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M. Thomas "M. Thomas"
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Spectaculum 43. Fünf moderne Theaterstücke und Materialien
Spectaculum 43. Fünf moderne Theaterstücke und Materialien
von Edward Bond
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Walzermelodien und Grausamkeit, 23. Dezember 2014
Edward Bond – Rot, schwarz, ignorant

„Es gibt keine Menschlichkeit ohne Kunst“, sagte Erward Bond in einem Beitrag zu ‚Wir Brückenbauer’ und führt weiter aus: „…wir können verdorben und zerstört werden durch schlechte Kunst. Gute Kunst bringt etwas zustande, das man Wahrheit nennen mag. Schlechte Kunst trivialisiert, vulgarisiert, verfälscht und verführt. Wenn wir vergiftet sind, sterben wir rasch.“ Kunst kann also den Menschen helfen, ihre Menschlichkeit in einer zunehmend rationalen, technikorientierten Welt wieder oder neu zu entdecken. Sie kann uns auch den Widerspruch zwischen moralischen Anspruch und politischer Wirklichkeit vor Augen führen.

Das Drama „Rot, schwarz, ignorant“ ist der erste Teil der Trilogie ‚Die Kriegsspiele’. In Bonds Farbenlehre bedeutet die Farbe rot das Symbol für Blut bzw. Feuer und die Farbe schwarz das Symbol für verbrannte, verkohlte Materie. Das Kohle-Monster, das Bond erschafft wird bereits im Mutterleib verbrannt. Bond zieht den Vergleich zum Phoenix, der aus der Asche geboren wird und im Feuer verbrennt. Er wirft der ignoranten Gesellschaft vor, dass sie bereits in der Schule die Kinder zu Hass anleitet, anstatt Liebe zu lernen und deren beruflicher Werdegang durch Kampf und Konkurrenzdenken geprägt wird. Er skizziert das Szenario, in dem Kinder wie Waren im „Supermarktregal“ zum Kauf angeboten werden und gefühllos, unmenschlich ihre Eltern töten können. „Was ist das für eine Freiheit?“, fragt das Monster und klagt eine Gesellschaft an, die sich Demokratie nennt, in der Wahrheit und Freiheit aber unterdrückt werden: „Demokratie ist nicht das Recht auf Wahlen, sondern die Freiheit des Wissens und das Verstehen die Erkenntnis, die auf diesem Wissen beruht“.

Elfride Jelinek – Burgtheater

Eine „Posse mit Gesang“ nennt Elfriede Jelinek ihr Theaterstück. Der Ort der Handlung ist Wien, das Stück spielt während des Zweiten Weltkriegs und kurz danach. In einer bunten Kollage fügt Jelinek bekannte Operettenrefrains, Walzermelodien, Filmslogans und Propagandafetzen in einer Kunstsprache mit „Anklängen an den echten Wiener Dialekt“ zusammen. Neben der Kunstsprache schafft Jelinek durch die Kombination von Wortteilen neue Begriffe (Neologismus), die zusätzlich zur Verfremdung des Stückes beitragen (Beispiel „Schaukillerinnen“ statt Schauspielerinnen). Kitschig und klischeehaft trifft die heile Welt der Schauspieler des Burgtheaters auf den schmutzigen Krieg. Ihre komödianten Rollen sind nur auf Selbstdarstellung und Anerkennung ausgelegt. Immer wieder blitzt in den Charakteren auch großdeutsches Machtstreben und menschenverachtende Haltung durch. Jelinek geht es nach eigenem Bekunden nicht um die Darstellung menschlicher Schwächen, „sondern um Polemik, starke Kontraste, harte Farben, Schwarz-Weiß-Malerei; eine Art Holzschnitztechnik … Ich sehe zumindest mein Nora-Stück als eine Weiterentwicklung des Brechtschen Theaters mit modernen Mitteln der Literatur, den Mitteln der Popkultur der fünfziger und sechziger Jahre …“.

Harald Müller – Totenfloß

Harald Müller hat seinem Drama ‚Totenfloß’ ein Zitat von Emile Cioran vorangestellt: „Das Heimweh nach der Barbarei ist das letzte Wort einer jeden Zivilisation“. ‚Totenfloß’ ist ein Endzeitstück, in dem Angst und Unsicherheit im Vordergrund stehen. Checker und Itai, sind zwei Überlebende einer zerstörten und lebensfeindlichen Umwelt mitten in Deutschland auf der verzweifelten Suche nach dem Paradies. Checker, der Stärkere von beiden bevormundet Itai. Bjuti, deren linke Gesichtshälfte chemisch zerstört ist, schließt sich beiden an. Kuckuck, ein alter Mann, imitiert die Stimmen längst ausgestorbener Vögel. komplettiert das Quartett. Sie ist brutal, abgehackt, gefühlsarm und von Anglizismen durchzogen. Menschen werden zu Abfallprodukten, die auf der Müllhalde landen, und im blanken Überlebenskampf erweisen sie sich als unfähig zu zwischenmenschlicher Nähe. Alle vier sind dem Tod geweiht, ihre Körper zerfallen. Dem körperlichen Zerfall stellt Müller den Verfall der menschlichen Sprache entgegen. Zu dem eingangs erwähnten Zitat von Ciorek passt auch Müller Prognose: „Nach der Zukunft kommt die Vergangenheit“.

Heiner Mueller – Quartett

Für sein Theaterstück in einem Akt ‚Quartett’ diente Heiner Müller der Briefroman ‚Les Liaisons dangereuses (Gefährliche Leidenschaften)’ von Choderlos de Laclos als Vorlage. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Marquise de Merteuil und ihr ehemaliger Liebhaber, der Vicomte de Valmont. Laclos entblößte die Dekadenz des Adels im Ancien Regime mit seiner sadistischen Grausamkeit („Jedes Wort reißt eine Wunde, jedes Lächeln entblößt einen Fangzahn. Wir sollten unseren Part von Tigern spielen lassen“) und den masochistischen Demütigungen („Ich bin ein Dreck“). Liebe ist für beide nur ein Spiel, „Gefühle sind nicht zu befürchten … Ich glaube uns einig, dass was Sie Liebe nennen, eine Domäne der Domestiken ist“. Aus Eifersucht und Langeweile („Mich langweilt die Bestialität unserer Konversation“) zetteln die Marquise und der Vicomte Intrigen an, die ihre sexuelle Obsession und die pervertierten Gedankenspiele befriedigen. Dass sie Unschuldige mit in den Abgrund reißen, nehmen beide nicht billigend in Kauf, es gehört zum Plan selbst. Müller spricht vom Impuls der Zerstörung.

Lars Noren – Dämonen

Auch in Lars Norens Drama ‚Dämonen’ steht der Kampf eines Paares, Katharina und Frank, im Blickpunkt. Es ist gleichsam die moderne Fortsetzung des klassischen Laclos Stoffes, der die Hassliebe zwischen zwei Menschen schildert. Katharina spricht es aus: „Entweder bringe ich dich um, oder du mich, oder wir trennen uns, oder wir machen so weiter. Wähle!“ Aber anders als in Heiner Müllers ‚Quartett’ basiert die Grausamkeit nicht auf Eifersucht oder Langeweile, die Spannungen in der Beziehung beruhen auf der Gefühlsarmut von Frank. Katharina wirft ihm vor: „…du baust immer eine Mauer um dich auf und wirst mit deinen Problemen fertig … ich fühle ich so einsam und verlassen … Ich brauch’ einen Mann, der sich nicht so schrecklich kontrolliert … Ich will jemanden, der zusammenbrechen kann …“. Es als sich Frank öffnet, findet das Paar zueinander. Ein versöhnliches Ende.


Die Welt ist flach: Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts
Die Welt ist flach: Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts
von Thomas L. Friedman
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen „Globalisierung 3.0“, 18. Dezember 2014
Der Pulitzer Preisträger und Journalist der New York Times Thomas L. Friedman veröffentlichte 2004 ein Werk unter dem Titel ‚The World is Flat’, welches in erweiterter Auflage 2006 auch auf deutsch unter dem Titel ‚Die Welt ist flach’ erschien. Was war der Auslöser dieser revolutionären These? Auf einer Reise durch Indien unterhielt sich Friedman mit Nandan Nilekani, dem CEO der Firma Infosys Technologies Limited, einer auch heute noch sehr erfolgreichen Softwareschmiede in Bangalore, dem indischen Silicon Valley. Dessen Bemerkung: „Die Mitspieler haben die gleichen Voraussetzungen. Das Spielfeld wird eingeebnet“, stimmte Friedman nachdenklich.

Schon vor dem Jahrtausendwechsel hatte sich Friedman mit dem Thema Globalisierung befasst, doch nun sah er eine neue Phase der Globalisierung (Friedman nennt sie Globalisierung 3.0) angebrochen. Originell ist Friedmans Vergleich zwischen Christoph Kolumbus, der im Vertrauen auf die Kugelgestalt der Erde nach Westen segelte, um einen kürzeren Seeweg nach Indien zu entdecken, und Friedmans Flug nach Indien in östlicher Richtung, um zu entdecken, dass die Erde flach geworden sei.

Friedman ist ein erbitterter Verfechter des Freihandels und erklärter Gegner jeder protektionistischen Politik. Er leugnet nicht, dass durch die Verflachung der Welt viele Arbeitsplätze in den reichen Industrieländern zu Gunsten der aufstrebenden Staaten wie China und Indien verloren gehen. Aber er ist ein Optimist und erkennt darin auch eine Chance für diejenigen, die positiv in die Zukunft schauen, kooperativ arbeiten, flexibel sind, sich gut organisieren, gut kombinieren können und die bereit sind, ständig neue Dinge zu lernen. „Ich bin Optimist“, zitiert Friedman Steve Jobs, „ aber wenn die Leute nur herumsitzen und zusehen, wie alles den Bach runtergeht, fällt es schwer, Optimist zu sein“.

