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Boioteu

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Finstere Zeiten: Zur Krise in Griechenland
Finstere Zeiten: Zur Krise in Griechenland
von Petros Markaris
  Gebundene Ausgabe

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das politische System Griechenlands, treffend analysiert, 2. Oktober 2012
Es mag Beobachter der Thematik zunächst etwas enttäuschen, dass das Buch aus einer Reihe bereits zwischen 2009 und Mitte 2012 publizierter Aufsätze und gehaltener Reden zur griechischen Krise besteht.

Allerdings sind Markaris' Analysen so treffend, dass man sie allen, die am Stammtisch unreflektiert über die griechische Misere schimpfen, nur empfehlen kann. Der als Kind eines armenischen Vaters und einer griechischen Mutter in Istanbul aufgewachsene Autor, der sich für Athen als Lebensmitte entschied, ist in der Lage, Innen- und Außensicht in einen Blick zu nehmen. Dabei ist er trotz Liebe zu seinem Land ein unbestechlicher Kritiker der geschichtlich-politischen Gegebenheiten. Seine Analysen sind so erhellend (m.E. besonders die Rede aus Februar 2012), dass sie für alle, die in dieser Zeit über Griechenland schreibend urteilen, Plichtlektüre sein sollten. Spätestens danach wird klar: nicht ständig neue Forderungen nach und Zusagen von Sparpaketen können die Lösung sein, sondern nur eine grundlegende Umgestaltung des politischen Systems. Ob das zu schaffen sein wird, wissen die Götter!

Übrigens: Der Autor dieser Zeilen ist den Griechen und ihrem Land seit einem halben Jahrhundert liebend-kritisch verbunden.


Réina Gilberta: Ein Kind im Ghetto von Thessaloníki
Réina Gilberta: Ein Kind im Ghetto von Thessaloníki
von Nina Nahmia
  Broschiert
Preis: EUR 22,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wenn die Sprache versagt, 27. August 2010
(*) Um diesem wichtigen Buch gerecht zu werden, muss man es zweimal rezensieren, einmal als Sachbuch bzw. Dokument und einmal als Literatur. Als letztere fällt es durch. Schon nach wenigen Seiten möchte man es wegen seiner gezwungenen, ja schwülstigen und kitschigen Sprache zur Seite legen. Für den deutschen Leser ist schwer zu entscheiden, aber letztlich auch egal, ob dieser Stil der Autorin oder ihrem griechisch-schweizerischen Übersetzer Argyris Sfountouris geschuldet ist.
"... das Schwanenweiß ihres freien Halses spiegelte sich im seidenen Purpur und warf ein astrales Licht auf ihr Gesicht aus Elfenbein." (S. 11). Das geht dann mit "lichterfülltem Lächeln" (S. 12), "liliengleichen Fingern", "Augenstern" und "honigsüßen Vogellauten" (S. 13) immer so weiter.

Es bleibt unverständlich, wie die Südosteuropa-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in ihrer sonst neugierig machenden Rezension dafür den Satz fand: "Nina Nahmia hat für diese Familienskizze eine zarte, behutsame Sprache gefunden und A.S. hat sie in ein schönes Deutsch verwandelt." Dass die Zitatstellen keine Ausrutscher sind, könnte leider mit vielen weiteren Beispielen belegt werden. U.a. gerät bei der mit Hilfe eines Bauern gelingende Flucht aus dem Ghetto Thessalonikis die Beschreibung der als Verkleidung dienenden Bauerntracht zu einem Folklorebild, wie man es früher in billigen griechischen Urlaubsprospekten finden konnte. Dass man den Schrecken des Holocaust oder südamerikanische Folterkeller auch literarisch überzeugend in Spache bringen kann, haben andere Autoren bewiesen. Ich denke u.a. an Saul Friedländer (Wenn die Erinnerung kommt.) oder Ariel Dorfmann (La Muerte y la Doncella / Der Tod und das Mädchen.)

Man könnte nun fragen, warum eine angemessene Sprache bei diesem Thema so wichtig sein soll. Die Antwort ist einfach: Damit auch schwer erträgliche Schilderungen von Grausamkeiten, die unsere Vorstellungskraft eigentlich übersteigen, vom Leser nicht als übertrieben oder gar unwahr abgetan werden können.

