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Rezensionen verfasst von
Nikolaj Aaron

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Wir sind das Kapital. Erkenne den Entrepreneur in Dir. Aufbruch in eine intelligentere Ökonomie
Wir sind das Kapital. Erkenne den Entrepreneur in Dir. Aufbruch in eine intelligentere Ökonomie
von Günter Faltin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit unternehmerischen Initiativen gegen schlechten Ökonomismus, 7. Februar 2015
In seinem vor sieben Jahren Buch »Kopf schlägt Kapital«, inzwischen ein in viele Sprachen übersetzter Bestseller, hat Günter Faltin die Theorie des Entrepreneurship durch die Einführung eines »Entrepreneurial Design« revolutioniert und neue Blickwinkel zum Thema Unternehmensgründung freigelegt. Gerade unter Gründern hat dieses Buch viele Anhänger gefunden.

»Wir sind das Kapital« eröffnet andere Dimensionen. Einerseits wird die Wirtschaft in einem kulturellen und gesellschaftlichen Rahmen charakterisiert. Faltin geht so weit, von »Verrat an der Ökonomie« zu sprechen. Ökonomie sei in der Wirtschaftsgeschichte immer als Diener des Menschen gesehen worden, hätte sich inzwischen aber zu seiner Peitsche aufgeschwungen. Daher sei es wichtig, dieser Art von Ökonomie Alternativen entgegenzustellen. Also nimmt Faltin den Leser in einem detaillierten methodologischen Kapitel an die Hand und führt ihn Schritt für Schritt auf den Weg vom ersten Einfall zum ausgereiften Entrepreneurial Design.

Systematik ist alles. Faltin rät, konsequent von den Funktionen her zu denken. Entscheidend dabei sind: innovativer Gehalt, frühzeitige empirische Überprüfung und Arbeitsteilung, d. h. auch Befreiung des Entrepreneurs von betriebswirtschaftlich-organisatorischen und Routineaufgaben. Vor allem die Konzentration des Entrepreneurs auf das Entrepreneurial Design. Dieser methodische Teil macht gut die Hälfte des Buches aus.

Faltin stellt das Entrepreneurial Design zudem in einen Rahmen, den er »Seins-Modus« nennt. Nicht quantitatives Wachstum garantiere eine ökonomische Zukunft, auch wenn dies pausenlos von der Politik so gefordert werde. Daher brauche es eine neue personale Besetzung in der Ökonomie und Politik, neue ökonomische Initiativen, die nicht mehr den grenzenlosen Konsum, sondern die Bedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Die politische Bedeutung des Buches besteht darin, daß Faltin die Entwicklung des Entrepreneurship parallel zur Entwicklung der Demokratie sieht. Es reiche heute nicht mehr aus, einige wenige »Aristokraten« unsere Wirklichkeit formen zu lassen und sich auf die Rolle des Konsumenten zu beschränken.

Neu und überraschend an Faltins Buch ist die kulturkritische Dimension. Der Autor analysiert in »Wir sind das Kapital« den tragischen Schrumpfprozeß des modernen Menschen »vom uomo universale zum Markenmenschen« und seziert die Psychologie des »Marketing-Monsters«. Faltins Argumente gegen eine stereotype, von Marken vollgestellte moderne Welt sind umso überzeugender, als er selbst nicht nur als Ökonomieprofessor hervorgetreten ist, sondern auch als erfolgreicher Gründer einer völlig anderem Art von Unternehmen, (wie z. B. der Teekampagne), und Business Angel bedeutender Jung-Gründungen (wie Holger Johnsons ebuero). Das unterscheidet ihn von Markenkritikern wie Naomi Klein, die bei allem Verdienst ihrer Veröffentlichung »No Logo« doch in der Formulierung von Ansprüchen steckenbleibt.

Wir müssen Gegenmaßnahmen ergreifen, und diese können nur erfolgreich sein, wenn sie über eine überzeugende Ökonomie verfügen. Für eine solche gibt das neue Buch von Günter Faltin die Werkzeuge an die Hand.

