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Rezensionen verfasst von
Gloria Viktoria

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Fault Lines: How Hidden Fractures Still Threaten the World Economy
Fault Lines: How Hidden Fractures Still Threaten the World Economy
von Raghuram G. Rajan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,10

5.0 von 5 Sternen Pflichtlektüre für den mündigen Bürger und die Politik, 6. November 2012
Wie ein anderer Rezensent schon sagte: Es ist eine Schande, und zwar für die deutsche Verlagsbranche, die im Sachbuch heute fast nur Seichtes oder Populistisches produziert, dass diese klar geschriebene, nicht ideologische, wichtige und umfassende Analyse der weltwirtschaftlichen Situation und der Ursachen der Finanz- und Schuldenkrise nicht auf Deutsch vorliegt. Leider ist zu vermuten, dass diejenigen, die das Buch als erstes lesen müssten, nämlich Herrschaften wie Merkel, Schäuble, Steinbrück und andere, nicht gut genug Englisch können. Würden sie das Werk lesen (und verstehen), wüssten sie, dass ihre Diagnose des Problems ebenso zu kurz greift wie einige der aktionistischen Schocktherapie-Maßnahmen der EU daneben.
Über die Subprimekrise an sich, die Rolle von Fannie und Freddie (der halbstaatlichen US-Hypothekeninstitute) und die unmittelbare Rolle der Politik dabei war ich bereits gut informiert und habe mich hier trotzdem nicht gelangweilt. Die Ursachen, warum die Politik einerseits die Billigkredite gepuscht hat, andererseits die Zinsen so lange so fahrlässig niedrig hielt, waren mir nicht klar. Rajans Erläuterungen zum Kontext beziehen sich u.a. auf die fehlenden soziale Sicherungssysteme in den USA (diese machen anderweitiges ungezieltes Eingreifen "für mehr Wachstum", koste es, was es wolle, notwendig, damit nicht zu viele Menschen mittellos auf der Straße landen). Ich kenne das Land und seine Leute gut genug, um die Plausibilität seiner Erklärungen anzuerkennen.
Doch Rajans Analyse geht noch darüber hinaus. Hier wird das globale gesamtwirtschaftliche Umfeld betrachtet, u.a. wird der Weg gezeigt, der Länder wie Deutschland über Jahrzehnte in die Exportfalle getrieben hat, teils zum eigenen Schaden.
Das Buch lässt einen bedrückt zurück, denn einfache Wege aus der Krise gibt es keine. Rajan zeigt aber auf, welche Maßnahmen vielversprechend sein könnten und welche man tunlichst unterlassen sollte. Vor allem zeigt er, in welcher grundlegenden Schieflage wir uns befinden und dass die Versprechungen der klassischen ökonomischen Schule (der Markt macht es allein, jedes Profitstreben ist am Ende gut für alle) nicht aufgehen.
Ein Keynesianer, der fröhlich mehr Staatsausgaben predigt, ist Rajan beileibe nicht. Aber gerade, wenn einer wie er, ein Volkwirtschaftler aus dem Zentrum des Establishments (IWF-Chefvolkswirt!), der auch noch als nahezu einziger seines Umfeldes mit seinem Warnungen vor der Finanzkrise richtig lag, in seiner Analyse zu dem Schluss kommt, die wachsende Einkommensungleichheit und die wachsende Zahl von Geringverdienern stelle mit eine Ursache des Problems dar, dann sollte man schon hinhören.
Einige Aspekte, denke ich, kommen bei Rajan zu kurz: Da sind die Rolle der Globalisierung und von geänderten Kapitalanlagestrategien/Managementprioritäten für den industriellen Arbeitsplatzabbau in den USA, die Rolle geänderter Moralvorstellungen für die schamlos hohen Gehälter der Mächtigen und die Almosen-Löhne der Machtlosen und die Rolle des seit den Reaganomics geänderten Steuersystems (weniger Umversteilung), das immer größere Kuchenstück, das Anwaltskanzleien mit astronimischen Honoraren sich aus der produktiven Wirtschaft herausschneiden, und die Energiepreise. Rajan betont als Ursache für die Gehälterungleichheit sehr stark den Bildungsrückstand aufgrund des schlechten Schulsystems, ein interessanter Aspekt, der mir wiederum neu war. Bei einer so komplexen Materie ist es aber ohnehin kaum möglich, alle Aspekte im Auge zu behalten.
Aber insgesamt kann man nur sagen: Wichtige Lektüre. (Wenn man Englisch kann.)