Friedman nennt zehn Faktoren, welche die Einebnung der Welt bewirkten: Das Ende des Kommunismus (Sinnbildlich der Fall der Berliner Mauer); die weltweite Vernetzung des Internet (Stichwort Konnektivität); die Auslagerung von Prozessen an fremde Unternehmen (Stichwort Outsouring); die Auslagerung von Prozessen in Billiglohnländer (Stichwort Offshoring); die Eingliederung von Prozessen in das eigene Unternehmen (Stichwort Insourcing); die verbesserte Abstimmung von Arbeitsabläufen insbesondere durch den Einsatz aufeinander abgestimmter Software (Stichwort Workflow); die Schaffung weltweite abgestimmter Arbeitsabläufe (Stichwort Wertschöpfungsketten); die private und betriebliche Bereiststellung von Informationen im Internet (Stichwort Hochladen); die Informationsbeschaffung und der Informationsaustausch via Internet z.B. über soziale Medien (Stichwort „Selbstinformation“) und die immer kürzer werdenden Innovationszyklen im Technologiebereich (Friedman bezeichnet es als „die Steroide“). Eine exakte Abgrenzung zwischen den einzelnen Kategorien erweist sich als schwierig, da die Grenzen verwischen.

Mir gefällt, dass Friedman gute Beispiele guten Theorien vorzieht. Seine zahllosen, praktischen Beispiele unterhalten den Leser nicht nur glänzend, sondern sind auch für den Laien hilfreich. Besonders gut hat mir die Auflistung der Firmen in unterschiedlichen Ländern gefallen, deren diverse Einzelteile sich wie durch Zauberhand just-in-time zu einem funktionierender Laptop zusammenfügen.

Nicht schlüssig halte ich seine Kategorisierung der Globalisierung: Friedman unterscheidet die Globalisierung 1.0 (zwischen 1492 und ca. 1800), in der Staaten konkurrierten, gefolgt von der Globalisierung 2.0 (zwischen 1800 und ca. 2000), in der Unternehmen konkurrierten und der Globalisierung 3.0 (ab 2000), in der Individuen gegeneinander konkurrierten. Seine Beispiele sind aber sehr oft an Länder gebunden (z.B. der Aufschwung Irlands durch Steuersubventionen!), bzw. porträtieren traditionelle Unternehmen mit weltweiter Präsenz, aber keine virtuellen Unternehmen. Zudem ist Friedman selbst als amerikanischer Patriot noch dem Denken der Globalisierung 1.0 verhaftet.

Friedman wendet sich in erster Linie an seine amerikanischen Landsleute. Er will sie wachrütteln, weil Chinesen und Inder die Amerikaner zwar nicht aus dem Haus, dafür aber die Treppe hoch jagen (um einen Vergleich Friedmans zu benutzen). „Die Wahrheit ist nämlich, dass wir uns in einer Krise befinden, wenn auch in einer Krise, die sich sehr langsam und sehr leise entfaltet“. Er wirft der Regierung vor, die Bildung zu vernachlässigen und beim Nachwuchs vermisst er Ehrgeiz und Begeisterung. Er fordert die Amerikaner auf, dem Beispiel Kennedys zu folgen und Visionen zu entwickeln: „Für Menschen mit den richtigen Kenntnissen, Fertigkeiten, Ideen und genügend Motivation, ihre Möglichkeiten zu ergreifen, hält die flache Welt jede Menge guter Jobs bereit … Ich bin überzeugt, dass wir Amerikaner uns in dieser Welt gut werden behaupten können … Wir haben – zumindest theoretisch – alles, was nötig ist, um diese Jobs und die Art von Menschen, die sie ausfüllen können, hervorzubringen“.

Auch die Probleme, welche die flache Welt verursacht, spricht Friedman an, kann aber keine allumfassenden Lösungen anbieten. So bringt die Globalisierung den Schwellenländern Arbeit und Wachstum, doch ein großer Teil der Bevölkerung dieser Länder kann nicht am Aufschwung partizipieren und lebt weiter in bitterer Armut. Auch Kranke und ältere Menschen rund um den Globus sind im Kampf um die kostbaren Arbeitsplätze benachteiligt, da die Konkurrenz an gut ausgebildeten, jungen, gesunden Arbeitskräften größer denn je ist. Beim Umweltschutz sieht er Regierung und Unternehmen in der Pflicht. Doch man darf bezweifeln, ob die von ihm gelobte freiwillige Verpflichtung der Unternehmen zu mehr Umweltauflagen, weil es angeblich die Konsumenten fordern, ausreicht und nachhaltig ist.

Der 11. September 2001 hat uns allen ein weiteres Probleme der flachen Welt vor Augen geführt. Nicht nur Unternehmen, sondern auch Terrororganisationen bedienen sich der modernen Errungenschaften. Friedman tituliert sie „Islamo-Terroristen“ und hält ihren Kampf nicht religiös, sondern politisch motiviert; eine Rebellion der Erniedrigten und Hoffnungslosen, die den Optimisten den Erfolg neiden.

Fazit: Sein Tonfall ist herausfordernd, sein Auftreten mag vielen Leser sogar arrogant erscheinen. Friedmans Botschaft lautet: Haben Sie keine Angst vor Veränderungen und richten Sie den Blick nach vorne, denn es ist besser von einer guten Zukunft zu träumen, als in einer verklärten Erinnerung zu leben. Obwohl das Buch für ein amerikanisches Publikum geschrieben wurde, besitzt es gleichermaßen für Deutschland Gültigkeit. Auch wir Deutsche neigen zur Bequemlichkeit, freuen uns über die wirtschaftlichen Erfolge und würden gerne auf Veränderungen verzichten. Deshalb brauchen auch wir einen Agent Provokateur wie Friedman, der uns in der Rolle eines Mephistopheles antreibt:
„Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.“ (Goethe, Faust I)


Erik Reger: Union der festen Hand
Erik Reger: Union der festen Hand
von Erik Reger
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen "Ihr seid brave Männer, die Ihre Pflicht tun. Jeder von uns bekommt seine Aufgabe von oben zugeteilt", 14. Dezember 2014
Erik Regers Werk ‚Union der festen Hand’ wird von der Literaturkritik in das Genre ‚Industrieroman’ eingeordnet, die der neuen Sachlichkeit verpflichtet sind. Das ist nachvollziehbar. Mühelos lässt sich der Roman aber auch in die Liste der gesellschaftskritischen, naturalistischen Werke des ausgehenden Neunzehnten Jahrhunderts einreihen. Hinzu kommt noch die Besonderheit, dass er zugleich eine Biographie der Krupp Dynastie darstellt und die Montanindustrie aus der Dekade zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Weltwirtschaftskrise beleuchtet.

Dem 1931 erschienenen Erstlingsroman Regers (sein Geburtsname lautet Hermann Dannenberger) war ein großer Anfangserfolg beschieden. Der Germanist Professor Dr. Karl Prümm nennt den Roman einen „Geheimtipp unter Insidern und Eingeweihten“. Die nachfolgenden Werke des Autors verblassen dagegen. In seinem Vorwort zur Ausgabe des Deutschen Bücherbundes schreibt der Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke: „ ‚Union der festen Hand’ ist ein großer Roman von einem kleinen Autor“. Reger hatte Deutschland 1934 verlassen, nachdem die Nationalsozialisten sein Werk verboten hatten, kehrte aber noch während der NS Diktatur nach Deutschland zurück und ordnete sich unter. Nach dem Krieg wurde er Chefredakteur der Berliner Zeitung ‚Der Tagesspiegel’.

Nachdem er acht Jahre als Pressereferent und Bilanzkritiker für die Krupp AG arbeitete, kannte Reger sowohl die Praktiken der Betriebsführung, als auch die Sorgen und Nöte der Arbeiter und Angestellten. Die Protagonisten des Romans sind auf der einen Seite Freiherr von Zander, der durch seine Ehe der „Alleinerbin des Stahlmagnaten Risch plötzlich in die erste Reihe der westdeutschen Großindustriellen gerückt“ war und auf der anderen Seite der Arbeiterführer Adam Griguszies. Hinter dem Stahlwerk Risch-Zander verbirgt sich die Friedrich Krupp AG und Freiherr von Zander ist der Firmenlenker Gustav Krupp von Bohlen und Habach.

Der Roman beginnt mit einer Beschreibung der „Hauptstadt des Kohlereviers“ und dem Firmensitz von Risch-Zander. Der Erste Weltkrieg hatte dem Steinkohlenrevier den Titel „Waffenschmiede des Reiches“ eingetragen. Man hielt die Stahlindustrie für ein „notwendiges Übel … aber man ziehe eben den Nutzen daraus“. Aber schon der zweite Satz: „Die Stadt war nach dem Streik der Munitionsarbeiter ruhig“, signalisiert, dass Spannungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer herrschten.

