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Günter Nawe "Herodot" (Köln)
(TOP 500 REZENSENT)   

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Salto wortale: Sprachliche Kapriolen, mit Grafiken von Beat Hofer
Salto wortale: Sprachliche Kapriolen, mit Grafiken von Beat Hofer
von Brigitte Fuchs
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen NIELÄUFTEINWURMSTURM, 18. August 2011
"Als sich das ROTWEINROT und das
WEISSWEINWEISS näher kamen,
sah die Welt plötzlich ganz rosé aus:"

Von dieser und anderer, fantastisch vielfältiger Art sind die Sprachspiele der Brigitte Fuchs. Und so liegt ein höchst amüsantes, ein sehr intelligentes und sehr schönes Buch vor mir, das jede Empfehlung wert ist.

Was die Lyrikerin Brigitte Fuchs hier bietet, ist sprachliche Equilibristik der besonderen Art. Sie spielt mit den Wörtern, schüttelt sie sich zu recht, findet poetische Wortbilder, schlägt gewagte Salti und Kapriolen. Sie schreibt Sinn und vermeintlich Unsinn - doch lasse man sich nicht täuschen. Alles, was wir in diesem Buch sehen und lesen, ist begründet in der Lust an der Sprache und hat einen höchst poetischen Wert.

Ihre Lyrik ist - so hat Brigitte Fuchs es einmal selbst formuliert - "Arbeit an der Aussage, am Klang, am Rhythmus, an der Form". Ein hoher Anspruch, dem die Schweizer Lyrikerin in jeder Zeile, in jedem Bild gerecht wird. Für die Sprachartistin gehören "Genauigkeit des Denkens und das genaue Hinsehen wesentlich zu Handwerk des Schreibens". Und so ist das, was hier so leichtfüßig herkommt, harte Arbeit und perfektes Handwerk.

Geboren in Widnau im St. Galler Rheintal lebt die Lyrikerin heute im Kanton Aargau. Die gelernte Lehrerin ist nicht nur nur als Dichterin, sondern auch gestalterisch tätig. Ihren Arbeiten merkt man dies an. Dafür hat sie bereits zahlreiche Literaturpreise erhalten.

Die Sprachkünstlerin Brigitte Fuchs konfrontiert den Leser mit oft sehr ungewohnten visuellen und verbalen Überraschungen. Seien es Wortcollagen, Sprachbilder, Gedichte oder Schüttelreime.

Da gibt es das Sprachbild "KONKRET", das mit der Zeile NIELÄUFTEINWURMSTRURM endet. Da sagt "...der Seiltänzer zu seiner Frau: 'Du müsstest wissen, dass für mich ein Seitensprung nicht in Frage kommt!'"

Oder man lese das "Sonett" - wenn man so will ein wunderbares Liebesgedicht, in dem der Liebste aufgefordert wird, ein Sonett zu schreiben. Worauf er dichtet: "...Sonette sind was Bittersüsses, Feines, / für Mädchen, die längst Frauen sind, mein Kind! / Sonette sind die Länge deines Beines - / denkst du denn, dass ich dafür Worte find?"

Manchmal "jandelt" es so schön. So, wenn Brigitte Fuchs ihrem großen Kollegen Ernst Jandl folgendes Gedicht widmet:

Oh Schandl

Was für ein Wandl
seit Ernst Jandl
verschwandl
...
kein Wortspielhandl
alles verläuft im Sandl
oh Schandl

Nein, nichts verläuft in diesem herrlichen Buch, in diesen "vergnüglichen, anregenden und bekömmlichen Blätterbuch für Sprachfans" "im Sandl". Auch nicht die wunderbaren Farbbild-Seiten des Grafikers Beat Hofer. Er spielt ebenfalls gekonnt mit Bild und Wort und Farbe und hat so dem Lyrikband sein unverwechselbares Aussehen gegeben.

Übrigens:
Müsste man der POESIE nicht endlich das DU anbieten? Brigitte Fuchs steht längst mit der Poesie auf Du und Du. Im "Vor-und Nachwort" schreibt sie: "Wir verlangen ja nicht viel vom Wort: Das und kein anderes soll es sein, anfänglich, wahr, gut, groß, geflügelt. Es soll uns auf die Sprünge helfen, wir wollen es ergreifen, halten, führen, erteilen, entziehen. Eines gibt das andere, wir werden jedes unterschreiben und das letzte, noch ehe es gesagt ist, behalten:"

Dem ist nichts hnzuzufügen.


Einmal muß das Fest ja kommen: Eine Reise zu Ingeborg Bachmann
Einmal muß das Fest ja kommen: Eine Reise zu Ingeborg Bachmann
von Frauke Meyer-Gosau
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lebensorte - Liebesorte, 16. August 2011
Vieles wissen wir über Ingeborg Bachmann, vieles noch nicht - und alles müssen wir ohnehin nicht wissen, weil vielleicht doch zu persönlich und auch gar nicht im Sinne der Autorin. Das "Rätsel" Bachmann wird also nicht zu lösen sein. Zu dem, was wir sicher noch wissen möchten, gehört allerdings das, was uns Frauke Meyer-Gosau in ihrem sehr schönen Buch wissen lässt. Ein Buch für alle, die schon wohl "alles" über die Dichterin wissen, und ein Buch für die, die sie kennenlernen möchten.

