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Rezensionen verfasst von
M. Robert Ganser "robertissimo" (Apetlon, Burgenland)
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Roots and Branches/Tribute to the American Duck
Roots and Branches/Tribute to the American Duck
Preis: EUR 18,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit den Dillards durch die frühen Siebziger ... und weiterhin brillant!, 27. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Wheatstraw Suite" und "Copperfields" hatten Kritiker und Bluegrass-/Country Rock-Freaks begeistert, die breite Käuferschicht allerdings kaum. Zwei Jahre nach der phänomenalen "Copperfields" meldeten sich die Dillards wieder auf der Szene zurück, mit längeren Haaren und zum Teil mit Bärten, optisch ganz eine Band ihrer Zeit. Und musikalisch auch, die Bluegrass-Elemente traten leicht in den Hintergrund, countrygetönter Softrock war das nun über weite Strecken. Die Gruppe spielte in Quintettbesetzung, statt Herb Pedersen kam Billy Ray Lathum, und einen fixen Drummer gab es nun auch, Paul York mit Namen. Ausverkauf, oder Richtungslosigkeit, wie ein Kritiker im deutschen Sounds über "Roots And Branches" in der Rezension der Folgeplatte "Tribute To The American Duck" geschrieben hatte?
Nein, sage ich hier dazu. Schon gut, Dean Webbs Mandolinenspiel, Mitch Jaynes Bassläufe und Rodney Dillards Gesang klangen nicht anders als zu früheren Zeiten und auf den vorherigen Platten, aber was war es, das den Dillards zum ersten und zum letzten Mal ein Top 100-Album bescherte (Platz 75), und darüber hinaus eine 30-Tage-US-Tour als Support zu Elton John, von ebendiesem ausgesucht? Simple Antwort: Diese Platte und ihre Qualität. "Redbone Hound" beginnt mit elektrisch verstärktem, echt urig klingendem Banjo, ein herrlich schwungvoller Opener. "Forget Me Not" ist das, was man im besten Sinn eine Edelschnulze nennen kann, Herzschmerzthematik in einer Art und Weise, für die man sich nicht schämen braucht, weil Tracks wie dieser den schmalen Grat zwischen schleimigem Kram und echt schöner Musik gut bewältigen. "One A.M." ist für mich der Höhepunkt der Platte, ein traumhaft schönes Liebeslied, durch Rodney Dillards Leadvocals und das fast schon bombastische, aber doch nie überladene Arrangement geprägt. "Last Morning" stammt von Shel Silverstein, der in jenem Jahr durch "Silvia's Mother" von Dr. Hook weltberühmt wurde, auch hier entfalten die Fünf wieder ihre Interpretationskunst, was genauso für die restlichen fünf Tracks gilt. Diese geschmackvollen, aber zugleich so dynamisch gespielten Arrangements, dieses Countryfeeling in jedem Song, aber nie zu dick aufgetragen, und diese mehrstimmigen Gesangssätze, die Rodneys Leadvocals so kongenial abrunden ... was für eine Band! Dafür gab es seinerzeit wenig Konkurrenz, mit fallen an amerikanischen Bands spontan nur die extrem unterbewerteten Big Star (R.I.P., Alex Chilton!) und die damals zur selben Zeit gestarteten Eagles ein, aber das erste Eagles-Album finde ich im Vergleich zu "Roots And Branches" ziemlich schwach. Nun, das Publikum sah es anders. Möchte noch die Schlussnummer "Man Of Constant Sorrow" erwähnen, wo die Gruppe a capella aus diesem Traditional eine Hommage an ihre Heimat Missouri macht, indem ein von Rodney geschriebener Text verwendet wird.
1973 brachte die Gruppe dann "Tribute To The American Duck" heraus, erneut Pop und Rock mit einer saftigen Prise Bluegrass, wie auch Country und Folk, aber keine Chartspositionierung und keine große Tour mehr, was für lange Jahre dann das letzte Album der Band bleiben sollte. Am Niveau der 10 Tracks lag es nicht, dass es so kam, die Fünf hatten sogar den Humor für sich neu entdeckt, und das nicht nur bei der ulkigen Schlussnummer "What's Time To A Hog", sondern schon beim Opener "Music Is Music", dessen Text offensichtlich den "Ist das noch Country?"-Puristen gewidmet war. Aber wie es schon immer war und immer sein wird - Musiker, die zwischen einigen Sesseln sitzen, gehen ein Risiko ein. Wie gut die Dillards in der Countryszene sozialisiert waren, zeigt beispielsweise der Umstand, dass eine Größe wie John Hartford an dieser Platte mitwirkte. Das ganze Album ist eine bunte Angelegenheit, und an die frühen Bluegrasszeiten der Gruppe schließen "Dooley" und (wenn auch mit Einschränkungen) "Hot Rod Banjo" an, zweimal grandioser Bluegrass, was sonst.
Diese beiden Alben auf dieser einen CD, übrigens tadellos remastered, dokumentieren vorzüglich, was für eine große Band die Dillards Anfang der Siebziger Jahre waren. Allen, die erstklassige Songmusik im weiten Feld von Pop, Rock, Country und Folk mögen, einmal mehr wärmstens zu empfehlen!


