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Günter Nawe "Herodot" (Köln)
(TOP 500 REZENSENT)   

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Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder in Paris (Die Andere Bibliothek)
Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder in Paris (Die Andere Bibliothek)
von Johann Kaspar Riesbeck
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 99,00

20 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Kreuz und der Quere durch Deutschland, 1. November 2013
„Köln ... ist in jedem Betracht die abscheulichste Stadt von Deutschland" – so schrieb ein reisender Franzose in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts an seinen Bruder in Paris. Die Kölner werden dies und anderes, das der Autor über ihre Stadt schrieb, sicher nicht gern gehört haben – und nicht unbedingt hören wollen. Und dennoch sollten sie die Briefe des Johann Kaspar Riesbeck lesen. Sie bringen sich sonst um ein wunderbares Vergnügen.
Dabei war er gar kein Franzose, der diese Briefe schrieb, sondern der 1754 in Höchst bei Frankfurt/Main geborene Johann Kaspar Riesbeck. Er hatte Kontakt mit den aufklärerischen Strömungen seiner Zeit, verließ seine Heimat; er musste sie verlassen, weil er nicht nur mit einem Geistlichen eine Prügelei angezettelt, sondern weil er sich mit Hohn und Spott über den Klerus, über die Katholiken im Besonderen ausgelassen hatte. Er arbeitete dann als Übersetzer und Schauspieler in Salzburg und Wien. In Zürich wurde Riesbeck 1780 – nicht zuletzt auf Fürsprache von Goethe - erster Redakteur und Herausgeber der „Züricher Zeitung". Auch sie allerdings musste er wegen höchst despektierlicher Äußerungen bald verlassen. 1780 erschienen anonym seine „Briefe über das Mönchswesen" und 1783 anonym eine zweibändige Ausgabe der „Briefe eines reisenden Franzosen durch Deutschland", die ihn berühmt werden ließen. 1786 – nur 32 Jahre alt - ist Johann Kaspar Riesbeck einsam und verarmt in Aarau gestorben.
Riesbeck war ein absolut unangepasster Geist, der gut und gern als Aufklärer bezeichnet werden kann. Dies ist zu spüren in den „Reisebriefen", mit denen sich der Autor als ein exzellenter Vorläufer des Reisejournalismus zeigte. Und zwar auf höchstem literarischem Niveau. So waren seine „Briefe" von großem Erfolg und mit hohen Auflagen gekrönt, bis sie und ihr Autor Ende des 19. Jahrhunderts in Vergessenheit geraten sind.
Um so glücklicher können wir heute sein, dass der Verlag Die Andere Bibliothek diese Briefe in einem prachtvollen Folioband, hervorragend ediert und kommentiert und mit zeitgenössischen Stichen, Karten und Abbildungen wunderschön illustriert, wieder der literarischen Öffentlichkeit zugängig gemacht hat.
Und so lesen wir von den Wanderungen und Reisen des „Franzosen" die ihn „Die Kreuz und der Quere durch Deutschland", aber auch bis Dänemark, Österreich und Holland geführt haben. Riesbeck erzählt von Land und Leuten, von Sitten und Gebräuchen – teils lobend, teils tadelnd, aufklärerisch-kritisch, geistvoll und stilistisch brillant. Er schreibt nicht immer politisch korrekt, weiß den Witz zu gebrauchen und mit Ironie gekonnt umzugehen: er versteht es aber auch, einfach unterhaltend zu erzählen.
Ein großes Faible hatte er für Sachsen, dieses „herrliche Land", in dem die Menschen arbeitsam sind („ein fleißigeres Volk als die Sachsen habe ich noch nie gesehen"). Und: „Das Frauenzimmer ist durchaus vom schönsten Wuchs und den beseeltesten Gesichtszügen, munter, frei und witzig, und doch sanft, wohlgesittet und zum Hauswesen gebildet". Keine „Ausschweifungen" hat er – im Gegensatz zu den Bayerinnen und Österreicherinnen - bei den Sächsinnen bemerkt. Ausnahmen bestätigten aber auch hier die Regel. „Zu Prag fand ich ein sächsisches Fräulein von gutem Haus, das aus lauter Übermaß von Empfindsamkeit, wie es selbst mit Tränen gestand, und aus Mangel an Weltkenntnis ein sehr gemeines Mädchen ward".
„Weltkenntnis" fehlt dem Autor dieser Briefe zweifellos nicht. Und so lässt er sich kritisch über die politischen Verhältnisse aus, notiert er seine Erlebnisse mit Herrschenden und Beherrschten und seine Erkenntnisse über sie, prangert soziale Verhältnisse an. Er kennt sich in der Literatur und in der Philosophie aus - genau so wie er um die ökonomischen Zusammenhänge weiß. Sein journalistisches Credo: man müsse sich „in alle Klassen des Volks mischen, das man will kennen lernen", hat er hervorragend umgesetzt. So entstand ein farbenfrohes, ein belehrendes, ein höchst lebendiges und unterhaltendes, vor allem aber ungeschminktes Bild der Städte und Landschaften, in die und durch die er gereist ist. Und von den Menschen, die er getroffen hat. Seine Schilderungen sind Brief, Essay und Feuilleton. Er war eben ein Journalist – und zwar ein verdammt guter.
Leipzig gefiel ihm wohl, und auch das thüringische Weimar. Hier lobt er Wieland über den grünen Klee, und auch über Goethe, den er schon mal als „Bonmotist" bezeichnet, findet er nur Gutes zu sagen. Bei den „Literatoren", den „literarischen Kalmücken", kennt der Briefsteller sich ohnehin aus und charakterisiert sie mal spöttisch, mal freundlich. Ebenso wichtig und interessant war es ihm, von einer Schlägerei in einem bayrischen Wirtshaus zu berichten, bei der sich ein Pfarrer und mehrere Bauern mit Bierkrügen traktieren. Und nie hat er „mit mehr Empfindung getanzt" als bei einem Weinfest in Rüdesheim. Auch fand er überall einen Menschen, „an dem ich mein Herz wärmen kann".
Und so weiter: Berlin und Hamburg und München und der Odenwald, in dem er sich eines Sonnenaufgangs erinnerte, den „keine Zeit aus meiner Seele löschen wird". „Noch war alles bis zu den Gipfeln hin dickes Dunkel, und diese Ostgegend schien eine beleuchtete Insel zu sein, die zur Nacht auf dem schwarzen Ozean schwimmt." Weniger romantisch, dafür nüchterner geht es im reichen Preußen zu. Ausführlich beschäftigte sich Riesbeck mit Berlin, überhaupt der preußischen Wirtschaft insbesondere und konstatiert: „Wenn der geile Handel in den preußischen Staaten abgenommen hat, so hat dagegen die Industrie zugenommen. Man hat den augenscheinlichen Beweis davon an dem erstaunlichen Wachstum der der Städte und der Volksmenge."
In Hamburg gondelte unser „Franzose" auf der Alster. In Wien hatte er viel Freude an der Gastfreundschaft und wunderte sich, dass die „Frauenzimmern", und ihre guten Dienste bereits im Zimmerpreis inbegriffen waren. Überhaupt hängt hier alles „ganz an der Sinnlichkeit. Man frühstückt bis zum Mittagessen, speist dann zu Mittag bis zum Nachtmahl, und kaum wird dieser Zusammenhang von Schmäusen von einem trägen Spaziergang unterbrochen, dann geht's in das Schauspiel".
So ließ es sich leben. Ohne kritischen Diskurs geht es jedoch bei Riesbeck nicht. „Das Gute des Menschen entwickelt sich in gedrängten Gesellschaften ebenso leicht wie das Böse, und hat in den Augen des wahren Menschfreundes unendlich mehr Wert, als das Gute des Halbwilden, weil es nicht wie bei diesem die Wirkung eines fühllosen Instinktes, sondern mit mehr Bewußtsein und einem lebhaften Gefühl begleitet ist." Immer wieder setzte er sich auch mit Jean-Jacques Rousseaus „contrat social" auseinander, dessen eine und andere These er schon mal für lächerlich erklärt.
Klug und weise, kenntnis- und anekdotenreich sind die Briefe des Johann Kaspar Riesbeck. Er prangert religiöse Intoleranz an, notiert Liederlichkeit und Ungerechtigkeit. Seine Schilderungen sind plastisch. Seine Städte- und Landschaftsporträts vom Feinsten. Und: Riesbeck erzählt höchst unterhaltsam, „er will nicht nur als gelehrt gelten, sondern vor allem verstanden werden. Denn er hat eine politische Botschaft, die nicht Revolution und Umsturz der Verhältnisse heißt, sondern radikale Reform des Bestehenden." So die Herausgeber Heiner Boehnke und Hans Sarkowicz in ihrem Vorwort. Wie Riesbeck diese „Botschaft" allerdings herüberbringt, das macht ihn als Schriftsteller groß und sein Buch einzigartig.