Next: Roman
Next: Roman
von Michael Crichton
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Achtung: Dies ist kein Roman, 30. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Next: Roman (Taschenbuch)
Eher ist es ein verkapptes Sachbuch, dass illustrativ anhand mehrerer verschiedener fiktiver "spannender" Erzählungen bioethische Probleme der Gentechnik (am Säugetier/Menschen) bzw. genetisch informierten Medizin behandelt, mit denen wir uns jetzt oder in naher Zukunft auseinandersetzen müssen. Crichton ist über sein Thema ausreichend gut informiert, um ein solches Buch zu schreiben. Im Großen und Ganzen ist das meiste, was er hier beschreibt, heute schon möglich und anderes wird in naher Zukunft möglich sein. Zum Beispiel sind heute schon Chimären Realitität, damit meine ich Versuchstiere, denen man das menschliche Allel bestimmter Gene eingepflanzt hat. Sprachlich ist das Buch im englischen in den erzählenden Teilen sehr einfach und volkstümlich gestaltet, was vielleicht den gelegentlichen technischen Jargon neutralisieren soll, der einigen Lesern schwer fallen dürfte. Die deutsche Übersetzung kenne ich nicht (und fürchte, dass sie bei dieser Vorlage keine Freunde machen wird).
Crichton lässt die verschiedenen Geschichten (die nahezu ohne direkten Zusammenhang sind) parallel laufen, das heißt, keine der Geschichten wird am Stück erzählt, sondern er springt von Kapitel zu Kapitel von einer in die nächste. Ich mag so etwas, habe auch selten Probleme, mir ein großes Personensortiment zu merken. Wenn ich hier trotzdem manches Mal an einem Kapitelanfang desorientiert war (Moment: In welcher Geschichte sind wir hier noch gleich?), so werden andere damit vielleicht auch Probleme haben. Den intellektuellen Lesegenuss, den ich hatte, wie auch die Spannung, hat dies jedoch für mich nicht beeinträchtigt.
Während Crichton im Hauptteil des Buches eher nachdenklich macht als in eine bestimmte Richtung moralisiert, wird er in einem interessanten, ausführlichen Nachwort sehr deutlich. Insbesondere spricht er sich gegen Patente auf Gene und generell dagegen aus, dass Universitätsforschung patentiert werden kann, weil dies die Forschung und die Anwendung beeinträchtige.
Michael Crichton gilt/galt soweit ich weiß als politisch rechtsstehend. Davon merkt man seinen überzeugenden Ausführungen hier überhaupt nichts an. Jedenfalls ist er kein plumper Ideologe, für den Privateigentum und Profitstreben die höchsten Güter sind.
Ich halte das Buch für höchst lesenswert und auch für unterhaltsam, wenn auch der Versuch der Popularisierung dieses Themenbereichs erzählerisch nur teilweise überzeugt. Formal haben wir hier ein Experiment vor uns, aber eines, das voller Überraschungen steckt und mir jedenfalls sehr gut gefallen hat. Viel Spaß damit!


Furor
Furor
von Markus C. Schulte von Drach
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

3.0 von 5 Sternen Thema und Niveau gehen nicht zusammen, 25. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Furor (Taschenbuch)
Eigentlich nur zweieinhalb Punkte. Nicht abgrundtief hirnrissig, aber nicht mehr empfehlenswert.
Am Anfang dachte ich: toll. Ein Hirnforscher, der kurz vor seinem offenbar gewaltsamen Tod seinem Sohn Hinweise auf geheime Informationen auf seiner Festplatte gibt, die er den Sohn im Falle seines Todes bittet zu löschen. Gut gemachte Querblenden in einen Bundestags-Untersuchungsauschuss, in dem es um ein Massaker geht, das deutsche Soldaten offenbar unprovoziert in Somalia begangen haben.
Der Sohn des Hirnforschers versucht, auf eigene Faust zu recherchieren, was seinem Vater passiert ist und was sich auf der zu löschenden passwortgesicherten Festplatte verbirgt.