Kaiserlicher Besuch

Große Aufregung herrscht im Hause Risch-Zander als der Kaiser seinen Besuch ankündigt. Deutschlands Monarch will sich vor Ort ein Bild von der Stimmung unter der Arbeiterschaft in der Rüstungsproduktion verschaffen. Alfons Hachenpoot (ein Pseudonym für Alfred Hugenberg), der Generaldirektor von Risch-Zander, wählt einen Musterbetrieb, die Geschoßdreherei III, aus. Hachenpoot, ein „Zahlenfanatiker“, hatte als Direktor der Märkischen Landesgenossenschaftsbank dem Freiherrn großzügige, aber für die Bank riskante Kredite eingeräumt und reüssierte daraufhin im Risch-Zander Konzern. Durch seine Verbindung zu einflussreichen Militärstellen gelang es Hachenpoot „unter den Lieferanten von Heer und Flotte Risch-Zander einen bevorzugten Platz zu verschaffen“. Als der Kaiser während seiner Visite spontan eine Gießerei betritt, glaubt er die Arbeiter dadurch motivieren zu können, indem er an ihren Stolz und die Vaterlandsehre appelliert: „Ihr seid brave Männer, die Ihre Pflicht tun. Jeder von uns bekommt seine Aufgabe von oben zugeteilt“. Doch in der Arbeiterschaft gärt es: „’Hunger’ grollte eine Stimme … ‚Wir wollen Frieden’, sagte Adam Griguszies …“. Die kaiserliche Visite endet mit einem Eklat und „…Hals über Kopf…“ verlässt der erzürnte Monarch die Rüstungsschmiede. Der geneigte Leser mag in dieser Szene einen Vorboten des baldigen Endes der Monarchie erkennen.

Aus Sicht der Industrie

Nach der Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg musste sich die Montanindustrie vom Rüstungsgeschäft auf die Produktion ziviler Güter umstellen. Als nach der Abdankung des Kaisers die sozialistischen Kräfte gestärkt wurden und die Macht der Gewerkschaften und Betriebsräte wuchs, verbündeten sich auch die Industriebarone: „Dies alles erklärt hinreichend, dass dieser Kreis immer fest geschlossen und undurchbrechbar erschien; nach außen vertrat er stets eine einheitliche Anschauung, zersplitterte er nie seine Machtmittel; nach innen ließ er zwar Auseinandersetzungen zu, welche dem Blut frische Stoffe zuführten, blieb aber dabei der Erfahrung eingedenk, dass im stillen sich alles am besten arrangieren lasse“.

Die Persönlichkeit, welche den neuen Typus des Managers repräsentierte, war Ottokar Wirtz (alias Hugo Stinnes). Reger nennt ihn den „Schöpfer einer neuen Tradition“ und charakterisiert ihn als „… der typische Unternehmer der hochkapitalistischen Epoche, der schon mitten im Fach geboren war und dessen Unternehmungen aus Lust am Risiko, an kaufmännischen Abenteuern entstanden. Er schuf nicht mehr, er kaufte, kaufte, kaufte, wahllos, Rentables und Unrentables. Trotzdem lag seinen Geschäften eine schöpferische Idee zugrunde, und seiner Idee eine große geistige Konzentration … Er warf zusammen, er legte still, er baute neu … Manche seiner Berufskollegen betrachteten ihn mit Mitleid und Furcht; mit Mitleid, weil er nach ihrer Meinung seine Seele an der Börse verkauft hatte, und mit Furcht, weil diese Methodik nicht öffentlich war, und auch weil sie besorgten, aus dem Verwunderlichen könne eines Tages schnell das Wunderbare hervorkeimen.“ Dieser Industrielle unterschied sich von den alteingesessenen Stahlbaronen. Diese „machten Stahl, aber sie waren nicht stählern, sondern romantisch“.

Wirtz formt aus der unverbindlichen Gemeinschaft ein Kartell, eine ‚Union der festen Hand’, indem er einerseits die Gewerkschaften umgarnte und die Betriebsräte in die „Pflicht zur Mitverantwortung“ nahm und dadurch zu einem „gefügigen Instrument“ machte (Adam Griguszies erkennt die Gefahr, „…die Art, wie das Kapital seine Feinde so langsam kauft …“); andererseits die Kräfte aller Beteiligten durch Zusammenschlüsse von Zechen und Öfen über Unternehmensgrenzen hinweg bündelte und dadurch den ruinösen Preiskampf minderte. Trotz Reparationszahlungen wuchs die Macht der Unternehmen, aber auch deren Intransparenz und Anonymität („… die Unternehmung wurde pseudonym“). Der Unternehmenslenker, der nach außen eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens repräsentierte, trug innerhalb des Kartells eine Maske. Sarkastisch klingen Regers Worte, „dass es im Wesen des Besitzes liegt, überhaupt nicht erhalten, nur vergrößert oder vernichtet werden zu können“.

Wie leicht ein solches Konstrukt zerbrechen kann, zeigt der Niedergang des Wirtzschen Imperiums. Ottokar Wirtz hatte nicht nur Kohlegruben und Stahlwerke investiert, er plante Synergien zu schöpfen, indem er die gesamte Leistungskette abdeckte: vom Rohstoff bis zum veredelten Fertigprodukt. Aus diesem Grunde beteiligte er sich an der Elektroindustrie, er kaufte Mühlen, Sägewerke, Hotels, Brauereien, Weinberge, Glashütten etc. : „So phantasierte er ins Unendliche hinein, so lief er sich förmlich heiß, und während er glaubte, dass die Dinge sich verbänden, strebten sie auseinander. Sie gewannen an Ausdehnung statt an Festigkeit, an Ballung statt an Dichte. Nirgends schloss sich die Kette … Ottokar Wirtz hatte sich ein bisschen übernommen, das war richtig.“ Nach seinem überraschenden Tod zerfiel das Konglomerat rasch.

Reger berichtet auch von der Annäherung zwischen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und der Industrie. Die Partei wendete sich mit der Bitte um Spenden an die Industrie. Gauführer Walkowiak erläutert den „völkischen Gedanken“. Er zerstreut die Ängste der Unternehmer vor Enteignung, weicht aber der Gretchenfrage: „Sagen Sie endlich klipp und klar: gehören Sie zum Bürgertum oder zu den Marxisten?“ aus, indem er antwortet: „Wir gehören zum neuen Typ des deutschen Menschen.“ Die Industriekapitäne halten die Nationalsozialisten für eine „germanische Romantik … ein Irrsinn“. Man glaubt sich ihrer bedienen zu können, um sie bei passender Gelegenheit wieder zu beseitigen: „Ob sozialistisch, kommunistisch oder nationalsozialistisch – regieren tun wir, um es mit den Worten unseres großen Ottokar Wirtz zu sagen: die Union der festen Hand“. Eine fatale Fehleinschätzung!

Aus Sicht der Arbeiter

Kritisch, ja spöttisch klingt die Beschreibung der Lebensbedingungen der Arbeiter. Die Risch-Zander Werke bestimmen de facto das ganze Leben der Arbeiter und ihrer Familien: „Fast ein Drittel des Bodens dieser Stadt gehörte dem Stahlwerk Risch-Zander…Die Leute, die bei Risch-Zander beschäftigt waren, hießen nicht Arbeiter und Angestellte, sondern ’Angehörige’. Sie bezeichneten sich als eine einträchtige Familie, die Familie der Rischianer.“ Die Arbeiter lebten in Siedlungen mit „schmutzigen Giebelseiten“, die „schnell und billig“ hochgezogen wurden. Die Häuser waren klein und heruntergekommen, die Menschen „wohnten gleichsam schon auf der Straße … Die Intimitäten wurden hier öffentlich … man lebte animalisch dahin, dumpf und brünstig … Die Kinder waren schmutzig, scheu und lautlos …sie sahen nichts, sie lernten nichts … Sie zählten erst etwas, wenn sie verdienen halfen … In der Zechenkolonie wird das Elend den Menschen zu einer lieben Gewohnheit“.

Einfühlsam sind die Beschreibungen der unterschiedlichen Berufsgruppen in den Risch-Zander Werken. Da waren die Former, „versponnene Handwerker, in das Winkelmaß verliebt“, sie formen den Sand („Dieser Sand … wie er sich ins Auge einschmeichelte, wie er lockte und leuchtete!“) um ein Holzmodell, dann kommen die Gießer, die „das flüssige Eisen abschöpften“ und die Kranführer, die hoch droben in der Halle mit den ‚Laufkatzen’ jonglieren. Abgesehen von den Formern, die nach „Verbürgerlichung“ strebten, waren in der Gießerei nur Arbeiter mit „harten Gesichtern, die keinen Pardon geben“. Die Betriebsleiter vergleicht Reger mit grausamen Vätern. Reger kritisiert am Beispiel eines alten, erkrankten Gießers, den der Vertrauensarzt für gesund erklärt, der aber kurze Zeit später am Arbeitsplatz tot zusammenbricht, die unbefriedigenden Arbeitsbedingungen. „Das sind die toten eurer Antreiberei!“ murren die Arbeiter. Der Kranführer Adam Griguszies wiegelt die Kollegen auf: „Kameraden, Genossen … wir haben nichts zu verlieren …“. Doch weil er seinen Worten keine Taten folgen lässt, wird er von Kollegen und Vorgesetzten „gleich scheel angesehen“. Reger weist hier auf ein generelles Dilemma der deutschen Sozialisten und Kommunisten hin („Endlos wurde fortdebattiert. Pläne, Pläne, Pläne.“).

Privat- und Berufsleben des Adam Griguszies ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman. Zu Beginn des Romans erleben wir Adam als kommunistischen Vorkämpfer. Er übernimmt den Vorsitz des Arbeiter- und Sozialrats (Reger nennt sie mit Anspielung auf die Jakobiner der Französischen Revolution die fanatischen Mönche der Revolution) und kämpft als „einfacher Soldat in vorderster Linie“. Dann avanciert er zum Betriebsrat, um „für die Genossen eine ruhige Kleinarbeitleisten zu können“. Er heiratet und ändert auf Wunsch seiner Frau den „Pollackennamen“. Nach einem Zornausbruch vor dem Finanzrat der Risch-Zander Werke verliert Adam sein Betriebsratsmandat und kurze Zeit später wird ihm gekündigt. Der Leser erlebt den Aufstieg, die Kapitulation vor den Fallstricken der Macht und den Fall des Adam Griguszies. Aus einem überzeugten Verfechter der Arbeiterinteressen wird ein desillusionierter, sarkastischer Menschenverächter. Das falsche Spiel der Kapitalisten durchschaut er ebenso wie die Unfähigkeit der sozialistischen Debattierclubs: „Wir fangen alles groß an und hinterher is alles Scheiße“.

