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Beiträge von M. Thomas
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Rezensionen verfasst von M. Thomas "M. Thomas"
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4.0 von 5 Sternen
Zeit der Revolutionen, 19. Mai 2013
Mommsens viertes Buch über die römische Geschichte beschreibt die Zeit der Revolutionen, beginnend im Jahren 146 v.Chr. und endend mit dem Tode Sullas 79 v.Chr. „Mit der Vernichtung des Makedonischen Reichs ward die Oberherrlichkeit Roms eine Tatsache…“. Auf den unterworfenen Völkern lastete der „ganze Druck der Unabhängigkeit“. Überall im Römischen Reich gärte es, Aufständen und Rebellionen brachen aus. In Spanien scharte ein gewisser Viriathus um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts eine Mannschaft um sich, die über Jahre hinweg die römischen Truppen in Atem hielt. Nur mit Mühe gelang es, die Lage unter Kontrolle zu behalten. Der römische Militärdienst in Spanien war bald verhasst. In Afrika drängte der alte Cato auf die Vernichtung Karthagos. Auch die römischen Kaufleute profitierten von der Beseitigung der Konkurrenz. Scipio Aemilianus, dem Enkel der Siegers von Zama, fiel die Aufgabe zu und nach anfänglichem Zögern machte er die Stadt dem Erdboden gleich. Afrika war fortan eine römische Provinz. Auch in Asien braute sich ein Sturm zusammen. Makedonien war römische Provinz, aber ein neuer Gegner wuchs heran: die Parther. „Die Welt hatte wieder zwei Herren“, schreibt Mommsen. Aber noch war die Zeit nicht gekommen, in der die Parther Rom eine der schmerzlichsten Niederlagen beibringen werden. In Rom selbst machten sich die Missstände der Oligarchie (Stimmenkauf, Ämterfilz, Dominanz weniger Familienclans) bemerkbar. Mommsen resümiert nach dem ersten Kapitel: „Wohin man den Blick auch wendet, findet man Roms innere Kraft wie seine äußere Macht in raschem Sinken … Das Weltregiment, schwer zu erringen, ist schwerer noch zu bewahren; jenes hatte der römische Senat vermocht, an diesem ist er gescheitert“. Die Ursachen des Niedergangs des Bauernstandes hatte Mommsen bereits im dritten Band beschrieben. Auch die römische Mittelschicht war im Niedergang begriffen. Die Sklaven probten den Aufstand. In dieser Situation unternahmen es zwei Brüder aus dem Geschlecht der Cornelier, den Staat zu reformieren: Tiberius und Gaius Gracchus. Als Volkstribunen verteilten sie Ackerland an weniger Begüterte, gründeten neue Kolonien außerhalb Italiens und setzten den Getreidepreis drastisch herab. Mommsen nennt den Zweck heilsam, die Mittel aber unbillig. „Tiberius Gracchus … der im besten Glauben, das Volk zu rufen den Pöbel beschwor“. Gaius Gracchus strebte gar das „unumschränkte Volkstribunat auf Lebenszeit“ an. Tiberius wurde von der aufgewiegelten Menge erschlagen, sein Bruder kam Jahre später der aufgebrachten jeunesse doree zuvor indem es sich selbst tötete. Die Restauration machte viele Reformen rückgängig, nicht jedoch die Getreideversorgung des Proletariats. Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts drängten Kimbern und Teutonen aus dem Norden gen Süden. Der Bauernsohn Marius, der sich bereits im Kampf gegen den numidischen König Jughurta bewährt hatte, besiegte die Nordmänner und wurde als dritter Romulus und zweiter Camillus gefeiert. Seine Heeresreform, die den Truppen auch den berühmten silbernen Adler brachte, schuf neben dem Bürgerstand auch den Heerstand. Auch innerhalb Italiens rumorte es. Die Völker, die mit Rom einen Bund geschlossen hatten, verlangten das volle römische Bürgerrecht. Ihnen waren viele Pflichten auferlegt, doch blieben Ihnen die Ämter des Magistrats verschlossen. Nach langem Kampf wurde der Aufstand niedergeschlagen, doch das Bürgerrecht wurde peu-a-peu eingeführt. Allerdings zahlen die eingemeindeten Völker einen hohen Preis: Sie gaben ihre nationale Identität (Sprache, Sitten) auf und wurden assimiliert. Heute sind nur noch wenige Reste etwa der etruskischen Kultur erhalten. Der Bürgerkrieg in Italien hatte die drohende Gefahr im Osten in den Hintergrund gedrängt. König Mithradates VI hatte sein Königreich Pontos um Armenien, Kappadokien und große Teile der Schwarzmeerküste ausgedehnt, ja er hatte sogar die Hand nach Hellas ausgestreckt. Rom musste handeln. In der ohnehin schwierigen Lage stritten der aufstrebende Reiteroffizier Lucius Cornelius Sulla und der altgediente Marius um den Oberbefehl. Eine friedliche Einigung war unmöglich. Die Entscheidung fiel als Sulla mit seinen Truppen Rom besetzte und dem Senat seinem Willen aufzwang. In einer Gegenreaktion wählten die Bürger Sullas Gegner, den Popularen Cinna, zum Konsul. Sulla ging der Konfrontation aus dem Wege und zog mit seinen Truppen gegen Mithradates in den Krieg. In Asien siegte er zunächst gegen die Armee des Mithradates, dann gegen die römischen Regierungstruppen Cinnas. Cinna regierte unterdessen in Rom diktatorisch und richtete unter den Optimaten in Rom Blutbäder an. Sein Militäradjutant war Marius. Nachdem Sulla aus Asien zurückgekehrt war, besiegte er den politischen Gegner und regierte ebenfalls diktatorisch. Ziel der Sullaschen Diktatur war die Durchführung von dringend notwendigen Staatsreformen, die das Überleben der Republik ermöglichen sollten. Er ordnete den Senat und die Ämterlaufbahn neu und schaffte die Rittergerichtsbarkeit ab. Mommsen nennt die Reform „…von ungemeinem und dauerndem Nutzen …“. Nicht verschwiegen werden darf die von Sulla erstellten und geduldeten Todeslisten mit den Namen der für vogelfrei erklärten. Deshalb bleibt „ein finsterer Schatten auf dem Andenken des Urhebers der Proskriptionen“. Nachdem er seine Reformen umgesetzt hatte, legte Sulla die Diktatur nieder, zog sich ins Privatleben zurück und starb kurze Zeit später. Er, dem „nichts ferner lag, als planmäßiger Ehrgeiz“, betrachtete das Glück als seinen treuesten Begleiter. Sein Beiname lautet Felix, der Glückliche. Mommsen bezeichnet diese Epoche der Revolutionen als die „ruhmloseste, die die römische Geschichte kennt“. „Es war keine zufällige Katastrophe, der Vaterlandsliebe und Genie hätten wehren können; es waren uralte soziale Schäden, im letzten Kern der Ruin des Mittelstandes durch das Sklavenproletariat, an denen das römische Gemeinwesen zugrunde ging.“ Die Zeit der Republik sollte nach einer kurzen Phase des Aufbäumens zu Ende gehen. Gaius Gracchus, Marius, Cinna und Sulla hatten gezeigt, wie „souveräne Machthaber“ den Staat zu lenken vermochten. In Rom gewannen der Geldhandel und die „verkommene hellenische Zivilisation“ die Oberhand. Man lebte mondän; ausgefallene Tierhatzen, prunkvolle Villen und üppige Essen kamen in Mode. Neben der Ausbreitung der lateinischen Sprache verbreitete sich das Vulgärgriechisch der Sklaven. Mommsen kritisiert die „oberflächliche musische Bildung der Hellenen“ in den Patrizierhäusern. Im Schauspiel fanden zunächst Plautus derbe Komödien, nach griechischem Vorbild, Gefallen beim Publikum. Ihm folgten die bürgerlichen Schauspiele des Terenz. Epos und Trauerspiel verkümmerten. Die atheistisch, griechische Philosophie fand immer mehr Anhänger in der Bildungsschicht und drängte die römische Religion zurück.
