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T. Jannusch "rumble-bee" (Velbert)
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Die guten Frauen von Christianssund: Sommerdahls erster Fall
Die guten Frauen von Christianssund: Sommerdahls erster Fall
von Anna Grue
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die guten Absichten von Anna Grue, 11. August 2013
Vine Kundenrezension eines kostenfreien Produkts (Was ist das?)
Vermutlich ist dies einer jener Fälle von Beliebtheit im eigenen Land, den man als Ausländer nicht wirklich ergründen kann. In Dänemark soll die Reihe um Dan Sommerdahl ja ausgesprochen populär sein. Ich möchte das Buch und die Fähigkeiten seiner Autorin nun nicht grundsätzlich schlechtreden - aber ich kann einfach nicht in entsprechende Begeisterungsstürme ausbrechen. Manches war nett, manches war mir zu vertrackt, und etliches hat mich einfach nicht erreicht. Aus dieser "Gemengelage" entsteht für mich eine mittlere Bewertung.

Inhaltsangaben kann man allerorten nachlesen, daher möchte ich mich hier auf meine Anmerkungen - sowohl positiver als auch negativer Art - konzentrieren.

Gut gefallen hat mir der immer mal wieder aufblitzende Humor, und etliche Passagen, welche die Gesellschaft kritisch beleuchten. Da wird zum Beispiel überlegt, warum man "gefallene Frauen" sagt, aber nicht "gefallene Männer". Und wie unterschiedlich Depressionen und Burn-Out bei Frauen und Männern bewertet werden. Es gab auch etliche Spitzfindigkeiten und Frotzeleien zwischen den Hauptpersonen, was wirklich nett war.

Was mir zweitens gut gefiel, ist - wer hätte das gedacht - alles rund um die im Buch auftauchenden Hunde. Im Nachwort beschreibt die Autorin, sie habe leider auf Anraten ihrer Lektorin einen Großteil dieser Handlung streichen müssen. Was für ein Jammer! Ausgerechnet die Passagen rund um Haustiere waren sehr herzlich. Mein persönlicher Eindruck: der Autorin gelingt es bei Tieren wesentlich besser, sie wirklich "lebendig" werden zu lassen...

Drittens bescheinige ich dem Buch einen im Wesentlichen passablen Spannungsbogen. Das Buch ist nach Wochentagen aufgeteilt, nicht nach Kapiteln - die Handlung dauert genau eine Woche. Zu Beginn geht alles eher schleppend los; die ersten zwei "Tage" habe ich mich ein wenig durch das Buch gequält. Doch in der zweiten "Wochenhälfte" wurde es besser.

Nun zu meiner Kritik. Dan Sommerdahl wird als Held der Reihe beworben - was er für mich aber nicht wirklich ist. Es hat ein wenig zur "Zähigkeit" der Handlung beigetragen, dass sich die Autorin nicht letztlich entscheiden konnte, wer denn nun der Held bzw. Erzähler dieses Bandes ist. Sowohl Dan Sommerdahl als auch Flemming Torp bekommen etwa gleich viele Erzählanteile; und bei keinem von beiden sprang bei mir ein richtiger "Funke" über, so dass ich gedacht hätte: "Wow, was für ein gut gelungener Charakter". Überdies hat keiner von beiden eine wirklich eigene "Stimme" bekommen, keine Redeweise, die ihn hervorgehoben hätte. Aber das mag ein Problem der Übersetzung sein. Ich war jedenfalls gehörig irritiert, weil ich keine eindeutige Identifikationsfigur im Buch fand.

Und - sorry, aber ich empfinde das so: Dan ermittelt nicht. Er wird zufällig in einen Fall mit hineingezogen, okay. Doch alles, was er wirklich tut, ist, ein bis zwei Personen kurze Fragen zu stellen. Und sich am Schluss mehr aus Zufall mitten in der Schusslinie des Showdowns zu befinden. Ich meine damit nicht, dass es für mich packende Actionszenen gebraucht hätte! Aber ich erwarte doch mehr an wirklicher Ermittlung, an Recherchen, an Enthüllungen, die ohne Dans Einmischung so nicht möglich gewesen wären.

Der letztendliche Täter hat mir auch nicht gefallen! Ich habe eine geschlagene halbe Stunde nach Beendigung der Lektüre nachdenken müssen, um die verzwickte Logik hinter der Handlung dieses Buches zu verstehen. Doch so richtig leuchtet mir immer noch nicht ein, warum der Täter die Putzfrau ermorden "musste". Ich fand die Themen "häusliche Gewalt" und "Menschenhandel" schon grundsätzlich interessant; aber die Handlungsfäden wurden von der Autorin eher zu zahlreich (!) ausgesponnen. Weniger wäre hier mehr gewesen. Ich hätte eher ein ganz anderes Motiv überzeugend gefunden - es hätte mit dem heimlich geborenen Kind zu tun haben müssen. Doch genau dieser spannende Ansatz wird mitten im Buch fallen gelassen. Enttäuschend!

Es waren mir gegen Ende des Buches einfach zu viele "Zufälle", zu viele Wendungen in letzter Minute, die so nicht vorhersehbar waren. Außerdem nervt es mich immer ungeheuer, wenn in einem Krimi in den letzten Kapiteln ellenlange Gespräche zwischen allen Beteiligten stattfinden, um "offene Fragen zu klären". Das geschieht eindeutig immer nur deshalb, um dem Leser (!) etwas zu erklären. Erzähltechnisch sind solche Endlos-Debatten höchst ermüdend. Muss ich dann noch erwähnen, dass mir - zu allem Überfluss - der "Held" Dan Sommerdahl nicht mal ansatzweise sympathisch war...?

