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ArtfulK.

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Zauber der Vergangenheit
Zauber der Vergangenheit
Preis: EUR 3,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Zauber der Vergangenheit - Jana Goldbach, 2. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Zauber der Vergangenheit (Kindle Edition)
Der Barock ist in Mode. Seit einem gewissen Zeitreiseroman tauchen immer mal wieder Zeitreisegeschichten auf, in denen es die jugendlichen Heldinnen ins opulente achtzehnte Jahrhundert verschlägt, und ich muss zugeben, dass ich so etwas mag. Wenn es gut gemacht ist. Leider war dieser Roman eher eine herbe Enttäuschung für mich. Ich finde es völlig legitim, sich von anderen Romanen beeinflussen zu lassen, solang es bei einer bloßen Inspiration bleibt. Manchen Romanen merkt man aber leider genau an, welches andere Buch den Autoren zu seiner Idee inspiriert hat und, wenn die Erinnerung an ein anderes, besseres Buch auf jeder Seite aus den Zeilen tropft, dann spricht das leider dafür, dass der Autor nicht genug eigene Ideen gehabt hat. Und genau das macht "Zauber der Vergangenheit" leider kaputt. Der Roman versucht ein witziger, leichter Zeitreiseroman zu sein, eine hübsche Liebesgeschichte, aber weder habe ich beim Lesen lachen müssen, noch hat mich die Romanze überzeugt.

Das große Problem ist, dass dieses Buch aus mehreren Versatzstücken zusammengesetzt ist, die zusammen einen sehr generischen Jugendroman ergeben, die jedoch das Gefüge nicht zusammenhalten können. Es fehlt der Leim, die eigenen Ideen und Plot Twists, der den Roman zu einem originellen Lesespaß machen. Wir haben hier: Eine ganz normale sechzehnjährige Heldin, die sich einen Freund wünscht und ansonsten leider sehr blass bleibt, ohne eigene Eigenschaften außer dem sonnigen Gemüt und dem mangelnden historischen Wissen, die für diese Art von Roman eine Art Vorschrift zu sein scheinen. Dann haben wir eine Dreieckskiste zwischen eben dieser Heldin, ihrem besten Freund und einem mysteriösen Fremden, der gleichzeitig geheimnisvoll und anziehend auf sie wirkt. Aufgefüllt wird mit ein bisschen historischem Geplänkel und der großen Suche nach einem Weg zurück nach Hause. Ein ganz großer Fehler, den der Roman in meinen Augen macht, ist alles auf die Liebesgeschichte zu setzen und dabei ganz zu vergessen, dass ein Roman darüber hinaus auch eine spannende Geschichte braucht.

Ich finde es gewagt einem Fantasyroman einen so deutlichen Fokus auf die Romanze zu geben. So etwas kann funktionieren, doch dazu braucht es ausgearbeitete Figuren und spürbare Chemie. Beides lässt sich in "Zauber der Vergangenheit" leider nicht finden. Einem lockerem Jugendbuch für zwischendurch mag ich das eigentlich nicht ankreiden, doch leider kippt mit dieser Entscheidung das gesamte Leseerlebnis. Für wen der beiden Kandidaten sich Violet am Ende entscheiden wird, ist leider von vorn herein klar und mit keinem der beiden Jungen entsteht irgendeine Form von Chemie. Man nimmt Violet ihre Gefühle leider nicht ab, was auch daran liegt, dass die Autorin der Romanze keine Zeit gibt, sich wirklich zu entwickeln. Alles passiert in kleinen abgehackten Schritten und fließt nicht ineinander. Ein weiterer Faktor ist leider wirklich, das hinter den Namen der Figuren keine ausgearbeiteten Charaktere stecken, sondern wirklich Abziehbilder, wie man sie in fast jedem Jugendroman findet, ohne, dass Frau Goldmann ihnen Eigenheiten mitgegeben hätte, die sie von anderen Figuren unterscheiden.

Im ganzen Roman wimmelt es von solchen zweidimensionalen Aufstellfiguren. Entweder Figuren sind so blass und platt wie Violet, Drew und Anthony, oder sie sind völlig überzogene Requisiten, wie Violets Tante, die exzentrisch wirken soll, aber so unglaubwürdig ist, dass sie leider nicht lustig war, sondern eher gestört hat. Dem Buch geht einiges an Witz und Dichte verloren, da die Figuren selten anecken. Alles plätschert so dahin und die Dialoge lesen sich leider sehr gewollt und hölzern, selten wirklich spannend oder originell. Nach dem Lesen habe ich ein bisschen gebraucht, um darüber nachzudenken, was genau der Roman nun bewirkt hat, was der große Konflikt war, wieso es sich lohnen sollte, den Roman zu lesen. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Es fehlt wirklich der große Knall, der Konflikt, der den Roman lesenswert und spannend macht. Und leider ist die Handlung von "Zauber der Vergangenheit" zu schwach, um das zu bewerkstelligen, zu durchschaubar und zu schnell gelöst. Auch die Geheimnisse von Drew und Anthony sind viel zu leicht zu durchschauen und am Ende denkt man sich bloß noch: "Hab ich's doch gewusst."

Auch irritiert hat mich das Verhalten der Figuren, allen voran das der Ich-Erzählerin Violet. Für mich waren ihre Schlüsse und Handlungen nicht logisch nachvollziehbar und wirkten eher so, als hätte die Autorin mit Macht versucht die Geschichte in eine bestimmte Richtung zu biegen. Violet hinterfragt zum Beispiel überhaupt nicht, dass Drew plötzlich in der Vergangenheit auftaucht und sich unglaublich gut auskennt, wo man sich doch normalerweise mal wundert, wieso ein ganz normaler Junge so viel über den Barock weiß und dort so gut zurechtkommt. Auf der anderen Seite macht sie allerdings manchmal Schlüsse, die logisch überhaupt nicht nachvollziehbar sind oder tut Dinge, die in der Situation niemand wirklich tun würde. Es ist sehr offensichtlich, dass hier die Handlung vorangetrieben werden sollte, nur leider passiert das auf eine Art, die für den Leser nicht unbedingt nachvollziehbar ist.

Ein weiteres, sehr großes Manko ist für mich der historische Hintergrund. Dazu komme ich ganz zum Schluss, weil ich glaube, dass es die meisten Leute nicht so sehr stört, aber erwähnen möchte ich es dennoch. Wenn man einen Zeitreiseroman schreibt, dann liegt doch der Reiz in den Konflikten zwischen Gegenwart und Vergangenheit, in dem Kontrast zwischen dem modernen Leben der Heldin und der Epoche, in die sie reist. Und das fehlt mir hier total. Das achtzehnte Jahrhundert ist in diesem Roman nichts weiter als ein Spiegel der modernen Welt plus historische Mode und ein paar gestelzte Ausdrucksweisen, die obendrein anachronistisch wirken. Es wirkte auf mich viel eher, als sei Violet in einen schlechten Sonntagnachmittagsfilm gereist, der vorgibt im Barock zu spielen, als in die wirkliche Vergangenheit und, wenn ein Zeitreiseroman da scheitert, dann scheitert er auf voller Linie.

Ich weiß nicht, wie offensichtlich die historischen Fehler für Leser sind, die sich mit Geschichte nicht so sehr befassen, doch gleich zu Beginn von Violets Zeitreise häuft es sich bereits. Vielleicht ist "Fehler" etwas harsch gesagt. Viel eher sind es kleine Unstimmigkeiten, doch davon eine Menge. Das erste, das Violet passiert ist, als Hexe denunziert zu werden. Ich möchte nicht ausschließen, dass das hätte passieren können, aber doch wohl nicht auf einer Party der gehobenen Gesellschaft in England um das Jahr 1700 herum. Da ist die Autorin knappe fünfzig Jahre zu spät dran. Die Mode ist anachronistisch, die Figuren benehmen sich nicht, wie Menschen, die in der frühen georgianischen Gesellschaft aufgewachsen sind. Ansonsten bleibt die Vergangenheit sehr schwammig und blass, selbst, wenn man sich ein wenig mit dem Barock auskennt, kann man sich kein Bild aus den spärlichen Beschreibungen machen. Das fand ich sehr enttäuschend, da es mich bei Zeitreiseromanen immer am meisten reizt, wie sich moderne Figuren in vergangenen Zeiten zurechtfinden, besonders einer so bunten Zeit wie dem achtzehnten Jahrhundert, das so viel Potential geboten hätte.

"Zauber der Vergangenheit" ist daher ein sehr enttäuschender Roman für mich gewesen. Die Geschichte hätte wirklich Potential gehabt, hätte Jana Goldberg sich ein bisschen mehr Mühe beim Ausschmücken gegeben: Buntere historische Details,mehr Beschreibungen, mehr Eigenschaften für die Figuren, ein bisschen mehr Handlung neben der Liebesgeschichte, mehr Recherche zum frühen achtzehnten Jahrhundert. Das Zauberwort scheint hier tatsächlich "mehr" zu sein. Und im Umkehrschluss ist "Zauber der Vergangenheit" einfach zu wenig. Nichts Halbes und nichts Ganzes eben. Ein ganz typischer Jugendfantasyroman, der leider hinter viel besseren Vertretern des Genres weit zurückbleibt. Für mich las sich der Roman ein wenig wie ein typisches Erstlingswerk und ich glaube, dass Jana Goldmann mit ihrem lockeren Stil durchaus das Potential dazu hat, bessere Bücher zu schreiben. Ich werde abwarten, ob sie weitere, vielleicht originellere Romane veröffentlicht.

Eigentlich bloß für Leser, die von Zeitreisen in den Barock nicht genug bekommen können. Da alles, was in diesem Roman passiert, schon einmal woanders besser vorgekommen ist, könnte ich mir "Zauber der Vergangenheit" auch als Einstieg in Zeitreiseromane vorstellen. Persönlich würde ich sagen, der Roman ist ganz nett lesbar für Leser, die weder eine bunte historische Welt erwarten, noch ausgeklügelte Figuren und Handlungen, noch eine originelle Geschichte. Wer am Strand nichts mehr zu lesen hat und noch ein paar Stunden totschlagen will, kann sich "Zauber der Vergangenheit" getrost auf seinen eReader laden. Wer allerdings einen schönen Zeitreiseroman voller bunter Details und Geheimnisse im Stil von Kerstin Gier ("Rubinrot") oder Eva Völler ("Die magische Gondel") erwartet, sollte passen. Deshalb gibt es von mir schweren Herzens zwei Punkte.


Grave Mercy - Die Novizin des Todes: Grave Mercy Band 1
Grave Mercy - Die Novizin des Todes: Grave Mercy Band 1
von Robin L. LaFevers
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grave Mercy : Die Novizin des Todes - Robin L. LaFevers, 2. Januar 2015
Ich muss vorweg etwas loswerden: Der deutsche Klappentext ist genauso irreführend, wie der deutsche Untertitel uninspiriert. Denn "Grave Mercy" ist der erste Teil der "His Fair Assassin"-Reihe, wobei es sich bei His um St. Mortain, den alten Gott des Todes, handelt und bei der Assassine um Ismae, die Ich-Erzählerin des Romans. Während es eine Liebesgeschichte gibt, dreht sich jedoch nicht der ganze Roman darum, wie es der Klappentext vermuten lassen würde. Viel eher kann ein Leser, der "Grave Mercy" zur Hand nimmt, ein wunderbar recherchiertes historisches Abenteuer in der mittelalterlichen Bretagne erwarten, spektakuläre Auftragsmorde, Intrigen bei Hof und im Kloster St. Mortain und, um das Ganze abzurunden, einen mit vielen Details gespickten real-historischen Hintergrund um Anne de Bretagne, die junge Herzogin der Bretagne im Konflikt mit Frankreich.

Ich war jedoch nicht von Anfang an begeistert. Der Roman setzt knapp drei Jahre vor der eigentlichen Handlung mit einem Prolog ein, der die junge Ismae als Ich-Erzählerin vorstellt. Sie hat ein furchtbares Mal auf dem Rücken, wie sie sagt das Überbleibsel einer missglückten Abtreibung und in den Augen der anderen Dorfbewohner ein Teufelsmal, wird für Geld von ihrem grausamen Vater an einen noch grausameren Nachbarn verheiratet und im letzten Moment von einem Heckenpriester, der noch nach der alten Religion lebt, gerettet und fortgebracht. In das Kloster St. Mortain, wo man ihr erklärt, dass sie selbst von Mortain auserwählt wurde (wir erinnern uns an ihr Mal), um die von ihm ausgewählten Feinde umzubringen. Im Kloster soll sie lernen, eine richtige Auftragsmörderin zu werden. Ich brauchte für diesen Prolog zwei Anläufe, denn beim ersten Versuch war ich nach ein paar Seiten schrecklich gelangweilt und enttäuscht vom platten Erzählstil, dem sich Robin LaFevers bedient.