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4.0 von 5 Sternen
"…dass ich niemals einem Menschen Unrecht getan oder ihn herabgesetzt habe…", 12. Mai 2013
Mit dem Namen Sokrates verbinden viele Menschen das Sinnbild der Philosophie schlechthin. Der Sohn eines Bildhauers und einer Hebamme wurde 469 v.Chr. in Athen geboren und schied im Jahre 399 v.Chr. durch einen Gifttrank aus dem Leben. Da er keine Werke hinterlassen hat, sind wir auf die schriftlichen Zeugnisse seiner Schüler und Zeitgenossen angewiesen, um sein Leben und Wirken zu beurteilen. Die ausführlichsten Darlegungen hat uns sein Schüler Platon hinterlassen. Allerdings ist die Trennung des platonischen vom sokratischen Gedankengut nicht einfach. Platon ebenso wie Aristoteles hat das philosophische Werk des Atheners beschrieben. Xenophon, der ebenfalls ein Schüler Sokrates war, verdanken wir dagegen einen Blick auf den ganzen Menschen. Nach den Worten Peter Jaerischs bietet Xenophons Darstellung sogar den leichteren und bequemeren Zugang zum Menschen Sokrates. Sokrates wurde in einer Zeit geboren, in der das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur, Mensch und Polis, Mensch und Götter problematisch, „fragwürdig“ wurde. Da er sich der menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten sehr wohl bewusst war, hielt er den Gesprächspartnern den Spiegel vor Augen und zeigte denen, die sich ihres Wissen brüsteten, wie wenig sie in Wirklichkeit wussten. Berühmt geworden ist seine Art, durch Fragen die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Der Vergleich mit der Hebammenkunst ist treffend. Auf die Frage, warum er Fragen stelle, aber diese nicht beantwortete, entgegnete er: „Wenn ich es auch nicht mit Worten kundtue … dann doch durch mein Tun. Oder scheint dir nicht das Handeln ein besserer Beweis zu sein als die Darlegung in Worten?“ „Immer wieder habe ich mich darüber gewundert, durch welche Gründe denn eigentlich die Ankläger des Sokrates die Bürger von Athen davon überzeugt haben mögen, dass er des Todes um den Staat schuldig sei“. Mit diesen Worten beginnen die Memorabilien Xenophons. Nicht nur Xenophon auch viele seiner Zeitgenossen waren sich über das harte Urteil erstaunt, da „er doch fortwährend nicht anderes getan habe, als Recht und Unrecht zu untersuchen sowie recht zu handeln und sich vom Unrecht fernzuhalten“. Trotz seiner einfachen und bescheidenen Lebensführung wurde Sokrates angeklagt und zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt. Jaerisch sieht seiner Auflehnung gegen die bürgerliche Ordnung einen Grund, der ihn beim Establishment verhasst machte. Wie lautete die Anklage gegen Sokrates? Den ersten Anklagepunkt, die Götter nicht anerkannt und geachtet zu haben, weist Xenophon zurück und verweist darauf, dass Sokrates den Göttern geopfert habe und die Deutung der göttlichen Zeichen verstand. „So tat gerade er stets alles in voller Öffentlichkeit … niemand konnte jemals Sokrates etwas Gottloses oder Unheiliges tun sehen oder reden hören.“ Er glaubte an eine „schöpferische Vernunft“, die für Ordnung sorgt und den Menschen ihren Willen durch Zeichen offenbart. Die Wissenschaft hielt er für sinnvoll, sofern sie dem Menschen nützlich ist. Er sprach über menschliche Dinge, nicht jedoch über Götter und Kosmos, weil diese nicht ergründbar seien. Weiterhin wurde Sokrates vorgeworfen, die Jugend zu verführen. Xenophon stellt das tugendhafte Verhalten des Sokrates dagegen: „… er lebte so sparsam, dass ich nicht weiß, ob jemand durch seine Arbeit verdienen könnte, um nicht das zu erwerben, was Sokrates zum Leben genügte. An Speise nahm er nämlich nur so viel zu sich, wie es ihm schmeckte … auch jedes Getränk war ihm angenehm, da er nur trank, wenn er Durst hatte“. Sokrates spornte seine Schüler an, seinen Taten zu folgen. Geld nahm er von seinen Sprösslingen nicht, denn „wer von einem jeden Geld nehme, mache diesen zum Herrn über sich und diene in einer Knechtschaft, die überaus schimpflich sei“. Sokrates wurde vorgeworfen, dass seine Schüler Kritias und Alkibiades dem Staat als Tyrannen Schaden zugefügt hätten. Xenophon berichtet, dass beide die Nähe des Sokrates suchten, um von Sokrates das Reden zu erlernen. Solange sie unter dem Einfluss von Sokrates standen, seinen sie besonnen und einsichtig gewesen. Nachdem Sokrates den Kritias zurechtwies und verhöhnte, wurde aus Zuneigung Hass und beide begannen ihr schädliches Handwerk. Auch der Vorwurf, Sokrates hetzte die Söhne gegen die Väter auf, trifft laut Xenophon nicht zu. Wahr sei zwar, dass die Schüler durch den Umgang mit Sokrates ihr Wissen erweiterten und dass ihre Väter von diesem Wissen profitieren könnten, doch verlangte er Gehorsamkeit der Kinder gegenüber den Eltern. Als Sokrates bemerkte, dass sein ältester Sohn sich ungehörig gegen seine Mutter betrug, wies er den jungen Mann zurecht: „Also, mein Sohn, sofern du verständig bist, dann wirst du die Götter bitten, dir zu verzeihen, wenn du irgendwie deiner Mutter die notwendige Achtung versagt hast …“. Die Freundschaft hielt Sokrates für einen kostbaren Besitz, welcher der ständigen Pflege bedürfe. Um gute Freunde zu gewinnen muss man aber selbst in Wort und Tat ein guter Mensch sein. Gefahren sollte man meiden und sich in Liebesdingen „von den Schönen fernzuhalten; denn es sei nicht leicht, so sagte er, sich mit ihnen einzulassen und doch besonnen zu bleiben“. Wichtig erschien ihm die Selbsterkenntnis. Mit Blick auf die Inschrift am Tempel zu Delphi „Erkenne dich selbst“ forderte er seine Zuhörer zum Nachdenken auf: „… wer um seine Fähigkeiten nicht weiß, der kennt auch sich selbst nicht … Wer aber seine eigenen Fähigkeiten nicht kennt und sich darüber täuscht, dem ergeht es mit den anderen Menschen und den sonstigen menschlichen Angelegenheiten in ähnlicher Weise; und er weiß nicht was ihm vonnöten ist, und auch nicht, was er treiben und mit wem er umgehen soll, sondern er begeht in alledem Fehler, er verfehlt das Gute und gerät in missliche Verhältnisse.“ Xenophon nennt bereits die Erinnerung an Sokrates einen Gewinn und bewundert die Gelassenheit, mit der er das Todesurteil annahm: „Du findest es sonderbar, wenn es Gott besser scheint, dass ich schon jetzt mein Leben beschließe? Weißt du nicht, dass ich bis auf den heutigen Tag keinem Menschen zugestehen würde, er habe besser und angenehmer als ich gelebt? Aus dem Munde dieses Mannes klingt es nicht überheblich wenn er sagt: „man wird immer Zeugnis für mich ablegen, dass ich niemals einem Menschen Unrecht getan oder ihn herabgesetzt habe“.
