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Top-Rezensenten Rang: 989
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Rezensionen verfasst von
Günter Nawe "Herodot" (Köln)
(TOP 1000 REZENSENT)   

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Alle meine Wünsche (Frauenromane)
Alle meine Wünsche (Frauenromane)
von Grégoire Delacourt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die einzige Insel in ihrem Schmerz, 12. September 2012
Rührend? Irgendwie ja - rührend ist diese kleine Geschichte, die Grégoire Delacourt in seinem Roman "Alle meine Wünsche" erzählt. Rührend, aber nicht rührselig. Und ein wunderbares kleines Kammerstück über die Liebe – und wie sie in Gefahr gerät.

Das Leben von Jocelyne und ihrem Ehemann Jocelyn verläuft in ruhigen Bahnen. Sie hat sich mit ihrem kleinen Kurzwarenladen, in dem sie Hosenknöpfe, Pailletten und Bänder verkauft, ihre Welt geschaffen. Mit ihrem Blog hat sie darüber hinaus Zuspruch und Anerkennung erfahren. Andern (Haus-)Frauen schenkt sie mit ihren guten Ratschlägen Abwechslung und Lebensfreude.

Und die Familie? Zwei Kinder, die gut geraten sind, und der etwas ungehobelte Mann Jocelyn, den sie liebt. Auch wenn es in dieser Ehe schon einmal Risse gab, als sie ihr drittes Kind verloren hat. Die Dinge haben sich also eingependelt. Davon erzählt die Protagonistin in diesem Roman. Und von den Träumen, ihrem Mann, ein Angestellter mit Aufstiegschancen - ihm also, erstaunlicherweise nicht sich - "alle" Wünsche erfüllen zu können: einen Porsche, eine Kreuzfahrt und eine besondere Armbanduhr. Ein einfaches, zufriedenes Leben. Ein Leben, das durch einen dummen Zufall aus den Fugen gerät.

Grégoire Delacourt, 1960 geboren, Werbetexter und Autor hat bereits mit seinem ersten Roman "L’Ecrivain de la famille" Aufsehen erregt und Literaturpreise gewonnen. Und auch "Alle meine Wünsche" wurde in Frankreich zum Bestseller. Mit dem Paar Jocelyne und Jocelyn sind ihm herrliche Figuren gelungen, die vor allem dadurch Authentizität gewinnen, dass Delancourt von ihnen auf sehr schlichte Weise erzählt - und sein Buch gerade deshalb literarischen Ansprüchen gerecht wird. Delacourt versteht es, Gefühle und Empfindungen zu schildern, ohne kitschig zu werden.

Jocelyne hatte sich also arrangiert mit dem kleinen Glück und den kleinen Enttäuschungen, die das Leben nun mal zu bieten hat. Bis sie Lotto spielt und - gewinnt. Einen Millionengewinn, der sie allerdings eher erschreckt als glücklich macht. Und so wandert der Scheck, von dem niemand etwas weiß, in einen ihrer alten Schuhe. Jocelyne ist zufrieden mit den Möglichkeiten, die ihr der neue Reichtum bietet, ohne sie zu nutzen.

Bis sie eines Tage entdeckt, dass der Scheck weg ist - und mit ihm ihr Mann. Angeblich bei einem Seminar, mit dem eine Beförderung verbunden sein soll. Nichts von dem ist wahr. Verrat an ihrer Liebe, Enttäuschung und Wut - und der Beginn eines neuen Lebens für Jocelyne. Ihren Kurzwarenladen hat sie aufgegeben Dafür "entdeckt" sie sich neu - in ihrer Verbundenheit mit ihrer Tochter, mit einem neuen Mann, "meinen Vittorio Gassmann... die einzige Insel in meinem Schmerz", im Zusammenleben mit ihrem dementen Vater. Dennoch: "Ich werde geliebt. Aber ich liebe nicht mehr".

Ein trauriges Resumee - und eine schönes, ein etwas trauriges Buch, eine kleine literarische Kostbarkeit.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 18, 2012 10:54 PM MEST


Die Montagsgedichte
Die Montagsgedichte
von Erich Kästner
  Gebundene Ausgabe

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Dichter der kleinen Freiheit, 1. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Montagsgedichte (Gebundene Ausgabe)
Was bitte haben die Olympischen Spiele mit Erich Kästner zu tun – und was er mit ihnen? Gerade fanden in London die diese Spiele statt. Und wirlesen Erich Kästner. Und das aus gutem Grund. Hier sein nachgetragener „Kommentar“ im Gedicht „Olympia (13. August 1928), das in dem jetzt als Erstausgabe vorliegenden Band „Montagsgedichte“ veröffentlicht wurde:

"In Amsterdam, der schönen Stadt, / Werden seit mehreren Wochen / Mit der Faust und dem Fuß und dem Schulterblatt / Dauernd Rekorde gebrochen. / …Man rennt fortwährend im Kreis herum / ... Man spurtet, sprintet, crawlt und clincht / Und erstrampelt sich Plätze und Siege. / Doch es kommt nicht immer so, wie man wünscht. / Flieg, kleiner König, fliege! / Es gilt die Ehre der Nation! / Sause, Krause, sause! / Doch die Deutschen, samt dem Teutonen Kohn, / Die konnten es nur zu Hause. / Die meisten fühlen sich nicht gesund / Und leiden an mancherlei Krämpfen./ Mit mancherlei Krämpfen im Hintergrund / Kann man natürlich nicht kämpfen. / ... Wer hat’s geschafft? Und wer hat’s versaut? / Die Zeitungen schlagen einander schmock out. / Es lebe die Zehntelsekunde!"

