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Rezensionen verfasst von
Misteli Werner "(Dozent für Musiktheorie)" (Zürich)
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Rückkehr der Religion: Glaube, Gott und Kirche neu verstehen
Rückkehr der Religion: Glaube, Gott und Kirche neu verstehen
von Joachim Kunstmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

11 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen "Dünne Theologentinte", oder: "Kippt den Schalter auf Off!", 1. Oktober 2010
Folgender Satz aus dem Klappentext soll als Schlüsselsatz für mein Plädoyer gegen dieses Buch gelten: "Es geht nicht um einen wahren Glauben, sondern darum, Erfahrungen ... ins Zentrum zu rücken und Religiosität zu entwickeln." Damit wird präzise jene Qualität postmoderner Gesinnung des Autors definiert, die zunehmend die Theologie der Endzeit vergiftet: Anstelle der in Jesus Christus offenbarten Wahrheit als einzig bindenden Fundament christlichen Glaubens wird ein Relativismus und Subjektivismus gepredigt, der sich immer mehr von der biblischen Wahrheit entfernt, um konsequenterweise in eine neue Religion zu führen. Eine Religion, in der die Lehre der Heiligen Schrift durch Toleranz und Humanismus relativiert wird. Eine Religion, die Jesus Christus aus dem Zentrum des Glaubens verschiebt und an Seiner Statt den Menschen mit seinen Erfahrungen und kulturell sowie zeitgeschichtlich geprägten Lebensthemen zum Maß aller Glaubensfragen erklärt. In der Postmoderne ist anerkannterweise alles relativ; es gibt keine absolute Wahrheit mehr, und es ist offenbar die Aufgabe der Liberaltheologie Kunstmannscher Prägung, Gott nach dem Ebenbild des Menschen neu zu schaffen. So fährt der Klappentext folgerichtig weiter, in dem er die Vision von einer Kirche und einem Christentum träumt, "die den Menschen Wege zu einem selbstbestimmten Leben eröffnen" (Zitat) soll. Das Leben des Menschen und seine Religiosität sollen demnach nicht mehr von Gott dem Schöpfer allein bestimmt werden, sondern von seinem gefallenen Geschöpf, das sich durch ihm angenehme Wissenschaft, Philosophie und subjektive Erfahrung selbst erlösen will. Das ist offene Rebellion gegen Gott, und nicht (wie es der Untertitel des Buches suggeriert) der Beginn eines reinigenden Neuverständnisses von Glaube, Gott und Kirche, von welchem gewünscht werden müßte, daß er zu Gott zurück führt und bei den Menschen der Endzeit den rettenden Glauben an das Erlösungswerk Jesu Christi bewirkt.

Martin Luther hatte vor rund 500 Jahren das reformatorische Prinzip der Sola Scriptura (Allein die Schrift) geprägt und dadurch eine enorme Erweckung innerhalb der Christenheit bewirkt. Es schmerzt, lesen zu müssen, wie sich der 1990 zum Pfarrer der Evangelisch-lutherischen (!) Landeskirche in Bayern ordinierte Kunstmann von diesem Prinzip seines berühmten "Vorgängers im Glauben" verabschiedet hat. Es ist nicht mehr das Prinzip der Sola Scriptura, das ihn in seinen Bemühungen um die heldenhafte Rettung des Christentums bewegt, sondern ein unheilvolles Gemisch von Text- und Bibelkritik, New-Age, Gnostizismus und Psychologie Drewermannscher Prägung. Unheilvoll, weil dadurch nicht Erweckung und Klarheit bewirkt werden wird, sondern zerstörerische Rebellion und Verdunklung der Wahrheit.

Aus dem unerschöpflichen Reservoir der Textstellen, die sein Buch für Gott suchende Menschen als untauglich, ja geradezu als verderblich entlarven, seien drei der krassesten zitiert und kurz repliziert:

1.) Kunstmann bezeichnet den Begriff der Trinität als "theologische und spekulative Kopfgeburt" (S. 246) und stellt die rhetorische Frage: "Wie soll man sich das überhaupt vorstellen?". Ganz abgesehen davon, daß Kunstmann seine provozierende These: "Die Kirche ist religiös inkompetent" als Eigentor erleben muß (nämlich in dem Sinne, daß er als Theologe vor der Definition eines der wichtigsten Glaubensinhalte kapituliert und sich somit seinerseits als religiös inkompetent erweist), ist der Satz von der Kopfgeburt perfekt passend zu dem eben zitierten Klappentext. Denn wo die Trinität nicht mehr gelehrt und geglaubt, sondern als Kopfgeburt lächerlich gemacht wird und bestenfalls (schlimmstenfalls!) nur noch "als offen zu bekennendes Bild und Symbol, nicht aber als zu glaubende Glaubensformel (S. 247)" gelten darf, muß sie konsequenterweise aus der Glaubenslehre ersatzlos gestrichen werden. Wo aber die Trinität aus der Glaubenslehre ersatzlos gestrichen und aus dem Glaubensleben verbannt wird, werden daraus gleichsam auch die Grundpfeiler der Trinität, nämlich Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger-Geist aus dem Zentrum verbannt. Wenn aber der christliche Glaube nicht theozentrisch, sondern (wie bei Kunstmann) anthropozentrisch geglaubt und gelebt wird, ist er nicht mehr ein christlicher Glaube, sondern - wie es die Bibel warnend nennt - eine Irrlehre. Und diese Irrlehre will uns Kunstmann (und mit ihm sein Verlag) als die heilbringende "Vision eines erneuerten Christentums (Zitat Klappentext)" schmackhaft machen? Paradox.

