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Günter Nawe "Herodot" (Köln)
(TOP 500 REZENSENT)   

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Die Sendung Moses
Die Sendung Moses
Preis: EUR 0,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein früher Beitrag, 19. Juli 2012
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Rezension bezieht sich auf: Die Sendung Moses (Kindle Edition)
Friedrich Schillers Essay über die "Sendung Moses" ist ein hochinteressante Arbeit und eine hervorragende Vorarbeit für den "Mann Moses" von Siegmund Freud. Von da aus wieder gibt es eine direkte Linie zu Jan Assmann. So kann die "Sendung Moses" als frùher Beitrag zum interkonfessionellen Dialog gelesen werden.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 9, 2012 6:02 PM MEST


Als ich im Sterben lag
Als ich im Sterben lag
von William Faulkner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leichenzug durch Yoknapatawpha County, 6. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: Als ich im Sterben lag (Gebundene Ausgabe)
"Als ich im Sterben lag" - William Faulkner, Schriftsteller, Literatur-Nobelpreisträger (1949), Alkoholiker, hielt seinen 1930 geschriebenen Roman für sein bestes Werk. Und wir, seine Leser, sind geneigt, ihm zuzustimmen. Der Roman ist ein nicht ganz einfaches Buch, aber ein geniales. Und ein in jeder Hisicht modernes. Erschienen rechtzeitig zum 50. Todestag dieses einzigartigen Autors.

Faulkner, einer der größten amerikanischen Autoren, erzählt von Addie Bundren, einer armen Farmersfrau, die stirbt, was sie eigentlich ganz gelassen hinnimmt. "Ich erinnere mich, dass mein Vater immer sagte, der Sinn des Lebens sei, sich bereit zu machen für ein langes Totsein", heißt es in einem eindrucksvollen Monolog der Sterbenden. Addie reflektiert über ihr armseliges Leben und kommt zu bemerkenswerten Erkenntnissen. "Und dass Sünde und Liebe und Furcht nur Geräusche sind, welche die Menschen, die nie sündigten oder liebten oder fürchteten, anstelle dessen besitzen, was sie nie hatten oder nie haben werden, ehe sie nicht die Wörter vergessen."

Diese Frau ist eine der beeindruckendsten Figuren im großen Werk des großen William Faulkner. Der Autor wurde er am 25. September 1897 in New Albany, Mississippi, am 6. Juli 1962, vor 50 Jahre, ist er in Byhalia, Mississippi, gestorben. Nach der Tätigkeit als Bankangestellter, Mitarbeiter in einem Waffengeschäft und als Soldat wurde er Buchhändler und schließlich Leiter einer Poststelle. Angeregt durch die Bekanntschaft mit Sherwood Anderson begann der junge Faulkner in den 20-iger Jahren zu schreiben.

Thema war und sollte es bleiben: seine ländliche Heimat, der amerikanische Süden, das fiktive Yoknapatawpha County, das auch der Schauplatz des Romans "Als ich im Sterben lag" ist. In 59 Kapiteln erzählen 15 Personen, Addie selbst, ihr Mann Anse, Angehörige, Nachbarn und die fünf Kinder vom Sterben und vor allem von der Beerdigung. Hatte sich doch Addie Bundren gewünscht, in Jefferson begraben zu werden, im Grab ihrer Eltern. Sie war zu Lebzeiten bestimmend, beherrschend für diese Familie - und sollte es über den Tod hinaus bleiben.

Das "Vermächtnis" der Addie Bundren hat Folgen, als wolle sie der Familie auch nach dem Tode noch das Fürchten lehren. Diese Begräbnis und vor allem die mehrere Tage dauernde Reise und der Leichenzug nach Jefferson werden zu einer Höllenfahrt, zu einer Reise mit Hindernissen, zu einer Groteske. "Ich hatte von vornherein die Absicht, eine Tour de Force zu schreiben. Bevor ich überhaupt die Feder ansetzte und das erste Wort schrieb, wusste ich, wo ich den letzten Punkt setzen würde. Bevor ich anfing, sagte ich mir, ich will ein Buch machen, mit dem ich stehe oder falle, und wenn ich nie wieder Tinte anrühren soll."

William Faulkner fiel nicht. Und so reist die tote Addie Bundren auf einem wackligen Maultierkarren in die Ewigkeit. Mittlerweile beginnt die Leiche zu stinken, der gerade mal so zusammengezimmerte Sarg ist sehr instabil, das Gespann, auf dem die Leiche transportiert wird, geht irgendwie verloren. Hochwasser bringt eine Brücke zum Einsturz. Der einfältige Sohn Cash bricht sich ein Bein, das mit Zement 'geschient' wird; Sohn Darl wird zum Brandstifter, Tochter Dewey Dell verliert das Geld für eine Abtreibung, Jewel, der cholerischen Pferdenarr, ist mit von der Partie und der Jüngste, Vardaman. Und Asne, Addies Mann, der neue Zähne braucht und eine neue Frau. Was für eine Familie - und welch eine tragikomische Geschichte.

Dieser vielstimmige, äußerst kunstvoll konstruierte Romans, in dem jede einzelne Stimme ihre eigene Bedeutung hat, die sich als charakteristisch zeigt und doch wie in einen Chorus einfügt, ist ein Art Vexierbild und - wenn man so will. ein Totentanz.

Auch William Faulkners Leben war so eine verrückte, eine abenteuerliche Reise. Er hat getrunken (von einer Flasche Whisky täglich ist die Rede), allerdings nicht während der Schaffensphasen, er hatte Äffären, reiste durch Europa und Südamerika - und schrieb. Romane wie "Schall und Wahn" (1929); "Die Freistatt" (1931) und "Licht im August" (1932), um nur einige der neunzehn zu nennen. Dazu etwa hundert wunderbare Erzählungen.

