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Rezensionen verfasst von
Art Hirtman "ARTHIRTMAN" (Colonia Claudia Ara Agrippinensium)

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Durchs wilde Rekonstruktistan: Über gebaute Geschichtsbilder
Durchs wilde Rekonstruktistan: Über gebaute Geschichtsbilder
von Christian Welzbacher
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

5.0 von 5 Sternen Blendende Zukunft wirft Gebäude voraus, 28. Februar 2015
Das vorliegende Werk findet, zugebenermaßen weniger mein Interesse aufgrund der Diskussion konkreter Rekonstruktionsversuche, ob es nun um die Frauenkirche oder das sogenannte Stadtschloss geht - hier kann ein kurzes Buch nur einen groben Überblick zu den jeweiligen lokalen Auseinandersetzungen geben.

Wichtig scheint mir aber die Frage nach dem Bedürfnis, durch 'rekonstruktive' Architektur das Geschichtsbild zu beeinflussen. Zurzeit - und nur soweit konnte Welzbacher natürlich gehen - trifft dieses Bedürfnis noch auf die politische Frage, ob man es mit dem kapitalverbrennenden Hochziehen quasihistorischer Bausubstanz befriedigen möchte, wo namentlich die DDR entsprechende Lücken ließ (oder im Fall des Republikpalastes einlud, neue zu schaffen).

Mit dem Aufkommen von blended realities wird in nicht allzu ferner Zukunft vermutlich dieses Bedürfnis noch sehr viel erweiterte technische Umsetzungsmöglichkeiten finden: Welche Stadt mit welchem Geschichtsbild wird sich der Stadtreise auf seine Virtual-Reality-Brille einblenden lassen? Kaiser Wilhelms Berlin? Das Berlin des böhmischen Gefreiten oder des norwegischen Remigranten? Wie wird die Stadt und ihre Geschichte erst aussehen, wenn sich jedermann seine persönlichen Traumschlösser über die hässlich reale Bausubstanz blenden kann?

Das Buch behandelt die Schnittmenge von Stadt- und Geschichtsbildern. Ich denke, wir werden uns mit ihr in Zukunft noch häufiger befassen müssen.


Das Mondmalheur
Das Mondmalheur
von Anette Kannenberg
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,98

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auch eine Schätzing-Parodie?, 25. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Mondmalheur (Taschenbuch)
Ich habe diese völlig überdrehte Science-Fiction-Parodie zügig gelesen und würde mir das Buch, hätte ich es in der Print-, nicht in der eBook-Variante, neben die Romane von Uwe Post ins Regal stellen, der mit "Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes" oder "Symbiose" einen ähnlichen Humor pflegt.

Die Überdrehtheit lässt über viele Dinge hinweglesen, die ins Reich der absurden Physik zählen. Gestört haben mich hier eigentlich nur wenige Aspekte, deren Unplausiblität wohl nicht nötig gewesen wäre (wenn ich es recht verstanden habe, hat der Mond ohne Gravitationsmaschinen doch arg wenig Anziehungskraft). Die Gedächtnisleistungen, die eine Figur im zweiten Teil des Romans an den Tag legt, die aber nur zu Slapstick-Zwecken gebraucht wurden, fand ich eher nervig - als ob dieser Cornelius nicht schon genug Identitätsprobleme haben müsste. Absurde Bio-Konstrukte finde ich bei Uwe Post ("Symbiose") eleganter gelöst (sind die Viecher im 2. Teil nicht ein bisschen arg schnell bei der Arbeit? [Vielleicht hat die berlingebürtige Autorin ihnen etwas zu viel Mauerspecht-DNA implantiert.]).