Und damit genug von Olympia und mehr über Erich Kästner. Diese "Monatagsgedichte" - es gab in der DDR im Jahre 1989 einmal kurzzeitig eine Taschenbuchausgabe – waren seither vergessen. Erschienen sind sie zwischen 1928 und 1930 in der Berliner Zeitung "Montag Morgen". Die Gedichte, pro Woche eins, hatten immer einen aktuellen Bezug. Und waren immer kritisch - ob er einen "Tag des Buches", das soldatische Grüßen oder die Ruhrbarone mit seiner Feder aufspießte.

Und welch feiner Bezug zum heutigen Berlin - zum Beispiel im Gedicht "Berlin wackelt": "In Berlin wird nicht gefackelt, / Tradition ist überlebt, / Alles wankt und alles wackelt, / So, als ob die Erde bebt..."

Und nun also kann man diese Gedichte wieder lesen. Es ist eine der verdienstvollen Taten des Atrium Verlags, der sich ohnehin dieses Dichters in besonderer Weise annimmt, diese Gedichte wieder zugänglich zu machen - und sie in einer sehr schönen Ausgabe zu veröffentlichen. Marcel Reich-Ranicki hat seinem informativen Vorwort über Erich Kästner geschrieben: "Er, der Sänger der kleinen Leute und der Dichter der kleinen Freiheit, gehört mittlerweile zu den Klassikern der deutshcen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Wie immer nimmt Erich Kästner (1899-1974) auf die ihm eigene Art die kleinen und großen menschlichen Schwächen aufs lyrische Korn. Das Zeitgeschehen, durch seine Brille gesehen, wird bissig kommentiert; die Berliner 20-iger Jahre, die Weimarer Republik - sie bieten dem Dichter Stoff genug. Außerdem: Sommermode und Wetter, sportliche Ereignisse und vieles mehr - der große Humanist hat mit Witz und Herz diese Themen in Verse gebracht.


Meister und Margarita: Roman - Neu übersetzt von Alexander Nitzberg
Meister und Margarita: Roman - Neu übersetzt von Alexander Nitzberg
von Michail Bulgakow
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,99

25 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dämmerstunde am Patriarchenteich, 1. September 2012
"Es war Frühling. Eine heiße Dämmerstunde am Patriarchenteich..." So beginnt einer der bedeutendsten Romane der Weltliteratur. "Meister und Margarita" von Michail Bulgakow ist ein Jahrhundertroman: eine allegorische, phantasievolle und satirische Schilderung der stalinistischen Zeit und der sowjetischen Gesellschaft im Moskau der 30er Jahre. Und er ist - wie der Übersetzter Alexander Nitzberg schreibt: "ein Schlüsseltext der Moderne".

Am Patriarchenteich trafen sie sich: Woland, die Inkarnation des Satans und seine Gefährten, sowie der Kulturredakteur und Kritiker Berlioz und der Lyriker Iwan Besdomny. Sie diskutieren die Existenz Gottes. Berlioz verliert darüber im wörtlichen Sinne seinen Kopf. Und die satanische Figur des Woland und seiner teuflischen Genossen sorgen fortan für Unruhe. Dieser Woland gehört übrigens zu den Teufeln, die das Böse wollen, um letztlich Gutes zu schaffen.

Ungeheure Dinge geschehen. Menschen verschwinden, magische Momente sorgen für unliebsame Überraschungen. Der Kulturbetrieb, konzentriert im Schriftstellerhaus Gribojedow, wird auf satirische Weise aufs Korn genommen; der sowjetische Alltag - geprägt von Korruption, Günstlingswirtschaft, Bürokratismus, Bespitzelung und Überwachung - wird ebenso thematisiert wie menschliche Schwächen und Duckmäusertum.

Bulgakow hat dafür eine Fülle von allegorischen Bildern und realistischen Beschreibungen gefunden, von teuflischen Einfällen und irrwitzigen Plots. Wohnungen verwandeln sich, ein Irrenhaus wird zum Asyl, ein Satansball im Stile einer Walpurgisnacht findet statt. Und überall und immer allgegenwärtig agierend der satanische Woland, sein Gehilfe Korowjew und nicht zuletzt Behemot, der katerartige Mensch oder menschenähnliche Kater. Ein höllisches Personal.

Auf einer sozusagen zweiten Ebene dieses komplexen Romans, in diesem Wirrwar von phantastischen Ereignissen, spielt sich eine Liebesgeschichte ab - zwischen einem Schriftsteller, der nur "Meister" genannt wird, und Margarita. Die verheiratete und etwas frustrierte Margarita liebt den Schriftsteller - ein Pärchen à la Grtechen und Faust. Er sitzt im Irrenhaus, und sie versucht ihn zu befreien. Dazu ist ihr jedes Mittel recht, auch die Verwandlung durch den Satan in eine Hexe.

Eine dritte Dimension dieses Buches ist der Pilatus-Roman. Der namenlose Autor, der "Meister", erzählt die Geschichte von Verurteilung und Tod des Jesus von Nazareth und dessen "Gegenspieler" Pilatus, römischer Prokurator. Zeitbezüge, in einem politisch-kritischen Unterton, werden durch Darstellung der Auseinandersetzung zwischen Jesus und Pilatus sehr deutlich.

