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Günter Nawe "Herodot" (Köln)
(TOP 500 REZENSENT)   

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Der Dirigent: Roman
Der Dirigent: Roman
von Sarah Quigley
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von der Macht der Musik, 5. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Dirigent: Roman (Gebundene Ausgabe)
Neuseeländische Literatur bei der Buchmesse in Frankfurt/Main: Einem neuseeland-fremden Thema hat sich allerdings die in Berlin lebende neuseeländische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Sarah Quigley gewidmet. Ihr Roman „Der Dirigent“ erzählt von Dmitri Schostakowitsch, von seiner berühmten „Siebten Symphonie“, deren Uraufführung im von den Deutschen belagerten Leningrad zu einem dramatischen Ereignis wird. Und damit erzählt Sarah Quigley, sie liebt die Musik und spielt selbst Klavier und Cello, von der Macht und Kraft der Musik – gerade in Zeiten der Unfreiheit, der Barbarei und der Not. Am deutlichsten dargestellt in der Person des Dirigenten Karl Eliasberg, Chef eines wenig bedeutenden Orchesters, dem plötzlich die Uraufführung dieser Symphonie anvertraut wird. Er, der Schostakowitsch zugleich bewundert und hasst, wird seine frierenden und hungernden Musiker zu grandioser Höchstleistung bringen. Ein Roman, der den Leser ein Stück russischer Geschichte erleben lässt und vielleicht ein neues Verständnis für das Werk des großen Komponisten, dessen Symphonie als CD parallel zur Lektüre gehört werden kann, weckt. Gleichzeitig erweist sich Sarah Quigley als hervorragende Erzählerin. Ein Buch, das bewegt und anrührt.


Sydney Bridge Upside Down (Literatur-Literatur)
Sydney Bridge Upside Down (Literatur-Literatur)
von David Ballantyne
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kinderspiele Upside Down, 5. November 2012
David Ballantyne ist sicher einer der bedeutendsten Vertreter neuseeländischer Literatur. Und sein Roman "Sindney Bridge Upside Down" einer seiner besten Bücher. Dieser Roman hat den Charakter eines psychologischen Thrillers. Das Buch – bereits 1968 veröffentlicht – liegt jetzt erstmals auf Deutsch vor und dürfte zu den ganz großen literarischen Entdeckungen dieses Buchherbstes gehören. Der Roman spielt in einer abgelegenen Hafenstadt, an einem Schauplatz am Rande der Welt, an dem auch der jungen Ballantyne gelebt hat. Sein Held ist der dreizehnjährige Harry Baird, Typ Tom Sawyer, der, nachdem die Mutter die Familie verlassen hat, mit Vater und Bruder Tage und Wochen voller Einsamkeit verbringt. Mit den wenigen Freunden wird die Landschaft erkundet und ein verlassener Schlachthof, das Wahrzeichen des Ortes Calliope Bay. Bald wird sich heraustellen, dass sich dahinter furchtbare Geheimnisse verbergen. Schreckliche Dinge sind hier passiert. Davon wissen vor allem ein alter Mann und sein Pferd mit dem eigenartigen Namen Sidney Bridge Upside Down. Und noch etwas beschäftigt den Jungen sehr. Seine ältere Cousine Caroline, ein erotisch aufgeladener Babysitter, bricht in seine Welt ein – und damit die Liebe. Ihr ist er verfallen. Obwohl sie für Caroline nur ein oberflächliches Spiel ist, für Harry wird sie zu Obessesion. So ist diese kleine Welt alles andere als heil. Und aus Kinderspielen wird verwirrender, gefährlicher Ernst – mit schrecklichen Konsequenzen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 5, 2012 11:44 AM CET


Madame Bovary: Roman. Herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl
Madame Bovary: Roman. Herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl
von Elisabeth Edl
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 34,90

33 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Madame Bovary und die Sitten in der Provinz, 27. Oktober 2012
Der Roman ist vor rund 150 Jahren eschienen, seither liegen siebenundzwanzig Übersetzungen - u. a. von René Schickele, von Hans Reisiger und Caroline Vollmann - vor. Jetzt gibt es eine neue Übersetzung von "Madame Bovary", diesem Roman schlechthin vor, die - man ist geneigt zu sagen - ultimative Übertragung durch Elisabeth Edl.

Am 19. September 1851 schreibt Gustave Flaubert (1821-1880) das erste Wort eines Romans, der wie kein anderer die Literatur revolutionieren sollte: "Madame Bovary". Dieses Buch - der "Roman aller Romane", wie Theodor W. Adorno formulierte - ist zu einem Mythos geworden. "Madame Bovary" ist der erste moderne Roman. Das gilt für Stil und Konstruktion, das gilt aber und vor allem für seinen Inhalt.

Der Roman erzählt die Geschichte von Emma Bovary, die seit Generationen die Leser begeistert. Emma ist zum Inbegriff der Leidenschaften, der Liebe, der Unmoral, der Träume vom großen Leben in der kleinen Provinz geworden. Diese Madame Bovary ist eine der faszinierendsten Frauengestalten der Weltliteratur. Und: Dieser Roman ist eine exemplarische Darstellung der "Sitten in der Provinz", ihrer Beschränktheiten, ihrer Dummheit - wie der Untertitel gleichsam provozierend lautet; er ist ein außergewöhnliches Zeit- und Sittenbild.