Frauke Meyer-Gosau hat sich auf die Spuren der Dichterin, der, wie sie schreibt "Priesterin der Dichtkunst", begeben, die Lebensorte aufgesucht und ihre Biografie an diesen Orten entlang gechrieben. Die Literaturwissenschaftlerin hat sich kundig gemacht bei Menschen, die die Bachmann noch kannten, hat mit den Herausgeberinnen ihrer Werke - mit Inge von Weidenbaum und Christine Koschel - gesprochen, mit Hans Werner Henze und vor allem auch mit der Schwester von Ingeborg Bachmann.

Die Lebensorte der Bachmann waren vielfach auch Liebesorte. Sie stehen in Beziehung zu den Männern der Bachmann, heißen sie nun Frisch und Celan, Kissinger und Henze und, und, und... Gescheiterte Beziehungen meistens.

Orte aber auch, die sich im Werk der Ingeborg Bachmann widerspiegeln. So ist dieses Buch der Frauke Meyer-Gosau auch eine kleine Literaturgeschichte mit interessanten Einblicken darüber, wie Leben und Werk einander bedingen.

2006 ist die Autorin aufgebrochen, "um endlich einen Blick hinter die Legenden zu tun. Dieser sollte zuallererst die Worte erfassen, an denen die Lebensgeschichte stattgefunden hatte... ". Und das waren Rom und Paris, Berlin und Zürich - und das war Klagenfurt, der Geburtsort der Dichterin. Und Rom vor allem, der Ort, an dem sich das Leben der Ingeborg Bachmann vollendete.

Ein schönes, ein beeindruckendes Buch. Sieht der Leser doch vielfach hinter die Fassade einer einzigartigen Frau, voller Rätsel, verletzlich, widersprüchlich. Frauke Meyer-Gosau ist dem "Mythos" Bachmann ein Stück näher gekommen.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 17, 2011 3:06 PM MEST


Ich wollte keine Frage ausgelassen haben: Gespräche mit Fluchthelfern
Ich wollte keine Frage ausgelassen haben: Gespräche mit Fluchthelfern
von Burkhart Veigel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,80

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Uwe Johnson hat keine Frage ausgelassen, 13. August 2011
Uwe Johnson hatte die DDR 1959 verlassen. 1959 erscheint im westdeutschen Suhrkamp Verlag "Mutmassungen über Jakob", 1961 wurde die Mauer gebaut, 1962 heiratete er Elisabeth Schmidt, die nach dem Mauerbau aus der DDR flüchtete. Alle diese Daten und Ereignisse kreisen um das Thema "Flucht".

Uwe Johnson selbst hat sein Verlassen der DDR nie als Flucht verstanden. Er war schließlich nur "umgezogen"; umso mehr interessierte er sich aber für Flucht und Fluchthelfer, für die Bedingungen, unter denen "Flucht" stattfand, und was sie mit den Helfern gemacht hat.

Vor einiger Zeit ist im Suhrkamp Verlag das Buch "Ich wollte keine Frage ausgelassen haben - Gespräche mit Fluchthelfern" erschienen. Ein Buch, das im Zusammenhang mit dem Mauerbau vor 50 Jahren sehr aktuell ist. Es gibt Aufschluss darüber, dass Johnsons Interesse sowohl literarischer als auch persönlicher Art war. Und es ist das Buch, das der Schriftsteller bereits 1963 schreiben wollte. "Ein Auftrag verdankte sich der Neugier auf eine Gruppe von Leuten, die sich selbst begriffen als ein 'Reisebüro', die aber in der D.D.R.-Zeitung 'Neues Deutschland' in Verbindung mit einem Personennamen, gebrandmarkt wurde als eine 'Bande'". So ist es in "Begleitumstände - Frankfurter Vorlesungen" zu lesen. Und weiter: "Dies einmal ausgemacht, konnten die Materialien des geplanten Buches zu Band gegeben werden". Aber - so Johnson später: "Ja - die Tonbänder sind gelöscht". Hier irrte Johnson -erfreulicherweise.

"Zu Band gegeben" wurden damals mehrere sehr ausführlichen Interviews, eher als Gespräche zu bezeichnen, die Uwe Johnson mit Mitgliedern der Girrmann-Gruppe, dem "Reisebüro", also eine Organisation, die sich der Fluchthilfe gewidmet hatte, geführt hat.

Bei der Lektüre fällt auf, dass keine "bearbeitete" Fassung vorliegt, sondern ein höchst authentischer Text. Und es fällt auf, dass Uwe Johnson mit der ihm eigene Akribie alles sehr genau wissen wollte, nachgefragt hat, sich selbst mit persönlichen Anmerkungen "eingebracht hat. Er hat in jedem Falle "keine Frage ausgelassen". Auf diese Weise liegt ein zeitgeschichtliches und wenn man so will literarisches Dokument von außerordentlichen Rang vor.

Auch und vor allem, weil die Anmerkungen des Herausgebers, das Vorwort von Detlef Girrmann und das Nachwort von Burkhart Veigel erheblich zum Verständnis der Texte beitragen.

Was sich daraus für den Schriftseteller Uwe Johnson noch hätte machen lassen - darauf lässt die sehr schöne Erzählung "Eine Kneipe geht verloren" schließen. Sie ist bisher nur einmal - 1965 - veröffentlicht worden und dürfte deshalb für die Johnsonianer von besonderem Interesse sein.

Als vertiefende Lektüre ist zu empfehlen: das gerade erschienene Buch von Burkhart Veigel "Wege durch die Mauer".