Nein, ich bin nicht wirklich warm geworden mit diesem Buch. Potenzial und gute Absichten hat die Autorin zweifellos. Aber zumindest für mich hat sie noch nicht ins Schwarze getroffen.


Lotta Wundertüte: Unser Leben mit Bobbycar und Rollstuhl
Lotta Wundertüte: Unser Leben mit Bobbycar und Rollstuhl
von Sandra Roth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Wundertüte ist auch dieses Buch, 10. August 2013
Ich bin immer wieder beruhigt, wenn mich mein erster Eindruck nicht trügt. Wie bei diesem Buch! Die Leseprobe hatte mich schon mehr als neugierig gemacht. Endlich mal ein Sachbuch, ein Erfahrungsbericht, der auch mit Verstand geschrieben ist, und der dennoch nicht zu wenig Stoff zum Nachdenken bietet. Deutschland ist ja spätestens seit Betty Mahmoody in einer wahren Flut von "Betroffenheitsliteratur" untergegangen, wobei leider nur die wenigsten "Betroffenen" auch gute Autoren waren. Ganz anders hier!

Ich muss noch ein wenig weiter die rein literarischen Vorzüge dieses Buches loben, bevor ich auf den Inhalt eingehe. Also: Sandra Roth ist nicht nur die Mutter des schwerbehinderten kleinen Mädchens, sondern auch Journalistin und freie Autorin. Das merkt man auf jeder Seite! Sie hat das Buch erkennbar "für ihre Leser" geschrieben, hat sich bemüht, es interessant zu gestalten. Die Sprache bewegt sich dabei sehr kunstvoll auf einem schmalen Grat zwischen Bericht, journalistischem Essay und Tagebuch. Wirklich sehr angenehm zu lesen! Und die erzählerischen Mittel, die sie einsetzt, sind gut gewählt und platziert.

Sie schiebt zum Beispiel immer mal wieder rein reflexive Abschnitte ein, in denen sie Stellung nimmt zu gesellschaftlichen Un-Möglichkeiten. Oder zum Verhalten der Menschen in ihrem Umfeld. Sie bringt außerdem öfters kleine "Vorausdeutungen", was die Spannung erhöht - zum Beispiel, "dies sollte das einzige Mal sein, dass..." oder "wir wussten ja noch nicht, dass...". Und sie springt gelegentlich ein wenig im Zeitstrom vor oder zurück, um später tiefer darauf einzugehen. Das alles hält den Leser wirklich gut bei der Stange! Nicht zu vergessen ist das erfreuliche Ausbleiben von zu viel "Fachchinesisch".

Nun zum Inhalt! Auch hier wurde ich nicht enttäuscht. Das Buch ist einerseits eine Chronik der ersten drei Jahre mit Lotta; andererseits ist es viel mehr als das. Es ist gleichzeitig Tagebuch und gesellschaftliche Anklage. Es bietet jedem Leser zahlreiche Gelegenheiten, in sich zu gehen und sich zu fragen, wie er sich entschieden hätte. Es entlarvt gekonnt allerlei falsche und wohlmeinende Reaktionen. Und es ist vor allem ein bewegendes Denkmal für Lotta, für die Liebe, die ihre Eltern ihr (trotz allem) entgegen bringen. Diese Liebe ist nicht quietschrosa, eher pastellfarben. Aber deswegen umso überzeugender.

Mehr möchte ich nicht zum Inhalt sagen, da ich ihn sonst zerreden würde. Ich möchte lediglich noch eine Anmerkung machen - wobei ich betonen möchte, dass dies nicht negativ in meine Wertung eingeht.

Mir ist aufgefallen, dass Frau Roth gewisse Dinge sehr kunstvoll überspringt und auslässt. Absichtlich? Mir persönlich fehlt zum Beispiel völlig der Grund, die Motivation, warum sie dieses Buch überhaupt geschrieben hat. Wer hatte die Idee dazu? Was ist das "Warum" dahinter? Diente das Verfassen des Buches der seelischen Verarbeitung, oder war von Anfang an eine Veröffentlichung geplant? Und woher nahm sie nur die Zeit - laut Buch hatte sie doch dauernd Termine mit Lotta, und kam zu nichts...? So stellt sie es jedenfalls dar. Und die Geschehnisse im Buch enden, wenn ich mich nicht irre, im Jahr 2012. Wir haben jetzt 2013 - nur ein Jahr für das Abfassen, Redigieren, Lektorieren dieses großartigen Textes? Wie hat das nur geklappt?

Ich persönlich hätte auch gerne mehr über die eigentliche Geburt, und die erste Zeit danach, erfahren. Nicht aus Voyeurismus, sondern weil ich mir Fragen stelle. Wenn ein Kind eine gefährlich veränderte Ader am Kopf hat, wie kann es dann eine natürliche Geburt überstehen?? Oder war es ein Kaiserschnitt? Wir erfahren es nicht. Außerdem habe ich immer wieder gehört, behinderte Kinder seien in der ersten Zeit nur schwer zu füttern. Hierzu gibt es widersprüchliche Angaben im Buch. Einmal sagt Sandra Roth, ihr Sohn habe interessiert beim Stillen zugeschaut. Dann wieder heißt es, die Ernährung Lottas nach der Geburt sei per Milchpumpe und Fläschchen abgelaufen.