2.) Zum Thema Theodizee schreibt Kunstmann auf S. 248: "Das Gott allmächtig, allwissend, allgütig sei, ist theologischer Unsinn. Solche Aussagen scheitern nicht erst an der Logik, sondern schlicht an der wahrgenommenen Wirklichkeit." Nein, kein Aufbruch in dem Sinne, daß Leidenden und Verzweifelten der Weg (erneut) dorthin gezeigt wird, wo Gott die Frage der Theodizee souverän und endgültig beantwortet hat: nach Golgatha, wo Jesus "um unserer Übertretungen willen dahingegeben wurde"; ihr Blick nicht auf Ostern hingewendet wird, wo Christus "um unserer Rechtfertigung willen auferweckt worden ist (beide Zitate aus Röm. 4,25)". Nein, da werden Zeugnisse wie Gottes Wort an Abram "Ich bin Gott, der Allmächtige (1. Mose 17,1)" und das Wort des auferstandenen Christus "Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden (Matth 28,18)" als theologischer Unsinn gelästert. Es ist unfassbar, daß Kunstmann seine (!) Logik und seine (!) subjektiv wahrgenommene Wirklichkeit über Gottes Wort hinweg absolut setzt und damit eine neue, als objektiv und wissenschaftlich fundiert erklärte Dogmatik kreiert. Eine Dogmatik, die zum einen extrem bibelfeindlich ist und zum anderen die Wahrnehmung der unzähligen Schar von an Jesus Christus glaubenden Menschen aller Zeiten, denen gerade das von Kunstmann verworfene Gottesbild zur unerschöpflichen Quelle des Trostes, der Hoffnung und des Mutes geworden ist, als Unsinn abkanzelt. Die Leidenden bedürfen nicht eines mit "dünner Theologentinte" (Wolfgang Borchert) verfaßten Hinterfragens, sondern einer Seelsorge, die das Leiden durch den Blick ans Kreuz Christi tragbar macht.

3.) Kunstmann schreibt auf S. 194: Wenn Jesus Gott im Johannesevangelium "nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast (Joh 17,9)" bittet, dann ist das eine Verzerrung seiner Botschaft und muß entsprechend theologisch kritisiert werden. (Zitat Ende) Ist dieses Kernwort Jesu deshalb eine Verzerrung, weil es gegen den Trend der postmodernen Theologie verstößt, die nur allzu gerne die Allversöhnung predigt und somit weltreligiösen Irrlehren willfährig wird? Wie auch immer, diese absurden Anpassungsversuche der in Jesus Christus bezeugten Wahrheit und Seiner Botschaft an das durch den Menschen geschaffene Weltbild offenbaren eine erschütternd verzerrende Exegese, die allgemein in den (zu) spärlich zitierten Bibelstellen beanstandet werden muß.

Nach der Lektüre dieses Buches wird man als bekennender Christ jedenfalls endgültig den auf dem Schutzumschlag abgebildeten Schalterknopf auf Off kippen wollen und weiterhin einer Kirche treu bleiben, die eins ist mit ihrem Herrn Jesus Christus als ihrem Haupt. "Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist", mahnt uns Paulus im Römerbrief 12,2. Darauf sollte die heilbringende Vision eines religiös erneuerten Christentums basieren, und nur darauf!

PS: Bezeichnenderweise ist die Herausgeberin dieses Buches, das Gütersloher Verlagshaus, ebenso verantwortlich für die Herausgabe der "Bibel in gerechter Sprache". Dem ist nichts hinzuzufügen...
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 12, 2011 8:16 PM MEST


Beethoven-Ravel-Bartok-Say
Beethoven-Ravel-Bartok-Say
Preis: EUR 14,99

39 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Irritation, 25. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Beethoven-Ravel-Bartok-Say (Audio CD)
Zuweilen klaffen zwischen der Gestaltung des Covers und dem Interpretationskonzept unüberbrückbare Welten. So blickt etwa eine, wie jüngst bei Julia Fischer geschehen, als Glamourgirl entstellte Geigerin verführerisch in die Linsen, was bestenfalls eine Aufnahme der Carmenfantasie aber keineswegs jene der Violinkonzerte Bachs erwarten ließe. Zugegeben, man soll weder prüde sein noch bestreiten, dass aufreisserische Bilder dieser Art der Vermarktung der eh kränkelnden Klassik über die Runde zu helfen vermögen. Wenn aber bei jeder neu erscheinenden Aufnahme einer Interpretin befürchtet werden muss, dass eine weitere der ohnehin schon sparsam vorhanden Kleidungshüllen fallen wird, stimmt dies einen manchmal schon nachdenklich...

Bei dieser Aufnahme hingegen decken sich Cover und Interpretation hervorragend. Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say schwarzweiß abgelichtet, mit Spot auf Hände und Gesicht. Sie die Violine mit ihren Händen an ihren Körper pressend; er seine Linke zur Halsschlagader führend, als gelte es dort den Kragen für eine bessere Luftzufuhr zu weiten. Beide eher arrogant dreinblickend, herausfordernd. Eine interessante psychoanalytische Studie. Man nimmt diese Herausforderung gerne an. So sind zum einen sowohl das Programm als auch der Interpretationsstil auf schwarzweiß eingeschworen: Was für das Programm erfrischend wirkt, wird bei der Interpretation trotz den vielen akkurat gelungenen Stellen bei Ravel und Bartók die Nuancierung der Farbgebung immer wieder vermisst. Extreme Dynamiksprünge ohne Zwischenstufen und eine Standartdynamik für das Übrige; extreme Artikulationen und eine Standartartikulation für das Übrige - eben schwarzweiß. Zum andern spiegelt sich der Ausdruck ihrer Körperhaltung als auch ihr Blickkontakt mit dem Betrachter in der Interpretation wieder: man wird einfach nie richtig warm, schwankt ständig zwischen Bewunderung, Irritation und Beklemmung, den Kragen für eine bessere Luftzufuhr weitend. Dabei sind doch beide exzellente Vertreter ihres Faches und besitzen sowohl das technische Werkzeug als auch die musikalische Intelligenz als beste Voraussetzungen für eine Interpretation dieser wunderbaren Werke, die zu Herzen gehen und ihren Sinn aufdecken könnte.