Es waren die Südstaaten, die er als große "Südstaaten-Saga" exemplarisch gestaltete. Er formulierte literarisch die Rassenprobleme, die Unterschiede zwischen arm und reich in der Gesellschaft des Südens, den verlorenen Bürgerkrieg und seine Folgen. William Faulkner hat einst davon geträumt, "etwas zu vollbringen...etwas Kühnes, Tragisches, Strenges". Am Ende konnte er resümieren: "Ich stelle mir die Welt, die ich geschaffen habe, gern als eine Art Schlußstein im Universum vor; als ein Schlußstein, den... man nicht entfernen kann, ohne daß das Universum einstürzt...'. Es ist ihm gelungen.

"Gestürzt" allerdings ist auch Willam Faulkner - und zwar vom Pferd, bei einem Ausritt. An den Folgen, oder war es ein Herzinfarkt?, starb der Dichter am 6. Juli 1962.

Gestorben ist auch Addie Bundren in dem wundervollen Roman "Als ich im Sterben lag", der jetzt in einer neuen, außerordentlich schönen Übersetzung von Maria Carlsson vorliegt. Und so lebt auch sie - wie ihr Autor - weiter in jedem Leser, der dieses Buch aufschlägt.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 8, 2012 10:42 PM MEST


Das Seil: Roman
Das Seil: Roman
von Stefan aus dem Siepen
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Koste es, was es wolle, 2. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: Das Seil: Roman (Taschenbuch)
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Es ist hat etwas Bedrohliches, dieses harmlose Seil, das am Waldrand liegt und den Dorfbewohnern mehr als rätselhaft vorkommt. Und geheimnisvoll für das ganze Dorf, für diesen etwas archaisch anmutende Mikrokosmos, diese scheinbare Idylle. Das Seil stellt einen 'Einbruch' in diese Idylle dar, der die kleine Welt und ihre Menschen grundlegend verändert wird.

Die Dorfgemeinschaft lebt ein Leben im "schönen Wahn der Beständigkeit", wie später die Waldgänger auch auf ihre Weise. Man liebt und zeugt Kinder,die Ernten müssen eingebracht werden, das Leben ist zwar hart, aber auf seine Art erträglich.

Und dann das Seil. Nachdem festgestellt wurde, dass es keinem im Dorf gehörte, wurden die Männer neugierig, was es mit dem Seil wohl auf sich habe ' und vor allem, wohin es führe. Eine kleine Gruppe folgt dem Seil. "Bernhardt ging auf die Bäume zu. Das Seil zog sich, soweit er sehen konnte, in gerader Linie in den Wald hinein." Die Gruppe kehrt aber nach kurzer Zeit zurück. Einer der Männer ist verletzt. Wohin das Seil führt, zu welchem Zweck es da liegt, bleibt offen.

Aus Neugier wird eine Art Gier. Abenteuerlust und Gier nach dem Wissen, wohin das Seil führt. Es ist ein Sog, den das so harmlose Seil ausübt. Und so ist es irgendwann soweit, dass sich alle Männer des Dorfes auf den Weg machen. Nur einer bleibt bei den Frauen und Kindern zurück.

Schon kurz nach dem Aufbruch hinein in den Wald, ins Ungewisse, entlang des Seils haben sie 'das Gefühl, nicht mehr umkehren zu dürfen' Ein sturer Ehrgeiz trieb sie, die Wanderung, auf die sie sich eingelassen hatten, bis zum Ende zu gehen, koste es was es wolle'. Nein, zurückkehren ging nicht, ohne das Geheimnis des Seils ergründet zu haben. Und es kostete viel.

Stefan aus dem Siepen beschreibt in fast lakonischem Ton, in sparsamen Sätzen überzeugend eine Parabel vom Kollektivzwang, einer Art Massenhypnose, von Sucht und Hörigkeit ' wie sie sich sowohl in der Gruppe als auch beim Einzelnen dokumentiert. Es ist ein bizzares Abenteuer, auf das sich die Männer eingelassen haben ' mit Folgen für sich selbst, aber auch für das verwaiste Dorf, für die zurückgebliebenen Frauen, für die Ernten, für die gesamte Existenz.

Auch der Leser erliegt sehr bald dem Sog dieser Erzählung, dem Sog des Seils. Fasziniert folgt er den Männern, erlebt er das Unbegreifliche. Er sieht zu, wie die Otrdnung der Gruppe sich nach und nach im Chaotischen verliert, wie ihr Leben aus den Fugen gerät. Beschwernisse, Hunger, Verzweiflung und Tod sind die Begleiter entlang des Seils. Und wie ein einzelner ' wie Rauk mit dem Klumpfuß, mit dem man Teuflisches assoziiert ' die Gruppe führt und verführt durch den Sirenengesang seiner Flöte ähnlich dem Rattenfänger von Hameln.
Das Ende beleibt offen, Die Gruppe kehrt zwar unter größten Strapazen ins verlassene Dorf zurück. Doch das Ende des Seils wurde nicht erreicht, das Geheimnis bleibt .Es liegt in der Konzeption diese Geschichte, dass es keine Lösung gibt. Weil es eben auch in der Realität immer wieder das Unbegreifliche gibt, Fragen ohne Antworten.

Ein wunderbarer Roman und ein Autior, dessen Namen man sich merken sollte.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 7, 2012 6:00 PM MEST


Schiffbrüche: Wahre Geschichten
Schiffbrüche: Wahre Geschichten
von Alexandre Dumas
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wahrheit, die jeweils einer Gefahr entspringt", 30. Juni 2012
Wer sich vergangener Zeiten erinnert und der aufregenden Lektüre von Romanen wie "Die drei Musketiere" oder "Der Graf von Monte Christo", wer mit dem Namen Alexandre Dumas (1802-1870) spannende Abenteuergeschichten verbindet, der wird gern zu den unglaublichen Berichten greifen, die der Autor seinerzeit aus Logbüchern oder den Aufzeichnungen von Überlebenden zusammengetragen hat und die jetzt unter dem Titel "Schiffbrüche. Wahre Geschichten" erstmals auf Deutsch in einer sehr schönen Ausgabe erschienen sind.