Ich möchte diese Dinge, wie gesagt, einfach nur als "Anmerkungen" stehen lassen. Mir hat das Buch dennoch überaus gut gefallen! Schon lange war ich von einem Sachbuch nicht mehr so gefesselt, und im Innersten angesprochen. Dies ist ein Buch, das ich bedenkenlos weiterempfehlen - und erneut lesen! - würde.


Muo und der Pirol im Käfig: Roman
Muo und der Pirol im Käfig: Roman
von Dai Sijie
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Postmoderne, kafkaeske Mischung, 4. August 2013
Ich gebe zu, dass dieses Buch nicht ganz leicht zu fassen ist. Das merkt man schon daran, dass man ihm überhaupt nicht gerecht wird, wenn man den Inhalt nacherzählt. Wie kann man dann etwas von diesem Buch vermitteln? Vielleicht, indem man ein wenig von ihm schwärmt.

Ich würde mich als "geübten Leser" bezeichnen, und bin als solcher sehr offen für allerlei postmoderne Experimente. Wenn man dieses Buch mit Genuss lesen will, sollte man sicherlich keine allzu "straighte", geradlinige, klassische Erzählweise erwarten! Sonst verzweifelt man. Das Buch enthält kräftige Prisen sowohl von Kafka, als auch Cervantes und Voltaire. Was wenig wundert, da der Autor, wie sein Held, lange in Frankreich gelebt und studiert hat.

Grob gesagt, geht es um einen Chinesen, der Psychoanalytiker à la Freud geworden ist - an sich schon eine kleine Sensation. Er reist zurück aus Frankreich nach China, um dort seine große Liebe, "Vulkan des Alten Mondes", aus politischer Gefangenschaft zu befreien. Nur gestaltet sich dies, gerade in China, nicht gerade einfach...

Hier passt dann der Vergleich zum "Don Quixote", denn der ganze Verlauf des Buches ähnelt einem Kampf gegen Windmühlen. Ich habe schon verschiedentlich über die Verhältnisse in China gelesen, und nehme an, dass die Schilderungen nahe an der Wahrheit sind. Mein Gott, der arme Muo! Was er nicht alles über sich ergehen lassen muss! Und doch lässt er niemals ab von seinem Vorhaben.

Allerdings ist er fürchterlich naiv, ja, er ist sogar - zu Beginn des Buches - in sexueller Hinsicht Jungfrau. Und doch liebt er! Und obwohl er von einer Katastrophe in die nächste schlittert, behält er sich immer seinen etwas unschuldigen Blick auf die Welt - welche rabenschwarz geschildert wird. Hier sehe ich dann die Parallele zu Voltaires "Candide"...der ja ebenfalls in seiner grenzenlosen Naivität die Rohheit der Welt vollkommen verkannte.

Ja, und dann noch die Erzählweise... die ist wirklich experimentell hoch drei. Und genau das habe ich geliebt! Alles vermischt sich: Vor- und Rückblicke. Traumsequenzen gegen härtesten Realismus. Satire und Visionen. Briefe, Tagebücher, Telefongespräche, Traumdeutungen, Zeitungsartikel. Man muss sich wirklich konzentrieren, um den Erzählfaden nicht zu verlieren. Und dann noch das Ende, das - typisch Muo - ein wenig katastrophal, ein wenig offen, aber auch humorvoll ist.

Es hat mich schon erstaunt, dass dieses Buch vom gleichen Autor wie "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" sein soll. Vielseitig ist Dai Sijie auf jeden Fall! Aber - er liebt das Erzählen. Und er liebt seine Heimat. Eine Mischung, die für mich vollkommen unwiderstehlich ist!


Agatha Raisin und der tote Richter: Kriminalroman
Agatha Raisin und der tote Richter: Kriminalroman
von M.C. Beaton
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr eigen und erfrischend anders, 4. August 2013
Vine Kundenrezension eines kostenfreien Produkts (Was ist das?)
Mir ist völlig unerklärlich, warum diese Reihe (nach bald 20 Jahren Erfolg im Heimatland!) erst jetzt in Deutschland erscheint. Sehr erklärlich ist mir hingegen der Grund, warum Agatha Raisin in England zum Kult wurde: Sie ist, so scheint mir, ganz bewusst als Gegengewicht zu Miss Marple & Co. aufgebaut worden. Sie ist exzentrisch, sozial unbegabt, und resolut im Handeln. Und sie tritt in beinahe jedes verfügbare Fettnäpfchen... sicherlich beim ersten Erscheinen ein wahres Fest für Krimi-Fans in England!

Es stimmt, es werden in diesem ersten Band so gut wie keine Klischees ausgelassen, die das englische Dorfleben betreffen. Aber: durch Agathas herrlich rabenschwarzen Umgangston, und den auch sonst vorherrschenden schwarzen Humor, werden genau diese Details aufs Korn genommen, dass es nur so kracht. Ich verstehe die Schilderung des Dorflebens vor allem als liebevolle Satire, und habe sie intensiv genossen!

Agatha Raisin ist so herrlich anders, als eine "handelsübliche" Ermittlerin. Detektivin ist sie nie gewesen - nur erfolgreich in der PR-Branche. Ihre so erworbenen Fähigkeiten setzt sie sofort an ihrem neuen Wohnort um, und mischt so das Dorfleben herrlich auf. Ich wurde wirklich köstlich unterhalten!

Besonders glaubhaft machte diesen Band, dass Agatha selber so ihre Startschwierigkeiten mit dem Dorfleben hat. Sie sieht die Dörfler mit neutralen, ja kritischen Augen. Und die sie ebenso! Es entlockt dem Leser mehr als einen kräftigen Schmunzler, die gegenseitigen Gedanken der Personen zu verfolgen - die von mehr als leichtem Unverständnis geprägt sind...