Aber kaum erreicht man den Zeitsprung, der aus Ismae eine siebzehnjährige kaltblütige Mörderin macht, die die meiste Zeit in der Werkstadt der Giftmischerin verbringt und sich bereits selbst sehr gut mit Giften auskennt, beginnt der Roman wirklich sich zu lohnen. Ismae wird auf ihren ersten Auftrag geschickt, an den Hof der jungen Herzogin Anne, wo sich ein Ereignis an das andere reiht. Die Handlung ist wirklich ausgetüftelt und dient immer wieder mit neuen spannenden Plot Twists, die zumindest ich so nicht erwartet hätte. Am Hof begegnen Ismae immer wieder Intrigen, denn von allen Seiten will man Anne den Thron der Bretagne streitig machen. Besonders Frankreich ist eine ernst zu nehmende Bedrohung und die Autorin schafft es, die Konflikte und Interessen aller Beteiligten lebendig und spannend zu schildern, ohne, dass der wirklich umfangreiche historische Hintergrund den Roman langweilig macht oder dafür sorgt, dass er sich wie ein Schulbuch liest. Auch die historisch belegten Figuren, wie Anne de Bretagne, werden lebendig und warten, genau wie die fiktiven Figuren, mit gut ausgearbeiteten Persönlichkeiten, Wünschen, Interessen und guten wie schlechten Seiten auf.

Die Liebesgeschichte hat mir tatsächlich auch sehr gut gefallen. Duval, der Ismae an den Hof begleitet, ist ein enger Verwandter von Herzogin Anne und, während man versteht, weshalb Ismae sich bald zu ihm hingezogen fühlt, weiß man auch nie, ob man ihm wirklich trauen kann und welche Hintergrundgedanken er hat. Etwas, das bis auf Ismae übrigens für alle Figuren gilt: Man weiß nie, was sie wirklich vorhaben und welche Rolle Ismae in ihren Plänen spielt. Duval ist ein großartiger Held neben Ismae. Er übernimmt nicht, wie in vielen Romanen, die eigentlichen Heldenaufgaben, sondern kämpft an Ismaes Seite. Ismae Rienne und Gavriel Duval haben eine Chemie, die über die Romanze hinausgeht und genau so müssen gut geschriebene Liebesgeschichten, aber auch Freundschaften, für mich sein. Die beiden ecken ständig an, streiten, kämpfen jedoch auch gemeinsam und helfen sich aus der Patsche, haben eine ganz eigenwillige Spannung. Ich habe jeden Moment der Beziehung zwischen Ismae und Duval geliebt.

Sehr schön fand ich auch, wie ein paar Eigenheiten der Bretagne, heute im Norden Frankreichs, in die Erzählung eingearbeitet wurden, muss aber sagen, dass das von mir aus noch viel mehr hätte sein können. Schließlich hat die Bretagne bis heute eine eigene Sprache und Kultur, die in "Grave Mercy" meiner Meinung nach ein wenig zu kurz kamen. Den Heiligen Mortain zum Beispiel, der im Kloster verehrt wird, gab es in der bretonischen Mythologie in dieser Form nie, was auch für die meisten der anderen erwähnten Götter gilt. Das finde ich persönlich sehr schade. Wir wissen heute nicht mehr allzu viel darüber, wen die Menschen in der Bretagne vor der Christianisierung verehrt haben, aber ich hätte es schöner gefunden, die keltischen Bräuche und Götter, über die wir etwas wissen, im Roman wiederzufinden. Da alles stimmig erzählt war, hat mich diese relativ freie Hinzudichtung von Religionen und Gottheiten nicht gestört, ich hätte es aber besser gefunden, wenn die Autorin der realen Kultur der alten Bretagne mehr Platz eingeräumt hätte.

Robin LaFevers hat auf ihrer Website ein Nachwort hochgeladen, das sich leider im Buch selbst nicht findet, in dem sie wunderbar aufschlüsselt, welche Teile der Geschichte auf wahren Begebenheiten beruhen und welche nicht, damit man nachvollziehen kann, wo ihre Phantasie einsetzt. Die Autorin vertritt die Meinung, dass historische Authentizität in Romanen nicht so wichtig ist, wo ich mit ihr überhaupt nicht konform gehe (Wenn etwas schwammig ist oder unbekannt, kann man sich meiner Meinung nach etwas ausdenken, aber bei klaren Fakten bin ich dagegen, diese in Romanen zu ändern), was man leider daran merkt, das wie erwähnt sehr viel Mythologie frei hinzugedichtet ist und Personen, die 1499 längst tot waren, noch lebendig im Roman mitspielen. Liest man den Roman jedoch nicht als historischen Roman, sondern als historisch inspirierte Fantasy stört das dank des schriftstellerischen Talents von Robin LaFevers und ihrem Sinn für spannendes Erzählen nicht weiter.

Wer jedoch hofft, mehr über die Bretagne und Frankreich im Mittelalter zu erfahren, sollte seine Erwartungen etwas herunterschrauben. Die historischen Details, die die Autorin in ihren Roman einfließen lässt, sind allerdings sehr bunt und spannend erzählt, die historischen Persönlichkeiten fügen sich so in die Geschichte ein, dass man ohne Vorwissen nicht raten kann, wen es wirklich gegeben hat und wen nicht. Man merkt, dass Robin LaFevers sehr intensiv recherchiert hat und sich bewusst entschieden hat, einige Dinge zu ändern und nicht etwa bloß Fehler gemacht hat. LaFevers erzählt ihre Geschichte zudem so schillernd und lebendig, dass man selbst kleine Fehler verzeihen mag. Was im Prolog noch holprig und etwas unbeholfen wirkt, entwickelt sich spätestens nach der Hälfte des ersten Kapitels zu einem sehr dichten, mitreißenden Stil, der dafür sorgt, dass man das Buch wirklich nicht mehr weglegen mag - was zumindest mir bei einem fünfhundert Seiten starken Buch viele schlaflose Nächte eingebracht hat, weil ich nie aufhören wollte zu lesen.

Den nächsten und letzten Punkt muss ich erklären, denn "Grave Mercy" stellt für mich obendrein eine Besonderheit im Jugendbuchbereich dar: Eines meiner absoluten Lieblingsgenres ist Court Intrigue. Also historische oder phantastische Romane, die bei Hof spielen, in denen es vor Intrigen, Verwicklungen, Verbrechen und politischen Wirrungen nur so wimmelt. So etwas liebe ich. Und genau so ist "Grave Mercy". Kaum kommen Ismae und Duval am Hof der Anne de Bretagne an, wimmelt der Roman nur so von politischen Intrigen und Plänen, die hinter Annes Rücken geschürt werden, von Mordversuchen, Feindschaften und dem Konflikt mit Frankreich. Ismae greift mehrmals zu Gift, Dolch oder Armbrust und die meisten der vielen Plot Twists kommen völlig unerwartet. Der kleine Fantasyanteil hat mir auch sehr gut gefallen, wurde aber leider nicht gut genug aufgelöst. Das mag daran liegen, dass es noch zwei weitere Bände gibt, die leider nicht mehr von Ismae und Duval handeln, aber ich hätte gern in diesem Band gewusst, wie Ismae zu ihren ungeahnten Kräften kommt.

Ich denke, Leser die wie ich nicht genug von Intrigen und Hofgeflüster bekommen können, werden "Grave Mercy" lieben. Darüber hinaus würde ich das Buch jedem ans Herz legen, der Mittelalterfantasy voller spannender Entwicklungen mit realem Hintergrund mag. Wer einen historischen Roman mit vielen Fakten erwartet, sollte jedoch wie ich umdenken und die vielen bunten historischen Details und die spannende Geschichte genießen, oder sich nach einem anderen Roman umsehen, wenn er oder sie überhaupt nichts von verdrehten Fakten wissen möchte. Trotz der kleinen Unstimmigkeiten hat mir persönlich "Grave Mercy" so gut gefallen, dass es schnurstracks auf mein Regal mit den Lieblingsbüchern gewandert ist. Und während mich die Fortsetzungen nicht mehr interessieren, weil es nicht mehr um Ismae geht, werde ich diesen Roman sicherlich noch öfter lesen.


Wolfszeit (Ravensburger Taschenbücher)
Wolfszeit (Ravensburger Taschenbücher)
von Nina Blazon
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wolfzeit - Nina Blazon, 2. Januar 2015
Was für ein Roman. Zugrunde liegt "Wolfszeit" eine wahre Begebenheit, die zwischen 1765 und 1767 ganz Frankreich in Atem gehalten hat: Das sogenannte Biest vom Gévaudan treibt in den Wäldern sein Unwesen und tötet. Es wird so schlimm, dass der französische König Truppen ausschickt, das Monster zu erlegen. Bis heute ist nicht wirklich geklärt, ob es sich tatsächlich um einen Wolf handelte, um ein anderes Tier oder sogar um menschliche Mörder. Die Geschichte mag einigen bekannt vorkommen: Auch der berühmte Film "Pakt der Wölfe" handelt von den Ereignissen im Gévaudan. Allerdings kann ich euch beruhigen: Nina Blazons "Wolfszeit" ist trotz der ähnlichen Ausgangslage ganz anders als der Film und wirklich lesenswert.

Anstatt der üblichen Verdächtigen, den real an der Jagd nach dem Wolf beteiligten Personen, wählt Nina Blazon als Protagonisten den jungen Thomas Auvrey aus Versailles, der ein großes Interesse an der Natur hat und eher zufällig zu der Delegation gelangt, die vom König ausgesandt wird den Wolf zu erlegen. Thomas als Protagonist ist genau die richtige Mischung aus kompetent und schusselig, clever und ratlos und wirkt daher trotz des sehr lebendigen historischen Settings sehr echt. Er ist keiner dieser Helden, die man in solchen Romanen sonst findet: Immer cool, immer überlegen und dem Mörder einen Schritt voraus. Thomas stellt sich genau so an, wie man selbst sich in seiner Situation sicherlich auch angestellt hätte. Mal hat er eine gute Idee und kommt einen Schritt weiter, mal handelt er zu unüberlegt oder folgt einer falschen Spur. Das hilft, sich trotz der bald 250 Jahre, die zwischen dem modernen Leser und Thomas stehen, mit ihm zu identifizieren und mir ist Thomas sehr bald ans Herz gewachsen.

Auch Blazons andere Figuren sind wie üblich ein bunter Haufen verschiedenster Persönlichkeiten. Die ernste, zielsichere Adelige Isabelle d'Apcher, in die Thomas sich verliebt und die bald selbst mir der Bestie zu tun bekommt, hat mir auch sehr gut gefallen. Sie lässt sich nicht entmutigen und hilft Thomas bei der Suche nach dem Ungeheuer. Was mir sehr gut gefallen hat, war der Gastauftritt der späteren Madame du Barry, die einigen im Zusammenhang mit der französischen Revolution sicherlich ein Begriff ist. In diesem Roman ist Marie-Jeanne eine junge, aufwärts strebende Frau in ihren frühen Zwanzigern und wird bald eine teure Freundin für Thomas, deren Ratschläge und Ideen ihm oft weiterhelfen. Man lernt du Barry, die man in vielen Filmen und Romanen eher als negative Figur vorgeführt bekommt, hier auch einmal von einer anderen, positiven Seite kennen, was ich sehr gelungen umgesetzt fand. Neben Thomas war sie meine liebste der vielen Figuren.

Die Handlung selbst führt uns vom prächtigen Versailles in das ländliche Gévaudan, das von Nina Blazon so düster und beklemmend beschrieben wird, das einem nicht selten ein Schauer über den Rücken jagt. Sie spart in diesem Roman nicht mit grausigen Details zu den Mordfällen, hitzigen Treibjagden nach der immer wieder entkommenden Bestie und einem Haufen zwielichtiger Gestalten, die sich manchmal als Verbündete entpuppen und manchmal eben nicht. Dem ganzen Roman unterliegt eine sehr unheimliche, bedrückende Atmosphäre, die gut zur Thematik passt und durch gezielt eingesetzte Beschreibungen untermalt wird. Nina Blazon scheint viel Zeit darin investiert zu haben, die historischen Begebenheiten so authentisch zu gestalten wie möglich und wo sie es nicht immer ganz genau nimmt, spürt man im Verhalten der Figuren, in den Beschreibungen von Versailles und dem Gévaudan und den gekonnt eingewobenen Fakten zu Gesellschaft und Geist der Zeit immer das achtzehnte Jahrhundert.

Was am Ende hinter dem Biest von Gévaudan steckt, errät man als Leser genauso schwer, wie Thomas Stück für Stück dahinter kommt und das macht "Wolfszeit" zu einem düster-spannenden historischen Krimi voller Überraschungen und nervenaufreibender Begebenheiten in den Wäldern des Gévaudan, aber teilweise auch auf dem Schloss von Isabelles Onkel, dem Grafen, und selbst in Versailles. Denn auch die Beziehungen zwischen den Figuren bieten viel Zunder. So gibt es einen neidischen Jäger, der auch in Isabelle verliebt ist, doch besonders die Spannungen zwischen Thomas und seinem Vater, der ihn verheiratet wissen will und nicht auf Abenteuersuche im Gévaudan, sorgt neben der Haupthandlung für ein spannendes Leseerlebnis. Auch Isabelles Verhältnis zu ihrer Familie ist nach dem Übergriff durch die Bestie angespannt und diese sozialen Konflikte sind mindestens so interessant, wie die Suche nach dem Biest.

Der richtige Klappentext des Romans, der den Fokus auf die Liebesgeschichte rückt, ist jedoch irreführend. Thomas und Isabelle müssen ihre Liebe geheim halten, aber Nina Blazon macht keinesfalls so ein Fass deswegen auf, wie viele andere Jugendbuchautoren. Die Liebesgeschichte läuft eher nebenbei ab, ist dabei sehr unaufdringlich und trotzdem nachvollziehbar und schön zu lesen. Vielleicht sogar gerade deshalb. Auch handelt es sich bei "Wolfszeit" keinesfalls um einen Fantasyroman, wie der Klappentext vermuten lassen könnte, sondern um einen stimmigen historischen Krimi mit bedrückender Gruselatmosphäre, reich an historischen Persönlichkeiten und Details, der wunderschön und spannend erzählt daherkommt und einen bis zur letzten Seite in den Klauen hält. Nina Blazon ist an sich eine der besten deutschen Jugendbuchautorinnen, doch mit "Wolfszeit" legt sie einen Roman vor, der nicht nur Jugendliche begeistern dürfte. Von mir gibt es dafür uneingeschränkte fünf Punkte.

