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Günter Nawe "Herodot" (Köln)
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Der Eisengel
Der Eisengel
von Szilárd Rubin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Vamopirin von Törökszentmiklós, 19. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Der Eisengel (Gebundene Ausgabe)
Was sich im ersten Augenblick wie ein veritabler Kriminalroman liest, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine Art literarischen Experiments, als ein Dokumentarroman. Unternommen hat diesen Versuch, der an dieser Stelle schon als gelungen zu bezeichnen ist, der ungarische Schriftsteller Szilárd Rubin (1927-2010). Dass er hierzulande relativ unbekannt ist– es gibt drei Werke in deutscher Übersetzung –, erweist sich zwar als ein Manko. Umso mehr freut sich der Leser jetzt über eine Neu- bzw. Wiederentdeckung. Denn Rubin ist ein hochinteressanter Autor, dessen Erzählen von großer Faszination ist, die sich nicht nur aus der Geschichte selbst ergibt, sondern auch aus der atmosphärischen Dichte dieser Prosa und eben dem schon genannten dokumentarischen Charakter der Romankonstruktion.

Wovon ist die Rede? Vom Roman «Eisengel». In Törökszentmiklós, einem ungarischen Provinznest, sorgt ein fünffacher Mord an jungen Mädchen für großes Aufsehen. Eine mehr als merkwürdige Geschichte – geschehen in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in Zeiten des ungarischen Poststalinismus.

Lange, so weiß es das ausführliche Nachwort zu diesem Roman, hat sich Szilárd Rubin mit diesem authentischen Fall befasst, der weit über das kriminelle Geschehen hinaus auch eine politische Dimension hat. Aufmerksam geworden ist Rubin auf den «Fall» durch die Fotografie einer jungen Frau, die einige Jahre zuvor hingerichtet worden ist. Piroska Janscó ist / war eine anmutige, schöne junge Frau und war doch die «Vampirin von Törökszentmiklós». Ihr wird dieses grausige Verbrechen zugeschrieben.

Unser Autor, als Schriftsteller und Journalist auftretend, will jedoch mehr wissen, als die Aktenlage ausweist, will die Hintergründe einer Mordserie, die zwischen Oktober 1953 und August 1954 geschah, kennenlernen. Bizarre Morde, ein unvorstellbares Verbrechen, das seinerzeit hohe Wellen geschlagen hat – In Törökszentmiklós und darüber hinaus. Verdächtigt der Morde wurden erst einmal sowjetischen Soldaten, die in Ortsnähe in Garnison lagen. Auch tauchten plötzlich die uralten Verdächtigungen auf von Ritualmorden, begangen von – natürlich – den Juden auf. Oder waren es Fremde? Es kam sogar zu Massendemonstrationen gegen die vermeintlichen Täter. Wir kennen ganz aktuell die Mechanismen von Verdrängung, Verdächtigungen und Verleumdungen. Bis endlich klar wurde: Gemordet «aus niederträchtigen Gründen», hat Piroska. Und so wurde sie für fünffachen Mord und einmaligem Mordversuch zum Tode verurteilt und hingerichtet.

So beginnt der Schriftsteller zu recherchieren. Er sucht die Tatorte auf, spricht mit den Familien, mit der Mutter der Mörderin, den Eltern der ermordeten Kinder und mit der Leiterin des Gefängnisses, in dem Piroska die letzten Stunden ihres Lebens verbracht hat. Nicht alle waren sehr auskunftsfreudig. Schon gar nicht die Polizei, die damals recht schlampig ermittelt hat, und sich immer noch nicht sehr auskunftsfreudig zeigt; genauso wenig wie die unantastbaren Russen.

Vieles in der Schilderung der «Zeugen» ist widersprüchlich. Der ermittelnde Schriftsteller entdeckt das Böse, das Grausige und Obsessive – gerade auch in der Bevölkerung. Ja, Piroska Janscó war eine Prostituierte, die bei den sowjetischen Soldaten ein- und ausging, sie kannte ebenso wie die Menschen um sie herum keine Moral. Wirklich nicht? Von der «Metaphysik der Sünde» spricht József Keresztesi und Freund des Autors in seinem klugen Nachwort. Und Szilard Rubin: « Und ich möchte nicht die existenzialistische These über die Unergründbarkeit der Welt darstellen, keine kafkaeske Parabel verfassen, sondern einen dem sozialistischen Geist verbundene, künstlerisch gut gelösten und authentischen Tatsachenroman schreiben.» Das ist Rubin unzweifelhaft gelungen, auch wenn manche Szene sich sehr kafkaesk liest und die «Unergründbarkeit der Welt» zweifelsfrei zu erahnen ist.

Zurück zum «Fall» und zu Piroska, diesem «Eisengel», «kalt bis ans Herz hinan», liebende Mutter und gnadenlosen Mörderin, zu dieser Protagonistin eines außergewöhnlichen Romans. Mörderin und Heilige, der Engel und das Biest? Charakteristika, die stimmen und doch nicht stimmen. Folgen wir also dem Autor, der von seiner Heldin sagt: «Ich betrachte die Fotografie des Mädchens, unruhig und ratlos. Darüber stand: Die Täterin. Und unter dem Bild der Name Piroska Janscó. Dieses Bild vor mir erweckte zugleich Mitleid, Lust und Angst. In der Tiefe des trotzigen Blicks glühten die Falschheit und der Hochmut der Verführerin, in den katzenartigen Umrissen des Gesichts etwas, das sie auf rätselhafte und unheilverkündende Weise begehrenswert mache, und das konnte selbst durch die in ihren Zügen liegende Furcht eines in die Ecke gedrängten Raubtiers nicht gebannt werden.»

Gerade das also macht diesen Roman, bei dem so vieles im Ungefähren bleibt, trotz aller Brüche und Unschärfen, so einzigartig und lesenswert. Der Leser, der einen Krimi erwartet hat, wird vielleicht enttäuscht sein. Der Leser, der sich auf das Abenteuer dieses Buches einlässt, hält einen brillanten, einen faszinierenden Roman in Händen, eine kleine literarische Sensation.


Alles was war
Alles was war
von Michel Bergmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,00

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ins Leben. Unbeschwert", 15. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Alles was war (Gebundene Ausgabe)
„Jedes jüdische Kind im Deutschland der Fünfziger Jahre wächst am Rande eines Massengrabs auf.“ – Es lebt mit all den Opfern von Auschwitz, Majdanek und den vielen anderen Vernichtungslagern der Nazis: den nicht mehr existierenden Großeltern, Onkeln und Tanten. Es wächst auf mit den Tränen, die um die vielen, vielen Verwandten immer und immer wieder vergossen werden.