Wunderbare Werke, selbst die Violinsonate von Fazil Say reiht sich da vorzüglich ein. Ein zyklisch angelegtes Werk, welches stilistisch einem Eklektizismus zuzuordnen ist, der der rhythmisch vertrackten Sprache von Strawinskys "Le Sacre du Printemps" ebenso huldigt wie anderen Stilelementen der französischen Musik zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie gewissen Vokabeln aus dem Bereich des Jazz. Raffinierte Klangwirkungen (Track 16), die durch das Abdämpfen der Saiten durch die linke Hand im Innern des Flügels entstehen, erinnern an seine grandiose Einspielung des Sacre in der Version für zwei Klaviere. Say spielt beide Parts im Playbackverfahren, eine Jahrhundertaufnahme (2000 erschienen bei Teldec).

Man ist tatsächlich gespalten, auch wenn die Darbietung von Track zu Track immer mehr zu überzeugen vermag. Ravel gefällt durch eine sinnliche, teils aber zu flache Klanggestaltung; Bartók gefällt durch gewagte Klangraffinements bei der Gestaltung des Violinparts; die Sonate von Fazil Say gefällt durch das sensible Zusammenspiel. Trotzdem, der Knackpunkt ist und bleibt die Kreuzersonate von L.v. Beethoven. Und da muss mit aller Härte gesagt werden: So bitte nicht! Oberflächlich gehört, verführt diese Interpretation zu Begeisterungsstürmen: Nach anfänglichen Intonationstrübungen seitens der Violine ertönt ein gewaltiges Feuerwerk aus gigantischen technischen Zauberkunststücken. Man mag die Neigung zu Extravaganzen im Sinne von "Hauptsache anders als die anderen" goutieren oder gar begrüßen, mit Beethoven und seiner Zeit haben dies nichts, aber gar nichts zu tun! Abgerissene Phrasenenden, Staccati als Nadelstiche, unschöne Springbogen, Kürzungen von Notenwerten, Missachtung von Angaben betreffend die Dynamik und Agogik, brutal gehämmerte Fortefortissimi, etwelche Missverständnisse in der Einschätzung der stilistischen Komponenten und viele andere Unstimmigkeiten widersprechen sowohl dem Text als auch einem Interpretationsstil, der den einzigartigen Ausdruck und die klare Architektur des Werkes wiedergeben müsste.

Eine Premiere dieses Duos, die herausfordert und einen auch beim wiederholten Anhören irritiert zurück lässt. Diese aufnahmetechnisch hervorragend gelungene CD wird all jenen empfohlen, die sich von dem abschreckenden Zerrbild eines Beethovens nicht entmutigen lassen und sich eine bereichernde Alternative für die Standartwerke von Ravel und Bartók wünschen. Wer hingegen Beethovens Werk zum ersten Mal hört, ist gut beraten, anschließend deren Deutung etwa durch Gidon Kremer oder durch Maxim Vengerov zu würdigen - sozusagen als Therapie.
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 2, 2014 2:01 PM CET


Das Wohltemperierte Klavier, Buch 1
Das Wohltemperierte Klavier, Buch 1
Wird angeboten von buecheroase_muenchen
Preis: EUR 14,75

8 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Durchaus empfehlenswerte Interpretation, weil in ihrer Art stimmig, 23. Januar 2009
Keine Frage: Martin Stadtfeld ist eine die junge Pianistengeneration überragende Begabung. Wer sich in seinem jungen Alter dem Opus Magnum der Klavierliteratur zuwendet und es sozusagen für die Ewigkeit auf die Scheibe presst, muss sich dem Vergleich mit jenen Interpretationen stellen, die als Referenz in die Geschichte eingegangen sind. Und da meine ich bei allen Abstrichen, dass die teils vernichtenden Kritiken etwa im Wortlaut von'"Viel medienwirksamer Rummel um nichts"'Stadtfeld keineswegs gerecht werden. Zumal es immer schwieriger wird, sich im Spannungsfeld zwischen einer authentischen, die Quellen und das Instrumentarium der Zeit berücksichtigenden und einer dazu eher auf Distanz gehenden Deutung zu positionieren.
Nein, Stadtfeld entscheidet sich für eine romantische Sicht des Werkes, die sich allerdings bemerkenswert um Transparenz bemüht. Busonis orchestraler Klavierklang und die Noblesse eines Barenboim liegen ihm eindeutig näher als das permanente Nonlegatospiel Goulds oder der am cembalistischen Toucher orientierte Anschlag Schiffs. So wird beispielsweise die Ästhetik Busonis erstmals in den Fugen Nr. 2, 5 und 8 und später in der Fuge Nr. 20 durch eine mittels von Oktavgängen im Bass gesteigerte Monumentalität des Klanges wahrnehmbar.
Gewiss, die teils extrem angelegten Crescendi und Decrescendi sowie die oft unvermittelt einbrechenden Dynamiksprünge erscheinen manieristisch und exzentrisch; Phrasenabrisse wie am Ende der Fuge 10 schockieren; der Verzicht auf eine zur Zeit Bachs als obligat und heute selbst in der nichtauthentischen Aufführungspraxis als unbestritten geltende Ausführung von Verzierungen erfüllt einen mit Erstaunen. Trotzdem, es gibt wunderbar innige, schlicht ausmusizierte Momente, die alleine schon die Herausgabe dieser CD als begrüßenswert und deren Kauf als empfehlenswert erscheinen lassen. Man höre etwa die Präludien Nrs. 6, 8, 12 und 22. Da wird die Stärke von Stadtfeld vollauf zur Geltung gebracht: das Malen von Stimmungen, die in jedem Moment den Menschen Stadtfeld erahnen lassen. Einmal jugendlich draufgängerisch, einmal empfindsam, einmal pubertär verliebt, einmal zögernd, einmal hilflos, einmal stolz und selbstsicher... Hinter dieser Interpretation steht unzweifelhaft eine Persönlichkeit, die niemanden kalt lässt und das Lager der Bachliebhaber mit dieser Interpretation spalten wird. Was soll's? Unserer Zeit mangelt es nicht an Perfektionisten, sondern an Persönlichkeiten wie Stadtfeld, die unter Wahrnehmung ihrer künstlerischen Verantwortung eine tiefe Beziehung zu einem Werk aufbauen und diese unbeugsam ihrem Publikum zu vermitteln wissen. Das mag einem gefallen oder nicht; da mag einiges fremd klingen oder historisch als inkorrekt gelten -'zu überzeugen und zu begeistern vermag die vorliegende Deutung alleweil, weil auch sie sich in die Reihe jener einfügt, die eine schöne Balance zwischen Intellekt und Sensibilität, zwischen Architektur und Poesie gefunden haben.