Ella, die Grand Madame des Hauses Risch-Zander (eine Anlehnung an Margarethe Freiin von Ende, die Frau von Friedrich Alfred Krupp) trauert der guten alten Zeit nach und will das Bild des treuen Arbeiters und Angehörigen der Krupp Familie nicht aufgeben: „Wie oft habe sie zu Lebzeiten ihres seligen Mannes neben ihnen gestanden, Körbe voll Butterbrote geschmiert, wenn sie Überstunden gemacht hätten, sich mit ihnen geduzt, sie bemuttert, sie in ihrer urwüchsigen Sprache aufgemuntert …“. Doch als Aktionärin beharrt sie auf ihre Dividende: „Der Vergangenheit alle Tränen, aber keinen Pfennig“.

Aus Sicht der Umwelt

Regers Roman entstand zu einer Zeit, als die kapitalistischen Interessen die Umweltaspekte in den Hintergrund drängten; der Umweltschutz genoss kein hohes Ansehen. Umso interessanter sind die Anmerkungen und Hinweise des Autors, welche auf die Gefahren aufmerksam machen, die von der Schwerindustrie ausgehen. Brennende Halden (Reger vergleicht sie mit Lavaströmen) und absinkende Böden werden für Menschen zu tödlichen Gefahren. Dazu kommen „sinkende Grundwasserspiegel, Verbiegungen von Straßenbahnschienen, Gas- und Wasserrohrbrüche …“. Deutsche Eichen kapitulieren vor den giftigen Rauchgasen und werden durch widerstandfähigere amerikanische Verwandte ersetzt. Ein Fischsterben beunruhigt die Menschen: „Das Wasser war lehmig und rostbraun verfärbt und roch brenzlig… es ist eine Phenolvergiftung durch die Trockendestillation der Kohle, die Kokereien sind schuld, allen Dreck lassen sie in den Fluss laufen.“ Die Stadtplanung bezeichnet er als „planloses, achsenloses, zielloses Durcheinander“. Das Land wurde gnadenlos ausgebeutet, es war „nicht schön, nicht hässlich, bloß nützlich, ein unfleischliches Land, an dem alle Geld verdienen wollten, die einen, um ihre Leben zu fristen, die anderen, um ihr Leben zu genießen“. Regers Schilderung mag den modernen Leser an die Umweltsünden der aufstrebenden Schwellenländer in Asien und Lateinamerika erinnern.

Neue Sachlichkeit

„Reportage anstelle von Dichtung“, schreibt Hermann Kurzke im Vorwort. Der Autor verhehlt seine Liebe zu Zahlen und Statistiken nicht. In der Manier eines Bilanzbuchhalters fasst er am Ende eines Buches den ‚Bericht des Generalanzeigers’ ab. Zudem ergänzte Reger das Werk in der Neuauflage 1946 um eine ‚Gebrauchsanweisung’. Gleich auf dem ersten Blatt wird der Leser mit Kennzahlen überflutet. Da werden Stadtfläche, Einwohnerzahl, Kohlefördermengen, Eisenbahn- und Schiffsverkehr, Stromerzeugung und Spareinlagen der Hauptstadt des Reviers ins Verhältnis gesetzt zur Gesamtbevölkerung Deutschlands. An anderer Stelle belegen Zuwächse bei den Umsätzen von Kohle, Koks, Roheisen und Rohstahl die „Wunderwerke der Technik“. Die Höhe der Wohlfahrts- und Angestellten- bzw. Arbeiterversicherung des Risch-Zander Werkes dienen als Rechtfertigung für das Sozialengagement. Süffisant berichtet der Autor von der im Vergleich zum gesamten Reich hohen Vermögenssteuer, die darauf hindeute, dass „ebenso gut von einer Anhäufung der Armut wie von einer Anhäufung des Reichtums“ gesprochen werden könne, „denn das Gegengewicht der großen Privatvermögen wurde durch das Gegengewicht der unvermögenden Massen aufgehoben“. Aber nicht nur von Wirtschaftszahlen weiß der Autor zu berichten, sondern auch über den Pro-Kopf-Verbrauch an Milch; die Größe der Wohnungen und den prozentualen Anteil von Erkrankungen und Todesfällen durch ansteckende Krankheiten wie Scharlach, Diphtherie und Tuberkulose und und und.

Fazit: Wer einen Geschichtsroman sucht, der die Hintergründe der Trustbildung in der Montanindustrie zwischen den beiden Weltkriegen beschreibt, wird von Erik Regers Roman nicht enttäuscht werden. Ein großartiges Werk mit vielen Facetten, welches zu Unrecht in den Regalen der Bibliotheken verstaubt.


Facta et dicta memorabilia - Denkwürdige Taten und Worte
Facta et dicta memorabilia - Denkwürdige Taten und Worte
von Valerius Maximus
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen "...dass das Schicksal mit Vergnügen Unglück bringt und Glück nur sparsam zuteilt...", 29. November 2014
Das Werk ‚Facta et dicta memorabilia’ des Valerius Maximus zählt zu der bei den Römern beliebten Exempla Sammlung. Auf der Rückseite des Buches wird das Werk als „römisches Hausbuch“ und „antiker Kulturspiegel“ beschrieben. Ursula Blank-Sangmeister hat für den zeitgenössischen Leser eine Auswahl an Exempla ausgewählt (warum eigentlich nur eine Auswahl?) und als zweisprachige Ausgabe im Reclam Verlag herausgegeben. Dadurch kann der geneigte Leser oder Student auch auf den Originaltext zurückgreifen. Das Werk ist so aufgebaut, dass Valerius Maximus zunächst immer römische Beispiele anführt und diesen oft nicht-römische zur Seite stellt, um z.B. griechische Künstler zu loben oder Hannibal als Ungeheuer darzustellen. Den Entstehungszeitraum datieren die Historiker in die Regierungszeit Kaiser Tiberius, also zu Beginn unserer Zeitrechnung. Einen Hinweis darauf finden wir in einem Exempla, welches den Umsturzversuch des Prätorianerpräfekten Lucius Aelius Seianus zum Gegenstand hat. Dieses Ereignis fand im Jahre 31 n.Chr. statt.

Intention

Welche Zwecke verfolgte Valerius Maximus? Der Autor der ‚memorabilia’ hat nach eigenem Bekunden aus den Werken berühmter Schriftsteller Beispiele ausgewählt, um dem Leser „die Mühe langen Suchens zu ersparen“. In ihrem Nachwort weist die Herausgeberin darauf hin, dass Valerius Maximus aber nicht nur unterhalten wollte, sondern auch pädagogische Ziele verfolgte. Es fällt auf, dass er altrömische Ideale preist und vor Sittenverfall warnt. Um die Intention des Autors besser zu verstehen, sollte man auch die Zeitumstände berücksichtigen, unter denen die Mustersammlung entstanden ist. Kaiser Augustus leitete nach Beendigung des Bürgerkrieges eine renovatio der althergebrachten Tugenden ein. Als strenger Sittenwächter verbannte er nicht nur den Dichter Ovid, dessen Liebesdichtungen zu offenherzig waren, sondern auch seine Tochter Julia, deren Lebenswandel offenbar nicht dem Keuschheitsideal des Vaters entsprach.

Widmung

Entgegen dem alten Brauch ist das Werk nicht einem Gott gewidmet, sondern dem Caesar Tiberius. Valerius Maximus begründet dies mit den Worten: „… die übrigen Götter lassen sich nur in der Vorstellung erfassen, deine Göttlichkeit jedoch zeigt sich vor unseren Augen und erscheint dem Gestirn deines Vaters und Großvaters ebenbürtig durch deren außergewöhnlichen Glanz unserer religiösen Bräuche in helles Ruhmeslicht getaucht wurden (quo cetera divinitas opinione colligitur, tua praesenti fide paterno avitoque sideri par videtur, quorum eximio fulgore multum caerimoniis nostris inclitae claritatis accessit) die anderen Götter nämlich haben wir (von anderen) übernommen, doch die Caesaren haben wir geschaffen (reliquos enim deos accepimus, Caesares dedimus)“.

Religion und Götterkult

Gleich zu Beginn des ersten Buches weist Valerius Maximus auf die Bedeutung der Religion sowohl für den Staat als auch für den Einzelnen hin: „Sehr gewissenhaft achteten unsere Vorfahren … auf die Wahrnehmung der religiösen Tradition (Magna conservandae religionis … maiores nostros acta cura est)“. Unerschütterlich ist sein Glaube an die göttliche Gerechtigkeit: „Mit langsamem Schritt nämlich schreitet der göttliche Zorn zu seiner Rache und gleicht deren verspätetes Eintreffen durch die Schwere der Strafe aus (lento enim gradu ad vindictam sui divina procedit ira tarditatemque supplicii gravitate pensat)”. Selbst nach der schmerzlichen Niederlage von Cannae versäumten die Frauen nachdem „ihre Tränen über die gerade Erschlagenen getrocknet“ waren nicht, die Götter zu ehren und die schwarze Trauerkleidung gegen die weiße Feiertracht auszutauschen, um „den Altären Weihrauch zu spenden“. Valerius Maximus glaubt, dass dadurch sogar die Götter beschämt von einer weiteren harten Bestrafung der Römer absahen.