Von einem solchen Kind schreibt Michel Bergmann in seiner berührenden Erzählung „Alles was war“. Es ist ein kleines großes Buch des Erinnerns – voller Trauer und voller Witz, melancholisch und heiter. Und er schreibt sicher von eigenem Erleben, denn dieser Michel Bergmann wurde 1945 als Kind jüdischer Eltern in einem Internierungslager geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Paris und Frankfurt/Main. Es waren seine Jahre als jüdisches Kind, als jüdischer Junge, die er in den 50er Jahren im Nachkriegsdeutschland verbrachte. In einem Land, das einerseits vom schrecklichen Geschehen während der Naziherrschaft und des Krieges traumatisiert war; andererseits aber auch noch längst nicht „entnazifiziert“ war.

Bergmann ist bereits durch drei wunderbare Bücher literarisch auffällig geworden. Und das im besten Sinne. Mit seinen Romanen „Die Teilacher“, „Machloikes“ und „Herr Klee und Herr Feld“ hat er von den Erlebnissen der Juden erzählt, die sich wieder in Frankfurt niedergelassen habe. Sie alle tragen schwer an dem Schicksal, das ihnen die Geschichte, das ihnen die Deutschen angetan haben.

Und nun also die Erzählung eines alten Mannes, der auf seine Kindheit zurückblickt.
Er erinnert sich an die Schulzeit, daran, das er, den Ranzen auf dem Rücken, losrennt: „Ins Leben. Unbeschwert. Es ist sein Tag! Wie jeder Tag sein Tag ist!“ Arzt soll er werden, stellt sich jedenfalls die Mutter vor, die mühsam wieder ein annähernd normales Leben zurückgefunden hat als Geschäftsfrau.

Dass das nicht einfach würde – alle wussten es, die den Weg des Jungen begleiteten. Erst aber einmal wird „gelebt“. So stromert das Kind durch die Trümmergrundstücke. Er hat Freunde und später Freundinnen. Oft allerdings nur solange, bis herauskommt, dass er Jude ist. Freunde und Freude hat er in und mit der Familie, der Mischpacha, mit Freunden, den Chaverim. Er feiert unter etwas Weihnukka – eine Mischung aus Weihnachten und Chanukka. Er gerät in den einen und anderen Schlamassel. Voller Witz auch die Schilderung der Bar Mizwa, die der Junge trotz erster religiöser Zweifel über sich ergehen lassen muss.

In dreizehn wundervoll erzählten Kapiteln, teilweise im leicht jiddisch eingefärbten Deutsch, schreibt der alte Mann, hinter dem wir getrost Bergmann vermuten dürfen, sein kleine, seine exemplarische Geschichte, die für den Leser auch eine Art Geschichtsunterricht wird. Nicht dröge und keinesfalls belehrend, aber einfühlsam und bei aller Schwere leicht und mit Witz und einem gehörigen Schuss Melancholie. Und immer gegenwärtig in diesem jungen Leben sind die, die nicht mehr sind. Schließlich ist er „am Rande eines Massengrabs“ aufgewachsen.

Der Junge wird älter. Er verliebt sich, wird betrogen, schafft gerade mal so das Abitur, genießt sein Freiheit und verachtet alles Angepasstheit und – auch sie gibt es wieder - die saturierte Bürgerlichkeit. Was aber steht hinter all dem? Kasches, Fragen, werden gestellt – und bleiben oft unbeantwortet. Die jüdisch-deutsche Problematik, die Geschichte der Juden in Deutschland sollte für den Ich-Erzähler später einmal von existenzieller Bedeutung werden.

Erst einmal aber wird er Volontär bei den „Frankfurter Rundschau“. Auch kein Traumjob, aber … Hier lernt er den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer kennen. Sein unermüdliches Engagement um den und im Auschwitz-Prozess ist beispielhaft gewesen. Mit großer Leidenschaft und großer Anteilnahme wird der junge Journalist.

Ein alter Mann erinnert sich. Auch daran, dass im Laufe der Jahre die Verbindung zur Mutter abgebrochen ist. Er erinnert sich an die Menschen, denen er in den Jahren seines Lebens begegnet ist. So trifft er bei der Beerdigung der Mutter einen alten Freund Marian wieder – und es war „wie am ersten Tag“. Ihm wird er dieses kleine wundervolle Buch, diese auf ihrer Weise einzigartige Biografie widmen.

Im letzte Kapitel, das bezeichnenderweise die Überschrift „Chaim – Leben“ trägt, zitiert Michel Bergmann Søren Kierkegaard: „Das Leben kann nur nach rückwärts schauend verstanden, aber nur nach vorwärts schauend gelebt werden“. In diesem Sinne hat Michel Bergmann dieses Buch geschrieben – und uns, seine Leser, auf wunderbare Weise beschenkt.


Über die Natur der Dinge
Über die Natur der Dinge
von Lukrez
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,99

25 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wegelagerer der abendländischen Philosophie", 2. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Über die Natur der Dinge (Gebundene Ausgabe)
Was für ein schöner Anfang: „Mutter der Aeneaden, der Menschen und der Götter Wonne, Venus, Spenderin des Lebens, du bist es, die unter den ruhig gleitenden Zeichen des Himmels das schiffetragende Meer, das fruchttragende Land belebt...". Mit diesem Satz in der Prosaübersetzung von Klaus Binder beginnt das Lehrgedicht in Hexametern „Über die Natur der Dinge" (lt.: De rerum Natura) - eines der schönsten Bücher, ein literarisches und philosophisches Meisterwerk, und eines der merkwürdigsten Werke der klassischen Antike, das uns aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. überliefert ist.

Sein Autor Titus Lucretius Carus, genannt Lukrez, lebte – man weiß es so genau nicht – von etwa 93-99 v. Chr. bis 53-55 v. Chr., wahrscheinlich in Rom. Er war ein Dichter und als Philosoph ein Epikureer. Klaus Binder nennt ihn einen „Wegelagerer der Philosophie". Einen Outsider, von dem wir nichts wüssten, hätte es nicht Poggio Bracciolini, einen der wichtigsten Humanisten der italienischen Renaissance, gegeben, der dieses außergewöhnliche Werk um 1417 herum für die Nachwelt „entdeckt" hat. Und dafür ist ihm nicht genug zu danken.
Lukrez vertritt die für die damalige Zeit revolutionäre These, dass die Welt aus „Atomen und Leere, und sonst nichts" bestehe. Deshalb brauche es weder einen Schöpfergott noch einen Demiurgen, der die Welt geschaffen habe. Außerdem sei das Universum unendlich. Unendlich sei daher auch der Raum. Und er behauptet, dass sich alles aus – wie er es nennt – Urelementen, sprich: Atomen, zusammensetze. „Nun aber, da ich gezeigt habe, dass die Elemente der Materie vollkommen undurchdringlich sind, dass sie umherfliegen, unzerstörbar und ungestört, ohne Anfang auch und ohne Ende....". Eine Kosmogonie, die natürlich nicht nur später im Widerspruch zur Kirche stand, sondern auch im Widerspruch zu seinen antiken Kollegen – zur Stoa, zu Anaxagoras und Empedokles.