Der Lüster
Der Lüster
von Clarice Lispector
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Leben ohne Ekstase, 9. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Lüster (Gebundene Ausgabe)
Sätze von makelloser Schönheit - langsam zu lesen, weil es jedes Wort wert ist, gelesen zu werden - und damit sich die Sätze erschließen. Es ist ein schwieriges Buch, ein literarisch höchst anspruchsvolles Buch. Das sei vorab gesagt - und beleibe nicht als Warnung, sondern eher als Aufforderung, sich der wundervollen Prosa der Clarice Lispector, wie sie sich im Roman "Der Lüster" darstellt, auszusetzen. In der bisher unveröffentlichten Erzählung „Heimliches Glück“ schreibt die brasilianische Autorin: „Ich war ganz benommen, und so nahm ich das Buch entgegen. Ich glaube, ich habe kein Wort gesagt. Ich nahm das Buch. Und nein, ich ging nicht hüpfend wie sonst davon. Ich ging mit ganz langsamen Schritten.“ So mag es dem Leser ergehen, der den Roman „Der Lüster“ in die Hand nimmt.

Clarice Lispector(1920 – 1977) gilt als eine der bedeutendsten literarischen Stimmen ihres Landes. Dieses Autorin – geboren als Tochter russisch-jüdischer Eltern in der Ukraine - floh mit ihrer Familie nach Brasilien. Sie studierte Jura, arbeitete als Journalistin und schrieb Romane, Erzählungen, Kinderbücher. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet. In Deutschland ist Clarice Lispector seit 1961 immer mal wieder veröffentlicht worden, hat sich aber so recht nicht durchgesetzt.

Deshalb bedurfte es wieder einmal einer Buchmesse, um auf diese herausragende Schriftstellerin aufmerksam zu machen. In dankenswerter Weise hat dies der Schöffling-Verlag getan, der im Frühjahr den Roman „Nahe dem wilden Herzen“, das Debüt der 25jährigen Autorin, herausgebracht hat. Und jetzt ist es der Roman „Der Lüster“, der literarisches Aufsehen erregt. Gleichzeitig gibt es die Biographie von Benjamin Moser, auch sie bei Schöffling erschienen, die uns Leben und Werk der Clarice Lispector näherbringt. Autobiographisch treffen wir die Autorin auch immer wieder in ihren Romane und Erzählungen. Sie, die zudem eine äußerst eindrucksvolle Frau gewesen sein muss. „Sie ist ein merkwürdiges Wesen, ohne Freunde und ohne Gott!“, sagte man von ihr. Und eine Frau, „die aussah wie Marlene Dietrich und schrieb wie Virginia Woolf.“.

Hélène Cixoux, die brillante französische Kollegin der Clarice Lispector, hat einmal geschrieben: „Clarice lässt uns das stille Atmen einer Rose erleben“. Und sie lobt ausdrücklich die Kraft ihrer Poesie. Wie sehr sie Recht hat, ist am Roman „Der Lüster“ nachzuprüfen und nachzuvollziehen.