Wheatstraw Suite
Wheatstraw Suite
Wird angeboten von dutchtoni
Preis: EUR 64,84

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bluegrass goes Pop oder eines der allerbesten Countryrock-/Americana-Alben aller Zeiten, 26. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Wheatstraw Suite (Audio CD)
Wer sich in den Sixties in den USA für Folk, Country und vor allem für Bluegrass interessierte, kannte diese Gruppe wohl mehr oder weniger gut: 1963 das exzellente Debüt "Back Porch Bluegrass", im Jahr darauf ein fantastisches Livealbum mit dem urigen Titel "Live!!! Almost!!!", und dann 1965 noch mit dem edlen Fiddler Byron Berline das hörenswerte Album "Pickin' & Fiddlin'". Dann kamen Jahre, welche die populäre Musikszene tiefgreifend verändern sollten: Nach Beat und Folkrock kamen Psychedelic und musikalische Fusionen in alle Richtungen. Für eine arrivierte Band bedeutete das meistens, entweder altmodisch zu werden (bzw. zu bleiben) oder sich so gut als möglich dem Geist der neuen Zeit anzupassen, was leicht zum Anbiedern und zum Hineinbegeben in musikalische Gefilde, denen man nicht wirklich gewachsen war, werden konnte.
Die Dillards gingen keinen der beiden Wege, sondern einen dritten und großartigen: Sie erfanden sich nach dem Abgang von Doug Dillard, der mit dem Ex-Byrd Gene Clark ein wunderbares Projekt beginnen sollte, mit dem neuen Banjospieler und auch Sänger Herb Pedersen regelrecht neu, indem sie nicht nur eine Bluegrassband blieben, sondern zugleich zusätzlich eine Pop- und Rockband wurden. Vom Bluegrass das Feeling und den Charme, vom Pop die Naivität und den Schwung, und vom Rock den Power. Wenn sich über dieses 1968 erstveröffentlichte Album etwas Kritisches sagen ließe, dann nur in Bezug auf die Spielzeit - 28 Minuten sind nicht gerade das Wahre. Andererseits sage ich, dass ich nach x-maligem Hören dieser Platte über Jahrzehnte noch immer keine einzige überflüssige, schwache oder gar schlechte Sekunde entdecken kann. "Wheatstraw Suite" ist ein einziges musikalisches Feuerwerk: Mit dem Traditional "I'll Fly Away" eröffnen die Vier in 39 Sekunden a capella das Album, gefolgt vom beschwingten "Nobody Knows" und den beiden ebenfalls schwungvollen Songs "Hey Boys" und "The Biggest Whatever". Gesanglich hatten sie sich im Vergleich zu früher noch einigermaßen gesteigert, und wie Banjo und Mandoline das Klangbild bestimmen, hat mir viel mehr als mit Verzierungen zu tun. Wenn im darauf folgenden langsameren "Listen To The Sound" dann noch Streicher hinzukommen, wird es noch immer nicht kitschig, sondern bleibt es einfach schön, was auch für das fast schon epische "Lemon Chimes" gilt. Alle Eigenkompositionen, welche die Platte bietet, sind Meisterwerke des Songwritings, aber drei Songs, die nicht aus der Feder von Bandmitgliedern stammen, zählen zu den brillantesten Coverversionen, die in den Sechzigern veröffentlicht wurden: "Reason To Believe" von Tim Hardin, "I`ve Just Seen A Face" von den Beatles und das an den Schluss gestellte "She Sang Hymns Out Of Tune" von einem wenig bekannten Songschreiber namens Jesse Kincaid.
Eine meiner absoluten Inselplatten, wird mich, wenn ich 100 werden und noch gut hören und fühlen (und, na ja, denken auch) sollte, wahrscheinlich genauso begeistern wie heute und schon seit Jahrzehnten.


Back Porch Bluegrass+Live Almost
Back Porch Bluegrass+Live Almost
Wird angeboten von Hottest Sounds Around UK
Preis: EUR 45,75