Die schöne Emma Bovary langweilt sich in der Provinz, in dem Nest Yonville-l’Abbaye, und mit ihrem Mann Charles Bovary, einem bescheidenen Landarzt. Sie träumt von großer Leidenschaft und großer Liebe. Sie versucht, ihre Träume zu verwirklichen. Aus ihrer Langeweile bricht sie aus. Sie sucht Liebe und Lust und „Abwechslung“. Und findet sie zum Beispiel bei dem Provinz-Casanova Rodolphe und später beim Kanzlisten Léon. Ehebruch also. Dazu kommen ihre Vergnügungs- und Verschwendungssucht. Doch ihr Glück findet sie nicht. Die Liebschaften erledigen sich wie von selbst. Die Schulden wachsen ihr über den Kopf, Familie ist nicht mehr. Emma Bovary scheitert an sich selbst, an ihren hohen Erwartungen und an den Moralvorstellungen ihrer Zeit. Und sie scheitert nicht zuletzt an an der Gesellschaft in diesem Provinzkaff Yonville, vertreten vor allem durch den Apotheker und Möchte-gern-Aufklärer Homais, durch den bigotten Pfarrer Bournisien, den Kaufmann und Wucherer Lheureux.und die ganze kleinkarierte und selbstgerechte provinzielle Gesellschaft. Am Ende erscheint Emma der Tod durch Gift als die letzte Lösung.

Das Buch wurde bei seinem Erscheinen 1857 zum Skandal. Der Autor Gustave Flaubert, der von sich behauptet hat, "Madame Bovary c’est moi", musste sich vor Gericht verantworten: angeklagt der Verletzung der öffentlichen Moral und der Religion. Verherrlicht die Hauptfigur "doch den Ehebruch, singt sie das Hohelied des Ehebruchs, seine Poesie, seine Lüste….", so die Anklage. Flaubert wurde jedoch freigesprochen. Und das Buch beginnt seinen Siegeszug durch die die Zeit und die Weltliteratur.

"Madame Bovary? Das ist ein Buch, das Sie alle zwei Monate lesen können, es ist immer neu". So der französische Schriftsteller Pierre Michon. Recht hat er. Und so lesen wir jetzt "Madame Bovary", erneut. Und zwar in der Übersetzung von Elisabeth Edl. Was aber zeichnet die Übersetzung von Elisabeth Edl, die nicht nur wegen der glanzvollen Übersetzung von Stendhals "Rot und Schwarz" auf sich aufmerksam gemacht hat, aus? In einem Interview hat sie einmal erklärt, welchen Anspruch sie an sich selbst gestellt hat: "Und eigentlich sieht man ja unmittelbar an jedem Satz, welche Rolle Melodie und Rhythmus spielen, wie kunstvoll alles gebaut ist… Diese Kunstgestalt muss eine Übersetzung hörbar machen". Das ist ihr in hohem Maße gelungen.

Vor allem aber galt es, Flauberts extremen Anspruch an sich selbst gerecht zu werden. Gustave Flaubert war äußerst korrekt, stets um den richtigen Ausdruck bemüht - er brüllte seine Sätze, bevor er sie niederschrieb - was seine Wortwahl, was Klang und Rhythmus betraf. Diese Genaugkeit legt auch Elisabeth Edl zugrunde, wie sie im Anhang "Zu Sprache und Übersetzung" überzeugend deutllich macht. Sie behauptet zwar, dass man dem "stilistischen Rang und den ästhetischen Charakter" Flauberts in einer Übersetzung nie nachvollziehen kann, wir als Leser glauben aber gern, dass sie ihm zumindest sehr, sehr nahe gekommen ist.

Ein weiterer Vorzug dieser Neuausgabe ist der fundierte Anmerkungsapparat, sind die Aussagen zur Übersetzung - hier zeigt sich die angesehene Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Edl. Und die erstmalige Veröffentlichung sowohl der Anklageschrift als auch des Plädoyers des Verteidigers und nicht zuletzt Charles Baudelaires Text über "Madame Bovary", beleuchten für den Leser die Hintergründe, die diesen Roman zu dem machen, was er ist. Vor allem aber ist er ein außerordentliches Lesevergnügen.
Kommentar Kommentare (11) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 12, 2013 8:01 AM MEST


Das grüne Zelt: Roman
Das grüne Zelt: Roman
von Ljudmila Ulitzkaja
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

27 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leben und Lieben in Zeiten der Unfreiheit, 18. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Das grüne Zelt: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wer die derzeitigen Entwicklungen in Putins Russland verfolgt, sieht sich einer stalin-nostalgischen Bewegung gegenüber. Plötzlich ist wieder von einer "ruhmreichen Vergangenheit" die Rede. Und das Grauen hat kein Ende.

Wie diese "ruhmreiche Vergangenheit" ausgesehen hat, schildert die große russische Autorin Ljudmila Ulitzkaja in ihrem brillanten Roman. Dieses Buch ist nicht nur eine Warnung vor dieser Entwicklung zurück zur Stalinzeit, also ein brisanter politischer Roman; es ist auch von einer literarischen Qualität, wie wir sie selten erleben dürfen. "Das grüne Zelt" vermittelt dem Leser mehr von dieser Zeit, als es Geschichtsbücher könnten.