„Ein ganzes Leben lang sollte sie fließend sein.“ Mit diesem Satz beginnt der Roman, der uns die Geschichte von Virginia erzählt. Fließend wie ein Bewusstseinsstrom beschreibt Clarice Lispector das Leben der jungen Virginia, die ihre Kindheit auf einem Landsitz erlebt – bei ihrer Großmutter und mit ihrem Bruder Daniel. Mit Daniel wird sie ein „Gesellschaft der Schatten“ gründen. Dieser mysteriösen „Gesellschaft“ sollte jedoch keine Dauer vergönnt sein. Aus der ländlichen Umgebung wird Virginia in die Stadt ziehen. Auch hier allerdings wird sie eine Art „Schattendasein“ führen. Sie wird Beziehungen eingehen, denn „Zu der Zeit war es bereits leicht zu lieben. Lieben war nun wirklich alt, die Idee hatte sich erschöpft zu Anfang ihres Lebens in der Stadt….“. Beziehungen, die ebenfalls nicht von Dauer sind; sie wird einsam sein und einsam bleiben, unabhängig und ganz in sich gekehrt und ganz versunken in eine selbstgeschaffene Innenwelt. Es ist eine sehr eigene Welt, in die hinein sich Virginia versetzt hat. „Nur so verband sie sich mit der Vergangenheit, an die ihr die Erinnerung fehlte. Gedächtnislos lebte sie schlichtweg ihr Leben ohne Ekstase…“.

Der Tod der Großmutter veranlasst sie, zurückzukehren in die Landschaft ihrer Kindheit und zu dem, was als Familie zu bezeichnen ist. Dies ist so etwas wie ein lebensverändernder Schock, der sie aus ihrem Schattendasein reißt und der Virginia zwingt, sich zu entscheiden, wohin sie gehört. Auch: Wer sie ist. Clarice Lispector hat sich für die damalige Zeit wagemutig der Erforschung des weiblichen Bewusstseins gestellt. Dennoch ist dieser Roman kein feministisches Manifest, sondern einfach brillante Literatur, Weltliteratur.

Das meiste, das in diesem Roman passiert, geschieht im Innern der Protagonistin. Wohl auch deshalb ist eine Verwandschaft mit Virginia Woolf zu sehen – und mit Franz Kafka. Insofern stellt „Der Lüster“ – geschrieben 1946 – eine Verbindung von brasilianischer Literatur mit der Literatur der europäischen Moderne her.

Die Lektüre dieses Buches hallt lange nach. Die Eigenwilligkeit des Sprachduktus’ ist von einem geradezu meditativen Charakter. Der Leser sieht sich einem aufgewühlten Innenleben gegenüber, das sich in einer Fülle wunderschöner Sätze und außergewöhnlicher Bilder öffnet. Der Titel des Romans „Der Lüster“ erklärt sich aus einer wundervollen Passage, die zugleich eine Art „Inhaltsangabe“ ist: „Aber der Lüster! Da war der Lüster. Der große Kronleuchter glühte weiß. Sie betrachtete ihn reglos, beunruhigt, als ahnte sie ein schreckliches Leben voraus. Dieses Dasein aus Eis. Einmal! Einmal, bei einem raschen Blick – versprühte der Kronleuchter Chrysanthemen und Freude….“. Und so wie der Lüster vesprüht auch dieser Roman „Chrysanthemen und Freude“.


Facing You (Touchstones Edition/Original Papersleeve) [Original Recording Remastered]
Facing You (Touchstones Edition/Original Papersleeve) [Original Recording Remastered]
Preis: EUR 7,49

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Klasse, 17. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sowohl Qualität und Preis als auch Service bestens - sehr zufrieden mit dieser CD. Mit Keith Jarrett und seiner Musik ohnehin.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 17, 2013 11:47 PM CET


Nacht ist der Tag: Roman
Nacht ist der Tag: Roman
von Peter Stamm
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Es ist alles noch da, nur ich bin weg", 3. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Nacht ist der Tag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2013 hat Peter Stamm es nicht geschafft. Doch über die Auswahl der Bücher, die für diesen Preis nominiert werden, kann man sich immer füglich streiten. Der neue Roman des Schweizer Autors hätte eine solche Nominierung, wenn nicht gar mehr, allerdings verdient.

„Das Spiel war zu Ende, sie war frei und konnte gehen, wohin sie wollte“, heißt es am Ende des Romans „Nacht ist der Tag“ von Peter Stamm; ein Shakespeare-Zitat und ein bedeutungsschwerer Titel, der einen schwierigen Weg aus der Finsternis, einen Weg aus der Vergangenheit ins Offene, in die Zukunft beschreibt.

Die bekannte Fernsehmoderatorin Gillian, eine schöne und erfolgreiche Frau, erleidet nach einer durchzechten Silvesternacht einen Autounfall, bei dem ihr Mann Matthias, mit dem sie sich zuvor noch gestritten hatte, ums Leben kommt. Sie selbst erwacht im Krankenhaus – mit einem völlig entstellten Gesicht. Wo einst ihre Nase war, klafft jetzt ein Loch. Gillian hat im wahrsten Sinne ihr Gesicht verloren. Statt jedoch unter diesem zum Teil selbst verantworteten Schicksalsschlag zusammenzubrechen, erfindet sich Gillian neu.

„Gillian hatte immer gewusst, …dass sie in Gefahr war, dass sie irgendwann bezahlen musste für alles.“ Jetzt hatte sie bezahlt. Ihr Job, ihre Eltern, Matthias gehörten zu einem anderen Leben. „Es ist alles noch da, nur ich bin weg.“ Ein zentraler Satz, mit dem sich Gillian tröstet, nachdem sie das bisherige Leben, ein Leben vor dem Unfall, in Rückblenden noch einmal Revue passieren lässt. Ein Leben, wie sie feststellt, dass „eine einzige Inszenierung war“. Ein falsches Leben im richtigen?

Zu diesem „falschen“ Leben gehörten die Accessoires der Wohlsituiertheit, gehörten Geld und alles das, was man sich dafür kaufen konnte, gehörten Ansehen und Erfolg. Hinter dem schönen Schein allerdings verbargen sich Leere, Beziehungsprobleme und eine Menge Selbstzweifel.