Und gerade bezüglich Architektur muss man ihm in einem Punkt große Anerkennung zollen: Es gehört zu der viel bewunderten kontrapunktischen Spezialität Bachs, den Fugenthemen oftmals einen Gegensatz (Kontrasubjekt) beizufügen, welcher bei allen weiteren Themeneinsätzen beibehalten wird und sich somit vom Grundthema emanzipiert. Diese gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Thema und seinem Kontrasubjekt erzeugt einen spannungsreichen Dialog, der keinesfalls durch die Unsitte der meisten Pianisten, das Thema bei seinem Eintritt dynamisch hervorzuheben und die anderen Stimmen ungeachtet ihrer satztechnischen Bedeutung zurück zu nehmen, ausgelöscht werden darf. Während bei Barenboim durch diese beklagenswerte Manie etwa in den Fugen 16 (ein Kontrasubjekt) und 21 (zwei Kontrasubjekte) der Dialog unter den gleichberechtigten Partnerstimmen entschärft wird, tritt er bei Stadtfeld wunderbar plastisch hervor. Kompliment, selbst wenn auch seine Interpretation dieser Fugen tendenziell zu vertikal und zu wenig linear erscheint.

Dem oft geäußerten Verdikt, die Akustik des Konzerthauses Dortmund sei für dieses Projekt zu hallig, darf getrost widersprochen werden. Es ist der Tontechnik bestens gelungen, die gegebenen Raumverhältnisse dem Interpretationskonzept dienbar zu machen.
Ein informativer, leider eine missverständliche Erklärung der '"wohltemperierten Stimmung"' enthaltender Begleittext rundet diese, einem medienwirksamen Design verpflichtete Produktion ab.


Bach: Partiten 2,3 & 4, BWV 826, 827, 828
Bach: Partiten 2,3 & 4, BWV 826, 827, 828
Wird angeboten von books-store
Preis: EUR 9,27

18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Phänomenales Comeback!, 2. Mai 2008
Weil im Zusammenhang mit den Interpretationen der Klavierwerke Bachs immer wieder Vergleiche mit Glenn Gould angestellt werden, möchte ich meine Rezension der Einspielung von drei der sechs Partiten durch Murray Perahia an diesem an sich fragwürdigen Verfahren ansetzen. Was sind die Markenzeichen des Phänomens Gould in Bezug auf die Interpretation der Bachschen Klavierwerke? Zum einen sein anhaltendes Nonlegato-Spiel und zum anderen sein musikalischer Intellekt, sein unermüdliches Suchen nach Plastizität der Linie und Architektur. Jetzt muss man dies natürlich aus der Sicht seiner Zeit würdigen. Einer Zeit, in der die Monumentalität der Bachschen Musik mit Masse gleichgesetzt wurde: philharmonischer Orchesterklang, große Besetzungen und in Bezug auf die Pianistik üppige Klangstruktur, Überlegato und am 19. Jahrhundert orientierte Pedalisierung. Es ist die Zeit, in der die grandiosen Bearbeitungen von Feruccio Busoni mit Oktavierungen der Bassstimme u.a. als Ideal angeschaut und interpretiert werden. Bei aller Bewunderung für die Interpretationen dieser Zeit, Glenn Gould hat uns glücklicherweise dazu eine Alternative gezeigt. Eine Alternative, welche die Struktur der Musik kristallin werden ließ: der Strom wurde zur Quelle rückgeführt, kompromisslos die einzelnen Tropfen sezierend. So entfernte Gould die Patina gewissermaßen mit dem Skalpell und setzte auf das Gewebe der Linien, das er singend in sich selbst versunken nachzuempfinden trachtete. Genial, aber kaum je zu Herzen gehend.
Und jetzt Murray Perahia: Auch er legt die Schichten dieser Musik frei, macht sie analysierend hörbar. Aber er macht es mit Herz und gibt damit der Bachschen Musik ihr Wichtigstes zurück: die Wärme. Jene humanistische Qualität also, die für Bach so wichtig war und die uns immer mehr verlustig zu gehen droht. Jede Phrase ist davon durchdrungen: es wird erzählt, gesungen und gejubelt. Und dies gelingt deshalb derart überwältigend, weil Perahia nebst seiner stupenden pianistischen Meisterschaft sowohl Intellekt als auch Empfindung gleichermaßen in sein Interpretationskonzept einfließen lässt: Rhetorik und Affekt sind wundersam vereint! Man höre Track 6 und 18 als Beleg und freue sich über das große Geschenk, das uns Perahia mit dieser Einspielung bereitet hat.
Nochmals zu Glenn Gould: Müsste ich Murray Perahia in dieses Umfeld stellen, würde ich sein Spiel als eine Mischung der Klarheit von Glenn Gould mit der Humanität von Dinu Lipatti würdigen. Dinu Lipatti, dessen Interpretation des Chorals "Jesu bleibet meine Freude" nach wie vor einen Meilenstein in der Interpretationsgeschichte darstellt.
Abschließend muss auch dem Tonmeister Christian Starke ein großes Kompliment gemacht werden. Eine geschickte Disposition der Mikrofonstellungen unterstützt die Transparenz der Musik und gibt den bezaubernden Klang des Instrumentes in seiner ganzen Schönheit wieder.