Mistlers Abschied. Roman
Mistlers Abschied. Roman
von Louis Begley
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,95

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Tod in Venedig, 8. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Mistlers Abschied. Roman (Gebundene Ausgabe)
Vor über zehn Jahren geschrieben - und der Roman ist so frisch und so gut wie damals. Im Alter von über sechzig Jahren hat der 1933 in Polen geborene Louis Begley, seit 1959 Anwalt in New York, seinen ersten Roman geschrieben. Von da an folgte ein Bestseller auf den anderen. Begley-Leser werden sie alle kennen. Denn es waren und sind alles Romane von hohem literarischem Niveau und von großer erzählerischer Eindringlichkeit. Das mag an den Themen liegen und am Alter des Autor. Denn es sind durchweg ältere Menschen, die im Mittelpunkt von Begleys Romanen stehen.

Es sind gestandene Männer, die Erfolg im Beruf hatten, die in gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen und mit ihren Erinnerungen leben, aber auch natürlich ihre Probleme haben. Sie sind alt und auf unterschiedliche Weise einsam, sie haben den Verlust an Körperlichkeit zu beklagen und an Macht und Einfluss. Und: Sie sind krank - oft an Leib und Seele. Sie haben viel Vergangenheit und keine Zukunft mehr.

Ein solcher Mann ist auch Mistler. Eines Tages verkündet der Arzt dem erfolgreichen Geschäftsmann, dem legendären Boss einer weltweit renommierten Werbeagentur, dass er nur noch ein paar Wochen, allenfalls Monate zu leben habe.

Es heißt also für Mistler, für den "König der Madison Avenue", Abschied zu nehmen: von seinem Leben, seinen Angehörigen, seiner Firma. Und Mistler entscheidet sich für eine recht unspektakuläre, respektable und sehr subtile Art. Er will keine Therapien, er will den Schmerz nicht und schon gar kein Mitleid. Er informiert weder Frau noch Sohn. Stattdessen reist er in sein geliebtes Venedig, in die Stadt des Todes und des Verfalls. Hier will er seinen "Tod in Venedig" inszenieren.

Louis Begley geht sein Thema mit großer Sensibilität an und mit der Souveränität seiner eigenen literarischen und sicher auch persönlichen Erfahrungen. Er beschreibt die Schwächen des Menschen, besonders des älteren Menschen, aber auch deren Überwindung. Er formuliert den Blick auf die Vergangenheit, auf Zweifel und Verzweiflung, aber auch auf den Mut, mit der persönlichen Tragödie fertig zu werden. Die distanzierte Teilnahme, mit der Begley dem Leser seine Themen Alter und Tod nahebringt, ist in höchstem Maße eindrucksvoll und hat etwas sehr tröstliches. Denn Begley weiß viel vom Alter und von der Würde von Krankheit und Tod. Und das ist in der heutigen Zeit sehr viel und in der Literatur sehr selten.

Venedig also. Die Familie ist versorgt, die Zukunft der Firma mit der Chuzpe des Cleveren gesichert. Was bleibt: eine kurze, wenig aufregende Affäre mit einer jungen Frau, die einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Dafür wird Vergangenheit gegenwärtig. Ein Mann von früher taucht auf und eine Frau aus alten Tagen. Gelebtes, abgelebtes Leben, dessen Erfolge jetzt als nichtig erscheinen mögen. Es ist nicht viel, was es zu erzählen und zu bedenken oder gar zu zu vermissen gilt. Was war eigentlich die Schubkraft des Lebens: Geld, Sex, Macht? Ist es Altersweisheit, Abgeklärtheit angersichts des Todes, die Mistlkers Gelassenheit ausmachen?

Und dann doch noch einmal die Wiederbegegung mit einer alten, bis heute unerfüllten Liebe. Eine letzte amour fou? "Zu spät" - die Realität ist stärker als die Erinnerung und das Verlangen. Mistler akzeptiert dies, wie er auch seine Krankheit akzeptiert und seine bevorstehende Tod. Jetzt wird auch die Familie informiert. Als er das glaubte erledigt zu haben, das Geschäft, die Familie, die Liebe - begegnet er einem Bootsverleiher. Zu leihen gibt es ein Boot zwar nicht, aber zu kaufen. Ein Boot - für die Fahrt aufs offene Meer hinaus. Eine auch mythologisch sehr denkwürdige Szene mit starken Anklängen an den Fährmann Charon und die Fahrt in die Unterwelt.

Mistler macht das Geschäft seines Lebens und seines Todes. Ein beziehungsreicher Abschied. Und das ohne Sentimentalität und Pathios geschildert. Begleys Roman ist deshalb auch kein Alterswerk, doch voller Altersweisheit, und ein sehr schönes Buch über das Alter und den Tod und die Wahrheit darüber.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 9, 2011 12:13 PM MEST