Peter Stamm erzählt diese Geschichte in einem fast lakonischen Ton, leise und ohne falsches Pathos. Damit erreicht er eine große Intensität, die den Leser beeindruckt. Ohne großartig zu psychologisieren, gelingt es dem Autor, seelische Tiefen auszuloten. Und da, wo er seine Hauptfiguren demaskiert, denunziert er sie nicht. Auf diese Weise ist dem Schweizer Autor, der längst – mit Romanen wie „Agnes“, wie „Wir fliegen“ und „Sieben Jahre“ - in die erste Riege deutschsprachiger Schriftsteller gehört, ein eindringliches Buch gelungen. Einschließlich einer maßvollen Kritik am Kulturbetrieb und einem kritischen Blick auf eine Gesellschaft, in die Gillian als eine außerordentliche Protagonistin eingebunden war.

So gehört zum falschen Leben im richtigen dieser Gillian auch die Bekanntschaft mit dem Fotokünstler Hubert, der Frauen auf der Straße anspricht, sie nackt fotografiert und danach malt. Auch Gillian lässt sich nach anfänglichem Zögern fotografieren. Zugleich entsteht daraus eine Beziehung mit Folgen. Ihr Mann Matthias findet diese Fotos zufällig, es kommt an dem schon zitierten Silvestertag zum Streit, der mit der Unfallfahrt endet.

So ist letztlich dieser Unfall eine Art Katharsis, eine Reinigung. Denn es werden nicht nur die Risse in der Oberfläche im bisherigen Leben deutlich, es werden auch die Defizite spür- und sichtbar, die Identitätskrise, unter der Gillian zu leiden hatte. Das aber alles war gestern und „Nacht ist der Tag“. - „Mehrmals halb erwachen und wieder wegdämmern, auftauchen aus dem Schlaf und zurücksinken in die Schwerelosigkeit… Trotzdem spürt sie, dass sie nicht allein ist. Die Zeit macht Sprünge. Als sie ein Rauschen hört, öffnete sie die Augen. Jetzt ist sie allein. An der Wand sind Reihen von Lichtpunkten, die vorher nicht da waren. Sie schließt die Augen, das Rauschen entfernt sich und verstummt“. – So Gillian nach dem Erwachen aus der Narkose.

Von da an beginnt das neue Leben. Noch hat sie eine Reihe von plastischen Operationen vor sich, noch muss sie den Weg finden in eine andere Wirklichkeit, zu ihren Eltern, zu einem neuen Beruf. Zu einer neuen Identität. Gillian bekommt ein neues Gesicht und einen neuen Namen. Aus Gillian wird Jill. Aus der bekannten Fernsehmoderatorin wird eine Entertainerin in einem Wellness-Hotel. Und die Beziehung zum Künstler und Liebhaber Hubert, der ebenfalls mit seinem bisherigen Leben so recht nicht zu Rande kommen wollte, lebt wieder auf. Alles dies „Lichtpunkte“ auf dem Weg in eine mögliche Zukunft. „Das Spiel war zu Ende. Sie war frei und konnte gehen, wohin sie wollte.“


Peter Kurzeck - der radikale Biograph
Peter Kurzeck - der radikale Biograph
von Erika Schmied
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 38,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Zuständig für die Einzelheiten der Welt", 2. August 2013
„Wir phantasieren und träumen gerade das, was wir nicht leben, eben weil wir es nicht leben, aber gern leben würden. Deshalb denken wir uns ein andres Leben aus.“ So der Schriftsteller Mario Vargas Llosa über Literatur. Ganz anders dagegen sein deutscher Kollege Peter Kurzeck. Er muss nicht die Phantasie bemühen, um zu erzählen. Er erzählt „die Zeit“, erzählt von Orten und Landschaften, von Städten und Straßen, erzählt von Tieren und Menschen, von Schönheit und Bitterkeit, von seinen Lebensstationen – er „erzählt“ auf nahezu radikale Art und Weise gelebte und abgelebte Zeit, „auf das nichts verloren gehe“. Ums Bewahren geht es ihm. Er, der mit dem Fluch eines grandiosen Erinnerungsvermögens geschlagen scheint, fühlt sich „zuständig für die Einzelheiten der Welt“.

Bewahrt hat Peter Kurzeck, der vor wenigen Wochen – am 10. Juni - 70 Jahre alt geworden ist, dies alles auf exemplarische Weise. Er hat es in einer großartigen autobiographischen Chronik getan: in „Vorabend“ und in „Oktober und wer wir selbst sind“ oder „Ein Kirschkern im März“ und in vielen beispiellosen und unvergleichlich schönen Hörbuchern (für Kurzeck gilt Schreiben und Sprechen gleich). Die Schauplätze seines Lebens werden literarische Topoi, sein Erzählen, mündlich und schriftlich, zu Literatur im besten Sinne.

Seit über fünfunddreißig Jahren schreibt Peter Kurzeck an seinem Erinnerungs- und Selbstvergewisserungswerk. Und das – wie Wieland Schmied in seiner Laudatio zur Verleihung des „Großen Literaturpreises“ 1999 formulierte – in einer einzigartigen Sprache. „Sie geht bis an die Grenze dessen, was Sprache überhaupt – in der Wiedergabe der Realität – zu leisten vermag“ (Schmied). Nicht ohne Grund hat man ihn als „deutschen Proust“ bezeichnet und immer mal wieder im gleichen Atemzug mit James Joyce genannt.

Diesem großartigen Autor ist unter dem Titel „Peter Kurzeck – Der radikale Biograph“ eine wunderbare Hommage gewidmet; eine Fotodokumentation, die uns Peter Kurzeck in Wort und Bild „vorstellt“. Rund einhundertdreißig Schwarzweiß-Aufnahmen in Zusammenhang mit klug ausgewählten Textpassagen aus dem monumentalen Werk entführen Leser und Betrachter zu den Lebensstationen Tachau und Staufenberg, Prag, Lollar, Frankfurt/Main, Bergen-Enkheim, wo er Stadtschreiber war, und Uzès; sie zeigen ihn mit Familie und Freunden. Zu sehen ist seine Tochter Carina, bisher nur in seinen Texten gegenwärtig, jetzt also auch im Bild. Ebenso die Familie und weitere Personen, die wir aus seinem Werk kennen. Und immer wieder Peter Kurzeck selbst – in sehr persönliche Aufnahmen von großer Eindringlichkeit.