Dass ein solcher Roman den Machthabern in der Sowjetunion nicht gefallen konnte, war zu erwarten. Nicht nur aus politischen Gründen. "Auf dem weiten Feld der Literatur war ich in der UdSSR der einzige literarische Wolf. Man gab mir den Rat, mir den Pelz zu färben. Ein törichter Rat.", so Bulgakow. Deshalb nicht verwunderlich: Erst 26 Jahre nach dem Tode von Michail Bulgakow, der den Roman in zwölf Jahren, zwischen 1928 und 1940, seinem Todesjahr, verfasst hatte, konnte das Buch unzensiert in der Sowjetunion erscheinen.

Wenn der Leser jetzt sagt. Haben wir doch alles in der wunderbaren Übersetzung durch Thomas Rechke schon gelesen – hat er Recht. Das war allerdings vor fast fünfzig Jahren. Und wir erleben es in der letzten Zeit sehr häufig, dass mit einer Neuübersetzung, sei die alte noch so gut, ein neues Verständnis des jeweiligen Werks entsteht.

Für "Meister und Margarita" heißt das, eine neue Lesart – jenseits der rein politischen. Alexander Nitzberg hat, wie er den Anmerkungen schreibt, die "poetische" Lesart möglich gemacht. Denn dieser Roman ist - so Nitzberg - "ein grandioses episches Sprachkunstwerk, ein Großstadtpoem in Geiste der Moderne". Unter dieser Prämisse hat Alexander Nitzberg übersetzt. Denn für ihn gilt, dass er sich dabei sowohl "dem Text des Werks" als auch dem "Geist des Werks" verpflichtet fühlte.

So ist seine Übersetzung direkter und damit zeitgemäßer. Ohne grundlegende Eingriffe in den Bulgakowschen Text hat Nitzberg das eine und andere geglättet, hat dem Text einen neuen, einen anderen sprachlichen Rhythmus gegeben. Und er hat - der Roman ist ja längst noch nicht ausgedeutet - neue Interpretationsansätze eröffnet.

Hervorzuheben sind ein vorzüglicher, eine umfassender Anmerkungsgapparat und sehr ausführliche "Notizen des Übersetzers" von Alexander Nitzberg. Beides trägt hervorragend zum Verständnis des Romans bei. Und so ist dieses Buch bei aller Bedeutungsschwere und Ernsthaftigkeit auch ein satanisches Lesevergnügen. Deshalb fordert Felicitas Hoppe in ihrem Nachwort auf: "Leser, mir nach." Eine Aufforderung, den faszinierenden Roman von Michail Bulgakow zu lesen, der man sich gern anschließt.


Mayas Tagebuch: Roman
Mayas Tagebuch: Roman
von Isabel Allende
  Gebundene Ausgabe

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Flucht aus Las Vegas, 13. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Mayas Tagebuch: Roman (Gebundene Ausgabe)
Vine Kundenrezension eines kostenfreien Produkts (Was ist das?)
Zugegeben - nicht alles, was die berühmte Bestseller-Autorin Allende schreibt, ist so begeisternd, wie oft suggeriert werden soll. Umso erfreulicher, dass jetzt wieder - nach "Paula" - ein Roman vorliegt, den man gern lesen wird, auch wenn er alle Klischees bedient, die wir aus den Büchern der Allende kennen. Die chilenische Diplomatentochter mit dem berühmten Vater hat sich damit wohl selbst ein Geschenk zum 70. Geburtstag machen wollen.

Die Heldin des Romans "Mayas Tagebuch" befindet sich auf der Flucht. Maya Vidal muss die USA verlassen, nach dem sie über ein Jahr lang von und mit Crack und Alkohol, von Heroin und anderen Drogen "gelebt" hat. Zwangsläufig ist sie dabei in Kreise, und es war nicht die beste Gesellschaft, geraten, in denen sie der Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt war. Kein Wunder, dass sie dabei auch ins Fadenkreuz der Polizei gerät.

Dabei war Maya einst ein vom chilenischen Großvater, einem Astronomieprofessor, verwöhntes Kind. Ihn hat sie über alles geliebt. Sein Tod, der Schmerz über den Verlust, hat die 15-Jährige völlig aus der Bahn geworfen. Sie schwänzte die High School, begann zu trinken, ließ sich entjungfern, um endlich sexuelle Erfahrungen zu haben, dank derer sie mit ihren Freundinnen mithalten konnte. Maya riss aus, wurde vergewaltigt. Die richterliche Einweisung in ein Internat für kriminelle Jugendliche war die Folge. Maya riss aus, wurde vergewaltigt. Die Flucht endete Las Vegas.

An dieser Stelle trägt Isabel Allende allerdings ein wenig dick auf. Auch wenn man der Autorin zugute halten muss, dass die Milieuschilderungen ihr teilweise sehr gelungen sind. Sie zeigen das ganze Elend, die Rohheit und Gewalt, die Alkohol- und Drogenexzesse, aber auch die seelischen Verletzungen, denen Maya letztlich ausgesetzt war. Zugleich hat diese ausführliche Schilderung einen beängstigenden sozialkritischen Aspekt.

Als Schriftstellerin, die es versteht, seelische Tiefen auszuloten, Charaktere zu zeichnen - gerade auch die ganz finsteren, denen Maya begegnet - und Geschichten bestens zu erzählen, erweist sich Isabel Allende im weiteren Verfolg des Romans.

Mayas Flucht gelingt. Sowohl aus Las Vegas als auch aus dem Milieu. Sie wird nicht zuletzt durch einen Bibelkreis "Witwen für Jesus" gerettet. "Das Haus" dieses Bibelkreises mit dem religiösen und sozialen Engagement "schloss sich wie in einer Umarmung um uns und die Tiere" - so steht es im fiktiven Tagebuch der Heldin. Auf diese Weise kommt Maya, letztlich auch mit Hilfe der Großmutter, auf die abgelegene Insel Chiloé im Süden Chiles. Bei Manuel, einem alten Freund der Familie, in einem abgelegenen Nest mit sehr urwüchsigen Bewohnern, findet Maya, diese sehr sympazhische Heldin, zu sich selbst, kommt die Neunzehnjährige auf die Spur ihrer Familie, die wieder viel mit der Geschichte Chiles zu tun hat.

