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Rezensionen verfasst von
LaFlamande

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Ich gehe jetzt
Ich gehe jetzt
von Jean Echenoz
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen leichtfüßige Sinnsuche, 15. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Ich gehe jetzt (Taschenbuch)
Echenoz erzählt sprachgewandt und in lockerem, ironischen Plauderton von Kunsthändler Ferrer, dem irgendwie die Liebe, der geschäftliche Erfolg und die Gesundheit abhanden zu kommen drohen und der mit einem Mal sein Heil in der Flucht sucht. Seine Wege, seine Begegnungen und Beobachtungen sind abseitig und führen zu keinem nennenswerten Ziel. Und dennoch ist diese Verbindung aus Entwicklungsroman über einen Mann in seiner Lebensmitte, Abenteuergeschichte, Krimi, Elementen des film noir und des Surrealismus höchst unterhaltsam.
Ferrers Bindungsunfähigkeit, seine Langeweile, seine detaillierten Beobachtungen banaler Dinge und die Zufälligkeit seiner Begegnungen erinnerten mich an Wilhelm Genazinos Helden, nur ohne das Düstere.
Alles in allem gelungen, aber auch irgendwie ohne Gewicht. Bald werde ich nicht mehr wissen, worum es in dem Roman ging. Rechtfertigt das schon eine so hohe literarische Auszeichnung wie den Prix Goncourt?


Wir sehen uns dort oben: Roman
Wir sehen uns dort oben: Roman
von Pierre Lemaitre
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen sehr gelungener Bahnhofsschmöker, 24. Februar 2015
Das Thema des Romans, das Schicksal zweier Kameraden der Schützengräben von 1914-18 in der Nachkriegszeit, sowie seine Auszeichnung mit dem Prix Goncourt lassen vermuten, dass es sich um eine wahnsinnig seriöse Erzählung mit hohem Wahrhheitsanspruch handeln müsse. Davon war auch ich zunächst ausgegangen. Dass er sich dann als etwas ganz anderes entpuppte, ist aber überhaupt kein Einwand gegen den Roman.
Der Weltkrieg dient lediglich als Ausangspunkt und als dramatischer Handlungshintergrund für diese außerordentliche Überlebens- und Schurkengeschichte. Alles weitere ist Satire, Groteske. Mit Hingabe überzeichnet Lemaitre seine Figuren, nichts Menschliches ist ihm fremd, und alles gerät gleichermaßen zum Spektakel: die Grausamkeit der Grabenkriege, die Misere der Kriegsheimkehrer, die Obszönität und Ignoranz des Wohlstands, die Dummheit des mittleren Beamtentums, die Abgefeimtheit der Kriegsgewinnler und Profiteure, Drogen- und Alkoholmissbrauch, Vielweiberei und Völlerei. Es gibt hier keine leisen Töne. Alberts abwesende Mutter nährt mit theatralischen Einflüsterungen seinen Minderwertigkeitskomplex, ein Pferdekopf wird ihm zum Rettungsanker in äußerster emotionaler Not, der entstellte Edouard flüchtet sich zunehmend in ein Variéte-Dekor, und Madeleine überbietet jegliche bisher dagewesene Coolness bei der ultimativen Abfuhr ihres Ehemannes.
Aber irgendwie funktioniert das. Man kann Lemaitre vorwerfen, dass er den Ersten Weltkrieg für seine Zwecke ausbeutet und die historische Tragödie dahinter nicht ernst genug nimmt. Man kann es aber auch lassen. Es ist ein Roman. Und zwar einer, der auf jeden Fall spannende, dichte Unterhaltung bietet.
Die Erzählweise erinnerte mich an den Film "Mathilde - eine große Liebe", der ähnlich spielfreudig mit seinem historischen Stoff umgeht. Oder auch an den Roman "Brüder" des chinesischen Autors Yu Hua, der den Horror der Kulturrevolution und den anschließenden Turbokapitalismus als einzigen hysterischen Exzess darstellt.


In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie
In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie
von Eugen Ruge
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3.0 von 5 Sternen ideale Schullektüre, 4. September 2014
Ich fand Eugen Ruges DDR-Generationenroman sehr gut zu lesen, eindrücklich und technisch einfach gut gemacht, da kann man nichts sagen. Ich hätte nur einfach gern mehr erfahren über DDR-Geschichte und -Lebensgefühl. Als Gesamteindruck bleiben hier aber doch nur Allgemeinplätze: Mangelwirtschaft, allgemeines Misstrauen, Selbstbetrug der ideologischen Hardliner, innere Zerrissenheit der Zweifler oder Mitläufer, mit dem Niedergang wachsende Spannungen zwischen den Generationen... Im Nachhinein hätte ich mir noch mehr psychologische Innenschau und stärkere Charakterisierungen gewünscht. Diese waren nur in Teilen vorhanden (z.B. bei Nadjeshda Iwanowna).
Ich kann mir allerdings vorstellen, dass dieses Buch noch viele Gymnasiasten lesen werden (müssen), denn seine Klarheit und glasklare Struktur laden sehr zur Analyse ein.