Gleichsam aus Forschungsgründen, über die Verkaufserfolge von Frank Schätzing ist ja jeder schon einmal gestolpert, der sich Gedanken über eigene Genre-Produktionen gemacht hat, habe ich mir in den vergangenen Jahren einige seiner Titel vorgenommen (teilweise eher: angetan). Es hat mir ganz gut gefallen - ob das wohl bewusste Parodien im "Mond-Malheur" sind? - einige der mitunter bei Schätzing etwas lächerlichen Techniken und Klischees hier wiederzufinden, wobei sie im neuen Kontext doch besser rüberkommen: die notorischen Fress-Szenen der Malheur-Figuren (Schätzing: "Mordshunger", die er wohl in "Es muss nicht immer Kaviar sein" geklaut hat), die völlig überzeichneten US-Kapitalistenpolitiker (F.S. "Lautlos"), physikalisch wohl nicht ganz koschere Bergbauabenteuer auf dem Mond (F.S. "Limit").

Die mutmaßlich parodistischen Elemente schlage ich eher auf die positive Seite meiner Bewertung. Die negativeren Eindrücke (Gedächtnis-Slapstick und überaus forsch arbeitende Superorganismen im 2. Teil) werden zudem durch die zügige Erzählweise aufgewogen. Meine Gesamtwertung liegt zwischen guten drei und schlanken vier Punkten. Den vierten Stern oben darf man sich also ein bisschen bakteriell angefressen vorstellen.


Symbiose
Symbiose
von Uwe Post
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Polizeitelefonzellenliteratur, 28. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Symbiose (Taschenbuch)
Ich entdeckte das Buch, während eine englische Polizeitelefonzelle den Raum mit ihrem allseits bekannten Geräusch beschallte. Wie andere Leser auch, hätte ich mir wohl für "Symbiose" einen etwas stärker mit dem Erdenschleim verhaftetes Roman-Ende gewünscht (oder wenigstens einen als Anwaltsflamingo verkleideten Käptn Kirk als Begleitvogel des Weltenraumungetüms) - aber mit hinreichender Zuneigung beispielsweise zu Doctor-Who-Geschichten ist auch dieses Ende gutundschönundgut.

Neben tiefen Einsichten in die kosmologische Gastronomie entwickelt Post auch meine irdischen Kenntnisse weiter: Ein junger Autor aus meinem Bekanntenkreis entwickelt an seinem Computer High-Fantasy-Elfen, was mir immer schon etwas verdächtig vorkam, während ich beispielsweise nie einen Pizza-Dienst in Anspruch genommen habe. Nachdem Uwe Post hier eine, äh, interessante Variante von Teigwaren-Postdienstleistungen beschrieben hat, werde ich mir über das Wesen der Elfen noch weiter Gedanken machen müssen.


Perry Rhodan 2341: Die Ratten der JERSEY CITY (Heftroman): Perry Rhodan-Zyklus "Terranova" (Perry Rhodan-Erstauflage)
Perry Rhodan 2341: Die Ratten der JERSEY CITY (Heftroman): Perry Rhodan-Zyklus "Terranova" (Perry Rhodan-Erstauflage)
Preis: EUR 1,49

5.0 von 5 Sternen Es muss ja nicht immer "Stirb langsam sein", 26. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Frank Böhmerts Perry-Rhodan-Geschichten sind eine angenehme Überraschung (stets? - jedenfalls habe ich bisher nur Gutes gelesen). Bei den "Silberbänden" stieg ich irgendwann im Andromedanebel der Jahre 2400+ aus. Das "Perry Rhodan"-Lexikon (1983) hinterließ bei mir damals den Eindruck, dass die ganz späten Jahre der Serie (obskure Hanse-Metaphern, Esoterikgespinste etc.) mehr als nur eine Spur zu abgedreht sein würden.

Ko(s)mischer Zufall: "Die Ratten der Jersey City" geriet mir heuer als Lektüre über die Weihnachtsfeiertage in die Hand, also dem inzwischen traditionellen Ausstrahlungstermin für die "Stirb langsam"-Filme. Bei Frank Böhmert turnen zwei terranische Offiziere (m/w) durch ein feindlich besetztes Raumschiff - und das ist natürlich viel interessanter als die vergleichbaren Übungen des Schmerzensmanns von Idar Oberstein im Nakatomi Plaza.