So die spannenden Prämissen für einen offenbar gepflegten, gut recherchierten Wissenschaftsthriller. Dachte ich.

Die ersten Zweifel an der Qualität des Buches kamen mir, als die Psychologie der Hauptperson, des Sohns, unstimmig entwickelt wurde: Da wird eine schlechte Beziehung zum dominanten Vater als lebenslanges Problem von Sohnemann dargestellt. Doch der Junge hat nichts Besseres zu tun, als ausgerechnet bei seinem Vater in dessen Fach und Institut zu studieren. Realiter hätte er nach dem Abi Reißaus genommen und sich an einer fremden Uni bewiesen.
Was eigentlich das Thema ist, das vertuscht werden soll, erahnt man schon bald: Drogenexperimente an Soldaten, um ihre natürlichen Tötungshemmungen und posttraumatische Syndrome nach dem Töten abzubauen. Wer sich im Militär auskennt, weiß, dass es Techniken gibt, Tötungshemmungen zu überwinden, die seit dem zweiten Weltkrieg wesentlich optimiert wurden und ethisch höchst problematisch sind (bedingte Reflexe, Entmenschlichung de Gegners, Drogen), ebenso sind die Traumatisierungen der Tötenden real. Doch die realen Aspekte lässt Drach links liegen. Und der Spannung hilft es ebenfalls nicht, dass man längst vor Sohnemann weiß, was damals bei dem Experiment in Südamerika geschah.
Vollkommen ad absurdum geführt wird das ernste Thema, als Sohnemann und Freunde beim Kampf gegen die bösen Vertuscher ohne zu Zögern mal eben ein paar Leute umlegen, mal per Bombe, mal per Knarre, und obwohl sie die Sterbenden sehen, brauchen sie entweder genau Null Sekunden oder genau eine, um den ersten Mord ihres Lebens zu verwinden und zu verarbeiten und denken fortan nicht mehr daran. Wie war das noch gleich? Ging es nicht irgendwo im Buch darum, dass Töten auch für eine "gute" Sache schwer und traumatisierend ist, wenn man die Opfer ansehen muss? Und dann solche gewalt bagatellisierenden Ballerszenen?
Mich hat leider nicht mehr interessiert, wer nun von den beiden Angestellten des Vaters der Allerböseste von allen war (das einzige noch bleibende Geheimnis), da die holzschnittartigen Figuren für mich nicht real wurden.
Ebenfalls ein wenig lächerlich: Erinnerungen fremder Gehirne werden an des Vaters Institut mit revolutionärer Technik aufgezeichnet und können abgerufen werden. Studenten können sich nach Lust und Laune zur Unterhaltung ein paar Erinnerungsengramme Fremder "ansehen". Da steigt Ihnen jede Ethikkommission und jeder Datenschützer aufs Dach. Abgesehen davon, das Erinnerung NICHT das Erlebte wie Filmsequenzen bewahrt, sondern nur saliente Details besonderer Momente. Wer einen Wissenschaftsthriller über Hirnforschung schreibt, der muss sich auch an wissenschaftlicher Plausibilität der erdachten Welt messen lassen, und die ist hier nicht gegeben.

Was Drach später im "Fremden Willen" gelingt, nämlich die Handlung spannend zu halten, obwohl man eigentlich sehr früh weiß, was Sache ist, und zugleich bei aller Thrillerunterhaltung noch seriösen wissenschaftlichen Hintergrund zu liefern, das hat er hier meiner Ansicht nach vergeigt. Es bleibt niveaulose Thrillersoße, die zur Kaschierung der sonstigen Inhaltslosigkeit in der zweiten Hälfte fast durchgängig aus plumpester Action besteht (wer's mag...) und die mein Interesse nicht halten konnte. Nur mit größten Mühen habe ich mich weitergequält. Die Hoffnung, dass am Schluss noch eine Überraschung kommt, hat sich denn auch nicht erfüllt.