Wer es mag, sich an dunklen Herbsttagen mit einem schaurigen Buch zu verkriechen, wird "Wolfszeit" lieben. Es ist wie gemacht für dunkle Stunden, wenn draußen der Wind pfeift. Auch Leser von komplexen historischen Romanen, die auch wirklich auf historischen Tatsachen beruhen, werden begeistert sein von Thomas, Isabelle und dem Biest vom Gévaudan. Wie gut der Roman Fans von üblicher Jugendfantasy mit Liebesgeschichte gefallen wird, kann ich jedoch nicht sagen. Wer sich jedoch bei keinem Punkt meiner Rezension abgeschreckt gefühlt hat, dürfte mit Nina Blazons "Wolfszeit" nichts falsch machen.


Der Fluch von Hollow Pike
Der Fluch von Hollow Pike
von James Dawson
  Broschiert
Preis: EUR 9,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Fluch von Hollow Pike - James Dawson, 2. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Der Fluch von Hollow Pike (Broschiert)
"Der Fluch von Hollow Pike" ist ein ganz besonderes Jugendbuch. Selbst, wer keine Thriller mag oder Jugendbücher nicht ganz so gern liest oder mit subtiler Phantastik nicht so recht warm werden mag, sollte an "Hollow Pike" von James Dawson nicht ganz zu schnell vorübergehen. Ich habe mir den Roman vor ein paar Monaten wegen des wunderbar mysteriösen britischen Originalcovers zugelegt und obwohl man Bücher nicht nach ihrem Umschlag bewerten soll, habe ich in diesem Fall überhaupt keinen Fehler gemacht. Das deutsche Cover gefällt mir leider nicht ganz so gut, wie das aus UK. Die Farben sind toll und passen zur Atmosphäre des Romans und der Wald spielt eine wichtige Rolle, doch das Gebäude wirkt so langweilig und nichtssagend. Da ist mir das düstere Mädchengesicht, dessen Haar aus Zweigen und Vögeln besteht, um einiges lieber, denn es drückt wunderbar aus, was man sich von "Hollow Pike" erwarten darf.

Die Heldin des Romans ist die fünfzehnjährige Lis London, die in ihrer Schule in Wales große Probleme mit Ausgrenzung und Mobbing hat und deshalb die Chance ergreift und zu ihrer älteren Schwester und deren Mann nach Nordengland zieht, in die Kleinstadt Hollow Pike. Gleich hier würde ich gern anmerken, dass "Hollow Pike" durchaus in großen Teilen ein typischer Jugendroman ist, aber nicht auf die unbeschwerte, lockere Art, wie man es sonst kennt. Die Themen Mobbing und psychische Gewalt werden hier keinesfalls als bloßer Hintergrund verwendet und James Dawson schildert behutsam und eindrucksvoll, was es bedeutet von der Norm abzuweichen und deshalb ausgegrenzt zu werden. Ich habe gelesen, dass James Dawson eine Zeit lang in Schulen mit Opfern von Mobbing gearbeitet hat und das merkt man dem Buch auch an. Einen besseren Umgang mit diesem schwierigen Thema habe ich in einem Jugendbuch selten gelesen und obwohl James Dawson natürlich auch keine Patentlösung für Jugendliche, die selbst unter Mobbing leiden, parat hat, gibt er seinen jungen Lesern mehrere tolle Ansätze mit auf den Weg, damit umzugehen.

Lis denkt, sie entgeht der Ausgrenzung und den Problemen, mit denen sie in Wales zu tun hatte, als sie sich mit Laura Riggs anfreundet, der Königin ihrer neuen Schule. Laura ist schön, hat viele Freunde und ist selbstbewusst, was Lis dazu bringt, sie zu bewundern, doch als Laura glaubt, Lis würde sich für Danny interessieren, in den Laura verliebt ist, ist Schluss mit der Freundschaft und Laura und ihre Freundinnen beginnen Lis zu schneiden und plötzlich fängt für Lis alles von vorn an. Was mir gut gefallen hat, ist, dass Laura zwar als arrogantes, gemeines Mädchen vorgestellt wird, aber durchaus ganz andere Seiten hat, die immer wieder durchschimmern. Sie ist keine leere Hülle, ist nicht nur das fiese Mädchen, das alle anhimmeln. Man versteht, weshalb so viele Leute Laura mögen, obwohl sie so hässlich sein kann, und James Dawson gibt Laura einen Hintergrund, der erklärt, weshalb sie so ist, wie ist. Das ist etwas, das mir in vielen Romanen fehlt und mich sehr gefreut hat. Doch nicht nur Laura ist sehr ambivalent und weder schwarz noch weiß. Alle Figuren sind es.

Lis wird bald von Kittys Clique aufgenommen, die aus Kitty, ihrer Freundin Delilah, und dem stillen Jack besteht. Kitty und Delilah werden ausgegrenzt, weil sie ein Paar sind und Jack halten alle für schwul, obwohl er selbst sich zu seiner Sexualität nicht äußert. Lis findet in den dreien sehr gute neue Freunde und was mich sehr gefreut hat ist, dass James Dawson ein sehr realistisches Bild von einer englischen Schule zeichnet. Nicht alle Schüler sind weiß und heterosexuell und oft wird mit Schülern, die "anders" sind nicht freundlich umgesprungen, was man am Beispiel von Kitty, die schwarz und bisexuell ist, sehr gut nachfühlen kann. Kitty ist trotzdem eine sehr starke, eigenständige, intelligente junge Frau, die sich von den Lästereien nicht unterkriegen lässt, immer eine gute Antwort auf den Lippen hat und sich sehr loyal um ihre Freunde kümmert. Kitty war mit Abstand meine liebste Figur in diesem Buch, doch genau wie alle anderen hat sie nicht bloß gute Seiten und man weiß niemals, welchen Figuren man trauen kann und welchen nicht.

Selbst Lis, deren Geschichte von einem personalen Erzähler erzählt wird, mochte ich nicht immer trauen, obwohl sie die Heldin war, denn auch sie hat sehr dunkle Seiten und sie und ihre neuen Freunde machen genau wie echte Teenager auch Fehler und können gemein sein, was mir sehr gut gefallen hat. James Dawson kann wirklich schreiben. Nicht nur schafft er einzigartige, vielseitige Figuren, er beschwört auch eine wunderbar unheimliche Atmosphäre hinauf, die nicht einmal dann verfliegt, wenn Lis und Danny ein Date haben oder Lis Spaß mit ihren Freunden hat. Das Grauen sitzt einem immer irgendwie im Nacken, denn "Hollow Pike" ist genauso sehr ein düsterer Phantastikroman, wie es ein ernster Jugendroman ist. Es gibt Legenden von Hexen in Hollow Pike und düstere Herbstwälder, Vögel, die Lis beobachten und eine gesichtslose Gefahr, die ihr überall hin zu folgen scheint. James Dawson schreibt sehr dicht und malt sehr eindrucksvolle Bilder von Nordengland und seinen Menschen.

Die Handlung selbst ist sehr ruhig und subtil, aber deshalb nicht minder spannend. Lis träumt seit Wochen immer denselben Traum: Sie kriecht durch einen Bach im Wald, auf der Flucht vor Irgendetwas, das sie bald einholt und tötet. Lis glaubt, es handele sich um Stress, der sie so etwas träumen lässt, bis sie zum ersten Mal den Wald von Hollow Pike betritt und den Bach wiedererkennt. Als es einen wirklichen Mord gibt, ist Lis sich sicher, dass etwas nicht mit rechten Dingen vor sich geht und beginnt, zu ermitteln. Die Auflösung der Geschichte, in der immer neue Verstrickungen auftauchen, bis man sich überhaupt nicht mehr sicher sein kann, wer es gewesen sein könnte, kam zumindest für mich völlig überraschend, hat noch einmal eine neue Wendung aufgeworfen und mir sehr gut gefallen. Obwohl James Dawson eher auf schleichende Spannung, als auf große Action setzt, gibt es keinerlei Längen und besonders in der zweiten Hälfte des Romans möchte man das Buch gar nicht mehr weglegen, um herauszufinden ,was genau in Hollow Pike vor sich geht.

Es gibt eine Liebesgeschichte in "Der Fluch von Hollow Pike", doch diese war sehr subtil und erfrischend zu lesen. Es handelt sich nämlich nicht um die typische große, ewige Liebe auf den ersten Blick, sondern um eine sehr realistische Beziehung unter Teenagern, die ohne kitschige Dialoge und erzwungene große Emotionen auskommt und trotzdem, oder gerade deshalb, sehr schön zu lesen ist. Danny ist leider nicht der interessanteste Charakter in diesem Roman, dafür ist auch er ein völlig normaler Jugendlicher, der gut zu Lis passt: Früher war er völlig unbeliebt, doch seit er im Fußballteam ist, wollen alle mit ihm befreundet sein und sogar Laura Riggs ist in ihn verliebt. Danny gibt nicht den mysteriösen Fremden oder den leidenden Helden mit furchtbarer Vergangenheit, die wir in Jugendbüchern oft treffen, und dafür war ich James Dawson dankbar. Mit "Hollow Pike" beweist er, dass Figuren nicht großartig besonders sein oder traurige Vorgeschichten haben müssen, um sehr interessant zu sein, und den Leser dazu zu bringen, dass ihm die Figuren ans Herz wachsen.

Die Kirsche oben auf dem Eisbecher ist dann natürlich, die ganz besondere very british Atmosphäre des Romans. Wer zum Beispiel gern "Inspector Barnaby" im Fernsehen sieht, weiß, was ich meine: Urige englische Dörfer, die gleichzeitig herzlich erscheinen und ein wenig unheimlich. Durch das nordenglische Setting mit seinen dunklen Wäldern und seiner atmosphärischen Erzählweise, die eben einfach zu britischen Krimis dazu gehört, rundet James Dawson diesen phantastischen Jugendthriller ab und macht aus ihm einen Roman, der aus der Masse an Jugendfantasy auf dem deutschen Buchmarkt stark heraus sticht. Der Roman ist nicht perfekt, doch viel zu meckern habe ich wirklich nicht. Ich hätte mir zum Beispiel gewünscht, dass das Wort "bitch" nicht allzu oft gefallen wäre und, dass Kitty nicht immer als lesbisch bezeichnet worden wäre, obwohl sie sagt, dass sie sich in Mädchen und Jungen verlieben kann. Aber da James Dawson mit den Themen Mobbing und Homo- und Bisexualität ansonsten wirklich gut umgeht, fiel es mir nicht schwer, darüber hinwegzusehen.

Jugendliche und Erwachsene, die britische Krimis und Thriller mit einer Prise übernatürlicher Ereignisse und Horror mögen und für die ein Roman weder eine große Liebesgeschichte, noch unzählige Actionszenen braucht, um spannend zu sein, sollten zu "Der Fluch von Hollow Pike" greifen. Ich glaube, Fans von ganz klassischer Jugendfantasy voller übernatürlicher Wesen, mysteriöser Fremder, großen Gefühlen und viel Action könnten von "Hollow Pike" enttäuscht sein, doch wer gewillt ist, mit anderen Erwartungen an das Buch heranzugehen und sich an keinem der oben genannten Punkte stört, wird auch in diesem Fall viel Spaß mit "Der Fluch von Hollow Pike" haben.


Silber - Das erste Buch der Träume: Roman
Silber - Das erste Buch der Träume: Roman
von Kerstin Gier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das erste Buch der Träume - Kerstin Gier, 2. Januar 2015
Normalerweise fällt mir das Bewerten von Büchern leicht. Es fällt mir wirklich selten schwer, auf einer Skala von 0 bis 5 eine Punktzahl auszuwählen und zu begründen, weshalb ich mich so entschieden habe. Bei "Silber", dem lang erwarteten neuen Werk der "Rubinrot"-Autorin Kerstin Gier, sah die Sache ganz anders aus. Ich habe mich nun entschieden, doch es war kein leichter Weg. Mein Gefühl sagt, dass das Buch mindestens vier Punkte verdient hat. Denke ich aber darüber nach und erinnere ich mich, was mich alles gestört hat, dann tendiere ich eher zu drei Sternen, einem gesunden Mittelmaß. Aber der Reihe nach. Den begründen, wo der Hase im Pfeffer liegt, das kann ich. Ich werde versuchen, "Silber" nicht allzu sehr mit "Rubinrot" zu vergleichen. Nicht nur, weil ich "Rubinrot" abgöttisch liebe, auch, weil es Kerstin Gier gegenüber nicht fair ist, jedes neue Buch mit ihrem großen Erfolg zu vergleichen.