Mayas Leben hat eine entscheidende Wende genommen - zum Besseren. In einem Tagebuch, das therapeutische Wirkung haben soll, schildert sie, immer wieder reflektierend, ihre Lebensgeschichte. Ihr Mentor Manuel: "Du wirst jede Menge Zeit haben, dich zu langgweilen, Maya. Du kannst sie nutzen, und über den monumentalen Mist schreiben, den du gebaut hast, vielleicht kriegst du ein Gespür für die Ausmaße."

Isabel Allende hat ein "Gespür für die Ausmaße" und hat eine sehr komplexe Geschichte erzählt: Der Roman ist sozialkritischer Studie, Familiengeschichte und politische Zeitgeschichte. Er ist aber vor allem die Erzählung über eine junge Frau, die die Höhen und Tiefen des Lebens in kürzester Zeit erleben und erleiden muss.

Denn mit dem Aufenthalt auf der Insel Chiloé Maya zwar in ein neues Leben gefunden, aber ihre Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Polizei ist ihr wieder auf die Spur gekommen, die Geister der Vergangenheit sind wieder da … und der Roman findet ein überraschendes Ende.

Isabel Allende weiß, was ihre Leser von ihr erwarten. Mit „Mayas Tagebuch“ hat sie die Erwartungen einmal mehr erfüllt.


Schiffstagebuch: Ein Buch von fernen Reisen
Schiffstagebuch: Ein Buch von fernen Reisen
von Cees Nooteboom
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch von fernen Reisen, 30. Juli 2012
Urlaubszeit - Zeit für Fernweh. Allerdings, so der berühmte niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom: "Zu Hause lernst du die Welt kennen, auf Reisen dich selbst; denn zu Hause lastet das Gewicht auf dir, unterwegs auf der Welt, und stets bleibt das unbekannt, was du gerade betrachtest."

Cees Nooteboom ist großartiger Autor, der immer wieder auch für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wird. Und er ist ein begnadeter Reisender und ein außergewöhnlicher Reiseschriftsteller, wahrscheinlich der beste zurzeit. Viele Bücher belegen dies. Und so reist er - trotz oder gerade wegen der oben formulierten Erkenntnis.

Nootebooms Reisen sind von anderer Art. Er reist, um sich in fremden Ländern und bei fremden Menschen aufzuhalten, sie denkend und schauend zu erkunden. In seinem Buch "Schiffstagebuch", im "Buch vom fernen Reisen", wie der Untertitel treffend lautet, erzählt er auf seine unnachahmliche Weise davon.

Einmal mehr geht es um Schiffsreisen, für die der Autor ein besonderes Faible hat. Weil sie anders als Reisen zum Beispiel mit dem Flugzeug zu einer ganz anderen, "verlangsamten", einer intensiveren Wahrnehmung führen. Und das wiederum beeinflusst auch die Art und Weise der Schilderung. Die Literatur verschiebt zwar schon einmal die Grenzen von Raum und Zeit - und damit auch die Vorstellung davon. Aber auch dies eine Erfahrung, die Cees Nooteboom unterwegs gemacht hat und die der Leser bei der Lektüre machen wird.

Der Autor ist einst als Leichtmatrose über die Weltmeere gefahren. Diesmal reist er wesentlich komfortabler mit der "MS Deutschland", auch bekannt als das "Traumschiff" einer bekannten Fernsehserie. "Eichentäfelung, blankpoliertes Messing, nicht eines dieser modernen schwimmenden Wohnsilos, die ich im Sommer in Spanien sehe", so der Autor. Eine gesponserte Luxusreise? Das ist mit Sicherheit nicht Nootebooms Zweck - wie schnell bei der Lektüre zu erkennen ist. Im "Schiffstagebuch I" nimmt er den Leser mit auf eine Reise, bei der er Kap Hoorn umrundet, nach Patagonien, nach Montevideo und Buenos Aires fährt. Über Montevideo schreibt er "Dies ist keine Stadt für nur einen Tag, hier muss man bleiben und eine seltsame Geschichte schreiben...."

Er ist auch auf dem Weg nach Chile, zum Grab des verstorbenen Dichterkollegen Pablo Neruda. Ein weiteres Ziel, das südlichste, ist das südafrikanische Kap Agulhas, ein anderes Ushuaia in Argentinien. In Port Dauphin trifft er Ruderer - und erzählt davon im "Schiffstagebuch II". Von einer Reise nach Indien konfrontiert er uns mit der Erkenntnis, dass man sich "die Welt ansehen, aber die Welt nicht werden" darf und endet den schönen Bericht mit dem Satz "Der Tod in Benares ist aus Feuer und Wasser".

Wunderbare Impressionen, politische Betrachtung, Selbstreflexion und literarische Eindrücke - alles findet Platz in diesem schönen Buch. Von ehemaligen Kollegen, von weltberühmten Schriftstellern ist oft die Rede. Sie begleiten ihn auch als Handbibliothek, die Skármetas und Chatwins, Slocums und andere. In Montevideo resümiert Cees Nooteboom: "Meine Schiffsreise ist zu Ende. Im Dämmerlicht fahren wir über das totenstille Wasser... Ein letzter Abend... Abschied von Tänzerinnen und Zauberkünstlern, und dann das erste Morgenlicht in Borges' Stadt. Städte gehören hier den Schriftstellern. Ich bin von Neruda zu Onetti gefahren und von Onetti zu Borges und Gombrowicz, zu Ocampo und Bioy Casares und allen Dichtern dazwischen".