Von der christlichen Seefahrt im 17., 18. und 19. Jahrhundert handeln diese Erzählungen, die der Autor nicht erfunden hat. Stattdessen griff Dumas auf erlebte und kolportierte Geschichten von legendären Schiffbrüchen zurück und anverwandelte sie dann in eigene literarische Meisterstücke. Dabei zieht er alle Register der Spannungsliteratur.

Es ist vor allem der Kampf gegen Naturgewalten und mit Gott, denen sich Kapitäne und Besatzungen auf hoher See ausgeliefert sehen - bis an die existenziellen Grenzen und darüber hinaus. Die Geschichte der christlichen Seefahrt, der großen Entdeckungsreisen bieten unendlich viele Beispiele dafür. Vier davon hat Alexandre Dumas aufgegriffen.

"Gegen Ende des Monats Mai 1619 fuhren drei holländische Schiffe", unter anderen "die Neu-Hoorn unter Kapitän Bontekoe - nachdem sie das Kap der Guten Hoffnung ohne aufzulaufen umsegelt hatten, bei herrlichem Wetter an der Terra do Natal entlang".

Was aus diesem nüchternen Anfang werden sollte, ist die Geschichte des Kapitäns Bontekoe. Bontekoe steht in der Tradition seiner berühmten Vorgänger, die sich aus Abenteuerlust, aus Wissendurst,Geltungsbedürfnis und aus politisch-expansiven Gründen auf große Fahrt begeben haben. Das gilt auch für seine Kollegen, denen die drei anderen Erzählungen gewidmet sind: Kapitän Marion, Kapitän Bremner, der mit der "Juno" unterwegs ist, und Kapitän Henry Cobb ist mit der "Kent" auf dem Wege nach Bengalen und China.

Mit Seemannsgarn wird nicht gespart, wenn vom Wind und alles verschlingenden Wellen, von Klippen und gefährlichen Riffs die Rede ist. Masten brechen, Feuer bricht aus, Lecks enstehen. Begegnungen mit Eingeborenen bergen große Gefahren - es wird erdrosselt, erschlagen, erschossen. Menschenfresserei inbegriffen. Den Besatzungen drohen körperliche Versehrtheit und seelische Verletzungen, Hunger und Krankheit, Verzweiflung und Tod. Und es werden in der Tat tausend Tode auf See gestorben. Davon und von vielen Beispielen von Schicksalsergebenheit und unerschütterlichem Glauben, von Angst und Auflehnung lesen wir mit angehaltenem Atem.

"Wenn der Mensch einen gewissen Grad von Wahnsinn erreicht hat, ist ihm nichts mehr begreiflich zu machen; seine Instinkte werden die eines Raubtieres, und man muss sich darauf gefasst machen, sich gegen ihn verteidigen zu müssen wie man sich gegen ein beliebiges wildes Tier verteidigen würde'. Ein Satz, in den Erzählungen unter Beweis gestellt - und ewig gültig. Wie auch dessen Gegenteil.

Starke Charaktere, mutige Männer und zarte Frauen, Schwächlingen und Feiglinge, grausame Eingeborene, mordende Matrosen und Wahnsinnige ' das Personal dieser Erzählungen ist so vielfältig wie es die Ereignisse und Begebenheiten sind. Menschen, die sich Naturgewalten, menschlichen Schwächen, den Gefahren der See und den Launen des Himmels ausgesetzt sehen, geraten ständig in Grenzsituationen, mit denen sie fertig werden müssen oder an denen sie scheitern. Alles ist Prüfung und ist Schicksal, das man hinnimmt oder gegen das man sich wehrt, zu welchem Ende es auch führen mag. Es sind auch im übertragenen Sinne "Schiffbrüche".

Alexandre Dumas hat mit diesem Buch ein bedeutendes Stück zur Welt(meer)literatur beigetragen. Er hat von der "Wahrheit, die jeweils einer Gefahr entspringt" geschrieben. Und er hat es verstanden, diese "Wahrheit" stilistisch elegant, effektvoll und dramatisch an den Leser zu bringen. Ein kenntnisreiches Nachwort von Nicola Denis (Alexandre Dumas und das Meer), der auch für die wunderbare Übersetzung verantwortlich zeichnet, trägt bei zum Verständnis der Zusammenhänge. Und der Schriftsteller Volker Harry Altwasser mit einem klugen Essay ebenfalls.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 9, 2012 1:33 PM MEST


Ein Porträt des Künstlers als junger Mann: Roman
Ein Porträt des Künstlers als junger Mann: Roman
von James Joyce
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ich will nicht dem dienen..." - Der jungen Stephen Dedalus, 5. Juni 2012
Sein besonderes Verhältnis zu James Joyce hat Friedhelm Rathjen 2004 mit einer großartigen Monografie über den irischen Dichter bezeugt. Bereits damals glänzte er durch die kongenialen Übersetzungen von Passagen aus dem schwierigen und komplexen Werk des James Joyce.

Es ist die Fähigkeit des Übersetzers, Literaturwissenschaftlers und Autors Rathjen, sich auf den Sprachstil des James Joyce brillant einzustellen. Auch sein tiefes Verständnis für das Werk ermöglicht es ihm, Übersetzungen anzufertigen, die stilistisch und inhaltlich dem Original weitestgehend entsprechen. Ein Beispiel auch James Joyce "Geschichten von Shem und Shaun", drei Geschichten aus "Finnigans Wake", die Friedhelm Rathjen übersetzt hat und die gerade erschienen sind. Als glänzender Übersetzer erwies sich Rathjen ebenfalls von Werken anderer Autoren wie Herman Melville, Robert Louis Stevenson und Mark Twain.

