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Leserin (Babel)

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Was niemals geschah: Kriminalroman (Yngvar-Stubø-Reihe, Band 2)
Was niemals geschah: Kriminalroman (Yngvar-Stubø-Reihe, Band 2)
von Anne Holt
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mal ein Ausreißer nach unten, 11. April 2007
Ich bin ein Anne-Holt-Fan und werde auch nach dem Titel "Was niemals geschah" einer bleiben. Die Qualität ihrer Bücher ist so hoch, dass selbst, wenn mal ein Krimi das gewohnt hohe Niveau nicht erreicht, er immer noch drei Sterne verdient.

Warum dieses Buch von mir keine fünf Sterne bekommt, liegt am nicht gut durchdachten Plot. Ausnahmsweise darf der Leser klüger sein als die Polizei und Einsicht nehmen in das Leben der Täterin (die Hinweise darauf, dass es sich tatsächlich um eine weibliche Täterin handelt, sind ein wenig aufdringlich und üppig). Wenn der Krimileser weiß, wer der Täter ist, nimmt das einen Teil der Spannung weg, und der Autor muss diesen Mangel durch andere Spannungsmomente ausgleichen. Dies geschieht hier aber nicht. Vielmehr verzettelt sich die Polizei und Inger Vik, die Profilerin, in Spekulationen, die dem Leser etwas Spannendes andeuten, ihn mit diesen Andeutungen letztlich aber dann im Regen stehen lassen. Der Umstand, dass Anne Holt im letzten Drittel ihre Spuren und Andeutungen nur schwach auflöst und somit die angestaute Neugier des Lesers einfach verpufft, lässt einen am Ende des Buches unbefriedigt zurück. Die Motivation der Täterin, die ja doch eine dicke Blutspur hinter sich herzieht, ist m.E. zu dünn und psychologisch nicht wirklich gut unterfüttert. Ihrer Beweggründe und ihr Charakter hätten besser herausgearbeitet werden müssen, um verständlich zu machen, warum sie die Morde begeht. Die Sorgen und Nöte einer jungen Mutter, nämlich die der Profilerin Inger Vik, nehmen hingegen zu viel Raum im Buch ein und haben mich gegen Ende eher genervt.

Fazit: Für Anne-Holt-Leser, die ohnehin jeden Titel von ihr lesen, um auch die Entwicklung des Paares Vik/Stubo "komplett" zu haben, wird dieser Krimi mal einer sein, der sie weniger erfreut als seine Vorgänger, der letztlich aber noch ein akzeptabler Roman ist. Den Anne-Holt-Neueinsteigern würde ich dieses Buch nicht empfehlen, sondern stattdessen etwa: "Das einzige Kind" oder "Das achte Gebot".


Zoli (Weidenfeld and Nicholson)
Zoli (Weidenfeld and Nicholson)
von Colum McCann
  Taschenbuch

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Unentschieden, 28. März 2007
Rezension bezieht sich auf: Zoli (Weidenfeld and Nicholson) (Taschenbuch)
"Zoli" ist die Lebensgeschichte einer Roma beginnend in den fünfziger Jahren bis in die Jetztzeit. Der Anfang ist gut, reißt den Leser mit und zeichnet sich durch eine schöne Sprache aus. Sobald das Setting allerdings gezeichnet ist und die eigentliche Geschichte erzählt werden müsste, wird es fahrig,unzusammenhängend, teilweise verworren. McCann wechselt häufiger die Erzählperspektive, was an sich zwar legitim ist, aber auch gut gemacht sein muss, denn solche Wechsel sind Sollbruchstellen, an denen man das Interesse des Lesers leicht verlieren kann. Seine Wechsel sind mäßig.

Die zweite Schwäche des Buches ist die mangelnde Glaubwürdigkeit der Protagonistin: der männliche Erzähler McCann schimmert bei allem, was die Frau Zoli denkt, empfindet und tut, stets durch. McCanns Fähigkeiten, sich in die Welt einer Frau einzufühlen, sind beschränkt, wohingegen die männlichen Nebenfiguren in diesem Roman durchweg gut gezeichnet, glaubwürdig und stimmig sind.