Mit seinen Versen vermittelt Lukrez nicht nur seine eigenen Erkenntnisse und das Wissen der Zeit; das Buch „Von der Natur der Dinge" ist ein „Trostbuch", mit dem der Autor dem Menschen, den Lesern Gelassenheit empfiehlt; er nimmt ihnen die Furcht vor dem Tod und vor den Göttern. Seine materialistische Lehre, ein „weltoffener und sinnenfroher Text" (Klaus Binder), ist nichts anderes als ein Stück vorweggenomme Aufklärung und der Versicherung, dass Götter sich nicht in das Leben der Menschen einmischen, sie überhaupt nicht in der Lage dazu sind. Eine bis heute teilweise skandalöse Botschaft.

Die sechs Bücher dieses Werks - Von den Urelementen, Weiteres von den Urelementen, Von der Seele, Von den Sinnen, Von den Welten, Von Wundern und Schrecken unserer Welt (mit der Schilderung einer Pest in Athen) – vermitteln auch eine weitere Botschaft: Das höchste Ziel eines Menschen, aller Menschen und aller Lebewesen kann kein anderes sein als das Streben nach Lust. Und damit ist Lukrez, wenn man so will, in jedem seiner Verse ein Verfechter der Lehre des Epikur, ein Epikureer im besten Sinne des Wortes.

Es waren die Naturphänomene, die der Dichter, auch das war Lukrez, zu entmystifizieren suchte. Über sie, über Liebe und Tod, über die Wahrnehmung und wie dies alles mit allem zusammenhängt, spricht er mit seinem Freund Memmius und belehrt ihn – wie er später Newton und Einstein, Macchiavelli und Galileo und viele andere „belehrt" und begeistert hat. Und jetzt uns, die Leser dieser wunderschönen Ausgabe.

„Von der Natur der Dinge", dieses philosophische Poem in Hexametern des Lukrez hat Klaus Binder in brillante deutsche Prosa übertragen, ausführlich kommentiert und in dem kleinen Essay „Warum Lukrez lesen und wie" hilfreiche Hinweise zu Verständnis „eines der großartigsten und zugleich denkwürdigsten Werke der klassischen Antike" – so der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt - gegeben.

Dieses Buch ist eine traumhaft schöne Ausgabe für die man den Galiani Verlag nicht genug loben kann; ein kleines bibliophiles Ereignis auch dank der Ausstattung und der unvergleichlich leichten, ja erfrischenden Prosaübersetzung. Und das ist verdienstvoll und gut so.

Denn Lukrez hat uns auch heute noch viel zu sagen. Er hat eine Fackel entzündet und versucht in seinem Poem, den Politiker Memmius davon zu überzeugen: „Siehst du nicht auch, dass ein gerade erloschener Docht, bringst du ihn nah genug an eine zur Nacht brennende Lampe, aufflammt, noch bevor er diese berührt? Und ist es mit der Fackel nicht das Gleiche? Noch viele weitere Dinge gibt es, die aufflammen allein von der Hitze berührt, in einiger Entfernung schon, auch ohne dass man sie direkt ins nahe Feuer taucht. Eben dies, so müssen wir annehmen, geschieht auch bei jener Quelle." Welch ein passendes Bild und Schlusswort.


Über den Feldern: Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur
Über den Feldern: Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur
von Horst Lauinger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Episode am Genfer See, 17. November 2014
Als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ wurde der Erste Weltkrieg 1914-1918 vielfach bezeichnet. Und dies nicht zu Unrecht. Hatte er doch schreckliche Auseinandersetzungen nicht nur im militärischen und politischen Sinne zur Folge; dieser Krieg hat Spuren hinterlassen. Auch in der Kunst, in der Literatur. Künstler jeglichen Provenienz haben sich mit dem „Thema“ befasst, haben ihre Erfahrungen auf vielfältige Art und Weise verarbeitet.

Vor allem die Literatur. Sie reagierte äußerst unterschiedlich auf diese Katastrophe. Große Namen begrüßten diesen Krieg, haben ihn frenetisch gefeiert, zumindest an seinem Anfang. Ebenso große Namen verurteilten den Krieg aus humanitären Gründen und sahen in ihm einen Zivilisationsbruch. Anderen wiederum war der Beginn dieses Krieges kaum eine Erwähnung wert. Kafka notierte zum Beispiel in seinem Tagebuch am 2. August 1914: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule“.

„Über den Feldern – Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur“ heißt eine Anthologie von 70 meisterlichen Erzählungen, die einen literarischern Beleg für den Ersten Weltkrieg in der Weltliteratur darstellen. Mit ihnen öffnet sich ein Panorama der Jahre 1914-1918, das die Realität dieses Krieges zeigt – seine Abgründe, aber auch Momente von beeindruckender Hoffnung und großen Momenten des Glücks.

Stefan Zweig mag als Beispiel dafür stehen, dessen Erzählung „Der Flüchtling – Episode am Genfer See“ in dieser Anthologie zu lesen ist. Diese Novelle gilt als eine der schönsten und eindringlichsten des Autors Stefan Zweig. Sie handelt vom russischen Soldaten Boris, der in einer russischen Division erst in Russland und dann in Frankreich gegen die Deutschen gekämpft hat und am Ende völlig erschöpft und orientierungslos in Villeneuve im Genfer See aufgefunden wurde. Sein Wunsch ist es nun, einfach nur nach Hause zu kommen – wie auch immer. Vor allem auch, weil sein Aufenthalt in Villeneuve für den Ausländer oder gar Deserteur nicht ohne Probleme ist. „Ihr wollt verzeihen, ich wollt nur wissen… ob ich nach Hause darf“. Er durfte nicht, er konnte nicht, weil die politischen und die militärischen Verhältnisse die Welt auf den Kopf gestellt haben.

Diese kleine, anrührende Geschichte über das, was der Krieg in einem Menschen und mit den Menschen überhaupt anrichtet, ist nur eine von 70 Erzählungen aus mehr als sechzehn Ländern, die Horst Lauinger in seiner Anthologie zusammengestellt hat. Meistererzählungen durchweg von Autoren wie Ernest Hemingway und Marcel Proust, Joseph Roth und Isaak Babel, Carl Zuckmayer, Robert Musil und Guillaume Apollinaire und viele anderen. Exemplarisch die Geschichten von Anatole France, von Klabund, Sherwood Anderson, Ivo Andrić, Claire Goll, Saki und vom schon erwähnten Stefan Zweig. Der Weltkrieg in der Weltliteratur – ein beredtes Zeugnis, das die Anthologie gibt. In einem kenntnisreichen und sehr informativen Nachwort hat Horst Lauinger Zusammenhänge erläutert – Zusammenhänge zwischen der Natur und der Sensibilität der Künstler und dem Geschehen um sie herum. Und daraus ist dann Literatur geworden, große Literatur.