5.0 von 5 Sternen Grandioser Frühsechziger-Bluegrass von vier Hillbillies, 25. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Back Porch Bluegrass+Live Almost (Audio CD)
1962 machten nicht nur die Beatles, die Beach Boys, die Rolling Stones und Bob Dylan ihre ersten als bemerkenswert registrierten Schritte auf Konzertbühnen und in Plattenstudios, sondern auch vier Bluegrass-vernarrte Burschen aus Salem im US-Bundesstaat Missouri, die sich nach L.A. begaben, um von dort aus die Musikwelt zu erobern. Eine sonderlich erfolgreiche, geschweige denn weltberühmte Band wurden sie in 50 Jahren nicht, aber eine der besten und wichtigsten, weil musikalisch herausragendsten Gruppen im Bluegrass-Country-Pop-Rock-Bereich waren und sind sie, und werden es wohl auch bleiben.
Banjospieler Doug Dillard, sein singender und Gitarre spielender Bruder Rodney, Mandolinenspieler Dean Webb und Bassist Mitch Jayne nahmen noch 1962 ihr Debüt "Back Porch Bluegrass" auf: 15 Tracks mit der Bandbreite zwischen rasanten, mit beachtlichem technischen Können, aber ungemein lockerem Feeling gespielten Stücken, und schönen, ruhigen Balladen. Instrumentalstücke und gesungene Nummern halten sich in etwa die Waage, und schon auf ihrem ersten Album zeigt die Gruppe ihr Talent zu vielseitigem und einfallsreichem Harmoniegesang. Ihre Plattenfirma war (und blieb bis 1970) Elektra Records, damals noch ein reines Folk- und Country-Label, das sich erst ab 1966 dem Rock öffnete (Love, Doors etc.). Die Platte ist purer Bluegrass, wer die Dillards nur von ihrer Pop- /Rock-Phase ab 1968 kennt, sollte sich auf diesen puritanischen Sound einstellen. Es lohnt sich aber, und wer Abwechslung von diversem Pop-Rock-Einerlei sucht, kann hier bestens fündig werden - Musik, die einerseits Lichtjahre vom Mainstream entfernt, andererseits aber schön und stimmig ist, und frei von Kitsch und Unsinn. Und Energie hatte die Gruppe wie eine erstklassige Rock'n'Roll-Band, angefangen von der superschnellen Banjo- und Mandolinen-trächtigen Eröffnungsnummer "Old Joseph" bis zum atemberaubenden Abschluss "Duelin' Banjo (Hootin' Banjo)", dazwischen die erwähnte Vielfalt. Alles in allem ein exzellentes Debütalbum, das sich aufgrund des hohen Zeitlosigkeitsfaktors solcher Musik auch nach exakt 50 Jahren sehr gut hören lässt.
Wer wissen wollte, was diese Gruppe live drauf hatte, erlebte sie entweder in den USA (wohl hauptsächlich an der Westcoast) live, oder besorgte sich 1964 "Live!!! Almost!!!". Wer die vielen Rufzeichen für eine Übertreibung hält, wird es nach Anhören dieses Albums wahrscheinlich anders sehen: Technikdemonstrationen waren schon die Studioaufnahmen nicht, diese Musik hat Seele, und bei Liveaufnahmen merkt man das noch besser als sonst. Neben der Power und den erstklassigen Instrumental- und Gesangsleistungen zeigt diese Platte aber noch eine weitere Qualität dieser Gruppe, nämlich ihren Humor, ihren Pep, ihren wunderbar lockeren Umgang mit dem Publikum! Das war vor allem dem Bassisten Mitch Jayne zu danken, der herrliche Ansagen zum Besten gab, wie beispielsweise vor dem Dylan-Cover "Walkin` Down The Line", wo er sich in hinterwäldlerischer (tja, Hillbillies eben) Manier über Dylans Gesangskünste äußert, oder zum Traditional "Pretty Polly", wo er zum (zusätzlichen) Geschichtenerzähler wird. Und bei der Begrüßung des Publikums nach der Eröffnungsnummer offenbart er der Zuhörerschaft, dass die Dillards Hillbillies sind. Wenn das nicht ehrlich war, lieber Mitch! "Live!!! Almost!!!" ist eine jener erstklassigen Liveplatten aus den Sechzigern, an die heute erinnert werden muss, weil eine solche Ladung an musikalischer Substanz, Spielfreude, Charme und Humor heute ganz schön selten geworden ist, und zwar in allen Spielarten der populären Musik.
Mitch Jayne starb 81-jährig 2010, Doug Dillard 2012 im Alter von 75 Jahren, Rodney Dillard und Dean Webb sind mit eigenen Projekten noch heute aktiv. Die Dillards gab es als aktive Band bis in die Neunziger hinein, und wer ihre weitere Diskografie verfolgt, darf feststellen, zu welchen Überraschungen sie noch fähig waren.


Reflektor
Reflektor
Preis: EUR 7,99

29 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Edle Kreativität auf der Höhe der Zeit - ihr Opus Nr. 4, 25. Oktober 2013
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Rezension bezieht sich auf: Reflektor (Audio CD)
Amazon AutoRip sei dank, dass ich die bezahlte CD zwar erst in ein paar Tagen in der Hand halten (und auch die Lyrics mitlesen werde können, erwarte ich mal), die Musik aber am späteren Abend des Erscheinungstages schon hören kann.
Bei wohl keiner anderen zeitgenössischen Rockband sind die Erwartungen so hoch, wenn es um ein neues Album geht. Das liegt sicher auch daran, dass die Kanadier bis jetzt ihren Drei-Jahres-Rhythmus schön konsequent eingehalten haben, also nach dem Debüt von 2004 die Zweite anno 2007, die Dritte musste 2010 kommen, und die Vierte nicht 2012 oder 2014, sondern eben 2013. Muss eigentlich für die Gruppe selber ein Druck sein, um das einzuhalten. Aber es ist nicht nur der Turnus, bei dem auf die Alben von Arcade Fire Verlass ist: Sie verstehen es auch, sich pro Album sowohl musikalisch als auch optisch neu zu erfinden.