"Die Literatur ist das Einzige, was dem Menschen hilft, zu überleben, sich mit seiner Zeit zu versöhnen." Davon ist der Lehrer Viktor Juljewitsch Schengeli überzeugt - und auch davon, dass, wer Tolstoi und Puschkin zu lesen versteht, den Unannehmlichkeiten und Anforderungen des Lebens erfolgreich begegnen kann. Diese Überzeugung versucht er, seinen Schülern, dem Juden Micha, dem sanften Sanja und dem dürren Ilja, weiterzugeben. Er wird sie zu Menschen „erziehen“, die gelernt haben, frei zu denken und danach zu handeln - Irrtümer und Verfehlungen eingeschlossen.

Ljudmila Ulitzkaja beschreibt die Freundschaft ihrer drei Protagonisten, die ein Leben lang halten sollte. Und sie beschreibt sie vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte in einem Land, das "sein eigenes irrwitziges Leben führt" - also der stalinistischen Ära, die mit dem Tode des Diktators 1953 noch längst nicht ihr Ende gefunden hat, sondern Nachwirkungen bis in die 90er Jahre zeigt. In dieser Zeit spielt der Roman, der auf höchst subtile Weise die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten und die Mechanismen der Macht darstellt, denen sich die jungen Leute ausgesetzt sehen - mit all den Abscheulichkeiten, mit Enttäuschungen und Entbehrungen. Sich darin zurechtzufinden, aber auch dagegen aufzubegehren, ist Sache der jungen Menschen.

Das führt zwangsläufig zum Dissidententum. So wird Ilja als Fotograf zum Dokumentaristen des Untergrunds, Micha, seines Zeichens Literaturwissenschaftler und Dichter, sitzt häufig im Gefängnis. Und Sanja, hochbegabter Musiker, kann wegen einer ihm zugefügten Verletzung nicht mehr Klavierspielen. Es sind sanftmütige Menschen, mutig und musisch. Sie sind auch keine Helden im klassischen Sinne und deshalb nicht immer heldenhaft. Der eine und andere scheitert - als Mitwisser, als Feigling, als Verräter.

Unterstützt werden die jungen Männer von ihren klugen und begabten Freundinnen Olga, Tamara und Galja, denen sie in großer Liebe verbunden sind. Olga, eine zentrale Figur und eine alles in allem starke Frau in diesem Roman, tippt verbotene Manuskripte ab, die dann vervielfältig werden. Es schlägt die Geburtsstunde des Untergrundverlags "Samisdat". Olga wird später mit der Enttäuschung fertig werden müssen, dass ihr geliebter Mann Ilja mit dem KGB zusammenarbeitet, sie verläßt und emigriert. Sie erkrankt an Krebs, wird religiös und zerbricht am Ende. Tamara ist ist nicht nur schön und unabhängig, sie ist auch etwas mystisch veranlagt. Und Galja, die so gern ein Kind haben möchte, muss erleben, dass ihr Mann sich als Spitzel betätigt.

Ihre Geschichte und ihre Geschichten erzählt Ljudmila Ulitzkaja. Und sie stehen alle auch in Zusammenhang mit realen Figuren dieser Zeit in der Sowjetunion. So treten, wenn in Nebenrollen, auf: Andrej Sacharow, der Dichter Josef Brodsky und der Schriftsteller Andrej Sinjawski. Und letztlich bringt Ljudmila Ulitzkaja auch ihre eigenen Erfahrungen ein. Die Autorin, 1945 geboren, entstammt einer jüdischen Familie, hatte unter antisemitischen Anfeindungen zu leiden und erlebte das dikatorische System hautnah. So ist sie als Autorin mit ihren Büchern „Maschas Glück“, „Ergebenst, eurer Schurik“, mit „Daniel Stein“ und nicht zuletzt mit dem neuen Roman „Das grüne Zelt“ zur „Stimme Russlands“ geworden.

Dieser Roman handelt von Politik und Gesellschaft, von Musik und Literatur und vom Leben und Lieben in Zeiten der Unfreiheit. Alles kommt zusammen unter einem „grünen Zelt“, von dem Olga einst geträumt hat. Höchst Privates steht neben Offiziellem, und die erzählten Geschichten werden zur Geschichte einer aufregenden, einer furchtbaren Epoche.


Alle meine Wünsche (Frauenromane)
Alle meine Wünsche (Frauenromane)
von Grégoire Delacourt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die einzige Insel in ihrem Schmerz, 12. September 2012
Rührend? Irgendwie ja - rührend ist diese kleine Geschichte, die Grégoire Delacourt in seinem Roman "Alle meine Wünsche" erzählt. Rührend, aber nicht rührselig. Und ein wunderbares kleines Kammerstück über die Liebe – und wie sie in Gefahr gerät.

Das Leben von Jocelyne und ihrem Ehemann Jocelyn verläuft in ruhigen Bahnen. Sie hat sich mit ihrem kleinen Kurzwarenladen, in dem sie Hosenknöpfe, Pailletten und Bänder verkauft, ihre Welt geschaffen. Mit ihrem Blog hat sie darüber hinaus Zuspruch und Anerkennung erfahren. Andern (Haus-)Frauen schenkt sie mit ihren guten Ratschlägen Abwechslung und Lebensfreude.