Zudem ist »Wir sind das Kapital« ein Buch von erheblichem Unterhaltungswert. »Bilder eine Ausstellung« nennt Faltin, an Mussorgskij anknüpfend, seine Erzählweise. Dabei springt eine Reihe von Geschichten ganz besonders ins Auge: Draghi wird konfrontiert mit Jesus; der Licht-Architekt Dinnebier beschreibt sein Lebenswerk als Spiel; Patrick Blanc, oder wie man einen Lebensentwurf, senkrechte Gärten, entwickelt. Und wir erfahren zu unserem Erstaunen, wie selbst stramme Marxisten Entrepreneurship schätzen lernen.


Rom, Träume. Moravia, Pasolini, Gadda und die Zeit der Dolce Vita
Rom, Träume. Moravia, Pasolini, Gadda und die Zeit der Dolce Vita
von Maike Albath
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 25,00

1 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Warum quakt sie?, 3. Juni 2014
Warum quakt sie im Radio immer so? Ein phonologisches Phänomen, welches schwerlich zu erklären ist. Es bedürfte einer logopädischen Behandlung.

Noch auffälliger als das Quäken ist die Tatsache, daß die Moderatorin das geschlossene E als offenes E ausspricht, also z. B. statt: Der Wert der Ehre sagt: Der Wärt der Ähre; und dann das ä auch noch übertreibt. In Wörtern, die ohnehin ein ä enthalten, übertreibt sie dieses noch extra.

Wir können also vom Quaken und Quäken sprechen, und ich früge mich nach einer soziolinguistischen Interpretation dieses Phänomens. (Deutsch nicht Muttersprache? Hörschwäche? Unmusikalität? Später Spracherwerb? Bildungs- und sprachfernes Milieu? Infantilismus? Als Kind zuviel Mickey-Maus-Filme gesehen?)

Maike Albath ist allerdings mitnichten die Einzige, sie steht lediglich, zusammen mit Charlotte Roche, an der Spitze der phonetischen Vermickeymausung der dt. Gesellschaft. Auch offiziöse Sprecherinnen der ARD, selbst in der Tagesschau, verwechseln mittlerweise das geschlossenen E mit dem offenen.

Man stelle sich vor: Ein Dialog zwischen Mickey Maus und Daisy Duck, synchronisiert von Charlotte Roche und Maike Albath. Perfekt!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 4, 2014 11:31 AM MEST


Die Zerstörung der deutschen Literatur: Und andere Essays
Die Zerstörung der deutschen Literatur: Und andere Essays
von Walter Muschg
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 32,90

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Literaturkenner mit tragischem Lebensgefühl, 10. Januar 2010
Wo kann man lernen, wie man sich sachkundig und kritisch mit moderner Literatur auseinandersetzt? An deutschen oder amerikanischen Universitäten jedenfalls nicht. Angesichts von »Women Studies«, »Peace Studies«, »Gender Studies« und ähnlichen Orgien der Political Correctness fällt die kritische Orientierung schwer. In Deutschland ist es die sogenannte Literaturwissenschaft oder »Neuere Deutsche Literatur«, die in ihrem Ganovenjargon den Blick auf die Literatur vernebelt. Überhaupt wird in diesem Milieu kaum Literatur gelesen, fast nur Sekundärliteratur. In der Germanistik wird kein Deutsch mehr gesprochen, sondern ein selbstgeschaffenes Volapük.

In dieser Situation kommt der ambitionierten Neuausgabe der Schriften von Walter Muschg besondere Bedeutung zu. Der aufrechte antifaschistische Schweizer Politiker und hochgebildete Literaturwissenschaftler, Halbbruder von Adolf Muschg, hat mit der »Tragischen Literaturgeschichte« sein Hauptwerk vorgelegt. Der Diogenes Verlag hat sie vor einiger Zeit herausgebracht und veröffentlicht nun »Die Zerstörung der deutschen Literatur« als eine Art Fortsetzung. Der neue Band umfaßt die gleichnamige 1956 erschienene Essaysammlung, ergänzt durch Aufsätze über Trakl, Hofmannnsthal, Döblin, Brecht u. a.