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"Wo das Ich sich erlebt, bedeutet es die Unmöglichkeit, armselig zu sein", 27. April 2013
Der Name Johann Gottlieb Fichtes ist untrennbar mit dem Deutschen Idealismus verbunden. Doch wie aktuell ist Fichtes „Wissenschaftslehre“ heute noch, fragt Günther Schulte in seiner Einleitung und antwortet ketzerisch: „Der Deutsche Idealismus scheint gründlich zu Ende“. Obwohl die Lehren Kants, Fichtes und Hegels großen Einfluss auf den Existentialismus und die zeitgenössische Philosophie der französischen Philosophen nahmen, werden Fichtes Werke kaum beachtet und selten gelesen. Ein Fehler meint Peter Sloterdijk und weist darauf hin, dass Fichtes Philosophie die „Würde der Subjektivität“ hervorhebe und der „Erweckung des ganzen Menschen“ diene. Obwohl der moderne Mensch sich „unendlich weit entfernt (hat) von dem idealistischen Opfer-Habitus, die Person als Medium einer überpersönlichen Vernunft zu verbrauchen“, sind die Gedanken vom autonomen Subjekt die Basis jeden Selbstwertgefühls: „Wo das Ich sich erlebt, bedeutet es die Unmöglichkeit, armselig zu sein“. Selbst wenn man seine philosophischen Auffassungen nicht teilt, muss man sein Freiheitstreben für ein vereintes Deutschland, zu einer Zeit als Preußen von Napoleon besiegt am Boden lag, würdigen. Predigtproben Günter Schultes Textauswahl beginnt mit zwei Predigten aus den Jahren 1791/1792. In der ersten Predigt hinterfragt Fichte die Pflicht zur Nächstenliebe. Auf die Frage, ob man auch sein Feinde lieben soll, antwortet er: „… es gereicht keiner Sittenlehre zur Empfehlung, Dinge zu fordern, die der menschlichen Natur widerstreiten“. Positiv bemerkt er, dass „das wenigste Böse in der Welt erweislich aus Bosheit … geschehe“. In der zweiten Predigt grenzt Fichte die Wahrheit gegen die Lüge ab. Als Richtschnur für das eigene Handeln und Denken führt er das Gewissen an. Er ist überzeugt, dass sich die Wahrheitsliebe „seiner eigenen Tugend nicht betrügen“ lasse. Er fordert auf, „sich nach den Vorschriften seines Gewissens unparteiisch zu prüfen“ und „nichts für sich erlaubt zu halten, was man nicht allen anderen stets und immer erlauben möchte“. Beiden Predigtproben merkt man die Handschrift Kants an. Versuch einer Kritik aller Offenbarung Die aus „politischen und schriftstellerischen Gründen“ anonym erschienene Schrift wurde zunächst Kant zugeschrieben. Kant selbst gab den Namen des Verfassers preis und Fichte wurde über Nacht zum gefeierten Mann. Fichte unterscheidet drei Religionsformen: Die Vernunftreligion, welche Gott („Architekten der Welt“) als moralischen Endzweck anerkennt, aber ihm keine Gunst erweisen will; Die Naturreligion, in welches Sinnenwelt und Pflicht in einem ständigen Kampfe begriffen sind und Die geoffenbarte Religion für rein sinnliche, triebhafte Naturen, deren Moral erst durch die Religion begründet wird. Zurückforderung der Denkfreiheit; Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution In den beiden Schriften postuliert Fichte freie, unveräußerliche Menschenrechte: „Der Mensch kann weder ererbt, noch verkauft, noch verschenkt werden; er kann niemandes Eigentum sein, weil er sein eigenes Eigentum ist, und blieben muss“. Die Völker fordert er auf, ihre Denkfreiheit nicht aufzugeben. Den Herrschern ruft er zu: „Fürst, du bist nicht unser Gott“. Er ermutigt die Menschen, nicht zu verzagen: „Der Mensch kann, was er soll, und wenn er sagt: ich kann nicht, so will er nicht“. Atheismusstreit Dem Idealismus wurde eine atheistische Haltung vorgeworfen. Fichte wies die Anschuldigung zurück, indem er auf Kants Sittengesetz verwies, welches die Existenz Gottes postuliert. Das endliche Ich kann die Unendlichkeit nicht umfassen: „Ihr könnt aus diesem Wesen die moralische Weltordnung ebenso wenig erklären, als ihr sie aus euch selbst erklären könnt; sie bleibt unerklärt und absolut wie zuvor …“. In der göttlichen Moralordnung wird vollbracht, „was jedes Mal die Pflicht gebeut … Unsere Pflicht ist’s, die in ihr (Moralgesetz) sich offenbart … Ich kann, denn ich soll“. Zweifel In seinem Werk ‚Die Bestimmung des Menschen’ äußert Fichte Zweifel: „Unmut und Angst nagte an meinem Innern … Du liebst dich nicht, denn du bist überhaupt nicht; es ist die Natur in dir, die für ihre eigene Erhaltung sich interessiert“. Wie einst Augustinus versinkt Fichte in einen inneren Dialog, um seine Gedanken zu ordnen und ein Fundament für sein Wissen aufzubauen. Das Ich ist sich des Sehens und Fühlens bewusst. Die Dinge außer mir sind nur Produkt meiner Vorstellungen. „Es gibt überall keine Dauerndes, weder außer mir, noch in mir, sondern nur einen unaufhörlichen Wechsel. Ich selbst weiß überhaupt nicht, und bin nicht. Was durch das Wissen, und aus dem Wissen entsteht, ist nur ein Wissen“. Der Glaube kann diesen Zirkel durchbrechen und verhindern ins „Leere hinaus zu grübeln und zu klügeln“. Fichte schöpft neuen Mut: „Ich bin durchaus mein eigenes Geschöpf“. Anweisung zum seligen Leben Fichte unterscheidet zwischen Sein (Leben) und Nicht-Sein (Tod). „Das Leben ist selber die Seligkeit“. Aber es gibt auch eine Mischform aus Leben und Tod, das scheinbare Leben („dass bei weitem nicht alles, was lebendig erscheine … lebe“). Nur Gott ist das eine, unveränderliche, ewige Leben. Gott, die „in sich selbst geschlossene Einerleiheit“, kann nur durch Denken begriffen werden. Hier nähert sich Fichte der Ansicht des Augustinus an. In Fichtes Gedichten findet sich der schöne Satz: „Nichts ist denn Gott, und Gott ist nichts denn Leben“. Reden an die deutsche Nation Die „fremde Gewalt (Frankreich)“, welche die Rechte der deutschen Bevölkerung beschneidet, lastet schwer auf Fichte. Ähnlich wie Heinrich Heine rüttelt er seine Landsleute auf, sich zu erheben: „… kein Mensch und kein Gott … uns helfen kann, sondern dass allein wir selber uns helfen müssen“. Er appelliert an den Zusammenhalt der Nation: „Ich rede für Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg, nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzend und wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen …“. Bildung und Erziehung für die breite Bevölkerung fordert er zur „Erschaffung einer ganz neuen Ordnung der Dinge“. Fichtes Absicht ist, „Mut und Hoffnung zu bringen in die Zerschlagenen, Freude zu verkünden in die tiefe Trauer, über die Stunde der größten Bedrängnis … die Morgenröte der neuen Welt ist schon angebrochen“.