Jetzt also James Joyce und dessen Roman "Das Porträt eines Künstlers als junger Mann", von Friedhelm Rathjen auf Grundlage der von Hans Walter Gabler edierten textkritischen Garland-Ausgabe von 1993 übersetzt.

Dieser Roman ist 1916 erschienen und markiert den Beginn der literarischen Moderne. Joyce beschreibt in diesem außergewöhnlichen Bildungs- und Entwicklungsroman auf faszinierende Weise den Werdegang des jungen Stephen Dedalus. Und er erzählt ihn aus der Perspektive des jungen Helden, ohne dass der autobiografische Hintergrund des James Joyce übersehen werden kann.

Als junger Mann ist Stephen Dedalus den Einflüssen und Einreden der Erwachsenen, des Vaters, der Lehrer und Priester ausgeliefert. Er durchläuft einen schmerzhaften Prozess der Bewusstseinsbildung, geprägt von existenziellen Ängsten und Schuldgefühlen. Er erleidet die Wirnisse und Verstrickungen der Pubertät und Sexualität, erlebt eine repressive katholische, jesuitische Erziehung und wird mit den innenpolitischen Problemen Irlands konfrontiert.

"Ich will nicht dem dienen, woran ich ich nicht länger glaube, nenne es sich nun mein Zuhause, mein Vaterland, meine Kirche." Am Ende wird er Stephen Dedalus den Weg in die Freiheit, in seine Freíheit gefunden haben - dank seines Mutes, seines Eigensinns, kritischer Fähigkeit und Rafinesse. Er wird seine Heimat Irland - wie James Joyce auch - verlassen und sich in Zukunft der Kunst widmen.

Mit diesem Roman hat James Joyce in vielerlei Hinischt sein großes Werk, den "Ulysses" vorbereitet. Zum ersten Mal kommt im "Porträt" der "Bewusstseinstrom" (stream of consciousness), diese Radikalisierung des inneren Monologs, zur Anwendung. Ein stilistisches Mittel, das Schule machen sollte. Es verleiht dem Roman ein hohes Maß an Authentizität, an Tiefe und Unmittelbarkeit.

Dies kommt auf hervorragende Weise in der Übersetzung des vorliegenden Romans zum Ausdruck. Leser, die den Roman bereits in früheren Übersetzungen (Goyert und Reichert) gelesen haben, werden durch die Rathjen-Übersetzung dieses Buch ganz neu lesen: so frisch, so modern und aufregend ist die Lektüre. Nicht überlesen werden sollte auch das informative und kenntnisreiche Nachwort von Marcel Beyer.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 8, 2012 10:48 PM MEST


Vor ihren Augen sahen sie Gott. Roman
Vor ihren Augen sahen sie Gott. Roman
von Zora Neale Hurston
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Der Traum ist Wahrheit", 31. Mai 2012
"Am Anfang hier war nun eine Frau, und heimgekehrt war sie vom Begraben der Toten. Nicht dahingesiecht und entschlafen waren diese Toten, Freunde zu Häupten und zu den Füßen. Sie war heimgekehrt von den aufgedunsenen Wasserleichen, überrumpelt vom Tod, die richtenden Augen weit aufgerissen."
Damit sind wir schon fast am Ende eines Buches, das man gut und gern als eine außerordentliche Trouvaille bezeichnen kann. Geschrieben hat dieses Buch Zora Neale Hurston (1891-1960), Afro-Amerikanerin aus Alabama und eine Schriftstellerin, die sich erfolgreich der afro-amerikanischen Literatur verschrieb. Sie schloss sich einer Bewegung schwarzer Künstler an, die als "Harlem Renaissance" in den 20er Jahren Aufsehen erregte. Sie sammelte Geschichten, Lieder und Volksbräuche der Schwarzen. Aus der ursprünglich wissenschaftlichen Beschäftigung der Ethnologin wurde irgendwann Literatur. 1937 erschien dann der Roman "Vor ihren Augen sahen sie Gott".
Danach gerieten Zora Neale Hurston und ihre Bücher in Vergessenheit. Erst Anfang der 70er Jahre wiederentdeckten Alice Walker und Toni Morrison, Literaturnobelpreisträgerin 1993, die Autorin, die sie als "eine der größten Schriftstellerinnen unserer Zeit" bezeichneten.
Ein Urteil, das mit der Neuausgabe dieses Romans bestätigt wird. Ein Roman, so authentisch wie kein anderer. Ein Roman wie ein Blues, wie ein Südstaaten-Blues. "Vor ihren Augen sahen sie Gott" ist, man lasse sich von dieser Genre-Bezeichnung nicht irritieren, ein Liebesroman der besondern Art. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, mit der es das Leben wahrlich nicht gut gemeint hat.
Die Protagonistin Janie erzählt ihre Geschichte selbst, sie erzählt sie in einer einzigen Nacht ihrer besten Freundin Pheoby. Und was für eine Geschichte: Sie spielt im Staate Florida, im Jahre 1928. Janies Schicksal ist eines der Schicksale von Schwarzen, die für diese Zeit exmplarisch waren. Janie ist arm, lebt in einer Gemeinschaft, in einer Gesellschaft, die die Last ihrer Hautfarbe tragen muss. Eine Gesellschaft, abgeschottet von der weißen Welt, mit einer Unmengen von Problemen behaftet, mit allen rassistischen Erfahrungen.
Janie dachte über all dies nach: über das Los der Schwarzen, über das Zusammensein mit ihren Nachbarn, über Freiheit und Armut, über das Leben und die Liebe und das Schicksal der Frauen. Grund genug, auch über sich selbst nachzudenken. Janie ist eine kluge Frau. Und so tut sie alles dafür, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben. Denn: "Frauen hingegen vergessen alles, was sie nicht behalten wollen, und behalten alles, was sie nicht vergessen wollen. Der Traum ist die Wahrheit. Dann gehen sie hin und handeln danach."
Der Traum ist die Wahrheit - und Janie handelt danach. Sie wollte ein anderes Leben. Auch als sie den viel jüngeren Tea Cake trifft. "Tea Cake war der Sohn der Abendsonne". Es war eine amour fou - ohne Rücksicht darauf, dass sie älter und erfahrener war und dieser Tea Cake ein etwas schwieriger Typ. Sie lieben sich - und dem ist alles untergeordnet. "Zora erfindet Tea Cake und schenkt ihn Janie, und weil seine Liebe so stark ist, dass er sie ganz nehmen kann, wird Janie zu sich selbst befreit und kann ihren Traum von Liebe gegen alle eigenen Bedenken und äußeren Angriffe wahrmachen." So Hans-Ulrich Möhring in seinem höchst informativen Nachwort
Plötzlich also hat das Leben für Janie einen neuen Sinn. Das bleibt nicht verborgen - und so zieht sie den Neid der Mitmenschen auf sich. "Was denkt die sich, hier in so Latzhosen anzukommen? Hat die kein Kleid, was sie anziehen kann? - Was denkt die sich, mit vierzig noch die Zotteln so lang wie'n junges Mädchen? - Wo hat sie den jungen Spund gelassen, mit dem sie hier abgezogen ist? - Wollte sie den nicht heiraten? .... Was bleibt sie auch nicht in ihrer Klasse?"
Alles scheint jedoch gut zu sein, zu werden. Janie hatte ihr Glück gefunden. Doch dann kam der große Hurrikan. So schlimm, dass sie "vor ihren Augen Gott" sahen. Tea Cake jedenfalls versuchte alles, um zu retten, was zu retten war. Vor allem Janie. Dabei verletzt er sich so schwer, dass er am Ende sterben wird. Janie aber wird ein neuer Mensch sein.
Von alldem erzählt Janie ihrer Freundin Pheoby, von all dem erzählt dieses Buch. Was Hurston groß macht, was dieses Buch groß macht, ist nicht, dass Zora Neale Hurston "ein Glied in der Kette schwarzer schreibender Frauen ist. Sie, die genauso gut Ausdruck findet für menschliche Verwundbarkeit wie für ihre Stärke, die poetisch ist ohne kitschig zu werden, die romantisch und zugleich scharfsichtig ist und so beredt wie nur wenige über Sex zu schreiben versteht ..." (Zadie Smith). Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.
Anzumerken ist auch dies: Dieses Buch ist hervorragend von Hans-Ulrich Möhring übersetzt. Er hat auf besondere Weise, auch dadurch, dass er Unübersetzbares unübersetzt gelassen hat, sprachlich den "Sound des Blues", einen sehr authentischen Ton getroffen. Zu Beginn des Buches heißt es: "Schiffe in der Ferne haben jedermanns Wunsch an Bord. Für manche treffen sie mit der Flut ein. Für andere fahren sie immer am Horizont dahin, nie außer Sicht, nie ein in den Hafen...". Für Hans Ulrich Möhring ist "mit dieser Übersetzung eines der am Horizont fahrenden Schiffe im Hafen eingelaufen".