Schon die Titel der Hauptwerke von Muschg spiegeln sein tragisches Lebensgefühl. Die Zerstörung der geistigen Traditionen in Europa schien den Eindgenossen darin zu bestätigen. Muschg konstatiert die »Verschüttung einer ganzen geistigen Generation« (S. 14); er meint damit die Generation der kurz vor 1900 Geborenen, die durch den Faschismus in ihrer Entwicklung behindert, wenn nicht verfemt und ermordet wurden. »Die dominierende Rolle, die Thomas Mann nach Kriegsende noch einmal spielte, ist nur damit zu erklären, daß die im Ersten Weltkrieg erwachte Dichtergeneration mit Gewalt zum Schweigen gebracht worden war.« (S. 13) Es ist eine Schrift der Verzweiflung und des Mutes, nicht nur ein literarhistorisches, sondern auch ein menschliches Dokument.

Der existentielle Ernst und die Wucht seiner Essays erregten den Eindruck, als sei es Muschg um nichts weniger als um die Rettung des Abendlandes gegangen. Besonders ausführlich setzt er sich mit Alfred Döblin auseinander. Dem immer noch unterschätzten Klassiker der Moderne gilt seine besondere Bewunderung und Einfühlung. Aber auch die Abneigungen von Muschg sind interessant. »Der im Sommer 1956 gestorbene Berliner Spezialarzt Dr. Gottfried Benn, der nebenher sehr schöne Gedichte schrieb, hat der literarischen Welt Rätsel aufgegeben, mit denen sie nicht fertig wurde.« (S. 156) Hier wird er sardonisch; er kam, Caesar zu beerdigen, nicht zu preisen.

Glanzstücke des Bandes sind die Essays über Goethe, dessen Entwicklung Muschg kongenial nachzeichnet. Man kann viel lernen aus diesem neuen Band des Diogenes Verlages. Muschg führt vor, wie man sich kritisch und angemessen mit moderner Literatur auseinandersetzt, wie man echtes Textverständnis erwirbt und wie man ein literarisches Werk in seinen Zeitbezug einordnet. Das Buch kann allen Literaturinteressierten ans Herz gelegt werden, besonders Dozenten und Studenten der sogenannten Literarturwissenschaft. Hier können sie lernen, wie man es wirklich macht.


Noblesse oblige: Die Kunst, ein adliges Leben zuführen
Noblesse oblige: Die Kunst, ein adliges Leben zuführen
von Christine Gräfin von Brühl
  Gebundene Ausgabe

7 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mit naivem Charme geschrieben, 24. Juni 2009
Gräfin Brühls Buch »Noblesse Oblige« ist eine lohnende Lektüre, und man darf die Prophezeiung wagen, daß es ein vielzitiertes Werk werden wird. Der Titel fordert zum Vergleich mit Nancy Mitfords gleichnamigem Aufsatz heraus, in dem die berühmte Unterscheidung zwischen U und Non-U (upper class und non upper class) formuliert wurde.

Wörter wie »Flieger« (für: Flugzeug) und »Schatz« (für: Liebling), die Gräfin Brühl hier verwendet, sind jedoch ausgesprochen Non-U, und nur mit Mühe kann man sich vorstellen, daß sie vom Adel verwendet werden. Es handelt sich wohl um Lapsus.

Wer im Hochadel verkehrt, wird aus dem Buch nichts Neues erfahren, wer aber noch nie einen Fuß in diese Welt gesetzt hat, für den ist Gräfin Brühls amüsant zu lesende Monographie ein guter Einsteig.

Besonders eignet sich das Brevier für Trivialroman-Autoren, die im Hochadel spielende Schmonzetten schreiben wollen und sich hier ein wenig informieren können.

Interessant wäre es auch gewesen, etwas über den Unterschied zum italienischen, englischen oder französischen Hochadel zu hören. Aber Gräfin Brühl ist ja noch jung und wird sicher noch weitere Bücher schreiben.