Ein liebender Mann
Ein liebender Mann
von Martin Walser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

59 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Halb zog sie ihn, halb sank er hin, 12. März 2008
Rezension bezieht sich auf: Ein liebender Mann (Gebundene Ausgabe)
Da hat wohl einer ein bisschen zu arg an der Ikone der Deutschen Geistesgeschichte gekratzt und soll dafür nun gebührend abgestraft werden. Dieser Eindruck muss einem zwangsläufig erwachsen, wenn man die mehrheitlich unsachlich geführte Diskussion über Martin Walsers neustes Buch zur Kenntnis nehmen muss. Selbst die für amazon bisher geschriebenen Rezensionen ändern daran mehrheitlich nicht viel: man verliert sich in Nebensächlichem, kokettiert mit Injurien und spielt zuletzt auf den Mann. Auf eine Persönlichkeit nota, die zu den grössten lebenden Autoren deutscher Sprache gehört. Warum also dieser gehässige Sturm im Wasserglas?
Mich jedenfalls hat "Ein liebender Mann" von Martin Walser schlichtweg begeistert. Aus zwei Gründen: Erstens sprachlich: Sein Stil hebt sich wohlwollend von der in der neueren deutschen Literatur sattsam wahrzunehmenden Fäkal- und Proletensprache ab. Wer wagt, hier von Pornographie zu sprechen, hat das Buch schlichtweg nicht gelesen oder interpretiert die Metaphern bewusst falsch. Nein, seine Sprache ist reine Poesie: zart, fantasiereich, rhythmisch fliessend, in der Farbe variantenreich und dem Idiom der Goethezeit wunderbar entsprechend. Niemals erliegt sie der Versuchung, das Mysterium der Liebe und der intimen Beziehungen zwischen Mann und Frau zu entmystifizieren. Ein zusätzliches Wunder in einer Zeit, die sich diesem Thema in Literatur, Film und Massenmedien üblicherweise und bestenfalls in Form eines vulgären Geschlechterkampfs widmet. Zweitens inhaltlich: Auf der Basis exakter Recherchen und einer immensen Kenntnis des Lebens Goethes und seines Werkes ist es Martin Walser wunderbar gelungen, den Dichterfürsten, den als unnahbare Geltenden, den Geheimrat, den Naturwissenschaftler aus einer anderen als der gewohnten Optik zu porträtieren. Goethe ist hier Mensch, schlicht Mensch. Bekannterweise ein erfolgsverwöhnter, als Exzellenz hoch angesehener Mensch, aber in erster Linie ein Mensch mit all seinen Widersprüchen, Zweifeln und Verletzlichkeiten. Der Schöpfer von Werther, Lotte, Wilhelm, Faust und Mephistopheles scheint eins zu werden mit seinen Figuren; er, der uns alle Höhen und Abgründe der menschlichen Existenz aufgezeigt und uns ermutigt hat, sie als Teil unseres Lebens anzunehmen, ist nunmehr als 74jährige Erzieher der Menschheit in Liebe zu der jungen Ulrike von Levetzow entflammt - und droht von diesem Feuer verzehrt zu werden. Er, der sein Auftreten, jeden Gesichtsausdruck, jede Körperhaltungen und jedes Wort seiner Konversation bis ins Letzte auf Wirkung narzistisch zu kontrollieren pflegt, erliegt wie vormals Faust dionysisch dem "Ruf des Weibes". Er erliegt bis zur Nacktheit, die keinesfalls als pornografische Metapher, sondern als Ausdruck jener Verzweiflung interpretiert werden muss, die nur jene kennen, die jemals tief geliebt und gerade dadurch die Anfechtungen wahrer Liebe erlitten haben. Welche Perversion, in dieser von Martin Walser erzählten Geschichte eines Menschen, der von seiner Geliebten durch 55 Lebensjahre getrennt ist, Altersenilität oder gar Pödopholie zu wittern. Nein, der Roman von Martin Walser ist ein grossartiges Manifest für die Unsterblichkeit jener Liebe, die weder Alter noch Standesunterschiede kennt. Gerade, weil man sich als Liebender in vielen Regungen der Romanfiguren wieder erkennt und immer wieder erkennen wird, ist der Roman ebenso menschlich ansprechend wie zeitlos. Er ist ausserdem ein wunderbarer Beitrag dazu, den Menschen Goethe neu zu entdecken und ihn verdienterweise von jenem Sockel zu stossen, der gewöhnlich jenen Übermenschen zugewiesen wurde, die uns heute wahrlich nichts mehr zu sagen haben.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 12, 2015 11:40 PM CET