Der Fall an sich ist herrlich unblutig, und vom Verlauf her "very british". Ich habe mich wie mitten in einem Inspector-Barnaby-Krimi gefühlt! Es gab auch keine allzu unlogischen Zufälle - Agatha zieht nur an genau den richtigen Stellen die richtigen Schlüsse. Am Ende wird es um Haaresbreite dramatisch, mit der Folge, dass sie dann doch in ihrem Cottage wohnen bleibt. Ein Ende, das mir gefallen und mich überzeugt hat.

Warum dann nur vier Sterne? Weil ich den Schreibstil der Autorin stellenweise als spröde und ein wenig sprunghaft empfunden habe. Vor allem gegen Ende gab es ein paar Schnitte, die mir zu plötzlich kamen. Und viele Sätze waren auch sehr kurz, sehr forsch formuliert. Andererseits passt das natürlich wunderbar zu Agathas Charakter. Nun ja. Insgesamt bin ich wirklich mehr als neugierig auf Agatha geworden, und werde mich garantiert mit den weiteren Bänden befassen!


In weißer Stille
In weißer Stille
von Inge Löhnig
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Familiendrama mit packendem Showdown, 31. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: In weißer Stille (Taschenbuch)
Der zweite Fall mit Kommissar Dühnfort - auch für mich. Merkwürdigerweise hat mir ein noch späterer Band der Reihe ("So unselig schön") weniger gefallen. Doch an diesem Band war - fast - alles rund, und bis zum Schluss spannend. Ich habe ein packendes Familiendrama erwartet, und es auch bekommen. Dazu einen Kommissar, der mir einleuchtete und mir etwas sagte. Doch von vorn.

Ganz klassisch, beginnt das Buch mit einem Prolog, der offenbar vor längerer Zeit spielt. Ein kleiner Junge wird durch grausame Erziehungsmaßnahmen gequält und drangsaliert, fast bis zum Tod. Man ahnt: das wird irgendwann später explodieren. Richtig geraten!

Schon in der nächsten Szene, dem ersten Kapitel, gibt es den ersten Toten. Ein älterer Herr wurde mit Gürteln an die Heizung seines Wochenendhauses gefesselt, dort allein gelassen, und ist qualvoll verdurstet. Dies ist sozusagen die "Spätfolge" des Prologs. Auch der bald auftauchende Kommissar Dühnfort ahnt, dass der Täter im Familienkreis zu suchen sein muss. Denn der Tote war alles andere als beliebt. Nun beginnt sich zuerst langsam, dann immer schneller das Karrussell der Verdächtigen zu drehen. Der Tote hatte mehrere Kinder, die unter ihm litten. Und auch im Umfeld der Familie stimmte so gut wie nichts - nur nach außen hin.

Was folgt, ist ein recht klassisch geplotteter Krimi. Die Szenen wechseln sich regelmäßig ab: der Kommissar mit seinen Ermittlungen - diverse Kinder des Toten - ihre privaten Verwicklungen - ihre Verdächtigungen untereinander. Ein geradezu erwartbares Moment ist dabei die vernachlässigte, betrogene und schließlich misstrauische Schwiegertochter. Des weiteren der Sohn mit Finanznöten. Und die einzige Tochter, die alles verdrängt hat und Karrierefrau wurde. Sie alle werden dazu gedrängt, sich der Tatsache zu stellen, wie ihr Vater wirklich war. Und dass einer von ihnen das nicht verarbeiten konnte.

Ich habe lange überlegt, ob ich vier oder fünf Sterne geben soll, und entscheide mich schließlich doch für die Höchstwertung. Denn obwohl das Buch nicht fehlerfrei ist, hat es mich doch glänzend unterhalten, und viele spannende Stunden beschert. Ich finde, man sollte auch einmal über kleinere Macken in Handlung und Logik hinwegsehen dürfen! Sehr schön und ausgeglichen dargestellt fand ich den Genussmenschen Dühnfort, und seine privaten Wirren. Dies ist für mich der erste Krimi, in dem sich ein Mann und seine Ex Mails schicken, und dabei aus den "Fleurs du Mal" von Baudelaire zitieren...!

Es gibt eigentlich nur wenige Kritikpunkte. Die Schwiegertochter war wirklich ein wenig naiv. Die ganze Zeit wünscht man sich, sie zu schütteln! Und - leider? - war mein persönlicher, instinktiver erster Verdacht, wer es denn nun war, richtig. Natürlich war es nicht derjenige, den die Polizei lange verdächtigte! Die logische Schlussfolgerung drängte sich einem geübten Krimi-Leser geradezu auf. Und auch die "Aufdeckung" eines entscheidenden Details durch ein Tagebuch - ausgerechnet! - fand ich nicht ganz überzeugend. Es handelte sich um eine Tatsache, die sich das Opfer eigentlich schon länger hätte denken können - wo er doch ein so gerissener Mann war.

Doch, wie gesagt, letzten Endes hat mich die Mischung des Ganzen überzeugt. Das Buch nimmt wirklich ständig an Tempo auf, um in einem wahrlich filmreifen Showdown zu enden - der um Haaresbreite schief gegangen wäre. Sehr schön waren auch die Beschreibungen von Orten, Wohnungen und Häusern. Man merkt schon sehr, dass die Autorin ursprünglich im Bereich Grafik-Design gearbeitet hat! Sie hat einen Blick für solche Details.

Ich empfehle das Buch sehr gerne weiter - sowohl an Fans von klassischen Krimis, als auch an Freunde von ausgewachsenen Familiendramen.