Das Ungeheuer: Roman
Das Ungeheuer: Roman
von Terézia Mora
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen experimentelles Lamento, 4. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Ungeheuer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Seit 1999, ihrem ersten Auftritt in Klagenfurth, hatte ich Terezia Moras Namen in Hinterkopf und wollte immer mal etwas von ihr lesen, da mich ihr damaliger Beitrag sehr beeindruckt hatte. Inzwischen hat sie ja auch eine beachtliche Karriere hingelegt.

Umso enttäuschter war ich von diesem prämierten Roman. Er ist relativ handlungsarm, und das, was passiert, ist absolut konventionell und vorhersehbar. Die Struktur, diese geteilten Seiten mit den zeitversetzten Perspektiven des ratlosen Witwers Darius und der schwerkranken Flora sind anstrengend, im Grunde nicht zumutbar und tun auch einfach nichts für dieses Buch. Floras Textanteile sind zudem ein bunter Mix aus eigener Erzählung, Krankheitsdefinitionen, Gedichten u.ä.. Insgesamt ist das Buch also sehr experimentell geschrieben, ohne dass es dadurch gewinnt, im Gegenteil. Schade.


London NW: Roman
London NW: Roman
von Zadie Smith
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen etwas angestrengte Mobilitätsstudie, 4. September 2014
Rezension bezieht sich auf: London NW: Roman (Gebundene Ausgabe)
"London NW" ist ein gutes Beispiel dafür, dass, wer als moderner und seriöser Schriftsteller arrivieren will, auf keinen Fall chronologisch erzählen, mindestens drei verschiedene Textgattungen in seiner Prosa unterbringen, als Erzähler verschwinden und den Leser mit den elliptischen Gedankenströmen seiner Protagonisten auf sich gestellt sein lassen sollte. Die Erzählperspektive sollte ständig wechseln. Geteilte Seiten kommen auch nicht schlecht.
"London NW" bietet (fast) all das und wurde ausdrücklich für seinen Stil gelobt. Ich persönlich bin es nach diesem Roman ein wenig müde, zumal Smith diese Techniken zwar inflationär gebraucht, aber nicht durchgehend souverän beherrscht. Oft wirkt der Text angestrengt und überambtioniert, ja sogar ein wenig peinlich. Kurz: Die Lektüre war alles andere als flüssig. Vielleicht schreibt ZEIT-Rezensent Ijoma Mangold deshalb, es sei leichter, diesen Roman zu bewundern als ihn zu lieben.

Denn bewundernswert ist sein Sujet: vier Variationen des Kampfes um sozialen Aufstieg aus den prekären Lebensverhältnissen einer Kindheit in London NW. Am Beispiel der ehemaligen Schulfreunde Nathan, Felix, Leah und Nathalie zeigt Smith, dass sozial schwache Randgebiete in London nach wie vor existieren und es einen enormen Kraftakt erfordert, sich aus solchen Verhältnissen zu emanzipieren. Man könnte es positiv deuten, dass die Hautfarbe nicht mehr so sehr Kriterium für Aufstiegschancen ist, wäre da nicht die ernüchternde Erkenntnis, dass die Klasse, in die man hineingeboren wurde, heute determinierender ist denn je. - Dies gilt sicher nicht nur für London, sondern scheint für mich eine neue Krankheit moderner westeuropäischer Industrie- und Konsumgesellschaften. Gerade in Deutschland ist nichts so prägend wie die soziale Herkunft, ist der Schulweg so entscheidend für soziale Chancen. Wie soll ein Einzelner ohne Unterstützung aus einer Generationenkette von Hartz IV-Empfängern ausbrechen?

Ich hätte mir gewünscht, dass Smith dieses Thema expliziter macht. Bei all den oben geschilderten Gadgets geht ihr gesellschaftskritisches Motiv und Engagement fast verloren.


Diese Dinge geschehen nicht einfach so: Roman
Diese Dinge geschehen nicht einfach so: Roman
von Taiye Selasi
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schweigen tut weh, 2. September 2014
Ungeachtet aller Schwierigkeiten: Dieser Roman hat Seele. Er handelt meines Erachtens vom Unbewussten und packt daher weniger intellektuell als emotional.