Missae Breves
Missae Breves
Preis: EUR 60,99

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Lust und Frust, 2. September 2007
Rezension bezieht sich auf: Missae Breves (Audio CD)
Wenn man sich analytisch mit den vier Missae Breves - auch Lutherische Messen genannt - auseinandersetzt und mit Bewunderung den Reichtum der musikalischen Faktur wahrnimmt, kann man es nicht fassen, dass diese Kleinodien immer noch im Schatten der übrigen Vokalwerke Bachs stehen. Dies liegt wesentlich daran, dass die Forschung aufdeckte, dass diese Werke zum großen Teil aus parodierten und überarbeiteten Kantatensätzen bestehen, womit ihnen das Sigel der "Musik zweiter Klasse" sicher war. Es ist Konrad Junghänel und seinem Cantus Cölln deshalb nicht hoch genug anzurechen, dass er den mit geringer Zahl an bereits schon betagteren Aufnahmen versehen Katalog mit seiner Einspielung bereichert und damit unter Beweis gestellt hat, dass die geniale Parodietechnik Bachs durchaus zu Neuschöpfungen führte, die den Vergleich zu den Vorlagen nicht zu scheuen haben. Es sei bei dieser Gelegenheit auch daran erinnert, dass selbst die Hohe Messe im wesentlichen aus der Praxis des Parodierens entstanden ist und es niemand wagen würde, ihren künstlerischen Wert deshalb in Frage zu stellen. Den Messen liegt der "zeitlose" lateinische Text des Messeordinariums zugrunde. Sie datieren aus den 1730er Jahren und waren vermutlich für den Dresdener Hof bestimmt, dann aber in Leipzig aufgeführt. Formal basieren sie auf einem einheitlichen Konzept: Das aus einem Chorsatz betehende Kyrie wird von einem fünfteilig gegliederten Gloria gefolgt, deren solistischen Sätze (Arien) von weiteren Chorsätzen gerahmt werden. Das Instrumentarium ist reich besetzt und verlangt in der Messe in F-dur gar den Einbezug von Hörnern, welche zu einem besonders festlichen Affekt beitragen.
Die Interpretation ist gemäss dem Erfolgsrezept des Cantus Cölln und seines Leiters: "Ausgedünnter" Chorsatz mit Zweierbesetzung der einzelnen Stimmfächer und mit hervorragender Diktion, präzis artikulierende Instrumentalparts mit souveräner Intonation sowie zügige Tempi in den schnellen Sätzen. Die Choristen werden auch hier mit der Gestaltung der Soli betraut und erfüllen diese Aufgabe tadellos. Wenn da nur nicht ein Makel wahrgenommen werden müsste, welcher der Einspielung die an sich mehr als verdienten fünf Sterne kostet. Da verfügt man im Chorensemble über eine Kollegin mit einer grandiosen Altstimme, die sie als Solistin im Quoniam der Messe in A-dur mit schöner Farbe zum klingen bringt. Und dann das Ärgernis: Im Quoniam der Messe in F-dur wird ein Kollege als Altus eingesetzt, der sich als absolute Fehlbesetzung erweist! Der O-Vokal in "quoniam", "solus" und "dominus" ist unangenehm gefärbt, kehlig geführt und derart penetrant hervorgehoben, dass die übrigen Vokale und Konsonanten überstrahlt werden und dadurch ihre Verständlichkeit verlieren. Zu den Intonationstrübungen kommt dazu, dass die Stimme in der kleinen Oktave zu wenig gestützt wird und sich deshalb im Gesamtklang des öftern verliert: die Linie geht abrupt verloren, und mit ihr die Verständlichkeit der Satzstruktur. Das darf von einem professionellen Leiter eines Ensembles mit internationaler Reputation nicht toleriert werden. Warum konnte diese Fehlbesetzung nicht vor Veröffentlichung der Aufnahme korrigiert werden? Denn ohne diesen unverzeihlichen Makel besässe diese Einspielung absoluten Referenzstatus und hätte zu den besten Produktionen des Cantus Cölln zählen können.


Messe H-Moll
Messe H-Moll
Preis: EUR 19,03

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spiritueller Höhepunkt, 28. August 2007
Rezension bezieht sich auf: Messe H-Moll (Audio CD)
Um der ewigen Diskussion die Spitze zu brechen: Ob die Chorstimmen in den Vokalwerken Bachs solistisch (wie etwa bei Rifikin und Junghänel) oder mehrfach (wie bei Herreweghe, Gardiner und Fasolis) besetzt werden, ist letztlich eine Glaubensfrage, über die zu entscheiden getrost dem Geschmack der Musikfreunde überlassen werden darf. Keinesfalls ist sie historisch zu begründen, zumal wir durch Bachs Äusserungen bezeugt haben, dass er sich grössere Vokalbesetzungen als in Leipzig üblich gewünscht und diese vom Kirchenrat erfolglos eingefordert hatte. Jedenfalls ist es unfair, unvereinbare Interpretations- und Besetzungskonzepte gegeneinander auszuspielen, um danach willkürliche Rankings zu provozieren. Auf die vorliegende Aufnahme angewandt, ist gerade hier das Argument, dass solistische Chorbesetzungen die lineare Struktur des Satzes besser durchhörbar gestalten lassen als eine Besetzung mit mehreren Ausführenden pro Stimmregister, entkräftet. Der exzellente Coro della Radio Svizzera Italiana Lugano zeichnet sich aus durch hervorragende Transparenz, lupenreine Intonation, gut verständliche Diktion (wenn man einmal von dem in vereinzelten Fällen zu wenig abgespannten Schlusskonsonat "t" absieht, so etwa im Wort "est") und durch eine lebendige, die Glaubensbotschaft ausdeutende Rhetorik. Selbstverständlich sind die Vokalsoli mit exzellenten, sich homogen in das Klangkonzept einfügenden Kräften besetzt. Selbstverständlich spielen die Sonatori della Gioiosa Marca wie gewohnt grandios (lobend hervorzuheben die Gestaltung des Basso continuo, verzeihlich der Intonationspatzer des Cellos zu Beginn des Benedictus). Dass diese Aufnahme im überfüllten Angebot durchaus eine Existenzberechtigung besitzt und manche hoch gelobte und renommierte Aufnahme in den Schatten stellt, verdankt sie zum einen der überragenden Leistung des Chores (man höre etwa das Symbolum Niceum) und zum anderen dem Dirigat von Diego Fasolis, das in allen Belangen aussergewöhnlich ist. Vor allem ist ihm eine Deutung dieses geistlichen Schlüsselwerkes gelungen, die fern ab von wissenschaftlichem Grossgetue und Zur-Schau-Stellen von Forschungsbemühungen und schaler Virtuosität die Spiritualität der Botschaft hervorhebt und das Hören somit zur Andacht werden lässt. Ein grosses Lob verdienen auch die Tontechniker, welche die Klangschönheit der Stimmen und Instrumente in einem akustisch optimalen Raum tadellos abzubilden wussten.