Tanz, Püppchen, tanz
Tanz, Püppchen, tanz
von Joy Fielding
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Prima Unterhaltung, eher Krimi/Roman als "Thriller", 7. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Tanz, Püppchen, tanz (Taschenbuch)
Wenn man zu den Personen gehört, die unter Spannung verstehen, dass jemand sich in Gefahr begibt oder gar gequält wird und man sich mitfürchten muss, kommt man hier nicht auf seine Kosten. Auch das Cover der deutschen Hardcoversion ist irreführend. Ich habe eine englischsprachige Ausgabe und kann mich zur Qualität der Übersetzung nicht äußern.
Der Roman ist im Präsens und nicht als Ich-Erzählung, aber doch durchgehend aus der Innenperspektive der Hauptperson Amanda Travis erzählt, in einem der Person angemessenen scharfkantigen, umgangssprachlichen, ungeschmückten Stil. Amanda, blutjung und gerade erst erfolgreich ins Berufsleben eingestiegen, arbeitet in Florida als Anwältin in Kriminalsachen und hat eine ehrgeizige, zugleich offenbar eher gestörte Persönlichkeit (sexsüchtig, aber niemand darf ihr seelisch nahekommen). Eine aggressiv-defensive Grundhaltung nervt oft tierisch an ihr, zumal sich dies durchs ganze Buch zieht; allerdings ist dies eine sehr glaubhafte Persönlichkeitsschilderung und wird durch seltene Momente der melancholischen Besinnlichkeit oder der Selbstironie abgemildert.
Wir lernen Amanda während einer Gerichtsverhandlung kennen, die in sich durchaus spannend ist. Schnell wird klar, dass Amanda aus Toronto, von wo sie stammt, weggegangen ist, weil sie vor etws fliehen wollte. Ihr Exmann ruft sie von dort an, sie weigert sich zunächst mehrere Tage, die Anrufe entgegenzunehmen. Als sie endlich -- angetrunken und mit einem aufgelesenen Mann im Bett -- abhebt, stellt sich heraus: Ihr Ex ruft deshalb an, weil ihre Mutter in Toronto einer Hotellobby einen wildfremden Mann erschossen hat und sich weigert, eine Aussage dazu zu machen. Amanda kann das begreiflicherweise kaum glauben. Der Ex, Ben, findet, sie solle nach Toronto kommen und sich um ihre Mütter kümmern.
Sie willigt schließlich ein, und mit ihrer Ankunft in Toronto beginnt ein neuer Abschnittg des Buches, den ich sehr spannend fand. Da sind einerseits die Kindheits- und Jugenderinnetrungen als Tochter einer alkohol- und tablettensüchtgen Frau, die nun nach und nach erzählt werden und ein anderes Licht auf die Persönlichkeit Amandas werfen. Da ist andererseits das Rätsel, warum um HImmels willen ihre Mutter einen wildfremden Mann erschießt (und sich danach weigert, eine Aussage zu machen). Und die Frage, wer ist diese Mutter eigentlich, die, fünf Jahre nach erfolgreicher Entwöhnung von allen Drogen, mit der "bösen" Mutter , die sie in Erinnerung hat, kaum noch etwas gemein zu haben scheint. In kreativer Detektivarbeit erfährt Amandas mehr, und ich werde dazu kein Wort verraten. Nur soviel, dass ein Marionettentheater eine Rolle spielt.
Es gibt im Plot ein paar kleinere Ungereimheiten, die ich hier um nichts zu verraten nicht ausführen will.
Der Tränendrüsen-Schluss war mir zu klischeehaft (und die Geschichte mit Ben natürlich allzu absehbar). Insgesamt intelligent erzählte, spannende Unterhaltung, die sich wegen der einfachen Sprache und linearen Handlung gut als Reiselektüre eignet.