Herausgegeben hat diesen schönen Band die Fotografin Erika Schmied, die unter anderem auch bekannt geworden ist durch ihre Porträts von Thomas Bernhard. Sie hat Orte und Schauplätze immer wieder aufgesucht, fotografiert und um Familienaufnahmen und Fotos von Ute Schendel ergänzt. Mit sehr interessanten Textbeiträgen zu einzelnen Lebensstationen bringen uns zudem Manfred Papst und Thomas Meinecke, Beate Tröger und Wieland Schmied sowie Wend Kässens im Gespräch mit Pater Kurzeck den Schriftsteller Peter Kurzeck näher.

Es gibt eine Passage aus dem Roman „Vorabend“, in der es – in typischer Kurzeck-Diktion - um ein Geburtstagsgeschenk geht: „Die Frau Vogel – Emmi. Elly, Marianne – weiß nicht nur, was das Geburtstagskind gern hätte, sondern auch, was die anderen schenken. Damit man nichts doppelt – aber will, mit anderen verglichen, auch nicht zu ärmlich dastehen. Im Notfall kann man immer eine Sammeltasse, schön und praktisch. Die Frau Vogel weiß von jedem Haus. Welches Porzellanmuster – Rosen, Zwiebel, blaue Blümchen und Goldrand.“

Peter Kurzeck dürfte dieser Band als „Geburtstagsgeschenk“ sicher sehr gefallen. Und dem Leser ebenfalls. Im übertragenen Sinne ist dieses wunderbare Buch „eine Sammeltasse… mit Goldrand“.


Claraboia oder Wo das Licht einfällt: Roman (Literatur-Literatur)
Claraboia oder Wo das Licht einfällt: Roman (Literatur-Literatur)
von José Saramago
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von der Vielfalt des Lebens, 30. Juni 2013
1998 erhielt José Saramago (1922 – 2010) den Literatur-Nobelpreis. In seiner Dankesrede erwähnte er seinen Großvater, der weder lesen noch schreiben konnte. Er hielt ihn dennoch für den weisesten Menschen, den er in seinem Leben kennengelernt habe. In dankbarer Erinnerung an diesen Jerónimo Hilário hat der Schriftsteller 1953 seinen ersten Roman „Claraboia“ geschrieben.

Einen Roman, der erst einmal überhaupt nicht veröffentlicht wurde. Er galt als verschollen – und nicht einmal Saramago könnte sich daran erinnern. Als er – durch einen Zufall - 1999 das Originalmanuskript wieder in den Händen hatte, nahm er sich allerdings sehr viel Zeit mit der Entscheidung, „Claraboia“ herauszugeben. Darüber starb José Saramago – am 18. Juni 2010. Jetzt können wir dieses meisterhafte Buch in der hervorragenden Übersetzung von Karin von Schweder-Schneider endlich lesen.

Dies die kleine Geschichte eines großartigen Buches. So großartig und bereits so meisterlich, trotz manch kleinerer Schwächen, dass er sich nahtlos in die Reihe der großen Bücher des portugiesischen Dichters einfügt.

„Er versucht, in Gleichnissen eine fliehende Wirklichkeit sichtbar zu machen.“, so das Nobelpreiskomitee 1998 über die Literatur von José Saramago. Gleichnishaft ist auch das Geschehen in „Claraboia“, in der eine „fliehende Wirklichkeit“ festgehalten wird. Und zwar durch das Oberlicht – und nichts anderes bedeutet claraboia -, das durch ein Dachfenster einfällt. Das genau ist auch die Position des Erzählers, der uns so auf die Schicksale, in die Lebenswelten der Bewohner eines Mehrfamilienhauses im Lissabon der 50er Jahre blicken lässt.

Schicksale, geprägt von Armut und realen und irrealen Ängsten und politischen Einflüssen in Zeiten der Salazar-Diktatur. Kleinbürger, kleine Selbständige, die Prostituierte Lidia, ein wenig anrüchig sympathisch, das Ehepaar Emilio und Carmen, aus deren anfänglicher Liebe ein Rosenkrieg geworden ist, die jungen Frauen Isaura und Adriana und ihre Tante Amélia, für die Kultur eine Art Lebenselixier geworden ist – ein Romanpersonal, an dessen Schicksal der Leser mit viel Empathie teilnimmt. Um Hass geht es und um Begehren, um Eheprobleme, ein wenig auch um Liebe und Kunst und vor allem um die alltägliche Not. Kurz um die Vielfalt von Leben und Welt.

Besonders im Gedächtnis mag der kluge Schuster Silvestre bleiben, ein philosophischer Kopf mit sokratischer Lust am Dialog, den er in aller Ausführlichkeit mit seinem Untermieter Abel führt. Sie versuchen, sich gegenseitig die Welt zu erklären – und lassen uns daran dank Saramago teilhaben.

Der Autor beschreibt diesen Mikrokosmos mit seiner später so sehr bewunderten Menschlichkeit, mit viel Mitgefühl und großem Gespür für die Sorgen seiner Helden, manchmal auch mit Wut, dann wieder lakonisch und sehr poetisch. Er hat Licht in diese kleine Welt gebracht und von der Vielfalt des Lebens erzählt. Auch wenn „der Tag, an dem es möglich sein wird, auf Liebe zu bauen“, noch nicht gekommen ist. Sicher wollte José Saramago bereits mit diesem Frühwerk schreibend die Welt verändern – zum Besseren. Es ist ihm mit „Claraboia“ sicher ein Stück weit gelungen.