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"Ich soll in meinem Denken vom reinen Ich ausgehen", 27. April 2013
Fichtes mathematisch logisch aufgebaute Wissenschaftslehre erinnert an Wittgenstein. Als „Erster, schlechthin unbedingter (und nicht beweisbarer) Grundsatz“ stellt Fichte die Gleichung A=A, was soviel bedeutet wie: ICH bin ICH, auf. Fichte erläutert: „Das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt: Das Ich ist, und es setzt sein Sein, vermöge seines bloßen Seins“. Anders als Descartes betrachtet Fichte das Denken gar nicht als wesentlich, „sondern nur eine besondere Bestimmung unseres Seins“. Das ICH ist gleichzeitig Subjekt und Objekt, Handelnder und Produkt, es IST „schlechthin“. Mit dem zweiten Grundsatz (-A nicht=A) schließt das ICH auf die Außenwelt (Nicht-Ich). Fichte beruft sich auf Kant: „…alles was ist, ist nur sofern, als es im Ich gesetzt ist; und außer dem Ich ist nichts“. Fichte ist sich des scheinbareren Gegensatzes Subjekt-Objekt, Körper-Geist bewusst: „Das Ich soll sich selbst gleich, und dennoch sich selbst entgegengesetzt sein … Das Ich ist im Nicht-Ich nicht gesetzt, insofern d.i. nach denjenigen Teilen der Realität …“. Fichte bezeichnet sein System als ‚kritische Philosophie’ (Idealismus), weil sich die Außenwelt dem „absoluten Ich als schlechthin unbedingt“ unterordnen muss. Die Dinge sind nur so, weil das Ich sie wahrnimmt. Anders die ‚dogmatische Philosophie’ (Realismus), die dem Ich das absolute Ding-an-sich gleichstellt. Die Welt existiert auch ohne das Ich. Anders formuliert: Unter Idealismus versteht Fichte die Rückführung der Erfahrung auf die Intelligenz, der Idealismus hat das „Ich-an-sich“ zum Objekt und fördert Freiheit, Selbständigkeit. Der Realismus unterliegt dem Zwang der Notwendigkeit, der Materie. „Die Intelligenz, als solche, sieht sich selbst zu“. Das sich selbst setzende Ich ist auch Ausgangspunkt allen Denkens und Handelns: „Ich soll in meinem Denken vom reinen Ich ausgehen … Wie andere denken, wissen wir nicht. … wie wir denken sollen, wenn wir vernünftig denken wollen, können wir finden“ und „Meine Kraft ist mein … ich kann aber nichts in ihr hervorbringen, als ihre Richtung … Die Richtung aber gebe ich ihr durch Freiheit“.
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"...dann hört das Überleben auf, dann beginnt das Leben", 11. April 2013
Jurek Beckers Roman ‚Jakob der Lügner’ zählt Elisabeth Borchers zum „Kanon der deutschen Literatur“, wie sie in der Einleitung zur Ausgabe der ‚Bibliothek des 20. Jahrhunderts’ schreibt. Dabei ist das Thema, über das Becker schreibt, sehr sensibel und mündet in jenes grausame Wort ‚Endlösung’. Allein der Umstand, dass Jurek Becker selbst jener Gemeinschaft angehört, über deren Schicksal er erzählt, und dass er seine Kindheit im Ghetto von Lodz verbrachte, entbindet ihn nicht vom verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema. Marcel-Reich Ranicki, selbst ein Überlebender des Warschauer Ghettos urteilt: „Wo angesichts eines Stoffes laute Töne und grelle Farben gänzlich versagen und wo elegisches statt die Leser aufzurütteln sie eher ermüdet, da bleibt dem Schriftsteller nichts anderes übrig, als mit besonders leiser Stimme zu sprechen …“. Der Roman beginnt mit der banalen Betrachtung eines Baumes. „… ein Baum, was ist das schon …“, fragt der Erzähler, „… hast du nichts besseres, woran du denken kannst …“? Sein Interesse gilt weder einem besonderen Baum, noch interessiert ihn der Nutzen der Pflanze. Vielmehr steht der Baum als Symbol für „… einen ersehnten Hauch von normalen Zeiten“, denn „in diesem Ghetto sind Bäume nämlich verboten“, erklärt der Erzähler. Sehr anschaulich beschreibt Jurek Becker den täglichen Kampf ums Leben und Überleben im jüdischen Ghetto, in dem „tausend andere Sachen auch verboten“ und Juden „weniger als ein Dreck“ Wert waren. Dem Ich-Erzähler als Überlebendem der Katastrophe fällt die Verantwortung zu, „diese gottverdammte Geschichte“ des Helden Jakob Heym zu berichten, gleichsam als Warnung für kommende Generationen. Eher zufällig und unfreiwillig stolpert Jakob in die Rolle des Helden. Der Erzähler gibt sich als Vertrauter Jakobs aus und führt den Helden als „Gewährsmann“ seiner Darstellung an. Fehlende Teile rekonstruiert er nach bestem Wissen („ich kann es mir nur so oder ähnlich vorstellen“). Alles begann damit, dass Jakob im Flur des Reviers der deutschen Kommandantur eine Nachricht aus dem Volksempfänger aufschnappte. Von „heldenhaft kämpfenden (deutschen) Truppen“ wird da berichtet, die einen „bolschewistischen Angriff zwanzig Kilometer vor Bezanika zum Stehen bringen“. Glaubhaft wird die Nachricht aber erst nachdem Jakob die vermeidlich Quelle preisgibt: „Ich habe ein Radio“. Leichfertig dahingesagt, verbreitet sich die Botschaft wie ein Lauffeuer im Ghetto. Hoffnung keimt auf, die Selbstmordrate sinkt. Jakob erkennt, dass seine Informationen den Menschen Zuversicht geben und er deshalb erfindet er immer neue Erfolgsmeldungen der sowjetischen Angreifer. Gierig hängen alle an Jakobs Lippen. Kaum haben sich morgens die Männer zur Arbeit versammelt, sucht man seine Nähe, möchte die neuesten Nachrichten direkt von Jakob hören, die genausten Einzelheiten beschrieben bekommen. Es gibt aber auch kritische Stimmen, die vor der Vergeltung der Deutschen warnen, sollten diese über Spitzel Kenntnis von der Existenz des Radios erhalten. Niemand wagt jedoch an Jakobs Glaubwürdigkeit zu zweifeln. Es sind die kleinen, eher unbedeutenden, weil unscheinbaren und nebensächlichen Szenen des Romans, die mich fasziniert haben: Ein frisch verliebtes Paar findet zueinander. Ein berühmter Herzspezialist soll ausgerechnet das Leben des Gestapo-Chefs retten. Jakobs alter Schulfreund Kowalski befreit den Helden aus einer misslichen Lage. Am einfühlsamsten und ergreifendsten ist jedoch die Geschichte der achtjährigen Lina. Das Waisenkind, dessen Eltern deportiert wurden, wird von Jakob liebevoll umsorgt. Er spielt für sie Radiomann. Hinter einer Wand versteckt, imitiert Jakob Stimmen und Instrumente, tritt mal als englischer Premierminister und mal als Märchenonkel auf um am Ende „ermattet aber heilfroh“ ein glückliches, kleines Kind zu Bett zu bringen. Den Erzähler bedrückt, dass die Geschichte des Jakob Heym ein trauriges Ende findet. Deshalb erdichtet er noch ein fiktives Ende. Er erzählt beide Varianten und überlässt dem Leser die Wahl, welchem Abschluss er den Vorzug gibt, der „schönen Geschichte … mit der man halbwegs zufrieden sein kann“ oder der „blaßwangigen und verdrießlichen“ Geschichte mit „einfallslosem Ende“. In der Schlussszene erfüllt sich auch der Traum des Erzählers. Durch die Luke eines Güterwaggons erblickt er seine geliebten Bäume. Meisterhaft versteht es der Autor, sich auch mit leisen Tönen Gehör zu verschaffen. Zutiefst menschlich schildert er die Ängste, die der Romanheld durchlebt, seinen Mut, der ihn auch angesichts der Gefahr nicht verlässt, seine zeitweilige Verzweiflung, weil er sich dem Druck, der auf ihm lastet, nicht mehr gewachsen fühlt und seinem Glauben an die Rettung. Wahrheit und Lüge, Realität und Fiktion, Erzählung und Märchen, wer vermag sie in Jurek Beckers Roman noch zu trennen. Kann es einen vorbildlicheren Helden geben, als denjenigen, dessen Geschichten nicht nur ein kleines Mädchen verzücken, sondern auch einer ganzen Gemeinschaft Hoffnung geben. Und was wäre die Hoffnung ohne Träume? Sehnen wir uns nicht alle nach der Insel Utopia und träumen wir nicht alle den Traum jenes schwarzen Baptistenpriesters aus Atlanta?