Wie anstrengend die späten Jahre des Herrn Rhodan in anderen Erzählungen auch sein mögen: Das hier ist spannende Lektüre, unangestrengt und unverkitscht. Mochte ich gerne & würde ich wohl auch außerhalb des PR-Universums gemocht haben.


Perry Rhodan Neo 76: Berlin 2037: Staffel 8: Protektorat Erde (Perry Rhodan Neo Paket)
Perry Rhodan Neo 76: Berlin 2037: Staffel 8: Protektorat Erde (Perry Rhodan Neo Paket)
Preis: EUR 2,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schöner Einstieg, 22. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In den 1980er-Jahren geriet ich mit den Silberbänden an Perry Rhodan und stieg mit den Andromeda-Geschichten ("Meister der Insel") aus - lernte die Heftromane nicht, Kurzgeschichtensammlungen nur begrenzt kennen. Geschichten, die Nebenhandlungen entfalten, las ich eher nicht - insbesondere aus Taschengelderwägungen.

Eher negativ in Erinnerung geblieben ist mir die die politische und soziale Ordnung, die sich in dieser alten Welt entfaltete. Bildhaft vielleicht: Reginald Bull als Präsident eines terranischen Parlaments, das angesichts der Omnipotenz der Technik irgendwie farblos bleiben musste? Ich musste da unweigerlich an einen dicken Parlamentspräsidenten der deutschen Geschichte denken.
Die Geschlechterverhältnisse (Silberband 13: Eine scharfe Akonin wird "Mädchen" genannt")? - Dagegen war Tolkien ja beinah brünftig.

Mit "Berlin 2037" las ich nun einen ersten Band aus der Neo-Reihe, nachdem mich die Publikumsreaktionen auf das Remake bisher eher davon abschreckten, dem Remake eine Chance zu geben. Hier finde ich nun eine glaubwürdige Zukunft, auf die ein - jedenfalls etwas - glaubwürdigeres Weltraumspektakel aufsattelt. Ob sich das über einen längeren Zeitraum als die ersten 300 Jahre der "Perry Rhodan SENEX"-Reihe durchhalten lässt, möchte ich zwar bezweifeln, aber in allzu esoterische Sphären würde ich ohnehin nicht folgen wollen.

Ich denke, auf die ersten Bände der NEON-Platinserie werde ich mich freuen und hoffe, dass "Berlin 2037" angesichts der vielen verhaltenen bis negativen Rezensionen und Kommentare kein positiver Ausreißer war.


Buch aus Stein: Erzählungen von Matthias Falke
Buch aus Stein: Erzählungen von Matthias Falke

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fesselnde Begegnungen mit dem Fremden, 13. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das "Buch aus Stein" enthält eine Sammlung von langen Kurzgeschichten - nach dem Textlängen-System der US-Fantastik- bzw. SciFi-Organisationen wohl: Novelletes. Die einzelnen Erzählungen sind von der Perspektive gut durchdacht. Wie soll ich es auf einen Nenner bringen? Ein vom Fantastischen gestörter oder in einer fantastischen Welt gestörter Protagonist erzählt von dieser Begegnung und zieht den Leser/die Leserin damit hinein in seine Perspektive auf das Fremde, das ihm begegnet.

Zu abstrakt? Es spoilert wohl nicht zu arg, wenn man die Geschichte aus der Leseprobe nimmt: Ein Universitätsdozent (seine Mittelbau-Soziologie schimmert schön durch) begegnet der Göttin Athene, die sich seiner realen (unserer) Welt vertraut macht - und zudem mit ihm persönlich. Das geschieht ohne Theaterdonnerwetter oder Slapstick, die Göttin ist - sagen wir einmal: - vorsichtig von der fremden Welt unserer Gegenwart irritiert. (Aus dem Milieu weltabgewandter Uni-Dozenten erklärt sich auch, warum die Erzählerfigur von der Begegnung mit dem Göttlichen nicht hinreichend irritiert wird - in diesen Kreisen ist man ja ohnehin, als im Idealfall guter Gelehrter, nicht ganz von dieser Welt.)