Goethe in Neapel
Goethe in Neapel
von Dieter Richter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,90

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ein Glück, sich nach Neapel zu denken", 9. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Goethe in Neapel (Gebundene Ausgabe)
Neapel war mit Sicherheit kein vorrangiges Ziel, das Goethe auf seiner Italienreise 1786-1788 angesteuert haben mag. Und doch sollte der Aufenthalt von vier Monaten (1787) für ihn von großer Bedeutung werden. Von einer Bedeutung, die selbst Rom ein wenig in den Schatten stellen sollte.

Über die Italienreise ist viel geschrieben und spekuliert worden. Hatte sich doch der geheimrätliche Minister Hals über Kopf aus Weimar, aus der provinziellen thüringischen Enge, aus den Zwängen von Amt und Würden und nicht zuletzt den Banden der Liebe zu Charlotte von Stein verabschiedet. Italien war ohnehin sein Sehnsuchtsziel - und am Ende die "Italienische Reise" das Buch aller Italien-Bücher.

"Kennst Du das Land...", hat er in dem Mignon-Lied gesungen. Und nach ihm Millionen bildungshungriger Deutscher, die - oft auf seinen Spuren - eine solche Reise genmacht haben. Ihr Italienbild jedenfalls hat der Dichter entscheidend und nachhaltig geprägt.

Ein Stück weit ist ihm auch Dieter Richter gefolgt. Galt bisher Rom als Höhepunkt goethischer Italienerfahrung, hat Richter einen etwas anderen Eindruck - und vermittelt ihn in dem wunderbaren Essay "Goethe in Neapel". Der Neapel-Kenner Richter folgt den Spuren Goethes aus dem klassischen Rom mit seinen 160.000 Einwohnern in die eigentliche "Metropole" Neapel mit seinen 450.000 Einwohnern. Im Frühjahr 1787 war es, dass Goethe zusammen mit Tischbein reiste. Und es war beileibe nicht der bequemste Teíl der gesamten italienischen Reise.

Umso ergriffener und faszinierter war Goethe von dieser "unvergleichlichen Stadt, in der schönsten Gegend der Welt", die ihn Rom vergessen lässt. Es ist eine andere Welt, in die er eintritt. Es sind nicht die großen Kunstwerke an jeder Ecke, dafür gibt es Lastenträger und Fischer, Bootsleute und Frauen, die er trifft, denen seine Aufmerksamkeit gilt. Der Protestant ist etwas verwundert über die etwas eigenartige Religiosität der Neapolitaner. Er wohnt in einem einfachen Hotel, mitten in der Stadt, also mitten im südländischen, neapolitanischen Leben. Er genießt dieses Leben, er kann selbst dem dolce far niente etwas abgewinnen - staunend und sich immer wieder wundernd. Und: Er ist Goethe und heißt bei seinem Aufenthalt in Neapel auch so.