Das 2013er-Werk hat stärkere Dancefloor-Betonung als jede ihrer bisherigen Platten, was schon der siebeneinhalbminütige Titelsong klar macht: Es swingt und groovt, was das Zeug hält, und ist dabei doch nur die Ruhe vor dem Sturm, denn auf dem darauf folgenden "We Exist" rockt die Band los - bohrende Basslinie und ein simples wie klischeefreies Rock-Riff, und ein Refrain wie bei einem Gassenhauer (im guten Sinn natürlich). "Flashbulb Eyes" ist der kürzeste Song der Platte, kinderliedartige Melodie und verspielt wirkende psychedelische Sounds charakterisieren ihn. "Here Comes The Night Time" ist vielleicht der allerstärkste Song des ganzen Albums, sechseinhalb Minuten treibender Rock mit traditioneller Rock'n'Roll-Melodik im besten Sinne, einfach ein fantastischer Song, der in den letzten zwei Minuten förmlich explodiert. Dürfte in den nächsten Jahren einer ihrer Live-Klassiker werden. "Normal Person" ist ein herrlicher Rockkracher mit bratzigen Gitarren, nennen wir's ruhig Schweinerock (positiv definiert, bitte!), und eine Melodie und ein Gesang, Rock'n'Roll der Extraklasse! "You Already Know" versprüht Live-Atmosphäre, der Boogierhythmus und die vielschichtigen Vocals prägen dieses Stück. "Joan Of Arc" lässt an die "pastoralen" Anklänge so mancher Songs der ersten beiden Alben erinnern, mit einer Melodie, die beste Ohrwurmqualitäten zu entwickeln vermag, am Schluss steigert sich der Song ins Bombastische, um abrupt in Stille zu enden. "Here Comes The Night Time II" ist der nächste Track, und wie man das bei Arcade Fire schon gut kennt, sind ihre "Reprise"-Tracks auf einem Album schön unterschiedlich gegenüber dem ersten Stück, und im Unterschied zum ersten Song ist das ein schöner, ruhiger Song mit geschmackvollem Stringarrangement. Zwei über je sechs Minuten dauernde Songs folgen, die thematisch ins antike Griechenland führen: "Awful Sound (Oh Eurydice" und "It's Never Over (Oh Orpheus)", und wieder erweisen sich Butler, Chassigne & Co. als Meister der differenzierten Melodik und verstehen es exzellent, das ganz locker und unverkrampft hinüber zu bringen, wie sie auch an Sounds ein breites Spektrum aufbieten, ohne dass es überladen wirkt. Der nächste Track dauert wieder sechs Minuten, und da denkt man als Leser vorher bei "sechs" schon fast an etwas anderes, wenn das Stück doch tatsächlich "Porno" heißt ... Arcade Fire beim Schweinigeln oder was? Natürlich nicht, denn erstens ist es eine schöner, cooler Electropopsong, und zum Zweiten hat der Text (soweit ich ihn ohne Beilage näher verstehen konnte) sicher nichts mit Glorifizierung von dem Zeug zu tun, wenn Win Butler mehrmals etwas von "feel something wrong" singt. Also kein Fremdkörper auf dem Album, auch "Afterlife" nicht, weder musikalisch (der Groove, den man von dieser Gruppe vom Debüt an liebt) noch textlich (metaphysische und sonstige philosophische Fragen und Songthemen, hier ums Leben nach dem Tod), Banalitäten überlassen sie gerne anderen. "Supersymmetry" beschließt die Platte und ist mit über 11 Minuten das längste Stück, das die Gruppe bislang auf Studioalben veröffentlicht hat: Eine schöne Ballade mit quirligem Rhythmus, aber nur bis zur sechsten Minute, danach folgt eine subtile Klangcollage, wie man sie beispielsweise von Radiohead seit "Kid A" kennt, oder aus seligen alten Krautrockzeiten vor rund vierzig Jahren.

Arcade Fire bleiben eine außergewöhnlich kreative und einzigartige Band, und sollte dieses Album in einigen Monaten zur Platte des Jahres gekürt werden, wäre das höchstwahrscheinlich sehr verdient. Für mich, der ich langsam auf den 60er zugehe, ist es eine Riesenfreude, solche Platten zu genießen, wo es junge Musiker/innen von heute grandios verstehen, das Beste aus mehreren Dekaden von Rock und Pop zu verarbeiten. Arcade Fire-Fans aller Länder, freut euch (mit mir)!


Live In Concert
Live In Concert
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Glückstreffer und Spätsechziger-Singer-Songwriter-Juwel, 7. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Live In Concert (MP3-Download)
Was Tim Hardin mit seinen beiden ersten Studioalben der Nachwelt hinterlassen hat, habe ich an anderer Stelle bereits ausgeführt. Es war gewaltig. Aber live galt der sperrig wirkende Musiker schon ab 1966 als unberechenbar, und als seine Plattenfirma 1968 eine Live-Platte als drittes Album veröffentlichte, durfte man zu Recht kritisch darauf reagieren: Hatte da einer schon sein Pulver verschossen? Die Liveplatte zum Kaschieren des eigenen Burnouts?
Nach Anhören dieser Platte konnte man mehr als beruhigt sein: So unterschiedlich die Konzertdarbietungen von Tim Hardin seinerzeit auch immer gewesen sein mögen - hier gibt es nur überaus gelungene Sachen zu hören. Versionen eigener Songs wusste er in bisweilen gewagter Weise zu variieren, wie es damals selbst Dylan noch nicht tat, unterhielt sein Publikum aber immer noch gut genug. Aber dass er nie ein Entertainer war, wusste ja ein jeder. Diese Edition hier erweitert das Originalalbum von 1968 um damals nicht veröffentlichte Tracks, ohne deshalb Füllmaterial zu bieten. Beispielhaft erwähne ich hier "Lenny's Tune", das von Nico unter dem Titel "Eulogy To Lenny Bruce" (auf deren exzellentem "Chelsea Girls"-Album) bekannter sein dürfte, ein wunderbar intensives 7-Minuten-Stück, welches das Jazz-Feeling dieses zwischen Folk, Blues und Country pendelnden Musikers noch deutlicher zum Vorschein bringen lässt als viele seiner sonstigen Lieder. Bliebe noch zu sagen, dass seine Begleitmusiker hier kongeniale Arbeit leisteten, wie man es in ähnlicher Weise damals und später auch bei Tim Buckley und Van Morrison erfahren durfte.
Wer hören will, wie dieser Ausnahmemusiker in seiner Blütezeit in seinen wohl besten Momenten live klingen konnte, der/die höre!