Die dritte und gravierendste Schwäche des Buches ist die Kluft zwischen Absicht und Ergebnis. McCann möchte mal eben eine ganze Roma-Lebensgeschichte inklusive politischem und zeitgeschichtlichem Hintergrund erzählen. Jedoch: allein die Roma-Thematik hätte ausgereicht für einen guten und schönen Roman von dann sicherlich mehr als 280 Seiten, in die McCann ein ganzes Leben packen möchte. Der Autor schafft es nicht, seine Geschichte halbwegs stringent und packend zu erzählen, stattdessen werden ein paar Szenen lose nebeneinander gestellt, ausgelassene Jahre nicht mal mit einem Satz erklärt und entfachtes Leserinteresse das eine ums andere Mal enttäuscht. Gerade, wenn man sich auf einen Abschnitt eingelassen hat, hört das Kapitel auf und etwas ganz anderes beginnt. Mich hat die mangelnde Struktur und auch die mangelnde Leserführung entlang eines durchgehenden roten Fadens nach zwei Dritteln so gestört, dass ich das Buch zugeklappt habe ohne Interesse am Ausgang. Schade.


Nordermoor: Erlendur Sveinssons 3. Fall
Nordermoor: Erlendur Sveinssons 3. Fall
von Arnaldur Indriðason
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Interessant und gut gemacht, aber nicht spannend, 2. März 2007
Ein älterer Mann wird in seiner Wohnung erschlagen aufgefunden. Dort findet die Polizei später auch das Foto eines Kindergrabes. Schnell wird deutlich, welcher Personenkreis ein Interesse daran gehabt haben könnte, den alten Mann umzubringen. Der ermittelnde Kommissar Erlendur ist nicht nur damit beschäftigt, diesen Mord zu lösen, sondern muss nebenbei auch noch versuchen, die verkorkste Beziehung zu seiner Tochter zu verbessern, zumal sie beschließt, bei ihm einzuziehen.

"Nordermoor" ist ein interessanter und gut gemachter Krimi. Man erfährt einiges über das Land, die Mentalität der Leute und aktuelle Themen, die für die Isländer von Bedeutung sind. Spannend ist "Nordermoor" jedoch nicht. Die Frage "Wer war es", kann sich der Leser ab Mitte des Buches selbst beantworten, und den Ermittlungen fehlt es an Tempo. Auch die Zeichnung der Personen ist Indridason in "Nordermoor" nicht so gut gelungen wie in "Todeshauch". Insgesamt würde ich deshalb anstelle von "Nordermoor" lieber "Todeshauch" empfehlen.


Die dunkle Seite des Mondes. SZ Krimibibliothek Band 36
Die dunkle Seite des Mondes. SZ Krimibibliothek Band 36
von Martin Suter
  Taschenbuch

23 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Meisterlicher Krimi, 17. Februar 2007
Urs Blank ist ein erfolgreicher Staranwalt im Wirtschaftsrecht und entspricht in allen Facetten seines Lebens dem Klischee eines solchen. Mit der frisch akquirierten, jungen Hippie-Geliebten geht es vom Nobelrestaurant ab in den Wald zum Psychedelic-Pilze-Naschen, und danach ist er anderer. Einer, der tötet ohne Reue, ohne schlechtes Gewissen und ohne Bedenken. Das Back-to-Nature-Experiment hat in Urs Blank nicht das Gute, Wahre, Schöne zum Vorschein gebracht, sondern eine ethikfreie, kaltblütige Grausamkeit, die über das nahrungsmittelbeschaffende Töten der Tierwelt weit hinausgeht...

Martin Suters Erzählung ist meisterlich geschrieben und extrem spannend sowie pointiert schockierend. Wer ein an sich kuscheliges Verhältnis zu Tieren hat, sollte sich beim Lesen warm anziehen, denn Suter zeigt ganz schonungslos, wie einer ist, der ohne Gewissen tötet, der keine emotionalen Bindungen mehr hat, der außerhalb einer Gesellschaft steht, die für ihn schlicht keine Bedeutung mehr hat und nicht länger ein Wertesystem darstellt.

Man kann das Buch als äußerst spannenden Krimi lesen oder, wenn man will, als Geschichte von einem, der auszog, seine ganz persönliche dunkle Seite zu entdecken. Wie auch immer: "Die dunkle Seite des Mondes" ist eine exzellente Erzählung mit nachhaltiger Wirkung auf den Leser.