Aufschlussreich sind natürlich die offensichtlichen Themen Immigration und Integration, eingebettet in die Geschichte einer Familie, deren Eltern einst aus Nigeria und Ghana in die USA eingwandert sind, die Geschichte von Aufstiegsmöglichkeiten, Erwartungen und Druck, Emanzipation und Scheitern. Ich will nicht zu viel verraten, aber man versteht am Ende den scheidenden Vater und das Ausmaß der von ihm so empfundenen Demütigung.

Das für mich zweite starke Thema des Romans ist die unbewusste Weitergabe von prägenden Ereignissen in einer Familie. Mit den Worten der Journalistin und Biographin Alexandra Senfft: "Schweigen tut weh". Kweku und seine Frau Fola sind überein gekommen, nicht über ihre Herkunft bzw. Erlebnisse in ihrer früheren Heimat zu sprechen. Dies ermöglicht ihnen aber nicht automatisch, von Null anzufangen, sondern überträgt sich als Gefühl tiefer Verunsicherung auf ihre Kinder, und alle ihre Handlungen resultieren daraus, geschehen eben "nicht einfach so".

Ich weiß auch nicht, warum Selasi diese komplizierte Montagetechnik und nicht-chronologische Erzählweise gewählt hat, die dem Leser die Orientierung merklich erschweren. Ich finde den Text auch sprachlich nicht so brilliant wie von vielen Kritikern behauptet. Er ist gut geschrieben, immer wieder auch wirklich poetisch, aber nicht überragend gut. Das mag allerdings auch an der deutschen Sprache liegen. Der englische Orignaltext hat tatsächlich einen ganz anderen Rhythmus. Die Familiengeschichte scheint ebenfalls reichlich überfrachtet. Die Kinder mit ihren Talenten, Bestleistungen, Stipendien und anderen Superlativen, und schließlich ihren diversen, zum Teil massiven psychischen Problemen, das wirkt schon auch plakativ.

Aber gerade diese Verdichtung von Erlebnissen und die Verstärkung von Gefühlen ermöglicht dem Leser, mit den Protagonisten zu reisen und ihre emotionale Entwicklung und die Versöhnung mit ihrer Familiengeschichte nachzuvollziehen.

+++ Achtung, evtl. Spoiler +++
Eine Erkenntnis Folas lautet sinngemäß, ihre Zeit und ihre Möglichkeiten haben lediglich ausgereicht, das Lieben (wieder) zu lernen, nun sei es an den erwachsenen Kindern, das Bleiben zu lernen.
Das ist offenbar das Leben. Es bleibt nicht aus, dass familiäre Verwerfungen auch weitervererbt werden. Umso wichtiger ist, dafür ein Bewusstsein zu haben bzw. zu schaffen - der erste Schritt auf dem lebenslangen Weg der Selbsterkenntnis und der Befreiuung aus bestimmten Verhaltensmustern.


Zehnter Dezember: Stories
Zehnter Dezember: Stories
von George Saunders
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen sensationell, 2. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Zehnter Dezember: Stories (Gebundene Ausgabe)
Der Klappentext zu dieser Sammlung spricht von "brillanten, einzigartigen, witzigen, zärtlichen und übermütigen Erzählungen". "Zärtlich"? Saunders schreibt über so abgründige Situationen und Charaktere, so überzogen, grotesk und beißend, daran schien mir zunächst überhaupt nichts zärtlich. Doch es stimmt.

Die Distanz der meisten Leser zu Saunders fiktiven Lebenswelten dürfte riesig sein. Die Protagonisten: viel white trash, Krimineller im Hochsicherheitstrakt; Jugendliche, die unter der Kontrollsucht oder Vernachlässigung durch ihre Eltern leiden; überforderte, geistig und emotional zurückgebliebene Mutter; hasserfüllter heimkehrender Soldat; verschuldeter Familienvater mit Ambitionen; Kleinbürger, die die eigene Haut zu Markte tragen und ihren niedersten Bedürfnissen nachgeben u.a.m.). Saunders katapultiert uns in Extremsituationen, an den extremen sozialen Rand, teilweise in die Zukunft, aber immer mitten hinein in die Köpfe seiner Protagonisten. Er schreibt in Form von Gedankenströmen, aus der Ich-Perspektive, manchmal so, wie sich seine Figuren selbst nie ausdrücken könnten.
In fast allen Geschichten stehen die Personen vor einer äußerst schwierigen, moralischen Entscheidung. Und obwohl sie so weit weg von den Lesern sind wie nichts anderes, schafft es Saunders, fühlbar zu machen, was uns über alle sozialen oder zeitlichen Grenzziehungen hinweg miteinander vereint, nämlich das Menschliche, und dass wir immer und überall vor der Entscheidung stehen, menschlich zu handeln oder nicht. Das macht Saunders zärtlich. Und bei aller Groteske bedeutsam.