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Hannibal ante portas, 28. März 2013
Das dritte Buch der Römischen Geschichte Theodor Mommsens schildert Roms Aufstieg zur führenden Macht im Mittelmeerraum, „die Unterwerfung Karthagos und der griechischen Staaten“. Die Phönizier stammen aus Kanaan. Das Volk lebte vom Handel und der Seefahrt. Karthago war nur eine der zahlreichen Siedlungen, die in Nordafrika, den Inseln im westlichen Mittelmeer und der Südküste Spaniens entstanden. „Mit dem Aufblühen Karthagos Hand in Hand ging das Sinken der großen Phönikischen Städte in der Heimat“, schreibt Mommsen. Karthago wuchs zur Herrin des westlichen Mittelmeerraumes. Wenig bekannt ist die Ordnung des Staatswesens. Mommsen glaubt, dass die Bevölkerung aus einer großen Zahl mittelloser Bürger und weniger vermögender Händler und Plantagenbesitzern bestand, die sich den Luxus eines Söldnerheeres leisten konnten. „Es was ein weltgeschichtlicher Moment … als die Boten der Mamertiner im römischen Senat erschienen.“ Was war geschehen? Ein auf Sizilien angesiedelter Zweig der aus Italien stammenden Mamertiner bat Rom um Beistand gegen das punische Heer. Zum ersten Mal standen sich die beiden Mächte kriegerisch gegenüber. Mommsen nennt die Mächte ebenbürtig: Karthago besaß eine größere Flotte und verfügte über großen Reichtum, Rom konnte auf patriotische Streitkräfte und seine Verbündeten bauen. Nachdem der Krieg über zwei Jahrzehnte mit wechselndem Glück andauerte und der römische Senat „in seiner Untätigkeit“ verharrte, entschloss sich eine „Anzahl einsichtiger und hochherziger Männer“ eine Privatarmee aufzustellen. Diese brachte den Römern Sieg und Friede. Mommsen zieht ein ernüchterndes Fazit: „(Es) ist kaum ein anderer Krieg zu nennen, den die Römer militärisch sowohl wie politisch so schlecht und so unsicher geführt haben … und wenn Rom gesiegt hat, so verdankt es diesen Sieg … den Fehlern seiner Feinde“. Nach dem Friedensvertrag mit Rom bildeten sich in Karthago zwei Parteien: eine romfreundliche Friedenspartei und eine romfeindliche Gruppierung unter dem ehemaligen Oberbefehlshaber auf Sizilien Hamilkar. Unerbittlich war sein Hass gegen Rom. Er ließ seine drei Söhne, genannt die ‚Löwenbrut’, Hannibal, Hasdrubal und Mago „dem römischen Namen ewigen Hass schwören“. Hamilkar baute in Spanien ein Militärcamp auf. Nach seinem Tod übernahm Hannibal die Führung. Mommsen beschreibt Hannibal als besonnen, vorsichtig, tatkräftig, erfinderisch, als „strategisches Genie“ mit „staatsmännischer Begabung“. Hannibal hatte einen Plan. Er reizte die römischen Verbündeten nördlich des Ebro und fand einen Grund zum Angriff. Der Widerstand dauert länger als erwartet, doch nach Überquerung der Pyrenäen stand Hannibals Armee bald an der Rhone. Ein aus Italien per Schiff gesendetes Heer kam zu spät und kann den Rhoneübergang nicht verhindern. Rom war aber nicht besorgt. Doch schon folgte Hannibals nächster Coup. Statt dem erwarteten Übersetzen per Schiff überquerte der geniale Feldherr mit Armee und Kriegselefanten die Alpen: „Das Ziel war erreicht, aber mit schweren Opfern“, schreibt Mommsen. An der Trebia, einem kleinen Nebenfluss des Po, kommt es zum ersten Zusammentreffen auf italienischem Boden. Hannibal siegt, aber sein Heer war inzwischen sehr dezimiert. Seine Taktik beruhte auf Beweglichkeit und Unberechenbarkeit. Auf dem Zug nach Süden verlor er ein Auge, das sich entzündet hatte. Am Trasmanischen See besiegte er das in einem Pass eingeschlossene römische Heer unter Konsul Flaminius. Der Weg nach Rom stand offen, doch Hannibal vermied einen Belagerungskampf. Stattdessen griff er die römischen Bündnisstädte an in der Hoffnung, diese würden überlaufen; der Erfolg war gering. Rom ernannte Quintus Fabius zum Diktator. Dessen zögernde, kampfvermeidende Taktik brachte ihm den Beinamen ‚Zauderer’ (Cunctator) ein. Seine konsularischen Nachfolger suchten die Entscheidung auf dem Schlachtfeld. Am 2.8.216 v.Chr. trafen beiden Heere bei Cannae aufeinander. Hannibals taktische Meisterleistung ging in die Annalen ein. Rom war besiegt, aber nicht zerstört. Die Bündnispartner wankten, aber sie blieben treu. Hannibals Heer kam in Kampanien zum stehen. Als die Unterstützung aus Karthago, Sizilien und Spanien ausblieb, wandte er sich an Makedonien. Doch König Philippos zögerte. Die Zeit spielte nun gegen Hannibal. Die übergelaufenen Städte fielen ab. Als die Römer Capua, Hannibals wichtigsten Verbündeten angriffen, blitzt noch einmal das Talent Hannibals auf. In einem Ablenkungsmanöver marschiert er gegen Rom und der Schreckensruf ‚Hannibal ante portas’ lief durch die Straßen der Hauptstadt. Die Finte schlug fehlt, Capua fiel, Spanien wurde erobert, Sizilien behauptet. Der junge Publius Scipio erhielt den Oberbefehl und setzte mit einem Heer nach Afrika über. Hannibal musste seiner Heimatstadt zu Hilfe eilen. Vor Zama trafen beide Heere im Jahre 202 v.Chr. aufeinander. Hannibals Zauber war vorbei, die römische Reiterei entschied den Kampf und Hannibal floh nach Asien. Karthago war kein ernsthafter Gegner mehr. Kaum waren die Punier besiegt, da brach im östlichen Mittelmeer ein Machtkampf aus. Der ägyptische Herrscher Ptolemäus starb und Philippos aus Makedonien und Antiochos aus Asien griffen nach dessen Reich. Rom griff in den Machtkampf ein. Am 22.6.168 v.Chr. siegte der Feldherr Lucius Aemilius Paullus, Sohn des Konsuls, der bei Cannae fiel, und beendete das nach 144 Jahren das Reich, welches Alexander der Große gegründet hatte. Rom wurde sich nun seiner Größe bewusst: „Kein Staat durfte ganz zugrunde gehen, aber auch keiner sich auf eigene Füße stellen“. Mommsen fasst zusammen: Mit Ausnahme des Ersten Punischen Krieges wurde Rom in den Krieg gedrängt. Die Römer fürchteten sich vor übermächtigen Gegnern, zeigten aber weder Eroberungslust noch streben sie nach dem Besitz fremder Länder. Zudem fehlte auch der mächtige Mann, welcher ein langfristiges Gesamtkonzept ausklügeln konnte. Stattdessen herrschte eine „beschränkte Ratsherrenversammlung“, in der sich wenige, alteingesessene Familien die Regierungsgewalt teilten. Mommsen erkennt auch erste Anzeichen, welche die Republik gefährden. Die Diktatur kam „außer Gebrauch“ und die jährlich wechselnden, teilweise unfähigen Feldherren gefährdeten die Militärmissionen. Dem Verfall der alten Nobilität stand der wachsende Einfluss (und Reichtum) des Ritterstandes gegenüber, die für „alten Ernst, alte Strenge“ eintraten (z.B. Cato Major). Der wachsende Einfluss des Orients begünstigte einen luxuriösen Lebensstil. Religionen wurden aufwendiger und teuerer. Ehelosigkeit und Scheidung nahmen zu. Emanzipierte Frauen gingen Scheinehen ein, um der Vormundschaft des Vaters zu entfliehen. „Wo man den Blick hinwendet, klafften in dem alten Bau Risse und Spalten … überall … Zeichen … der beginnenden Erkrankung …“, schreibt Mommsen. Reformen waren überfällig.