Todeshauch. SZ Krimibibliothek Band 21
Todeshauch. SZ Krimibibliothek Band 21
von Arnaldur Indriðason
  Gebundene Ausgabe

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit der psychologischen Feder gezeichnet, 11. Februar 2007
Im Krimi "Todeshauch" von Arnaldur Indridason stimmt einfach alles - der exzellent angelegte Plot, die Zeichnung der Figuren, die Sprache, das Lokalkolorit und das Maß an Spannung, das schon früh auf ein hohes Niveau steigt und dort bis zum Schluss bleibt.

Vor den Toren Reikjaviks wird eine skelettierte Leiche gefunden. Der einzige Pathologe Islands weilt in Spanien im Urlaub, sodass sich isländische Archäologen der Fundstelle annehmen. Da sie sich unglaublich viel Zeit lassen, die Erde abzutragen, und somit bis fast zum Ende des Buches keine hilfreichenden Informationen liefern, beginnt die Polizei schon mal mit der Ermittlung im nächsten Umfeld des Fundortes. Parallel dazu wird die Geschichte einer Familie erzählt, die Jahrzehnte zuvor eben dort lebte...

Die Teilung in zwei Erzählstränge macht die eigentliche Krimihandlung spannend und füttert die Neugier des Lesers mit genau der Dosis, die einen das Buch nur schwer weglegen lässt. Die Nebenstränge zur Geschichte, etwa die Darstellung des Lebens der Kommissare, rahmen die Haupthandlung perfekt ein und absorbieren den Rest der Leser-Aufmerksamkeit. Die Auflösung der Story birgt das Maß an Überraschung, das man sich als Krimileser wünscht. Die Psychologie jeder einzelnen Figur ist mit viel Feingefühl und jederzeit glaubwürdig gezeichnet.

Fazit: exzellent gemachter Krimi auf allen Ebenen. Und somit zu Recht in die SZ-Krimireihe aufgenommen worden.


Tannöd: Kriminalroman
Tannöd: Kriminalroman
von Andrea M Schenkel
  Broschiert

13 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gutes Debüt, 26. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Tannöd: Kriminalroman (Broschiert)
Zuerst das Gute: Tannöd ist ein Krimi, der sich von außen nach innen zum eigentlichen Geschehen vorarbeitet, sich dem eigentlichen Horror konzentrisch und eher sacht annähert. Ganz unterschiedliche Dorfbewohner, vom Pfarrer bis zur Schulfreundin der Tochter, dürfen sich über die Familie, um die es geht, äußern. Jede Aussage, Vermutung, Andeutung und berichtetes Ereignis fungiert als weiterer Mosaikstein, sodass für den Leser peu à peu ein Gesamtbild der Tannöd-Familie entsteht. Wenn dann gegen Ende die eigentliche Bluttat geschieht, ist man gewissermaßen vorbereitet und kennt schon ein wenig die Menschen, die zu Opfern werden. Auch einen Täter gibt uns die Autorin und setzt damit das letzte Mosaiksteinchen ein.

Die Struktur dieser Geschichte und die Unterschiede im Sprachstil, der sich jeweils an die Person anpasst, die über die Tannöd-Familie spricht, lockern die Geschichte auf, machen sie interessant und unterhaltsam. Auch wird anhand der Aussagen der Dorfbewohner deutlich, was es heißt, in einer kleinen Gemeinschaft zu leben, in der sich soziale Kontrolle schützend, aber auch ächtend und ausschließend auswirkt.

Frau Schenkel hat mit "Tannöd" ein gutes Krimidebüt vorgelegt, das sich deutlich vom Mainstream abhebt und die Erwartung auf weitere Geschichten von ihr weckt.

Nun das Ärgerliche: Der Nautilus-Verlag hätte, wenn er schon einen sehr kurzen Text wie "Tannöd" mit unübersehbaren Layout-Tricks auf eine dreistellige Seitenzahl streckt, um dafür dann € 12,80 zu verlangen, wenigstens noch ein bisschen Geld in ein vernünftiges Lektorat investieren können, das der Zeichensetzung und der Absatzstrukturierung nach Sinnzusammenhängen mächtig ist. Da sich "Tannöd" nach dem kürzlich erschienenen Spiegel-Artikel bestens verkaufen wird, sollten hierfür genug finanzielle Mittel vorhanden sein.