Sämtliche Klaviersonaten Vol.4
Sämtliche Klaviersonaten Vol.4
Preis: EUR 18,99

8 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Schade und unverzeihlich, 8. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: Sämtliche Klaviersonaten Vol.4 (Audio CD)
Dabei beginnt es doch so verheissungsvoll: Ein stimmiger, hervorragend ausgehörter und im Detail transparent gestalteter Variationensatz in op. 26. Und auch zwischendurch immer wieder betörend schöne Momente. So im Andante der Pastorale. Dann aber der Anfangssatz der Mondschein-Sonate: Wie konnte so etwas nur geschehen? Ein absurder Gebrauch des Pedals verwischt die phänomenale harmonische Struktur bis zur Unkenntlichkeit! Und am Schluss bleibt das Pedal - sozusagen als Belohnung für das Aushalten der Tortur - kleben, als wäre eine lange Fermate über den Schlussakkord gesetzt Was hat sich da wohl Andras Schiff überlegt? Und wie konnte ein Produzent einen derartigen Ausrutscher passieren lassen? Freilich steuert die Saalakustik das Ihre bei, aber von einem Meisterinterpreten dürfte erwartet werden, dass er dies wahr nimmt und ausbessert. Dass dies nicht geschehen ist, erscheint als unverzeihlich. Zumal die Verständlichkeit und Schönheit des Werkes unter diesem Unvermögen leidet. Schade, denn damit muss die CD trotz vieler schöner Momente schnellsten vergessen und auf Nimmerwiederhören in das Regal zurück gestellt werden. Wirklich schade, auch im Hinblick auf die Gesamteinspielung. Denn diese Interpretation wird ein Makel bleiben...
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 5, 2016 9:05 PM CET


Cellosuiten Bwv 1007-1012
Cellosuiten Bwv 1007-1012
Preis: EUR 9,99

34 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein faszinierendes Juwel!, 10. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Cellosuiten Bwv 1007-1012 (Audio CD)
Die 6 Suiten für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach gehören neben seinen Sonaten und Partiten für Solovioline zu den besonderen Juwelen der Gattung. Für die vorliegende Aufnahme haben sich im Juli 2005 drei exzellente Partner in der Riks Kirche zu Oslo zusammen gefunden: Ein hoch sensibler, ungemein inspirierter Musiker auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft, ein wunderschön klingendes Instrument (Domenico Montagnana, Venedig 1723) mit einem warmen, innigen und trotzdem klaren Ton sowie ein exzellentes Aufnahmeteam unter der Leitung von Alain Lanceron und Rita Hermeyer, welches gekonnt für jene Transparenz besorgt ist, die für das Durchhören der zum Teil komplexen Satzstrukturen von Nöten ist. So entstand eine Interpretation, die für mich unbedingt einen Meilenstein in die reich ausgestattete Diskographie setzt. Was sind die Hauptkriterien für die Bewertung der Interpretation von Bachs Suiten? Zum einen die lapidare Kenntnis, dass Suitensätze Tänze zum Inhalt haben. Bei Bach allerdings unter Beimischung von zum Teil ungemein konzertanten Aspekten (letzteres besonders in den die Suiten eröffnenden Préludes). Truls Mørk beherrscht die Balance von Tanz und Virtuosität grandios. Als Hörbeispiel dienen die Gavotten aus der 5. Suite BWV 1011: Das Tempo stimmt; die metrischen Akzente sind so gesetzt, dass der Tanzschritt geradezu sichtbar wird. Und dann der wunderbar versponnene, den Schritt bewahrende Gegensatz der Gavotte II, in welcher die überragende Tonqualität des Instrumentes schönstens ausgespielt wird. Die für den Tanz typische Periodisierung der Taktphrasen ist stets vorbildlich wiedergegeben. Als weiteres Kriterium gilt die Frage nach den stilistischen Aspekten. Truls Mørk gehört in dieser Einspielung - für mich: glücklicherweise - nicht zu jenen, die aus den historischen Quellen ein Patentrezept filtrieren und dieses mit gehobenem Zeigefinger zelebrieren. Puristen mögen zudem die mittlerweile zum Standard gewordene und oft maniriert gedeutete Praxis der Verzierung in den Reprisen vermissen. Ebenso mögen sie seine subtil eingesetzte Vibratotechnik kritisieren. Nein, diese Aufnahme setzt sich von vielen anderen, hoch gelobten Referenzen eben deshalb wohltuend ab, weil uns Truls Mørk auf dem Boden seiner, durchaus stilsicheren, Gesamtschau des Bachschen Kosmos eine Deutung schenkt, die ebenso intelligent wie sensibel daher kommt. Es ist auch hier stets eine faszinierende Balance zwischen Ruhe und Würde in der einen und erregender Spannung in der anderen Schale garantiert. Man höre als Beispiel die Allemande aus der 5. Suite BWV 1012: Dieses wunderbar singende Gestalten der Linie! Als letztes Kriterium gilt, wie die Eigenart des Bachschen Streichersatzes bezüglich seiner Polyphonie verstanden wird. Die Textur verteilt sich bei diesen Suiten auf drei Register: Diskant-, Mittel- und Basslage. Selbst in der Einstimmigkeit wird somit ein akkordisches Bewusstsein garantiert. Truls Mørk lotet diese Ebenen durch eine faszinierende Rhetorik souverän aus und vermittelt dadurch einen kristallklaren Ablauf der formgliedernden Harmonik. Auch für diese Feststellung ein Hörbeispiel: Allemande aus der 4. Suite BWV 1010.
Fazit: Diese Einspielung darf in keiner Diskothek fehlen! Interpretatorische Intelligenz paart sich mit Emotionalität, Struktur mit Klangsinn - und somit wird diese Aufnahme dem Bachschen Ideal auf schönste Weise gerecht: Dass seine Musik den Geist und die Seele gleichermassen erbauen solle.