Giorgio Vasari: Der Erfinder der Renaissance
Giorgio Vasari: Der Erfinder der Renaissance
von Gerd Blum
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Vater der Kunstgeschichte, 6. August 2011
Giorgio Vasari wurde vor 500 Jahren in Arezzo geboren. Das allein wäre kaum erwähnenswert, wäre dieser Giorgio Vasari (1511-1574) nicht der "Erfinder der Renaissance", würde er nicht gern und zu Recht als Vater der Kunstgeschichte bezeichnet und hätte er nicht ein so großartiges Werk hinterlassen: als Architekt, Maler - und Schriftsteller, der nahezu allen großen Künstlern seiner Zeit - einschließlich sich selbst - eine Biografie gewidmet hat.
Über diesen Giorgio Vasari hat der Münsteraner Gerd Blum eine in jeder Hinsicht herausragende Monographie geschrieben. Ein Buch, das in mehrfacher Hinsicht begeistert und überzeugt.
Blum schildert sehr kenntnisreich den Lebensweg des außergewöhnlichen Künstlers, der seine Herkunft selbst so sah: "Um also mit meinen Anfängen zu beginnen, so meine ich schon genug vom Ursprung meiner Familie, von meiner Geburt und meiner Kindheit gesprochen zu haben und davon, wie ich von meinem Vater Antonio mit allem Wohlwollen auf den Pfad der Tugenden und insbesondere des Zeichnens geleitet wurde, dem er mich sehr zugeneigt sah." So Vasari in seiner Autobiographie "Beschreibung der Werke Giorgio Vasari, Maler und Architekt aus Arezzo".
Gerd Blum erzählt von Kindheit und Jugend Vasaris, geboren am 30. Juli 1511 in Arezzo, verfolgt dann den weiteren Lebensweg - anfangs als Wanderkünstler (man könnte die Zeit auch als Lehrjahre bezeichnen), in denen er von mehr oder minder zufälligen Aufträgen leben musste. Er erlebte die aufregenden Zeiten des Sacco di Roma im Jahre 1527, eine Art Wendepunkt in seiner jungen Karriere. Er lernte die große Kollegen seiner Zeit kennen, machte sich selbst einen Namen und wurde zuletzt ein erfolgreicher Unternehmer in eigener Sache und ein hochbezahlter Hofkünstler am Hofe Cosimo I. de'Medici in Florenz, wo er am 27. Juni 1574 starb.
Das Leben und die Kunst - und wie sie einander bedingen. Gerd Blum zeigt, wie Giorgio Vasari zum "Erfinder der Renaissance" wurde, die er als eine aus dem Geist des Mittelalters enstandene Epoche sieht, für die Vasari eine Art Gesamdeutung gegeben hat.
Dies einerseits durch seine Werke: wunderschöne Bilder, die phänomenale Architektur der Uffizien in Florenz zum Beispiel und andere Werke der Architektur und der bildenden Künste, die er "als Produkte einer einzigen 'Kunst', der Kunst des disegno" deutete.
Nicht zuletzt aber war Giorgio Vasari der erste Kunsthistoriker und Kunstkriker. Mit seinen Büchern "Le Vite de'più eccellenti architetti, pittori, et scultori italiani, da Cimabue infino a'tempi nostri: descritte in lingua toscana da Giorgio Vasari, pittore arentino...." hat Vasari Kunstgeschichte geschrieben. Hinter diesem Titel verbergen sich 108 Lebensbeschreibungen großer und bedeutender Künstler seiner Zeit - wie Michelangelo und Raffael, Brunelleschi, Giotto.und viele andere. An dieser Stelle sei auf die hervorragende Edition des Wagenbach Verlags verwiesen, in dem diese Biografien in sehr guten Übersetzungen und in hervorragender Kommentierung erscheinen.
Kommen wir zurück auf das Buch von Gerd Blum. Nicht nur hat der Wissenschaftler auf blendende Weise Leben und Werk des Giorgio Vasari beschrieben. Er hat diesen Ausnahmekünstler auch in den philosophischen, religiösen und kulturellen Kontext seiner Zeit gestellt, die Verbindungen zu Mittelalter und Humanismus aufgezeigt und so eine faszinierende Gesamtschau der Zeit der Renaissance gegeben.
In seinem Vorwort schreibt Blum: "Doch ein Buch, das eine konzise Einführung in Leben und Werk Vasaris bietet, gibt es bislang überraschenderweise noch nicht". Jetzt gibt es dieses Buch, das - Originalton Blum - "eine thesengeleitete Übersicht über die Breite der Begabungen und Tätigkeiten ..." Vasaris zeigt.
Gerd Blum ist es zudem gelungen, auch sehr komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen. Und das in einem lebendigen, anschaulichen Stil. Der Autor erweist sich als Schriftsteller von Rang. Sein Buch ist eine Kunstgeschichte auf hohem literarischem Niveau.
So macht dieses Buch Lust auf mehr - auf die Betrachtung der Werke Giorgio Vasaris im Lichte der Blum'schen Deutung und auf die Lektüre der großen Biografien des Kunstwissenchaftlers und brillanten Schriftstellers Giorgio Vasari.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 7, 2011 6:57 PM MEST


Letzte, unveröffentlichte Gedichte: Entwürfe und Fassungen
Letzte, unveröffentlichte Gedichte: Entwürfe und Fassungen
von Ingeborg Bachmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 28,80

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die "Vergangenheit überwinden", 6. August 2011
Es sind nicht die ganz großen Gedichte der Ingeborg Bachmann, die im Band "Letzte, unveröffentlichte Gedichte" zu lesen sind. Und doch sind die Gedichte aus dem Nachlass lyrische Kleinodien, die in einem lebensgeschichtlichen und thematischen Zusammenhang mit zwei Reisen der Dichterin 1964 nach Prag entstanden sind. Es ist die Zeit der Krise und der tiefen Depression nach der Trennung von Max Frisch. Und so erlebt die Bachmann diese drei Gedichte "Wenzelsplatz", "Jüdischer Friedhof" und "Poliklinik Prag" als ein kleines "Wunder", als Hoffnung, dass es ihr gelingen werde, "die Vergangenheit überwinden" zu können.