An der Eingangsgeschichte zeigt sich, wie geschickt Falke erzählt: Es mag beispielsweise Leser geben, die beim Anblick eines Fremdworts oder einer sprachlich etwas elaborierteren Auskunft des Protagonisten von sich oder über seine Welt schon allergisch reagieren. In dieser Geschichte dient die ein wenig gehobene Sprache/Weltsicht des Protagonisten gerade dazu, ihn in seiner großstädtischen Lebenswelt des akademischen Juste Milieus zu exponieren - davon sollte sich kein Leser überfordert fühlen.

Eine andere Geschichte gibt den Kampf um Troja in einer sehr dichten SciFi-Erzählung.

Angetan hat es mir der Lebensbericht eines archaischen Steppenbewohners, dessen lebenspraktische Wahrnehmung vom ökologischen Wandel seiner Umwelt mit neuem Wissen konfrontiert wird, dem er sich auf seine Weise stellen muss. Dass ich die Geschichte hier mit solchen Gummi-Abstraktionen (archaisch, ökologisch) umschreibe, bitte ich mir nachzusehen - ich will diese klug erzählte Geschichte, die wunderbar die Weltsicht des Protagonisten entfaltet, nicht durch Spoiler zerschießen.

Wen dichte Erzählungen von der Begegnungen mit dem Fremden (an sich) reizen, wird hier mit einer guten Handvoll hervorragender Geschichten belohnt.


Richter wider Willen. Roman.
Richter wider Willen. Roman.
von Karl Schlegel
  Broschiert

5.0 von 5 Sternen Einer meiner Lieblingskrimis, 4. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Richter wider Willen. Roman. (Broschiert)
Die Familie eines vor den Nazis nach Schweden emigrierten deutschen Sozialdemokraten (von der Sorte, die es heute zwischen Provinzialität und Maßanzugsgenossen gar nicht mehr zu geben scheint) fährt in die Sommerferien inmitten der schwedischen Wald- und Seenlandschaft. Das Freizeitidyll im Wohlfahrtsstaat der 1950er-Jahre wird lebendig, ein deutscher Tourist scheint es nicht mehr zu sein, er ist verschwunden. Herr und Frau Flohr, die beiden Deutschschweden, recherchieren auf eigene Faust, während ihre Tochter die Freude und das (Liebes-) Leid einer vergleichsweise libertären schwedischen Jugend auskostet.

Bei einer Reise ins finstre Nachkriegs-Hamburg ergibt sich für die Flohrs ein ebenso erhellendes wie erschreckendes Finale.

Die kriminelle Hintergrundgeschichte erinnert von Ferne an die Konstruktion von Christian von Ditfurths "Stachelmann"-Krimis (vor allem: Mann ohne Makel: Stachelmanns erster Fall die bei ihm - in den 1990er-Jahren angesiedelt - aber leider etwas unglaubwürdig geraten sind).

Am Ende steht der Leser mit einem voll befriedigten Gerechtigkeitsgefühl da. Mich wundert, dass dieser erfrischende Roman nicht mehr Leser gefunden hat.


Joseph Anton: Autobiografie
Joseph Anton: Autobiografie
von Salman Rushdie
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannende Einsicht in Leben und böse Politiken, 28. Oktober 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
„Joseph Anton“, das ist der nome de guerre Salman Rushdies, zusammengesetzt aus den Vornamen zweier seiner literarischen Idole – ein Pseudonym, das sich der Schriftsteller zulegt, um in seinem Versteck zu überleben. Es erlaubt ihm nun autobiografisch-distanziert von sich in der dritten Person zu erzählen, ohne dass dies affektiert wirkt.