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4.0 von 5 Sternen
"Man ist viel, wenn man ein Dichter ist, und gar wenn man ein großer lyrischer Dichter ist in Deutschland", 16. März 2013
Im Winter 1853 - 1854 schrieb Heinrich Heine seine Geständnisse als Anhang zum Buch ‚De l’Allemagne’ nieder. Im Vorwort empört er sich über die „deutschen Schelme“, die seine in französischer Sprache erschienenen Werke ins Deutsche übertragen hatten und „die Eigentumsinteressen des Autors“ beeinträchtigten. Kurz nur schweift Heine in seinen Geständnissen in die Rheinlande und seinen Geburtsort Düsseldorf ab. Langatmig und verwirrend ist die Vielzahl der Namen und Titel der wechselnden Stadtherren und Magistrate. Man spürt Heines Sehnsucht nach einem einzigen starken König der Deutschen. „Ich hatte viel getan und gelitten“, bemerkt Heine. Er siedelt nach Paris über und genießt die „Sonne der Juliusrevolution in Frankreich“. Die Höflichkeit und Vornehmheit der Franzosen entzücken Heine. Spöttisch bemerkt er, dass „sie alle französisch sprachen, was bei uns ein Kennzeichen der vornehmen Welt; hier ist also das ganze Volk so vornehm wie bei uns der Adel … In den Sitten und sogar in der Sprache der Franzosen ist so viel köstliche Schmeichelei, die so wenig kostet, und doch so wohltätig und erquickend … Gott hat uns die Zunge gegeben, damit wir unseren Mitmenschen etwas Angenehmes sagen.“ Obwohl Heine der „Poesie in Deutschland die tödlichsten Schläge beigebracht“ hatte, gesteht er im Innersten ein Romantiker zu sein und „eine unendliche Sehnsucht nach der blauen Blume“ zu hegen. Selbstbewusst bezeichnet er seine Verse als „das ‚letzte freie Waldlied der Romantik’, und ich bin ihr letzter Dichter; mit mir ist die alte lyrische Schule der Deutschen geschlossen, während zugleich die neue Schule die moderne deutsche Lyrik, von mir eröffnet ward“. Heine lehnt es ab, sich selbst zu charakterisieren. „Ich wäre ein eitler Geck , wenn ich hier das Gute, das ich von mir zu sagen wüsste, drall hervorhübe, und ich wäre ein großer Narr, wenn ich die Gebrechen, deren ich mir vielleicht ebenfalls bewusst bin, vor aller Welt zur Schau stelle – Und dann mit dem besten Willen der Treuherzigkeit kann kein Mensch über sich selbst die Wahrheit sagen“. Madame de Stael, von welcher der Ausruf stammen soll, das Genie habe kein Geschlecht, ist Heines Angriffsziel. Von Napoleon aus Frankreich verbannt, fegte sie wie ein „Sturmwind in Weibskleidern durch unser ruhiges Deutschland“ und hob in ihrem Buch ‚De l’Allemagne’ nur die positiven Aspekte hervor, die Schattenseiten aber verschwieg sie. „O die Weiber“ ruft Heine oder wie Balzac sagte: „La femme est un etre dangereux“. Spöttisch behauptet Heine vom Kaiser der Franzosen, dass er sparsamer mit den Finanzen seiner Untertanen umging, als mit deren Blut. O diese Franzosen! möchte man da ausrufen. Gedanken über das Judentum Worin liegt der Hass gegen das jüdische Volk begründet, der zu Verfolgung und Pogromen führte? Von den Römern aus dem eigenen Land vertrieben („das Fremdgut, das sie mit dem Schwert erbeuteten, wusste er durch Zungendrescherei zu verteidigen“) suchten sie in der Fremde ihr Glück. Sind es nicht die Juden „denen die Welt ihren Gott verdankt“, fragt Heine. Ist es nicht erstaunlich, dass man in den Ländern Europas und Amerikas, Länder, die vom „Palästinatum“ geprägt wurden, „das Volk, das der Welt einen Gott gegeben, und dessen ganzes Leben nur Gottesandacht atmete … als Deicide verschrien“ hat? Lüge und Diskriminierung haben das „arme niedere Volk“ gegen sie aufgebracht. Durch die katholische Religion zu Handel und Geldgeschäften gezwungen, sind sie „gesetzlich dazu verdammt, reich, gehasst und ermordet zu werden“. Heine erkennt eine Wahlverwandtschaft zwischen Germanen, Kelten und Juden. „Judäa erschien mir immer wie ein Stück Okzident, das sich mitten in den Orient verlor“. Deutsche Philosophie Hegels Idealismus blieb Heine unverständlich: „Ich war nie ein abstrakter Denker, und ich nahm die Synthese der Hegelschen Doktrin ungeprüft an … Ehrlich gesagt, selten verstand ich ihn … ich glaube, er wollte gar nicht verstanden sein, und daher sein verklausulierter Vortrag …“. Heine beklagt, dass viele Franzosen den Geisteswandel der deutschen Philosophie nicht bemerkt haben. Aus den frommen, gottesfürchtigen, mystischen deutschen Denkern wurden „fanatische Mönche des Atheismus, Großinquisitoren des Unglaubens“. Die aus der Hegelschen Schule hervorgegangen Kommunisten lobt er als „fähige Köpfe“ und „energievolle Charaktere“, die eine gefährliche Bedrohung darstellen. Fast reumütig bekennt er, dass er „Gottlosigkeiten der Hegelschen Schule Vorschub geleistet“ hat und dabei von seinen Anhängern wie ein Gott verehrt wurde: „ … um eine solche Rolle zu spielen, sind besonders zwei Dinge unentbehrlich: viel Geld und viel Gesundheit. Leider geschah es, dass eines Tages – im Februar 1848 – diese beiden Requisiten mir abhanden kamen …“. Heine musste „in den menschlichen Privatstand wieder zurücktreten … ich armer Exgott …“. Heines Atheismus fand ein jähes Ende, nachdem „Schmierlappen von Schuster- und Schneidergesellen in ihrer plumpen Herbergsprache die Existenz Gottes zu leugnen sich unterfingen – als der Atheismus anfing, sehr stark nach Käse, Branntwein und Tabak zu stinken“. Snobistisch ist seine Haltung gegenüber dem einfachen, ungebildeten Volk („arme König in Lumpen“): „Ich würde meine Hand waschen, wenn mich das souveräne Volk mit seinem Händedruck beehrt hätte“. Obwohl er zum Theismus zurückfand, beugte er sich weder einem Dogma noch einem Kirchenkult. Mit einem Augenzwinkern gesteht er: „… so würde ich die Ernennung zum Papste nicht ausgeschlagen haben … (wegen der) … Galanterie und der Schöngeisterei … im ewig schönen Rom“. Dann wendet er sich direkt an den Leser: „Aber, wie du wohl weißt, geneigter Leser, ich bin kein Papst geworden … Ich habe es, wie die Leute sagen, auf dieser schönen Erde zu nichts gebracht. Es ist aus mir nichts geworden, nichts als ein Dichter. Nein, ich will keiner heuchlerischen Demut mich hingeben diesen Namen geringschätzen. Man ist viel, wenn man ein Dichter ist, und gar wenn man ein großer lyrischer Dichter ist in Deutschland, unter dem Volke, das in zwei Dingen, in der Philosophie und im Liede, alle anderen Nationen überflügelt hat“. Nein, bescheiden war Heine nicht. Aber was nutzt aller Ruhm, wenn die Gesundheit fehlt? Er, der seine Kritiker mit Spott überhäufte, ist selbst zum „Spott Gottes“ geworden. „Ehrfurchtvoll“ erlaubt er sich Kritik am „grausamen Spaß“ des Meisters zu üben: „er dauert schon über sechs Jahre, was nachgerade langweilig wird“.