Weite Teile ihres Götterkults übernahmen die Römer von den Griechen. Valerius Maximus führt z.B. den Ceres Kult auf den sizilianischen Ort Enna zurück. Den Ursprung der Opferschauer (Haruspex) und die Pantomimenspiele übernahmen die Römer von den Etruskern: „… weil bei den Etruskern der Pantomime ‚hister’ heißt, bekamen die Schauspieler diesen Namen. Mit der Zeit entwickelte sich dann die Schauspielkunst hin zur Form der Satura… (…et quia ludius apud eos hister appellabatur, scaenico nomen historionis inditum est. Paulatim deinde ludicra ars ad saturarum modos perrepsit...)“.

Wunder

Anekdoten über Wunder und Wunderzeichen waren in der Antike weit verbreitet.
Valerius Maximus berichtet, dass Platons Beredsamkeit darauf zurückgeführt wurde, dass Bienen „die Lippen des in seiner Wiege schlafenden Säuglings mit Honig beträufelten (dormientis in cunis parvuli labellis mel inserendo)“. Ebenso wurde König Midas sagenhafter Reichtum durch ein Wunderzeichen angekündigt. Dem schlafenden Knaben sollen Ameisen Weizenkörner in den Mund getragen haben („puero dormienti formicae in os grana tritici congesserunt“). Valerius Maximus hält Wunder nicht für übernatürlich, sondern als Bestandteil des Gestaltungsspielraumes der Natur: „Wir müssen über jene Tatsachen nicht staunen, sondern sie der Nachwelt überliefern, da wir wissen, dass die Natur für sich mit Recht ein Höchstmaß an Freiheit fordert, sie, in deren Händen die unendliche Mühe der Schöpfung liegt“. Menschliche Deformationen bezeichnet er als „Laune der Natur (ludibria naturae)“ und an anderer Stelle nennt er die Natur „die Mutter aller guten und schlechten Materie (…omnis bonae malaeque materiae fecunda artifex, rationem rerum natura reddiderit…)“.

Bräuche und Tugenden

Im den folgenden Büchern würdigt Valerius Maximus die alten römischen Bräuche und Tugenden, welche „vom strengen Blick des Zensors überwacht“ wurden. Die Exempla berichten von der Achtung der Keuschheit und der Treue, der militärischen Zucht und dem Triumphrecht, der Tapferkeit und der Leidensfähigkeit, dem Maßhalten und der Freigiebigkeit, der Dankbarkeit und dem Respekt, der Liebe und der Milde. Als „Lehrmeisterin und Wächterin des Friedens“. charakterisiert Valerius Maximus die Zensur. „Denn wir die Macht des römischen Volkes dank der Fähigkeiten seiner Feldherrn zu so hohem Ansehen gelangte, so sind Rechtschaffenheit und Mäßigkeit, vom strengen Blick des Zensors überwacht, eine Leistung, die hinsichtlich ihrer Wirkung den militärischen Ruhmestaten gleichkommt. (nam ut opes populi Romani in tantum amplitudinis imperatorum virtutibus excesserunt, ita probitas et contientia, censorio supercilio examinata, est opus effectu pas bellicis laudibus)“.
In diese Reihe passt auch die Verurteilung des Sohnes, der gierig und ohne Maß das väterliche Erbe verprasst. Weiter schreibt Valerius Maximus, dass die Gladiatorenspiele nicht zur Belustigung der Menge eingeführt wurden, sondern zur Ehrung der Verstorbenen. Dann klagt er über die üppigen Tischgesellschaften seiner Zeit und lobt die einfachen Speisen der Vorfahren, die noch „in aller Öffentlichkeit“ frühstückten.

Staatliches Maßhalten

Dass auch der Staat Maß halten kann, zeigt Valerius Maximus am Beispiel des Scipio Africanus. Nachdem dieser die Zensur ausgeübt hatte, sollte er die „heilige Gebetsformel aus den offiziellen Büchern“, in der eine Verbesserung des Staates und eine Vermehrung der Macht von den Göttern erbeten wurden, nachsprechen. Scipio änderte die Formel mit der Begründung ab: „Die Lage ist ausreichend gut und die Macht groß genug; daher bitte ich die Götter, beides für immer unversehrt zu bewahren“. Berücksichtigt man, dass nur wenige Jahre vor der Niederschrift des Valerius Maximus die Römer in Germanien eine herbe Niederlage einstecken mussten und dieses Ereignis großen Einfluss auf die Politik Kaiser Augustus hatte, infolgedessen die Sicherung der Grenzen im Vordergrund stand und die römische Expansionspolitik stark eingeschränkt wurde, dann erscheinen die Worte in einem anderen Sinnzusammenhang.

Patriotismus

Vor dem Wohl der Gemeinschaft und des Staates muss das individuelle Glück zurückstehen. Lobend erwähnt Valerius Maximus das Opfer, das der junge Adlige Curtius bringt, indem er nach dem Orakelspruch freiwillig sein Pferd in eine Erdspalte, die sich auf dem Forum aufgetan hatte, lenkt und dadurch den Abgrund verschließt und die Stadt rettet: „Auf dem römischen Forum erstrahlten später andere Glanzlichter, dennoch gibt es auch bis heute kein Beispiel, das der Vaterlandsliebe des Curtius gleichkommt“. Ebenso verteidigt Valerius Maximus den Konsul L. Brutus, der seine Söhne opfert, um den Staat vor deren Verrat zu schützen. Dass Landesverrat auch nach dem Tode noch bestraft wurde, verdeutlicht das Beispiel der Brüder Ti. und C. Gracchus, denen die Ehre der Bestattung versagt blieb.
Als das verabscheuungswürdigste Verbrechen gegen den Staat bezeichnet Valerius Maximus den geplanten Umsturz des Prätorianerpräfekten Seianus, welcher eingangs schon erwähnt wurde. Zwei Aspekte mögen sein Urteil beeinflusst haben: Einerseits wollte der Autor seine Loyalität gegenüber dem Caesar Tiberius beweisen, andererseits lag das Ereignis erst wenige Wochen zurück.

Grausamkeit versus Menschlichkeit

Von der gerechten Strenge aus Liebe zum Vaterland unterscheidet Valerius Maximus die Grausamkeit. Die Prosrikptionen Sullas („…überschwemmte er in grausamer Weise ganz Rom und alle Gebiete Italiens mit Strömen von Bürgerblut…“) verurteilte er genau so wie die Gräueltaten Hannibals („…dessen Tapferkeit überwiegend aus Grausamkeit bestand…“). An anderer Stelle wiederholt Valerius Maximus den Vorwurf gegen die Punier: „Dies war punische Tapferkeit: nichts als List, Tücke und Betrug. Dies ist nun auch die beste Entschuldigung dafür, dass unsere Tapferkeit unterlag; denn wir wurden eher hintergangen, als dass wir besiegt wurden. (Haec fuit Punica fortitudo, dolis et insidiis et fallacia instructa. Quae nunc certissima circumventae virtutis nostrae excusatio est, quoniam decepti magis quam victi sumus)“. Der Stachel der Niederlage von Cannae saß also noch tief, doch Valerius Maximus weiß auch von einer versöhnlichen Geste Hannibals zu berichten: „Da ich unseren erbittertsten Feind erwähnt habe, will ich das Thema, mit dem ich mich gerade beschäftige (Menschlichkeit und Milde), mit den Beweisen seiner Milde, die er Rom gegenüber an den Tag legte, beschließen. Hannibal nämlich suchte den Leichnam des bei Cannae gefallenen Aemilus Paulus, weil er nicht wollte, dass dieser, soweit es an ihm lag, ohne Begräbnis bleibe“.

Zorn und Hass

Sehr schön und zeitlos sind die einleitenden Worte der Schreibers zu diesem Kapitel: „Auch Zorn und Hass erregen in den menschlichen Herzen große Stürme. Jener bricht schneller aus, dieser ist hartnäckiger in seinem Verlangen, Schaden zuzufügen; beides sind sehr leidenschaftliche Gefühle, und ihre Heftigkeit äußert sich niemals ohne eigene Pein, weil sie den Schmerz, den sie bereiten wollen, selbst empfinden und von qualvoller Sorge und Angst geplagt sind, die Rache könne misslingen (Ira quoque odium in pectoribus humanis magnos fluctus excitant, procursu celerior illa, nocendi cupidine hoc pertinacius, uterque consternationis plenus affectus ac numquam sine tormento sui violentus, quia dolorem, cum inferre vult, patitur, amara, sollicitudine ne non contingat ultio anxius)“.

Glück

Valerius Maximus glaubt nicht an eine Vorherbestimmung des Menschen. Sein Götterglaube lässt dem Menschen genügend Spielraum, bis zum Lebensende nach dem Glück zu streben. „Wir wissen ja, dass es dumm ist zu glauben, man sei im voraus zu unabänderlichem Unglück verurteilt, und dass es töricht ist, die Hoffnung, die man auch in unsicherer Lage zu Recht hegt, bisweilen in tiefe Verzweiflung umschlagen zu lassen“. Er leugnet aber nicht, dass Fortuna bisweilen unberechenbar ist: „Wir haben eine Reihe von Beispielen des wandelbaren Schicksals angeführt, Beispiele von einem stets gütigen lassen sich nur wenige erzählen. Daraus erhellt, dass das Schicksal mit Vergnügen Unglück bringt und Glück nur sparsam zuteilt. Sobald es sich aber auferlegt, seine Missgunst zu vergessen, schenkt es nicht nur sehr zahlreiche und sehr große, sondern auch bleibende Güter (Volubilis fortunae conplura exempla retulimus, constanter propitae admodum pauca narrari possunt. Quo patet eam adversas res cupido animo infligere, secundas parco tribuere. Eadem, ubi malignitatis oblivisci sibi imperavit, non solum plurima ac maxima, sed etiam perpetua bona congerit)“. Der große griechische Staatsmann Solon soll laut Valerius Maximus gesagt haben, „niemand dürfe schon zu seinen Lebzeiten glücklich genannt werden, weil wir bis zum letzten Tag unseres Lebens dem launischen Schicksal unterworfen seien. Also ist es erst angesichts des Scheiterhaufens, der den Ansturm weiterer Übel abfängt, möglich, berechtigterweise von menschlichem Glück zu sprechen“.