Mein Taubenschlag: Sämtliche Erzählungen
Mein Taubenschlag: Sämtliche Erzählungen
von Urs Heftrich
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,90

24 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jüdischer David gegen russischen Goliath, 3. November 2014
Berühmt geworden ist der russische Schriftsteller Isaak Babel (1894-1940) durch die beiden Erzählungen „Budjonnys Reiterarmee“ und die „Geschichten aus Odessa“. Beides Werke, die zur Weltliteratur gehören. Den Schriftsteller jedoch auf diese beiden Zyklen zu fokussieren, wäre zu wenig. Und so ist es das große Verdienst des Hanser-Verlags, jetzt „Sämtliche Erzählungen“ von Isaak Babel, mit Urs Heftrich und Bettina Kaibach als Herausgebern, in einer großartigen, teilweise neu übersetzten und brillant kommentierten Ausgabe zu veröffentlichen.

„Mein Taubenschlag“ heißt dieses Buch. Der Titel rekurriert auf die Erzählung „Die Geschichte meines Taubenschlags“, einem kleinen Zyklus, Maxim Gorki gewidmet, der so etwas wie die geistige Biographie des russisch-jüdischen Autors Isaak Babel darstellt. Hauptfigur ist ein lernbegieriger Junge, dessen Schicksal es ist, als Jude immer besser sein zu müssen als andere. Und das nicht nur für sich selbst, sondern und auch für die Selbstachtung und das Renommee des Vaters. Gegen alle Widrigkeiten und Hindernisse hinweg erreicht der Junge das Gymnasium – und feiert so „den Sieg eines jüdischen David gegen den russischen Goliath“, heißt es im kenntnisreichen Nachwort von Bettina Kaibach.

Doch kehrt sich der Erfolg des Jungen plötzlich ins Gegenteil, in Schmerz und Verlust. Als Belohnung für die bestandene Aufnahmeprüfung ins Gymnasium erhält das Kind die sehnlichst erwünschten Tauben. Während eines der viele Pogrome, die zur Zeit der revolutionären Umtriebe in Russland stattfanden, erlitt das Kind die höchstmögliche Demütigung. Die Tauben wurden ihm auf dem Gesicht zerquetscht. Statt eines Happy Ends gab es eine Katastrophe. So steht der kleine, völlig traumatisierte Held für die Position der Juden in dieser Zeit und in dieser russischen Gesellschaft insgesamt.

Mit dieser Erzählung von Isaak Babel ist die gesamte Thematik seiner Dichtung vorgegeben: die Jüdischkeit in allen ihren vielfältigen Ausprägungen, die Revolution mit ihren Grausamkeiten, die Pogrome; kindliche Alpträume, Liebe und Tod und das pralle Leben der herrliche Gaunertypen in Odessa. Von all dem wird in den berühmteren Geschichten Babels erzählt: in „Mein Taubenschlag“, in „Budjonnys Reiterarmee“, in den „Geschichten aus Odessa“ und viele weiteren wunderbaren Geschichten.

Isaak Babel beweist sich als herausragender Chronist der dramatischen Jahre der russischen Revolution. Vor allem, weil auch sein persönlicher, sein politischer Werdegang und die Veränderungen seiner Ansichten in seiner Literatur zum Ausdruck kommen. Gerade deshalb wurden seine Erzählungen insgesamt zum sensationellen Erfolg. „Babel ist der erste Jude, der als russischer Schriftsteller in die russische Literatur eintrat“, bescheinigte ihm der Kritiker Abram Ležnjov im Jahre 1926.

Und das nicht nur thematisch. Babel ist ein außergewöhnlicher Stilist. Es gelingt ihm, mit wenigen Worten Atmosphäre her- und Situationen darzustellen. In der Tradition der jiddischen und russischen Erzählkunst stehend hat er einen ganz eigenen Stil kreiert. Seine Texte zeichnet eine große Stimmenvielfalt aus. Da ist der Jargon der odessitischen Ganoven, da ist die Reportage, da ist Witz und Chuzpe und immer auch ein Schuss Melancholie - gemischt mit jiddischen und ukrainischen Elementen, mit biblischen und lyrischen Beifügungen. Und trotz dieser stilistischen Vielfalt liest sich die babelsche Prosa wie aus einem Guss.

Genau das macht auch die Qualität der hier vorliegenden Übersetzungen aus. Peter Urban, dessen Übersetzung von „Budjonnys Reiterarmee“ wir hier einmal mehr lesen können (wir kennen sie bereits aus der Ausgabe der „Reiterarmee“ in der Friedenauer Presse), ist unvergleichlich. Und Bettina Kaibach - wir hatten allen Grund, bereits ihre Kommentierung und Ihr Nachwort zu loben - steht für eine wunderbar einheitliche und kompetente Übersetzung der übrigen Erzählungen.

Mit besonderem Vergnügen ist deshalb auch auf die „Geschichten von Odessa“ hinzuweisen. Diese Gaunergeschichten aus dem mythischen Odessa – übrigens ist Isaak Babel hier geboren – zeigen die Juden nicht mehr nur als „Märtyrer“ in einem typisch jüdischen Schtetl, sondern als Protagonisten in einer herrlich vitalen Gaunerkomödie, die von Benja Krik inszeniert wird. Eine Geschichte voller krimineller Energie, lustvoller Lebenseinstellung, von einer gigantischen Tochter und einem lüsternen Bräutigam. Und von einer Begräbnisfeier, die zu einem irrwitzigen Spektakel wird – und an deren Ende ein kaltblütig hingerichtetes Mordopfer zu Grabe getragen wird.

So ist dieser Band „Mein Taubenschlag“ in vieler Hinsicht ein außergewöhnliches Buch, ein außergewöhnlich schönes Buch – und ein Lesevergnügen par excellence.