Wo beginne ich am Besten? Bei den positiven Dingen, die unter anderen Umständen glatte fünf Punkte eingespielt hätten. Kerstin Giers Humor ist nach wie vor herzlich locker und wenn auch nicht subtil, dann in den meisten Fällen sehr treffsicher. Ich musste mehrmals wirklich laut lachen und alle paar Seiten zumindest schmunzeln und das allein ist ein Verdienst, den ich dem Roman nicht abschreiben kann. Liv, die fünfzehnjährige Ich-Erzählerin, ist mir einerseits sehr sympathisch. Sie mag Rätsel, Sherlock Holmes und ist mutig, eine gute Kämpferin und hat eine interessante Hintergrundgeschichte, die es gleich ein bisschen leichter macht, sich mit ihr zu identifizieren. Was mir an Liv und auch an ihrer kleinen Schwester Mia - die ich mir bisher leider als jüngere Kopie von Liv vorstelle - jedoch nicht gefällt, ist ihre abwertende Art gegenüber anderen Mädchen. In ihren Augen sind die meisten anderen Mädchen an ihrer neuen Schule dumme Hühner und Emily, die nicht in diese Sparte fällt, wird als humorlos und trocken beschrieben.

Diese Einstellung von Liv und Mia, dass sie sich als etwas Besseres verstehen, als Mädchen, die sich für Jungs und Kleidung interessieren, fand ich eigentlich ziemlich schade. Ich hätte mir für Liv gewünscht, dass sie Anschluss an der Schule zulässt und die verschiedenen Mädchen trotz Differenzen auf einer Stufe stehen und Liv auch ein paar Freundinnen findet. Niemand ist genau wie seine Freundinnen und in der Realität sind nüchterne Bücherwürmer auch nicht selten mit kichernden verliebten Mädchen befreundet. Dazu kommt, dass kichernde verliebte Bücherwürmer auch existieren, aber auf solche Ebenen wagt sich der Roman leider nicht. Eigentlich sind alle Figuren sehr stereotyp gehalten und dann mit ein paar netten Eigenschaften ausstaffiert worden. Es funktioniert bei diesem Roman schon irgendwie, weil er teilweise doch sehr stark ein typischer Highschoolroman sein möchte, aber es ist mir aufgefallen und ich fand es schade, weil es leider nach verschenktem Potential schreit. Die vier Jungen, die mit Liv die Heldengruppe bilden, sind auf jeden Fall besser gezeichnet, aber auch nicht überragend.

Sie sind alle blond und wunderschön. Ein Umstand, der zumindest im ersten Buch keinerlei Bewandnis hat und mich zu der Frage verleitet, warum. Sind beliebte Jungen immer blond und umwerfend schön? Man weiß es nicht. Dann haben wir die Einteilung in Arthur, den düsteren Mädchenschwarm, Jasper, die Hohlbirne (wie auch immer er es auf einer Eliteschule durch die Klassen schafft, aber seine Eltern haben ja Geld...), Grayson, den großen Bruder, und natürlich Henry, das Love Interest. Die Jungen fallen von ihren zugeteilten Stereotypen leider auch bis zum Ende nicht ab, sind aber wenigstens schon einmal ein bisschen bunter und abwechslungsreicher (nicht vom Aussehen her leider) als die Mädchen. Was die Figuren rettet, ist Giers Humor, der sie in unmögliche Situationen navigiert und sie Sachen sagen lässt, die teilweise wirklich zum Kringeln sind. Die Oberflächlichkeit der Figuren passt sogar irgendwie zum lockeren, heiteren Ton des Romans, obwohl es ihm eine ganz andere, dichtere Ebene hätte verleihen können, wären die Figuren etwas liebevoller ausgearbeitet worden.

Und hier muss ich doch einmal vergleichen: Liv ist keine Gwen und Henry ist kein Gideon. Gwen und Gideon waren irgendwo eigen, sie waren Typen, die man sofort ins Herz geschlossen hat, Herzblutfiguren, die man sich lange merkt. Olivia und Henry brennen eher auf Sparflamme, man mag sie alle beide, aber sie bleiben nicht im Gedächtnis hängen. Dazu kommt, dass die Liebesgeschichte viel zu schnell passiert und einem keine Zeit lässt, nachzuvollziehen, was eigentlich zwischen Liv und Henry funkt und wieso. Es ist leider mehr Schein als Sein: Von den beschriebenen Gefühlen kommt nichts bei mir an. Was allerdings unbedingt überzeugt, ist das Konstrukt rund um Traumwelten, das Kerstin Gier hier schafft. Sie hat als Autorin ein sehr gutes Gespür für märchenhaft-magische Settings und Handlungsstränge und baut durchaus komplexe Elemente auf, die sich in den lockeren Ton des Romans trotzdem problemlos eingliedern.

Türen, die in die Träume anderer Menschen führen, abgedrehte, phantasievolle Träume und jedenfalls für mich war bis zum leider etwas überschnellten Ende (100 Seiten mehr hätten dem Roman gut getan) nicht klar, worauf es hinauslaufen würde. Hierzu muss ich allerdings sagen, dass es einen Punkt gab, der mich massiv gestört hat. Auf den letzten Seiten wurde er zwar aufgeklärt und war dann nicht mehr schlimm, aber über die Hälfte des Buches wird etwas von Liv erwartet, das sie leider viel zu locker hinnimmt und sich gar keine Gedanken darüber macht, dass sie etwas ausbaden soll, was die Jungen vermasselt haben. Sie muss auf etwas achten und verzichten, während die Jungen weitermachen können wie vorher und ich hätte es schön gefunden, wenn Liv wenigstens einmal gesagt hätte: Ich mache es, es ist ja nicht für immer, aber euch ist klar, dass ihr daran Schuld seid und ich euch einen großen Gefallen tue. Das kam leider nicht und fehlt irgendwie, Liv sagt viel zu schnell zu, obwohl es durchaus eine gefährliche Situation ist.

Der letzte Punkt, der mich immens stört, ist, dass "Silber" an einigen Stellen versucht ein typischer Highschool-Roman zu sein und dabei leider alle negativen Aspekte des Genres mitnimmt. Zum einen das Problem, das ich oben bereits beschrieben habe, Liv und Mia als besser als all die anderen Mädchen auf der Schule. Was mich auch sehr gestört hat, war die ständige Lästerei auf dem Schulblog, das im Stil von Gossip Girl (ich bezichtige niemanden des Plagiats, aber der Blog von Secrecy ist wirklich ein britisches Gossip Girl) passiert und sich über alles lustig macht, was nicht ganz "normal" ist. Besonders die Hiebe gegen dicke Mitschüler und den Umgang mit psychischen Krankheiten fand ich überhaupt nicht gelungen. Natürlich, Secrecy soll gemein sein. Sie soll boshaft und unausstehlich sein. Und das ist sie. Das Problem ist, das Liv als Ich-Erzählerin das nicht reflektiert. Sie findet es unterhaltsam und sagt nicht einmal, dass es eigentlich nicht okay ist, so über andere Leute zu reden. Und sie selbst und Henry haben auch hier und da einige Lästereien parat, die mir nicht gepasst haben.

Natürlich, es ist ein typischer Jugendroman und vielleicht bin ich mittlerweile einfach in einem Alter, in dem mir so etwas auffällt. Ich wette, ich hätte dem Roman mit 15 Jahren ohne mit der Wimper zu zucken fünf Punkte gegeben. Aber ich möchte trotzdem darauf aufmerksam machen, gerade weil Jugendliche diese Bücher lesen und ich es nicht ganz okay finde, sich in Jugendbüchern so unreflektiert über Leute, die nicht konventionell attraktiv sind lustig zu machen und so über psychische Erkrankungen zu reden, wie der gute Henry das auf den letzten Seiten des Romans noch tut. Und jetzt habe ich sehr viel zu meckern gehabt. Und ich muss trotzdem sagen, dass ich mich sehr auf Band 2 freue, der hier schon bereit steht. Trotz allem, der Roman hat mir gut gefallen. Ich habe ihn kritisch gelesen und einiges liegt mir quer im Magen, aber der Roman hat mir wirklich gefallen.

Es geht ein ganz besonderer Charm von ihm aus, die Idee mit den Träumen und die Umsetzung derer ist einfach nur bezaubernd, Liv als Heldin ist wirklich annehmbar und führt gut durch die Geschichte und der ganze Roman platzt beinahe vor Phantasie und Humor. Es gibt Probleme, die ich auch nicht als kleine Probleme abtun möchte, weshalb ich 1 Punkt abziehe. Aber ich hatte trotzdem viel Spaß mit dem Roman und hoffe, dass der zweite Teil vielleicht ohne die Fehler des ersten Teils auskommt. Ich bin gespannt. Und vielleicht versteht ihr jetzt, was ich meine, wenn ich sage, ich habe meine Probleme den Roman zu bewerten. Einerseits denke ich: So viel Phantasie, so eine schöne Idee, fünf Punkte! Aber andererseits auch wieder: Mussten diese boshaften Kommentare und die ganzen Klischees wirklich sein? Drei Punkte vielleicht. Also einige ich mich auf die goldene Mitte. In Hinblick auf die ganzen Probleme sind vier Punkte eigentlich zu viel, aber in Hinblick auf die Geschichte an sich und die unglaublich schöne Atmosphäre und den Humor auch wieder gerechtfertigt, weshalb ich mich für 3.5 Punkte entscheide.

Das ist jetzt schwer. Ich denke, der Roman dürfte Jugendlichen und Erwachsenen, die lockere romantische Geschichten mögen, sehr gut gefallen. Solche, die kritischer lesen dürften die problematischen Inhalte bemerken, aber die müssen das Lesevergnügen nicht unbedingt kaputt machen. Das dürfte in diesem Fall wirklich auf den Leser ankommen und darauf, wie er persönlich solche Kommentare aufnimmt und bewertet. Deshalb würde ich sagen, jeder, der Interesse an dem Roman hat und sich durch die in der Rezension angesprochenen Punkte nicht abgeschreckt fühlt, sollte sich ein eigenes Bild von "Silber" machen. Für mich hat es sich trotz Anecken und kleiner Tiefpunkte doch gelohnt.


Fateful: In weite Ferne - Roman
Fateful: In weite Ferne - Roman
Preis: EUR 8,99

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5.0 von 5 Sternen Fateful : In weite Ferne - Claudia Gray, 2. Januar 2015
Im Jahr 2012 erschien Claudia Grays Roman "Fateful" auf dem englischen Buchmarkt pünktlich zum hundertsten Jahrestag des Untergangs der legendären Titanic. Weshalb der Roman erst jetzt, zwei Jahre später, auch auf Deutsch erscheint und weshalb er bloß als eBook und nicht in gedruckter Form auf den Markt kommt, weiß ich nicht und ich finde es ehrlich schade um einen sehr schönen historischen Jugendroman voller Romantik und Spannung vor dem real historischen Hintergrund des Untergangs der Titanic. Ich muss gestehen, dass ich zuerst sehr skeptisch war, denn ich kenne Claudia Grays Vampirromane. Zumindest den ersten, der mir leider überhaupt nicht gefallen hat und mich eigentlich dazu brachte, kein weiteres Buch der Autorin mehr in die Hand zu nehmen.

Doch dann wurde "Fateful" angekündigt, und ich konnte nicht widerstehen. Zum Glück! Zumindest auf dem englischen Markt wurde man im April 2012 mit Romanen zur Titanic regelrecht beworfen, doch für mich stach "Fateful" von Anfang an aus der Masse heraus. Ich meine, Werwölfe auf der Titanic mag zu Beginn ein wenig suspekt klingen, aber für mich wohnte dieser Prämisse eine Anziehungskraft inne, der ich Gott sei Dank nachgegeben habe. Ich gebe zu, dass ein Plot wie dieser ordentlich schief gehen kann, doch in diesem Fall hat Claudia Gray alles richtig gemacht und einen sehr schönen phantastischen Roman vorgelegt, dem es gelingt jugendlich schwungvolle Romantik, spannende Action und die Tragik des historischen Ereignisses zu vereinen. Zudem gefällt mir das deutsche Cover deutlich besser als das englische, das in meinem Regal steht. Das Cover ist dem englischen bis auf die Frauenfigur sehr ähnlich, doch während auf dem UK-Cover ein Mädchen in einem unmöglichen Monster von einem Kleid zu sehen ist, haben wir hier eine junge Frau in einem Kleid, das man 1912 durchaus hätte tragen können. Dafür schon mal Applaus an den Verlag.

Der Einstieg des Romans stellt uns die Ich-Erzählerin Tess vor und was mich als jemanden, der historische Romane wie am Band liest, sehr überrascht und gefreut hat war, dass Tess nicht etwa die Tochter eines Adeligen oder reichen Bürgerlichen oder sonst irgendwie ein Mitglied der gehobenen Gesellschaft ist, sondern ein einfaches Dienstmädchen. Wir kriegen also einmal nicht Bälle, Verehrer und schöne Kleider serviert, sondern die Arbeit einer Bediensteten im frühen zwanzigsten Jahrhundert. Tess arbeitet seit Jahren für die reiche Familie Lisle, die ihre Bediensteten nicht gut behandelt und besonders Tess das Leben schwer macht. Die Darstellung des Verhältnisses zwischen der reichen Familie und den auf sie angewiesenen Bediensteten fand ich sehr realistisch und gut umgesetzt. Besonders die schüchterne und höfliche Irene Lisle und ihr herrschsüchtiger Brüder passen sehr gut in die Zeit, in der die Geschichte spielt. Auch, dass die Reise nach Amerika für Tess einen neuen Anfang darstellen soll, fand ich nachvollziehbar und einen spannenden Ansatz. Auf jeden Fall ist das mal etwas anderes, als das reiche Mädchen, das in ein Abenteuer stürzt.