Der Leser, der sich durch solche Hürden nicht abschrecken lässt, begegnet mit diesen Erinnerungen einer griechisch-jüdischen Familie vor dem erschreckenden Abgrund des Holocaust in Griechenland, der bisher noch wenig thematisiert wurde. Vor allem wegen dieser Einsichten lohnt sich die Lektüre trotz ihrer literarischen Schwächen.

Bis hier meine Sprachkritik. Jedoch scheinen mir Inhalt und Ausage außerordentlich wichtig.

(***) Jahrzehntelang war Kalavrita das Synonym für deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland. Erst spät gelangte Distimo in das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit. Wenn auch die Massaker an der griechischen Dorfbevölkerung und die Judendeportationen nach Auschwitz auf der Schreckensskala deutscher Kriegsverbrechen in Griechenland eine unterschiedliche Qualität haben, bleibt es zunächst verwunderlich, dass das Schicksal der rund 45.000 vernichteten griechischen Juden, überwiegend aus Thessaloniki, in der griechischen Öffentlichkeit keine vergleichbare Erregung wie die mit Vergeltung für Partisanenüberfalle begründeten Morde an der griechischen Zvilbevölkerung hervorgerufen hat.

Nina Nahmias Buch berührt und entsetzt auch den mit aller Art von Brutalität und deren Darstellung vertrauten Leser. Am individuellen Schicksal der Demütigung und Zerstörung einer Familie aus Thessaloniki bewirkt der Blick in den Abgrund der Judenvernichtung erschütternde Eindrücke, die sich viel stärker und länger einprägen als die bloßen Horrorzahlen der Statistik.

Der Buchtitel verdeckt, dass die eigentliche Hauptfigur nicht das Kind Reina Gilberta, sondern ihre Mutter Edda ist. Ihr gelingt es, indem sie sich von der kleinen Reina trennt, ihr Kind zu retten. Sie selbst aber entgeht trotz zunächst gelungener Flucht aus dem Ghetto nicht dem KZ-Schicksal. Die Autorin lässt parallel zu dem Erzählstrang der Familiengeschichte einen historischen Strang laufen. In diesem wird die Geschichte der Juden Thessalonikis seit ihrer Vertreibung aus Spanien, fast 500 Jahre zuvor, bis zu den Leiden des Holocaust und ihrer Vernichtung dargestellt. Wer das so entstehende Bild vor allem um die von der aktuellen Holocaustforschung aufgezeigten politischen Dimensionen vervollständigen möchte, sei dringend auf den Griechenlandteil von Götz Alys "[[ASIN:3100004205 <a href="javascript:" cref="CitaviPicker3100004205"></a> Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus]]" hingewiesen. Diese 30 Seiten sollte man am besten vor der Lektüre Nahmias lesen. Sie vervollständigt den erwähnten Geschichtsstrang um wichtige Fakten.

PT August 2010


Edwina: A MEMOIR OF CHILDHOOD THROUGH THE EYES OF A WOMAN
Edwina: A MEMOIR OF CHILDHOOD THROUGH THE EYES OF A WOMAN
von Jill Hofstra
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,95

3.0 von 5 Sternen How literature may add to family history, 3. Mai 2010
Edwina and her childhood seem to me like scenes of an old film. One of the nostalgic black-and-white ones from the penultimate turn of the century. On the cinema-screen of about 1905 and following years, appear the first trolley trams in Jamaica Plain, a southern suburb of the City of Boston. These streetcars mean danger for little girls like Edwina who are lucky at least, if the cow catcher protects them from being overrun by the electric vehicle. I did not know the term nor did I have a visual imagination. Now I have.

The first Ford T models frighten people in the streets of Jamaica Plain. Of course the neighborhood's women still are not accustomed to buy their clothes in department stores. So Edwina's mother, a widow, is able to earn her living by exercising the profession of a domestic dressmaker, working partly at home, but also for weeks at some families' homes. We get to know many of the neighborhood people. And the most important informations for the family historian are often hidden within dependent clauses. So a young neighbor who travels from Boston to Seattle takes the route round Cap Horn. Amazing! but obviously not extraordinary at that time. Panama Canal did not open earlier than 1914. But why did he not go by train? This enigma keeps to be solved.