Die autobiografische Erzählung hat zwei starke Pole: Der negative Pol liegt im AUSGELIEFERTSEIN. Ich war verblüfft, wie wenig sich der britisch-indische Schriftsteller nach dem „Todesurteil“ des siechen iranischen Ayatollahs auf die staatsbürgerliche Solidarität seiner Regierung (zunächst Mrs. Thatcher) verlassen konnte. Das politische Spiel um Rushdie ist zutiefst beschämend, erschreckend und zeigt auf, wie leicht sich eine westliche Gesellschaft durch den Angriff auf eine exponierte – und als Künstler per se schwache – Einzelperson selbst entblößen und gegenüber einer zynischen Diktatur opportunistisch entblöden kann.

(Lesern, die hinter der Schwäche des Westens gegenüber dem islamistischen Fundamentalismus stets nur naive „68er“ oder blöde „Mulitkultifreunde“ wittern, wird die Lektüre eine Überraschung bereiten: Zu den größten Rushdie-Feinden – sollen ihn die Mullahs doch kriegen – zählten rechte Torry-Abgeordnete und die rechte Boulevardpresse, die sich mit der produktiven Geistesgröße Prince Charles um die Kosten des Personenschutzes für den nichtsnutzigen Schriftsteller ausließen…)

Den positiven Pol bildet SOLIDARITÄT in Gestalt von Menschen, die das private Leben Rushdies teilten, der schlichten Professionalität der einfachen Polizisten und einer großen Zahl prominenter Köpfe vor allem des britischen, französischen und des US-Geisteslebens. Franziska Augstein hat in der „Süddeutschen Zeitung“ einmal über Stephen Frys Autobiografie angemerkt, diese bestehe aus substanzlosem Namedropping von Showbiz-Prominenz. „Joseph Anton“ könnte man auch so lesen, dass hier allzu viele große Namen der westlichen Geisteswelt dem verfolgten Helden die Hand schütteln – so wäre es wohl, wäre der Anlass nicht: ihre Solidarität.

Rushdie geht mit seinem reichhaltigen eher intimen Desastern recht schonungslos um, dem Scheitern seiner Ehen, die nicht (allein) den widrigen Umständen nach der Fathwa Khomeinis geschuldet waren. Angenehm indes: Diese Schonungslosigkeit liegt weitaus näher an einer lakonischen Erzählung als einer psychologisierenden Selbstanklage. Das lässt sich gut lesen und zeugt meines Erachtens von der richtigen Einstellung gegenüber Brüchen im eigenen Leben. Und da Ehe- und Beziehungskrisen zum Leben des durchschnittlichen Menschen in Europa dazugehören, bringen sie den berühmt-berüchtigten Herrn Rushdie sehr nah an uns Normalsterbliche heran.

Munition für Freunde der These eines „Kampfes der Kulturen“ wird sich wenig finden. Rushdie liebt die Kultur seiner Väter, bemerkenswert allein sein Hass beispielsweise auf die ungebildeten Vertreter muslimischer Gemeinden in England – die faktisch von der britischen Regierung einen verwundbaren Schriftsteller als eine Art Menschenopfer erwarteten, ein Opfer, das ihnen „Anerkennung“ verschaffen sollte - nach dem Muster: Verlange das Unmögliche (die Opferung eines lästerlichen Schriftstellers), bekomme das Mögliche (noch die erste Regierung Blair plante einen ganz widerlichen Gotteslästerungsparagraphen nach russischem Muster).

Würde es mit den rund 700 Seiten nicht jedes Maß für Schullektüre sprengen, böte das Buch viel Lehrreiches für Heranwachsende: Dass der Kampf um Anerkennung und Respekt in einer westlichen Gesellschaft über Bildung, Tapferkeit und Ehrlichkeit zu haben ist, nicht über gewolltes Beleidigtsein, minderbemitteltes Propagandageschrei und schon gar nicht über die Behauptung, im Besitz einer unkritisierbaren (religiösen) Wahrheit zu sein.