Betrachtet man den Roman durch die Linse eines Historikers, hat man eigentlich auch recht wenig zu meckern. Soweit ich mich erinnere, sind mir keinerlei Anachronismen oder grobe Fehler aufgefallen und besonders die gesellschaftlichen Strukturen des edwardianischen Europas und Amerikas werden in Claudia Grays Roman regelrecht spürbar. Das einzige, worüber ich meckern könnte ist, dass es mir an sich zu wenig Details waren. Der Roman hat sehr viel Atmosphäre und ist sehr dicht erzählt, doch leider trägt der historische Hintergrund eher wenig dazu bei. Man merkt "Fateful" an, dass Claudia Gray sehr viel recherchiert und über ein Thema geschrieben hat, das sie wirklich interessiert, doch es hätte ruhig in bisschen mehr ihres Wissens zur Titanic in den Roman fließen können.

Natürlich gibt es in "Fateful" eine Liebesgeschichte, die auch relativ viel Platz einnimmt, aber behutsam und unaufdringlich genug war, um mir zu gefallen. Tess's Auserwählter ist Alec Marlowe, Sohn eines Großindustriellen und ein Passagier aus der ersten Klasse. Tess und Alec haben Chemie und obwohl Alec Tess am Anfang sagt, sie soll sich bloß von ihm fernhalten (was ein ziemliches Klischee in solchen Jugendbüchern ist und deshalb ein rotes Tuch für mich) entwickelt er sich zu einer interessanten, gut ausgearbeiteten Figur, die man bald liebgewinnt, da er Tess mit Respekt behandelt und man förmlich spürt, wie gern Tess und er sich haben und, dass sie trotz des Klassenunterschiedes auf einer Stufe stehen. Alec ist durchaus ein typischer Jugendbuchheld: Düsteres Geheimnis, ewig nachdenklich und ein Hauch gefährlich, aber er hat genug andere Eigenschaften, die ihn nicht zu einem Pappaufsteller verkommen lassen und darüber hinaus, haben wir es hier Gott sei Dank nicht mit der ewigen Liebe auf den ersten Blick zu tun.

Und für die, die jetzt zu Recht fragen, inwieweit hier Ähnlichkeiten zu James Camerons berühmtem Film bestehen: Natürlich gibt es Überschneidungen. An sich wirkt es besonders zu Beginn ein wenig, als hätte Claudia Gray einfach das Rollenverhältnis umgedreht. Alec ist der reiche Junge, Tess ist das arme Mädchen und ihre Liebe darf deshalb nicht sein. Es gibt eine Szene, in der Tess sich in einem Kleid von Irene Lisle in die erste Klasse stiehlt, um mit Alec zusammen sein zu können, die für mich persönlich ein bisschen viel des guten war und die Liebesgeschichte ist durchaus ähnlich strukturiert wie die des Films. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber über die wenigen Tage verteilt, die die sagenumwobene Titanic auf See verbracht hat, geschehen ungefähr dieselben Dinge, wie im Film auch, was die Romanze betrifft und da hätte ich mir schon gewünscht, dass Claudia Gray sich etwas Originelleres ausgedacht hätte. Schließlich gibt es viele verschieden Arten, wie eine Liebesgeschichte beginnen und verlaufen kann und während "Titanic" einer der wenigen Filme ist, deren Liebesgeschichte mich wirklich emotional mitnimmt, hätte ich in "Fateful" schon gern einen anderen Verlauf gelesen. Es gibt für Liebesgeschichten schließlich kein Patentrezept, wie sie zu verlaufen haben.

Davon ab macht Claudia Gray aus einer Geschichte, die ganz leicht zum bloßen Abklatsch hätte verkommen können, jedoch etwas eigenes. Bis auf die historischen Details hat das was folgt, jedoch nichts mehr mit Camerons Meisterwerk zu tun. Denn Alec hat ein Geheimnis, das Werwölfe umschließt, alte Geheimbünde und eine große Gefahr, die Alec an Bord der Titanic gefolgt ist, wo er nicht weglaufen kann. Tess wird eher zufällig in Alecs Problem hineingezogen und auf engstem Raum müssen die beiden versuchen, der Gefahr zu entgehen und sie unschädlich zu machen. Ihr könnt euch bestimmt schon denken, dass "Fateful" ungeheuer spannend ist. Nervenaufreibende Szenen im Schwimmbad der Titanic, in denen Tess vor den Wölfen fliehen muss, Kämpfe zwischen den Decks und relativ unerwartete Wendungen der Geschichte lassen keine lange Weile aufkommen. Dazu kommt, dass auch die sozialen Konflikte sehr dicht und spannend geschrieben sind, zum Beispiel, wenn Tess immer wieder Probleme mit Irenes Bruder bekommt, der sie ungerecht behandelt und gegen den sie wegen des Klassenunterschiedes machtlos ist.

Der Untergang der Titanic, der wie das Schwert am seidenen Faden immer spürbar über der Handlung hängt, kommt dann leider ein wenig zu kurz. Wer dramatische Szenen wie in Camerons Film erwartet, den muss ich leider jetzt schon enttäuschen. Claudia Gray arbeitet das Schicksal des Schiffes behutsam und respektvoll auf und ich muss euch warnen, dass es einige Verluste gibt, was sich nicht vermeiden lässt, wenn man über die Titanic schreibt. Aber im Vergleich zu der rasanten, spannenden Handlung vor dem Untergang und der dräuenden Atmosphäre von Unglück, die Claudia Gray immer stärker aufleben lässt, je näher die Kollision mit dem Eisberg rückt, wirkt die eigentliche Katastrophe fast ein bisschen antiklimatisch. Versteht mich nicht falsch, Claudia Gray schreibt auch den Untergang sehr mitreißend und aufwühlend, doch ich finde, ein paar Seiten und Szenen mehr, hätten das Ereignis runder und intensiver wirken lassen.

Tess als Hauptfigur hat mir allerdings sehr gut gefallen. Sie ist sehr eigen für eine Jugendbuchheldin und hat, was mich sehr gefreut hat, ein gesundes Selbstbewusstsein und stellt ihr Licht nicht unter den Scheffel. Leider geht das schon wieder so weit, dass mir Tess in einigen Fällen äußerst arrogant vorkam. Ich finde gut, dass Claudia Gray sie so geschrieben hat, wie sie ist. Tess ist hübsch und weiß das, sie traut sich sehr viel zu und ist sehr entschlossen ihre Ziele auch zu erreichen, sie lässt sich nicht nur retten, sondern kann auch selbst durchgreifen und zeigen, wer die Oberhand hat. Tess ist eine wirklich tolle Figur. Das einzige, das mir ein bisschen schwer im Magen lag, waren einige innere Monologe, in denen sie äußert, dass sie eigentlich zu hübsch und zu wertvoll ist, um als bloßes Hausmädchen zu enden und, dass sie viel hübscher ist als Irene und deshalb viel eher verdient hätte, eine reiche junge Dame zu sein.

Ich bin bis heute nicht sicher, wieso laut Claudia Gray die körperliche Schönheit über den sozialen Rang entscheiden sollte und ich fand diese Gedanken in dem Moment auch ein wenig sehr selbstsüchtig und gemein, weil Irene die einzige unter den Lisles ist, die Tess wie eine Freundin behandelt und nicht wie eine Bedienstete. Ich finde es nicht schlimm, wenn Figuren auch mal an sich selbst und ihr eigenes Glück denken, aber Claudia Grays Umsetzung dessen finde ich nicht ganz gelungen, weil sie Tess oberflächlich wirken lassen und auf die Kosten von Irene gehen, die sich bald als sehr kompetente, starke Figur herausstellt. Allerdings schimmert diese Oberflächlichkeit bloß an wenigen Stellen des Romans durch, der Tess ansonsten als sehr starke, vielschichtige Figur zeigt, weshalb ich darüber hinwegsehen konnte. "Fateful" ist ein romantischer und zugleich aufreibend spannender Roman vor der Kulisse einer der größten Katastrophen auf See, der durch Tess's frische, aber nicht anachronistische Stimme noch einmal bereichert wird.

Wer den Film "Titanic" liebt oder sich für die wahre Geschichte der RMS Titanic interessiert, sollte "Fateful" auf jeden Fall eine Chance geben. Ansonsten würde ich ihn allen Lesern empfehlen, die ganz typische Jugendfantasy mögen, aber mal auf der Suche nach einem Roman mit dem ganz speziellen Etwas sind. Wer sich nach starken, gut ausgearbeiteten Figuren, zähneknirschender Spannung und einer sehr realistischen, gesunden Romanze sehnt, der ist hier richtig. Fans von historischer Fantasy sollten sich "Fateful", falls keiner meiner Punkte sie verschreckt hat, sowieso nicht entgehen lassen. Wer allerdings viele Details und ein buntes historisches Setting erwartet, sollte mit anderen Erwartungen an den Roman herangehen: Er ist vorwiegend ein Fantasyroman vor historischer Kulisse, will jedoch auch gar nicht mehr sein und macht seine Aufgabe unter diesen Voraussetzungen sehr, sehr gut.


Grotesque: Roman
Grotesque: Roman
von Page Morgan
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Grotesque - Page Morgan, 2. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Grotesque: Roman (Broschiert)
Als "Grotesque" Anfang 2013 in einer regelrechten Flut aus übernatürlichen historischen Jugendromanen auf den englischen Buchmarkt geschwemmt wurde, habe ich mich noch gefreut. Ich liebe viktorianische Schauerromane und ich liebe moderne Versionen des alten Genres, besonders im Jugendbuchbereich. Und "Grotesque" sah aus wie ein Roman, mit dem ich viel Spaß haben würde. Paris in der Belle Époque? Ein altes, unheimliches Haus? Merkwürdige Morde in der Stadt des Lichts? Ich war so sicher, dass ich es lieben würde. Nun, wie ihr an meiner Bewertung sehen könnt, habe ich es nicht geliebt. Weshalb ausgerechnet dieser Roman von all den modernen Gothics den Sprung auf den deutschen Buchmarkt geschafft hat, weiß ich nicht. Es ist mir sogar wirklich ein Rätsel. Ich habe lange überlegt, ob ich einen oder zwei Punkte geben soll, aber leider hat mir an diesem Roman so gut wie überhaupt nichts gefallen. Ich wünschte selbst, es wäre anders, aber ich möchte ehrlich sein.

Das einzige, dass ich Page Morgan zu Gute halten kann, ist, dass sie schreiben kann. Ihr Stil liest sich flüssig und ist sehr malerisch und blumig, was zu einem Roman, der im späten neunzehnten Jahrhundert spielt, natürlich gut passt. Dazu kommt, dass sie sich traut, wirklich unheimlich zu schreiben, was viele Autoren entweder nicht können, oder einfach nicht tun. Wenn es hier um Morde geht, um Monster und Gräueltaten, lässt Page Morgan den Zuckerguss weg und schafft es tatsächlich dem Leser eine Gänsehaut zu bereiten. Gleich beim Prolog, den ich in einer Winternacht im leeren Zug gelesen habe, habe ich mich wirklich gegruselt. Dafür gibt es einen Punkt von mir. Denn leider war der Prolog meiner Meinung nach das Beste am ganzen Roman. Der Rest hat sich für mich leider als Reinfall entpuppt. Weder gelingt es Page Morgan ihre Geschichte spannend zu erzählen, sie erschafft auch keine interessanten, liebenswürdigen Figuren und vom historischen Aspekt möchte ich eigentlich gar nicht anfangen. Damit das hier kein sinnleerer Verriss wird, sondern eine Rezension, die Leuten hilft sich für oder gegen den Roman zu entscheiden, beginne ich am Besten von vorn:

Der Leser lernt Ingrid Waverly und ihre Schwester Gabby kennen, als die beiden mit ihrer Mutter nach Paris kommen. So weit, so gut, ich fand das zu Beginn noch einen hübschen Einstieg in die eigentliche Handlung. Doch dann beginnt "Grotesque" leider seinen Abstieg. Wir lernen, dass Ingrids Mutter nach Paris kommt, um in einem alten Kloster eine Kunstgalerie zu eröffnen und das mit dem besten Segen ihres Mannes, einem nicht unwichtigen englischen Aristokraten. Ich weiß nicht, wie dieses Setting auf Leser wirkt, die über die Belle Époque nicht allzu viel wissen, aber mir haben sich hier schon dezent die Nackenhaare aufgestellt. Ähnlich wie in "Zauber der Vergangenheit" ist das an sich kein Fehler, nichts, das nicht hätte passieren können, aber es ist so haaresträubend unwahrscheinlich, dass ich bereits hier mit den Augen gerollt habe. Zudem wirkt es auf mich sehr praktisch, dass ihre Mutter das vorhat, wo doch Ingrid gerade ihren Ruf ruiniert hat und aus London heraus muss, es ist ein wenig viel Zufall gleich zu Anfang an.