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4.0 von 5 Sternen
"Revolte der realistischen, sensualistischen Lebenslust gegen die spiritualistisch-altkatholische Askese", 14. März 2013
Heinrich Heines Tanzpoem entstand als Auftragsarbeit für das königlich englische Theater zu London. Leider kam das Ballett nicht zur Aufführung. In den einleitenden Bemerkungen beschreibt Heine die Entstehung der historischen Faustsage. Als Quelle nennt er ein „altes angelsächsischem Gedicht“, das als Mysterium französischer Troubadoure den Weg zurück auf die englische Bühne über Marlowes Drama fand und dann in Puppenspielen einer breiteren Bevölkerung zugänglich wurde. Goethe verdankte einer solchen Aufführung die Inspiration zu seinem Drama („Ihr naht euch wieder schwankende Gestalten, die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt“ – Zueignung in: Faust der Tragödie erster Teil). Auch Heine kannte die Schauspiele: „So erinnere ich mich selbst, dass ich zweimal von solchen Kunstvagabunden das Leben des Faust spielen sah“. Während Heines Tanzpoem sich an den Volksbüchern orientiert, herrscht nach Heines Einschätzung in Goethes Drama der Einfluss der Puppenspiele vor. Goethes Fragmentausgabe „weicht noch nicht ab von der schlichten Puppenspielform, und es ist kein wesentliches Motiv darin enthalten, welches auf eine Kenntnis der älteren Originalbücher von Spieß und Widmann schließen lässt“. Doch zwischen Goethes Drama und Heines Tanzpoem sind zahlreiche Parallelen erkennbar. Im Mittelpunkt der Handlung steht der „magisterhafte“, „doktorstolze“ Gelehrte, der seine Seele dem Teufel verspricht, um des Lebens höchste Genüsse zu erlangen. Das Bündnis wird mit Blut besiegelt. Im Unterschied zu Goethes Mephistopheles ist Heines Mephistophela jedoch ein weiblicher Teufel. Aber in Heines Faustinszenierung fehlt der Hexensabbat ebenso wenig, wie die leidenschaftliche Sehnsucht Fausts nach der klassischen Schönheit, verkörpert durch Helena. Gravierender sind die Unterschiede schon, wenn man Fausts Liebe zu der einfachen Bürgertochter betrachtet. In Goethes Faust büßt Gretchen für ihre Leidenschaft im Kerker und bezahlt für ihr Vergehen mit dem Leben. Heine erspart seiner Jungfrau diesen Leidensweg, lässt hingegen Faust büßen. Auf dem Weg zum Brautaltar fordert Mephistophela von Faust den Wetteinsatz. Im Gegensatz zu Goethe folgt Heine der Vorlage des Volksbuches. Heines Faust darf nicht auf Erlösung durch die himmlische Heerschar hoffen, er muss den „Höllenfürsten“ den Tribut zollen. An diesem Punkt setzt auch Heines Kritik an Goethes Handlung an. „Er (Goethe) hat sich in dieser Beziehung einer Willkür schuldig gemacht, die auch ästhetisch verdammenswert war. Ja, die Mängel seines Gedichtes entsprangen aus dieser Versündigung, denn indem er von der frommen Symmetrie abwich, womit die Sage im deutschen Volksbewusstsein lebte, konnte er das Werk nach dem neu ersonnenen ungläubigen Bauriss nie ganz ausführen, es ward nie fertig, wenn man nicht etwa jenen lendenlahmen zweiten Teil des Faustes, welcher vierzig Jahre später erschien, als die Vollendung des ganzen Poems betrachten will. In diesem zweiten Teil befreit Goethe den Nekromanten aus den Krallen des Teufels, er schickt ihn nicht zur Hölle, sondern lässt ihn triumphierend einziehen ins himmelreich, unter dem Geleite tanzender Engelein, katholischer Amoretten, und das schauerliche Teufelsbündnis, das unseren Vätern so viel haarsträubendes Entsetzen einflößte, endigt als frivole Farce – ich hätte fast gesagt: wie ein Ballett.“ Während Goethes Faust unterschiedliche Aspekte berücksichtigt (u.a. Belohnung für stetes Streben des Menschen, Tatkraft im zweiten Teil) und dadurch in gewisser Weise moderner ist, läuft Heine Faustmotiv auf eine Polarisierung hinaus. Die „eigentliche Idee“ der Faustsage besteht Heine zufolge in der „Revolte der realistischen, sensualistischen Lebenslust gegen die spiritualistisch-altkatholische Askese“. Leider gelang Heines Ballett nicht der Durchbruch auf der Bühne.
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4.0 von 5 Sternen
"So will es das eiserne Gesetz das Fatums, und selbst der Höchste der Unsterblichen muss demselben schmachvoll sein Hauptbeugen", 9. März 2013
„Wir scheiden alle dahin, Menschen, Götter, Glaubenslehren und Sagen … Es ist vielleicht ein frommes Werk, diese letzteren vor völliger Vergessenheit zu bewahren, indem man sie einbalsamiert …“. Tief in seinem Herzen sei er ein Romantiker bekannte Heinrich Heine in seinen ‚Geständnissen’. Seine Vorliebe für mitternächtliche Geister- und Gespenstergeschichten bekunden auch die Verse im ‚Buch der Lieder’ und im ‚Romanzero’. Um so verständlicher, dass er in dem kleinen Büchlein ‚Die Götter im Exil’ das scheinbar spurlose Dahinscheiden der heidnischen Religionen beklagt. Spurlos? Nein, nicht ganz spurlos, denn trotz des Sieges des Christentums über den alten heidnischen Volksglauben haben deren Götter in den Teufelsgestalten, den Dämonen, in den Satanskulten und Hexereien überlebt und führen in den Geistergeschichten ein Schattendasein. Heine verweist darauf, dass er bereits in den Werken ‚Elementargeister’ und der ‚Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland’ ausführlich die Mutation des „altgermanischen Pantheismus“ zum Zauber- und Hexenwesen erörterte. ‚Die Götter im Exil’ knüpft an diese Tradition an und erzählt märchenhaft skurril die Schicksale der griechischen Götter nach ihrem Sturz vom Olymp. Bereits vor Urzeiten „als die Titanen aus dem Orkus heraufbrachen“ mussten die Götter zeitweilig den Olymp verlassen. „Die meisten begaben sich nach Ägypten, wo sie zu größerer Sicherheit Tiergestalten annahmen, wie männiglich bekannt“, berichtet Heine. Mit dem Sieg des Christentums im dritten Jahrhundert wurden sie erneut des Himmels verwiesen und suchten Exil auf Erden. „Viele dieser armen Emigranten, die ganz ohne Obdach und Ambrosia waren, mussten jetzt zu einem bürgerlichen Handwerke greifen, um wenigstens das liebe Brot zu erwerben. Unter solchen Umständen musste mancher, dessen heilige Haine konfisziert waren, bei uns in Deutschland als Holzhacker taglöhnern und Bier trinken statt Nektar. Apollo scheint sich in dieser Not dazu bequemt zu haben, bei Viehzüchtern Dienste zu nehmen, und wie er einst die Kühe des Admetos weidete, so lebt er jetzt als Hirt in Niederösterreich, wo er aber verdächtig geworden durch sein schönes Singen, von einem gelehrten Mönch als ein alter zauberischer Heidengott erkannt, den geistlichen Gerichten überliefert wurde. Auf der Folter gestand er, dass er der Gott Apollo sei.