Live in '85/Growling Guitar
Live in '85/Growling Guitar
Preis: EUR 19,40

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine der absoluten Link Wray-CDs, weil ..., 7. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Live in '85/Growling Guitar (Audio CD)
... sie aus zwei exzellenten LPs besteht, die der Fan dieses genialen Rockgitarreros einfach haben muss - eine Live-Scheibe aus 1985, und eine Sammlung von Tracks aus 1964 bis 1987, ohne die eine Link Wray-Diskografie nicht ganz vollständig ist.

"Live In '85" kam 1986 heraus und ist ein besseres Bootleg, man hört das Publikum ziemlich gut, der Klang ist nicht immer sauber, aber die Scheibe bringt voll herüber, was einen echt guten Gig dieses Mannes ausgemacht hat: Full Power, bei den meisten Stücken ein Tempo, das in den Achtzigern gut mit den meisten Hardcore-Acts konkurrieren konnte (schade, dass er nie mit Black Flag und Hüsker Dü aufgetreten ist), Rock'n'Roll total. "Rumble" steht nicht, wie man erwartet hätte, am Schluss dieser Platte, sondern am Anfang, eine feedbackgetränkte Version einer tausendmal gespielten Nummer, die sich hier aber so spontan anhört, als würde das Trio eine Kollektivimprovisation hinlegen. Bruce Springsteens "Fire", einige Fifties-Juwelen ("King Creole", "Mystery Train" etc.), grandios gelungene Versionen seiner eigenen Klassiker "Jack The Ripper" und "Rawhide" und zum Abschluss eine explosive 7-Minuten-Version von "Born To Be Wild", die dem Steppenwolf-Original mindestens ebenbürtig ist (was ja was heißen will) würden in Summe schon eine 1 A - Liveplatte ausmachen, aber dann ist da noch das zweite Stück des Albums, das dreiminütige "It's Only Words", ein Riff-Rocker, der für mich zu den 10 ultimativen Nummern dieses Mannes gehört, ein selten genial simpler Drei-Akkord-Kracher, wie ihn - bei aller Hochachtung, bitte! - selbst die Ramones und AC/DC nur selten in dieser Qualitätsklasse geschafft haben.

"Growling Guitar" bietet 15 Studioaufnahmen, 3 davon stammen aus 1987, die anderen 12 decken die Jahre 1969 (6), 1965 und 1964 (jeweils 3) ab. Es waren die Jahre, in denen es um ihn am stillsten war, dieselben Jahre, in den Jimi Hendrix, Jeff Beck und Jimmy Page groß wurden oder zumindest in den Startlöchern standen. Und diese Namen verdient es zu erwähnen, wenn man sich hier anhört, was Link Wray auf seinen damals auf kleinen Labels veröffentlichten Singles mit der Fuzz Box und dem Wah-Wah-Pedal alles anzustellen wusste, den voll aufgedrehten Amp nicht vergessen. Ein paar Stücke konnten, was das Booklet ehrlich anmerkt, nicht von Originalbändern (da nicht mehr verfügbar) überspielt werden, aber die Klangqualität ist hier, diesen Umständen entsprechend, wirklich als tadellos zu bezeichnen. Link begann in jenen Jahren auch zu singen, die Aufnahmen vorher waren ja alle Instrumentals gewesen. "Climbing A High Wall" ist ein scharfer Wah-Wah-Pedal-Rocker mit Gesang, "Genocide" ein düsteres Instrumentalstück, bei dem ich annehme, dass es Link, der ja Indianer war, im Gedenken an den wenig ruhmreichen Umgang der weißen US-Bevölkerung an den Ureinwohnern der USA eingespielt hat. Seine Gitarre klingt hier nicht anders als die von John Cipollina, dem unvergessenen Gitarrengenie von Quicksilver Messenger Service, was mich daran denken lässt, wie dieser kalifornische Hippie immer wieder auf seinen Haupteinfluss - eben L.W., wer sonst - hinzuweisen wusste. "The Earth Is Crying" ist ein simples wie schönes Instrumentalstück, bereichert durch eine Orgel, "Growling Guts" ein ebenfalls instrumentaler Kracher mit furiosem Schlagzeug, während "Hungry" eine schöne und ruhige, fast schon schnulzige Instrumentalnummer darstellt. Bliebe da als sechstes Stück aus der 1969er-Auslese noch "Ace Of Spades '69", die Neuaufnahme des 1959er-Klassikers, wo sich die Gitarre mit einer Mundharmonika duelliert. Aus 1965 werden drei Instrumentalnummern präsentiert, das beschwingte "Hang On", das rührend schöne, möchte schon sagen edelschnulzige "Alone" und "The Fuzz", eines der ersten Fuzz-Box-Stücke der Rockgeschichte, wäre ein verdienter Hit gewesen, wenn sich Link damals in der internationalen Szene bewegt hätte, aber ohne entsprechendes Management und Label lief das eben anders. Aus 1964 stammen neben dem schwungvollen Instrumental "Summer Dreams" zwei wunderbare Gesangsnummern: "You Hurt Me So", das durch seine Melodie und den Einsatz des Wah-Wah-Pedals besticht, ein wahrhaft fantastischer Song, und dann eine exzellente Coverversion einer Bob Dylan-Nummer, noch bevor alle Welt (The Byrds etc., bis dahin gab's nur Peter, Paul & Mary) Dylan nachsang: "Girl From The North Country". Diese Version zähle ich zu den allerbesten Dylan-Covers, gefühlvoll und druckvoll zugleich. Bliebe noch zu sagen, dass die drei Tracks aus den Achtzigern das Programm gut abrunden.