Die Vor- und Nachteile des Adelslebens werden in diesem gut zu lesenden Werk evident: Ein gutes Netzwerk auf der einen Seite, gesellschaftliche und geistige Beschränktheit auf der anderen. Man ist also besser dran, wenn man etwa eine hochadlige Mutter hat und einen Vater, der zum Geld- oder Geistesadel gehört, als wenn man außschließlich im Jagd- und Traditionsmilieu des Hochadels lebt.


Die Abdankung: Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen
Die Abdankung: Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen
von Lothar Machtan
  Gebundene Ausgabe

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Götterdämmerung des Kaisers und der deutschen Fürsten, 28. November 2008
Der Bremer Historiker Lothar Machtan hat eine interessant zu lesende Geschichte der Abdankung des deutschen Kaisers und der Fürsten nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben. Dies ist eine etwas einseitige, aber spannend zu lesende Monographie. Nach seiner Auffassung waren die Fürsten alle eine Fehlbesetzung, nicht in der Lage, Führungspositionen einzunehmen und ebenso wenig ihre Rolle uns Situation zu reflektieren.

Besonders hart geht Machtan mit den Fürsten ins Gericht, weil sie nach seiner Auffassung kein Gefühl für die Leiden und Entbehrungen der Bevölkerung während des Krieges gezeigt hätten.

Man kann Machtans antiaristokratischen Furor auch dann bewundern, wenn man die Monarchie für die bessere Regierungsform hält. Eine Reflexion über größere historische Zusammenhänge bliebt in diesem Buch allerdings ausgespart. Sonst hätte der Verfasser sich wohl mit dem Gedanken anfreunden müssen, daß es niemals zum National-Sozialismus gekommen wäre, wenn der Kaiser und die Fürsten nach dem Ersten Weltkrieg an der Regierung hätten bleiben können.

Falls ich mir eine kleine Ergänzung erlauben darf: Der angebliche Ausspruch des sächsischen Königs bei seiner Abdankung (»Macht Euren Dregg alleene!«) ist einer der Aufhänger dieses Buches. Die Anekdote reflektiert sehr schön das liebenswerte Naturell dieses Königs. Tatsächlich jedoch hat es sich wohl anders zugetragen: Die Minister, die dem König die Unterschrift unter der Abdankungsurkunde abringen wollten, waren erstaunt, wie leicht der Monarch sich dazu herbeiließ. Als sie mit der unterschriebenen Urkunde ins Kabinett zurückkamen, sagte einer: Das war sehr einfach, es hätte nur noch gefehlt, daß der König sagt: »Macht Euren Dregg aleene!«
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 29, 2013 4:04 PM CET


Kopf schlägt Kapital. Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen. Von der Lust, ein Entrepreneur zu sein.
Kopf schlägt Kapital. Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen. Von der Lust, ein Entrepreneur zu sein.
von Günter Faltin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

32 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sind wir Künstler die besseren Unternehmer?, 29. September 2008
Vergessen Sie alles, was Sie über Unternehmensgründungen zu wissen glauben. Wer den 39. Copy-Shop aufmacht oder das 48. Versicherungsbüro, muß sich nicht wundern, wenn er sich zwischen mangelnden Aufträgen, Personalproblemen und Steuern zerreibt. Es wird kaum wahrgenommen, dass es auch Gründungen gibt, bei denen der Schwerpunkt auf einer ausgefeilten Idee liegt. »Nicht die Ressourcen, sondern das Konzept gibt den Ausschlag«, sagt Günter Faltin, Professor für Entrepreneurship und selbst Unternehmensgründer, in seinem neuen Buch.

»Kopf schlägt Kapital« ist humorvoll und gut nachvollziehbar verfasst. Der Autor illustriert seine Thesen mit einer Reihe von überraschenden Beispielen; er zeigt Gründungen, denen ein ausgefeiltes »Entrepreneurial Design« (Ideenkonzept) zugrunde liegt, und bei denen einige einfache, radikal angewandte ökonomische Prinzipien zu erstaunlichen Erfolgen geführt haben. Paradebeispiel ist die »Teekampagne«, die Faltin selbst vor mehr als zwanzig Jahren gegründet hat und die mit dem Verzicht auf Großpackungen, Ausschaltung des Zwischenhandels und Beschränkung auf eine einzige Teesorte zum Marktführer wurde.