Und das ist Punkt Zwei: Zuerst spannt Page Morgan uns noch mit groben Andeutungen auf die Folter, was denn in London Furchtbares passiert ist, entscheidet sich jedoch schnell anders und lässt uns wissen, dass Ingrid aus Versehen den Ballsaal ihrer besten Freundin in Flammen hat aufgehen lassen, weil ihre Freundin den Heiratsantrag des Mannes angenommen hat, den Ingrid liebt. Dass Ingrid magische Kräfte hat, fand ich auch noch sehr interessant, doch wieder ist diese ganze Prämisse so unwahrscheinlich, so sehr an den Haaren herbeigezogen. Wenn es als Unfall gilt, dass Ingrid das Feuer gelegt hat, weshalb ist dann ihr Ruf ruiniert? Natürlich, ihre Familie müsste den Schaden zahlen und sicherlich würde man Ingrid für ein bisschen schusselig halten und sie den Vorfall nicht zu bald vergessen lassen, aber es würde ihren Ruf nicht so sehr ruinieren, dass ihr bloß eine Flucht nach Frankreich bleibt. Wahrscheinlicher wäre es, dass man überhaupt vertuscht, dass Ingrid etwas mit dem Feuer zu tun hatte. Ein einflussreicher Adeliger wäre dazu in der Lage gewesen. Aber das ist sehr bezeichnend für den ganzen Roman: Viele Ereignisse wirken etwas fadenscheinig, etwas aus dem Ärmel geschüttelt und halten nicht stand, wenn man zweimal darüber nachdenkt.

Dazu kommt, dass sich keine der Figuren wirklich benimmt, als sei sie in der Gesellschaft des späten neunzehnten Jahrhunderts aufgewachsen. Die Normen und Regeln der eigenen Gesellschaft beeinflussen stark, doch davon ist Ingrid und Gabby nichts anzumerken. Die Figuren sprechen recht modern und handeln sehr modern, Ingrid und Gabby wirken wie moderne Teenager, die man in hübsche Kleider gesteckt und ohne Vorwissen in die Vergangenheit geschickt hat. Ich kann nicht wissen, wie viel Page Morgan recherchiert hat und möchte ihr nichts vorwerfen, doch es wirkt zumindest, als hätte sie all ihr Wissen über Paris um 1900 aus bunten Spielfilmen. Das historische Setting dieses Romans ist so holprig, hölzern und unglaubwürdig aufgezogen, dass es dem Roman besser gestanden hätte, Page Morgan hätte ihn einfach in der Gegenwart angesiedelt, denn das nimmt ihm die Magie, zumindest, wenn man sich in der Zeit ein wenig auskennt. Das Paris der Belle Époque verkommt zu einer bloßen Bühne, wirkt schwammig und eigentlich wie das moderne Paris minus die modernen Erfindungen. Das Paris von 1899 mit seinen rauschenden Festen, der goldenen Dekadenz, der Bohème und der verlogenen Gesellschaft sucht man hier vergeblich. Page Morgan verspielt diese ganz besondere Atmosphäre, was dem Roman nicht gut tut.

Wenn ich historische Romane lese, dann möchte ich in vergangene Epochen eintauchen und ich möchte Details und eine Atmosphäre, die diese Epochen wieder lebendig machen. All das hat "Grotesque" aber leider nicht zu bieten. Die Vergangenheit ist ein hübscher Fotohintergrund, vor dem die Figuren ein Stück aufführen, nicht dreidimensional, nicht lebendig. Und leider gilt selbiges auch für die Figuren selbst. Wir haben hier eigentlich einmal mehr die typischen Pappaufsteller, die man in vielen Jugendbüchern findet: Ingrid, die sich dem Leser sofort als typische englische Schönheit vorstellt, ihre nicht minder schöne Schwester Gabby und der natürlich unglaublich schöne, aber arrogante Luc. Ich bin es gewohnt, dass Schönheit in Jugendbüchern einen wichtigen Faktor bei der Partnerwahl stellt, aber Page Morgan schießt den Vogel ab. Jeder in diesem Roman ist schön. Engelsgleich schön. Vom einfachen Bediensteten zum adeligen Mädchen haben wir es hier augenscheinlich mit einer Gruppe von Models zu tun. Dazu kommen die völlig platten, uninspirierten Liebesgeschichten. Ingrid schaut jemandem einmal in die Augen und ist so eingenommen von seiner Schönheit, dass sie wie benommen wirkt.

Leider ist ihr Auserwählter der typische düstere Held mit dunklem Geheimnis und mehr nicht. Das hat man alles schon einmal gelesen und obendrein besser. Bei ihren Heldinnen versucht Page Morgan wenigstens vom ausgetretenen Pfad abzuweichen, doch es gelingt ihr bloß bescheiden. Ingrid und Gabby sind eigentlich beide darauf ausgelegt starke, eigenständige Heldinnen zu sein, die zusammen ihren vermissten Bruder Grayson suchen, aber trotzdem rutschen beide schon nach wenigen Seiten in das alte Klischee der Jungfrau in Nöten, die von ihrem Prinzen gerettet werden muss. Was ist aus Liebesgeschichten geworden, die sich langsam aufbauen und wachsen, in denen die Figuren wirklich eine spürbare Chemie haben und nicht nach dem ersten Kennenlernen wissen, dass sie auf ewig zusammengehören? Leider wird den Romanzen und unnötigen, anachronistischen Gedanken daran, wie heiß doch dieser und jener ist, sehr viel Platz eingeräumt, es lässt sich bloß schwer ignorieren und unterbricht den Fluss der Handlung.

Ich hätte über all das vielleicht noch hinwegsehen können, beide Augen zudrücken und doch noch etwas Spaß mit dem Roman haben können, wären das farblose historische Setting, die unzureichend ausgearbeiteten Figuren und die unmöglichen Liebesgeschichten die einzigen Kritikpunkte gewesen. Eine gute, spannende Handlung hätte den Roman vielleicht doch noch auf ganz solide drei Punkte heben können und vielleicht hätte ich dann doch zur Fortsetzung gegriffen. Aber nein. Page Morgan will viel zu viel auf einmal und dabei purzeln lose Versatzstücke der Handlung durcheinander, die nicht zusammenpassen und nicht genügend aufgelöst werden. Es gibt Gargoyles, die über die Menschen von Paris wachen. Es gibt Engel und Ingrid, die Feuer aus ihren Fingerspitzen schießen lassen kann. Es gibt Grayson, der entführt wird und es gibt grausame Mordfälle und Dämonen. Und Gabby, die gegen die Dämonen antritt und obendrauf ein merkwürdiges Spiel mit religiösen Fragmenten. Hier gibt es keinen roten Faden, der sich durch die Handlung schlängelt, es gibt viele bunte Fäden und Page Morgan scheint nie ganz sicher zu sein, welcher davon jetzt der Haupthandlungsstrang sein soll.

Und dann nimmt Page Morgan ihrem Debut auch noch den letzten Rest Wind aus den Segeln, indem sie so gut wie jeder auftretenden Person eine eigene Perspektive gibt. Ingrid und Gabby suchen nach dem vermissten Grayson und das hätte durchaus spannend sein können. Aber bevor der Roman die Chance hat auch nur ansatzweise interessant zu werden, wechselt die Perspektive zu Grayson und wir erfahren sofort, wo er ist und was mit ihm passiert. Und so geht es immer und immer wieder. Der Ansatz zu spannenden Konflikten ist da, die Perspektive wechselt und sofort ist klar, was vor sich geht. Jeder spannende Ansatz wird sofort im Keim erstickt. Ingrids und Gabbys Perspektiven hätten voll ausgereicht, vielleicht sogar bloß Ingrids. Am Ende bleibt nichts als der schöne Schreibstil und ein wenig Enttäuschung darüber, dass diese historische Fantasy nicht liefert, was man sich versprochen hat. Grotesk? Unbedingt. Aber leider nicht im guten Sinne.

Ich denke, Leser die noch nicht genug von übernatürlichen Liebesgeschichten dieser Art haben und sich an keinem meiner aufgezählten Punkte stören, könnten ihren Spaß mit dem Roman haben. Auch für Leser, die erst ins Genre historische Fantasy einsteigen und noch keine Vergleichsmöglichkeiten haben, könnte der Roman eine originelle Abweichung von den üblichen Jugendromanen darstellen. Wer jedoch einen bunten historischen Schauerroman sucht und Wert auf eine historisch authentische Atmosphäre legt, ist hier falsch. Mir hat der Roman überhaupt nicht gefallen, aber ich denke, jeder, der Interesse an ihm hat, sollte sich seine eigene Meinung bilden. Leser, die eine interessante Geschichte im Paris der Belle Époque suchen und Wert darauf legen, ein authentisches altes Paris und Figuren, die sich ihrer Zeit und Gesellschaft angemessen verhalten, vorzufinden, würde ich gern warnen, dass sie das hier nicht finden werden.


Silber - Das zweite Buch der Träume: Roman
Silber - Das zweite Buch der Träume: Roman
von Kerstin Gier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das zweite Buch der Träume - Kerstin Gier, 2. Januar 2015
In diesem Roman passiert nichts. Und so sehr ich wünschte, dass dies eine Übertreibung wäre, kann ich es doch nicht behaupten. Versteht mich nicht falsch, ich hatte auch mit dem zweiten Buch der Träume meinen Spaß. Aber genau wie in Band eins gab es einige Momente, in denen ich mich sehr über das Buch geärgert habe und dazu kommt leider, dass auf über 400 Seiten nichts passiert, das die Geschichte auch nur irgendwie vorantreibt. Das zweite Buch der Träume ist leider ein typischer Mittelteil einer Trilogie, in der die Helden kein Stück weiterkommen. Am Ende weiß Liv genauso viel darüber, wer Secrecy ist und über die Traumwelt, wie am Anfang. Und das ist doch nicht der Sinn einer Fortsetzung. Ich hatte mich gefreut, mehr über die Traumwelt und die Figuren zu erfahren, aber das blieb leider aus.

Ihren Humor bewahrt sich Kerstin Gier jedoch auch in diesem Roman. Wirklich lustig fand ich die Auftritte von Graysons Großmutter, die von Liv und Mia liebevoll "das Bocker" getauft wird und durch xenophobische Äußerungen und eine unerklärliche Liebe zu einem Busch in ihrem Garten durchaus verabscheuungswürdig wirkt. Es macht Spaß das Bocker zu hassen und zuzusehen, wie Liv und Mia sich an ihm rächen, doch leider treibt Kerstin Gier das etwas zu weit. Ich möchte nicht zu viel verraten, doch der besagte Busch spielt dabei eine große Rolle und anscheinend liebt ihn ganz London. Und hier tut sich für mich ein ganz großes Problem dieser Reihe auf. London wirkt wie ein kleines Dorf. Ich weiß nicht genau, wie viele teure Privatschulen London hat, aber es ist sicherlich nicht nur eine. In "Silber" liest es sich aber so, als würde sich ganz London darum drehen, was auf dieser Schule und in der Nachbarschaft passiert, was der großen Metropole die Atmosphäre eines Dorfes auf dem Land verleiht und das passt überhaupt nicht.

Hier hätte es gut getan, wenn man wüsste, in welchem Teil von London die Geschichte spielt und die Geschehnisse eben auf diesen Teil der Stadt beschränken kann. Dass ein Stadtteil seine kleine "High Society" hat, zu den Partys erscheint, sich darum schert wer Secrecy ist und Anteil am Schicksal des Busches vom Bocker nimmt, kann ich mir noch vorstellen, aber nicht ganz London. Das ist etwas, das mir auch schon in Teil eins aufgefallen ist, jedoch nicht so übertrieben wie hier. An sich fehlt mir Londons ganz besondere Atmosphäre sehr in diesen Romanen. Das Setting ist völlig austauschbar, die Geschichte könnte auch genauso gut in Manchester spielen oder in Berlin oder eben auf einem Dorf in Mitteldeutschland. Es geht nicht nur darum, dass die Stadt kaum beschrieben wird und man kaum Charakteristika von London bekommt, die helfen, sich in die Stadt einzufühlen. London hat so viel zu bieten, wenn man Phantastik schreibt, so viele düstere Ecken und Geschichten, die man in die Handlung einbinden könnte.

Aber hier bleibt die Stadt farblos. Und dadurch, dass man immer nur kleine Ecken, die Schule und das Haus von Graysons Vater erlebt, liest es sich wirklich, als befände man sich auf irgendeinem Dorf irgendwo in Europa. Es steht London drauf, aber es ist nicht London drin. Leider. Vielleicht hätte ein deutsches Setting dem Roman wirklich gut getan, denn auch die Figuren sind nicht wirklich "typisch britisch" und verhalten sich teilweise sehr deutsch, wenn man das so sagen kann. Das Bocker mit ihrem Busch vorneweg, aber an sich hatte ich das Gefühl, die Figuren befänden sich eher auf einem teuren Gymnasium und nicht auf einer englischen Privatschule. Da gibt es durchaus kulturelle Unterschiede und als jemand, der Schulen in beiden Ländern kennengelernt hat, bemerke ich die vielleicht eher, als andere Leser, aber mir fehlt wirklich ein bisschen das englische Flair, das, was die englische Kultur ausmacht und weshalb so viele Leute sie so lieben. "Rubinrot" mit seinen Adelskreisen und Geheimbünden hatte das noch irgendwie, aber hier fehlt es komplett. Schade.

Ein anderes ganz großes Manko, das hier noch stärker rauskommt, als in Band eins ist das ständige Herumreiten auf typischen Teenagerproblemen. Ein bisschen davon ist ja ganz nett und ich lese das durchaus gerne, aber dann doch bitte mit ein bisschen mehr Tiefgang als hier. Eins von Livs größten Problemen in diesem Buch ist es, dass die ganze Schule sich darüber das Maul zerreißt, dass sie und Henry nicht miteinander schlafen. An sich fand ich das einen netten Aufhänger, mit dem man viel hätte machen können. Zum Beispiel mal erkunden, weshalb unserer Gesellschaft Sex so unglaublich wichtig ist, dass sogar Mädchen, die gerade erst sechzehn geworden sind, als "unreif" und "nicht richtig entwickelt" gelten, wenn sie keinen haben. Das macht Kerstin Gier aber nicht. Mir fehlt hier ganz deutlich die Botschaft, dass es völlig okay ist, noch nicht mit dem Freund oder vielleicht niemals mit jemandem schlafen zu wollen. Und, dass es niemanden etwas angeht, wie Liv und Henry ihre Beziehung führen.