Auch wenn die Aufnahme in die Hall Of Fame Of Rock'n'Roll noch auf sich warten lässt: Link Wray ist meines Erachtens einer der drei oder vier besten und wichtigsten, weil nachhaltigsten Gitarristen der Rockgeschichte. Auf einer CD wie dieser lässt es sich nachhören.


Mad River/Paradise Bar & Grill
Mad River/Paradise Bar & Grill
Preis: EUR 17,99

5.0 von 5 Sternen Westcoast-Juwel in Top-Klangqualität, 13. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Mad River/Paradise Bar & Grill (Audio CD)
Wenn Sie zu denjenigen gehören, welche die Musik dieser Gruppe - und dabei beide ganz schön unterschiedliche Alben zugleich! - lieben, dann begnüge ich mich bei Ihnen mit der erfreulichen Feststellung, dass hier ein hervorragendes Remaster vorliegt! Und ein gutes, weil informatives Booklet ebenfalls, und wem das nicht genügt, der kann sich auf der Website von Lawrence Hammond noch weitere Infos über diese Band holen, wie etwa eine Liste aller Auftritte, die die Gruppe damals hatte.

Für mich das Erstaunlichste an den Booklet-Informationen ist der Einblick in die Produktionsbedingungen des Debütalbums - womit ich auch schon bei der Musik bin. Ich habe Mad Rivers erstes Album immer für ein Meisterwerk gehalten, aber nachdem ich über die Umstände, welche die Entstehung und Veröffentlichung der Platte begleiteten, näher informiert bin, unterstreicht das für mich diese Einschätzung: Ein Produzent, der mit dieser Musik und der Hippiekultur wenig anzufangen weiß, ein großes Label, das diese Band halt gesignet hatte, weil man die Beach Boys, die Steve Miller Band und Quicksilver Messenger Service unter Vertrag hatte, ohne recht zu wissen, wie man das verkaufen sollte, die Covergestaltung entgegen dem Willen der Band, und als Tüpfelchen auf dem i noch bei vier der fünf Musiker auf dem Backcoverfoto falsche Namenszuordnungen. War nicht gerade Professionalität, womit man da konfrontiert war, aber die Gruppe hatte sich live ein solches Format erspielt, dass die mit viel Substanz aufwarten konnte und auch wusste, was man wollte. Vor allem Lawrence Hammonds hoher, schneidender Gesang und die vielseitige, sich nie in vordergründiger Virtuosität erschöpfende Gitarrenarbeit von David Robinson prägten den Sound der ersten Platte, und an Power mangelte es der Gruppe auch nie. Die Songs selber haben hohes kompositorisches Niveau, der Drei-Gitarren-Sound kommt oft wuchtig daher, und der Abwechslungsreichtum ist beachtlich. Bliebe noch zu sagen, dass frühere Editionen zu schnell überspielt worden waren, was mit für einen leicht schrägen Sound sorgte; hier wurde endlich mit korrektem Tempo überspielt, was nichts daran ändert, dass Tracks wie "High All The Time" und "Wind Chimes" noch immer die Prise Wahnsinn besitzen, die das Debütalbum der Gruppe auszeichnen.

Mit der zweiten Platte wurde einiges anders, was weniger am Abgang des Bassisten Tom Manning und der Reduzierung auf Quartettstärke lag, sondern an einer etwas anderen musikalischen Ausrichtung: Mad River wollten mehr ihre Country- und Folk-Wurzeln zum Tragen bringen. Mit dem Producer klappte es diesmal - Jerry Corbitt, der soeben die Youngbloods verlassen hatte, erwies sich als sehr guter, einfühlsamer und passender Mann. So hat "Paradies Bar And Grill" im Vergleich zur ersten Platte, die über weite Strecken düster und melancholisch klingt, eine fröhliche, lockere, überaus harmonische Grundstimmung, und überzeugt auch durch ihren starken Abwechslungsreichtum, was sich u.a. darin zeigt, dass Lawrence Hammond nicht mehr bei jedem Gesangsstück Leadvocals singt. Eine schöne und bezaubernde Platte, die ihre 44 Jahre schön überstanden hat.

Mad River dürfen musikalisch auf jeden Fall zu den großen Westcoastbands der Spätsechziger gerechnet werden. Ihr Vermächtnis wird weiterhin Bestand haben.