Meine Reisen in Deutschland 1728 - 1729
Meine Reisen in Deutschland 1728 - 1729
von Jürgen Overhoff
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Deutschen sind gute Leute.", 3. Oktober 2014
Er tat das, was viele vor ihm und viele nach ihm taten: Er reiste. Und er schrieb darüber. Deshalb können wir nun erstmals und endlich auf Deutsch lesen, was Charles-Louis de Secondat Baron de la Brède et de Montesquieu auf seinen Reisen in Deutschland in den Jahren 1728-1729 erlebt, was er beobachtete, was er und wie er es kommentiert hatte. Und das ist eine höchst anregende, faszinierende und lehrreiche Lektüre.
War der Verfasser Charles-Louis de Montesquieu (1689-1755) doch schließlich nicht irgendwer. Dieser französische Adlige war ein berühmter Literat, ein geistreicher Autor, ein brillanter Satiriker, ein berühmter Rechtsphilosoph und immer auch ein wenig ein Dandy. Seine „Persischen Briefe" („Lettres Persanes") von 1721 wiesen ihn seinerzeit als Skandalautor aus und sind dennoch oder gerade deshalb heute noch eine empfehlenswerte Lektüre; seine staatsphilosophische Abhandlung „Vom Geist der Gesetze" ("De l'esprit des Lois", 1748) gilt als ein Standardwerk; die „Betrachtungen über die Ursachen der Größe der Römer und ihres Niedergangs" („Considèrations sur les causes de la grandeur des Romais es de leur décadence") waren eine verschleierte, dennoch sehr deutliche Kritik am französischen Absolutismus.
Alles das, was in seinem Werk in ausführlicher Form an Gedanken und Vorstellungen zu finden ist, spiegelt sich auch in „Meine Reisen in Deutschland" wider. Jürgen Overhoff, der sich um diese schöne Ausgabe als Herausgeber verdient gemacht, die Briefe und Notate ausgewählt, kommentiert und eingeleitet hat, schreibt in seiner Einleitung: „So bieten die Erlebnisse des französischen Barons einen überraschenden und an unvermuteten Wendungen reichen Einblick in das gesellschaftliche und politische Gefüge des deutschen Reiches im 18. Jahrhundert, einer bewegten Zeit, als das Reisen in der Mitte Europas noch mit vielen Fährnissen und Herausforderungen verbunden war."
Im Wagen und zu Pferde also durch Deutschland – mit zwischenzeitlichen Abstechern nach Österreich und Italien – aber immerhin lange genug, um einen guten Überblick und eine Fülle neuer Erkenntnisse zu erlangen. Begleitet wurde er nur von einem Diener und einem Freund, dem Baron James Waldegrave, britischer Botschafter in Wien und Diplomat des britischen Königs Georg II. in Hannover. Letzterem gelten besonders die staatspolitischen Überlegungen, vor allem zum Thema „Föderalismus", den Montesquieu in Deutschland beispielhaft praktiziert sah.
Immer wieder berichtete unser Reisender von Treffen mit bedeutenden Politikern und Philosophen, mit denen er sich vorwiegend über staatspolitische Erfahrungen austauschte. Dies auch immer in Richtung Frankreich, an dessen Politik er einiges auszusetzen hatte. Dies und mehr gehört zu der farbigen und abwechslungsreichen Darstellung seiner Deutschlandreise, einer Entdeckungsexpedition in die Welt des 18. Jahrhunderts.
Für Montesquieu war Reisen eine Quelle der Erkenntnis. So gehörten für ihn Reisen zu den grundlegenden Erfahrungen seines Denkens. In diesem Sinne reiste der französische Baron – zum Beispiel nach München und Augsburg, in das „rundherum schöne Land" Württemberg; in Heidelberg entdeckte einige interessante Kuriositäten, Mannheim empfand er als „schön und stark" und er weiß „Neues vom König von Preußen" auszuplaudern. Von „Kuhhändeln, Katholiken und Bienenkörben" wusste er ebenso spannend zu erzählen wie von "Narreteien und trügerischem Fachwerk". Er scheute in seinen Briefen und Reisenotizen also auch nicht vom Banalen zurück. Nach Vanessa de Senarclens gleichen diese Notate schon mal „einer Klatschpostille über die gehobenen Kreise, in denen er in Wien, München und Hannover verkehrte." Insgesamt bieten Montesquieus Reisenberichte interessante Einblicke in die vielfältigen Lebensbezüge und Alltagswelten der Deutschen im Zeitalter des Barock.
Sowohl die Reichsstadt Köln besuchte Charles-Louis de Montesquieu als auch das Kurfürstentum Köln. Minutiös listete er die Truppen des Kurfürstentums des Clemens August auf, befasst sich mit dem Hof – und stellt fest, dass der Kurfürst „ein schwacher Mensch", der ständig in Bewegung ist; und: er „liebt die Frauen ziemlich, hat einen Bastard". In diesem Kurfürstentum liegt auch Bonn, „eine erbärmliche, kleine Stadt", Köln dagegen „eine große und schöne Stadt und eine der ersten in Deutschland". Fast so schon wie Paris, fehlten doch nur die „faubourgs". In Köln hat der Baron auch „die große Kirche gesehen, ein sehr schönes gotisches Bauwerk....". Leider konnte er, stellte er mit Bedauern fest, St. Ursula, wo „nur die Elftausend Jungfrauen" ruhen, aus Zeitgründen nicht besuchen.
Und Deutschland und die Deutschen? „"Frankreich liegt nicht mehr in der Mitte Europas: Dort liegt Deutschland.", heißt es in „Mes Pensées" und „Die Deutschen sind gute Leute. Auf den ersten Blick wirken sie wild und grob. Sie sind Elefanten vergleichbar; zunächst wirken sie schrecklich, doch sobald man sie gestreichelt hat.... werden sie sanftmütig." Der Leser mag sich dazu seine eigenen Gedanken machen.
Gedanken hat sich auch Vanessa de Senarclens über Montesquieu und seine „Reisen in Deutschland" gemacht – und sie in einem wunderbaren und sehr kenntnisreichen Nachwort dem Buch angefügt. Mit diesen Gedanken und vor allem mit dem spannenden Buch des französischen Barons werden sich auch die Leser gern und mit Vergnügen und Gewinn beschäftigen.


Ein ganzes Leben: Roman
Ein ganzes Leben: Roman
von Robert Seethaler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen großen Staunen, 30. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Ein ganzes Leben: Roman (Gebundene Ausgabe)
Es sind berührende und faszinierende Szenen in dem neuen, dem großartigen und mitreißenden Roman „Ein ganzes Leben“ des österreichischen Autors Robert Seethaler. Ein Buch, in dem er vom einfachen Leben des Andreas Egger erzählt. Eine Lebensgeschichte, die „mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen“ endet.

In seiner Todesstunde konnte sich Egger nicht mehr erinnern, „wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken….“

Von diesem Leben erzählt Robert Seethaler. Und er tut dies auf eine so wunderbare Weise,
mit nahezu unvergesslichen Bildern, mit Sätzen, die unter die Haut gehen und den Leser auf unerhörte Weise die Geschichte eines ganzen, etwa 80-jährigen Lebens mit hinein nehmen.

Es war ein karges Leben, das den Andreas Egger nach dem frühen Tod seiner Mutter erwartet. Abgeschoben aufs Land, seinem Onkel Kranzstocker „anvertraut“, der ihn zum Knecht und zum Krüppel prügelt. Er wird zum Krüppel des Dorfes. Er wird sein Leben lang hinken. Er bleibt für sich – und bei sich. „Er dachte langsam und ging langsam, doch jeder Gedanke, jedes Wort, jeder Schritt hinterließen ihre Spuren, und zwar genau da, wo solche Spuren seiner Meinung nach hingehörten“.

Nachdem er Kranzstocker verlassen hat, wird Egger Seilbahnarbeiter. Er bohrt Sprenglöcher, oft unter Einsatz seines Lebens und wird später die Seilbahn warten. Ein karges Leben, aber er hat sein kleines Einkommen. Mehr braucht dieser bescheidene Mensch nicht. Er ist glücklich in der Natur, in seinen Bergen – und mit sich im Reinen.