Tod

Den Leser fordert Valerius Maximus auf, sich selbst Rechenschaft über sein Leben abzugeben und zu bedenken, dass ein langes Leben keinen Selbstzweck darstellt. Seine Worte spenden einerseits dem Leser Trost und erinnern damit an die stoischen Schriften Senecas, gleichzeitig sprechen sie dem Leser auch Mut zu und ermuntern ihn, sein Leben aktiv zu gestalten.

„Der dazwischen liegende Zeitlauf wird je nachdem, wie das Schicksal das Steuer lenkte, bald in heftiger, bald in ruhiger Bewegung verbracht; seine Dauer ist immer kürzer, als man hofft, während man sie zum einen sehnlich zu verlängern wünscht, zum anderen fast sinnlos verschwendet. Denn wenn man die Zeit gut nutzen möchte, kann man auch eine beschränkte dadurch sehr ausdehnen, dass man die Zahl seiner Jahre durch die Zahl seiner Leistungen übertrifft; denn was bringt es sonst, sich über einen Aufschub, der in Passivität vergeht, zu freuen, wenn man bloß mehr Leben fordert, ohne davon Zeugnis abzulegen? („Medii temporis cursus, prout fortuna gubernaculum rexit, modo aspero, modo trranqiillo motu peragitur, spe semper minor, dum et cupide votis extenditur et fere sine ratione consumitur. Nam et si eo bene uti velis, etiam parvum amplissimum efficies, numerum annorum multitudine operum superando, alioquin quid attinet inerti mora gaudere, si magna exigis vitam quam adprobas ?)“.

Für Menschen, die sich ängstlich und feige an ihr Leben klammern, wie der Konsul Cn. Carbo, der zur Hinrichtung geführt wird und unter Tränen um Aufschub bittet, oder der König Masinissa, „der keiner Menschenseele traute“ oder der Tyrann Dionysos, der aus Angst um sein Leben um sein Bett einen breiten Graben mit einer hölzernen Brücke bauen ließ, hat der Schreiber nur Hohn und Spott übrig: „Dionysos, der Tyrann der Syrakusaner, wie lang ist die Geschichte seiner Qual“.

Diesen Beispielen von Feigheit stellt Valerius Maximus den ruhmvollen Tod des jüngeren Cato entgegen, der in Utica aus „heldischen Wunden mehr Ruhm als Blut’“ vergoss.

„Für rechtschaffene Männer muss Würde im Tod viel wichtiger sein als ein Leben ohne Würde (quanto potior debeat probis dignitas sine vita quam vita sine dignitate)“

Prädikat: Absolut lesenswert, nicht nur für den Freund antiker Studien. Eine wunderschöne Sammlung amüsanter, aber auch gedankenreicher Anekdoten und Geschichten. Ich würde auch gerne die nicht abgedruckten Exempla lesen.


Radsport: Unvergessliche Rennen und ihre Helden
Radsport: Unvergessliche Rennen und ihre Helden
von Helmer Boelsen
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Eine traditionsbewusste Sportart, 22. November 2014
Helmer Boelsen beginnt sein Radsportbuch mit den Worten: „Es gibt wohl kaum eine traditionsbewusstere Sportart als den Radsport“. In der Tat können wenig andere Sportarten auf eine derart lange Tradition zurückblicken und haben zudem ein so reiches Portfolio von unterschiedlichen Radsport-Wettbewerben. Deshalb berichtet Boelsen nicht nur von den Straßenradrennen, sondern berücksichtigt auch die Bahnrennen und die Querfeldein-Weltmeisterschaft. Aber auch die Straßenrennen bieten eine Vielfalt an verschiedenen Varianten, die den Radsportkalander des Jahres füllen. Im Frühjahr beginnen die Ein-Tages-Klassiker in Italien, Frankreich und Belgien. Dann folgen die großen Landesrundfahrten und im Herbst folgt als weiterer Höhepunkt die Straßenweltmeisterschaft. Zudem finden alle vier Jahre olympische spiele statt, bei denen sowohl Straßen- als auch Bahnfahrer ihr Können unter Beweis stellen. Von all diesen Wettbewerben berichtet Boelsen, immer mit Blick auf die aktuelle Situation (das Buch wurde 1997 veröffentlicht). Besonderes Augenmerk richtet Boelsen auf die deutschen Fahrer. Unvergessen Didi Thuraus „Fünfzehn Tage im Gelben Trikot“ (bei Drucklegung war Jan Ulrichs Stern noch nicht hell erstrahlt) und Rudi Altigs Erfolge bei der Tour de France, ebenso wie die zahlreichen Erfolge der deutschen Bahnfahrer (z.B. Jens Fiedlers Olympiasieg in Seoul oder Michael Hübners Weltmeistertitel im Sprint und Keirin). Als Schmankerl ist ein Kapitel mit der Jagd nach dem Stundenweltrekord eingefügt, an dem sich viele bekannte Radfahrgrößen, wie Eddy Merckx, Jacques Anquetil, Migel Indurain und Christopher Boardman, um nur einige bekannte Namen zu nennen, beteiligten.

Fazit: Für jeden Radsport Liebhaber eine Bereicherung und kurzweilige Lektüre. Zahlreiche Fotos und Statistiken runden das Werk ab.


Meine spirituelle Autobiographie
Meine spirituelle Autobiographie
von Dalai Lama XIV.
  Broschiert
Preis: EUR 9,90

4.0 von 5 Sternen "Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch", 15. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Meine spirituelle Autobiographie (Broschiert)
Die französische Autorin Sofia Stril-Rever hat eine Sammlung von Reden und Schriften des Dalai Lama zusammengestellt und mit Zustimmung des religiösen Oberhaupts der Exil Tibeter unter dem Titel ‚Meine spirituelle Autobiographie’ veröffentlicht.

Der Dalai Lama bezeichnet sich als die vierzehnte Reinkarnation des ‚Buddha des Mitgefühls (Avalokiteshvara)’. Sein gewaltloses Wirken für den Frieden auf der Welt wurde vom Nobelpreis Komitee in Oslo im Jahre 1989 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Gleichzeitig setzte es seine ganze Kraft für die Wiedererlangung der Autonomie Tibets ein.

Unter Spiritualität versteht der Dalai Lama die „volle Entfaltung derjenigen menschlichen Werte, die für das Wohl aller Menschen unabdingbar sind“. Die buddhistische Weisheit sieht in der Menschheit eine Einheit, die von wechselseitigen Abhängigkeiten geprägt wird. Während der Einzelne, das Individuum, seine Anteilnahme an der Menschheit durch sein Mitgefühl ausdrückt, wird von der Gesamtheit der Menschen Verantwortung für das Wohl aller gefordert.

Der Dalai Lama hat für sich drei Aufgaben definiert: „Meine erste Aufgabe im Leben – als Mensch – besteht in der Förderung der Menschlichkeit und der Herzensbildung, also der Schlüsselelemente für ein glückliches Leben des Einzelnen, der Familie und der Gemeinschaft …. Meine zweite Aufgabe - in meinem Leben als buddhistischer Mönch besteht in der Förderung der Harmonie zwischen den Religionen … Meine dritte Aufgabe – in meinem Leben als Dalai Lama – ist die Sache Tibets, die mir ganz speziell am Herzen liegt.“

Trotz Verleihung höchster Ehren ist der buddhistische Mönch bescheiden geblieben: „Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch“. Den Sinn des Lebens sieht er im Glücklichsein. Allen Menschen billigt er das Streben nach Glück zu (ein Grundsatz, den auch die amerikanische Verfassung verankert hat). Dass Lachen positiv stimmt und Zorn schadet, ist eine Weisheit, die nicht nur der Buddhismus kennt.

Sein Mönchgelübde, zu dem das tägliche Gebet, Meditationen und das Studium gehören, nimmt der Dalai Lama ernst. Den Buddhismus betrachtet er nicht als Philosophie, sondern als „ein Weg zur Verwandlung des Geistes“. Trotz des wachsenden Interesses nach fernöstlicher Weisheit im Abendland erkennt er für die westliche Zivilisation keine Notwendigkeit „Buddhist zu werden“, denn „… in der spirituellen Praxis treffen sich jedoch alle Religionen: Sie alle wollen eine Verwandlung des inneren Bewusstseinsstromes erreichen, wodurch wir bessere, demütigere Menschen werden.“ Obwohl er die Energie, die Kreativität und den Wissensdurst der westlichen Welt bewundert, beunruhigt ihn schwarz-weiß Malerei, die Isolation des Individuums in der Großstadt und die Gefühlskälte der Industrienationen: „Ein Teil des Problems liegt vielleicht im stärkeren Wettbewerbsdenken der westlichen Länder, das zu Angst und tiefer Unsicherheit führt“.

Zwischen Religion und Politik muss dem Dalai Lama zufolge kein Widerspruch sein: „Mir scheint es wichtig, Religion und Spiritualität zu unterscheiden. Eine Religion impliziert immer auch ein Glaubenssystem, das auf einer Metaphysik sowie auf Dogmen, Riten und Gebeten gründet. Im Spirituellen geht es mehr um die Entwicklung von menschlichen Fähigkeiten wie liebe, Mitgefühl, Geduld, Toleranz, Vergeben und Verantwortungsgefühl.“

Disziplin, Kontemplation und Weisheit ermöglichen uns den Zugang zur Spiritualität. Nichtwissen, Begierde und Hass sind die „geistigen Gifte“, die der Verwandlung des Geistes entgegen wirken.