Und die Familie? Zwei Kinder, die gut geraten sind, und der etwas ungehobelte Mann Jocelyn, den sie liebt. Auch wenn es in dieser Ehe schon einmal Risse gab, als sie ihr drittes Kind verloren hat. Die Dinge haben sich also eingependelt. Davon erzählt die Protagonistin in diesem Roman. Und von den Träumen, ihrem Mann, ein Angestellter mit Aufstiegschancen - ihm also, erstaunlicherweise nicht sich - "alle" Wünsche erfüllen zu können: einen Porsche, eine Kreuzfahrt und eine besondere Armbanduhr. Ein einfaches, zufriedenes Leben. Ein Leben, das durch einen dummen Zufall aus den Fugen gerät.

Grégoire Delacourt, 1960 geboren, Werbetexter und Autor hat bereits mit seinem ersten Roman "L’Ecrivain de la famille" Aufsehen erregt und Literaturpreise gewonnen. Und auch "Alle meine Wünsche" wurde in Frankreich zum Bestseller. Mit dem Paar Jocelyne und Jocelyn sind ihm herrliche Figuren gelungen, die vor allem dadurch Authentizität gewinnen, dass Delancourt von ihnen auf sehr schlichte Weise erzählt - und sein Buch gerade deshalb literarischen Ansprüchen gerecht wird. Delacourt versteht es, Gefühle und Empfindungen zu schildern, ohne kitschig zu werden.

Jocelyne hatte sich also arrangiert mit dem kleinen Glück und den kleinen Enttäuschungen, die das Leben nun mal zu bieten hat. Bis sie Lotto spielt und - gewinnt. Einen Millionengewinn, der sie allerdings eher erschreckt als glücklich macht. Und so wandert der Scheck, von dem niemand etwas weiß, in einen ihrer alten Schuhe. Jocelyne ist zufrieden mit den Möglichkeiten, die ihr der neue Reichtum bietet, ohne sie zu nutzen.

Bis sie eines Tage entdeckt, dass der Scheck weg ist - und mit ihm ihr Mann. Angeblich bei einem Seminar, mit dem eine Beförderung verbunden sein soll. Nichts von dem ist wahr. Verrat an ihrer Liebe, Enttäuschung und Wut - und der Beginn eines neuen Lebens für Jocelyne. Ihren Kurzwarenladen hat sie aufgegeben Dafür "entdeckt" sie sich neu - in ihrer Verbundenheit mit ihrer Tochter, mit einem neuen Mann, "meinen Vittorio Gassmann... die einzige Insel in meinem Schmerz", im Zusammenleben mit ihrem dementen Vater. Dennoch: "Ich werde geliebt. Aber ich liebe nicht mehr".

Ein trauriges Resumee - und eine schönes, ein etwas trauriges Buch, eine kleine literarische Kostbarkeit.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 18, 2012 10:54 PM MEST


Die Montagsgedichte
Die Montagsgedichte
von Erich Kästner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,00

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Dichter der kleinen Freiheit, 1. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Montagsgedichte (Gebundene Ausgabe)
Was bitte haben die Olympischen Spiele mit Erich Kästner zu tun – und was er mit ihnen? Gerade fanden in London die diese Spiele statt. Und wirlesen Erich Kästner. Und das aus gutem Grund. Hier sein nachgetragener „Kommentar“ im Gedicht „Olympia (13. August 1928), das in dem jetzt als Erstausgabe vorliegenden Band „Montagsgedichte“ veröffentlicht wurde:

"In Amsterdam, der schönen Stadt, / Werden seit mehreren Wochen / Mit der Faust und dem Fuß und dem Schulterblatt / Dauernd Rekorde gebrochen. / …Man rennt fortwährend im Kreis herum / ... Man spurtet, sprintet, crawlt und clincht / Und erstrampelt sich Plätze und Siege. / Doch es kommt nicht immer so, wie man wünscht. / Flieg, kleiner König, fliege! / Es gilt die Ehre der Nation! / Sause, Krause, sause! / Doch die Deutschen, samt dem Teutonen Kohn, / Die konnten es nur zu Hause. / Die meisten fühlen sich nicht gesund / Und leiden an mancherlei Krämpfen./ Mit mancherlei Krämpfen im Hintergrund / Kann man natürlich nicht kämpfen. / ... Wer hat’s geschafft? Und wer hat’s versaut? / Die Zeitungen schlagen einander schmock out. / Es lebe die Zehntelsekunde!"

Und damit genug von Olympia und mehr über Erich Kästner. Diese "Monatagsgedichte" - es gab in der DDR im Jahre 1989 einmal kurzzeitig eine Taschenbuchausgabe – waren seither vergessen. Erschienen sind sie zwischen 1928 und 1930 in der Berliner Zeitung "Montag Morgen". Die Gedichte, pro Woche eins, hatten immer einen aktuellen Bezug. Und waren immer kritisch - ob er einen "Tag des Buches", das soldatische Grüßen oder die Ruhrbarone mit seiner Feder aufspießte.

Und welch feiner Bezug zum heutigen Berlin - zum Beispiel im Gedicht "Berlin wackelt": "In Berlin wird nicht gefackelt, / Tradition ist überlebt, / Alles wankt und alles wackelt, / So, als ob die Erde bebt..."