Adieu, Sir Merivel: Roman (insel taschenbuch)
Adieu, Sir Merivel: Roman (insel taschenbuch)
Preis: EUR 9,99

3.0 von 5 Sternen Drastisch und trostlos, 30. Juli 2013
Von Rose Tremain hatte ich nur Gutes als Autorin von Historischen Romanen gehört. Nach dem Lesen dieses Buches bin ich aber leider nicht sehr dazu angetan, in das allgemeine Loblied einzustimmen. Ich möchte es einmal so sagen - ich bin "auf hohem Niveau" enttäuscht von diesem Buch. Es ist nicht "schlecht", das will ich nicht gesagt haben. Aber es ging so völlig an dem vorbei, was ich erwartet hatte. Und daran sind der Verlag, die Vermarktung, der Klappentext, nicht ganz unschuldig.

Versprochen wird dem Leser eine spannende Episode aus dem Leben eines alternden englischen Arztes und Lebemannes. Er reist nach Frankreich, an den Hof des Sonnenkönigs, und begegnet dort der Liebe seines Lebens. Soweit die Behauptung des Verlags. Zudem hatte ich mich, der Leseprobe entsprechend, auf viel Witz und eine Midlife-Crisis "auf historische Art" gefreut. Doch was ich bekommen habe, wich doch sehr davon ab.

Von Witz keine Spur, stattdessen haufenweise Zynismus, zerquälte Rückblicke, und mangelnde Entschlussfreudigkeit. Oder völlig überstürzte Handlungsweisen. Das alles umrahmt von einer derart drastisch-derb-vulgären Handlung, dass es mir die Mittelalter-Romantik für alle Zeiten höchst wirkungsvoll ausgetrieben hat. Streng betrachtet, spielt der Roman natürlich nicht im Mittelalter, sondern im Barock - aber es wird sicherlich verständlich, was ich meine. Es ging mir persönlich einfach eine Spur zu viel um Körper und ihre Flüssigkeiten. Und um höchst fragwürdig ausgeführte medizinische Prozeduren.

Ein wenig ärgerlich bin ich auf den Verlag, weil er den Klappentext "ins Spannende hinein" manipuliert hat. Die Episode am Hof des Sonnenkönigs nimmt nicht einmal ein Viertel des Buches ein! Und Louise de Flamanville ist mitnichten die "große Liebe" von Sir Merivel. Im Gegenteil, auch mit ihr vergnügt er sich wie mit vielen anderen. Und scheut ausdrücklich davor zurück, sie zu heiraten!

Überhaupt - was nicht alles schief geht in diesem Buch...! Die Kutsche auf dem Weg nach Frankreich wird ausgeraubt. König Ludwig bekommt Sir Merivel nie persönlich zu sehen. Louise ist verheiratet, ihr Gatte wirft Merivel hinaus. Merivels Tochter erkrankt lebensbedrohlich. Briefe kommen nicht an. Es gibt Missverständnisse und finanzielle Engpässe. Merivel landet beinahe fälschlich im Armenhaus. Und den Tod der Menschen, die ihm am liebsten waren, verpasst er samt und sonders. Sogar eine alte Freundin stirbt ihm unter den Händen weg. Meine Güte, da wird man ja trübsinnig...!

Das ganze Buch strahlte für mich eine extrem hohe "Rückwärtsgewandtheit" aus. Und erst nach Beendigung der Lektüre fand ich einen Grund dafür heraus. Der Verlag verschweigt uns Lesern nämlich auch noch, dass dieser Band eine Fortsetzung ist... Mit Verlaub, das hätte ich gerne vorher gewusst. Zumal der erste Band ja sogar schon verfilmt wurde! (Unter dem Titel "Zeit der Sinnlichkeit".)

Warum es bei mir dann doch drei Sterne werden? Nun, ich gestehe dem Buch zu, dass es eigentlich weniger um Sir Merivel geht, sondern um das Ende einer ganzen Epoche. Worauf auch die abblätternde Tapete auf dem Cover hinweist. Denn nahezu zeitgleich mit Merivel stirbt König Charles, und allerorten ergeht sich das Volk in trüben Vermutungen über Englands Zukunft. Nun wird der Herzog von York König. Ich müsste nachlesen, bin historisch nicht allzu bewandert. Aber das müsste in etwa mit den Religionskriegen in England zusammenfallen.

Zudem war zumindest die schriftstellerische Technik auf erkennbar höherem Niveau angesiedelt. Die Sprache fand einen ganz eigenen Rhythmus aus Lesbarkeit und historischer Echtheit; das war insofern schon ansprechend zu lesen. Auch die Charakterisierungen waren glaubwürdig, alle Figuren mit zahlreichen Details erdacht. Nur schade, dass mir keine einzige davon wirklich sympathisch wurde.

Ich empfehle das Buch letzten Endes doch zähneknirschend weiter. Vielleicht habe ich es einfach auf falschem Fuß erwischt. Oder sollte noch einmal meine Kenntnisse in englischer Geschichte auffrischen. Wie dem auch sei, ich möchte das Buch so bald nicht wieder zur Hand nehmen.


Was darf Religion?: Ein Essay zur aktuellen Beschneidungsdebatte
Was darf Religion?: Ein Essay zur aktuellen Beschneidungsdebatte
Preis: EUR 3,99

3.0 von 5 Sternen Macht Appetit auf mehr - sättigt aber nicht wirklich, 28. Juli 2013
Darf man dieses Schriftstück überhaupt als "Buch" bezeichnen? Ich war skeptisch, zumal es ja als "Essay" betitelt ist. Ich hatte mich auf eine handfeste Polemik eingestellt. Mehr war in der Kürze nicht zu haben, dachte ich. Doch so war es nun wieder nicht.