The Street Giveth & the
The Street Giveth & the
Preis: EUR 21,72

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gutes Debütalbum mit ein paar starken Höhepunkten, 13. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Street Giveth & the (Audio CD)
Es mag irgendwie witzig zu sein darüber zu spekulieren, warum es eine Band vor Jahren und Jahrzehnten nicht schaffte, und selbst wenn man sich in der Pop- und Rockgeschichte gut auskennt, bleiben einem meistens doch nur Hypothesen. Meine ist zu Cat Mother and the all-night Newsboys die, dass die Gruppe nicht so leicht einzuordnen war: "Produced by Jimi Hendrix" – da erwartet man sich wahrscheinlich ähnliche Musik wie die des Produzenten, was jedoch kaum zutraf. Dann war da der Versuch, mit "Good Old Rock’n’Roll" im Fifties-Sound ein großes Publikum zu erreichen, aber das machten beispielsweise ShaNaNa besser und vor allem konsequenter – denn wer sich dann die komplette LP anhörte, hörte nur ein paar Titel dieser Art, ansonsten Boogie, Pop und am Schluss ein langes Instrumentalstück. Abwechslungsreichtum oder Stillosigkeit, war hier wohl die Frage? Und das Niveau der Songs war auch – im Gegensatz zu den weiteren Alben der Band! – ganz schön unterschiedlich: Hätte das ganze Album nur Stücke wie den als Pseudo-Hit gestartete Opener "Good Old Rock’n’Roll", "Favors" und "Charlie’s Waltz" zu bieten, dann könnte ich fürs ganze Album gerade einmal drei Sterne herausrücken. Dass die Platte insgesamt für mich immer noch vier Sterne hergibt, liegt an mehreren Tracks, die sie schön aufwerten: Da ist einmal "Probably Won’t", ein fetziger Boogie, das schön beschwingte "Can You Dance To It?" (aber klar doch!), "Marie", "Bramble Bush" und "Bad News". Bleiben drei Songs, die von ihrer Qualität her schon das ankündigten, was die drei großen Folgealben dann einlösten: "Boston Burglar" besticht durch sein irisch getöntes Folkfeeling, "How I Spent My Summer" ist ein hinreißender Popsong mit harmoniegesanglicher Höchstleistung, und die 10-minütige instrumentale Schlussnummer "Track in A", die durch ein simples Orgelriff geprägt ist, entlässt den Hörer dann schließlich.
Die Besetzung auf dem Debütalbum war: Bob Smith (Keyboards), Roy Michaels (Bass), Michael Equine (Drums) und die beiden Gitarristen Larry Packer und Charlie Chin. Die folgenden Alben und Jahre sollten einige Wechsel bringen, Smith, Michaels und Equine gehörten aber jeder Besetzung an. Eine zentrale Figur hatte die Gruppe an und für sich nie, aber dass Bob Smith über all die Jahre und Alben der herausragende Songschreiber war, soll schon einmal erwähnt sein. Als Cat Mother 2009 in Kalifornien ein Reunion-Konzert gaben (Näheres auf YouTube), gedachten sie dabei auch ihres 1991 verstorbenen Mitmusikers.


Albion Doo-Wah
Albion Doo-Wah
Preis: EUR 21,72

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Americana-Juwel von zeitloser Brillanz, 28. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Albion Doo-Wah (Audio CD)
Diese CD habe ich so sehnsüchtig erwartet wie nur wenige in den letzten Jahrzehnten. Im Sommer 1970 erstveröffentlicht, zwischendurch mindestens einmal als Vinyl wiederveröffentlicht, und nun nach sage und schreibe 43 Jahren zum ersten Mal auf CD! Da sage nochmal einer, die Plattenindustrie hätte keine Schätze mehr zu heben, bitteschön. In diesem Sinne empfehle ich gleich die CD-Neuauflagen von "Cat Mother" und "Last Chance Dance", der beiden exzellenten Folgealben dieser Gruppe, die ab dem dritten Album ihren Bandnamen auf Cat Mother verkürzte. Die Klangqualität der vorliegenden CD ist gut, solides Mastering (wenn man einmal davon absieht, dass "Turkish Taffy" und die instrumentale Titelnummer zu leise überspielt sind - wie das wohl passieren konnte? Loudness War ist das jedenfalls nicht), und das Booklet geht voll in Ordnung, wenn es auch sparsam ist, indem es sich auf die Reproduktion des wunderschönen Albumcovers beschränkt und auf Linernotes verzichtet.

Cat Mother and the All-Night Newsboys waren ursprünglich eine New Yorker Band, die einen Wahl-New Yorker live so stark beeindruckten, dass er gleich ihr Debütalbum produzierte. Der Genannte hieß Jimi Hendrix, und die Platte "The Street Giveth ... and the Street Gaveth Away" war noch kein Meisterwerk, ein vielversprechendes Debüt aber allemal(verweise zu Näherem auf meine Rezension jenes Albums). Bald nach jener Platte änderte sich die Besetzung und darüber hinaus der Wohnsitz (von New York nach Kalifornien) und schließlich auch noch die musikalische Ausrichtung: In der Besetzung Michael Equine (Drums, Vocals), Bob Smith (Keyboards, Vocals), Roy Michaels (Bass, Guitar, Vocals), Jay Ungar (Violin, Mandolin, Guitar, Vocals), Larry Packer (Guitar, Violin, Viola) und Paul Johnson (Guitar) sowie Gastmusiker Lyndon Lee Hardy (Guitar) nahm die Gruppe (ohne den guten Jimi) ihre zweite Platte auf, die Produktion besorgte die Gruppe selber, und die rund um 1970 durchaus gut beachtete Country-Rock-Szene war nicht nur quantitativ um eine Attraktion reicher. Das Zusammenspiel der Gruppe, die in dieser Besetzung erst kurz beisammen war, als im Februar und März 1970 die Platte aufgenommen wurde, klang so harmonisch, als ob die Musiker schon lange Jahre gemeinsam musiziert hätten, und ihre technischen Fähigkeiten waren beachtlich; zugleich enthält das ganze Album keine einzige Stelle, wo zu dick aufgetragen und sich vordergründige Virtuosität breit machen würde.