Fazit: Ein sehr schönes Büchlein. Wunderbar versteht es der Dalai Lama seine Gedanken und einfache, strukturierte Sätze zu fassen und dem Leser begreiflich zu machen. Die positive Ausstrahlung seiner Weisheit springt auf den Leser über.


100 Highlights Tour de France 1903-2003
100 Highlights Tour de France 1903-2003
von Beate Boßdorf
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Von Triumphen und Skandalen, 13. November 2014
Anlässlich des 100. Geburtstages der Tour der France im Jahre 2003 haben Beate und Hagen Boßdorf 100 Highlights aus 100 Jahren Tourgeschichte zusammengestellt. Auch wenn der Radsport durch die verschiedenen Doping Skandale in Deutschland sehr in der Kritik steht, bietet das Buch eine bunte Sammlung von Fakten und Anekdoten rund um das schwerste Radrennen der Welt.

Am Anfang der Tour de France stand eine verrückte Idee von Henri Desgrange, dem Chefredakteur der Zeitschrift „L’auto“. Radrennen waren in Frankreich beliebt und das Konkurrenzblatt hatte mit der Organisation des Radrennens Paris-Bordeaux für Schlagzeilen gesorgt. Wollte Desgrange den Rivalen überflügeln, dann musste sein Radrennen spektakulärer sein. Eine Rundfahrt durch ganz Frankreich in mehreren Etappen plante der Redakteur. Am 1.7. 1903 nahmen 60 Fahrer den 2428 km langen Parcours über 6 Etappen in Angriff. 19 Tage später erreichten 21 von ihnen das Ziel in Paris. Der Grundstein für das schwerste Radrennen der Welt war gelegt.

Schon im folgenden Jahr sorgte der erste Skandal für Furore. Mehrere Fahrer kürzten die Strecke ab, ließen sich von Fahrzeugen ziehen oder fuhren mit dem Zug. Auch der Vorjahressieger Maurice Garin zählte zu ihnen. Doch entgegen der Erwartung führte der Eklat nicht zum schnellen Ende des Radrennens, nein, er steigerte die Auflage des Magazins und trug damit zur Erhöhung der Popularität bei. Die jüngsten Doping Skandale haben dem Ruf des Rennens dagegen deutlich mehr Schaden zugefügt.

Nicht nur Skandale, auch Neuerungen und Veränderungen des Modus trugen zur wachsenden Beliebtheit des Rennens bei: 1905 wurde die erste Vogesen-Etappe in den Streckenverlauf integriert, 1910 wurden die Pyrenäen und ein Jahr später die ersten Alpenpässe bewältigt. Die Fahrer fluchten über die schier unmenschlichen Bedingungen: „Mörder, ihr verdammten Mörder!“, beschimpfte Octave Lapize der Sieger des Jahres 1910 die Tour Organisatoren. Mehr als 40 Jahre lang wurden zwar Bergpässe überquert, doch die Zielankunft wurde immer ins Tal verlegt, so dass reine Bergspezialisten benachteiligt waren, da sie in der Abfahrt oft zu vorsichtig fuhren und den Sieg einbüßten. Das änderte sich im Jahre 1952, als die inzwischen schon legendäre Bergankunft in Alpe d’Huez den ebenso legendären Sieger Fausto Coppi feierte.

Das erste Einzelzeitfahren wurde 1934 eingeführt, das erste Gelbe Trikot wurde 1919 dem führenden Fahrer verliehen. Als die Konkurrenz der Werksteams französische Siege verhinderte, ersetzten ab 1930 für viele Jahre Nationalmannschaften die Werksteams.

Die Tour de France verdankt ihre weltweite Popularität vor allen Dingen den großen Protagonisten und den packenden Zweikämpfen. Legendär der Kampf der beiden Italiener Fausto Coppi und Gino Bartali im Jahre 1949. Jaques Anquetil, wegen seiner enormen Stärke im Einzelzeitfahren ‚Monsieur Chrono’ genannt, war der erste Fahrer, der fünf Mal die Tour gewinnen konnte. In den 60er Jahren lieferte er sich mit Raymond Poulidor packende Zweikämpfe. Obwohl Poulidor niemals die Tour gewann, eroberte Poupou, wie er von den Landsleuten liebevoll genannt wurde, die Herzen der Menge. In den frühen 70er Jahren gewann auch Eddy Merckx fünf Mal die Tour. Unvergessen der Zweikampf des ‚Kanibalen’ gegen Luis Ocana im Jahre 1971. Ein tragischer Sturz verhinderte den möglichen Sieg Ocanas. Als Merckx 1973 auf den Tourstart verzichtete, gewann Ocana die Tour bravourös. Ebenso legendär ist der Zweikampf Bernard Hinaults gegen Greg LeMond aus den U.S.A.. Bernard Tapis, der Besitzer des Rennstalles, in dem beide Fahrer 1985 fuhren, hatte Bernard Hinault den fünften Tour-Sieg versprochen, dieser sollte sich im Folgejahr revanchieren und LeMond unterstützen. Doch der Ehrgeiz packte den Franzosen und er schlüpfe ins Gelbe Trikot. Als es sich aber auf einer Alpenetappe zu sehr verausgabte musste er dem Amerikaner nolens volens den Vortritt lassen. Drei Jahre später triumphierte der Amerikaner erneut. Dieses Mal war der Franzose Laurent Fignon der Pechvogel. Auf der Schlussetappe, einem Einzelzeitfahren distanzierte LeMond den bis dahin führenden und gewann mit ganzen 8 Sekunden Vorsprung in Paris. Der Spanier Miguel Indurain dominierte die Tour in den frühen 90er Jahren. Die sieben Tour Siege von Lance Armstrong sorgten nicht nur auf der Straße, sondern auch vor Gericht für Aufsehen. Doch diese Geschichte steht auf einem anderen Blatt, denn das Buch von Hagen Boßdorf endet im Jubeljahr 2003.

Fazit: Für alle die dem Radsport verbunden sind und (trotz Doping-Skandalen) bleiben eine unterhaltsame Lektüre.


L'Adultera
L'Adultera
von Frederick Betz
  Broschiert
Preis: EUR 4,00

4.0 von 5 Sternen "Es ist so viel Unschuld in ihrer Schuld", 26. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: L'Adultera (Broschiert)
Um Schuld, Sünde und Sühne kreist die Handlung in Theodor Fontanes Gesellschaftsroman, der nach einem Bild Jacopo Tintorellos ‚L’Adultera - die Ehebrecherin’ benannt wurde. Der Berliner Kommerzienrat van der Straaten hat eine Kopie dieses Bildes anfertigen lassen und präsentiert es seiner Frau Melanie. Diese kommentiert es mit den Worten: „Es ist eigentlich ein gefährliches Bild, fast so gefährlich wie der Spruch … Wie heißt er doch?“, worauf van der Straaten antwortet: „Wer unter euch ohne Sünde ist …“. Melanie findet „Ermutigendes darin“, denn „Geweint hat sie … Gewiss … Aber warum? Weil man ihr immer wieder und wieder gesagt hat, wie schlecht sie sei. Und nun glaubt sie’s auch, oder will es wenigstens glauben. Aber ihr Herz wehrt sich dagegen und kann es nicht finden … Und dass ich dir’s gestehe, sie wirkt eigentlich rührend auf mich. Es ist so viel Unschuld in ihrer Schuld … Und alles wie vorherbestimmt.“

Van der Staaten, „Kind reicher Eltern“, hatte die junge Schweizerin Melanie de Caparoux geehelicht. Die junge Frau wird vom Dichter als froh und unbeschwert, übermütig und zuweilen boshaft beschrieben. Melanie ärgert sich, weil ihr Mann so gar keinen „Weltschliff“ besitzt. Van der Straaten „hasste zweierlei: sich zu genieren und sich zu ändern“. Melanie schämt sich für die „drastische(n) Sprichwörter“ ihres Mannes und seine unverblümten Reden bei Tisch. Sie war verbittert.

Das Schicksal nimmt seinen Lauf, als van der Straaten dem Sohn eines befreundeten Frankfurter Bankiers, Ebenezer Rubehn, Logis gewährt. Der junge Bankier verliebt sich in Melanie und diese erwidert seine Liebe. Melanie und Ebenezer (Melanie nennt ihn Ruben) planen die Flucht. Die Tasche ist bereits gepackt und Melanie bittet die alte Dienerin um Hilfe. Diese versucht sie zum Bleiben zu bewegen, aber Melanie ist entschlossen zu gehen: „Ach, meine gute Christel, Treu und Redlichkeit! Danach drängt es jeden, der nicht ganz schlecht ist. Aber weißt du, man kann auch treu sein, wenn man untreu ist. Treuer als in der Treue.“ Auch van der Straaten bemerkt den Aufbruch und „nicht der empörte Mann, sondern der liebende“ bittet seine Frau, ihre Entscheidung zu überdenken: „…ich bin nicht der Mann der Rücksichtnahmen und hasse diese langweiligen ‚Regards’ auf nichts und wieder nichts. Aber dennoch sage ich dir, nimm Rücksicht auf dich selbst. Es ist nicht gut, immer nur an das zu denken, was die Leute sagen, aber es ist noch weniger gut, gar nicht daran zu denken.“ Doch Melanie hat sich bereits entschieden: „Ich habe diese schnöde Lüge satt.“

Ohne die Kinder wiederzusehen verlässt sie das Haus und begibt sich mit Ruben auf Reisen, um der gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen. Vergebens, die Gesellschaft schließt sie aus ihrem Kreis aus. Rubens spendet Trost: „Es rennt sich alles tot und am ehesten das“, doch der Dichter lässt die Protagonistin leiden: „Aber es glückte nicht, konnte nicht glücken, denn jeder neue Tag brachte neue Kränkungen“. Bei einem Zusammentreffen mit den Kindern weist die älteste Tochter die Mutter zurück: „Wir haben keine Mutter mehr“. Als auch Rubens Liebe nachlässt, ist Melanie der Verzweiflung nahe (Fontane bezeichnet ihren Zustand als Melancholie). Zu ihrer Erleichterung war Ruben nur wegen der drohenden Zahlungsunfähigkeit des Bankhauses besorgt. Nach dem Zusammenbruch der Bank muss sich das Ehepaar einschränken. Das Leben in bescheidenen Verhältnissen schmiedet das Paar jedoch wieder und diesmal noch enger zusammen. Van der Straaten schenkt Melanie zu Weihnachten ein Medaillon mit dem Bild der Ehebrecherin. Ruben vermutet eine Kränkung, doch Melanie nimmt das Bild als Zeichen ihrer Bußfertigkeit: „Ach du weißt nicht, wie viel es mir bedeutet. Und es soll mich erinnern und mahnen … jede Stunde …“.