Wie der Autor selber zugibt, entzündet sich seine kleine, recht gut unterfütterte Streitschrift eher zufällig an der Beschneidungsdebatte, die uns im Sommer 2012 heimsuchte. In einleitenden Kapiteln wird der Verlauf der Debatte nachgezeichnet, sowie der Hintergrund erläutert - was nämlich die Beschneidung sowohl für Juden als auch Muslime bedeutet, und wie sie praktiziert wird.

Man erfährt schon so einiges Wissenswertes - dass man als religiöser "Beschneider" keine spezielle Ausbildung braucht. Welche gesundheitlichen Bedenken es gibt. Welche Techniken. Und welche Differenzierungen innerhalb des Judentums.

Hier setzt allerdings schon mein erster Kritikpunkt an. Das Büchlein handelt zuvorderst von der jüdischen Beschneidung, obwohl sich die juristische Debatte an einem Fall einer muslimischen Beschneidung eines kleinen Jungen in Köln entzündet hatte. Die Muslime kommen im Buch nur sehr am Rande vor. Hat dieser Aspekt den Autor weniger interessiert? Waren die Quellen schwerer zugänglich? Oder waren die Juden damals einfach nur lautstärker in ihrem Protest, als das erste Urteil des Landgerichts Köln verlautbart wurde?

Der Verlauf des "Essays" war allerdings schon recht spannend in seinen Schlussfolgerungen. Der Autor entfernt sich nämlich von der Ausgangsdebatte, um in groben, aber doch fundierten Zügen aufzuzeigen, was berühmte Denker zu Staat und Religion zu sagen hatten. Allerlei Philosophen kommen zu Wort, der Autor hat seine Hausaufgaben wohl gemacht: sowohl Hobbes als auch Locke, Kant, sowie die berühmten jüdischen Denker Moses Mendelssohn und Moses Maimonides werden zitiert.

Er bietet keine Lösung an, zeigt aber sehr wohl auf, wie vielschichtig die Lage ist. Ist Religion Privatsache, oder in einem Rechtsstaat verhandelbar? Wenn man sich auf eine juristische Komponente der Religion einigen könnte, was müsste dann noch alles verhandelt werden - zum Beispiel Feiertage und Bestattungsriten, um nur zwei zu nennen? Und vor allem - wer wäre den jeweiligen Religionen gegenüber überhaupt weisungsbefugt? Gerade bei den Juden scheint dies ausgesprochen schwierig zu sein.

Ich mag letzten Endes aber nur drei Sterne geben. (Mit einem gedachten "Plus".) Dies hat mehrere Gründe. Zuerst einmal wird mir die persönliche Position des Autors nicht deutlich genug. Im Klappentext wird er lediglich als "bekennender und praktizierender Rheinländer" bezeichnet. Das ist mir persönlich zu wenig, auch wenn die Formulierung natürlich witzig ist. Ich möchte wissen, aus welcher Haltung heraus ein Autor von Sachbüchern argumentiert, sonst kann ich ihn nur schwer einordnen. Im Text hält er sich jedenfalls persönlich weitestgehend zurück.

Zufällig habe ich gerade erst Richard Dawkins gelesen, und finde, dass es gewisse Parallelen in der Argumentation gibt. Überdeutliche Parallelen. Nur - es gibt keinerlei Literaturverzeichnis, ja, noch nicht einmal Fußnoten oder Anmerkungen. Gerade bei einem solch wichtigen Thema wäre das für mich unabdingbar gewesen! Ich möchte wissen, auf welche Quellen sich jemand bezieht.

Und zu guter Letzt habe ich so manches Mal ob der Sprache und Ausdrucksweise die Stirn gerunzelt. Die Sätze sind oft eher verschachtelt, manche Beschreibungen hart am Rande des Sarkasmus. Etliche Ausdrücke fallen aus dem alltäglichen Sprachregister heraus, wie "eilfertig", "letzthinnig" (sic!!) oder "Mosleme" - was meiner Meinung nach sowieso falsch ist. Es müsste "Muslime" heißen.

Mein Fazit bleibt jedoch - eingeschränkt - positiv. Dieses Essay richtet sich sicherlich nicht an einen Durchschnittsleser ohne Vorkenntnisse. Eher an einen geübten Konsumenten von Feuilletons und Glossen. Und an einen Menschen mit Verstand, der fähig ist, der teils verschachtelten Argumentation zu folgen.


Der Gotteswahn
Der Gotteswahn
von Richard Dawkins
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

33 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Always look on the bright side of life..., 28. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Gotteswahn (Gebundene Ausgabe)
Ursprünglich bin ich mit der Haltung an das Buch gegangen, "know your enemy". Leider ist es ja so, dass man oft erst die negativen Meinungen mitbekommt. Doch - im Laufe der Seiten schmunzelte ich zuerst. Dann war es schon ein handfestes Grinsen. Gegen Ende hin kann ich nur sagen, dass ich schlichtweg begeistert bin!

Man muss einfach den Mut haben, dieses Buch "als Buch" zu sehen, als "gemachtes Werk". Und als solches ist es schlichtweg brillant. Der Autor hat eine völlig stringente Argumentation aufgebaut, die er, mit einem roten Erzählfaden versehen, von Kapitel zu Kapitel verfolgt. Sein Ton ist sicher ungewohnt locker angesichts des Themas, aber dafür umso eindringlicher. Seine Beispiele sind zahlreich, und aus vielen Wissensgebieten gewählt. Und - er vertritt seine Thesen mit Leidenschaft. Was will man mehr von einem Sachbuch, das es ja schließlich ist?