The family researcher receives a lot of more wonderful details about daily life at that time. When I discovered this book I was about writing an essay on a branch of my own Bostonian family. Of course it was a special highlight for me, when I learned, that daughter and grandsons of the forty-eighter Frederick B. Teuthorn had been neighbors of Edwina and her mother Clara McNeill. So I could add the contemporaneous local smell to my story.

PT March 2010


Emigrant aus Leidenschaft, 3 Audio-CDs
Emigrant aus Leidenschaft, 3 Audio-CDs
von Robert L. Stevenson
  Audio CD

4.0 von 5 Sternen Als Zwischendeckspassagier nach Amerika, 21. März 2010
Das Zwischendeck ist zu einem Synonym für die Massenauswanderung des 19. Jahrhunderts nach Amerika geworden. Zwar sind die ganz schlimmen Zustände auf den Segelschiffen bereits Vergangenheit, als der junge Schriftsteller Robert Louis Stevenson sich 1879 in Glasgow auf dem Dampfschiff Devonia nach New York einschifft. Aber was er anschaulich beschreibt, ist immer noch grässlich genug. Für den Familienforscher ist nicht nur dieser bildhafte Eindruck erhellend, sondern ihm gibt auch die Beschreibung eines Dampfschiffs unter Segeln einen anschaulichen Eindruck aus der spannenden Übergangszeit auf der Atlantikroute. Auch die anschließend Durchquerung Amerikas per Eisenbahn bis Kalifornien ist hörens- bzw. lesenswert. Der Leser dieser Zeilen möge aber berücksichtigen, dass ich aus dem Blickwinkel meines Hobbys urteile. PT


Live!: Ein Fall für Kostas Charitos
Live!: Ein Fall für Kostas Charitos
von Petros Markaris
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,90

4.0 von 5 Sternen Kostas Charitos ermittelt von zu Hause., 16. Juli 2008
Markaris, Petros: Live! Ein Fall für Kostas Charitos, Übersetzung aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger, Zürich 2004, (Diogenes).

Die Lektüre dieses Markaris-Krimis war wieder ein großes Vergnügen und die Spannung der Art, dass ich mich zwingen musste, die 514 Seiten auf zwei Urlaubstage zu verteilen. Wie schon beim Hellas Channel ersetzt der Lesestoff eine Reise nach Athen. Da stellt sich nämlich zwischen Lykabettos, Kolonaki, Syntagma und Omonia einerseits wieder dieses Athen-Feeling ein, andererseits aber auch die Überzeugung, die Smog- und Verkehrshölle des Athener Sommers besser zu meiden.
Da Kommisar Charitos diesmal mit Einverständnis von Kriminaldirektor Gikas während eines Genesungsurlaubs verdeckt ermittelt, werden seine häuslich-familiären Verhältnisse Teil der Bühne. Auf ihr erscheinen Tochter Katerini, die in Thessaloniki Jura studiert, Schwiegersohn in spe Fanis, der Kardialoge und natürlich Frau Adriani. Ihre gefüllten Tomaten, selbstgewickelten Dolmades und Auberginen Imam verheißen alle Köstlichkeiten der griechischen Küche, wenn sie Kriminalwachtmeisterin Koula in die überlieferten Rezepte einweiht.
Kostas Charitos ermittelt im Dreieck von Wirtschaft, Medien und Politik wieder bedächtig aber zielstrebig. Da mich ganz zum Schluss das Mordmotiv nicht so recht zu überzeugen vermochte, erreicht meine Wertung allerdings nur 4 Sterne. Trotzdem, gleich morgen kaufe ich den nächsten Markaris-Band.
PT, Juli 2008


Hellas Channel: Ein Fall für Kostas Charitos
Hellas Channel: Ein Fall für Kostas Charitos
von Petros Markaris
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,90