Nahezu schwerelos beschreibt Robert Seethaler das Leben seines Helden: mit eindrucksvollen und einprägsamen Sätzen, lakonisch, fast ein wenig altmodisch-einfach. Nie gerät Seethaler in die Gefahr, ins Kitschige abzugleiten. Und es ist das Einfache, das so schwer ist und deshalb dieses Buch zur großen Kunst macht. Seethalers Können wird immer wieder deutlich in der Beschreibung von Eggers Charakter, von seiner beinahe leidenschaftslosen Zustimmung zu diesem Leben, von seinem nachdenklichen Schweigen. Ein Können, das Seethaler schon in seinen früheren Büchern – zum Beispiel im Roman „Der Trafikant“ – unter Beweis gestellt hat. In „Ein ganzes Leben“, geschildert auf knappen hundertundfünfzig Seiten, übertrifft er sich noch.

War Eggers vielleicht gar ein glücklicher Mensch? Der Leser wird es bejahen wollen. Auch weil Andreas Egger sich auf so zarte Weise in Marie verliebt. Nach einer außergewöhnlichen Liebeserklärung, er „schreibt“ mit brennenden Petroleumsäckchen „Für dich, Marie“ in den Berg, wird sie seine Frau. Sie teilt seine Liebe, seine Einsamkeit und sein einfaches Leben bis ein schreckliches Unglück Marie von seiner Seite reißt.

Wir schreiben das 20. Jahrhundert. Mit dem Bau der Seilbahn, mit wachsendem Tourismus im Tal und mit Ausbruch des Krieges verändert sich das Leben ständig. Auch Eggers Leben. Er wird eingezogen, erlebt den Krieg im fernen Russland aber eher von außen. Er gerät in Gefangenschaft, kehrt nach acht Jahren wieder in sein Tal zurück, nimmt seine Arbeit wieder auf. Jetzt als Touristenführer. Und er bleibt einsam, ein Einzelgänger. Er bracht niemanden – nicht Gott und nicht die Menschen. Denn „Jeder hinkt für sich allein“ lässt er einmal wissen.

Und so erzählt Seethaler vom Leben und Sterben eines einfachen Mannes. Eine der schönsten und auf ihre Art ergreifendsten Szene ist der Tod des Andreas Egger, der „in einer Nacht im Februar starb… bei sich zu Hause, an seinem Tisch…. Er spürte einen hellen Schmerz in der Brust… Er hörte sein eigenes Herz. Und er lauschte der Stille, als es zu schlagen aufhörte. Geduldig wartete er auf den nächsten Herzschlag. Und als keiner mehr kam, ließ er los und starb.“

Der Leser bleibt traurig und ein wenig gerührt zurück – mit einem Lächeln und „einem einzigen großen Staunen“.


Decreation: Gedichte, Oper, Essays
Decreation: Gedichte, Oper, Essays
von Anne Carson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Liebe ist immer du", 29. August 2014
Den Titel ihres neuen Buches hat die kanadische Autorin Anne Carson von der französischen Philosophin Simone Weil übernommen. Für Weil – sie hat diesen Begriff geprägt –, von der sich die Carson stark beeinflusst sieht, bedeutet «décréation» einerseits Analyse der Selbstreflexion des Menschen und zugleich «Rückschöpfung», also eine «Ent-Schaffung»; anders: alles Erschaffene noch einmal ins Unerschaffene zu überführen.
Aus diesem philosphisch-religiösen Gedankengut und in diesem Kontext der Simone Weil speist sich im Wesentlichen die Literatur der Anne Carson – vor allem, was das neue Buch «Décréation» betrifft. Es enthält Gedichte, Essays und ein Opernlibretto (nicht zu vergleichen mit einem herkömmlichen Libretto). Sehr unterschiedliche Spielarten der Literatur also, die jedoch bei Anne Carson in ihrem Innersten zusammenhängen. Auch der Lyrikerin geht es darum, eine Art «Rück-schöpfung» zu «inszenieren», indem sie ihre Vorstellung davon als Frage formuliert. Und dies Genre-übergreifend, sozusagen als Brückenschläge.
So in den Gedichten, die vor allem ihrer Mutter gewidmet sind. Sie ist «die Liebe meines Lebens». Mit ihr redet sie in ihren Versen: «Wenn ich mit meiner Muter spreche, mache ich es schön…». Von ihr hat die Dichterin gelernt: «Die letzte Lektion einer Mutter in einem Haus im letzten Licht / bringt den Ruin der Welt und den Handel zum Erliegen…». «Diese Stärke, Mutter: hervorgewühlt. Gehämmert, gekettet, / geschwärzt, gesprengt, heult, holt aus…».

Anne Carson, 1950 in Toronto geboren, ist im deutschen Sprachraum bisher durch die Bücher «Glas, Ironie und Gott» (Gedichte, 2000) und «Rot: Ein Roman in Versen» (2001) bekannt geworden Jetzt also «Décréation», und im Herbst wird der Band «Anthropologie des Wassers» erscheinen. Alle Bücher dieser Dichterin überzeugen durch die Klang- und Aussagekraft ihrer Poesie, durch die Intensität ihre Sprache, durch den Verzicht auf jegliches Pathos und die Bandbreite ihrer Themen. Großes Lob an dieser Stelle für Anja Utler, die «Decreation» aus dem Amerikanischen sehr feinfühlig ins Deutsche übersetzt hat. «Decreation» ist so eine weitere Möglichkeit, ein Versuch der Annäherung an eine der bedeutendsten Lyrikerinnen unserer Zeit.
Die lyrische Diktion dieser Autorin ist oft experimentell – auch von der formalen Struktur der Gedichte her. Ihr poetisches Credo: «Du kannst nie genug wissen, nie genug arbeiten, niemals die Infinitive und Partizipien auf genügend befremdliche Art verwenden, nie die Bewegung brüsk genug ausbremsen, nie den Geist schnell genug hinter dir lassen.» Das gilt – hervorragend umgesetzt – für die Verse, für ihre Essays und das Opernlibretto: zusammengefasst in diesem wunderschönen Band.

In dem kleinen Text «Jedes Abgehen ist ein Anfang» dekliniert Anne Carson zum Beispiel die verschiedenen Lesarten des Schlafs. Und bemüht dabei Aristoteles, Kant und Keats, um sich am Ende ausführlich Virginia Woolf zu widmen. Und so lesen wir «O zarter Salber stiller Mitternacht… Beschütz mich dann, dass nicht der Tag erneut / Aufs Kissen scheint, der mich so leiden ließ; …».

