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Rezensionen verfasst von
H. Vogel (München)
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Der Teufel von Mailand
Der Teufel von Mailand
von Martin Suter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

24 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mythen und Märchen im verregneten Engadin, 14. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Teufel von Mailand (Gebundene Ausgabe)
Es ist halt wie im richtigen Leben. Die Spannung, Dynamik und Strahlkraft, ebenso der Charme der Jugend und des Neuen verfliegt mit den Jahren. Suters erste große Romane, '"Small World'" und '"Die dunkle Seite des Mondes'" waren für mich wahre Meilensteine in der zeitgenössischen, deutschsprachigen Literatur. Ein neuer Autor, ein neues Gesicht im Literaturbetrieb. Ein Schweizer zumal. Kein verkopfter, hyperintellektueller und dem realen Leben weitgehend entrückter Autor, der für eine kleine, erlesene Feuilletongemeinde schreibt, sondern ein wahrer Autorenheld. Selbstbewusst, mit handfesten, spannenden und fesselnden Geschichten. Einer wunderbar klaren und präzisen Sprache. Einem ausgereiften Gespür für Stimmungen, Empfindungen und kostbare Details. Ein Autor, der ganz genau weiß, warum und wie er etwas schreibt.

Aber dann passiert etwas, dem nur ganz wenige, wirklich große Schriftsteller nicht erliegen. Ist es Routine, ist es die Lust am Geldverdienen, der Druck seitens der Verlage, der Leserschaft oder dem gnadenlosen Literaturbetrieb, den Martin Suter in "Lila, Lila" so trefflich portraitiert? Der "'Perfekte Freund'" ließ bereits erste Ermüdungserscheinungen erkennen, der darauf folgende Roman '"Lila, Lila"' war dann fast nur noch heiße Luft und nun steht sein letzter Roman, '"Der Teufel von Mailand"', auf dem Prüfstand. Zu Beginn der Lektüre fühlte ich mich endlich wieder in die alte, von mir so geschätzte Suter-Welt zurückversetzt. Erinnerungen an '"Die dunkle Seite des Mondes"' wurden geweckt und ich freute mich riesig darüber, endlich wieder einen richtig guten Roman von Martin Suter lesen zu können. Die Geschichte entwickelt sich gut, hält den Leser bei der Stange, führt ihn in interessante Psychologien und unbekannte Gefühlswelten ein. Lesenswert und spannend, schlichtweg gelungen und sehr versöhnlich nach den beiden letzten Büchern. Doch bald greift dann wieder diese scheinbar unvermeidliche Schreibroutine. Die Geschichte verflacht, wirkt immer konstruierter und klischeehafter. Nicht wirklich schlecht oder ärgerlich, aber leider ein wenig enttäuschend. Zum Ende der Geschichte beschleicht einen sogar das Gefühl, dass der Autor noch einmal kräftig auf die Tube gedrückt hat, um die Geschichte möglichst furios und dabei auch gleich möglichst unrealistisch und überkandidelt enden zu lassen. Keine nachvollziehbare Entwicklung, keine geschickte Auflösung der zuvor sorgfältig und mit viel Kreativität aufgebauten Personen und Erzählstränge.

Dennoch, "Der Teufel von Mailand" lohnt das Lesen allein wegen des ersten Drittels in dem man den alten Martin Suter ganz und gar wieder erkennt. Der einen mitnimmt und an die Zeiten erinnert, als man seine ersten Romane las. Irgendetwas zwischen Lesevergnügen und wohliger Nostalgie. Mein Fazit also: lesenswert, mit Abstrichen ab der Hälfte des Buches und einem dicken Minus für das Ende.