Aber Liv zweifelt überhaupt nicht an, dass alle darüber Bescheid wissen. Es kommt nicht einmal der Gedanke auf, dass es Liv allein etwas angeht, ob und wann sie mit Henry schlafen möchte und, dass es überhaupt keine Aussage darüber macht, wie reif oder entwickelt man ist, ob man Sex hat oder eben nicht. Das ist doch besonders für junge Leserinnen, die vielleicht selbst unter solchem Druck leiden eine ganz wichtige Erkenntnis, die hier hätte gebracht werden können. Stattdessen liest es sich aber so, als würde Kerstin Gier diesen gesellschaftlichen Konventionen auch noch Recht geben und das ist keine Richtung, in die ein Buch für LeserInnen ab zehn Jahren gehen sollte. Das ist übrigens eine schöne Überleitung: Die reifste, intelligenteste Figur in diesem Buch ist Livs dreizehnjährige Schwester Mia, die zwar noch nie einen Freund hatte, aber trotzdem die schlausten Dinge sagt. Ich fand es ein bisschen lustig, wie oft betont wird, dass Beziehungen führen einen ja erst richtig erwachsen macht, aber die Figur, die sich am reifsten verhält, ist die kleine Mia.

Das hätte mich gar nicht so sehr gestört, wenn es nicht alle paar Seiten wieder hervorgeholt worden wäre. Ein bisschen las es sich wie diese schrecklich veralteten Ratgeber aus dem neunzehnten Jahrhundert, die einem nahe legen eine Frau, die ihren Mann nicht in Leidenschaft aufflammen lässt, sei keine richtige, reife Frau. Und das in einem Jugendbuch aus dem 21. Jahrhundert. Wie gesagt, als Aufhänger für eine etwas tiefer greifende Behandlung des Themas wäre das toll gewesen, aber ich denke, dass sollte man in den "Silber"-Romanen einfach wirklich nicht erwarten. Desweiteren bekommt man viel davon zu hören, wer jetzt mit wem zusammen ist, wer sich getrennt hat und dergleichen. Und natürlich gibt es wieder eine Menge Lästereien über psychische Krankheiten, die hier leider auch nicht respektvoller behandelt werden, als in Band eins, was ich sehr schade finde. Darauf gehe ich jetzt aber nicht noch einmal ein, es gilt dasselbe, was ich in der Rezension zu Band eins schon gesagt habe.

Dann gab es noch ein paar kleine Ärgernisse, auf die ich jetzt aber nicht im Detail eingehen möchte. Eins davon ist, dass es auf mich wirkt, als würde Kerstin Gier nun seit zwei dicken Büchern eine Beziehung zwischen Liv und Grayson vorbereiten und die Leser bloß mit Henry ablenken. Das ist ein bisschen störend und ich hoffe, dass sie das in Band drei noch sinnvoll aufklärt. Eine andere Sache ist Henrys völlig unakzeptables Verhalten. Damit ich aber nicht nur meckere, jetzt auch mal die positiven Seiten des Buches. Ich mag Liv abgesehen von den oben genannten Punkten sehr gern. Sie ist eine wirklich originelle Heldin und ich mochte wirklich, wie sie mit dem Streit mit Henry umgeht. Sie ist traurig und das wird auch sehr intensiv rüber gebracht, doch sie klammert sich nicht an Henry, als wäre ihr Leben vorbei, weil sie sich gestritten haben. Liv ist in Henry verliebt, aber sie macht auch ohne Henry weiter und verkriecht sich nicht, als sei sie ohne ihn nichts mehr wert.

An sich zeigt Liv in diesem Band einiges an Stärke. Es gibt ein paar Szenen, in denen ich sie einfach großartig fand. Ihre kleine Schwester Mia stiehlt ihr aber wirklich die Show. Ansonsten macht es einfach wirklich Spaß die "Silber"-Bücher zu lesen, wenn man sich daran gewöhnt hat, dass nichts Außergewöhnliches oder besonders Anspruchsvolles passieren wird. Auch Teil zwei ist einfach brüllend komisch und so locker leicht geschrieben, dass sich die 400 Seiten fast von allein weg lesen. Ein bisschen mehr Substanz hätte ich jedoch trotzdem schön gefunden, besonders am Ende des Romans. Es wird schon einiges an Spannung aufgebaut, als Mia anfängt zu schlafwandeln, doch die Auflösung fand ich völlig unbefriedigend. Die Motive des Bösewichts sind fadenscheinig und irgendwie sogar lächerlich, unglaubwürdig, und das Finale geht viel zu schnell vorüber. Es fällt Liv und den anderen einfach viel zu leicht das Unheil abzuwenden.

Toll fand ich hingegen die Entwicklung von Henry und Arthur als Figuren. Am ersten Band habe ich bemängelt, dass die vier Jungen einfach alle eine Eigenschaft zugeordnet bekommen und keine Facetten haben und während Jasper in diesem Roman gar nicht mitspielt (was schade ist, er war sehr lustig in Band eins) und Grayson eben Grayson bleibt, entwickeln Henry und Arthur sehr interessante Persönlichkeiten, über die ich in Band drei unbedingt mehr lesen möchte. Ich freue mich durchaus auf Band drei, ich möchte endlich wissen, wer Secrecy ist und wo die Reihe eigentlich hinwill, aber ich sehe im Moment nach einem zweiten Band der keinerlei Fortschritt gebracht hat, nicht so Recht, was hier eigentlich der große Konflikt ist. Band eins hatte Konfliktpotential, das durchaus interessant war aber am Ende komplett aufgelöst wurde, Band zwei plätschert dahin ohne, dass wirklich etwas passiert. Wenn jetzt nicht zu Anfang von Band drei etwas wirklich Großes passiert, weiß ich ehrlich nicht, was die Trilogie überhaupt aussagen möchte, aber ich bin trotzdem gespannt.

Wer Band eins geliebt hat, wird auch das zweite Buch der Träume lieben. Wer den ersten Band überhaupt nicht mochte, sollte die Reihe vielleicht aufgeben, denn Band zwei bringt kaum Neuerungen. Wer zu Band eins ein eher durchwachsenes Verhältnis hat, so wie ich, kann den zweiten Band als nette Unterhaltung für Zwischendurch aber durchaus lesen. Wenn man lachen möchte, den lockeren Schreibstil mag und gern Geschichten über Jugendliche und ihre Probleme liest, dann macht man auch mit dem zweiten Buch der Träume absolut nichts falsch. Wünscht man sich aber ein bisschen mehr Substanz, einen spannenden Konflikt, mehr Informationen über die Traumwelt und eine Zuspitzung der Geschichte, dann könnte man wirklich enttäuscht werden von Band zwei. Ich würde sagen, versucht es einfach damit, wenn euch die Rezension nicht völlig abgeschreckt hat.


Die Schatten von London (Die Schatten von London-Reihe, Band 1)
Die Schatten von London (Die Schatten von London-Reihe, Band 1)
von Maureen Johnson
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,99

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Schatten von London - Maureen Johnson, 2. Januar 2015
Wenn ich das perfekte Buch beschreiben müsste, dann würde ich ohne Worte auf Maureen Johnsons "Die Schatten von London" verweisen. Zuerst gelesen habe ich den Roman bereits vor knapp drei Jahren, wie es das Schicksal will, in London, und an seinem Status als absoluter Favorit hat sich seitdem nichts geändert. Als der Roman jetzt vor Kurzem auf Deutsch erschien war meine erste Handlung natürlich, ihn allen Freunden zu empfehlen, die nicht auf Englisch lesen wollten. Ihr könnt meine Rezension auch als genau das verstehen: Eine uneingeschränkte Empfehlung. Das deutsche Cover gefällt mir ausgesprochen gut. Es ist eine Variation des amerikanischen Originalcovers, aber nicht so überladen und in schöneren Farben gehalten, die gut zu der düsteren Geschichte passen. Der Roman ist Maureen Johnsons erster Roman dieser Art, sie ist ansonsten besonders für ihre lustigen Jugendbücher bekannt, aber diese Mischung aus düsterer Urban Fantasy, Kriminalroman und Jugendgeschichte liegt ihr wirklich gut.

Maureen Johnson hat einen sehr angenehmen Schreibstil. Beschreibungen wirken nie fehl am Platz oder zu gewollt. Mit wenigen gezielt eingesetzten Worten ruft die Autorin Bilder und Atmosphären herauf und erzählt sehr dicht und klar. Man merkt dem Roman deutlich an, dass Maureen Johnson, die Amerikanerin ist, in London gelebt hat und in Teilzeit immer noch dort lebt. Auch muss sie Jack the Ripper und seine Morde sehr gründlich recherchiert haben. Historische Fakten und kleine Details machen London lebendig und ziehen den Leser direkt in den Bann der englischen Hauptstadt. Zusammen mit Rory, die ganz neu in der Stadt ist und dort ein Internat im Osten der Stadt besuchen will, kann der Leser den Zauber der Stadt kennen lernen. Ohne viel Aufsehen gelingt es Maureen Johnson London zu mehr als bloß einer Kulisse zu machen. Die Stadt ist nicht nur Setting, sondern spielt eine große Rolle in der Geschichte, was mir sehr gut gefallen hat und auch sehr schön umgesetzt war. Jeder, der schon einmal in London war wird den Charme der Stadt sofort wiedererkennen und jeder, der noch nicht dort war, wird spätestens nach diesem Roman einmal hin wollen.

Rory, die Ich-Erzählerin, ist eine der sympathischsten Jugendbuchheldinnen, denen ich bisher begegnet bin. Sie ist ein ganz gewöhnliches Mädchen, in Louisiana in den amerikanischen Südstaaten aufgewachsen, und streut immer wieder schräge Anekdoten aus ihrem Leben in Amerika ein, die gleichzeitig ein wenig makaber und herzerwärmend sein können.Was mir richtig gut gefallen hat ist, wie es der Autorin gelingt, die warme, etwas skurrile Südstaatenatmosphäre aus Rorys Erzählungen mit der kühlen, uralten Großstadt in Verbindung zu bringen. Diese Mischung zusammen mit Rorys dichter, humorvoller Erzählstimme hebt den Roman deutlich aus der Menge heraus. Ich habe bei Jugendfantasy oft das Gefühl, dass es gar nicht ernst, dramatisch und düster genug sein kann, doch "Die Schatten von London" nimmt sich nicht ganz so ernst. Pointierte Witze und Sprüche von Rory und ihren Freunden beißen sich überhaupt nicht mit der düsteren, leicht gruseligen Grundstimmung und geben dem Roman etwas Lockeres. Auch die Figuren lesen sich wie echte Jugendliche, die sich auch mal um die Schule, um Freunde und Probleme von Jugendlichen Gedanken machen und nicht nur auf der Suche nach der einen großen Liebe fürs Leben sind.

Eine kleine Liebesgeschichte gibt es in "Die Schatten von London", wenn man es so nennen mag, trotzdem. Es ist allerdings viel eher eine sehr realistisch beschriebene erste Beziehung zwischen zwei Siebzehnjährigen, die sich einfach gut leiden können. Dramatisch-romantische Liebe auf den ersten Blick, ewige Liebe oder gar Kitsch gibt es hier nicht, wofür ich allerdings recht dankbar war. Man merkt, dass Maureen Johnson schon seit einigen Jahren Jugendbücher schreibt und ihre Jugendlichen wirken wie aus dem Leben gegriffen und benehmen sich auch wie Jugendliche. Außerdem weiß die Autorin wirklich, wie man einen Plotbogen schreibt. Bis zum Ende steigt die Spannung, neue Erkenntnisse und Enthüllungen werden sehr raffiniert an den richtigen Stellen eingesetzt und, das ist mir wichtig, die Figuren sind nicht bloß Werkzeuge, die die Handlung ausführen, sondern die Handlung richtet sich nach den Figuren. Es gibt kein unlogisches Verhalten, nur, damit der Plot vorangeht, es gibt keine Momente, in denen die Figuren sich verbiegen und etwas sehr Unwahrscheinliches tun, damit die Geschichte aufgeht. Alles passt zueinander und läuft sehr flüssig und in sich schlüssig ab.

"Die Schatten von London" ist Urban Fantasy für Jugendliche und Maureen Johnson arbeitet viel mit typischen Londoner Geistererscheinungen, während Rory und ihre Freunde nach dem Mörder suchen. Es gibt zum Beispiel die ganz charakteristischen U-Bahn-Geister, die in London umgehen sollen und es gibt Leute, die gegen diese Geister vorgehen. Ich kann ehrlich sagen, dass Stephen, Boo und Callum, die Londoner Geisterpolizei, mit denen Rory bald zu tun bekommt, meine liebsten Figuren im Roman waren. Ich möchte noch nicht zu viel verraten, aber alle drei haben sorgsam ausgearbeitete Hintergrundgeschichten, interessante Persönlichkeiten und harmonieren als Team miteinander. Es macht richtig Spaß zu lesen, wie Rory mit den dreien auf Streifzüge geht. Das Konzept dahinter, eine Abteilung der Londoner Polizei für übernatürliche Phänomene, mag nicht neu sein, wird hier aber noch einmal sehr schön und originell aufgearbeitet.