“ Nicht viel besser erging es dem „alten Kriegsgott Mars“, der sich als „Landsknecht“ seinen Lebensunterhalt verdienen musste und bei der Erstürmung Roms zugegen war „wo ihm gewiss bitter zumute war, als er seine Lieblingsstadt und die Tempel, worin er selbst verehrt worden, sowie auch die Tempel seiner Verwandten so schmählich verwüsten sah“. Nur im Geheimen konnte Dionysos, der Gott des Weines und der Freude am Rande eines Waldsees seine ausgelassenen Feste in der Runde der Bacchanten, Faunen und Satyrn feiern. Seine Anhänger tarnten sich im normalen Leben unter der Mönchskutte! Merkur, der „ehemalige Seelenführer“ verdingte sich als Fährmann an der ostfriesischen Küste seinen Lebensunterhalt indem er die „Überfahrt der Toten nach dem Schattenreiche“ besorgte. Das traurigste Schicksal indes erlitt der einstige Herrscher des Olymps, Jupiter. In einer „ärmlichen Hütte“ auf der Kanincheninsel am Rande des Nordmeeres hauste der „uralte Greis, der, kümmerlich bekleidet mit zusammengeflickten Kaninchenfellen, auf einem Steinstuhl vor dem Herde saß und an dem flackernden Reisig seine mageren Hände und schlotternden Knie wärmte“. Als einige griechische Seeleute auf der Insel landen und über die Zustände in ihrer Heimat berichten, befällt den Alten eine tiefe Schwermut. Er, „ein Unglücklicher, welcher einst bessere Tage gesehen“ hatte, heult. “So will es das eiserne Gesetz das Fatums, und selbst der Höchste der Unsterblichen muss demselben schmachvoll sein Haupt beugen“, schreibt Heine, und weiter: „Ich zweifle nicht, dass es Leute gibt, die sich schadenfroh an solchem Schauspiele laben. Diese Leute sind vielleicht die Nachkommen jener unglücklichen Ochsen, die als Hekatomben auf den Altären Jupiters geschlachtet wurden.“
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4.0 von 5 Sternen
"Ich war nie Börnes Freund, und ich war auch nie sein Feind", 3. März 2013
Anno domini 1815 sah Heinrich Heine zum ersten Mal Ludwig Börne. Der junge Heine besuchte die Frankfurter Messe. Sein Vater zeigte ihm die Magazine, „worin man die Waren zehn Prozent unter dem Fabrikpreis einkauft, und man doch immer betrogen wird“. Heine spottet: „Auch das Rathaus, den Römer, ließ er mich sehen, wo die deutschen Kaiser gekauft werden, zehn Prozent unter dem Fabrikpreis“, und wo man doch immer betrogen wird, möchte man ergänzen. Im Lesekabinett einer Loge macht ihn jemand auf Börne aufmerksam. Börnes Auftritt beschreibt Heine als sicher, bestimmt und charaktervoll. Der Vergleich mit einer Marmorstatue, die Kälte ausstrahlt, drängt sich ihm auf. 1827: Zwölf Jahre später sucht Heine auf einer Reise nach München in Frankfurt den Kontakt zu Ludwig Börne. „Ich hatte Mühe, den Mann wieder zu erkennen …“, schreibt Heine. Aus dem stolz auftretenden Manne ist ein kleinmütiger Bürger geworden. Börne ist missmutig: „Mit dem Besitztum, und gar mit gebrechlichem Besitztum kommt die Furcht und die Knechtschaft … ich werde so milde, so vorsichtig, so ängstlich“. Gemeinsam spazieren sie durch die Strassen Frankfurts, vorbei am Stammhause der Rothschilds in der Judengasse: „Obgleich er (Börne) selber reich war, ich sage reich nach dem Maßstab seiner Bedürfnisse, so hegte er doch einen unergründlichen Groll gegen die Reichen“. Heine hingegen sieht in Rothschild einen bedeutenden Revolutionär: „Richelieu, Robespierre und Rothschild sind für mich drei terroristische Namen und sie bedeuten die graduelle Vernichtung der alten Aristokratie … Richelieu zerstörte die Souveränität des Feudaladels … Robespierre schlug diesem unterwürfigen faulen Adel endlich das Haupt ab … da kam Rothschild und zerstörte die Oberherrschaft des Bodens, indem er das Staatspapiersystem zur höchsten Macht emporhob“. Auch den Hass Börnes gegen Goethe teilt Heine nicht. Heine führt ihn auf den „jüdischen Spiritualismus“ zurück, der gegen die „hellenische Lebensherrlichkeit“ aufbegehrt: „Alle Menschen sind entweder Juden oder Hellenen, Menschen mit asketischen, bildfeindlichen, vergeistigungssüchtigen Trieben, oder Menschen von lebensheiterem, entfaltungsstolzem und realistischem Wesen“. Heine und Goethe gehören der letztgenannten Gruppe an. Was Heine und Börne aber verbindet ist der Patriotismus mit dem beide unter „wildesten und schmerzlichsten Gedanken“ über den „politischen Zustand des deutschen Volkes“ räsonieren. Doch zu offensichtlich waren die Unterschiede, um gemeinsam für die Ziele zu kämpfen. Der Abschied naht: „Die drei Tage, welche ich in Frankfurt in Börnes Gesellschaft zubrachte, verflossen in fast idyllischer Friedsamkeit“. Heine stellt den Vergleich zweier Schiffe auf hoher See auf: „Sein Schiff war ohne Anker, und sein Herz ohne Hoffnung … Ich trug an Bord meines Schiffes die Götter der Zukunft“, eine Anspielung auf die Äneassage. 1830: In einer Zwischenepisode erzählt Heine, wie er sich nach seinem „Guerillakrieg“ einer drohenden Verhaftung durch Flucht auf die Insel Helgoland entzieht. Obwohl die Insel unter britischer Verwaltung steht, atmet sie nicht die britische Langeweile aus. Amerika, dieses „ungeheuere Freiheitsgefängnis … wo der widerwärtigste aller Tyrannen, der Pöbel, seine rohe Herrschaft ausübt“, kommt als Exil nicht in Frage. Die französische Lebensart sagt Heine mehr zu, allein nach der Revolution haben die Franzosen „in heillosem Missgriff“ den Herzen nicht die passenden Köpfe aufgesetzt: „Es ist ein grauenhafter Widerspruch zwischen den Gedanken und Gefühlen, den Grundsätzen und Leidenschaften, den Reden und den Taten dieser Revenants (Untote)“. Als Heine von der Revolution in Frankreich erfährt, schöpft er neue Hoffnung: „In Paris, liebe Freunde, hat der Hahn gekräht … ihr Franzosen … tragt die Freiheit im Herzen“. Mit dem Ausruf: „Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen …“ bricht er auf nach Deutschland. Doch bereits ein Jahr später sollte er der geliebten Heimat für immer Lebewohl sagen. 1831: Im Pariser Exil kreuzen sich erneut die Wege der beiden Kritiker: „Zwischen meinem ersten und zweiten Begegnis mit Ludwig Börne liegt jene Juliusrevolition, welche unsere Zeit gleichsam in zwei Hälften auseinandersprengte“. Heine ist überrascht vom Engagement Börnes: „Die bürgerliche Stubenuhr wurde eine Sturmglocke … der Mann, der in seinem Stile immer etwas beibehielt von der Gewöhnung seines reichsstädtischen Spießbürgertums, wo nicht gar von den Ängstlichkeiten seines früheren Amtes ... der ehemalige Polizeiaktuar von Frankfurt am Main stürzte sich jetzt in einen Sansculottismus des Gedankens und des Ausdrucks, wie man dergleichen in Deutschland noch nie erlebt hat“. Heine spricht von „Differenzen“, die sich zwischen Börne und ihm einstellten. Während er sich angewidert von den „ungewaschensten Reden vor dem ungewaschensten Publikum“ auf den feinen Spott verlegte, wälzte sich Börne „vergnüglich im plebejischen Kot“. Nachdem Börne in seinen „Pariser Briefen“ Heine direkt angreift, meidet dieser jeden weiteren Kontakt: „Der Unmut, den er manchmal in mir erregen konnte, war nie bedeutend, und er büßte dafür hinlänglich durch das kalte Schweigen, das ich allen seinen Verketzerungen und Tücken entgegensetzte, ich gedachte seiner nie, ich ignorierte ihn komplett, und das ärgerte ihn über alle Maßen“. Die Nachricht vom Tode Börnes nahm Heine ohne sichtliche Erregung zur Kenntnis. Trotz des Angriff Börnes bemüht sich Heine um Neutralität („Ich war nie Börnes Freund, und ich war auch nie sein Feind … Ich schreibe hier weder eine Apologie noch eine Kritik“) und kann doch nicht umhin, die Verdienste des Patrioten zu loben: „… es gebührt ihm ein solches Standbild, ihm, dem großen Ringer, der in der Arena unserer politischen Spiele so mutig rang“.
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