Talk Talk: Roman
Talk Talk: Roman
von T.C. Boyle
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,50

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Garantiert Boyle, 12. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Talk Talk: Roman (Gebundene Ausgabe)
Zugegeben, Talk Talk liest sich nicht ganz so flott, ist nicht ganz so wild und ungestüm wie manch' anderer seiner durchwegs phantastisch guten Romane, dennoch kommt man als Boyle-Fan bei Talk Talk absolut auf seine Kosten. Mich beeindruckt es immer wieder auf's Neue wie kreativ, präzise und haarscharf sezierend T.C. Boyle mit Sprache umzugehen vermag. Wie er auch noch das letzte Quäntchen Unschärfe und Klischeehaftigkeit aus seiner Sprache und in seinen Beschreibungen von Stimmungen, Charakteren und Orten zu verbannen weiß. Ich finde es bei Talk Talk höchst beeindruckend, wie ein hörender, aller Sinne mächtiger Autor es schafft, die Gefühls- und Empfindungswelt einer gehörlosen jungen Frau derart nachvollziehbar und plausibel zu beschreiben. Es ist wirklich aboslut faszinierend.

Ich kann allerdings auch die kritischen Stimmen in der Reihe der hier veröffentlichten Kritiken nachvollziehen. Man wünscht sich beim Lesen des Romans hin und wieder mehr Tempo und Spannung. Es fällt nicht leicht gegen den immer wieder abfallenden Spannungsbogen anzulesen und sich wieder für das Buch zu motivieren. Doch es ist einfach die Sprache und die große Empathie, die Boyle damit für die beiden auf schier aussichtlosem Boden kämpfenden Protagonisten entfacht und Talk Talk damit sehr lesenswert macht. Auch kann ich mir kaum bessere Romane, als die von T.C. Boyle vorstellen, wenn man etwas mehr über Amerika und seine Gesellschaft erfahren möchte, als man heutzutage im Kino, in der amerikanischen Presse oder in den Geschichten anderer Autoren zu finden vermag.


Roter Drache
Roter Drache
von Thomas Harris
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein schaurig schönes Lesevergnügen, 22. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Roter Drache (Taschenbuch)
Thomas Harris ist für mich der Meister des modernen Psycho-Thrillers. Selbst wenn man die Filme der Romanvorlagen ''Das Schweigen der Lämmer'' oder ''Roter Drache'' kennt, lohnt das Lesen der Bücher auf jeden Fall. Selbst neben Jonathan Demmes oskarprämiertem Meisterwerk ''Das Schweigen der Lämmer'' kann Harris' Buchvorlage glänzen, erfährt der Leser darin doch viele Details und Zusammenhänge, die dem Drehbuch zum Opfer fallen mussten.

Noch überraschender offenbart sich für mich aber die Buchvorlage zu ''Roter Drache''. Für mich gehört dieses Buch neben ''Das Schweigen der Lämmer' zweifellos zu seinen Meisterwerken. Ein unglaublich dicht und beklemmend geschriebenes Psychogramm eines entfesselten, mordenden Psychopathen. Ein atemloses Buch, das den Leser vollständig vereinnahmt und durch die präzise, starke Sprache Harris' intensiv, sprachlich elegant und schauerlich zugleich den Werdegang des hasenschartigen, als Kind vernachlässigten und gedemütigten Francis Dolarhyde vom verschüchterten, verkorksten Jungen zum energischen, dominanten und selbstbewussten Massenmörder eindrucksvoll beschreibt. Ein Umstand, der in Brett Ratners Verfilmung von 2002 leider etwas auf der Strecke bleibt. Auch weicht das Drehbuch für den Film 'Roter Drache' in anderen Teilen nicht unerheblich von der Romanvorlage ab, was das Buch umso lesenswerter macht.

Grosse Thrillerliteratur, brillant geschrieben und konstruiert, beklemmend, fesselnd, verstörend und hochinteressant in seiner kriminalistischen, forensischen, psychologischen aber auch sprachlichen Dimension. Letzteres ist übrigens, was die deutsche Fassung betrifft, auch ein Verdienst des Übersetzers Sepp Leeb.