Nebenbei: Es finden sich einige blöde Druckfehler (fehlende Buchstaben in Hilfsverben, wechselnde Schreibweise eines Eigennamens in zwei Zeilen etc.). Einerseits schade, dass der reiche Bertelsmann-Verlag sich den kritischen Schlusskorrektor offenbar gespart hat. Andererseits: Insgesamt fällt die Fehlerquote nicht stark ins Gewicht (beim armen Eichborn-Verlag sah es immer viel schlimmer aus).


Tim & Struppi und das Geheimnis der Literatur
Tim & Struppi und das Geheimnis der Literatur
von Tom McCarthy
  Gebundene Ausgabe

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Arme, arme Literatur- und Kulturwissenschaftler, 16. September 2012
Es gibt diese Art literaraturkritischer Spekulation, die sich am Rande eines Feuilletonbeitrags - ganz gleich zu welchem Gegenstand - sehr anregend liest, solange sie den Beitrag nicht vollständig trägt. Wenn Roland Barthes beispielsweise in den "Mythen des Alltags (edition suhrkamp)" unter dem Titel "Beefsteak und Pommesfrittes" erklärt, dass das Beefsteak "zur gleichen Blutmythologie wie der Wein" gehöre, ist das zunächst ein ganz witziger Gedanke, der vielen Lesern eine neue Perspektive eröffnet: Man kann Alltagssachverhalte in einer mythologischen Dimension beleuchten (ob das nicht sehr eng und arg katholisch erfolgt, sei dann mal dahingestellt). Aber will man derlei als tragende Gedanken zur Analyse eines großen und großartigen literarischen Werks, wie dem Hergés, geliefert bekommen?

Weil ich solche Spekulationen bis zu einem gewissen Grad ganz witzig finde, habe ich noch nicht aufgestöhnt, als McCarthy seine Ausführungen auf Barthes zu stützen begann. Mit den Säulenheiligen der neueren esoterischen Kulturwissenschaft (Bataille, Derridada) stellt sich Tom McCarthy dann aber leider vollständig in die Wunderwelt der kultur*wissenschaftlichen Hochspekulation.

Ohne mindestens zehn Semester akademischer Gehirnwäsche in postpostvorposthinterpostmoderner Theorie lässt es sich nicht nachvollziehen, wie Bianca Castafiore ihre Klitoris verloren haben soll oder warum die Anti-Alkohol-Tabletten von Professor Bienlein (bei den "Picaros") über ihre pragmatische Funktion, einen Staatsstreich zu ermöglichen, auch noch in ihrer Funktion, das christliche Abendmahl zu unterbinden, von Bedeutung sein sollen. Gut, bei den Arumbaya steht ja ein scharfes Fleischgericht auf dem Hütten-Herd, vielleicht haben sie gerade theophag gekocht.

Mit welchem Deutungsniveau man es hier zu tun bekommt, zeigt auch die Ausweitung der realhistorischen Spekulation, Hergé sei möglicherweise ein Enkel des belgischen Königs. Weil "kar" (vgl. "Tim & Struppi Farbfaksimile, Band 7: König Ottokars Zepter") für "König" steht, spürt McCarthy das "car" bzw. "kar" in allerlei Wörtern auf, z.B. in den "picaros".

Solche Wortanalysen mögen in einer linguistischen Untersuchung - allerdings mit einem sehr, sehr viel größeren Thesaurus - ihre Berechtigung haben, in einer Comic-Analyse sind sie fehl am Platz. Statt wissenschaftlich-demütig auf einen beschränkten Erkenntnisgewinn hinzuweisen: Psychoanalytischer Bombast.