Bombe.


Quasikristalle: Roman
Quasikristalle: Roman
von Eva Menasse
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen sperriges Zeitbild, 2. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Quasikristalle: Roman (Gebundene Ausgabe)
Sechs Wochen nach der Lektüre bleibt mir "Quasikristalle" als ein wohltuend heutiger Roman in Erinnerung, sowohl die Form (multiperspektivisch, Montagetechnik) als auch die Inhalte (Möglichkeiten und Grenzen zwischenmenschlicher Beziehungen, Emanzipation, Herausforderungen des Mutterseins, jüdische Identität heute, Aufarbeitung des Holocaust, Euthanasie/Sterbehilfe, totale Überwachung u.a.) betreffend.

Im Verlauf vieler impressionistischer Skizzen lernen wir Xane Molin kennen, bzw. das, was Menschen, die sie kennen, als auch sie selbst zu verschiedenen Zeitpunkten ihres Lebens in ihr sehen. Wie in der Bewegung eines Kaleidoskops fallen Xanes verschiedene Persönlichkeitsanteile bei jedem Perspektivwechsel anders zusammen. Das Gesamtbild scheint nur auf den ersten Blick ähnlich. Dabei ist es immer anders, und immer nur ein Ausschnitt. Es ist erschreckend, wie wenig sich Selbst- und die diversen Fremdwahrnehmungen Xane Molins ähneln und als Leser beginnt man zu zweifeln, wie nah Menschen einander wirklich kommen können. Die Art, wie Bekannte und Freunde Xane beschreiben, verrät mehr über sie als über Xane. - Eine alte Erkenntnis, die hier lesend erfahrbar wird, ein gekonnter und gelungener Effekt dieses Romans.

Der Erzähltechnik und dem Erkenntnisziel zum Opfer fällt allerdings ein wesentliches Lesevergnügen: Dass man sich in irgendeiner Weise für die Protagonistin interessiert. Wenn auch von der Autorin so beabsichtigt, ist es eben mühsam, die diversen Erzählungen in ein erinnerbares Bild von Xane Molin zu integrieren, oder auch nur ihren Lebenslauf chronologisch nachzuvollziehen, und das wiederum legt man der Romanfigur zur Last; sie wird durch diese Widersprüche nicht sympathischer. Auch das ist aus dem Leben gegriffen. Wir machen uns ein Bild von Menschen, kategorisieren dabei unwillkürlich und tun uns schwer, wenn die Betreffenden sich plötzlich gar nicht unseren Erwartungen gemäß verhalten. Aber: Den Text als solchen machen die Widersprüche eben sperrig.

Die Authentizität des Romans kann man ebenfalls diskutieren. Einerseits scheint er gut geeignet als Zeugnis über Lebensgefühl und Debatten unserer Zeit. Andererseits wandert Eva Menasse mehr als einmal auf dem Grat zum Klischee: Wie bereits von "euripides50" in seiner, der ersten, Amazonrezension zu diesem Buch, benannt, sind dies:

"die emanzipatorische Grundhaltung, ein gluckenhafter Kinderwunsch, Stutenbissigkeit im Kampf gegen die "jüngere Frau", die Sehnsucht nach außerehelichen Affären, zu denen man sich dann doch nicht traut, die Angst vor dem Altwerden, Kontrollzwang, Dominanz und Perfektionismus sowie der eine oder andere Nervenzusammenbruch." - Als nach der Hälfte des Romans endlich Xane Molin selbst zu Wort kommt, sind ihre Äußerungen ernüchternd banal und klein.

Ich gebe euripides50 außerdem dahingehend Recht, dass die Autorin ihre Figur zum Teil politisch überkorrekt angelegt hat. Jüdische Wurzeln einer Romanfigur oder ihre wissenschaftliche oder biographische Beschäftigung mit Holocaust und Euthanasie sind aber nicht per se ein Qualitätsmerkmal in der Literatur.