Die Angst ist dein größter Feind: Polizistinnen erzählen
Die Angst ist dein größter Feind: Polizistinnen erzählen
von Volker Uhl
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Einblicke in Polizei und Gesellschaft, 7. Oktober 2012
Der Band versammelt Texte/Berichte von vielen verschiedenenen Frauen, die als Polizistin arbeiten oder gearbeitet haben. Dass es sich bei den Schreibenden um Frauen handelt, ist bei den meisten Texten nebensächlich. Es geht eher um Einlicke in den Polizialltag, um die Aufgaben, mit denen man es zu tun hat, die wiederum ein Abbild der Gesellschaft liefern; um die rapiden Wechsel zwischen langweiligem Berufsalltag und extremen Ausnahmesituationen und was das mit den Menschen macht; um die Hilflosigkeit angesichts der Lebensprobleme von "Klienten", die eigentlich nicht die Polizei und den Staatsanwalt bräuchten, sondern eine sozialpädagogische Betreuung, an der es in unserer Gesellschaft offenbar mangelt. So wie die junge Prostitutierte voller blauer Flecken, die die Freier nur unter Drogen erträgt, schon von der Mutter zum Beruf angehalten wurde und aussteigen möchte, aber ganz praktisch nicht weiß, wie sie das anfangen soll; so wie die vernachlässigten, eigentlich lieben Kinder, die in einem Problemhaus aufwachsen, früh zu Jugendkriminalität verführt werden und wenig Chancen haben. So wie der ehemalige Kämpfer des Jugoslawienkriegs, der nicht mit den Erinnerungen leben kann und mit seinen Prügeleien angeblich erreichen will, dass ihn jemand für seine Kriegstaten erschießt. Insgesamt wird die Rolle des Alkohols als Katalysator von Gewaltverbrechen sehr deutlich.
Das größte Manko des Buches ist, dass nicht klar wird, welche Texte fiktiv sind und welche autobiografisch tatsächliche Gegebenheiten nacherzählen.
Eindeutig frei von Fiktion ist der Bericht einer zum Schreibzeitpunkt 84jährigen Kriminalkommissarin, die aus ihrer Anfangszeit in den fünfziger Jahren erzählt, als Frauen noch eine getrennte Abteilung der Polizei bildeten, die primär für Kinder und Frauen zuständig war.
Zwischendrin ist auch ein eher literarischer Text, der von der Kollision der Ideale und Hoffnungen beim Eintritt in den Polizeiberuf mit der Realität handelt.
Ein lesenswertes Buch, das nachdenklich stimmt.


Scham
Scham
von Karin Alvtegen
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Sehr düster, aber lesenswert, 4. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Scham (Taschenbuch)
Die Geschichte ist eigentlich keine, sondern ein Porträt zweier Frauen, die beide sehr allein sind und Probleme haben. Die Schlusswendungen zum Positiven sind nur mäßig glaubwürdig, hier ist eher der Weg das Ziel.
Die adipöse Maj-Britt ist so dick, dass sie nicht aus ihrer Wohnung kann. Sie ist unfreundlich zu ihren Pflegern und leidet offenbar an einer Angststörung. Man kann sich gut in ihre Weltsicht hineindenken. Nach und nach erfährt man auch mehr über ihre Vergangenheit (die in einem sehr strengen, evangelikalen Elternhaus begann). Daneben haben wir eine Ärztin, die ohnehin an einem Schuldkomplex leidet (Achtung, Teilspoiler im nächsten Absatz).
Als Kind und Jugendliche war die heutige Ärztin sehr eifersüchtig auf ihren Bruder, und sie hat ihn während eines Brandes nicht geweckt, so dass er starb. Seitdem pflegt die Mutter das Andenken des toten Bruders, und die Ärztin ist nach wie vor eigentlich nur gut genug, um die Mutter voll schlechten Gewissens ans Grab des Bruders zu fahren. Eines Tages nimmt sie an einem Lehrgang teil, und um rechtzeitig zum Grabbesuch bei der Mutter zu sein, leiht sie jemandes Auto, der dafür später die Fahrtgelegenheit nutzt, die eigentlich für sie vorgesehen war. Durch einen Unfall kommt derjenige um und hinterlässt eine invalide Frau und Kinder.
Die Ärztin sieht sich als verantwortlich für das Geschehene. Sie will der Familie helfen, zugleich zieht sie eine kranke Befriedigung daraus, sich bei der invaliden Witwe (die nicht ahnt, wie die Zusammenhänge sind) als Helferin unentbehrlich zu machen. Sie verstrickt sich hier auf einem schlechten Weg, und man fiebert jede Minzute mit ihr mit, ob ihre Pläne klappen und dass sie nciht als die Leiherin des Autos auffliegt, weil man ihren Tunnelblick übernimmt.
Inzwischen bekommt Maj-Britt eine neue Pflegerin, die sehr klug mit ihr umgeht und ihren Panzer langsam knackt -- oder doch nicht?
Gestört haben mich hier und da laienpsychologische Behauptungen die die Autorin eher Büchern und Filmen als dem Leben abgeschaut hat. Aber das sind nur Randerscheinungen.
Keine leichte Lektüre, man liest beinahe unwillig, aber gebannt.