Goethe trifft natürlich auch die Größen der Stadt, wird - wie es Richter so schön formuliert -, von der "neapolitanischen Spaßgesellschaft" in Anspruch genommen. Er besucht die berühmte Antikensammlung des englischen Botschafter Sir William Hamilton, dem er allerdings nicht sehr zugetan ist. Er beschuldigt "den Diplomaten ausdrücklich der Entwendung zweier pompejanischer Kandelaber aus dem Museum in Portici" ' zu Recht, wie Dieter Richter kommentiert.

Natürlich war Goethe auf dem Vesuv, in Paestum und Pompeji. Und sehr genau rekonstruiert Richter auch die 'Erotica Napolitana', also Goethes Begegnung mit Philine und anderen Frauen.

Rundherum nicht nur literaturwissenschaftlich und philologisch eine interessante Arbeit, die Richter hier vorgelegt hat. Er lässt uns auf sehr unterhaltende Weise einen anderen "Goethe in Italien" sehen, den Dichter, Künstler und Menschen in Neapel, der in diesen vier Monaten natürlich er selbst geblieben ist und dennoch ein anderer Goethe war.

Für den Leser ist es 'ein Glück, sich nach Neapel zu denken' ' mit Goethe und mit Dieter Richter.


Sein Glück verdienen: Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen
Sein Glück verdienen: Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen
von Burkhard Spinnen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Am besten ... ohne Kostüm", 2. Mai 2012
Wer kennt sie nicht, die Frauen in den Romanen von Theodor Fontane - die Poggenpuhl-Damen Therese, Sophie und Manon; Effi Briest vor allem und Cécile, Stine und Lene und Frau Jenny Treibel und Mathilde Möhring. Generationen von Lesern haben mit ihnen gelitten, mit ihnen geweint, sich an ihnen gerieben und sich mit ihnen gefreut; Literaturwissenschaftler haben sich mit ihnen beschäftigt und Schüler müssen sich bis heute mit der Interpretation der Rolle von Effi Briest abquälen. Es gab und gibt einen Geschlechterdiskurs und immer wieder eine neue Diskussion über das Rollenverständnis der Frauen in den Romanen von Theodor Fontane.

Der Schriftsteller Burckhard Spinnen hat die Fontane-Romane wiedergelesen, neu gelesen, anders gelesen. Er hat die Charakteristik der Fontane-Frauen auf den Prüfstand gestellt bzw. - wie er es selbst nennt - eine "Probe ohne Kostüm" gemacht. Und siehe da: Spinnen überrascht den Leser mit einem ganz neuen, einem unverstellten und frischen Blick auf Effi und Mathilde, auf Cécile und Jenny und....

Er stellt Fragen nach den Beziehungen zwischen Mann und Frau generell und bei Fontane im Besonderen. Und er gibt moderne Antworten. Er stellt "Geschwisterpaare" zusammen - wie zum Beispiel Effi und Cécile - und zeigt uns "zwei junge Frauen, die gleichermaßen für eine Gesellschaft hergerichtet wurden, ohne dass sie auch den Hauch einer Chance gehabt hätten, an dieser Herrichtung aktiv Anteil zu nehmen' Überdies werden beide Frauen hergerichtet, schließlich hingerichtet, von ihrer eigene Mutter". Eine neue Lesart also!

Burkhard Spinnen befürchtet, dass die Fontaneschen Texte und ihre Figuren nur noch als "Illustrationen der Unerträglichkeiten einer glücklicherweise untergegangenen Epoche" gelesen werden. "Und das wäre fatal. Denn letzten Endes werden die Texte nur dann überleben, wenn wir sie nicht wegen, sondern trotz ihres Zeit-Kostüms lesen; und am besten lesen wir sie ohne Kostüm". Burkhard Spinnen stellt also die richtigen Fragen - und weiß die Antworten.

So bringt uns Burckhard Spinnen "Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen" auf sehr intelligente und einfühlsame Weise nahe. Dem leidenschaftlichen Fontane-Leser Spinnen gelingt es, dem Leser von heute die Frauen in Fontanes Romanen wieder lebendig werden zu lassen, indem er sie uns "ohne Kostüm" zeigt.

Seinen besonderen Reiz bekommt dieser wunderbare Band durch die kunstvollen Fotografien von Lorenz Kienzle. Ihm ist es gelungen, Orte ausfindig zu machen, die in direktem Zusammenhang mit den "Schauplätzen" in Theodor Fontanes Romanen stehen. Mit passenden Romanzitaten zusammen ergeben sich dabei unerwartete Einblicke.

So macht dieser außergewöhnliche Text-Bild-Band wieder einmal richtig Lust auf Fontane. Und was kann man Besseres von einem solchen Buch sagen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 8, 2012 10:54 PM MEST


Das Schweigen des Sammlers: Roman
Das Schweigen des Sammlers: Roman
von Jaume Cabré
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Von dem gleichen Dämon besessen", 25. April 2012
Die Vial, eine wertvolle Geige aus der Werkstatt des Cremonser Geigenbauers Storioni aus dem 18. Jahrhundert, übt eine seltsame Faszination auf den jungen Adrià Ardèvol aus. Dieser polyglotte, außerordentlich begabte Sohn eines Antiquitätenhändlers aus Barcelona und diese Geige mit ihrem bezaubernden Klang, an der allerdings Blut klebt, stehen im Mittelpunkt des neuen Romans des katalanischen Autors Jaume Cabré.

Diese Geige, die Adrià bald perfekt zu spielen versteht, ist auch der Grund für ein Tötungsdelikt, für einen geheimnisvollen Mord, dem Adriàs Vater Felix Ardèvol i Bosch zum Opfer fällt. Für dieses Verbrechen macht sich der Junge selbst verantwortlich. Hat er doch die wertvolle Storioni, die sein Vater einem Interessenten zeigen will, gegen seine eigene und weniger wertvolle Geige ausgetauscht. Diese "Schuld", die er später auf andere Weise - die Geige gehörte eigentlich einem jüdischen Besitzer - abtragen will, muss Adrià leben.