Americanah: Roman
Americanah: Roman
von Chimamanda Ngozi Adichie
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen interessante Positionen, 14. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Americanah: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die Mitteilung des Lebensgefühls und der intellektuellen Positionen, die "Americanah" transportieren, scheint mir überfällig gewesen zu sein. Umso mehr habe ich mich an diesem Buch gefreut. Noch dazu ist es gut geschrieben. Ich fand sämtliche Handlungsstränge und Texte im Text interessant und spannend. Sowohl das Leben in Lagos als auch Ifemelus Lebenssituation in den USA oder Obinzes illegaler Aufenthalt in London machen die Leser mit etwas vertraut, was die meisten wahrscheinlich nicht aus eigener Anschauung kennen - und das auf literarisch anspruchsvolle und unterhaltsame Art und Weise. Ifemelus Zerrissenheit und den Druck konnte man sehr gut nachfühlen. Die Liebesgeschichte ist glaubwürdig, schön, sie schmerzt und hält den Roman zusammen.

Adichie sagt, sie sei erst außerhalb ihres Heimatskontinents darauf hingewiesen worden, sie sei schwarz. In Nigeria ist die Mehrheit schwarz, die Hautfarbe wird daher gar nicht verbalisiert bzw. problematisiert. Diese Position kennt man allenfalls umgekehrt: Über Hautfarbe nicht nachzudenken, ist ein Privileg, das nur Weiße haben, denn für sie hat ihre Hautfarbe keinerlei negative Konsequenzen. Und nun beschreibt Adichie die Erfahrungen einer selbstbewussten nigerianischen Frau, die nach Amerika geht.

In den USA erfährt Ifemelu zum ersten Mal diese Klassifzierung und den damit einhergehenden Rassisimus. Nach der anfänglichen Schockstarre und einer für sie traumatischen Erfahrung beginnt sie, in Blogs darüber zu schreiben und den amerikanischen Rassismus zu dekonstruieren.
Ich dachte zwischendurch, Adichie beschreibe hier ein doch sehr US-amerikanisches Problem. Die meisten Afro-Amerikaner kennen ihre konkreten Wurzeln in Afrika nicht, die meisten schwarzen Menschen in Europa hingegen schon. Wir haben hier auch keine schwarze Bürgerrechtsbewegung gehabt. Wir haben es in Europa mit anderen Facetten von Rassismus zu tun, aber nicht mit einer hypersensiblen political correctness, die selbst schon wieder rassistisch ist. Viele Themen, die Adichie anspricht, kennt man hier so nicht: die Sehnsucht nach einem lediglich imaginierten und dabei oft verklärten Mutterland, die Vorstellung, dass schwarze Menschen sich immer solidarisieren müssten, die unausgesprochene Regel, dass Rassismusprobleme nur auf eine Weise angesprochen werden dürfen, dass sich das rassistische Umfeld nicht angegriffen fühlt usw.
Aber letzten Endes funktionieren Rassismen überall gleich: Menschen wird eine Identität zugeschrieben, die nicht ihrem eigenen Empfinden entspricht, man lässt sie nicht selbst sprechen; die Zuschreibung klassifiziert, degradiert, entmündigt und/oder beleidigt; und sie verändert den Menschen.
Insofern ist diese Lektüre auch inspirierend, denn sie lädt dazu ein, sich auch einmal über die Verhältnisse und Erfahrungswelten schwarzer Menschen im eigenen Land Gedanken zu machen.
Solch ein selbstbewusstes Buch im europäischen Kontext würde mich sehr interessieren, aber das muss erst noch geschrieben werden.
Lediglich ein Punkt Abzug, weil Adichies Anspruch, all diese Themen in ihrer Geschichte unterzubringen, doch manchmal etwas Versatzstückartiges hat und die Romanhandlung manchmal etwas auseinanderreisst oder die Figuren künstlich, als Sprachrohre ihrer Thesen, erscheinen lässt.


Räuberhände: Roman
Räuberhände: Roman
von Finn-Ole Heinrich
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen leichte Sommerlektüre, 14. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Räuberhände: Roman (Taschenbuch)
Als solche hatte ich mir diesen Titel bestellt, und diesen Zweck hat sie voll erfüllt. Groß oder beeindruckend ist der Roman nun nicht, aber eine durchaus fesselnde Coming-of-Age-Story mit den Protagonisten Samuel und Janik (so 17,18 Jahre alt), die einem mit der Zeit sehr ans Herz wachsen. Die Dialoge sind echt und rotzig, die Abstoßungsversuche der Beiden von ihren Elternhäusern realistisch und dabei ganz unterschiedlich, und Samuels Sehnsucht nach seinem türkischen (?) Vater ist rührig. Es geht um diesen Gefühlswust, durch den man einfach durch muss und der sich Pubertät nennt.
Ich würde dieses Buch Jugendlichen in Samuels und Janiks Alter bzw. bis in die 20er hinein empfehlen und es Solchen auch gerne mal verschenken.


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