Das Buch ermutigt alle, die immer noch glauben, viel Kapital und Betriebswirtschaft seien unabdingbare Voraussetzungen zur Unternehmensgründung. Zwischen High-Tech-Gründungen und Selbständigkeit gibt es einen Bereich, konzept-kreative Gründungen, der eigentlich der vielversprechendste ist: »Erfolgreiche Unternehmen entstehen im Kopf«, behauptet Faltin und charakterisiert sie als »Ideengebilde«, bei denen die Qualität des Ideenkonzepts über den Erfolg entscheidet. In der Zeit des Internet und leicht abrufbarer Dienstleistungen könne man Unternehmen wie ein Puzzle aus verschiedenen Komponenten zusammensetzen. Es reiche sogar schon, Vorhandenes neu zu entdecken, neu zu kombinieren und daraus ein, wie Faltin es nennt, »Ideenkunstwerk« zu schaffen. So treten die Idee und die Persönlichkeit des Gründers in den Vordergrund, nicht Konvention und Kapital. Unsere Ideen und ein bißchen Konsequenz sind viel mehr wert als wir glauben. »Kopf schlägt Kapital« könnte die Vorstellung von Unternehmertum für unsere Zeit neu formulieren.


Tragische Literaturgeschichte
Tragische Literaturgeschichte
von Walter Muschg
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein prachtvoller Gobelin, 14. September 2007
Die »Tragische Literaturgeschichte« von Walter Muschg könnte auch heißen: »Orphische Dichtergeschichte«. Der Autor stellt die Figur des Dichters ganz ins Zentrum seines Buches. Der Dichter ist ein Archetypus und kommt nach Muschg vor allem in der Version des Magiers, Sehers oder Sängers vor. In eine dieser drei Kategorien oder eine weitere Unterkategorie läßt sich jeder Dichter einordnen; manche gar in mehrere und Goethe in alle.

Tragisch ist der Dichter, weil er orphisch ist, d. h. ohne den Weg in die Schattenwelt, die Welt des Todes, angetreten zu haben, ohne den Versuch gemacht zu haben, dem Totenreich die Liebe zu entringen, ist niemand ein Dichter. Daß es nicht gelingen kann, daß Eurydike stets an der Schwelle zurückgerufen wird, macht das Tragische des Dichters aus.

Von diesem Grundgedanken ausgehend, knüpft der Autor einen reichen Gobelin. Vier Jahrtausende abendländischer Geistesgeschichte ziehen in Anekdoten, Beispielen und Betrachtungen am Leser vorbei, der bald begreift, es hier nicht so sehr mit einem Werk der Literargeschichte als mit einem Dichtwerk zu tun zu haben. Berechtigterweise hat der Autor gewisse Lieblinge. Die griechische und die deutschsprachige Dichtung genießen Vorzug, am Rande kommen Racine und Corneille vor. Proust, Pepys, Saint-Simon, Boswell usw. werden nicht genannt, dafür erfährt man viel über Goethe und Grillparzer. Aber es geht gar nicht so sehr um einzelne Biographien als um das Typische, den Gehalt des Dichterlebens, das in ihnen liegt. Ausführlich behandelt Muschg zudem die Soziologie des Dichterlebens, seine Verstrickung in Gesellschaft, Ökonomie und Politik.

Das Werk des Schweizer Autors erschien direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Offenbar wollte Muschg der Zerstörung des Abendlands eine große Bestandsaufnaheme ihres Erbes entgegensetzen. Der Diogenes Verlag hat einen photomechanischen Nachdruck der zweiten, ergänzten Auflage veranstaltet; eine Lektüre in wunderbarem Deutsch, ein in jeder Hinsicht wertvolles Buch.