Dieses Buch hat mich viele Dinge gelehrt. Erstens, dass sich Skeptizismus letzten Endes immer auszahlt. Zweitens, dass man Menschen misstrauen sollte, die von sich behaupten, "die Wahrheit" gepachtet zu haben. Drittens, dass Wissenschaft angreifbar sein MUSS, um glaubwürdig zu bleiben. Viertens, dass "Atheist" nicht gleichbedeutend ist mit "zügel- und moralloser Hedonist". Und fünftens, dass man über ernste Inhalte mit Witz und Verve sprechen kann.

Wohlgemerkt, ich sage immer noch nicht, dass ich dem Autor in allen Punkten zustimme! Sein einziges Manko ist, dass er die guten Seiten, welche die Religion schließlich auch hat, gegen Ende zu kurz abhandelt. Die Rolle von Imagination, Trost und Halt definiert er meiner Ansicht nach ein wenig zu kurz - bzw. er sagt uns Lesern nicht, was denn nun bei ihm diesen Platz einnimmt.

Vielfach wird ihm auch "Unversöhnlichkeit" vorgeworfen. Halt, hier erhebe ich Einspruch! Man muss bedenken, welche Zielsetzung dieses Buch verfolgt. Sein Autor sieht sich umzingelt von einer Kultur, die fanatisch der Religion einen Sonderstatus einräumt, an den sie schon lange nicht mehr selber glaubt. Wie soll man auf eine solche Paradoxie anders reagieren als mit drastischen Mitteln? Für mich völlig verständlich. Zumal er ja an keiner Stelle im Buch behauptet, nun seinerseits "die Antwort" zu wissen. Aber er will uns vor Augen führen, dass "Wahrheit" eben nicht so leicht zu haben ist. "Ich weiß, dass ich nichts weiß" - um mit Sokrates zu sprechen.

Sicherlich sollte man bei der Lektüre seinen Verstand ein- und nicht ausschalten. Auch würde ich das Buch keinem eingefleischten Theologen zu lesen geben. Oder vielleicht doch...? Eines weiß ich aber sicher: Richard Dawkins ist mir ungeheuer sympathisch, und hat mir Mut gemacht, selber zu denken.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 5, 2015 4:14 PM CET


Ins Gras gebissen: Ein neuer Fall für Pippa Bolle (Ein Pippa-Bolle-Krimi 4)
Ins Gras gebissen: Ein neuer Fall für Pippa Bolle (Ein Pippa-Bolle-Krimi 4)
Preis: EUR 7,99

5.0 von 5 Sternen Der für mich bislang stärkste Band der Reihe, 24. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Pippa Bolle ist immer wieder für eine Überraschung gut. Von Band zu Band merkt man mehr, dass sich die Autorinnen mit ihren Figuren identifizieren, sie als "echte Menschen" betrachten. Und dass sie dabei auch den Leser im Blick haben.

Nach den drei ersten Bänden habe ich mich ja gefragt, was jetzt noch kommen soll. Schon wieder zufällig ein Haus eines Bekannten hüten? Und in welchem Land? Nein, es kommt viel besser. Pippa hat, durch ihre ersten Erfolge beflügelt, sogar eine "Agentur" für "House-Sitting" gegründet! Diesen Einfall fand ich wirklich liebenswert! Dennoch hütet sie hier kein Haus, sondern spielt die Gesellschafterin einer betuchten, betagten und recht exzentrischen Dame in der Altmark. Und diese Dame leitet, man höre und staune, auch noch eine Manufaktur für... Gartenzwerge! Schon der zweite schrille Einfall in diesem Buch, der mir sehr gefallen hat. Ich habe mich köstlich amüsiert, was es alles rund um die Herstellung von Gartenzwergen zu wissen gibt!

Als ich das Nachwort las, fiel mir auf, dass die Autorinnen diesmal ihrer eigenen Kindheit ein Denkmal gesetzt haben - in der Altmark haben sie zahlreiche Verwandte. Man merkt das auf fast jeder Seite. Der Menschenschlag und die Gegend werden so liebevoll und detailreich geschildert, dass es eine wahre Freude ist. Man würde am liebsten selber hinfahren. Und beinahe, aber wirklich nur beinahe, wäre dadurch für mich der "Fall" in den Hintergrund gerückt.

Auch was ebendiesen Fall betrifft, hat sich Pippa, sorry, haben sich die Autorinnen gesteigert. In den vorherigen Bänden "stolperte" Pippa immer mehr oder weniger zufällig durch die Handlung. Anders hier. Zu Beginn des Buches gibt es eine folgenschwere Verwechslung, und diese kann Pippa die ganze Zeit über nicht wirklich abschütteln. Sie wird von allen tatsächlich für eine Ermittlerin gehalten - also verhält sie sich auch so. Sie schnüffelt, durchsucht, stellt Listen auf, berät sich mit den Kommissaren. Und das Ganze eben auf die erfrischend andere Pippa-Art! Sozusagen eine Miss Marple der Neuzeit.

Das Buch ist aber dennoch kein billiger "Whodunit", also kein klassischer Krimi. Es geht um zwischenmenschliche Verwicklungen, die teilweise weit in der Vergangenheit liegen, und die noch mit der DDR-Geschichte zu tun haben. Das war zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar, und macht das Buch vielschichtig. Unterstrichen wird das durch die zahlreichen, ausgefuchst erdachten und mit Ecken und Kanten versehenen Charaktere. Ich habe wirklich sehr oft gelacht - vor allem bei der Schluss-Szene, dem wohl lustigsten "Geständnis", das ich je gelesen habe... und erst der Epilog, der das Buch so richtig "rund" machte.