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Statt eines Kurzbesuchs in Athen, 25. März 2008
Wenn ich keine Gelegenheit habe, Athen zu besuchen, folge ich gerne den Spuren von Kommissar Kostas Charitos und bleibe auf kurzweilge Art und Weise mit der griechischen Hauptstadt in Verbindung. Dabei erlebe ich kein nostalgisches Erinnern, sondern bin mitten im modernen Griechenland. Auch werde ich mit leichter Hand und auf spannende Weise mit Themen konfrontiert, die sich dem zeitbegrenzt Reisenden nicht so leicht erschließen.
Im Hellas Channel hat Charitos es schwer, seine Ermittlungsarbeit neben sensationslüsternen Fernsehjurnalisten solide zu erledigen. Der zu lösende Fall spielt im Albanermillieu mit dem Hintergrund von Organtransplantations-Tourismus und Adoptionsgeschäft. Mit seinem Vorgesetzten hat Kostas eine stillschweigende Vereinbarung von konstruktiver Aufgabenteilung. Und das ist erfrischend anders als z.B. das entsprechende Klisché deutscher Fernsehserien. Wenn dann der Kriminaldirektor seinem Kommissar durch geschicktes Ausbalancieren zwischen Verwaltung und Ministerien im Mikrokosmos der Athener Politik die Arbeit erleichtert, kommen doch noch eigene Erfahrungen und Erinnerungen hoch. Und mit der Gewissheit, dass lieb gewonnene (Vor-)Urteile wieder einmal bestätigt werden, stelle ich das Buch zufrieden ins Regal meiner Hellas-Literatur zurück.
Und wer ist Markaris? Für etwas mehr Hintergrund zum Autor kann ich den (derzeitigen) Wikipedia-Artikel uneingeschränkt empfehlen.

(PT 03/2008)


Die Welt des Mittelmeeres
Die Welt des Mittelmeeres
von Fernand Braudel
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

7 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pflichtlektüre für Griechenlandliebhaber, 9. September 2007
Rezension bezieht sich auf: Die Welt des Mittelmeeres (Taschenbuch)
Braudel, Fernand: La Méditerraneé. L'espace et l'histoire, les hommes et l'heritage, Paris 1985. Deutsche Übersetzung: Die Welt des Mittelmeeres. Zur Geschichte und Geographie kultureller Lebensformen, hrsg. von Fernand Braudel, aus dem Französischen von Markus Jacob, Frankfurt am Main 1990, 5. Auflage Okt. 2000 (Fischer TB, 189 S.)

Endlich gelesen! Dieser schmale Band - gleichzeitig ein gutes Beispiel für die Absichten der Annales-Schule - ist mit großem Vergnügen zu lesen. Für Griechenlandfans Pflichtlektüre, weil es griechische Geschichte und Kultur in den notwendigen Gesamtkontext stellt und damit Abschied nimmt von der so weit verbreiteten unkritischen "Gräkomanie".

PT 2006


Jenseits von Epirus: Roman
Jenseits von Epirus: Roman
von Nikos Themelis
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ethnische Koexistenz vor der kleinasiatischen Katastrophe, 23. August 2007
Eine Lebensgeschichte aus dem neuen Griechenland in den Jahrzehnten bis zur kleinasiatischen Katastrophe. Im Dreieck Lesbos/Mitilini, Manisia, dem alten Magnesia am Sipylos, und Smyrna entsteht ein Bild vom Lebensgefühl und Miteinander von Menschen verschiedener ethnischer Herkunft, Griechen, Osmanen und Armenier, an der kleinasiatischen Küste. Es ist die Welt des grenzüberschreitenden internationalen Handels auf der Basis der regionalen Produkte und der gemeinsamen ökonomischen Interessen der Oberschichten, bis 1921 die Folge der Politik der "Megali Idea" dieser Idylle ein Ende setzt. Dem Autor gelingt es, ein Bild der Koexistenz in der Zeitspanne bis zur Katastrophe zu zeichnen, also bevor die kriegerischen Auseinandersetzung gegen Ende der Nationalstaatsbildung von Griechenland und moderner Türkei diese friedliche Welt endgültig beenden und die unvorstellbar großen Bevölkerungsverschiebungen immenses Leid und eine Abgrenzung von Griechen und Türken bringt, die bis heute nachwirkt. - Ein athmosphärisches, auch spannendes Buch. Ein Beispiel dafür, wie über Literatur Geschichte anfassbar wird.