Die verborgene Existenz des William Shakespeare
Die verborgene Existenz des William Shakespeare
von Hildegar Hammerschmidt-Hummel
  Gebundene Ausgabe

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Gretchenfrage der englischen Literatur, 16. April 2007
Die historische Königin Elisabeth ließ Katholiken verfolgen. Sie unterschied sich darin nicht sehr von ihrer Amtsvorgängerin und älteren Schwester Maria der Katholischen (»Bloody Mary«), unter der zahlreiche Protestanten den Märtyrertod starben. Hildegard Hammerschmidt-Hummel behauptet nun, der große Dichter des Elisabethanischen Zeitalters sei heimlicher Katholik gewesen, habe Kontakte zur verbotenen jesuitischen Missionsbewegung in England unterhalten, sei ergo ein Feind der Krone und Anhänger Spaniens und des Papstes gewesen und habe sich im Untergrund engagiert, indem unter Einsatz von Leib und Leben verfolgten katholischen Priestern half.

Mit diesem Buch hat sich der seit zweihundert Jahren familieneigene Herder Verlag ein originelles Geburtstagsgeschenk gemacht. Als international renommierte Shakespeare-Expertin war Frau Hammerschmidt-Hummel bereits die Entdeckung eines inzwischen allgemein für authentisch gehaltenen Shakespeare-Portraits gelungen. »Germans put a face to Shakespeare« titelte die Sunday Times im März 1998. Ein Jahr später erregte sie mit ihrem Buch 'Das Geheimnis um Shakespeares »Dark Lady«' Aufsehen, in dem sie die Adressatin von einigen Sonetten des Dichters namhaft machen konnte. Nun hat sie Shakespeare neue, katholische Vita geschrieben, nach der der Dichter in einem streng katholischen Elternhaus entstammte, in Frankreich ein nach jesuitischem Modell geführtes College besuchte und später als Privatlehrer in einem katholischen Adelshaus lehrte. Glaubt man der sehr engagiert argumentierenden Autorin, so stand Shakespeare als hochrangiges Mitglied auf der Gehaltsliste der katholischen Geheimorganisation Hoghtons.

Besonders typisch für diese Enthüllungsautorin auf hohem Niveau ist auch, daß sie eine Erklärung für jene »Lost Years« von 1585 bis 1592 findet, die uns seit vierhundert Jahren Kopfschmerzen bereiten: Der Dichter unterhielt Kontakte zu englischen Exilkatholiken auf dem Kontinent und war selbst mindestens drei Mal in Rom.

Und damit haben wir auch eine Erklärung dafür, warum aus Shakespeares Leben bislang so wenig bekannt war, dass viele Leser schon vermuteten, seine Stücke seien nicht von ihm, sondern von Francis Bacon, Lord Chandos, Lord Burghley oder gar von der Queen selbst: Er brachte einen großen Teil seines Lebens mit verbotenen, geheimen Aktivitäten zu.

Hammerschmidt-Hummel ist eine brillante Anwältin, die einen reinen Indizienprozeß führt. Das Gesamtbild überzeugt durchaus, aber keines der akribisch zusammengetragenen Details würde für sich genommen etwa eine Verurteilung Shakespeares durch die Katholikenschlächter der Königin nach sich ziehen.

So bleibt die Frage »Hat er oder hat er nicht?« im wahrsten Sinne des Wortes eine Glaubensfrage. Es ist die Gretchenfrage der englischen Literatur.


Schönheit
Schönheit
von Hannelore Schlaffer
  Broschiert

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schönheit ist eine Geste, 16. April 2007
Rezension bezieht sich auf: Schönheit (Broschiert)
»Kleidung ist nie zufällig«, betont James Laver in seinem Buch »Modesty in Dress«. »Sie bedeutet immer etwas.« Und Gianni Versace meinte: »Unser Äußeres ist unsere Botschaft, eine öffentliche Deklaration.« Im Heimatland der Innerlichkeit jedoch wird solchen Phänomenen der Alltagskultur von jeher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. So kennt auch die zeitgenössische deutsche Literatur keinen Essay, der sich so ambitioniert mit der Alltagskultur auseinandersetzte, wie etwa Toby Fischer-Mirkins 1995 in New York erschienene Abhandlung »Dress Code«.