Schattenhaus
Schattenhaus
von Alex Reichenbach
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Extrem aufwühlend, 4. September 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Schattenhaus (Taschenbuch)
Ich bin hin und weg von diesem Krimi, den man nicht schnell vergessen wird. Der Erstling war solides Handwerk, das hier ist ein Hammer und vom Autor wohl kaum mehr zu toppen. Für die zweite Hälfte würde ich 6 Punkte vergeben, wenn es sie gäbe. Den Punkt Abzug gibt es, weil es sich am Anfang für mich etwas zog: Nach starkem Beginn, erzählt aus der Perspektive eines kleinen Mädchens, in dessen Elternhaus nachts etwas Schreckliches geschieht, geht es zuerst etwas zäh voran. Ein Mord an einer jungen Hausfrau und Mutter samt Gatten ist passiert, und es wird klein-klein-Ermittlungsarbeit und Konflikte unter den Ermittlern beschrieben und Kommissar Winter hat Eheprobleme. Vor allem fragt man sich am Anfang, was denn diese in einem Zwischenkapitel vorgestellte Sonderschullehrerin soll, die sich mit einem Strafgefangenen einlässt, und was der Jungarchäologe André Bründl und seine Uniprobleme mit dem Fall zu tun haben. Doch gemach, die Fäden werden noch zusammengeführt.
Der anfängliche Mord an dem jungen Elternpaar, das sehr isoliert lebte, wird als Raubmord abgetan. Der Leser ahnt mehr: in dem Dorf, aus dem die junge Frau stammt, scheint ein Geheimnis zu schlummern. Schon als Kind wurde dort die Verstorbene bedroht. Auch Kommissar Winter stößt auf Anzeichen für einen ganz anderen Hintergrund als Raubmord, aber er findet beim Chef nach abgeschlossenem Fall kein Gehör.
Monate später: Im Haus eines Archäologieprofessors im Frankfurter Westend geschieht ein Mord an einer Frau. Erst sieht die Polizei dies als eigenen Fall und durchkämmt den Professor und sein Umfeld, wobei dieser selbst verdächtig wird, denn möglicherweise ist er in Wissenschaftsfälschung verwickelt. Doch dann stellt sich heraus, das Opfer stammt aus dem selben Dorf wie die getötete Frau im ersten Fall. Die verwendete Waffe scheint auch die selbe zu sein. Jedoch hatten die Opfer keinen Kontakt zueinander, sie stammen sogar aus verfeindeten Familien. Wie können diese beiden Morde zusammenhängen? Winter hat eine Idee, aber ein Element scheint zu fehlen.
Mehr sollte man wirklich nicht verraten.
Als schließlich klar wird, was tatsächlich geschah und wie es dazu kam, gefriert einem buchtsäblich das Blut in den Adern. Die eigentliche Auflösung wird in einer aufwühlenden, gruseligen Rückblende erzählt, die man gar nicht genug loben kann. Auch sonst gibt es immer wieder starke Szenen, die einen aufregen und/oder berühren.
Schön auch: die Tiefe, die einige der Nebenfiguren erhalten.
Platt/schablonenhaft sind bloß einige der Polizisten (nicht Winter zum Glück). Kettler, der intrigante Kollege, und Fock, der ignorante Chef, müssen beide als Running Gag herhalten. Was aber zur Auflockerung auch irgendwie o.k. ist in der ansonsten doch heftigen Geschichte.
Meine Lieblingsfigur ist neben der dicken Anwältin komischerweise Matthias (der ex-strafgefangene junge Lover der Sonderschullehrerin). Wie Winters ambivalente "Beziehung" zu ihm beschrieben wird, finde ich sehr gelungen. Winter wird einem hier sehr sympathisch.
Weil es hier mehrere Todesfälle mit jeweils ein oder mehreren Verdächtigen gibt, ist das Buch nichts für Leute, die sich nicht mehr als drei Personen pro Buch merken können. Wahrscheinlich sollte man auch keine wochenlangen Pausen machen, aber diese Gefahr besteht sowieso nicht, da man zwanghaft immer weiter liest.