Die Frauen von Andros. Roman
Die Frauen von Andros. Roman
von Ioanna Karystiani
  Taschenbuch

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Enge und Weite - Seemannsfrauen und abwesende Männer, 23. August 2007
Rezension bezieht sich auf: Die Frauen von Andros. Roman (Taschenbuch)
Die Schicksale der an die Insel gebundenen Seefahrerfrauen stehen im Mittelpunkt des Buches. Auf der einen Seite, der Seite der Frauen, erleben wir Verantwortung für die Familie, geduldiges Warten, Resignation und Enge, auf der anderen, der Seite der Männer, richtet sich der Blick auf die Bedeutung und den Einfluss griechischer Seeleute, Kapitäne und Reeder im globalen Schiffsverkehr. Diese Hochzeit der griechischen Handelschifffahrt auf Weltniveau endet Mitte des 20. Jahrhunderts zuerst als Folge des 2. Weltkrieges und endgültig dann mit dem Vordringen der Billigflaggen. Diese meine Beobachtung ist zwar nicht Hauptthema des Buches, sie stellt sich aber im Hintergrund der Handlung unaufdringlich ein. - Ein Buch das mich gefesselt hat.


Portugals strahlende Größe: Roman
Portugals strahlende Größe: Roman
von Antonio Lobo Antunes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,50

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Macht und Gewalt in Angola, ein Buch für starke Nerven, 2. September 2005
António Lobo Antunes: Portugals strahlende Größe (O Esplendor de Portugal)
Antunes arbeitet mit diesem Buch die koloniale Vergangenheit Portugals auf. Dies gelingt ihm mit virtuosen literarischen Mitteln auf erschütternde und nachhaltig wirkende Weise.
Mit der starken Farmertochter Isilda, ihren Eltern und vor allem den Kindern - dem seine Identität suchenden Mischling Carlos, der vornehmlich ihren Sexualdrang auslebenden "Flittchen"-Tochter Clarisse, dem gefühllos brutalen Epileptiker-Sohn Ruisse - schafft Atunes sich ein extremes Personenszenario, das es ihm ermöglicht, sein skeptisch pessimistisches von Gewalt und Macht bestimmtes Menschenbild zu entwickeln.
Dieses Buch verlangt dem Leser starke Nerven ab. Die Brutalität der Darstellung steigert sich auf ein Ausmaß, wo Abstumpfung beginnt. Was wir von Afghanistan und Irak, von Folter, Überfällen und Verstümmelung durch aktuellen TV-Konsum bis zur Gewöhnung hören und sehen, kommt hier über das Medium Literatur.
Es geht um die physischen und psychischen Verletzungen von Kolonisatoren und Befreiern gleichermaßen, konkret von Portugiesen im postkolonialen Angola und den einheimischen in Bürgerkrieg verwickelten Angolanern im Übergang in die postkoloniale Freiheit, um Macht und Machtmissbrauch, um Aufbau und Zerstörung. Hass, Menschenverachtung, Destruktion und Chaos überwiegen.
Rücksichtslosigkeit und Ausgeliefertsein, Egoismus und Gleichmut, Brutalität und Hilflosigkeit, Überheblichkeit und Rachsucht, überbordender Reichtum und grenzenlose Armut, all diese Aspekte des unmenschlichen Menschen, wechseln auf der Grenze zwischen kolonialer und postkolonialer Zeit lediglich die Personengruppe.
Mir neue literarische Mittel werden virtuos eingesetzt. Satzzeichen aufgehoben zu Gunsten eines ununterbrochenen Gedankenflusses, der Erinnerungsebenen und Beobachtungspositionen zusammenschiebt. Eine Schreibtechnik, die filmische Elemente - Überblendung, Rückblende, Doppelbelichtung - adaptiert. Prosa und Poesie verschmelzen. Textwiederholungen werden mit nur leicht veränderten Textbausteinen eingesetzt. Fetzen auseinandergeschnittener Sätze, über mehrere Seiten verstreut, werden erst durch das Lesen zusammengesetzt. Wiederholungen wirken wie Refrains. Spannung und Ermüdung wechseln sich ab. Wie bei Gedichten erschließen sich Textstellen bei nochmaligem Lesen zu einer anderen Tageszeit mit frischer Konzentration neu, erscheinen in anderem Licht.
Ein anstrengendes aber sehr lesenswertes Buch.
PT Juli 2005


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