Und "Albion Doo-Wah" sollte dann das Meisterwerk der Band werden. Der Opener "Riff-Raff" kreuzt groovigen Rock mit Country, variiert ein explosives Riff über einen funky Rhythmus, die Lyrics scheinen mir verschmitzt auf das Hippie-Image anzuspielen. Geiger Jay Ungar veredelt diesen Song wie auch die zweite Nummer "Turkish Taffy", die wie das nachfolgende "Booneville Massacre" von verquerer Rhythmik lebt, wo ich mich in beiden Fällen (überaus angenehm) an die amerikanischen Kaleidoscope und an East Of Eden erinnert fühle. Aber dann gibt's straighten Country-Rock, der fast in die Beine geht: "I Must Be Dreaming" hat einen herrlichen Swing. Last Go Round" ist eine schöne Ballade mit Harmoniegesang und Akustikgitarren, die Gruppe zeigt sich hier von ihrer romantischen Seite. Von ihrer halblustigen zeigt sie sich mit "Strike A Match & Light Another", aber Schwamm drüber: Mehr als 40 Jahre später und nach unzähligen Drogentoten ist der Text dieses Pot-Anthems wirklich nicht mehr witzig, aber vergessen wir nicht, man schrieb 1970, ein paar Monate nach Veröffentlichung dieser Platte starben Al Wilson (Canned Heat) und Janis Joplin, zwei große Drogentote jenes Jahres, damals sah man das noch mehr als locker. "Been All Around the World" hat wieder herrlichen Schwung, während "Good Times" ein schönes und ruhiges Lied ist, das zum Schluss aber schwungvoll wird. Wohl als Overtüre zum nächsten Stück? "Theme from Albion Doo-Wah" ist ein Instrumental mit Spieldauer 4:18, und kurz vor Schluss der Platte explodiert die Band noch diese paar Minuten lang: Orgel und E-Gitarre liefern sich ein Riff-Gefecht, und in dieses mischt sich wie ein "lachender Dritter" eine messerscharfe Violine hinein. Klingt, wie wenn sich Santana und East Of Eden eine heiße Session geliefert hätten, und bandintern gesehen wie eine heiß gekochte Fortsetzung ihres "Track in A" vom Debütalbum. Abgeschlossen wird das Album vom wunderschön schlichten, Kanon-artigen "Rise Above It", und wenn diese insgesamt 39 Minuten um sind, kann niemand verstehen, warum diese Platte 1970 übersehen wurde. Kann ich auch 2013 nicht, aber dass sie den CD-Markt erreicht hat war, wie gesagt, überfällig. Bonustracks gibt's übrigens keine, für mich kein Problem.
"Albion Doo-Wah" kann es mit den besten Alben der Byrds, Flying Burrito Brothers, der Dillards und The Band locker aufnehmen, und von all diesen Bands waren Cat Mother die experimentier- und entwicklungsfreudigste, ähnlich wie seit der Mitte der 90er Wilco diese Rolle spielen. Ein heißer Tipp für alle Jäger & Sammler, diese Band und ihr Opus Magnum!


At Fillmore East
At Fillmore East
Preis: EUR 6,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Noch immer eines der besten Live-Alben der ganzen Rockgeschichte, 26. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: At Fillmore East (Audio CD)
Was 2013 über dieses Album schreiben, was nicht schon x-mal geschrieben wurde? Scheint nicht einfach zu sein, aber der deutsche "Rolling Stone" gibt mir dazu Anlass, genauer gesagt die Ausgabe des Juni 2013, wo die 50 besten Live-Alben der Pop- und Rock-History von einer Jury geadelt wurden. Und "Live At Fillmore East" aus 1971 war auf Platz ... ja, ob Sie's glauben oder nicht, irgendwo ab 51 bzw. gar nicht! Bei aller Wertschätzung gegenüber dieser Zeitschrift und ihrer Redakteure und Mitarbeiter, aber das mag vielleicht anno 2071 stimmen (oder auch nicht, was weiß man ...), aber 2013 bei Gott noch nicht, liebe Leute! Diese Power! Dieses Zusammenspiel! Dieser Swing und Drive der beiden Drummer, verbunden mit solidem wie flüssigem Bassspiel, was sich schon damals vom Holzhackerrhythmus der Bluesband von nebenan abhob! Gregg Allmans Gesang und seine groovige Orgel! Dicky Betts' herrlich akzentuiertes wie differenziertes, zu jedem Takt hochenergetisches Gitarrenspiel! Und zu Duane Allmans Gitarrenarbeit muss man 42 Jahre nach seinem Tod sagen, dass man ihn wohl noch immer zu den 10 besten und wichtigsten Blues- und Blues-Rock-Gitarreros der letzten gut 60 Jahre (wenn wir bei Muddy Waters, Howlin Wolf und John Lee Hooker anfangen) zählen darf! Und dann die Songs, eine exzellente Mischung aus Bluesklassikern und Eigenkompositionen, alles optimal interpretiert, und von den Langnummern keine einzige zu lang (was schon damals bemerkenswert war)! Und schließlich und endlich noch die erstklassige Aufnahmequalität, wofür ein Name wie Tom Dowd aber auch garantieren kann!
Natürlich kann und darf man das alles auch ganz anders sehen. Aber dann sollte man sich fragen, ob man mit Blues-Rock, der sowohl vom Feeling als auch von der Technik her brillant geboten wird, jemals etwas anzufangen wusste. Höchstwahrscheinlich nicht.


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