Hunkeler macht Sachen: Roman
Hunkeler macht Sachen: Roman
von Hansjörg Schneider
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gemütlicher Krimi, 23. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Hunkeler macht Sachen: Roman (Taschenbuch)
"Hunkeler macht Sachen" ist der erste Hunkeler-Krimi, den ich gekauft habe, und ich fand ihn ganz nett zu lesen. Das Krautik-Knorrige des Kommissärs fängt den Leser schon auf den ersten Seiten ein und behält ihn bis zum Schluss. Relativ schnell wird einem klar, dass dies kein auf Aktion und Spannung hin geschriebener Krimi ist, sondern vielmehr einer, der sich auf's Lokalkolorit und die Eigenheit der Baseler und Elsässer stützt. Das wird dann ab und an auch mal behäbig oder zuviel - etwa, wenn Hunkeler zum x-ten Male in irgendeiner Beiz, Straußenwirtschaft oder Kneipe einkehrt, um dort Typisches zu essen und zu trinken. Irgendwann wird es einem dann auch egal, wer denn nun der Mörder ist und warum. Die Auflösung des Rätsels kommt dann auch denkbar einfach und schlicht daher und versucht erst gar nicht, überraschend zu sein. Vielleicht kaufe ich mir noch einen früheren Hunkeler als Lektüre für eine Zugfahrt auf dem Weg in den Schwarzwald. Ansonsten jedoch würde ich eher etwas Spannenderes, Wendungsreicheres bevorzugen als das, was Hansjörg Schneider für seinen Kommissär auf Lager hat.


Die Höhle der Löwin: Ein Ina-Henkel-Kriminalroman
Die Höhle der Löwin: Ein Ina-Henkel-Kriminalroman
von Astrid Paprotta
  Taschenbuch

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auf der Suche..., 20. Januar 2007
Ina Henkel, eine Kommissarin der Mordkommission, sucht nach einer aus dem Gefängnis geflohenen Mörderin. Im Verlauf der Geschichte kommt noch die Suche nach einem Kind hinzu, die Suche nach Halt und Orientierung, nach einem neuen Job, nach Nähe ohne Einengung und die Suche nach sich selbst sowie einem Lebenssinn Auch die Entflohene sucht: nach Ruhe, nach einer Identität, dem Abschluss ihrer Vergangenheit, einer sicheren Zukunft in Freiheit. Die Liste der Suchenden in dieser Geschichte könnte man noch eine Weile fortsetzen. Manche kommen am Ende ihrem Ziel ein Stück näher, die anderen müssen den Weg weitergehen, weil das Erreichte erstmal nur einen Zwischenhalt darstellt, um Kraft zu tanken für den Rest der Strecke.

"Die Höhle der Löwin" ist, betrachtet man die gesamte Bandbreite des Krimi-Genres, bezüglich Struktur und Erzählweise am äußeren Gattungsrand angesiedelt und hat ein Bein schon zur Hälfte in der Erzählung. Die Geschehnisse, die Action, treten deutlich hinter die Perspektive und Wahrnehmung der Protagonisten zurück. Das Hauptaugenmerk des Lesers wird auf die Begegnungen der einzelnen Personen und ihre Beziehungsfähigkeit und -unfähigkeit gelenkt. Wer bin ich? Wer bist Du? Wie gehen wir miteinander um? Das sind die stets wiederkehrenden Fragen bei jeder Begegnung. Hinzu kommt, dass jede Person ein Päckchen aus der eigenen Vergangenheit mitschleppt und dass diese persönliche Vergangenheit immer auch entscheidend die aktuelle Beziehung zum jeweils anderen belastet.

Die Story biedert sich zu keinem Zeitpunkt dem Leser an. Der rote (Krimi)Faden führt zwar stringent bis zum Ende den Leser hindurch, überlässt ihn dabei aber sich selbst und seinem Good Will, an der Geschichte dranzubleiben. Diese Selbstständigkeit bei völligem Fehlen humoristischer oder romantischer Pausen ist anstrengend. Die Geschichte an sich ist eine sehr traurige, deprimierende. Frau Paprotta hat es unterlassen, dem Leser hin und wieder eine Pause bzgl. dieser dunklen Stimmung zu gönnen. Und man muss schon aufpassen, um am Ende nicht zurückzubleiben mit dem Gefühl, dass die Welt zwar gut, alle Menschen darin aber schlecht und abgründig sind.