Ihr großartiger Essay «Decreation – Wie Sappho, Marguerite Porete und Simone Weil Gott sagen» setzt die gelernte Gräzistin sich mit drei großen Frauen und ihren «spirituellen Erlebnissen» auseinander. Sappho, die die Liebe pries und diesen Lobpreis der Göttin Aphrodite weihte; Marguerite Porete hat über die Liebe Gottes geschrieben und wurde dafür 1310 als Ketzerin verbannt; Simone Weil, die «Erfinderin» des Begriffs der «décréation», Altphilologin und Philosophin hatte, wie die Carson schreibt, «ein Programm, mit dem sie ihr Selbst aus dem Weg schaffen wollte, um zu Gott zu gelangen. Um Liebe also geht es diesen drei Frauen, um Liebe auch geht es auch Anne Carson. Auch im Operntext, der ebenfalls den Titel «Decreation» trägt. So lässt sie Hephaistos singen: «Die Liebe ist immer du, / wenn sie frisch ist. / Wenn du da bist, wenn sie frisch ist, wenn sie frisch ist, wenn du da bist, / die Liebe ist immer, / immer / wenn du da bist.». Oder, wenn im 3. Teil des Librettos Simone die «Arie des Rückschöpfens» singt.

Und um «Erhabenes», einer Art Gedichtzyklus, in dem die Autorin in teilweise enigmatische «Versen» Kant eine Frage zu Monica Vitti stellen und Longinus von Antonioni träumen lässt.
Was aber ist dieses Erhabene, was ist die Seele und welcher Schlaf ist Befreiung vom Selbst? Zu erfahren vielleicht im Gespräch mit Gott, das wie Simone Weil auf andere Art auch Anne Carson führt. Es ist ein nahezu undurchdringliches Geflecht, das Anne Carson anbietet. Für den Leser aber, der sich lesend an die «Entflechtung» wagt, ein unendlicher Gewinn. ■


Lion Feuchtwanger: Die Biographie
Lion Feuchtwanger: Die Biographie
von Wilhelm von Sternburg
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ich lege also Zeugnis ab", 2. August 2014
Das Buch ist nicht neu. Bereits vor 30 Jahren hat der Journalist und Schriftsteller Wilhelm von Sternburg eine (seine) Feuchtwanger-Biographie veröffentlicht. Inzwischen sind zwar eine Reihe von Büchern über Lion und Martha Feuchtwanger und ihre Weggefährten erschienen. Sternburgs Biographie dennoch hat ihre Gültigkeit behalten.

Nun legt der Autor dieses Buch erneut vor: Ergänzt um Erkenntnisse, die er der erst kürzlich möglichen Einsicht in das russische Staatsarchiv und in die Archive des FBI erworben und in dieses Buch eingearbeitet hat. Damit ist auch ein besonderer Aspekt dieser Biographie bereits benannt: Feuchtwanger als homo politicus. Auch gelang es dem Biographen die bisher unbekannten Briefe von Benjamin Huebsch, des amerikanischen Verlegers von Lion Feuchtwanger und von Feuchtwangers Freundin Eva Herrmann einzusehen. Damit erfährt die Biographie von 1984 eine wesentliche Bereicherung.

Lion Feuchtwanger (7. Juli 1884 – 21. Dezember 1958) war wohl einer der bedeutendsten und vor allem beeindruckendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein Lebenslauf war der Geschichte der Zeit angepasst und sein immenses Werk legte Zeugnis ab von dieser Geschichte, von ihren Verwerfungen und Irritationen, von Ängsten und Verfolgungen, von den geistigen Strömungen und den politischen Implikationen. Lion Feuchtwanger war ein sehr wirkungsvoller Akteur in seiner Zeit.

Der in München in eine großbürgerlich-jüdische Kaufmannsfamilie hinein geborene Feuchtwanger machte Abitur, studierte in München und Berlin Germanistik, Philosophie und Sanskrit. Schon sehr früh begann er zu schreiben – zuerst für das Theater, später dann wie allgemein bekannt als äußerst erfolgreicher Romancier.

Mit seiner schönen und intelligenten Frau Martha reiste Feuchtwanger durch Europa und Nordafrika. Den Ersten Weltkrieg erlebte er – allerdings nur für wenige Monate – als Soldat. Davon unbeeinflusst: Feuchtwanger schrieb und schrieb: Nachdichtungen, Dramen und Schauspiele. 1919 begannen die Freundschaft und die Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht. Und 1925 erschien der erste Roman „Jud Süß“ des „Meisters des historischen Romans“. Er bewies sich mit diesem und seinem späteren umfangreichen Werk – wie Sternburg schreibt – als hochgebildeter Künstler, „als von der Philosophie der Antike, dem europäischen Humanismus und der Aufklärung geprägter Sohn des deutschen Bürgertums“,

Sternburg verfolgt den Lebensweg des Lion Feuchtwanger, des Dichters und Kosmopoliten und letztlich Weltautors, im Kontext zur Zeitgeschichte. Seine Biographie zeigt den Autor Feuchtwanger in dieser Zeit - und wie sich die Zeit in seinem Werk widerspiegelt. So macht Sternburg die Biographie seines Autors vor allem am Werk fest. Ausführliche Beschreibungen und Interpretationen des Werks - vieler Theaterstücke, vor allem aber seiner Romane nehmen einen großen Raum in diesem Buch ein. So werden viele Theaterstücke und die einzelne Romane wie “Jud Süß“, „Margarete Maultasch“, „Erfolg“, „Goya“, Die Jüdin von Toledo“ (von Marcel Reich-Ranicki als „ein neues Meisterwerk deutscher Prosa“ bezeichnet), die „Josephus-Trilogie“ und der Roman „Exil“ ausführlich abgehandelt. Diese Romane und ihre Abhandlungen stehen zwar immer in enger Beziehung zur Biographie Feuchtwangers. Aber an dieser Stelle tut Sternburg oft etwas zuviel – und zwar zu Lasten der Lebensumstände Lion Feuchtwangers. Gern hätte der Leser – nicht stattdessen sondern auch - etwas mehr erfahren: von den Ereignissen des Lebens des von den Nazis vertriebenen Dichters, von den Freundschaften mit Thomas Mann, Bertolt Brecht, Bruno Frank, Heinrich Mann und vielen anderen; aber auch von seinen Beziehungen zu Frauen, die diesen homme à femmes mehr oder weniger begleitet haben. Vor allem seit seinem Exil-Aufenthalt in den dreißiger Jahren im französischen Sanary-sur-Mer, später dann in Los Angeles, in der „Villa Aurora“, die zum Treffpunkt seiner literarischen und künstlerischen Weggefährten. Waren doch gerade auch diese Begegnungen für Feuchtwanger von großer Bedeutung.