Für EsoterikerInnen der einschlägigen literatur- und kulturwissenschaftlichen Sekten (Butler*innen mögen aufpassen, ihre Judith wird hier nicht angebetet!) mag das Büchlein seinen Reiz haben. In meinem Regal findet es seinen Platz neben Sigmund Freud, Carl Schmitt (Land und Meer: Eine weltgeschichtliche Betrachtung) und E.G White (Vom Schatten zum Licht (Der groÃ?e Kampf) Paperback UngekÃ'rzt - ausgewiesenen Experten der spekulativen Künste.

(Der erste Asteriks dieser Besprechung ist ein linguistischer, der zweite ein feministischer.)
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 22, 2013 5:19 PM CET


Finaler Rettungskuss: Baltasar Matzbachs neunter Fall
Finaler Rettungskuss: Baltasar Matzbachs neunter Fall
von Gisbert Haefs
  Broschiert
Preis: EUR 9,50

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kein Einstieg für Matzbach-Neophyten, 31. Juli 2012
Kann Spoiler enthalten, doch dürften sie Matzbachianer (Matzbachianten?) nicht schrecken.

Man hat lange nichts mehr von Balthasar Matzbach gehört, alt ist er geworden, mager und krank, dabei natürlich nicht leidend. Das wäre wohl stillos.

In einer namenlosen Ortschaft an der Erft, einer Gegend, die noch ein wenig verwunschener oder verwünschbarer ist als die angrenzenden Städtchen Bonn oder Köln, hütet ein Veteran des bundesdeutschen Afghanistan-Feldzugs das Haus seines verreisten Auftraggebers. Eine Explosion in der Nachbarschaft, eine Leiche am Fluss und eine Entführung (eines schwatzhaften Frauenzimmers) weiter kommt es zum Showdown in einem pittoresken Häuschen mit umliegendem Wäldchen. Auf dem Weg dorthin begegnen dem exmatrikulierten Soldaten neben den im Bonner Dunstkreis üblichen Verdächtigen der maulfleißige Matzbach und sein molwanischer Zwerg.

Das will so kurz erzählt sein, nicht allein, um weiteren Spannungsdiebstahl zu vermeiden. Es geht insgesamt leider doch so bündig zu, samt etwas nachgeschobener Erklärung der Verhältnisse. Für den manieristischen Schmuck seiner älteren Historienschinken hat sich Gisbert Haefs zwar in den Matzbach-Krimis nie die rechte Zeit gelassen, doch finden nun auf rund 180 Seiten nur die wenigsten Charaktere etwas Raum. Am Ende weiß man, dass dunkle Mächte den Auszug aus Afghanistan vorbereiten. (Fast beruhigend, dass kein Brüsseler Consultingunternehmen die Sache a la Congo Belge organisiert, sondern die Vollprofis vom mutmaßlich deutschen Geheimdienst.)

Wem die alten Matzbach-Geschichten zugesagt haben, wird sich daran füglich erwärmen. Auch ein körperlich darbender Matzbach ist ja noch herzerfrischend reaktionär. (Kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Matzbach-Fanfan die Phrase von der "politischen Unkorrektheit" fräst.) Ja, fast möchte man, Matzbach und seinen Schöpfer fragen: Nicht, dass Haefs selbst den grünen Männern des vorliegenden Romans in die Hände geraten ist, seine Kürze ein Beleg nachlassender Schöpfungskraft seiend?

Eine gute Bekannte, dem DDR-System im zarten Kindergartenalter entronnen (durch den Fall der Mauer nebst Helmut Kohls grünen Daumen ob darbender Landschaften) und dem Matzbachismus als fast schon Nachgeborene überraschend hold, las unlängst mit Begeisterung die ersten Matzbach-Krimis (Auf der Grenze.), als die Zone noch sowjetisch besetzt und Gisbert Haefs' Personal in Bonn und um Bonn herum im besten Ross-Thomas-Stil und -Kalkül waltete und geschaltet wurde.
Neulingen würde ich daher zunächst die alten Storys (Und oben sitzt ein Rabe: Baltasar Matzbachs zweiter Fall) ans Herz legen.


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