Und so sollten wir uns zum Schluss dieser wärmsten Empfehlung den folgenden Satz des großen Dichters José Saramago zu Herzen nehmen: „Ein Mensch muss vor allem lesen, etwas oder soviel er kann, mehr soll man von ihm nicht verlangen, angesichts der Kürze des Lebens und der Vielfalt der Welt.“ Dieses Buch ist bestens dazu geeignet.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 24, 2013 12:18 PM MEST


Die Verfolgerin: Roman
Die Verfolgerin: Roman
von Gesina Stärz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,80

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Heute Nacht bin ich gestorben, 3. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Verfolgerin: Roman (Gebundene Ausgabe)
Was wäre, wenn…..man einfach einen Menschen töten würde. Einfach so – auf der Straße? Traum oder Albtraum – oder gar Wirklichkeit? Ein solcher Gedanke jedenfalls wird für Jossi zu einer Art Obsession. Dabei ist Jossi, Anfang vierzig, eine eigentlich recht unauffällige Frau, die in sogenannten gutbürgerlichen Verhältnissen lebt. Ihr Mann ist Kardiologe, die beiden Söhne studieren, sie verdient sich ihr Geld als Texterin.

Wäre da nicht… Von ihrem Mann, der im Roman nur als „der Ehemann“ oder „der Mann“ bezeichnet wird, fühlt sie sich nach zwanzig Jahren Ehe nicht mehr genügend beachtet, ja verlassen – und wird es letztendlich auch. Ihre Liaison mit Till ist mehr oder minder oberflächlich. Bleibt nur der Schmerz, das Unausgefülltsein. Am Ende hat der Leser ein großartiges Psychogramm einer Frau gelesen.

„Heute Nacht bin ich gestorben.“, heißt es zu Beginn des Romans. „Innerlich…..Der Mann neben mir im Bett hat geschnarcht… „. Ein Whiskey sour lässt „alle Zellen in mir in Schneekristalle“ verwandeln. Ich weiß nicht, ob ich das geträumt habe, aber ich fühlte mich besser, und etwas in mir wusste, dass dieser Zustand anhalten würde.“

Soweit also die „psychologischen“ Voraussetzungen in dem Roman „Die Verfolgerin“von Gesina Stärz. Die Autorin, sie ist in Sachsen geboren, lebt in München und hat mit „kalkweiss“ bereits 2011 einen beachtlichen und beachteten Roman veröffentlicht. Ihr gelingt es, in ihrem neuen Roman auf sehr subtile Weise, Fiktion und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, ein spannendes Geflecht von Traum und realem Erleben herzustellen.

Jossi „erfindet“ sich ein neues Leben außerhalb der bisherigen Lebenswirklichkeit. Sie verstrickt sich in die Gedankenwelten von Mörderinnen und Mördern, plant gedanklich den perfekten Mord. Motiv: Fehlanzeige. Ihre „Opfer“: Zufallsbegegnungen und Menschen, auf deren Gesichtern alle Empfindungen gelöscht sind. Sie wird zur „Verfolgerin“ – auf der steten Suche nach ihren Opfern.

Hier bekommt der Roman einen interessanten kriminalistischen Touch. Jossi recherchiert bis ins kleinste Detail eine Tötungsmethode, die keine Spuren hinterlässt. Ein Gift, das nicht oder kaum nachweisbar ist, wird über eine komplizierte Konstruktion durch einen Stock für das Opfer kaum wahrnehmbar injiziert wird.

Die „Planungen“ der Morde, die Recherche nach einem seltenen Gift, die Konstruktion der „Waffe“, die „Durchführung“ (Jossi hat 17 Morde begangen, und keiner hat es bemerkt) – dies alles steht in direktem Zusammenhang mit dem realen Leben der Verfolgerin. Nach außen sieht es so aus, als gelte der ganze Aufwand einem Romanprojekt. Familie, Freundinnen, der Liebhaber – sie alle werden auf raffinierte Art und Weise getäuscht. Alles andere bleibt offen. Fiktion oder Realität? Am Ende bekennt die Verfolgerin: „Ich wollte nicht, das der Ehemann geht. Ich wollte, dass er mich sieht, dass er mich spürt, dass er mir die Hand reicht.“. Gibt es hier doch das, was Psychologen und Kriminologen ein Motiv nennen.

Am Ende steht auch ein Satz, der diesen Roman in sprachlicher Hinsicht charakterisiert: „Ihr Ton ist sachlich und wirkt streng.“ Das gilt auch für Gesina Stärz’ Sprache, die fast emotionslos ist und wie ein Dossier gelesen werden kann. Die Spannung bezieht dieser interessante Roman aus der gelungenen Mischung von Traum und Wirklichkeit – und tieferer Bedeutung.


Über das Verbrennen von Büchern
Über das Verbrennen von Büchern
von Erich Kästner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 10,00

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „Ich übergebe der Flamme die Schriften von ... “, 10. Mai 2013
Am 10. Mai 1933 – also vor 80 Jahren - fanden auf dem Berliner Opernplatz und in 21 weiteren Städten in Deutschland Bücherverbrennungen statt. Ein barbarischer Akt, der ohnegleichen war. Und es sollte sich nur wenig später auf furchtbare Weise der Satz bewahrheiten: „Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen“.

„Ich übergebe der Flamme die Schriften von…“, klang es über den Berliner Opernplatz. Und es folgten die Namen von Heinrich Mann, Siegmund Freud, Theodor Wolff, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Bertolt Brecht, Irmgard Keun und vieler anderer bedeutender Schriftsteller. Die Liste ist erschreckend lang. Und Erich Kästner stand auch darauf.

„Hans Wilhelm und ich standen an der braunen Studentenmauer, die sich … gebildet hatte. Für den Höhepunkt der Veranstaltung aufbewahrte Pechfackeln wurden angezündet… war der Scheiterhaufen angezündet. … ‚Dort steht ja Kästner!“, rief plötzlich eine junge Frau… Ihre Überraschung, mich sozusagen bei meinem eigenen Begräbnis unter den Leidtragenden zu entdecken, war groß… Das war mir, muss ich bekennen, nicht angenehm.“ So der lakonische Augenzeugen-Bericht von Erich Kästner in dem kleinen Büchlein „Über das Verbrennen von Büchern“.