Next
Next
von Michael Crichton
  Gebundene Ausgabe

26 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Starkes Thema, schwacher Roman, 20. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Next (Gebundene Ausgabe)
Was habe ich mir damals mit Crichtons Romanen, wie 'Andromeda', 'Der grosse Eisenbahnraub', 'Congo', 'Nippon Connection', 'Enthüllung' und natürlich 'Jurassic Park' die Nächte um die Ohren geschlagen. Wie fasziniert war ich von dieser bislang unbekannten Hybris, die Crichton meisterhaft aus hervorragend recherchierten wissenschaftlichen und historischen Fakten, Fiktion, Vision und unerträglicher Spannung zu spinnen vermochte. Leider hat Crichton diese Hochform in seinen späteren Romanen nie wieder erreicht. Die Geschichten wurden immer hanebüchener, flacher, klischeehafter, ja man kann fast sagen lächerlicher.

Doch der Virus lässt einen halt nicht los und so greift man immer wieder ins Regal und holt sich den neuen 'Crichton'; es könnte ja wieder einmal ein guter sein. Ich muss mich sogar soweit outen, dass ich hin und wieder auch auf die Originalausgabe zurückgreife, wenn ich die deutsche Übersetzung nicht abwarten kann. So auch bei seinem jüngsten Werk 'Next'.

Das Thema ist natürlich wieder hochaktuell und brisant, eines der klassischen Merkmale vieler seiner Werke, und diesbezüglich sollte man ihm nicht nur handfeste Marketinginteressen unterstellen. Nein, Crichton hat den Anspruch mit seinen Büchern auf aktuelle Themen aufmerksam zu machen und er versteht es immer wieder meisterhaft, komplexe Themen populärwissenschaftlich allemal, aber dennoch präzise und hochinteressant einem breiten Publikum näherzubringen. Das kann er einfach unglaublich gut und da kann selbst ein Frank Schätzing noch von ihm lernen (hat er sicher auch). Im Gegensatz zu seinem sehr umstrittenen und außerordentlich schlechten Roman "Welt in Angst", in dem er auf, wie ich finde, unverantwortliche Art und Weise dem industriellen Establishment in Sachen übertriebener Angst vor klimatischen Veränderungen das Wort redet, macht Crichton es bei 'Next' besser. Er stellt in seinem neuesten Werk die völlig abstrusen Entwicklungen in Sachen Genpatentierung, illegaler Forschung und Entwicklung sowie die skrupellosen Machenschaften gewissenloser und publicitysüchtiger Gentechnikbarone an den Pranger und verpackt den aktuellen Stand der Forschung und Wissenschaft auf diesem Gebiet in eine spannende Geschichte. So weit so gut. Natürlich macht er das auf die gewohnte Weise, in dem er viele Handlungsstränge aufbaut, diese in knappen Kapiteln atemlos aneinanderreiht und geschickt verwebt, dadurch Spannung und Tempo aufbaut und immer wieder brisante wissenschaftliche Informationen einstreut. Teilweise sind diese 'Inserts' auch recht humorig und entlarvend (z.B. wenn Berlusconis abgesaugtes Körperfett von einem Schweizer Aktionskünstler zu Edelseife verarbeitet wird oder ein neusseländischer Millionär das aus seinem Gesäss abgesaugte Fett zu Treibstoff für seine Segelyacht umwandeln lässt). Das macht er gut und zeigt damit auch den Irrsinn auf, den Forschung, Medizin und Lifestyle-Industrie für die Welt heute bereithalten.