Ganz groß und nahezu unvergleichlich dagegen die wirklich letzten veröffentlichten Gedichte, die in diesem Band in ihrem Entstehungsprozess, mit allen Textvarianten und in der vorzüglichen textkritischen Darstellung der Bezüge und literarischen Verweise dakumentiert werden. Eine Fundgrube für Bachmann-Experten, für Germanisten und Leser, die es ganz genau wissen wollen.

"Böhmen liegt am Meer" ist eines dieser Gedichte, das die Dichterin selbst als "Geschenk" bezeichnet hat. Ist es doch in einer Zeit entstanden, die dichterisch schon den "Todesarten" gewidmet war, in der Ingeborg Bachmann eigentlich schon Abschied genommen hatte von der Lyrik. Es ist "für mich ein Gedicht, zu dem ich immer stehen werde", das sie weitergeben wolle "an alle anderen, die nicht aufgeben zu hoffen auf das Land der Verheißung". Und für die Bachmann selbst ist es ein Gedicht, in dem sie noch einmal ihrer Herkunft aus dem Dreiländereck im südlichen Kärnten Tribut zollt.

Ganz anders "Keine Delikatesse". Es ist - wenn man so will - ein Zeitgedicht, das Stellung bezieht zu der Frage "wie die Kunst den Schein der Warenwelt auflösen könnte, um wieder authentische menschliche Erfahrungen möglich zu machen" (Höller). Das für mich schönste Gedicht allerdings ist "Enigma". Es bezieht sich auf Mahlers "Auferstehungssymphonie" und enthält eine Widmumng für einen der wichtigsten Menschen im Leben der Dichterin, für Hans Werner Henze aus der Zeit der ARIOSI. "Nichts mehr wird kommen", lautet die erste Zeile; es werde kein Frühling und kein Sommer mehr. Doch es gibt - so Höller - Hoffnung am Rande der Hoffnungslosigkeit.

"Du sollst ja nicht weinen, / sagt eine Musik. / Sonst / sagt / niemand / etwas."
In der Zeit mit Hans Werner Henze hat Ingeborg Bachmann "wirklich Musik verstanden". Und seitdem konnte sie ohne Musik nicht mehr arbeiten, denn alles hänge "mit Musik zusammen". Ein wunderschönes, ein tröstliches Gedicht, das sich erst jetzt in der aufgezeigten Textgenese und durch den Kommentar von Hans Höller völlig erschließt. Und das gilt für alle Gedichte dieses Bandes.


Die jüdische Kauffrau Glikl (1646 - 1724)
Die jüdische Kauffrau Glikl (1646 - 1724)
von Inge Grolle
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid", 4. August 2011
Sie war eine deutsch-jüdische Kauffrau, eine erfolgreiche Unternehmerin und Perlenhändlerin. Sie lebte von 1646 bis 1724, geboren in Hamburg und gestorben in Metz. Sie hieß eigentlich korrekt "Glikl bas Judah Leib" (Tochter des Judah Leib), wurde aber eher bekannt als "Glückl von Hameln", benannt nach dem Herkunftsort ihres Mannes Chajim: Hameln.
Glikl führte ein außergewöhnliches und exemplarisches Leben, über das sie in erster Linie ihren Kindern berichtete _ und durch einen Glücksfall auch der Nachwelt. So liegen sowohl der Urtext ihrer Erinnerungen in westjiddischer Sprache (und hebräischen Schriftzeichen) - in "Weiberdeutsch", wie es etwas despektierlich hieß - vor als auch mehrere Übertragungen. Zuletzt kam dieses Verdienst 1913 Alfred Feilchenfeld zu. Eine Neuausgabe erfolgte 1994, der Fassung von Bertha Pappenheim, eine Nachfahrin der «unbekannten Jüdin» Glikl, durch Viola Roggenkamp.
Dieser außergewöhnlichen Frau hat jetzt Inge Grolle ein "Lebensbild" gewidmet. Die Autorin, sie studierte Geschichte, Germanistik und Romanistik, hat sich durch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen einen Namen gemacht. Ihr besonderes Interesse gilt der hamburgischen Sozial- und Frauengeschichte. Ihre Arbeit über die Kauffrau Glikl hat sie entlang der bekannten biografischen Fakten gerschrieben, immer aber in den Konzext von Zeit und Zeitumständen gestellt.
So ist Grolles Buch für den Leser ein faszinierendes Porträt der Glikl von Hameln und gleichzeitig ein spannendes Zeitpanorama. Wie lebte Glikl von Hameln, und wie lebten Juden Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts in Deutschland? In den Erinnerungen der Glikl können wir es nachlesen. Sie hatten geschäftlichen Erfolg, genossen zum Beispiel als «Hofjuden» Anerkennung. Sie waren insgesamt und als Familie im Besonderen gefährdet als Juden und Kaufleute. Es gab Krankheiten wie die Pest. Und es gab religiöse Umbrüche und Irritationen (zum Beispiel das Auftreten dess Sabbatai Zwi), die sich auf das religiöse Leben der Juden auswirkten. Es gab staatliche Restriktionen und persönliche Verfolgungen.
Das alles hat Glikl nicht nur miterlebt, sondern auch aufgeschrieben. Sie, Mutter von 12 Kindern, dreißig Jahre mit Chajim verheiratet, später als selbständige Geschäftsfrau mit internationalen Verbindungen tätig, schildert sehr ausführlich die äußeren Umstände ihres Lebens. Sie gibt aber auch einen Blick in ihre Seelenlage - "Aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid". Sie, die aufopferungsvolle Frau und Mutter, findet ihren Halt im Glauben an einen Gott, der sie hält, obwohl «sündig», und dem sie sich in jeder Siuation ihres Lebens anvertraut. Dass sie, nach einer zweiten und nicht sehr glücklichen Ehe, verarmt starb, macht ihre persönliche Tragik aus.
Dies alles ist bei Inge Grolle zu lesen. Und mehr. Die jüdischen Sitten und Gebräuche werden uns ebenso nahegebracht wie das Rollenverständnis von Mann und Frau in der jüdischen Lebenswelt - vor allem aber das Selbstverständnis einer jüdischen Frau in der damaligen Zeit.