Dieser Band hat mir so richtig Lust auf "Mehr" von Pippa gemacht. Die Autorinnen scheinen nun endgültig zu ihrer Höchstform gefunden zu haben. Sehr empfehlenswert für alle Liebhaber geruhsamer, heiterer Kriminalunterhaltung!


Die da kommen: Thriller
Die da kommen: Thriller
von Liz Jensen
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

5.0 von 5 Sternen Faszinierender Genre-Mix mit ebenso faszinierendem Erzähler, 22. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Die da kommen: Thriller (Broschiert)
Vine Kundenrezension eines kostenfreien Produkts (Was ist das?)
Dies ist einer der wenigen Thriller, die man meiner Meinung nach mehrfach lesen kann. Denn er funktioniert auf mehr als einer Ebene. Einerseits ist da die packende, sich stetig steigernde und ziemlich schräge Handlung. Andererseits ist da aber ein Erzähler, der einfach aus sich heraus interessant ist - das Buch stellt sozusagen ein treffendes Psychogramm dar. Auf dieser zweiten Ebene konnte ich mich tief emotional auf das Buch einlassen, und würde es erneut lesen wollen.

Wer ist dieser Erzähler überhaupt? Hesketh Lock ist ein Sonderling und Einzelgänger, internationaler "Troubleshooter" für Unternehmen, und frisch getrennt von seiner Lebensgefährtin und deren Sohn. Aber Hesketh ist noch mehr - er leidet am Asperger-Syndrom, einer leichteren Form von Autismus. Genau diese Eigenschaft ist gleichzeitig sein Segen, sowie sein Fluch. Sein Wahrnehmungsvermögen ist auf sehr besondere Weise strukturiert - völlig sachlich, systematisch, um Zusammenhänge bemüht. Das befähigt ihn zu außergewöhnlichen Leistungen im Beruf. Die Kehrseite ist seine (teilweise) emotionale, zwischenmenschliche Unfähigkeit. Mehrmals im Buch musste ich laut lachen, da er sich Menschen gegenüber doch recht sonderbar benimmt.

Ich persönlich finde, man könnte das Buch allein auf dieser Ebene lesen. Völlig zutreffend, und sehr berührend, wird hier geschildert, wie sich ein Autist in der Welt zurechtfindet. Manchmal sind seine Beobachtungen ausgesprochen poetisch, besonders was Farben, Formen und Naturerscheinungen angeht. Dann wiederum hat man fast Mitleid mit ihm - wenn er nämlich in Momenten psychischer Überforderung anfängt, im Geiste oder real Origami-Figuren zu falten, zur Seite zu schauen, oder mit dem Oberkörper zu schaukeln. Er hat sich bemerkenswert gut im Griff, ist sich seiner Besonderheit bewusst. Das verleiht dem Buch ein ganz eigenes Gepräge.
Das alles hatte für mich gewisse Parallelen zu "Supergute Tage" von Mark Haddon... wo ja auch ein Autist in einem "Fall" ermittelt.

Wie man sieht, ist für mich die Thriller-Ebene schon fast in den Hintergrund getreten. Doch ist es überhaupt ein Thriller? Ich würde das bestreiten wollen; finde diese Bezeichnung eher unglücklich. Es geht um weltweite Geschehnisse, die sich langsam aber sicher zuspitzen. Sowohl Kinder als auch Angestellte werden aggressiv und verhalten sich zerstörerisch. Sei es der Familie, oder dem Unternehmen gegenüber. Die Szenen sind dabei teilweise ziemlich brutal, sicher nichts für schwache Nerven und Mägen. Und das Ende lässt dem Leser - im ersten Moment - wenig Hoffnung. Es gibt also keine "Lösung" im eigentlichen Sinne, auch keine Ermittlung eines "Täters". Für mich ist es eine Dystopie, eine schreckliche Zukunftsvision. Und ausgerechnet Hesketh Lock steht im Zentrum dieses Taifuns, und scheint als Einziger dessen "Logik" erfasst zu haben...

Den hauptsächlichen Grusel bezieht das Buch dabei aus der Tatsache, dass es sich - ausgerechnet - um Kinder handelt, welche weltweit Gräueltaten begehen. Sie fallen zurück in archaisches Verhalten, sind Erwachsenen gegenüber kaum noch zugänglich. Man könnte, wenn man wollte, hier eine Parallele zum "Herrn der Fliegen" von Golding sehen. Auch in diesem Buch stellt sich die Frage, was noch bleibt, wenn wir uns von der Zivilisation abwenden. Wie bei einer Schnitzeljagd, werden hier von Hesketh und ein paar anderen Mitarbeitern Indizien zusammengetragen, bis zum schließlichen Kollaps des bestehenden Systems. Und genau an der Stelle endet das Buch... ein offenes Ende, das für mich Sinn machte.

Ich würde das Buch allerdings nicht jedem empfehlen. Obwohl ich persönlich sehr fasziniert war! Es ist nichts für Liebhaber klassischer Thriller, da keine Lösung angeboten wird. Es ist auch nichts für zartbesaitete Menschen. Und ebenfalls nichts für Leser, die einen "kernigen" Ermittler erwarten. Man sollte ein gehöriges Maß an Offenheit und Gruseltoleranz mitbringen, um sich auf dieses Buch einzulassen.


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