"Die Höhle der Löwin" ist eine gute, ernsthafte, sprachlich und stilistisch herausragende Geschichte und alles andere als Krimi-Fast-Food. Wer sich auf 300 Seiten Ernsthaftigkeit und Sinnsuche einlassen kann und will, wird mit diesem Buch bestens bedient werden.


Festland: Roman
Festland: Roman
von Markus Werner
  Taschenbuch

22 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Banalität der Schicksalslosigkeit, 11. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Festland: Roman (Taschenbuch)
Sie - Tochter und Vater - hätten den Rest des Lebens auch weiterhin gut ohne den anderen verbringen können; vermutlich, so legt das Ende des Buches nahe, werden sie genau das tun: ohne Nähe zum anderen ihr Leben leben. Zuvor jedoch haben sie für eine kurze Woche die Chance ergriffen, zum ersten Mal einander nahe zu kommen, zu sein. Ein wenig das zu inszenieren, was sie verbindet: die Verwandtschaft zueinander.

Julia hat von der Mutter und den Großeltern nur Schlechtes, Abfälliges über den Vater gehört, ihn selbst nie kennen gelernt. Die Mutter stirbt früh, die Großeltern, bei denen sie aufwächst, unterbinden den Kontakt zum Vater. Erst als sie erwachsen ist, der Vater schon ein älterer Herr, trifft sie sich mit ihm und hört in seiner Wohnung die Geschichte ihrer Entstehung, hört von der Bewunderung des Vaters für ihre Mutter und von der Banalität seines Lebens. Zwar bekommt ihre Existenz nun endlich ein Fundament, ob sie es jedoch besser machen wird, ob ihr Leben ereignisreicher und vor allem reicher an Liebe sein wird als das des Vaters, bleibt offen. Das Leben der Figuren Markus Werners ist niemals ein Hollywood-Film, eher schon leises und unspektakuläres europäisches Drama.

Markus Werners Geschichten kann man immer lesen, wenn man Appetit auf Feines hat. Seine Sprache ist präzise, oft schön, stets leichtfüßiger als der Inhalt. Die Wahrhaftigkeit seiner Figuren schont den Leser nicht, macht ihm aber auch nichts vor. So sind die Personen bei ihm immer wie Du und ich: nicht besser, nicht schlechter, nicht schöner oder hässlicher. Und weil dadurch schon auf den ersten Seiten ein vertrautes Gefühl entsteht, wähnt man sich in seinen Geschichten von Anfang an Zuhause.


Singvogel
Singvogel
von Thommie Bayer
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gute Novelle mit fulminantem Ende, 6. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Singvogel (Taschenbuch)
Ein in den "besten Jahren" befindlicher, verheirateter Mann macht per Email die Bekanntschaft einer jungen Frau namens Jana. Wegen des eifersüchtigen Freundes von Jana (er stößt auf die Emails der beiden) wird er sehr schnell in ihr Leben involviert. Zudem hat er Zeit und Muße für dieses Intermezzo, denn seine Frau ist für drei Wochen verreist. Also gibt er sich dieser beginnenden Email-Liebelei ein wenig hin, lässt seinen Gefühlen teilweise freien Lauf, nicht ohne jedoch parallel sein Handeln, seine Verantwortung gegenüber Jana und seiner Frau zu reflektieren. Als er Jana ohne ihr Wissen nach Venedig nachreist, nimmt die Novelle Fahrt auf und steuert einem fulminanten und überraschenden Ende entgegen.

Ich lese Thommie Bayer immer wieder gern. Seine Sprache ist klar und unprätentiös. Die Geschichte und die Charaktere, die sie vorantreiben, stehen bei ihm im Vordergrund. Nicht zuletzt sein immer mal wieder aufblitzender Humor sorgen beim Lesen für durchgängige Unterhaltung auf hohem Niveau. Das Ende von "Singvogel" hat mich für ein paar Minuten wirklich sprachlos gemacht, sozusagen kalt erwischt. Im Nachhinein habe ich mich gefragt, ob ich es hätte wissen können, ob ich zuvor etwas überlesen habe, aber das war nicht der Fall. Thommie Bayer hat diese Geschichte schlichtweg sehr gut konzipiert und ebenso gut geschrieben. Fünf Sterne sind dafür deshalb eine angemessene Bewertung.


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