Und nun also kann man diese Gedichte wieder lesen. Es ist eine der verdienstvollen Taten des Atrium Verlags, der sich ohnehin dieses Dichters in besonderer Weise annimmt, diese Gedichte wieder zugänglich zu machen - und sie in einer sehr schönen Ausgabe zu veröffentlichen. Marcel Reich-Ranicki hat seinem informativen Vorwort über Erich Kästner geschrieben: "Er, der Sänger der kleinen Leute und der Dichter der kleinen Freiheit, gehört mittlerweile zu den Klassikern der deutshcen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Wie immer nimmt Erich Kästner (1899-1974) auf die ihm eigene Art die kleinen und großen menschlichen Schwächen aufs lyrische Korn. Das Zeitgeschehen, durch seine Brille gesehen, wird bissig kommentiert; die Berliner 20-iger Jahre, die Weimarer Republik - sie bieten dem Dichter Stoff genug. Außerdem: Sommermode und Wetter, sportliche Ereignisse und vieles mehr - der große Humanist hat mit Witz und Herz diese Themen in Verse gebracht.


Meister und Margarita: Roman - Neu übersetzt von Alexander Nitzberg
Meister und Margarita: Roman - Neu übersetzt von Alexander Nitzberg
von Michail Bulgakow
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,99

22 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dämmerstunde am Patriarchenteich, 1. September 2012
"Es war Frühling. Eine heiße Dämmerstunde am Patriarchenteich..." So beginnt einer der bedeutendsten Romane der Weltliteratur. "Meister und Margarita" von Michail Bulgakow ist ein Jahrhundertroman: eine allegorische, phantasievolle und satirische Schilderung der stalinistischen Zeit und der sowjetischen Gesellschaft im Moskau der 30er Jahre. Und er ist - wie der Übersetzter Alexander Nitzberg schreibt: "ein Schlüsseltext der Moderne".

Am Patriarchenteich trafen sie sich: Woland, die Inkarnation des Satans und seine Gefährten, sowie der Kulturredakteur und Kritiker Berlioz und der Lyriker Iwan Besdomny. Sie diskutieren die Existenz Gottes. Berlioz verliert darüber im wörtlichen Sinne seinen Kopf. Und die satanische Figur des Woland und seiner teuflischen Genossen sorgen fortan für Unruhe. Dieser Woland gehört übrigens zu den Teufeln, die das Böse wollen, um letztlich Gutes zu schaffen.

Ungeheure Dinge geschehen. Menschen verschwinden, magische Momente sorgen für unliebsame Überraschungen. Der Kulturbetrieb, konzentriert im Schriftstellerhaus Gribojedow, wird auf satirische Weise aufs Korn genommen; der sowjetische Alltag - geprägt von Korruption, Günstlingswirtschaft, Bürokratismus, Bespitzelung und Überwachung - wird ebenso thematisiert wie menschliche Schwächen und Duckmäusertum.

Bulgakow hat dafür eine Fülle von allegorischen Bildern und realistischen Beschreibungen gefunden, von teuflischen Einfällen und irrwitzigen Plots. Wohnungen verwandeln sich, ein Irrenhaus wird zum Asyl, ein Satansball im Stile einer Walpurgisnacht findet statt. Und überall und immer allgegenwärtig agierend der satanische Woland, sein Gehilfe Korowjew und nicht zuletzt Behemot, der katerartige Mensch oder menschenähnliche Kater. Ein höllisches Personal.

Auf einer sozusagen zweiten Ebene dieses komplexen Romans, in diesem Wirrwar von phantastischen Ereignissen, spielt sich eine Liebesgeschichte ab - zwischen einem Schriftsteller, der nur "Meister" genannt wird, und Margarita. Die verheiratete und etwas frustrierte Margarita liebt den Schriftsteller - ein Pärchen à la Grtechen und Faust. Er sitzt im Irrenhaus, und sie versucht ihn zu befreien. Dazu ist ihr jedes Mittel recht, auch die Verwandlung durch den Satan in eine Hexe.

Eine dritte Dimension dieses Buches ist der Pilatus-Roman. Der namenlose Autor, der "Meister", erzählt die Geschichte von Verurteilung und Tod des Jesus von Nazareth und dessen "Gegenspieler" Pilatus, römischer Prokurator. Zeitbezüge, in einem politisch-kritischen Unterton, werden durch Darstellung der Auseinandersetzung zwischen Jesus und Pilatus sehr deutlich.

Dass ein solcher Roman den Machthabern in der Sowjetunion nicht gefallen konnte, war zu erwarten. Nicht nur aus politischen Gründen. "Auf dem weiten Feld der Literatur war ich in der UdSSR der einzige literarische Wolf. Man gab mir den Rat, mir den Pelz zu färben. Ein törichter Rat.", so Bulgakow. Deshalb nicht verwunderlich: Erst 26 Jahre nach dem Tode von Michail Bulgakow, der den Roman in zwölf Jahren, zwischen 1928 und 1940, seinem Todesjahr, verfasst hatte, konnte das Buch unzensiert in der Sowjetunion erscheinen.

Wenn der Leser jetzt sagt. Haben wir doch alles in der wunderbaren Übersetzung durch Thomas Rechke schon gelesen – hat er Recht. Das war allerdings vor fast fünfzig Jahren. Und wir erleben es in der letzten Zeit sehr häufig, dass mit einer Neuübersetzung, sei die alte noch so gut, ein neues Verständnis des jeweiligen Werks entsteht.

Für "Meister und Margarita" heißt das, eine neue Lesart – jenseits der rein politischen. Alexander Nitzberg hat, wie er den Anmerkungen schreibt, die "poetische" Lesart möglich gemacht. Denn dieser Roman ist - so Nitzberg - "ein grandioses episches Sprachkunstwerk, ein Großstadtpoem in Geiste der Moderne". Unter dieser Prämisse hat Alexander Nitzberg übersetzt. Denn für ihn gilt, dass er sich dabei sowohl "dem Text des Werks" als auch dem "Geist des Werks" verpflichtet fühlte.