So erzählt Inge Grolle von der Geschichte und den Geschichten.der Glikl, die uns mit ihren Aufzeichnungen auch ein höchst wichtiges literarisches Zeugnis hinterlassen hat. Und es ist sehr schön, dass die Autorin einige dieser von Glikl erzählten Geschichten an das Ende ihres Buches gestellt hat. Von einer «märchenhaften Atmosphäre altjiddischer Erzählkunst» ist die Rede (I.G.). Und weiter: "Inmitten von Glikls biografischem Bericht ist die sprachliche Suggestion der Geschichten manchmal so stark, dass die dramatischen Ereignisse ihres eigene Lebens fast selbst den Charakter eines alten Exempels annehmen." Dem ist von Seiten des Lesers nichts hinzuzufügen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 7, 2011 3:27 PM MEST


Die Witwe Couderc: Ausgewählte Romane
Die Witwe Couderc: Ausgewählte Romane
von Georges Simenon
  Broschiert
Preis: EUR 9,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Geschichte um Liebe und Macht und Schuld, 30. Juli 2011
Es gab sicher für viele Leser in ihrem Leseleben so etwas wie eine "Simenon-Zeit". Da wurden nicht nur die berühmten Maigret-Romane regelrecht verschlungen; auch die Non-Maigrets fanden große - und vor allem literarísche - Aufmerksamkeit.

Nicht ohne Grund "pflegt" daher der Diogenes Verlag seinen Autor Georges Simenon (1903-1989) mit sehr schönen Ausgaben. So jetzt mit einer wunderbaren neuen Übersetzung des Romans "Die Witwe Couderc" durch Hanns Grössel. Geschrieben hatte Georges Simenon diesen Roman bereits 1942. An Frische hat er bis heute jedoch nichts verloren. Und deshalb: Empfohlen zum Entdecken oder Wiederlesen.

Nein,"Die Witwe Couderc" hat es nicht leicht gehabt in ihrem Leben. Die Bäuerin Tati hat mit allen möglichen und unmöglichen Familienverhältnissen zu kämpfen, muss sich mit der Mißgunst der Verwandschaft auseinandersetzen, ihrem greisen Schwiegervater ab und an zu Willen sein und mit den sonstigen Unbilden des Lebens herumschlagen. Nein, leicht hatte sie es nicht.

Da begegnet ihr, der Fünfundvierzigjährigen, der entlassenen Sträfling Jean, 28 Jahre alt. Er hat fünf Jahre gesessen und ist mit seiner Tat und seiner Strafe immer noch nicht im Reinen. Er wird Tati nicht nur eine große Hilfe auf dem Hof und im Stall sein. Sie nimmt ihn auch in ihr Bett. Er wird ihre letzte Liebe sein, sie seine erste. Eine seltsame, eine stille Liebe, eine Liebe für ein neues Leben....?

Was sich hier erst einmal so unaufgeregt liest, ist ein hochkompliziertes Geflecht von seelischen und anderen Verstrickungen. Böse Gerüchte über Tati und Jean machen die Runde. Und bald lernt der attraktive Jean auch noch die leichtlebigen Félicie, lebenshungrig und amoralisch, kennen. Das wiederum führt zu Nachforschungen über sein Vorleben. Ein Spiel von Hoffnungen und Ängsten, von Nähe und Ferne und vielen Erniedrigungen sowohl für Tati als auch für Jean beginnt.

Aus dem beinahe idyllischen Anfang einer - wenn auch etwas außergewöhnlichen - Liebesgeschichte entwickelt Georges Simenon eine Geschichte mit schrecklichem Ausgang. Dazu bedient sich der Autor in für ihn typischer Diktion einer sehr einfachen Sprache, die gerade deshalb höchst kunstvoll ist und die Meisterschaft von Simenon bestätigt.

Meisterlich auch die psychologische Darstellung seiner Personen. Hier die schlichte Bäuerin mit harter Schale und weichem Kern. Ein neuer Anfang soll es sein, wirtschaftlich und persönlich - mit Jean. Das Leben aber ist komplizierter. So ist es bald nicht nur die Eifersucht, die sie plagen wird, von allen Seiten scheint man ihr die Liebe und den Erfolg zu missgönnen.