Der Leser, der mit diesem Buch auf Reisen geht, wird darin keine touristischen Tipps finden und keine Hinweise auf Sehenswürdigkeiten. Er muss sich auf die besondere Art von Reisebrichten einlassen - und wird es letztlich mit Gewinn tun. Cees Nootebooms wunderbaren Texte, wie immer hervorragend von Helga von Beuningen übersetzt, eignen sich deshalb auch als ein hervorragender Begleiter für virtuelle Reisen. Ihre Bildhaftigkeit seiner Schilderungen wird unterstützt durch die sehr schönen Aufnahmen von Simone Sasson.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 8, 2012 9:55 PM MEST


72 Jungfrauen
72 Jungfrauen
von Boris Johnson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf dem Wege ins Paradies, 30. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: 72 Jungfrauen (Gebundene Ausgabe)
So ganz neu ist das Buch, vor acht Jahren bereits in England erschienen, nicht. Jetzt endlich gibt es erfreulicherweise diese herrliche Slapstick-Komödie erstmals auf Deutsch. Und immer noch ist dieser Roman keineswegs "abgestanden", sondern ein außerordentliches Vergnügen.

Vergnügen? Geht es doch um einen terroristischen Angriff. Und so etwas ist doch wahrlich nicht zum Lachen. Doch! Denn geschrieben hat diesen Roman der etwas exzentrische Boris Johnson, mittlerweile Bürgermeister von London. Und der weiß, was er tut. Versteht er doch viel von Politik, von schnellen Autos, von klassischer Philologie. Manchmal und nicht ungern gebärdet er sich wie ein aristrokratischer Snob. Und ist dabei und so ganz nebenher ein intelligenter, ein sprachmächtiger Autor mit einem Hang zu Komödie und Komik. Und aus dieser Gemengelage heraus ist diese wunderbare Polit-Thriller-Satire entstanden.

Was ist geschehen? Ein Terroristen-Quartett von der "Brüderschaft der Zwei Moscheen" klaut einen Krankenwagen, mit dem es sich unter Leitung von Jones der Bombe quer durch London auf den Weg nach Westminister macht. Ziel ist ein terroristischer Anschlag auf das englische Parlament und sogenannten Ehrengästen, vor denen der amerikanische Präsident eine Rede halten wird. Natürlich ist dieser Präsident kein anderer als George W. Bush. Denn wir schreiben das Jahr 2001 ' einen Zeitpunkt, kurz nach dem Attentat 9/11, den die Möchtegern-Terroristen bewusst gewählt haben. Vespricht er ihnen doch ein anständiges Medienecho. Und bei Gelingen der Aktion den Einritt ins islamische Paradies, empfangen von zweiundsiebzig Jungfrauen - ein etwas fragwürdiger Lohn. Dass daraus so oder so nichts wird, ahnen nicht nur die Terroristen, sondern auch die Leser.

Profis sind die Vier: Jones, Dean, Haroun und Habib absolut nicht. Und auch die freiwilligen und unfreiwilligen Helfershelfer sind eher Laiendarsteller in Sachen Terrorismus. Mit dem Abgeordneten - very british - Roger Barlow hat Boris Johnson zudem einen Typus ins Spiel gebracht, den keiner ernst nimmt und der dennoch eine Art Hauptrolle spielen wird. So kommt es zu geradezu grotesken Szenen. Die Fahrt mit dem gestohlenen Krankenwagen gerät zu einer Art Höllenfahrt. Einig ist sich dieses Quartett auch nicht immer. Dennoch gelingt es auf oft sehr kuriose Weise, die großangelegten Sicherheitsmaßnahmen zu durchbrechen. Nicht zuletzt deshalb, weil konkurrierende Geheimdienste, unfähige Polizisten, arrogante und karrieresüchtige Parlamentarier dem Geschehen eher tatenlos zuschauen oder sich in die Hosen machen.

Schließlich haben die Vier den Präsidenten in ihrer Gewalt. Sie versuchen, eine weltweite Abstimmung über die Medien zu erreichen, durch die die Häftlinge von Guantanamo freigepresst werden sollen.

Das alles ist so aberwitzig, dass man aus dem Lachen und Staunen nicht herauskommt. Ohne dabei jedoch den ernsten Hintergrund zu übersehen. Komödie und Tragödie liegen nahe beieinander. Am Ende ist es ein wunderbares dramma giocoso. Und eine brillante Vorlage für einen Film.

Johnson ist ein hinreißend witziges und kluges Buch gelungen - mit unzähligen Anspielungen auf seinerzeit aktuelle Ereignisse. Gekonnt und dank eigener parlamentarischer und politischer Erfahrungen kenntnisreich decouvriert er einerseits den demokratischen Machtapparat, die allmächtigen Medien, die vermeintlich allwissenden und alleskönnenden Geheimdienste. Der US-Scharfshütze Prickel, dem im Irak-Krieg in die Hoden gebissen wurde, ist der ideale Vertreter diese Spezies. Johnson macht sich über sie lustig, ironisiert ihre Aktivitäten und Ansichten, macht sich ebenso lustig über das gängige Politikergeschwafel und political correctness und zeigt die Schwachstellen der Systeme auf.

Andererseits stellt Boris Johnson den islamistischen Terror an den Pranger, attestiert ihm Blindheit und immer auch ein wenig Dummheit, stellt Fragen nach der religiösen Motivation. Bei allem Witz, bei aller Situationskomik wahrt der Autor jedoch den Respekt vor dem Islam.