Am Ende des Schweigens: Roman
Am Ende des Schweigens: Roman
von Charlotte Link
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Professionell gemachter spannender Schmöker, 2. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Am Ende des Schweigens: Roman (Taschenbuch)
Das ist keine hohe Literatur, aber ein ansprechend geschriebenes Psychodrama mit Gruselszenen. Die Ausgangssituation: Drei wohlbetuchte Ehepaare im Ferienhaus mit unterschwelligen Konflikten, wobei die Männer Jugendfreunde sind. Dies zieht einen schnell in die Geschichte. Diese ist weitestgehend aus der Perspektive einer der Frauen geschrieben. Nach einigen Tagen, in denen klar wird, dass ein harmonischer Urlaub nur mit Mühen an der Oberfläche vorgespielt wird (und man sich fragt, warum einige der Beteiligten bei dem Spiel mitmachen), wird ein großer Teil der Urlauber brutal abgeschlachtet -- war es der Engländer, der Anspuch auf das Haus erhebt, ein zufällig vorüberkommender Psychopath oder eine/r der Überlebenden des Massakers?
Schön an dem Roman ist, dass Link sich die Sache nicht einfach macht, sondern ihre Figuren noch lange nach dem ungeklärten Massaker verfolgt und die Fäden weiterspinnt und mehrere der Persönlichkeiten ausführlich weiterentwickelt. Auch ich halte die "Auflösung" nicht für besonders plausibel (oder spannend, denn eine Überraschung ist es nicht), aber darum ging es am Ende gar nicht mehr. Es las sich halt nett. Dies war mein erster Link, ich würde bei Gelegenheit wieder einen lesen, wenn ich mal viel Zeit totzuschlagen habe. Denn lang war das Buch schon.


Der beste Sommer unseres Lebens
Der beste Sommer unseres Lebens
von Adriana Trigiani
  Taschenbuch

3.0 von 5 Sternen Zwiespältiger Eindruck, 2. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Der beste Sommer unseres Lebens (Taschenbuch)
Am Flohmarkt entschied ein Blick auf die erste Seite, dass ich Lust auf dieses Buch hatte. Das Setting ist ein amerikanisches Provinzkaff in Appalachia, die Ich-Erzählerin eine Frau, die jede Woche sehnsüchtig auf den Wagen der fahrenden Bücherei wartet, dazu ein ruhiger, sanfter, unprätentiöser aber nicht banaler Erzählton. Ich war gespannt, was die Autorin daraus macht.
Die Ich-Erzählerin lernen wir kurz nach dem Tod ihrer Mutter kennen. Sie ist alleinstehende Apothekerin, hat ihre Mutter sehr geliebt (diese war aus meiner Sicht sehr dominant). Nun muss sie mit dem Velust fertig werden und sich neu orientieren. Ziemlich bald ahnt man, dass man irgendwann eine Verbandelung der Erzählerin mit einer bestimmten männlichen Nebenfigur erleben wird, doch dies wird nur ganz schwach angedeutet (und bleibt unsicher, so dass man durchaus auch rätselt, wie es wohl enden wird). Mindestens die erste Hälfte des Romans las sich als schönes, sanft humoriges, liebevolles Porträt der Kleinstadt und ihrer Bewohner mit dem Suchteffekt einer Serie. Nebenbei erfährt die Erzählerin, dass ihr Vater (der nicht mehr lebt und den sie nie geliebt hat) nicht ihr leiblicher Vater ist, sondern dass der echte Vater in Italien lebt (wo die Mutter herstammt, die unehelich schwanger von dort geflohen war).
Von dem Moment an, als die Liebesgeschichte sich zu entscheiden beginnt und unsere Heldin mit dem nunmehr Gatten nach Italien aufbricht, wird das Buch derart süßlich und unglaubwürdig, dass ich es kaum noch ertragen konnte. Die Mutter, die meiner Meinung nach eine selbstgerechte Person war und sich beizeiten mal hätte besinnnen müssen, ein bisschen nett zu dem Mann zu sein, der sie schwanger geheiratet hat, statt ihrer Tochter ihren eigenen Widerwillen gegen ihren Mann einzuimpfen, die wird nun gänzlich zur Heiligen stilisiert. Alle lieben die Erzählerin und machen ihr große Geschenke, Italiener sind wunderbare Menschen, die italienische Familie der Ich-Erzählerin ganz besonders, und am Ende stellt sich gar heraus, dass Mama einst von einem Engel gerettet wurde... das war mir insgesamt einfach zu viel.