Und Jean? Er hat einen Menschen erschlagen, ist dafür zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, nur zu fünf Jahre, obwohl auf seine Tat die Todesstrafe stand. Er also, der gar nicht mehr sein dürfte, ist immer noch irgendwie auf der Flucht vor seiner Schuld, versucht sich trotz der seelischen Belastungen in diesem neuen Leben einzurichten. Mit eben dieser Tati, die er in einer schweren Erkrankung aufopferungsvoll pflegt.

Aber gut kann das alles nicht gehen. Als die Polizei nach einer Reihe böser Verleumdungen hinter ihm her ist, weiß er, dass ihn seine Schuld eingeholt hat. Wie zum Beweis dessen wird Jean....

Mit dem Ende dieser Geschichte um das Spiel von Liebe und Macht, von Schuld und Tod möchte ich den Leser gern allein lassen. Spannung bei der Lektüre dieses kleinen literaischen Meisterwerks, dieses faszinierenden Psychodramas, ist allerdings gesichert - von der ersten bis zur letzten Zeile.

Für Cineasten der Hinweis, dass dieser wunderbare Roman 1971 unter dem Titel "La veuve Couderc" (Die Witwe und der Sträfling) als Film in die Kinos kam. Auch er ein psychologische Meisterwerk mit Simone Signoret und Alan Delon in den Hauptrollen.


Prousts Mantel: Die Geschichte einer Leidenschaft
Prousts Mantel: Die Geschichte einer Leidenschaft
von Lorenza Foschini
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unvermutete Leidenschaften, 25. Juli 2011
Vor 140 Jahren, am 10. Juli 1871, wurde Marcel Proust, geboren. Das ist zwar kein klassisches Jubiläum, aber immerhin ein Gedenktag. Und den lassen sich echte Proustianer ohnehin nicht entgehen.

So passt es wieder einmal, dass gerade jetzt die deutsche Übersetzung des wundervollen Buches "Prousts Mantel - Die Geschichte einer Leidenschaft" erschienen ist. Die italienische Autorin Lorenza Foschini hat "unvermutete Leidenschaften" entdeckt und aufgedeckt und in einer brillanten, literarisch ambitionierten Reportage aufbereitet.

"Alles, was hier erzählt wird, hat sich tatsächlich ereignet, und die Figuren dieser Geschichte haben reale Vorbilder...", heißt es in der Vorbemerkung. So den Parfümfabrikanten und leidenschaftlichen Büchersammler Jacques Guérin, den eine Blinddarmentzündung zu Robert Proust führt, Chirurg und älterer Bruder von Marcel Proust.

Das hatte Folgen. Durch eben diesen Zufall entdeckt Guérin Gegenstände und Mobilar aus dem Nachlass von Marcel Proust. Einem Nachlass, um den sich weder der Bruder so richtig und die Schwägerin Marthe Dubois-Amiot überhaupt nicht kümmern. Im Gegenteil, Marthe mochte ihren Schwager nicht und möchte den gesamten Nachlass am liebsten verbrennen. Auch darüber und die Hintergründe erzählt dieses Buch.

Für den Parfümfabrikanten beginnt 1929 eine obessesive Suche nach den Erbstücken aus Marcel Prousts Hand und Leben. Manuskripte, Zeichnungen, Autographen, Möbel, Billets und Toilettenartikel - eine abenteuerliche "Recherche", und eine literarische Spurensuche. Der Leser folgt ihr willig und oft mit angehaltenem Atem und teilweise sehr amüsiert. Was nicht zuletzt an der faszinierenden und kenntnisreichen Schilderung von Lorenza Foschini liegt.

Im Mittelpunkt aber steht der Mantel von Marcel Proust. Ein Kleidungsstück, dass dem Proustianer bestens vertraut ist: Und so entdeckt ihn Guérin: "Der Mantel ist ein Zweireiher mit drei Knöpfen in jeder Reihe. Eine Kopfreihe wurde jedoch verschoben, um den Mantel einem dünneren Träger anzupassen... Der Mantel liegt jetzt geöffnet da, zeigt sein Innenfutter, mottenzerfressenen Otternfell...". "Ich kann mich nicht von diesem bedrückenden reglosen Simulacrum losreißen", lässt uns Guérin wissen.

Bereits am Anfang der "Recherche" schreibt Marcel Proust: "....Wenn ich jedenfalls in dieser Weise erwachte und mein Geist geschäftig und erfolglos zu vermitteln versuchte, wo ich war, kreiste in der Finsternis alles um mich her, die Dinge, die Länder, die Jahre."

"Die Dinge" waren es, die auch um Jacques Guérin "kreisten" und ihn - und uns - begeistert haben, und es immer noch tun. Ihm, der sie für die Nachwelt gerettet hat, hat Lorenza Foschini mit diesem Buch ein kleines Denkmal gesetzt.