Das ist die Konstellation, aus der heraus der Autor seinen Roman konstruiert. Dabei entwickelt er Handlungsstränge, die sich ständig überschneiden oder parallel zueinander verlaufen. Das vielstimmige Personal dieses umfangreichen Buches, die Schauplätze, ein schier unübersehbare Fülle von Ereignissen in Vergangenheit und Gegenwart - das alles ist auf höchst kunstvolle Weise mit- und ineinander verschränkt, so dass eine Nacherzählung fast unmöglich wird..

Dennoch: Gelehrter soll nach Vaters willen Adrià werden, nach Mutters Willen Geigenvirtuose. Die Konflikte, die sich daraus für den Jungen ergeben, sind evident - und machen die psychische Situation aus, in sich der sensible Adrià, eine höchst eindrucksvolle Figur, befindet. Adrià - wie schon sein Vater - ist nicht nur von der Musik besessen, sondern auch von dessen Sammelleidenschaft erfasst. Er verstand, "...dass ich von dem gleichen Dämon besessen war wie mein Vater. Das Kribbeln im Bauch, das Jucken in den Fingern, der trockene Mund...". Adrià vesucht, sich in diesem Zwiespalt von Gefühlen und Ambitionen, was einem Fluch gleichkommt, zwischen musikalischem Virtuosentum und Gelehrsamkeit einzurichten.

Aus den Recherchen Adriàs über den Mord an seinem Vater und auf der Suche nach dem Täter erschließt sich die Familiengeschichte und die Geschichte der Geige und ihrer Enstehung in Cremona im 17./18. Jahrhundert. Eine dunkle Vergangenheit tut sich auf. Sie ist verbunden mit der Inquisition im 14. und 15. Jahrhundert, in der der Großinquisitor und sein Sekretär, ein Meuchelmörder, ein Mönch und ein jüdischer Arzt entscheidenden Rollen spielen; Paris wird zum Schauplatz und 1914 bis 1918 auch Rom. Eine Geschichte, die Jaume Cabré in Auschwitz-Birkenau 1944 enden lassen wird, mit den schrecklichen Verbrechen von Sturmbannführern und KZ-Ärzten an jüdischen Häftlingen. Cabré schlägt damit einen historischen Bogen vom Mittelalter bis in die Neuzeit - und stellt oft erschreckende Übereinstimmungen, vor allem in ihren negativen Erscheinungsformen, fest.

Es ist eine Geschichte, es sind viele Geschichten in einer von Gier und Macht und Neid, von dunklen Mordfällen und finsteren Intrigen, vom Bösen schlechthin - aber auch über die Liebe. Eine Liebe, die Adrià und Sara erleben und erleiden. Der Roman ist eine Art Metapher über den Mißbrauch von Macht und über die Macht der Kunst. Damit ist dieser wunderbare Roman auch ein Buch über die conditio humaine, melancholisch dargestellt und sehr tragisch, der sich Adrià ausgesetzt sieht. Rettung erwächst ihm jedoch aus der Liebe und aus der Liebe zur Gelehrsamkeit und zur Musik.

In diesen Kontext gehört die Lebensgeschichte Adriàs. Der Geigenvirtuosen wird ein gefragter Gelehrter, der als Professor in Tübingen habilitiert wird und als Autor mehrerer Bücher, unter anderem eines über das Böse, großen Erfolg hat.

Jaume Cabré wechselt oft unerwartet die Zeitebenen. Erzählzeit und erzählte Zeit gehen plötzlich ineinander über. Es ist ein faszinierendes Tableau der Gleichzeitigkeit von aktuellem Geschehen, von Erinnerung und historischen Fakten, das dieser geniale Autor geschaffen hat. Mitten im Satz wird aus dem Ich-Erzähler ein auktorialer Erzähler; ergibt sich eine Art "Wechselgesang" zwischen der ersten und dritten Person. Wir haben es mit einer sehr kühnen, jedoch sehr gelungene Romankonstruktionn zu tun, die vom Leser ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erfordert; ihn dafür aber auch wunderbar belohnt. Die kongeniale Übersetzung durch Kirsten Brandt und Petra Zickmann trägt dazu in hohem Maße bei.

Jaume Cabré ist ein äußerst kluger, ein souveräner Autor. Das hat er bereits in seinen früheren Büchern ("Die Stimmen des Flusses", "Senyoria") bewiesen. Mit diesem Roman toppt er jedoch seine bisher erschienenen Romane. Das hat nicht nur etwas mit dem Plot, den vielen Plots, sehr ambitioniert und virtuos miteinander verknüpft, zu tun, sondern auch mit der Musikalität der Sprache des katalanischen Autors. Jaume Cabré hat einmal darüber gesagt: "...denn mehr noch als Schriftsteller bin ich Musiker, jedenfalls, was die Leidenschaft angeht.... Es gibt eine syntaktische Kadenz, an der ich dauernd arbeite...". Genau so auch liest sich der Roman, hochmusikalisch, von großer sprachlicher Dichte, artistisch, ohne artifiziell zu sein.

Und so ist es sicher nicht zu weit hergeholt, diesem großartigen Roman einen weltliterarischen Rang zuzuschreiben.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 4, 2012 2:10 PM MEST


Augenblicke des Daseins: Autobiographische Skizzen
Augenblicke des Daseins: Autobiographische Skizzen
von Klaus Reichert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ich jetzt - ich damals" - oder Die Kunst des Erinnerns, 6. April 2012
Von der englischen Herausgeberin der "Augenblicke des Dasein", Jeanne Schulkind, stammt folgende Charakteristik der hier vorliegenden skizzierten Erinnerungen der Virginia Woolf: "Die Fragmente fügen sich... zu einer sinnvollen Ordnung zusammen. Es taucht ein Muster auf, in dem sich Virginia Woolfs Auffassung des Selbst im Allgemeinen und ihres persönlichen Selbst im Besonderen so ausdrückt, wie das in einer herkömmlichen Autobiographie niemals möglich gewesen wäre. Dieses Selbst ist ein kaum faßbares Irrlicht...".