Theodor Fontanes Roman ‚L’Adultera’ weist Parallelen zu dem bekannten Meisterwerk ‚Effi Briest’ und dem Roman ‚Cecile’ auf. In allen drei Romanen sind junge Frauen mit einem älteren Mann verheiratet und alle Damen finden im Ehepartner nicht die Befriedigung, die sie erhoffen. Melanie sucht einen charmanten, eleganten und weltoffenen Partner, Effi fühlt sich alleine gelassen und verkümmert in einer kleinen Provinzstadt, Cecile sucht gesellschaftliche Anerkennung und das Abenteuer. Alle drei Damen werden von der Gesellschaft für ihr Verhalten geächtet. Schlimmer noch, sowohl Melanie als auch Effi werden von der Familie und den eigenen Kindern zurückgewiesen. Doch während ‚Effi Briest’ und Cecile’ in einem Drama enden, findet ‚L’adultera’ ein versöhnliches Ende. Wenn ich richtig notiert habe, ist Melanie auch die einzige, die im Glauben Trost findet.


Mathilde Möhring
Mathilde Möhring
von Theodor Fontane
  Taschenbuch
Preis: EUR 3,60

4.0 von 5 Sternen Eine selbstbewusste Frau strebt nach Bildung, 19. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Mathilde Möhring (Taschenbuch)
Theodor Fontanes Roman ‚Mathilde Möhring’ führt uns in das Berliner Milieu des neunzehnten Jahrhunderts, in die Alltagswelt der einfachen Menschen, die sich um ihr tägliches Auskommen Sorgen müssen. Zu ihnen zählt die Familie Möhring. Mutter und Tochter Mathilde müssen nach dem frühen Tod des Familienoberhaupts ein Zimmer vermieten, um mit dem spärlichen Einkommen ihr Leben zu fristen.

Mathilde wird vom Autor als artige und bescheidene junge Frau beschrieben, die nach Bildung strebte. Sie war klug und vortrefflich, sauber und gut gekleidet, „aber ganz ohne Reiz … nicht recht zum Anbeißen… Ihre Chancen auf Liebe waren nicht groß“. Mathilde besaß eine gute Menschenkenntnis und war eine kluge Rechnerin. Als ein neuen Mieter, der Jurastudent Hugo Großmann, bei den Möhrings einzieht, weiß Mathilde diese Gaben zu ihrem Vorteil zu nutzen. Fürsorglich pflegt sie den jungen Mann während seiner Erkrankung und gewinnt seine Sympathie und endlich sein Herz: „’Es ist ein merkwürdiges Mädchen’, grübelte er, ‚nicht eigentlich schön, wenn man sie nicht zufällig im Profil sieht, aber klug und tapfer, ich möchte sagen, ein echtes deutsches Mädchen, charaktervoll, ein Wesen, das jeden glücklich machen muss, und von einer großen Innerlichkeit, geistig und moralisch’“.

Hugo ist von Natur aus träge, doch Mathildes Versprechen, nach bestandenem Examen in die Ehe einzuwilligen, treibt den Studenten an. Durch Mathildes Ansporn angetrieben, bewirbt sich Hugo um die Stelle als Bürgermeister eine Kleinstadt und erhält den Zuschlag. Ideenreich und ehrgeizig plant sie die Karriere des Mannes, doch dessen kränkliche Gesundheit und sein früher Tod werfen die junge Witwe wieder zurück auf den Ausgangspunkt ihrer Bestrebungen. In dieser Situation resigniert die junge Frau aber nicht und folgt auch nicht dem Rat der Mutter, einen Mann zu heiraten, um versorgt zu werden. „Zu Thildes besonderen Eigenschaften gehörte von Jugend auf die Gabe des Sich-Anpassens, Sich-Hineinlebens in die jedesmalige Situation.“ Mathilde fasst ein neues Ziel ins Auge: Sie wird Lehrerin: „Das seitens der Schuldeputation in sie gesetzte Vertrauen hat sie gerechtfertigt.“

Fazit: Theodor Fontane hat uns in seinem Nachlass diesen außergewöhnlichen Roman im Stile Henrik Ibsens hinterlassen. Eine selbstbewusste Frau strebt nach Bildung und verfolgt eigene berufliche Ziele. Auch wenn Mathilde Möhring erst nach dem Tode ihres Mannes die eigene Karriere ins Auge fasst, rüttelt der Roman am traditionellen Rollenbild der bürgerlichen Familie.


Römische Geschichte. Vollständige Ausgabe in acht Bänden.
Römische Geschichte. Vollständige Ausgabe in acht Bänden.
von Theodor Mommsen
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen "...ein literarisches wie wissenschaftliches Meisterwerk...", 17. Oktober 2014
„Die ‚Römische Geschichte’ ist und bleibt ein Höhepunkt unserer Geschichtsschreibung“, urteilt der Altertumsforscher Karl Christ über das Werk seines weltberühmten Kollegen Theodor Mommsen. Doch nicht nur in Kreisen der Wissenschaftler, auch und vor allem beim Publikum avancierte das Geschichtsdrama zum Bestseller. Dazu Christ: „…ein literarisches wie wissenschaftliches Meisterwerk, das immer noch höchste Autorität genießt“. Mommsen wurde 1902 mit dem Literaturnobelpreis geeehrt.

Den Publikumserfolg verdankt das Werk dem großartigen leidenschaftlichen und packenden Erzählstil des Autors, der das antike Geschehen durch Übertragungen von Begriffen aus der Alltagswelt des Lesers verständlich machte. Christ charakterisiert Mommsen als großen Stilisten, dessen Schreibstil den Leser nicht gleichgültig lässt.

Die Leistung ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass der Autor sein Werk als junger, weitgehend unbekannter Wissenschaftler schrieb. Mommsen war erst kurz zuvor als außerordentlicher Professor für Römisches Recht an die Universität Leipzig berufen worden. „Fachhistoriker war Mommsen somit gerade nicht“, konstatiert Christ. Doch die beiden befreundeten Verlagesbuchhändler Karl Reimer und Salomon Hirzel vertrauten dem jungen Mann die schwere Aufgabe an und dieser löste sie mit Bravour.

Nach dem Erfolg der drei bändigen Geschichte Roms wurde Mommsen oft gedrängt, das Werk, das mit der Diktatur Caesars endete, fortzusetzen, doch immer wieder gab der Forscher anderen Aufgaben den Vorrang. Auch die Vielfältigkeit der Forschung zeichnete Mommsen aus. Er bereicherte nicht nur das römische Staats- und Strafrecht, sondern auch die Ordnung der Inschriftensammlung (Corpus Inscriptionum Latinarum), das Münzwesen und die Limesforschung, um nur die wichtigsten zu nennen. Erst im Jahre 1883, nach fast dreißig jähriger Unterbrechung nimmt Mommsen nach eigenen Worten den Faden wieder auf, wo er ihn hat fallen lassen müssen. Er wählte aber nicht den chronologischen Aufbau, sondern erzählt „die Geschichte der einzelnen Landesteile von Caesar bis auf Diocletian“.

Mommsen versteht Geschichte als „Kampf der Notwendigkeit und der Freiheit“, wie Christ schreibt. Schlüssel für das Verständnis der Geschichte ist die Kenntnis der jeweiligen Sprache und des Rechts.

Nicht verschwiegen werden darf, dass die ‚Römischen Geschichte’ nicht nur mit Begeisterung aufgenommen wurde. Der Begriff ‚Partei’ wie ihn Mommsen in Anlehnung an die Parteiungen des neunzehnten Jahrhunderts verwendete, wird heute durchweg abgelehnt. Christian Meier hat in seinem Werk ‚res publica amissa’ dargelegt, dass wir uns Parteien nicht im modernen Sinne vorstellen dürfen. Neben einer Grundtendenz dominierten gegenstandsabhängige Bündnisse, die zu wechselnden Bündnissen führen konnten. Ebenso wird die Vergötterung Caesars und die unerbittliche Kritik Mommsens an Cato, Cicero und Pompeius heute distanziert betrachtet und kritisch bewertet. Auch konnte nicht ausbleiben, dass der Erfolg des Werkes eine „lähmende Wirkung“ auf das Forschungsgebiet ausübte und viele Altertumsforscher ihr Wirken auf Spezialthemen verlagerten.

Fazit: Mommsens Monumentalwerk konnte die schnelllebige Zeit wenig anhaben und auch nach 150 Jahren noch ein Lesegenuss. Die acht bändige, kartonierte Ausgabe des dtv Verlages bietet dem Leser zusätzlich noch umfangreiches Kartenmaterial, eine Bibliographie, eine Zeittafel, eine Inhaltsübersicht und ein Register.


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