Apel die ausschließliche Nutzung eines Passwortsafes wie KeePass und gibt einige Hinweise wie generell gute Passwörter aussehen sollen.

Auch wenn ich elektronischen Passwortsafes und Cloudspeichern aus Datenschutzgründen äußerst skeptisch gegenüberstehe, so wird die Notwendigkeit, die persönliche digitale Identität zu sichern, mehr als deutlich - für sich selbst, aber möglicherweise auch für die Hinterbliebenen. Ein Testament reicht mittlerweile bei weitem nicht mehr aus. Apels Dokumentvorlage zur Zusammenstellung der Daten ist eine Arbeitserleichterung und eine gute Grundlage für die eigene Strategie, selbst wenn man ihm nicht in allen Punkten folgen will (so wie ich). Den Aufwand für die Erstellung und laufende Pflege sollte man übrigens nicht unterschätzen.


Das Herbarium der Heil- und Giftpflanzen
Das Herbarium der Heil- und Giftpflanzen
von Bernard Bertrand
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nicht schwarz und weiß, 24. September 2015
"Jedes Ding ist ein Gift, nur die Dosis macht, dass es kein Gift ist." Eine kluge Beobachtung von einem klugen Mann. Vor 500 Jahren hat Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus eine der grundlegenden Regeln der Pharmakologie und Toxikologie entdeckt und sie gilt (mit einer Ausnahme) bis heute. Heil- und Giftpflanzen wachsen oft am selben Strauch und wer durch den vorliegenden Band blättert, der wird ganz sicher einige Aha-Erlebnisse in beide Richtungen haben: Giftwirkungen bei anerkannten Arzneipflanzen oder sogar Lebensmitteln und heilende Eigenschaften von ausgewiesenen Giftpflanzen. Oft liegen Heil- und Nebenwirkungen sehr nah beisammen und die enge therapeutische Breite (der Dosisabstand zwischen der erwünschten pharmakologischen und der unerwünschten toxikologischen Wirkung) führt dazu, dass man einige Heilkräuter heute nicht mehr verwendet. In diesen Fällen gibt es mittlerweile sicherere und besser standardisierbare Alternativen.
Das Buch zeigt auf je einer Doppelseite eine Art Steckbrief von insgesamt 72 (Gift)pflanzen, mit dem Foto eines echten Herbarbelegs, historischen Abbildungen und natürlich einem Foto der Pflanze am Naturstandort. Hier muss ich jedoch gleich ein paar Einschränkungen machen, denn insbesondere bei den "Lebendfotos" sind doch einige Fehler unterlaufen. Das Bild auf S. 38 zeigt Adonis aestivalis, nicht A. vernalis, auf S. 72 sieht man nicht die Walrebe Clematis vitalba, sondern eine blaublühende Gartenhybride, genauso wie das Foto auf S. 114 nicht die behandelte einheimische Wildnarzisse Narcissus pseudonarcissus, sondern eine Zuchtform darstellt. Das sind nur die Fälle, die mir sofort aufgefallen sind. Auch heißt der gelbe Eisenhut nach aktueller Nomenklatur Aconitum lycoctonum, und schon länger nicht mehr A. vulparia. Flüchtigkeitsfehler habe ich doch eine ganze Menge gefunden.

Dennoch ist das Buch eine Quelle für zahlreiche sehr interessante Informationen, insbesondere aus dem Bereich der Volksheilkunde, des Aberglaubens und der Geschichte. Das Mittelalter hat sich auf dem Gebiet der Giftpflanzen noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erhalten - uns in einigen Köpfen sogar bis heute. Bernard Bertrand räumt mit einigen Fehleinschätzungen auf, die möglicherweise sogar Leben retten können. Oder mit Vorurteilen, die Gefahren deutlich überbewerten. So sind von den Beeren des Kirschlorbeers beispielsweise so gut wie keine Vergiftungen bekannt (giftig sind nur die Samen, wenn man sie zerkaut), obwohl ansonsten alle Teile der Pflanze giftig sind. Und Lupinensamen sind zwar eine wertvolle Eiweißquelle, doch sollte man sich hüten "wilde" Samen zu ernten, da sie manchmal toxische Mengen an Alkaloiden enthalten. Von diesen Überraschungen gibt es doch einige. Und wer genau liest, der wird auch die Homöopathie mit anderen Augen sehen, denn dieselbe Regel, die besagt, dass Gifte durch Verdünnung unwirksam werden, gilt selbstverständlich auch für Wirkstoffe: Werden sie verdünnt, haben sie zwar keine Nebenwirkungen mehr, aber eben auch keine Hauptwirkung. Es wundert also überhaupt nicht, dass es keine einzige saubere wissenschaftliche Studie gibt, die bei homöopathischen Arzneimitteln eine Wirkung nachgewiesen hätte. Ganz anders bei pflanzlichen Tees, Extrakten oder Salben: Hier sind oft pharmakologisch hochpotente Substanzcocktails am Werk, über deren Wirksamkeit keine Zweifel bestehen.

Das Buch ist anregend und unterhaltsam, ausgesprochen vielseitig ausgerichtet und abgesehen von den erwähnten Flüchtigkeitsfehlern, die in der Regel keine nachteiligen Auswirkungen auf den Nutzer haben, eine fachlich sehr fundierte Darstellung.