Dieses "Selbst" also "ein kaum fassbares Irrlicht", dessen sich Virginia Woolf zu vergewissern sucht. Dies geschieht in ihren Tagebüchern und Briefen und in den großartigen Romanen, die alle immer etwas mit Bewusstseinsströmen, mit Erinnern und mit der individuellen Identität der Virginia Woolf (1882'1941) zu tun haben. Dazu hat die Autorin einige Memoiren als autobiographische Skizzen hinterlassen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Diese skizzierten Erinnerungen sind jetzt innerhalb der von Klaus Reichert mustergültig herausgegebenen Gesamtausgabe der Werke Virginia Woolfs erschienen.

Nicht zum ersten Mal. Bereits 1981 gab es eine deutsche Ausgabe ("Augenblicke" - nach den von Quentin Bell 1976 veröffentlichten "Moments of Being"). Die neue Ausgabe in der glänzenden Übersetzung von Brigitte Walitzek bietet jetzt den großen Vorteil umfangreicher Anmerkungen, die wesentlich zum Verständnis der Texte beitragen.

"Augenblicke des Daseins": Den ersten dieser Texte - "Reminiszenzen" - schrieb Virginia Woolf mit 26 Jahren, lange bevor sie als Schriftstellerin hervortrat; am letzten und längsten Text "Skizze der Vergangenheit" arbeitete sie bis wenige Monate vor ihrem Tod.

"Reminiszenzen" sowie die anderen Texte und Notate sind Zeugnisse von großer Unmittelbarkeit und fast analytischer Genauigkeit. Sie halten die Schrecken und Abgründe ihrer Kindheit fest. Sie erzählen von der Befreiung aus der Enge ihres viktorianisch-prüden Elternhauses. Und sie sprechen von den Erfahrungen, die das Kind und die junge Frau mit dem Tod machen musste: dem Tod der geliebten Mutter, der Stiefschwester Stella und später des Vaters. Ihnen nähert sie sich erinnernd als wesentliche "Augenblicke des Daseins". Und so begegnen sich eigenes und fremdes Leben in diesen Skizzen. Denn alles muss festgehalten werden. Manchmal fühlt sich der Leser an Marcel Proust erinnert, manchmal an James Joyce - Autoren, mit denen Virginia Woolf nicht zu Unrecht in Verbindung gebracht und verglichen wird.

Für Virginia Woolf heißt dieser Erinnerungsprozess: "Die Vergangenheit kommt zu einem nur zurück, wenn die Gegenwart so glatt dahingleitet, dass sie der Oberfläche eines tiefen Flusses gleicht. Dann sieht man durch die Oberfläche hindurch in die Tiefe." Das führt wiederum zu ganz eigenen Erfahrungen, die die Autorin macht, wenn sie schreibt. "Wie soll man beschreiben, was ich in meiner privaten Kurzschrift 'Nicht-Sein' nenne. Jeder Tag beinhaltet viel mehr Nicht-Sein als Sein". Denn alles, was während des Schreibprozesses gedacht, mitgedacht wird, gehört zu diesem Prozess. Doch längst nicht alles wird erinnert, weil "ein großer Teil des Tages nicht bewusst erlebt wird".

Wer bin ich? Virginia Woolf versucht es mit der Formel "Ich jetzt, ich damals". Eine Chiffre, die den Prozess des Erinnerns und der Veränderung durch die Erínnerung beschreibt. Es ist eine Suche nach dem Realen hinter dem Schein. "Es wäre interessant, die beiden Menschen, ich jetzt, ich damals, als Gegensatz herauszustellen. Und außerdem ist diese Vergangenheit sehr vom gegenwärtigen Augenblick beeinflusst. Was ich heute schreibe, würde ich in einem Jahr nicht schreiben." Und genau dieses Eingeständnis macht die Authentizität dieser Erinnerungen, die von ihr in ihrer Ursprünglichkeit erhalten geblieben, also von ihr nicht mehr überarbeitet worden sind, aus.

Zu diesen autobiographischen Skizzen gehören auch die "Beiträge für den Memoir Club". Virginia Woolf erzählt von der legendären "Bloomsbury Group". Nicht ohne Witz und Ironie schildert sie diesen unkonventionellen Freundeskreis aus Künstlern und Schriftstellern, der ihr Denken und Schreiben entscheidend mit beeinflusst hat. Sie schreibt von den vielen Gesprächen über Literatur und Kunst, über Sex und Liebe, über Politik und Gesellschaft. Eine wunderbare Skizze von hohem literaturhistorischem Wert - und nicht zuletzt wie alle anderen Skizzen von hohem künstlerischem Anspruch.

"Es ist die Verzückung, die ich erlebe, wenn ich beim Schreiben dahinter komme, was wohin gehört, eine Szene richtig klingen lasse; einen Charakter zusammenfüge. Davon ausgehend erreiche ich, was ich eine Philosophie nennen könnte; jedenfalls ist es eine beharrliche Idee von mir, dass sich hinter der Watte ein Muster verbirgt; dass wir - ich meine alle Menschen - damit verbunden sind; dass die ganze Welt ein Kunstwerk ist; dass wir ein Teil des Kunstwerks sind." Diese autobiographischen Skizzen sind in diesem Sinne ein großartiges Kunstwerk.

"Augenblicke des Daseins" sind Figuren, Farben, Formen, und es sind erlebte Erinnerungen und Erinnerungen, wie die Phantasie sie schafft. Virginia Woolfs "Autobiographische Skizzen" geben uns einen tiefen Einblick in Leben und Schaffen und Werk dieser großen Schriftstellerin.


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