Boris Johnson erzählt in einem atemlosen, rasanten Tempo. Genau drei Stunden und dreiunddreissig Minuten dauert das Romangeschehen, minutiös belegt von 7:52 Uhr bis 11:25 Uhr. Die Slapstick-Einlagen sind ebenso witzig wie die Dialoge. Johnsons an der Wirklichkeit orientierter Einfallsreichtum ist phänomenal. Und so macht das Buch einfach nur Spass und Freude.


Die Sendung Moses
Die Sendung Moses
Preis: EUR 0,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein früher Beitrag, 19. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Sendung Moses (Kindle Edition)
Friedrich Schillers Essay über die "Sendung Moses" ist ein hochinteressante Arbeit und eine hervorragende Vorarbeit für den "Mann Moses" von Siegmund Freud. Von da aus wieder gibt es eine direkte Linie zu Jan Assmann. So kann die "Sendung Moses" als frùher Beitrag zum interkonfessionellen Dialog gelesen werden.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 9, 2012 6:02 PM MEST


Als ich im Sterben lag
Als ich im Sterben lag
von William Faulkner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leichenzug durch Yoknapatawpha County, 6. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: Als ich im Sterben lag (Gebundene Ausgabe)
"Als ich im Sterben lag" - William Faulkner, Schriftsteller, Literatur-Nobelpreisträger (1949), Alkoholiker, hielt seinen 1930 geschriebenen Roman für sein bestes Werk. Und wir, seine Leser, sind geneigt, ihm zuzustimmen. Der Roman ist ein nicht ganz einfaches Buch, aber ein geniales. Und ein in jeder Hisicht modernes. Erschienen rechtzeitig zum 50. Todestag dieses einzigartigen Autors.

Faulkner, einer der größten amerikanischen Autoren, erzählt von Addie Bundren, einer armen Farmersfrau, die stirbt, was sie eigentlich ganz gelassen hinnimmt. "Ich erinnere mich, dass mein Vater immer sagte, der Sinn des Lebens sei, sich bereit zu machen für ein langes Totsein", heißt es in einem eindrucksvollen Monolog der Sterbenden. Addie reflektiert über ihr armseliges Leben und kommt zu bemerkenswerten Erkenntnissen. "Und dass Sünde und Liebe und Furcht nur Geräusche sind, welche die Menschen, die nie sündigten oder liebten oder fürchteten, anstelle dessen besitzen, was sie nie hatten oder nie haben werden, ehe sie nicht die Wörter vergessen."

Diese Frau ist eine der beeindruckendsten Figuren im großen Werk des großen William Faulkner. Der Autor wurde er am 25. September 1897 in New Albany, Mississippi, am 6. Juli 1962, vor 50 Jahre, ist er in Byhalia, Mississippi, gestorben. Nach der Tätigkeit als Bankangestellter, Mitarbeiter in einem Waffengeschäft und als Soldat wurde er Buchhändler und schließlich Leiter einer Poststelle. Angeregt durch die Bekanntschaft mit Sherwood Anderson begann der junge Faulkner in den 20-iger Jahren zu schreiben.

Thema war und sollte es bleiben: seine ländliche Heimat, der amerikanische Süden, das fiktive Yoknapatawpha County, das auch der Schauplatz des Romans "Als ich im Sterben lag" ist. In 59 Kapiteln erzählen 15 Personen, Addie selbst, ihr Mann Anse, Angehörige, Nachbarn und die fünf Kinder vom Sterben und vor allem von der Beerdigung. Hatte sich doch Addie Bundren gewünscht, in Jefferson begraben zu werden, im Grab ihrer Eltern. Sie war zu Lebzeiten bestimmend, beherrschend für diese Familie - und sollte es über den Tod hinaus bleiben.

Das "Vermächtnis" der Addie Bundren hat Folgen, als wolle sie der Familie auch nach dem Tode noch das Fürchten lehren. Diese Begräbnis und vor allem die mehrere Tage dauernde Reise und der Leichenzug nach Jefferson werden zu einer Höllenfahrt, zu einer Reise mit Hindernissen, zu einer Groteske. "Ich hatte von vornherein die Absicht, eine Tour de Force zu schreiben. Bevor ich überhaupt die Feder ansetzte und das erste Wort schrieb, wusste ich, wo ich den letzten Punkt setzen würde. Bevor ich anfing, sagte ich mir, ich will ein Buch machen, mit dem ich stehe oder falle, und wenn ich nie wieder Tinte anrühren soll."

William Faulkner fiel nicht. Und so reist die tote Addie Bundren auf einem wackligen Maultierkarren in die Ewigkeit. Mittlerweile beginnt die Leiche zu stinken, der gerade mal so zusammengezimmerte Sarg ist sehr instabil, das Gespann, auf dem die Leiche transportiert wird, geht irgendwie verloren. Hochwasser bringt eine Brücke zum Einsturz. Der einfältige Sohn Cash bricht sich ein Bein, das mit Zement 'geschient' wird; Sohn Darl wird zum Brandstifter, Tochter Dewey Dell verliert das Geld für eine Abtreibung, Jewel, der cholerischen Pferdenarr, ist mit von der Partie und der Jüngste, Vardaman. Und Asne, Addies Mann, der neue Zähne braucht und eine neue Frau. Was für eine Familie - und welch eine tragikomische Geschichte.