Dennoch hat sein neues Buch auch Schwächen. Die Handlung ist durch die vielen Nebenschauplätze, Personen, Handlungsstränge und Verläufe arg zerfasert und sehr gewollt auf Tempo getrimmt. Die Begebenheiten und Entwicklungen wirken immer wieder äusserst konstruiert und hingebogen, so dass ich beim Lesen immer wieder die Augen verdrehen und mich fragen musste, warum ich mir das antue. Ein kleiner Schimpanse mit Menschengenen, der fliessend sprechen kann, allerdings ein bisschen Probleme mit den Verbformen und dem flüssigen Lesen hat. Ein vermenschlichter Graupapagei mit feinem Humor, englischem und französischem Akzent sowie einer Vorliebe für das Zitieren klassicher Filmdialoge und dem Ausplaudern pikanter, zwischenmenschlicher Details. Ein Orang-Utan, der im Dschungel Borneos flucht wie ein holländischer Seemann. Alles ganz nett und humorig, doch letztlich der Qualität des Buches abträglich und überflüssig. Dass die Bösen am Ende ihr Fett wegbekommen (nein, nicht das von Berlusconi..) und alles wieder irgendwie gut wird, sei dem Zielpublikum geschuldet, für das Crichton seine Romane schreibt und soll auch kein Kritikpunkt sein. Dennoch bin ich der Meinung, das man das Buch durchaus lesen kann, wenn man sich für ein paar Stunden im grauen Spätwinter kurzweilige Unterhaltung verschaffen möchte. Leider nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Wassermusik. Roman
Wassermusik. Roman
von T. Coraghessan Boyle
  Taschenbuch

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wieviel Leid erträgt ein Mensch?, 13. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Wassermusik. Roman (Taschenbuch)
Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, wird sie in T.C. Boyles Roman Wassermusik finden. Geschickt verwebt Boyles in seinem frühen Werk zwei Erzählstränge. Zum einen die Abenteuer des schottischen Arztes und Entdeckungsreisenden Mungo Park in Westafrika bei der Erkundung des Niger und zum anderen den wahnwitzigen Überlebenskampf des unterpriviligierten Ned Rise im brodelnden London des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Während Mungo Park, gebildet und aus geordneten schottischen Verhältnissen die Grenzen des Daseins freiwillig und aus purer Abenteurlust in den unbekannten Tiefen des afrikanischen Nigerbeckens auslotet und dadurch zum gefeierten Helden der Londoner Society wird, muss Ned Rise seit frühester Kindheit schlimmste Qualen, Demütigungen, Verstümmelungen und den ganzen Katalog an menschlichen Grausamkeiten erdulden, den das Georgianische England für seine Unterschicht bereithält. Kraftvoll, eindringlich und mit bestechender Präzision und Wortwahl beschreibt T.C. Boyle das Leben der beiden Protagonisten und nimmt den Leser gefangen in einer exotischen Welt voller Widrigkeiten, Sehnsüchte, Räusche, Krankheiten, Agonien und aberwitzigen Wendungen und Überraschungen.
Natürlich ist Wassermusik in erster Linie ein echter Schmöker, eine "unendliche Schnurre", wie Fritz J. Raddatz in der "Zeit" schrieb. Ein Buch, das einen schnell in seinen Bann zieht und nicht mehr loslässt, bis man die letzte Seite umgeschlagen hat. Ich denke aber es ist mehr als nur guter Lesestoff für kurzweilige Leseabende. Boyle hat erstklassig recherchiert, versteht es auf glänzende Art Stimmungen, menschliche Qualen, soziale Mißstände und exotische Welten zu beschreiben. Afrikanischer Dschungel und Londoner Unterwelt unterscheiden sich kaum noch und fordern dem Entdecker Mungo Park, wie dem Ganoven und Überlebenskünstler Ned Rise gleichermaßen das Äußerste ab. Eine irrwitzige Geschichte, die dem Leser viel über das Leben, die Einsamkeit, die Liebe, den Erfolg, Krankheiten und Verderben - kurzum über all die Irrungen und Wirrungen des menschlichen Daseins vor zweihundert Jahren erzählt und dabei über die ganzen 560 Seiten hinweg einen nervenaufreibenden Spannungsbogen aufrecht erhält. Ein Buch nicht unbedingt für zartbesaitete Seelen und Freunde von Romantik und Kuschelliteratur. Dennoch, ich empfehle das Buch unbedingt, nicht zuletzt auch wegen der hervorragenden Übersetzung durch Werner Richter. Es gehört zu den besten Romanen, die ich bislang gelesen habe und macht mich neugiereig auf weitere Werke des amerikanischen Kultautors.


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