So ist seine Übersetzung direkter und damit zeitgemäßer. Ohne grundlegende Eingriffe in den Bulgakowschen Text hat Nitzberg das eine und andere geglättet, hat dem Text einen neuen, einen anderen sprachlichen Rhythmus gegeben. Und er hat - der Roman ist ja längst noch nicht ausgedeutet - neue Interpretationsansätze eröffnet.

Hervorzuheben sind ein vorzüglicher, eine umfassender Anmerkungsgapparat und sehr ausführliche "Notizen des Übersetzers" von Alexander Nitzberg. Beides trägt hervorragend zum Verständnis des Romans bei. Und so ist dieses Buch bei aller Bedeutungsschwere und Ernsthaftigkeit auch ein satanisches Lesevergnügen. Deshalb fordert Felicitas Hoppe in ihrem Nachwort auf: "Leser, mir nach." Eine Aufforderung, den faszinierenden Roman von Michail Bulgakow zu lesen, der man sich gern anschließt.


Mayas Tagebuch: Roman
Mayas Tagebuch: Roman
von Isabel Allende
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Flucht aus Las Vegas, 13. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Mayas Tagebuch: Roman (Gebundene Ausgabe)
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Zugegeben - nicht alles, was die berühmte Bestseller-Autorin Allende schreibt, ist so begeisternd, wie oft suggeriert werden soll. Umso erfreulicher, dass jetzt wieder - nach "Paula" - ein Roman vorliegt, den man gern lesen wird, auch wenn er alle Klischees bedient, die wir aus den Büchern der Allende kennen. Die chilenische Diplomatentochter mit dem berühmten Vater hat sich damit wohl selbst ein Geschenk zum 70. Geburtstag machen wollen.

Die Heldin des Romans "Mayas Tagebuch" befindet sich auf der Flucht. Maya Vidal muss die USA verlassen, nach dem sie über ein Jahr lang von und mit Crack und Alkohol, von Heroin und anderen Drogen "gelebt" hat. Zwangsläufig ist sie dabei in Kreise, und es war nicht die beste Gesellschaft, geraten, in denen sie der Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt war. Kein Wunder, dass sie dabei auch ins Fadenkreuz der Polizei gerät.

Dabei war Maya einst ein vom chilenischen Großvater, einem Astronomieprofessor, verwöhntes Kind. Ihn hat sie über alles geliebt. Sein Tod, der Schmerz über den Verlust, hat die 15-Jährige völlig aus der Bahn geworfen. Sie schwänzte die High School, begann zu trinken, ließ sich entjungfern, um endlich sexuelle Erfahrungen zu haben, dank derer sie mit ihren Freundinnen mithalten konnte. Maya riss aus, wurde vergewaltigt. Die richterliche Einweisung in ein Internat für kriminelle Jugendliche war die Folge. Maya riss aus, wurde vergewaltigt. Die Flucht endete Las Vegas.

An dieser Stelle trägt Isabel Allende allerdings ein wenig dick auf. Auch wenn man der Autorin zugute halten muss, dass die Milieuschilderungen ihr teilweise sehr gelungen sind. Sie zeigen das ganze Elend, die Rohheit und Gewalt, die Alkohol- und Drogenexzesse, aber auch die seelischen Verletzungen, denen Maya letztlich ausgesetzt war. Zugleich hat diese ausführliche Schilderung einen beängstigenden sozialkritischen Aspekt.

Als Schriftstellerin, die es versteht, seelische Tiefen auszuloten, Charaktere zu zeichnen - gerade auch die ganz finsteren, denen Maya begegnet - und Geschichten bestens zu erzählen, erweist sich Isabel Allende im weiteren Verfolg des Romans.

Mayas Flucht gelingt. Sowohl aus Las Vegas als auch aus dem Milieu. Sie wird nicht zuletzt durch einen Bibelkreis "Witwen für Jesus" gerettet. "Das Haus" dieses Bibelkreises mit dem religiösen und sozialen Engagement "schloss sich wie in einer Umarmung um uns und die Tiere" - so steht es im fiktiven Tagebuch der Heldin. Auf diese Weise kommt Maya, letztlich auch mit Hilfe der Großmutter, auf die abgelegene Insel Chiloé im Süden Chiles. Bei Manuel, einem alten Freund der Familie, in einem abgelegenen Nest mit sehr urwüchsigen Bewohnern, findet Maya, diese sehr sympazhische Heldin, zu sich selbst, kommt die Neunzehnjährige auf die Spur ihrer Familie, die wieder viel mit der Geschichte Chiles zu tun hat.

Mayas Leben hat eine entscheidende Wende genommen - zum Besseren. In einem Tagebuch, das therapeutische Wirkung haben soll, schildert sie, immer wieder reflektierend, ihre Lebensgeschichte. Ihr Mentor Manuel: "Du wirst jede Menge Zeit haben, dich zu langgweilen, Maya. Du kannst sie nutzen, und über den monumentalen Mist schreiben, den du gebaut hast, vielleicht kriegst du ein Gespür für die Ausmaße."