Dieser vielstimmige, äußerst kunstvoll konstruierte Romans, in dem jede einzelne Stimme ihre eigene Bedeutung hat, die sich als charakteristisch zeigt und doch wie in einen Chorus einfügt, ist ein Art Vexierbild und - wenn man so will. ein Totentanz.

Auch William Faulkners Leben war so eine verrückte, eine abenteuerliche Reise. Er hat getrunken (von einer Flasche Whisky täglich ist die Rede), allerdings nicht während der Schaffensphasen, er hatte Äffären, reiste durch Europa und Südamerika - und schrieb. Romane wie "Schall und Wahn" (1929); "Die Freistatt" (1931) und "Licht im August" (1932), um nur einige der neunzehn zu nennen. Dazu etwa hundert wunderbare Erzählungen.

Es waren die Südstaaten, die er als große "Südstaaten-Saga" exemplarisch gestaltete. Er formulierte literarisch die Rassenprobleme, die Unterschiede zwischen arm und reich in der Gesellschaft des Südens, den verlorenen Bürgerkrieg und seine Folgen. William Faulkner hat einst davon geträumt, "etwas zu vollbringen...etwas Kühnes, Tragisches, Strenges". Am Ende konnte er resümieren: "Ich stelle mir die Welt, die ich geschaffen habe, gern als eine Art Schlußstein im Universum vor; als ein Schlußstein, den... man nicht entfernen kann, ohne daß das Universum einstürzt...'. Es ist ihm gelungen.

"Gestürzt" allerdings ist auch Willam Faulkner - und zwar vom Pferd, bei einem Ausritt. An den Folgen, oder war es ein Herzinfarkt?, starb der Dichter am 6. Juli 1962.

Gestorben ist auch Addie Bundren in dem wundervollen Roman "Als ich im Sterben lag", der jetzt in einer neuen, außerordentlich schönen Übersetzung von Maria Carlsson vorliegt. Und so lebt auch sie - wie ihr Autor - weiter in jedem Leser, der dieses Buch aufschlägt.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 8, 2012 10:42 PM MEST


Das Seil: Roman
Das Seil: Roman
von Stefan aus dem Siepen
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Koste es, was es wolle, 2. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: Das Seil: Roman (Taschenbuch)
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Es ist hat etwas Bedrohliches, dieses harmlose Seil, das am Waldrand liegt und den Dorfbewohnern mehr als rätselhaft vorkommt. Und geheimnisvoll für das ganze Dorf, für diesen etwas archaisch anmutende Mikrokosmos, diese scheinbare Idylle. Das Seil stellt einen 'Einbruch' in diese Idylle dar, der die kleine Welt und ihre Menschen grundlegend verändert wird.

Die Dorfgemeinschaft lebt ein Leben im "schönen Wahn der Beständigkeit", wie später die Waldgänger auch auf ihre Weise. Man liebt und zeugt Kinder,die Ernten müssen eingebracht werden, das Leben ist zwar hart, aber auf seine Art erträglich.

Und dann das Seil. Nachdem festgestellt wurde, dass es keinem im Dorf gehörte, wurden die Männer neugierig, was es mit dem Seil wohl auf sich habe ' und vor allem, wohin es führe. Eine kleine Gruppe folgt dem Seil. "Bernhardt ging auf die Bäume zu. Das Seil zog sich, soweit er sehen konnte, in gerader Linie in den Wald hinein." Die Gruppe kehrt aber nach kurzer Zeit zurück. Einer der Männer ist verletzt. Wohin das Seil führt, zu welchem Zweck es da liegt, bleibt offen.

Aus Neugier wird eine Art Gier. Abenteuerlust und Gier nach dem Wissen, wohin das Seil führt. Es ist ein Sog, den das so harmlose Seil ausübt. Und so ist es irgendwann soweit, dass sich alle Männer des Dorfes auf den Weg machen. Nur einer bleibt bei den Frauen und Kindern zurück.

Schon kurz nach dem Aufbruch hinein in den Wald, ins Ungewisse, entlang des Seils haben sie 'das Gefühl, nicht mehr umkehren zu dürfen' Ein sturer Ehrgeiz trieb sie, die Wanderung, auf die sie sich eingelassen hatten, bis zum Ende zu gehen, koste es was es wolle'. Nein, zurückkehren ging nicht, ohne das Geheimnis des Seils ergründet zu haben. Und es kostete viel.

Stefan aus dem Siepen beschreibt in fast lakonischem Ton, in sparsamen Sätzen überzeugend eine Parabel vom Kollektivzwang, einer Art Massenhypnose, von Sucht und Hörigkeit ' wie sie sich sowohl in der Gruppe als auch beim Einzelnen dokumentiert. Es ist ein bizzares Abenteuer, auf das sich die Männer eingelassen haben ' mit Folgen für sich selbst, aber auch für das verwaiste Dorf, für die zurückgebliebenen Frauen, für die Ernten, für die gesamte Existenz.

Auch der Leser erliegt sehr bald dem Sog dieser Erzählung, dem Sog des Seils. Fasziniert folgt er den Männern, erlebt er das Unbegreifliche. Er sieht zu, wie die Otrdnung der Gruppe sich nach und nach im Chaotischen verliert, wie ihr Leben aus den Fugen gerät. Beschwernisse, Hunger, Verzweiflung und Tod sind die Begleiter entlang des Seils. Und wie ein einzelner ' wie Rauk mit dem Klumpfuß, mit dem man Teuflisches assoziiert ' die Gruppe führt und verführt durch den Sirenengesang seiner Flöte ähnlich dem Rattenfänger von Hameln.
Das Ende beleibt offen, Die Gruppe kehrt zwar unter größten Strapazen ins verlassene Dorf zurück. Doch das Ende des Seils wurde nicht erreicht, das Geheimnis bleibt .Es liegt in der Konzeption diese Geschichte, dass es keine Lösung gibt. Weil es eben auch in der Realität immer wieder das Unbegreifliche gibt, Fragen ohne Antworten.