Immer noch wird man zwischen Rostock und Freiburg täglich an das Wort des Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz erinnert: »Seht euch diese Typen an!« Und noch immer tun die Achtundsechziger und ihre Epigonen so, als gebe es zwischen Barbarei und Zivilisation einen Dritten Weg. Doch auch hier erweist sich "der deutsche Sonderweg als der Holzweg", wie die Philosophiehistorikerin Peggy Cosman einmal sagte.

Hannelore Schlaffer hat mit ihrem scharfsinnigen Essay unter dem schlichten Titel 'Schönheit' ein Plädoyer für Alltagskultur in einem Land abgegeben, das nach wie vor am Erbe seiner barbarischen Vorfahren krankt. Ihre lakonisch vorgetragenen Analysen treffen ins Herz der bundesdeutschen dressed-down-Kultur. Die Autorin distanziert sich von der links-alternativen oder feministischen Verdammung alles Schönen und zeigt echtes Erbarmen mit der paradoxen Situation der Frau von heute: »Frauen tun alles, um unschön auszusehen ... und hungern doch und leiden für ein Aussehen, das nach nichts aussieht.... Heute muß die emanzipierte Schöne so tun, als sei sie sich zu gut für jedes Kompliment.... Um Schönheit druckst man heute nur herum.«

Schlaffers Theorie richtet sich gegen Ästhetik-Seminare in unästhetischen Räumlichkeiten. In ihrem ebenso amüsanten wie besinnlichen Bändchen huldigt sie der Schönheit der Dichter, nicht jener der Philosophen: »...es ist die Schönheit Homers, nicht die Platons«. Zugleich ist ihr Essay (etwa in der ikonographische Analyse Bill Clintons) ein ernstzunehmender Beitrag zur immer noch unterbelichteten Mode-Semiotik.

Die Autorin nennt mit großem Understatement ihre Arbeit eine »dürftige Skizze«, doch sie schüttelt treffliche Bonmots wie nichts aus dem Ärmel. Oft gewinnen ihre Bemerkungen subtilen Witz aus einer raffinierten Untertreibung: »Die Nachwelt hat die ideelle Nacktheit mit der anatomischen verwechselt. Deren Armseligkeit, die nur die Liebe zu akzeptieren vermag, wirkt, ausgestellt in aller Öffentlichkeit, erschreckend unschön - gelinde gesagt!«

In höflichen Worten, aber doch kompromißlos, betont die Autorin demgegenüber in einer soziologischen Lesart die unumstößliche hierarchische Bedeutung dessen, was wir Schönheit nennen: »Schönheit ist der Zustand der Annäherung an die Macht; der Preis, der zu zahlen ist, damit man in ihre Aura eintreten darf.« Es ist fast schon gefährlich, dergleichen in Deutschland zu bekennen. Noch immer würgen wir an Hitlers schlimmster Erbschaft, der »Volksgemeinschaft«. Die Egalité wurde zur Gleichmacherei entwürdigt.

Frau Schlaffer lehrt »Literaturwissenschaft« an der Universität, doch der Gangsterjargon des akademischen Milieus stößt nur selten aus ihrer Abhandlung auf. Vielmehr vereint sie Kulturhistoriographie mit treffliche Alltagsbeobachtungen und kommt zu verblüffenden Erkenntnissen: »Mitten durch Europa läuft eine Grenze der Schminkkultur.«

Tatsächlich kann man eine Bestandsaufnahme des Schönheitsbegriffs nicht leisten, ohne die Religionsgeschichte zu berühren. Und ohne es auszusprechen, streift die Essayistin auch jenen konfessionellen Gegensatz, der Europa nun ein halbes Jahrtausend geprägt und gespaltet hat. Denn die Grenze der Schminkkultur, die mitten durch Europa läuft, ist keine andere als jene Demarkationslinie zwischen den beiden Konfessionen. Diese Schmink- und Glaubensgrenze läßt sich sogar in Deutschland verfolgen; sie läuft mitten durchs Land.


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