Isabel Allende hat ein "Gespür für die Ausmaße" und hat eine sehr komplexe Geschichte erzählt: Der Roman ist sozialkritischer Studie, Familiengeschichte und politische Zeitgeschichte. Er ist aber vor allem die Erzählung über eine junge Frau, die die Höhen und Tiefen des Lebens in kürzester Zeit erleben und erleiden muss.

Denn mit dem Aufenthalt auf der Insel Chiloé Maya zwar in ein neues Leben gefunden, aber ihre Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Polizei ist ihr wieder auf die Spur gekommen, die Geister der Vergangenheit sind wieder da … und der Roman findet ein überraschendes Ende.

Isabel Allende weiß, was ihre Leser von ihr erwarten. Mit „Mayas Tagebuch“ hat sie die Erwartungen einmal mehr erfüllt.


Schiffstagebuch: Ein Buch von fernen Reisen
Schiffstagebuch: Ein Buch von fernen Reisen
von Cees Nooteboom
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch von fernen Reisen, 30. Juli 2012
Urlaubszeit - Zeit für Fernweh. Allerdings, so der berühmte niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom: "Zu Hause lernst du die Welt kennen, auf Reisen dich selbst; denn zu Hause lastet das Gewicht auf dir, unterwegs auf der Welt, und stets bleibt das unbekannt, was du gerade betrachtest."

Cees Nooteboom ist großartiger Autor, der immer wieder auch für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wird. Und er ist ein begnadeter Reisender und ein außergewöhnlicher Reiseschriftsteller, wahrscheinlich der beste zurzeit. Viele Bücher belegen dies. Und so reist er - trotz oder gerade wegen der oben formulierten Erkenntnis.

Nootebooms Reisen sind von anderer Art. Er reist, um sich in fremden Ländern und bei fremden Menschen aufzuhalten, sie denkend und schauend zu erkunden. In seinem Buch "Schiffstagebuch", im "Buch vom fernen Reisen", wie der Untertitel treffend lautet, erzählt er auf seine unnachahmliche Weise davon.

Einmal mehr geht es um Schiffsreisen, für die der Autor ein besonderes Faible hat. Weil sie anders als Reisen zum Beispiel mit dem Flugzeug zu einer ganz anderen, "verlangsamten", einer intensiveren Wahrnehmung führen. Und das wiederum beeinflusst auch die Art und Weise der Schilderung. Die Literatur verschiebt zwar schon einmal die Grenzen von Raum und Zeit - und damit auch die Vorstellung davon. Aber auch dies eine Erfahrung, die Cees Nooteboom unterwegs gemacht hat und die der Leser bei der Lektüre machen wird.

Der Autor ist einst als Leichtmatrose über die Weltmeere gefahren. Diesmal reist er wesentlich komfortabler mit der "MS Deutschland", auch bekannt als das "Traumschiff" einer bekannten Fernsehserie. "Eichentäfelung, blankpoliertes Messing, nicht eines dieser modernen schwimmenden Wohnsilos, die ich im Sommer in Spanien sehe", so der Autor. Eine gesponserte Luxusreise? Das ist mit Sicherheit nicht Nootebooms Zweck - wie schnell bei der Lektüre zu erkennen ist. Im "Schiffstagebuch I" nimmt er den Leser mit auf eine Reise, bei der er Kap Hoorn umrundet, nach Patagonien, nach Montevideo und Buenos Aires fährt. Über Montevideo schreibt er "Dies ist keine Stadt für nur einen Tag, hier muss man bleiben und eine seltsame Geschichte schreiben...."

Er ist auch auf dem Weg nach Chile, zum Grab des verstorbenen Dichterkollegen Pablo Neruda. Ein weiteres Ziel, das südlichste, ist das südafrikanische Kap Agulhas, ein anderes Ushuaia in Argentinien. In Port Dauphin trifft er Ruderer - und erzählt davon im "Schiffstagebuch II". Von einer Reise nach Indien konfrontiert er uns mit der Erkenntnis, dass man sich "die Welt ansehen, aber die Welt nicht werden" darf und endet den schönen Bericht mit dem Satz "Der Tod in Benares ist aus Feuer und Wasser".

Wunderbare Impressionen, politische Betrachtung, Selbstreflexion und literarische Eindrücke - alles findet Platz in diesem schönen Buch. Von ehemaligen Kollegen, von weltberühmten Schriftstellern ist oft die Rede. Sie begleiten ihn auch als Handbibliothek, die Skármetas und Chatwins, Slocums und andere. In Montevideo resümiert Cees Nooteboom: "Meine Schiffsreise ist zu Ende. Im Dämmerlicht fahren wir über das totenstille Wasser... Ein letzter Abend... Abschied von Tänzerinnen und Zauberkünstlern, und dann das erste Morgenlicht in Borges' Stadt. Städte gehören hier den Schriftstellern. Ich bin von Neruda zu Onetti gefahren und von Onetti zu Borges und Gombrowicz, zu Ocampo und Bioy Casares und allen Dichtern dazwischen".