Ein wunderbarer Roman und ein Autior, dessen Namen man sich merken sollte.
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Schiffbrüche: Wahre Geschichten (Französische Bibliothek)
Schiffbrüche: Wahre Geschichten (Französische Bibliothek)
von Alexandre Dumas
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wahrheit, die jeweils einer Gefahr entspringt", 30. Juni 2012
Wer sich vergangener Zeiten erinnert und der aufregenden Lektüre von Romanen wie "Die drei Musketiere" oder "Der Graf von Monte Christo", wer mit dem Namen Alexandre Dumas (1802-1870) spannende Abenteuergeschichten verbindet, der wird gern zu den unglaublichen Berichten greifen, die der Autor seinerzeit aus Logbüchern oder den Aufzeichnungen von Überlebenden zusammengetragen hat und die jetzt unter dem Titel "Schiffbrüche. Wahre Geschichten" erstmals auf Deutsch in einer sehr schönen Ausgabe erschienen sind.

Von der christlichen Seefahrt im 17., 18. und 19. Jahrhundert handeln diese Erzählungen, die der Autor nicht erfunden hat. Stattdessen griff Dumas auf erlebte und kolportierte Geschichten von legendären Schiffbrüchen zurück und anverwandelte sie dann in eigene literarische Meisterstücke. Dabei zieht er alle Register der Spannungsliteratur.

Es ist vor allem der Kampf gegen Naturgewalten und mit Gott, denen sich Kapitäne und Besatzungen auf hoher See ausgeliefert sehen - bis an die existenziellen Grenzen und darüber hinaus. Die Geschichte der christlichen Seefahrt, der großen Entdeckungsreisen bieten unendlich viele Beispiele dafür. Vier davon hat Alexandre Dumas aufgegriffen.

"Gegen Ende des Monats Mai 1619 fuhren drei holländische Schiffe", unter anderen "die Neu-Hoorn unter Kapitän Bontekoe - nachdem sie das Kap der Guten Hoffnung ohne aufzulaufen umsegelt hatten, bei herrlichem Wetter an der Terra do Natal entlang".

Was aus diesem nüchternen Anfang werden sollte, ist die Geschichte des Kapitäns Bontekoe. Bontekoe steht in der Tradition seiner berühmten Vorgänger, die sich aus Abenteuerlust, aus Wissendurst,Geltungsbedürfnis und aus politisch-expansiven Gründen auf große Fahrt begeben haben. Das gilt auch für seine Kollegen, denen die drei anderen Erzählungen gewidmet sind: Kapitän Marion, Kapitän Bremner, der mit der "Juno" unterwegs ist, und Kapitän Henry Cobb ist mit der "Kent" auf dem Wege nach Bengalen und China.

Mit Seemannsgarn wird nicht gespart, wenn vom Wind und alles verschlingenden Wellen, von Klippen und gefährlichen Riffs die Rede ist. Masten brechen, Feuer bricht aus, Lecks enstehen. Begegnungen mit Eingeborenen bergen große Gefahren - es wird erdrosselt, erschlagen, erschossen. Menschenfresserei inbegriffen. Den Besatzungen drohen körperliche Versehrtheit und seelische Verletzungen, Hunger und Krankheit, Verzweiflung und Tod. Und es werden in der Tat tausend Tode auf See gestorben. Davon und von vielen Beispielen von Schicksalsergebenheit und unerschütterlichem Glauben, von Angst und Auflehnung lesen wir mit angehaltenem Atem.

"Wenn der Mensch einen gewissen Grad von Wahnsinn erreicht hat, ist ihm nichts mehr begreiflich zu machen; seine Instinkte werden die eines Raubtieres, und man muss sich darauf gefasst machen, sich gegen ihn verteidigen zu müssen wie man sich gegen ein beliebiges wildes Tier verteidigen würde'. Ein Satz, in den Erzählungen unter Beweis gestellt - und ewig gültig. Wie auch dessen Gegenteil.

Starke Charaktere, mutige Männer und zarte Frauen, Schwächlingen und Feiglinge, grausame Eingeborene, mordende Matrosen und Wahnsinnige ' das Personal dieser Erzählungen ist so vielfältig wie es die Ereignisse und Begebenheiten sind. Menschen, die sich Naturgewalten, menschlichen Schwächen, den Gefahren der See und den Launen des Himmels ausgesetzt sehen, geraten ständig in Grenzsituationen, mit denen sie fertig werden müssen oder an denen sie scheitern. Alles ist Prüfung und ist Schicksal, das man hinnimmt oder gegen das man sich wehrt, zu welchem Ende es auch führen mag. Es sind auch im übertragenen Sinne "Schiffbrüche".

Alexandre Dumas hat mit diesem Buch ein bedeutendes Stück zur Welt(meer)literatur beigetragen. Er hat von der "Wahrheit, die jeweils einer Gefahr entspringt" geschrieben. Und er hat es verstanden, diese "Wahrheit" stilistisch elegant, effektvoll und dramatisch an den Leser zu bringen. Ein kenntnisreiches Nachwort von Nicola Denis (Alexandre Dumas und das Meer), der auch für die wunderbare Übersetzung verantwortlich zeichnet, trägt bei zum Verständnis der Zusammenhänge. Und der Schriftsteller Volker Harry Altwasser mit einem klugen Essay ebenfalls.
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