Der letzte Playboy: Das Leben des Porfirio Rubirosa
Der letzte Playboy: Das Leben des Porfirio Rubirosa
von Andreas Zielcke
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,80

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Symbiosen, 22. September 2015
Porfirio Rubirosa war ein Phänomen. Ein Phänomen seiner Zeit und auch nur in seiner Zeit denkbar. Die Ausgeburt des "Jet Set" der Nachkriegszeit, einer Gesellschaftsschicht, deren einziges Ziel es war, ererbten Reichtum stilvoll in persönliches Vergnügen umzumünzen. Man reiste von einer glamourösen Party zur nächsten - und das weltweit. Rubirosa war einer der glänzendsten Profiteure dieser Gesellschaft, ein veritabler Schmarotzer, jedoch seine "Opfer" fühlten sich niemals ausgenutzt, bekamen sie von ihm doch offenbar etwas Unbezahlbares zurück. Nur was eigentlich? Rubirosa war nicht wirklich attraktiv, sein Verstand passte unter jeden Scheffel, er war ungebildet und von ihm sind keinerlei witzige oder möglicherweise geistreiche Bemerkungen bekannt. Er war ein Macho reinsten Wassers. Was faszinierte die schönsten und reichsten Frauen seiner Zeit an diesem Mann? Rubirosa war alleine mit zwei der reichsten Frauen der Welt verheiratet, kaum mehr als ein Jahr zwar, aber immerhin. Ihm werden Verhältnisse mit Marilyn Monroe, Zsa Zsa Gabor, Ava Gardner, Joan Crawford und Evita Peron nachgesagt (und diese Nachrede ist absolut glaubhaft), aber wer nach irgendeiner Form persönlicher Leistung im Leben dieses Menschen sucht, der wird nicht fündig werden. Das Verführen von Frauen und das Verprassen ihres ererbten Geldes war Rubirosas einziger Lebenszweck. Auf die Frage, ob er denn einmal arbeite, pflegte er zu sagen: "Arbeit? Für Arbeit habe ich keine Zeit."

Das klingt nicht gerade nach einem angenehmen Zeitgenossen und doch überstieg die Nachfrage nach seiner Person das Angebot bei weitem. Sein Ruf wurde irgendwann zur eigenen Währung. Und Rubirosa besaß noch eine Eigenschaft, die ihm die Türen zu den Oberen Zehntausend öffnete: Er war charmant und ausgesprochen weltgewandt. Umgangsformen wurden ihm quasi in die Wiege gelegt: Geboren in der Dominikanischen Republik, seine Familie besaß enge Verbindungen zum Diktator Trujillo, galt er in seinem Land zwar als privilegiert, jedoch im internationalen Vergleich war er keinesfalls wohlhabend. Außerdem führte sein ausschweifender Lebensstil dazu, dass jedes ihm übertragene Vermögen nahezu augenblicklich zwischen seinen Fingern zerrann. Sein früher Tod an einem Alleebaum im Bois de Boulogne, stilecht am Steuer eines Ferraris, hat ihn mit Sicherheit davor bewahrt, den eigenen wirtschaftlichen Abstieg zu erleben. Von der Überholspur auf direktem Weg ins Grab.

Dem Phänomen Porfirio Rubirosa essayistisch auf den Grund zu gehen, ist eine durchaus reizvolle Aufgabe, die Andreas Zielcke mit sichtlichem Vergnügen angegangen ist. Geistreich und humorvoll, manchmal spöttisch, seziert er Rubirosa und seine Welt, den inhaltslosen Hedonismus des "Jet Set", und die symbiotische Verbindung zwischen dem genusssüchtigen Deckhengst und seinen willigen Opfern. Zielcke umkreist dabei immer wieder die Frage, weshalb sich Rubirosa über mehrere Jahrzehnte in seinem Biotop halten konnte, obwohl er als Person nur wenige Charaktereigenschaften besaß, die ihn wirklich anziehend machten. Bis zu einem gewissen Grad bleibt die Frage unbeantwortet. Man kann sie wohl nur durch die Brille der Vor-Emanzipation betrachten, denn aus heutiger Sicht ist Rubirosas Machismo geradezu primitiv peinlich. In den Fünfzigern und frühen Sechzigern war dieses Verhalten jedoch gesellschaftlich sanktioniert und keinesfalls anstößig. "Der letzte Playboy" trägt seinen Titel also zu Recht, denn schon wenige Jahre nach Rubirosas Tod 1965 wird seine Welt unwiederbringlich untergehen. Wie gesagt, er kam seinem Fall in die Bedeutungslosigkeit gerade noch zuvor.

Zielcke zelebriert seine Analyse mit fast schon kabarettistischer Lust an der Ironie. Zwar strapaziert er für meine Begriffe ein wenig zu sehr die Verwendung von ausgewählten Adjektiven (da wird streckenweise selbst Kisch neidisch), aber langweilig, nein langweilig wird er nie. Das kleine Büchlein liest sich weg wie ein guter Appetithappen und ist nicht nur ein literarisches, sondern auch taktiles Vergnügen: Der Einband besteht aus feinster roter Seide, so kühl, sinnlich und verführerisch wie ein Kleid von Dior aus den Sechzigern. Rubirosa hätte seine Freude gehabt. Vielleicht nicht gerade am Inhalt, aber Lesen war sowieso nicht sein Ding.


Seite: 1-10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21-30