In diesem Band sind erstmals vier Texte versammelt, in denen Erich Kästner erzählt, was 1933 – und danach wieder – geschah, wie es geschah und warum es geschah. Und so ist dieses kleine Buch, sind diese Texte mehr als nur eine Erinnerung. Sie sind eine Mahnung. Denn: „Die Flammen dieser politischen Brandstiftung würden sich nicht löschen lassen“.

In der Tat: Die Flammen loderten weiter, Bücher wurden weiter verbrannt. Unter der Überschrift „Lesestoff, Zündstoff, Brennstoff“ erinnert Erich Kästner an eine Bücherverbrennung, die am 3. Oktober 1965 in Düsseldorf stattfand. Eine Jugendgruppe des „Bundes Entschiedener Christen“ verbrennt mit Genehmigung des Ordnungsamtes Bücher unter anderem von Günter Grass, Vladimir Nabokov, Albert Camus – und Erich Kästner.

Erich Kästners „Über das Verbrennen von Büchern“ ist mehr als ein Buch, das nur „aus gegebenem Anlass“ gelesen oder wieder gelesen werden sollte. Es ist eine Mahnung, die den Lesern permanent gegenwärtig sein müsste. Besonders im Sinne des „Wehret den Anfängen“. Auch dann, wenn Erich Kästner einen „Trost“ bereithält: „Mit solchen Methoden kann man zwar ein Volk vernichten, Bücher aber nicht. Sie sterben nur eines natürlichen Todes. Sie sterben, wenn ihre Zeit erfüllt ist. Man kann von ihrem Lebensfaden nicht eine Minute abschneiden, abreißen, absengen. Bücher, das wissen wir nun, kann man nicht verbrennen.“


Richard Wagner: Biographie
Richard Wagner: Biographie
von Martin Geck
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über die "Fülle des Lebens" - Richard Wagner, 2. Mai 2013
Es „wagnert“ allenthalben – aus Anlass des 200. Geburtstags von Richard Wagner am 22. Mai 2013. Nicht nur in den Opernhäusern dieser Welt, sondern auch bei den Verlagen. So sind schon mal einige durchweg interessante und lesenswerte Bücher erschienen wie „Mythos Wagner“ (Udo Bermbach), „Der Magier von Bayreuth“ (Barry Millington), Kerstin Deckers: „Wagner und Nietzsche“. Und Christian Thielemann bekennt ganz persönlich „Mein Leben mit Wagner“. Sie und mehr wollten und wollen diesem „schnupfenden Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter“ (Thomas Mann) auf die Schliche kommen. Diesem Genie, an dem sich die Geister scheiden, das bis heute polarisiert und das einst erst Freund dann Feind Friedrich Nietzsche hinterfragt hat: „Ist Wagner ein Mensch? Oder eine Krankheit?“

Nun – er mag das eine und das andere gewesen sein. Martin Geck geht es in seiner großen Wagner-Biographie jedenfalls nicht darum, Wagner auf die Schliche zu kommen, „sondern mir selbst und meiner Zeit“. Außerdem will Geck mit den üppig sprudelnden Wagner-Quellen sinnvoll umgehen und „…eine Brücke zu schlagen zwischen einstigen und gegenwärtigen Wagner-Diskursen…“.

Und dies ist Martin Geck, der nicht nur ein ausgewiesener Wagner-Spezialist ist, sondern auch mit einer epochalen Bach-Biographie, einer vielbeachteten Mozart-Biographie und einer bedeutenden Schumann-Arbeit Aufsehen erregt hat, bestens gelungen. Sein Ansatz ist die Fragestellung, was uns heute an Wagner fasziniert bzw. “Was treibt uns, wenn wir Wagner nahekommen oder uns von ihm abwenden?“ Und er bekennt: „Gehe ich, was Wagner betrifft, von meiner eigenen Wahrnehmung aus, so erlebe ich Faszination und Grauen in einem empfindlichen Gleichgewicht.“

So zeichnet sich dieses Buch durch eine sehr persönliche Note aus. Bei aller Gelehrsamkeit, bei aller wissenschaftlichen Akribie erfreut und erfrischt das Eingeständnis der Subjektivität und der Vorläufigkeit. Unter diesem Gesichtspunkten begibt sich der Autor auf den Weg durch das Werk des umstrittensten zugleich aber auch bedeutendsten Komponisten der letzten Jahrhunderte. Gesehen, gelesen, gehört vor dem Hintergrund seiner Zeit und im Spiegel der unseren. Das macht dieses Buch so lebendig und lesbar – gleichgültig wie der Leser zu Richard Wagner steht.

In diesem Sinne sind die einzelnen Kapitel dieser Biographie Programm. Von der „theatralischen Urszene: Von Leubald zu den Feen“ ist die Rede, von „’Tiefe Erschütterung’ und ‚heftige Umkehr’: Der fliegende Holländer“, vom Lohengrin als „Märchenstunde mit bösen Folgen“, vom Ring des Nibelungen „als Mythos des 20. Jahrhunderts“; “Eine prachtvolle, überladene, schwere und späte Kunst“ Die Meistersinger von Nürnberg; Auf ähnliche Weise ist von Tristan und Isolde („Eine mystische Grube zur Freude einzelner“) die Rede und vom Parsifal mit der schönen Überschrift: „Du wirst sehen, die kleine Septime war nicht möglich“.
Geck ist auf der Spur der Leitmotive im Leben Richard Wagners. Und alle Betrachtungen und Deutungen – sie sind durchweg philosophisch, musiktheoretisch und kulturhistorisch - der Werke stellt er immer auch in den Kontext der Lebensgeschichte Richard Wagners. Das betrifft den Künstler und den Revolutionär, den Schriftsteller und den Antisemiten, den ewigen Schuldner, ständig auf der Flucht vor seinen Gläubigern, der immer irgendwann auch Krach mit Freunden und Gönnern bekam, den Mann, der die Frauen liebte und immer wieder Probleme mit ihnen hatte. Richard Wagners Leben ist vergleichbar einem Opernlibretto – angefangen von der Geburt am 22. Mai 1813 in Leipzig bis zu seinem Tode am 13. Februar 1883 in Venedig. Denn: Bei Richard Wagner ging es immer ums Ganze, um „die Fülle des Lebens“ und um die Idee des Gesamtkunstwerks.