Symphonien Nr. 1-9
Symphonien Nr. 1-9
Preis: EUR 45,99

44 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Meine absolute Referenz, 24. August 2006
Rezension bezieht sich auf: Symphonien Nr. 1-9 (Audio CD)
Jede Zeit hat ihr eigenes Beethovenideal, welches auf der Seite der Interpreten beträchtlich durch Quellenstudium und musikalische Intuition, auf der Seite der Amateure hingegen durch Sympathie und Gewohnheit geprägt wird. Deshalb ist es m.E. unzulässig, Interpretationen unterschiedlicher Epochen im wertenden Sinne gegeneinander auszuspielen. Furtwängler, Toscanini und von Karajan haben uns eine mit den Mitteln und Kenntnissen ihrer Epoche ebenso schlüssige und grandiose Deutung der Symphonien Beethovens geschenkt wie es heutzutage die Herren Harnoncourt, Gardiner, Rattle, Abbado und Norrington tun. Norringtons Bestreben, die im Umgang mit seinen auf "historischen" Instrumenten spielenden London Classical Players gemachten Erfahrungen auf ein Orchester deutsch-romantischen Zuschnitts zu übertragen, ist ein erstklassiges Unterfangen. So haben seine Einspielungen der Werke von Berlioz, Mendelssohn, Schumann und Holst mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unbestrittenen Referenzcharakter und liessen mich mit Ungeduld auf die Gesamteinspielung der Symphonien von Beethoven warten. Und wie sich das Warten gelohnt hat! Von der ersten bis zu der epochalen neunten Symphonie geht von diesem Konzertmitschnitt eine Faszination aus, die schwerlich zu beschreiben ist. Ein wissender Dirigent und ein glänzend inspiriertes Orchester strahlen ein Charisma aus, welches jederzeit bezwingend ist. Natürlich ist es interessant, die auf der Bonus-CD gepresste Konzerteinführung zu verfolgen und den wissenschaftlich-theoretischen Hintergrund dieser Jahrhundert-Einspielung zu erfahren. Dies hätte aber alles keinen Wert, wenn nicht letztlich das Ergebnis zu einer Deutung führen würde, die ich wie folgt charakterisieren würde: Das vibratofreie Spiel der Streicher sowie alle anderen klanglichen Raffinessen nebst einer jederzeit überzeugenden Tempowahl führen zu einem Phänomen, welches in der Konzerteinführung erstaunlicherweise kaum gewürdigt wird. Nämlich zu einer Rhetorik, zu einer präzisen Phrasierung der Motivik und Thematik sowie zu einer Akzentuierung von Dissonanzen und den Beethoven eigenen Verschiebungen von Taktschwerpunkten mittels von Sforzati, die ich bisher noch nie derart packend hören durfte. Alles ist analytisch durchhörbar: Harmonische Details, fein abgestufte Dynamik, Nebenlinien, satztechnische Spezialitäten mit dem der für diese Zeit typischen "Durchbrochenen Stil" sowie die formale Architektur der Sätze, die zu jedem Zeitpunkt kristallklar ausgelotet wird. Und dies alles ohne erhobenen Zeigefinger des Pädagogen, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die ihre Wurzel in jener Musikalität besitzt, die in unserer Zeit leider immer rarer zu werden scheint. Wissen und emotionales Erleben dieses Wissens halten sich in dieser Gesamteinspielung wundersam die Waage. Fazit: Diese Einspielung ist ein absolutes Muss für alle Musikfreunde! Sir Roger Norrington, dem phänomenalen Radio-Sinfonieorchester Stuttgart nebst einem tadellosen Sängerquartett und der legendären Gächinger Kantorei Stuttgart ist ein genialer Streich gelungen, der selbst die zu Recht hoch gepriesenen Aufnahmen eines Harnoncourt und Gardiner weit hinter sich lässt. Wie die Einspielung von Sir John Eliot Gardiner und seinem Orchestre Révolutionnaire et Romantique (Archiv DGG) leben auch diese Aufnahmen von einem durch den Sturm und Drang geprägten Gestus. Für mich ist das Resultat bei Norrington allerdings überzeugender, weil letztlich weniger gestresst und insgesamt mit jenem Quäntchen Hoffnung und Schalk durchsetzt, welches durchaus auch Beethoven eigen war. Gelobt sei abschliessend auch die von Toningenieur Friedemann Trumpp (SWR) und seiner Crew hervorragend betreute, das transparente Klangbild phänomenal abbildende Aufnahmetechnik. Ein bemerkenswert diszipliniertes Publikum setzt zudem einen weiteren Glanzpunkt auf dieses sensationelle Projekt.


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