Im Musée Carnavalet in Paris können wir viele dieser "Dinge" und Requisiten aus dem Fundus der Weltliteratur besichtigen: Möbel aus dem Schlafzimmer Prousts, das Messingbett, in dem ein großer Teil der "Recherche" geschrieben wurde, und und und... Nicht jedoch den berühmten Mantel. Er lässt es nicht mehr zu, ausgestellt zu werden und ruht im Depot des Museums. Vor unserem geistigen Auge ist er jedoch zu sehen - nicht zuletzt dank der Schilderung der Lorenza Foschini.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 25, 2011 8:47 PM MEST


Ernest Hemingway - Sein Leben in Bildern und Dokumenten
Ernest Hemingway - Sein Leben in Bildern und Dokumenten
von Mariel Hemingway
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,95

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Aber das Leben ist nun einmal anderswo", 14. Juli 2011
"Der alte Mann und das Meer" gehört wohl zu den schönsten Erzählungen, die uns Ernest Hemingway hinterlassen hat. Ansonsten assoziiert man mit dem Namen Hemingway häufig nur Frauen, Alkohol und ein abenteuerliches Leben, dem er am 2. Juli 1961 in Ketchum selbst ein Ende gesetzt hat.
Das war vor 50 Jahren und damit Anlass genug, dieses außergewöhnlichen Autors zu gedenken. Sehr eindrucksvoll tut es die Enkelin Mariel Hemingway als Herausgeberin des fulminanten Bands "Ernest Hemingway in Bildern und Dokumenten".
Im Vorwort schreibt sie: "Ein richtiger Kerl, ein Jäger, ein Hochseeangler, ein Mann der klaren Worte und mein Großvate... Ich bin glücklich, Ernest Hemingways Enkelin zu sein... und ich fühle mich geehrt, ein Teil von ihm zu sein". Von diesem Stolz und von dieser Verehrung für ist viel in diesem Buch zu spüren. Allein die liebevolle und sehr geglückte Auswahl der Fotos, die den Menschen und Autor mit all seinen Facetten zeigen, belegt dies.
Es gab einmal eine Zeit, da war der Literatur-Nobelpreisträger von 1954 - den Preis hat er für den (man möchte sagen: unvergänglichen) Kurzroman "Dar alte Mann und das Meer" erhalten - regelrecht en vogue. Seine großartigen Reportagen als Kriegsberichterstatter vom Spanischen Bürgerkrieg und vom Stierkampf, seine Romane "Fiesta" (1926), "In einem anderen Land"(1929)und "Wem die Stunde schlägt" (1940) waren Bestseller. Wie auch das erst nach seinem Tod erschienene Buch "Paris - ein Fest fürs Leben", in dem Hemingway so brillant von seiner Zeit in Paris (1921-1928) erzählt, von seinen Begegnungen mit Gertrude Stein und anderen Persönlichkeiten aus Kunst und Literatur, von seiner Liebe zu seiner ersten Frau Hadley und von seiner Geliebten und zweiten Frau Pauline Pfeiffer.
Seinen literarischen Ruhm hat Ernest Hemingway jedoch in erster Linie mit seinen Kurzgeschichten errungen, mit denen er fast eine eigene Stilrichtung begründet hat, einen Stil, revolutionär für die Literatur überhaupt, den der Autor von "Schnee auf dem Kilimandscharo", und "Das kurze glücklose Leben des Francis Macomber", um nur zwei Beispiele zu nennen, in Perfektion beherrschte.
Leben und Werk beschreibt in diesem Band Boris Vejdovsky, amerikanischer Literaturwissenschaftler und Mitglied der Hemingway Society. In acht programmatisch benannten Kapiteln zeichnet er den Lebensweg dieses Autors nach. Mit Spannung folgt ihm der Leser von Hemingways Anfängen im amerikanischen Oak Park (1899) über die wunderbare Zeit in Paris, über die Reportagereisen nach Spanien und Italien, die Erkundung der afrikanischen Welt, seinen Kuba-Aufenthalt und so weiter - bis zum freiwilligen Ende in Ketchum am 2. Juli 1961.
Darüber geschrieben hat Hemingway immer "anderswo": "Deshalb fährt er in sein Haus nach Key West, um dort über seine Erlebnisse in Afrika zu schreiben, so wie er, nach einem bereits bekannten Muster, in Paris über Michigan, auf Kuba über Paris, in Florida über Spanien schreiben wird - aber das Leben ist nun einmal anderswo." (Vejdovsky)
Wer also war dieser Ernest Hemingway? Ein Frauenheld (er war viermal verheiratet und hatte unzählige Affären), ein Alkoholiker, ein Abenteurer, Großwildjäger, Stierkämpfer, ein Aufschneider, am Ende gar ein Psychopath? Vejdovsky gelingt es nicht nur, ein hervorragendes Psychogramm eines Machos mit einer sehr empfindsamen Seele zu zeichnen, er räumt vor allem mit vielen Legenden auf, für die Hemingway oft genug selbst verantwortlich war, weil er häufig Literatur und Leben miteinander verwechselt hat. Gerade das aber mag ihn zu einem so großartigen Schriftsteller gemacht haben.
Es macht Freude, den Lebensweg Ernest Hemingways in diesem Buch mitzugehen. Es sind die 300 von Hemingways Enkelin zusammengetragenen, teilweise bisher unbekannten Bilder, die dem Leser diesen Ernest Hemingway näherbringen. Wer selbst einmal im Geburtshaus in Oak Park war oder in Paris und in Spanien den Spuren von Hemingway nachgegangen ist, wird geradezu ein Déjà-vu-Erlebnis haben.
Es ist vor allem aber der großartige biografische Essay von Boris Vejdovsky, den diese Bilder illustrieren. Ein Text, mit dem der Autor nicht nur den Menschen und Schriftsteller Ernest Hemingway "lebendig" werden lässt. Dieser biografische Essay ist auch, wie das gesamte Buch, aus gegebenem Anlass eine wunderbare und würdige Hommage für Ernest Hemingway.


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