Martin Geck beschönigt bei aller Faszination am musikalischen Schaffen des Meisters aus Bayreuth nichts. Auch und vor allem nicht seinen Antisemitismus, der in dem Wagner’schen Pamphlet, in der unseligen Schrift „Das Judenthum in der Musik“ so erbärmlichen Ausdruck fand. Dabei war seine Haltung doch ambivalent. So zu den Juden in seinem direkten und indirektem Umfeld. In kleinen, sehr interessanten À propos wird diese Ambivalenz deutlich.

Martin Gecks Biographie fördert auf herausragende Weise Verständnis und vermittelt Erkenntnis. Auch letztlich dem Leser, der keine Noten lesen kann, von denen es – und das ist der einzige Einschränkung, die gemacht werden muss - allerdings einige gibt. Sie „erklären“ sich jedoch weitestgehend aus dem Text.

Nach der Lektüre wird auf jeden Fall auch leichter zu reden sein über Wagner und die Folgen in der Musik und über die Auswirkungen in der Politik bis in die heutige Zeit hinein.


Ein Sonntag auf dem Lande
Ein Sonntag auf dem Lande
von Pierre Bost
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Acht Mnuten vom Bahnhof entfernt, 14. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Ein Sonntag auf dem Lande (Gebundene Ausgabe)
Es ist ein Sonntag vor dem Ersten Weltkrieg, wie es schon viele seiner Art gab. Der Maler Urbain Ladmiral lebt auf dem Lande. Einst – in jungen Jahren – ein erfolgreicher und gefeierter Künstler, hat er sich – mittlerweile etwas aus der Mode gekommen – in ein Haus in der Nähe von Paris zurückgezogen. Ein nicht ganz glückliches Retíro, ein Ort des Rückzugs, in dem er der Vergangenheit nachtrauert, sich selbst bedauert Ladmiral ist ein Künstler, ein mehr oder weniger Ubriggebliebener, der mit seinen sechsundsiebzig Jahren die (Kunst-) Welt nicht mehr so ganz versteht oder besser: verstehen will.

Pierre Bost (1901-1975), ein bedeutender französischer Schriftsteller, hat diesen kleinen impressionistischen Roman „Ein Sonntag auf dem Lande“ – im Original: „Monsieur Ladmiral va bientôt mourir“ – im Jahre 1945 geschrieben. Gleichzeitig hat Bost mit diesem Buch Abschied von der Literatur genommen und sich nur noch dem Film gewidmet. Einen entzückenden Film hat auch Bertrand Tavenier hat aus Bost’s literarischen Kleinod unter dem Titel „Ein Sonntag auf dem Lande“ gemacht.

Jetzt endlich hat der rührige Dörlemann-Verlag, der sich einen Namen für besonders gute und schöne Bücher gemacht hat, diese Trouvaille, dieses kleine Juwel der Literatur, erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Und die Leser werden es ihm danken.

Abschied hat wie sein Schöpfer auch Monsieur Ladmiral genommen - von seinen Erfolgen, von seinem nun verblassten Ruhm. Dennoch geht er nach wie vor und Tag für Tag in sein Atelier, wo er er von seinen Erinnerungen lebt, von der „Suche nach der verlorenen Zeit“ und von der Einsicht „Ich hatte nur einen Fehler. Mir mangelte es an Mut.“ An Mut, andere, bessere Bilder gemalt zu haben, die ihm Nachruhm gesichert hätten.

Und irgendwie hat er auch sein Zeitgefühl verloren. So beharrt er störrisch darauf, dass sein Haus „acht Minuten vom Bahnhof entfernt“ liege. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Von dem Bahnhof aus, an dem Sonntag für Sonntag sein Sohn Gonzague mit seiner Familie ankommt. Ansonsten: Nichts passiert. Der Tag schleppt sich so dahin – und der Leser fühlt sich bei der Laktüre sehr an Tschechow erinnert.

Ewig die gleichen langweiligen Rituale: Man kommt an, Gonzague, der Sohn, redet über dies und das mit dem Vater, die Schwiegertochter absolviert den obligatorischen Kirchenbesuch, die Kinder spielen und die Haushälterin Mercèdés geht ihrer Aufgabe nach. Und dann wieder Abreise. Sonntag für Sonntag.

Bis an einem Sonntag die Tochter Iréne auftaucht. Sie, die Unangepasste, hat den Mut, dem Vater seine schlechten Bilder vorzuwerfen. Sie ist es, die auf dem Dachboden in einer alten Truhe schöne alte Stoffe entdeckt, als seien sie Zeugen einer besseren, einer lebendigeren Vergangenheit. Iréne, die zügellos lebt und das ganze Gegenteil des Bruders ist, der dem Vater nur nach dem Munde redet. Sie ist es, die der alte Maler liebt, der er letztlich alles durchgehen lässt, ihr sogar zustimmt, wenn sie sich kritisch äußert.

Das also "geschieht" an „einem Sonntag auf dem Lande“. Dann reisen alle ab, und der Maler ist wieder allein. Ankunft und Abschied - eigentlich nur dies. Den Abschied kommentiert Ladmiral mit dem schönen Satz: „Wie schön die aufkommende Nacht doch war. Die Farben waren bezaubernd, perlweiß und leicht granatrot, mit einem Band in Mandelgrün, das so gespannt war, als wäre es mit der Reißfeder gezogen. Man würde es nicht wagen, das zu malen.“

Pierre Bost erzählt die wunderbare und sehr feinsinnige, oft auch hintergründige Geschichte ganz leicht, mit einigen ironischen Brechungen und mit viel Empathie für seine Figuren. Er erzählt von „einem Sonntag auf dem Lande“, wie ihn der eine und andere Leser schon selbst erlebt haben mag. Hier aber wird dieser Sonntag zu einem literarischen Ereignis und zu einem faszinierendem Leseerlebnis.
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