Zeitlebens hat sich Lion Feuchtwanger auch als ein homo politicus bewiesen. Der Nazi-Gegner und selbstbewusste Jude – er hat sich immer zu seinem Judentum, das er allerdings nicht praktizierte bekannt – als Demokrat und Sozialist gesehen. Das sollte ihm nicht nur Freunde machen. So war sein Bericht „Moskau 1937“ basierend auf einer Reise in die Sowjetunion, ein unkritisches Bekenntnis („Ich lege also Zeugnis ab“) zum Sozialismus sowjetischer Prägung und zu Stalin. Sternburg befasst sich ausführlich mit dieser Reise, mit diesem Bericht und seinen Folgen. Damit geriet Feuchtwanger sozusagen zwischen die Fronten – auch später, im Kalten Krieg. Feuchtwanger hat sich nie von diesem Bericht distanziert. Ob aus Überzeugung? Sternburg sieht Feuchtwanger nicht als Kommunisten, der aus ästhetischem Grund dieser Ideologie verfallen ist, sondern eher als einen etwas „skeptischen Optimisten“. Dazu passt das Zitat am Ende des Berichts: „Es tut wohl, nach all der Halbheit des Westens ein solches Werk zu sehen, zu dem man von Herzen ja, ja, ja sagen kann. Und weil es mir unanständig schien, dieses Ja im Busen zu bewahren, darum schrieb ich dieses Buch“. Ein Satz von verblüffender Ehrlichkeit.

Wilhelm von Sternburg hat diese Biographie mit sehr viel kritischer Sympathie geschrieben. Es ist ihm sicher auch deshalb ein sehr lesenswertes und überzeugendes Lebensbild des Lion Feuchtwanger gelungen. Ein Buch, das dazu angetan ist, die Romane des Autors Lion Feuchtwanger wieder auf die persönliche Leseliste zu setzen. Nicht alle sind „Meisterwerke“, alle aber durchweg interessant, literarisch und zeithistorisch spannend und häufig von immer noch aktueller Bedeutung.


Ehre
Ehre
von Elif Shafak
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rosarotes Schicksal und Genug Schönheit, 15. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Ehre (Gebundene Ausgabe)
Sie heißen Pembe Kader und Jamila Yeter – die Zwillingsschwestern. „Namen wie Zuckerwürfel“, findet ihr Vater, „süß und geschmeidig und ohne scharfe Kanten.“ Übersetzt bedeuten die Namen Rosarotes Schicksal und Genug Schönheit. Nomen est omen. Die Schwestern wurden 1945 „in einem Dorf an den Ufern des Euphrat“, in Kurdistan, geboren. Ihre Geschichte erzählt die preisgekrönte türkische Autorin Elif Shafak in ihrem neuen Roman „Ehre“. Und sie macht dies auf meisterhafte Weise.

Ehre! – „Männer besaßen Ehre…Frauen besaßen keine Ehre, sie besaßen Scham. Und ‚Scham’, das wusste jeder, wäre ein ziemlich schlechter Name“. Und die Geschlechter haben eine Farbe: Männer sind schwarz, Frauen sind weiß. Und die weiße Fläche verzeiht keinen Schmutz. Jeder Fleck an fehlender Bescheidenheit und Unterwürfigkeit, jede Abweichung von der Keuschheit ist sofort für alle sichtbar. Das werden auch die beiden Schwestern erfahren. Pembe wird „aus Ehre“ mit Adem verheiratet, verlässt ihre Heimat in Richtung Istanbul und geht dann endgültig mit ihrer Familie nach London. Ihre Schwester dagegen bleibt „ehrenhaft“ in ihrer Heimat und lebt dort ein Leben als eine unverheiratete Frau, gefangen in den alten Traditionen.

Pembe versucht, im fernen London mit ihrem Mann und ihren drei Kindern ein erfülltes Leben in einem anderen, in einem modernen Kulturkreis zu leben. Dass dies nicht gelingt, macht die Tragik dieses Romans aus. Gescheiterte Hoffnungen, Verrat und Verlust – ein schöner Traum ist sehr schnell ausgeträumt. Da ist einmal die fremde Welt, die mit ihrem liberalen und freizügigen Lebensverständnis verstört. Da sind andererseits die Familie und die patriarchalischen Strukturen. Die Kinder werden „flügge“, ihr Mann ist ein Zocker, der sich zudem noch in einer anderen Frau, einer Nackttänzerin, verfällt und die Familie verlässt. Und Pembe begegnet einem heimatlosen Koch, Sie verliebt sich in ihn, sie trifft sich heimlich mit ihm – und weiß, dass sie damit gegen den Ehrencodex ihrer Religion und Kultur verstößt. Kein „rosarotes Schicksal“ also. Und am Ende steht ein unbegreiflicher Mord aus „Ehre“ – begangen von dem Sohn Iskender an seiner Mutter. Eine „Ehrensache“!

Elif Shafak schreibt eine wunderbar klare, eine nahezu sinnliche Sprache, die den Leser sofort gefangen nimmt. Sehr sensibel und mit viel Empathie begleitet sie ihre Figuren durch das Romangeschehen. Und packend und ausdrucksstark schildert die Wunderbare Autorin den Kontrast zwischen türkisch-islamischer Tradition und britischer, westlicher Lebenswelt.

Im fernen Kurdistan lebt Jamila „Genug Schönheit“ – auch sie gefangen in ihrer Lebenswelt - ein anderes Leben als Hebamme und Heilerin, fest verwurzelt in den Traditionen einer islamischen Männergesellschaft. Einst war sie verliebt in Adem und er in Jamila. Aber diese Verbindung durfte nicht sein, weil auch ihre Ehre „beschmutzt“ war. So geht es in diesem Leben auch für sie nicht ohne Verletzungen ab.

Im ständigen Kontakt der Zwillingsschwestern weiß Jamila um das Leben von Pembe. Und so ahnt die sensible Jamila, dass sich in London, dass sich für Pembe Unheil anbahnt. Sie macht sich aus schwesterlicher Liebe auf nach London. Ob sie retten kann, was nicht zu retten ist, sei an dieser Stelle dahingestellt.

Elif Shafak erzählt diese Geschichte als ein Familienepos und einen Generationsroman. fast in Episodenform und wechselt häufig die Zeitebenen und die Sichtweisen auf das Geschehen. So hält sie den Spannungspegel hoch. Die Schilderung des Lebens des Protagonisten, alle durchweg sehr komplexe Charaktere, im Widerstreit zwischen Islam und westlichen Lebensstilen gelingt der erfolgsgewohnten türkischen, in Straßburg geborenen Schriftstellerin hervorragend.

FAZIT

Elif Shafak hat einen wunderbaren Roman geschrieben, in dem sie das Schicksal der beiden Schwestern zwischen den Traditionen von islamischer Religion und moderner Lebenswelt auf unnachahmliche Weise thematisiert und zu einer spannenden und berührenden Familiengeschichte gestaltet. Und dieses Thema ist so aktuell wie eh und je.
So wird es noch lange dauern, bis dieser Konflikt gelöst sein wird. Elif Shafaks Roman allerdings kann zu Lösung beitragen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 1, 2014 6:38 PM CET


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