Der Leser, der mit diesem Buch auf Reisen geht, wird darin keine touristischen Tipps finden und keine Hinweise auf Sehenswürdigkeiten. Er muss sich auf die besondere Art von Reisebrichten einlassen - und wird es letztlich mit Gewinn tun. Cees Nootebooms wunderbaren Texte, wie immer hervorragend von Helga von Beuningen übersetzt, eignen sich deshalb auch als ein hervorragender Begleiter für virtuelle Reisen. Ihre Bildhaftigkeit seiner Schilderungen wird unterstützt durch die sehr schönen Aufnahmen von Simone Sasson.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 8, 2012 9:55 PM MEST


72 Jungfrauen
72 Jungfrauen
von Boris Johnson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf dem Wege ins Paradies, 30. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: 72 Jungfrauen (Gebundene Ausgabe)
So ganz neu ist das Buch, vor acht Jahren bereits in England erschienen, nicht. Jetzt endlich gibt es erfreulicherweise diese herrliche Slapstick-Komödie erstmals auf Deutsch. Und immer noch ist dieser Roman keineswegs "abgestanden", sondern ein außerordentliches Vergnügen.

Vergnügen? Geht es doch um einen terroristischen Angriff. Und so etwas ist doch wahrlich nicht zum Lachen. Doch! Denn geschrieben hat diesen Roman der etwas exzentrische Boris Johnson, mittlerweile Bürgermeister von London. Und der weiß, was er tut. Versteht er doch viel von Politik, von schnellen Autos, von klassischer Philologie. Manchmal und nicht ungern gebärdet er sich wie ein aristrokratischer Snob. Und ist dabei und so ganz nebenher ein intelligenter, ein sprachmächtiger Autor mit einem Hang zu Komödie und Komik. Und aus dieser Gemengelage heraus ist diese wunderbare Polit-Thriller-Satire entstanden.

Was ist geschehen? Ein Terroristen-Quartett von der "Brüderschaft der Zwei Moscheen" klaut einen Krankenwagen, mit dem es sich unter Leitung von Jones der Bombe quer durch London auf den Weg nach Westminister macht. Ziel ist ein terroristischer Anschlag auf das englische Parlament und sogenannten Ehrengästen, vor denen der amerikanische Präsident eine Rede halten wird. Natürlich ist dieser Präsident kein anderer als George W. Bush. Denn wir schreiben das Jahr 2001 ' einen Zeitpunkt, kurz nach dem Attentat 9/11, den die Möchtegern-Terroristen bewusst gewählt haben. Vespricht er ihnen doch ein anständiges Medienecho. Und bei Gelingen der Aktion den Einritt ins islamische Paradies, empfangen von zweiundsiebzig Jungfrauen - ein etwas fragwürdiger Lohn. Dass daraus so oder so nichts wird, ahnen nicht nur die Terroristen, sondern auch die Leser.

Profis sind die Vier: Jones, Dean, Haroun und Habib absolut nicht. Und auch die freiwilligen und unfreiwilligen Helfershelfer sind eher Laiendarsteller in Sachen Terrorismus. Mit dem Abgeordneten - very british - Roger Barlow hat Boris Johnson zudem einen Typus ins Spiel gebracht, den keiner ernst nimmt und der dennoch eine Art Hauptrolle spielen wird. So kommt es zu geradezu grotesken Szenen. Die Fahrt mit dem gestohlenen Krankenwagen gerät zu einer Art Höllenfahrt. Einig ist sich dieses Quartett auch nicht immer. Dennoch gelingt es auf oft sehr kuriose Weise, die großangelegten Sicherheitsmaßnahmen zu durchbrechen. Nicht zuletzt deshalb, weil konkurrierende Geheimdienste, unfähige Polizisten, arrogante und karrieresüchtige Parlamentarier dem Geschehen eher tatenlos zuschauen oder sich in die Hosen machen.

Schließlich haben die Vier den Präsidenten in ihrer Gewalt. Sie versuchen, eine weltweite Abstimmung über die Medien zu erreichen, durch die die Häftlinge von Guantanamo freigepresst werden sollen.

Das alles ist so aberwitzig, dass man aus dem Lachen und Staunen nicht herauskommt. Ohne dabei jedoch den ernsten Hintergrund zu übersehen. Komödie und Tragödie liegen nahe beieinander. Am Ende ist es ein wunderbares dramma giocoso. Und eine brillante Vorlage für einen Film.

Johnson ist ein hinreißend witziges und kluges Buch gelungen - mit unzähligen Anspielungen auf seinerzeit aktuelle Ereignisse. Gekonnt und dank eigener parlamentarischer und politischer Erfahrungen kenntnisreich decouvriert er einerseits den demokratischen Machtapparat, die allmächtigen Medien, die vermeintlich allwissenden und alleskönnenden Geheimdienste. Der US-Scharfshütze Prickel, dem im Irak-Krieg in die Hoden gebissen wurde, ist der ideale Vertreter diese Spezies. Johnson macht sich über sie lustig, ironisiert ihre Aktivitäten und Ansichten, macht sich ebenso lustig über das gängige Politikergeschwafel und political correctness und zeigt die Schwachstellen der Systeme auf.

Andererseits stellt Boris Johnson den islamistischen Terror an den Pranger, attestiert ihm Blindheit und immer auch ein wenig Dummheit, stellt Fragen nach der religiösen Motivation. Bei allem Witz, bei aller Situationskomik wahrt der Autor jedoch den Respekt vor dem Islam.

Boris Johnson erzählt in einem atemlosen, rasanten Tempo. Genau drei Stunden und dreiunddreissig Minuten dauert das Romangeschehen, minutiös belegt von 7:52 Uhr bis 11:25 Uhr. Die Slapstick-Einlagen sind ebenso witzig wie die Dialoge. Johnsons an der Wirklichkeit orientierter Einfallsreichtum ist phänomenal. Und so macht das Buch einfach nur Spass und Freude.


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