Darüber hinaus ist "Die Schatten von London" voll von Überraschungen, spannenden Situationen und Momenten, die einen sogar ein wenig gruseln. Was es mit den Morden auf sich hat bleibt bis zum Ende ein Geheimnis und mir hat besonders gut gefallen, wie realistisch London auf die Morde reagiert. Die "Rippermania", die über London hinwegschwappt, wirkte auf mich sehr schlüssig und auch, dass die offiziellen Ermittlungen immer wieder eingebunden wurden und nicht nur die Ermittlungen der Jugendlichen im Fokus stand, hat mir gefallen. Der Roman verbindet klassische YA-Literatur mit Schauerroman und Krimi und alle drei Genres sind wirklich schön umgesetzt, eigentlich kommt keines zu kurz. Abgerundet wird alles durch den atmosphärischen Erzählstil und durch den gekonnt eingesetzten Humor. "Die Schatten von London" ist ein dicht erzählter, spannender Fantasykrimi für Jugendliche, angesiedelt in einem überzeugend geschilderten London, das mehr als bloß Kulisse ist und voller interessanter Figuren, die miteinander harmonieren.

Eigentlich möchte ich das Buch jedem, der Geistergeschichten oder phantastische Krimis mag, ans Herz legen. Auch für Leute, die gern über London lesen, dürfte sich der Roman lohnen. Ich würde allerdings gern noch einmal betonen, dass der Roman zwar Jugendfantasy ist, aber keine typische Romantasy. Wer auf eine große Liebesgeschichte nur schwer verzichten kann, sollte mit anderen Erwartungen an "Die Schatten von London" herantreten. Für alle, die genug romantische Fantasy gelesen haben, könnte der Roman allerdings auch eine willkommene Abwechslung darstellen. Ich empfehle den Roman einfach allen Lesern, die in dieser Rezension nichts gefunden haben, was sie stark stören würde, und wünsche viel Spaß. Der zweite Teil erscheint übrigens schon im Juni unter dem Titel "Die Schatten von London : In Memoriam" (OT: The Madness Underneath) auf Deutsch, lange warten muss man also nicht. Wer gar nicht warten mag und gern auf Englisch liest, kann getrost auch schon zu Band Drei, "The Shadow Cabinet", und der Novelle "The Boy in the Smoke" greifen. Beides ist bereits erhältlich und ein vierter Band ist angekündigt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 27, 2015 5:35 PM MEST


Grischa, Band 1: Goldene Flammen
Grischa, Band 1: Goldene Flammen
von Leigh Bardugo
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grischa : Goldene Flammen - Leigh Bardugo, 2. Januar 2015
"Grischa" war ein spontaner Kauf. Das wunderschöne Cover, in Grüntönen gehalten und in Wasserfarbenoptik, hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Weiße Schneelandschaften, ein Hirsch im Hintergrund, ein Mädchen, das über die Schulter blickt. So etwas gefällt mir und ich dachte mir, wenn das Buch dieselbe Stimmung heraufbeschwören kann, wie das Bild auf dem Umschlag, dann kann ich nichts falsch machen. Und Leigh Bardugos Debütroman "Goldene Flammen" hält, was er verspricht. Und legt noch so viel mehr oben drauf. Das erste, das auffällt, wenn man den Roman aufschlägt, ist die Karte von Rawka. Die meisten Romane im Fantasygenre verfügen über eine Landkarte, damit man sich besser in der fremden Welt orientieren kann, aber ich habe selten eine so schöne gesehen. Gezeichnet wurde sie von Keith Thompson und ihr könnt sie euch auf der Homepage der Autorin ansehen. Nicht nur ist alles Wichtige vorhanden, die Karte selbst ist ein kleines Kunstwerk.

Der Leser lernt Alina Starkowa, die Ich-Erzählerin, in Kribirsk kennen, am Rande der Schattenflur. Mit der Armee soll Alina die allumfassende Dunkelheit, die Rawka seit Jahrhunderten in zwei Teile schneidet und in der blutrünstige Ungeheuer hausen, überqueren. Gleich das erste Kapitel zieht einen sofort in die Geschichte hinein und in die düstere schöne Welt, die Leigh Bardugo erschaffen hat. Alina ist eine tolle Protagonistin. Sie ist Kartenzeichnerin in der Armee, kränklich, klein und verliebt in Maljen, den sie bereits ein Leben lang kennt. Maljen ist ein Frauenschwarm und wirkt zu Beginn regelrecht vergnügungssüchtig und Alina muss immer wieder Angst haben, ihren ältesten Freund zu verlieren. Mir hat gefallen, dass die Freundschaft der beiden im Vordergrund stand und nicht Alinas Schwärmereien für Maljen. Sie hat große Angst davor den einzigen, den sie jemals als Familie empfunden hat, zu verlieren, ein Konflikt, der sehr eindringlich geschildert wird.

Alina ist eine sehr verschlossene Figur, ein etwas ruppiges Mädchen, das auf keinen Fall im Mittelpunkt stehen möchte. Doch genau da landet sie, als sie auf der Schattenflur das Licht ruft und Maljen das Leben rettet. Für die Sachkundigen ist klar: Alina ist eine Grischa und muss umgehend nach Os Alta gebracht werden, wo die magisch begabten Grischa, die zweite Armee des Zaren, ausgebildet werden. Mir hat sehr gut gefallen, dass Alina von diesen Entwicklungen völlig überrumpelt ist. Sie möchte keine Grischamacht haben, sie möchte nicht an den Zarenhof nach Os Alta und sie möchte auch nicht ausgebildet werden. Alina vermisst bald ihr einfaches Leben als Kartografin und ihre Freunde in der Armee. Ich fand ihre Reaktion sehr realistisch und bodenständig und mich hat gefreut, dass Alina sich zwar bald an das Leben bei Hof gewöhnt, aber sich dort nie wirklich wohlfühlt. Alina wird dem Dunklen als Lehrling zugewiesen, der als mächtigster Grischa die zweite Armee anführt und bald entwickelt Alina Gefühle für den düsteren, geheimnisvollen jungen Mann.

Und an dieser Stelle möchte ich auf keinen Fall zu viel verraten. Ich kann aber sagen, dass es ungefähr in der Mitte des Romans eine rasante Wendung der Geschichte gibt, die mit allen ungeschriebenen Regeln der Fantasy für Jugendliche bricht und mich nicht nur komplett überrascht, sondern auch sehr gefreut hat. Leigh Bardugo verlässt ausgetretene Pfade und macht "Goldene Flammen" zu einem sehr originellen, spannenden Roman, der zu verblüffen weiß. Neben Alina, Maljen und dem Dunklen gibt es viele weitere interessante Figuren, die auf mich alle sehr lebensnah wirkten. Besonders die Dienerin Genja und der verschlossene Fabrikant David haben mich überzeugt. Kaum jemand ist zweidimensional, alle Figuren haben ihre Geheimnisse, Kanten und Schwächen. Die einzige Figur, die für mich etwas blass geblieben ist, ist die eifersüchtige Zoya, die Alina nicht ausstehen kann. Ich wünschte, Leigh Bardugo hätte darauf verzichten können, Zoya als einzige Figur so platt hinzustellen. Sie ist eine schöne, talentierte Grischa, die neidisch darauf ist, dass Alina als Waisenkind so viel Aufmerksamkeit vom Dunklen bekommt.

Eigentlich hätte sie eine spannende Figur sein können, aber leider ist sie in Band Eins bloß die obligatorische Zicke. Ich kann aber schon verraten, das Zoya in den Folgebänden an Charakter gewinnt und sich zu einer interessanteren Figur entwickelt, was ich sehr schön fand. Auch gefreut hat mich, wie wenig Spielraum die Liebesgeschichte bekommt. Ich lese sehr gern romantische Bücher, aber zu einem Roman wie diesem hätte es nicht gepasst. So rückt Alinas Tändelei mit dem Dunklen weit in den Hintergrund, ebenso ihre Gefühle für ihren Jugendfreund Maljen. Ich konnte ebenso gut Alinas Schwärmereien für Maljen nachempfinden, wie die Anziehung, die der Dunkle auf sie ausübt. Beides war für Alinas Alter, siebzehn, sehr realistisch beschrieben, aber beides spielt sich nicht im Vordergrund ab und das steht dem Roman ausgesprochen gut. In diesem ersten Band geht es viel eher darum, Rawka und seine Gesellschaft kennen zu lernen, um Intrigen am Hof des Zaren, Verwicklungen und natürlich um Alina, die ohne ihre Einwilligung zur Hoffnung von ganz Rawka ernannt wird. Es gibt mehrere Handlungsstränge, von denen nicht alle in Band Eins aufgelöst werden, und viele kleine Geheimnisse und Wendungen, die immer recht überraschend kommen.

Ich möchte auch unbedingt noch zum Setting kommen, muss aber vorher ehrlich sagen, dass ich da wohl voreingenommen bin. Ich beschäftige mich gern mit der Geschichte Osteuropas, ganz besonders mit der von Russland, und war hellauf begeistert, als ich diesen High-Fantasy-Roman entdeckte, dessen Welt sich nicht an das europäische Mittelalter anlehnt, sondern an die letzten Jahre der Romanowherrschaft in Russland. Mode, Hofleben und Gesellschaft erinnern stark an das Russland der alten Zaren und auch Zar Alexander III, der Rawka regiert, ist deutlich an Zar Nikolai II von Russland angelehnt. Doch auch Leser, die mit russischer Geschichte nicht so viel anfangen können, dürften von Rawka begeistert sein. Die Welt ist sehr dicht geschrieben, mit eigenen Legenden und einer eigenen Geschichte, die mich sehr fasziniert haben. Legenden von Morozows Hirsch oder vom schwarzen Ketzer, die Heiligenverehrung in Rawka, all das ergibt ein komplexes, spannendes Setting, das immer weiter aufgeschlüsselt wird und eine ganz eigene Atmosphäre hat.

Was mich allerdings ein klein wenig gestört hat, ist Alinas Obsession mit physischer Schönheit. Es wirkt ein wenig inkonsequent, dass sie immer wieder erwähnt, wie schon Genja und Zoya oder der Dunkle sind, aber die Oberflächlichkeit am Zarenhof ablehnt. Alina ist keine oberflächliche Figur. Sie entscheidet nicht nach dem Aussehen, wer gut oder böse ist und sie ist nicht in Maljen verliebt, weil er hübsch ist, sondern, weil sie ihn als Menschen mag. Trotzdem erwähnt sie immer wieder die Schönheit der Grischa und ihre eigene Durchschnittlichkeit, was mich ein wenig verwundert hat. Allerdings war ich dann wieder versöhnt, als Alina durchschnittlich blieb und nicht plötzlich auch wunderschön wurde. Am Zarenhof erholt sie sich, bekommt mehr zu essen, wird gesünder und ihr Selbstbewusstsein wächst, aber obwohl sie lernt, sich selbst zu mögen, bleibt klar, dass sie sich nicht plötzlich in den schönen Schwan verwandelt oder - noch schlimmer - von Anfang an bildschön war und es bloß nie gewusst hat.

Alina ist ein durchschnittliches hübsches Mädchen an einem Hof voller wunderschöner Grischa und Adeliger und ich wünschte, Leigh Bardugo hätte dieses Motiv genutzt, um herauszustellen, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, wie jemand aussieht. In Ansätzen wird das auch angedeutet. Alina gefällt es zum Beispiel sehr, sich am Hof hübsch machen zu lassen, goldenen Schmuck zu tragen und den Reichtum zu genießen, doch sie lehnt die Oberflächlichkeit und die Verlogenheit des Hofes deutlich ab. Ich bin jemand, der unglaublich gern Romane liest, die an Königshöfen spielen, voller Intrigen, Lügen, Machtspielchen und Gefahren, und daher hat mir dieser Aspekt natürlich mit am besten gefallen. Denn es gibt viele Hofintrigen in "Goldene Flammen", die sich hinter der Haupthandlung auf keinen Fall verstecken müssen, spannend zu lesen sind und das Setting noch bunter und echter machen. Mir fehlt am Ende nur ein wenig die Einsicht bei Alina, die teilweise ähnlich denkt wie die anderen Menschen bei Hof, während sie aber gleichzeitig nicht gut findet, wie sehr die Leute am Zarenhof nach Schönheit und Herkunft urteilen. Allerdings hat Alina am Ende des Romans ganz andere Sorgen, weshalb ich das nicht so schlimm fand.

Der erste Band der "Grischa"-Reihe ist ein mitreißend erzählter Jugendroman, angesiedelt in einer an das alte Russland angelehnten Welt voller düsterer Magie, mit einer sympathischen, bodenständigen Heldin, vielen schönen Details und einer abwechslungsreichen, originellen Handlung voller überraschender Wendungen. Leser, die auf große Liebesgeschichten verzichten können und High Fantasy für Jugendliche, die mal nicht an unser Mittelalter angelehnt ist, suchen, könnten mit "Grischa" ihre Freude haben. Empfehlen würde ich den Roman aber vor allem Lesern, die vielschichtige Ich-Erzähler mögen und sich auf ein Abenteuer an einem fremden Königshof voller Mythen, Sagen, Verschwörungen und dunkler Mächte einlassen möchten. "Grischa" ist ein sehr dicht erzähltes, atmosphärisches Lesevergnügen, das zudem mit wunderschön beschriebenen Bildern und tollen Figuren aufwartet.


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