Farben der Schuld: Judith Kriegers vierter Fall (Ein Judith-Krieger-Krimi, Band 4)
Farben der Schuld: Judith Kriegers vierter Fall (Ein Judith-Krieger-Krimi, Band 4)
von Gisa Klönne
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Etwas zwiespältig, 29. Juni 2012
Dieser Klönne-Krimi kommt konventioneller daher als ihr erster, für den ich 5 Sterne vergeben hatte. Dieser hat für mich aus mehreren Gründen nur dreieinhalb.
Die Erzählweise ist, wie immer bei Klönne, leicht gewöhnungsbedürftig im Präsenz. Mich hat diesmal der sehr eintönige Stil gestört, der einen abgehackten Kurzsatz in immer demselben Rhythmus (Sie tat X, sie tat X) an den nächsten reiht. Insbesondere die Abschnitte um die persönlichen Probleme der Kommissarin Judith Krieger habe ich als zäh geschrieben sowie als Spannungsbrüche empfunden. Krieger hat im vorherigen Band (von mir nicht gelesen) einen Verdächtigen/Mörder erschossen, was mit psychischen und anderen Nachwehen verbunden ist und vor allem in der ersten Hälfte sehr breit behandelt wird. Ich habe immer innerlich "och nö" gestöhnt, wenn es wieder zu Frau Krieger ging. Neben dem Bruch in der Handlung haben mich diese Abschnitte auch deshalb gestört, weil ich es ehrlich gesagt nicht gern sehe, wenn Sympathieträger in realistischen Romanen töten, hier aus Notwehr zwar, aber Notwehr ist ein dehnbarer Begriff, wie man aus den USA weiß. In Deutschland zielen routinierte Polizisten wenn sie schießen eher auf die Beine. Ich finde, dieses gute Vorbild sollten auch Krimikomissare beherzigen. Das werden andere Leser aber sicher anders empfinden.
Von den Ermittlern kommt auch Manni Korzilius wieder breit vor, der diesmal auch persönliche Probleme hat, die Klönne passend zum Thema der Haupthandlung gestaltet (Frage der Verantwortung von Vätern für ihre Kinder).
Gut gefallen haben mir religions-/bibelkritische Abschnitte, das dürfte aber auch wieder Geschmackssache sein.
Anders als andere hatte ich mit der Vielzahl der Personen absolut kein Problem, obwohl ich mit längeren Pausen gelesen habe. Das mag im Hörbuch anders sein, besonders, wenn man die Reihe nicht kennt.

Zur eigentlichen Handlung
Der Krimi setzt mit einer nächtlichen Mordszene zu Karneval ein. Der Tote war als Priester verkleidet, doch er war Arzt. Eine Woche später trifft es tatsächlich einen Priester. Ist es eine gegen die Kirche gerichtete Mordserie? Wenn nicht, was steckt sonst dahinter? Was hat es zu bedeuten, dass beide Tote sterilisiert waren?
Sehr gut gefallen hat mir der Teil der Handlung, der nicht aus Perspektive der Ermittler erzählt wird. Hier stehen Ruth und ihre Tochter Bea im Mittelpunkt. Ruth ist arbeitslos (und darüber sehr unglücklich), gläubig, arbeitet ehrenamtlich bei der kirchlichen Telefonseelsorge, deren Chef ermordet wird, und sie sorgt sich entsetzlich um "Grufti"-Tochter Bea, die zu viel trinkt, sich von der Mutter abschottet und in Trauer um ihre Freundin Jana versinkt, von der sie glaubt, dass sie vielleicht ermordet wurde. In beide Figuren konnte ich mich gut hineinversetzen.
Die Auflösung der Morde ist nur teilweise plausibel. Einige Nebenfragen (speziell bezüglich des Taten an Bea) klärten sich mir nicht. Am Schluss war es irgendwie zu schnell vorbei.
Insgesamt ein guter, nicht unintelligenter Krimi.


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