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Hamlet
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The Drop - Bargeld
The Drop - Bargeld
von Dennis Lehane
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Man hat immer eine Wahl, 24. März 2015
Rezension bezieht sich auf: The Drop - Bargeld (Gebundene Ausgabe)
„The Drop. Bargeld“, Dennis Lehanes neuester Roman, ist das beste Beispiel für die gelungene Mehrfachverwertung eines literarischen Stoffs: am Anfang steht seine 2009 veröffentlichte Short Story „Animal Rescue“, die das Handlungsgerüst liefert, es folgt das Drehbuch zu dem Krimi-Drama „The Drop“ aus dem Jahr 2014 (unter Regie des Belgiers Michaël R. Roskam) mit den beiden Ausnahmeschauspielern Tom Hardy und James Gandolfini und schließlich im Nachgang das „Buch zum Film“, wobei man dies aber nicht gar zu wörtlich nehmen sollte, denn Lehane ist damit einmal mehr ein außergewöhnlicher Roman gelungen.

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist Bob Saginowski. Das Viertel, in dem sich die Kneipe befindet, in der er seit vielen Jahren hinter dem Tresen arbeitet, hat schon wesentlich bessere Tage gesehen und ist mittlerweile ein Tummelplatz für zwielichtige Elemente. Wie beispielsweise die tschetschenische Mafia, mittlerweile die Besitzer derselben, die dieses Etablissement als Zwischenstation bei ihren illegalen Geldgeschäften benutzt, wovon Bob zwar Kenntnis hat, was ihn aber nicht weiter tangiert.

Kurz nach den Weihnachtsfeiertagen ändert sich allerdings sein Leben dramatisch: zum einen wird die Bar überfallen, zum anderen rettet er einen Pitbull-Welpen aus einem Müllcontainer. Und dann kreuzt auch noch die schöne Nadia seinen Weg, das Liebchen des brutalen Kriminellen Eric…

Bob ist ein Protagonist, wie wir ihn fast in jedem Roman Lehanes finden. Er hat zwar auch seinen Leichen im Keller und arbeitet für die Mafia, ist aber tief drinnen ein Gutmensch mit einer hohen Moral. Und es bedarf nur eines kleinen Anstoßes, damit er sich dessen auch wieder bewusst wird und beschließt, das Richtige zu tun.

Dieser Zwiespalt, in der sich der Protagonist befindet, ist das eigentliche Thema in Lehanes Roman. Und um dies aufzuzeigen, benötigt der Autor nicht endlose Dialoge und Beschreibungen. Kurz und prägnant, sprachlich immer präzise zeigt er die Brüchigkeit seiner Figuren, die an einem Punkt ihres Lebens vor die Wahl gestellt werden. Gut oder böse, Leben oder Tod – und das meist in einer Umgebung, die in der Regel von Gewalt verschiedenster Couleur geprägt ist.

Atmosphärische und durchgehend spannend hat „The Drop“ etwas von einem altmodischen Mafiathriller – sehr empfehlenswert, wie alle Romane Dennis Lehanes.


Montecristo
Montecristo
von Martin Suter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 23,90

1 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Money makes the world go around, 24. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Montecristo (Gebundene Ausgabe)
Jonas Brands Traum heißt „Montecristo“, und das Drehbuch dazu hat er bereits in der Schublade. Denn er möchte den Dumas-Klassiker entstauben und in einer Neuverfilmung auf die Leinwand bringen – und damit in den Olymp der Filmschaffenden aufsteigen. Verständlich, verdient er bisher doch seine Brötchen als freischaffender Video-Journalist, der anspruchslose Beiträge für ein Lifestyle-Magazin dreht und einen Alltag ohne besondere Höhen und Tiefen lebt.

Doch dann überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Als Jonas Brand mit dem Zug nach Basel unterwegs ist, zwingt ein sogenannter Personenschaden den ICE zum außerplanmäßigen Halt im Tunnel. Ein Toter liegt auf den Schienen, offenbar ein Selbstmörder. Oder etwa doch nicht? In Ermangelung eines entsprechenden Objektivs kann Brand lediglich die Umgebung und die aufgescheuchten Fahrgäste um sich herum filmen, den Leichnam bekommt er nicht vor die Linse. Aus seiner Sicht bedauerlich, denn dafür hätte die Boulevardjournaille sicher einen größeren Geldbetrag locker gemacht.

Zuhause angekommen stellt er durch Zufall fest, dass zwei seiner Hundertfrankenscheine eine identische Seriennummer haben. Hat ihm jemand Blüten angedreht? Der Besuch bei einem Geldinstitut sollte ihn eigentlich beruhigen, denn der Banker versichert ihm, dass die Scheine echt sind. Aber Brands journalistische Neugier ist natürlich geweckt, denn eigentlich dürfte so etwas nicht vorkommen. Und so beginnt er mit Hilfe des Wirtschaftsjournalisten Max Gantmann seine Nachforschungen und setzt damit eine Lawine von Ereignissen in Gang, die den einen oder anderen Kopf und Kragen kosten wird…

Die Verflechtungen von Politik und Finanzwesen - es ist ein höchst aktuelles und auch publikumswirksames Thema, das Martin Suter in seinem neuen Thriller „Montecristo“ behandelt. Spätestens seit der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 ist die Nähe von Politikern zu Bankern und Börsenhändlern offensichtlich. Unzählige Privatleute wurden in den Ruin getrieben, wohingegen den angeschlagenen Banken mit von Politikern abgesegneten finanziellen Rettungsprogrammen unter die Arme gegriffen wurden, sodass schon im gleichen Jahr wieder erstaunlich hohe Bonuszahlungen ausgeschüttet wurden. Ethik und Moral ist für diese Menschen ein Fremdwort.

Was wünschst du dir am meisten? Ich kann es ermöglichen, wenn du im Gegenzug die Füße still hältst. Genau nach diesem Motto agieren in Suters „Montecristo“ diejenigen, die die Fäden in den Händen halten und so ihre Gegner korrumpieren und mundtot machen. Aber klappt das immer?

Im Nachwort bedankt sich der Autor bei diversen Größen aus der Finanzwelt, was vermuten lässt, dass die beschriebenen Ereignisse stark von der Realität inspiriert sind und so jederzeit passieren könnten. Es ist ein realitätsnaher und gerade deshalb hochspannender Stoff, den Suter hier wie immer in geschliffener Sprache bearbeitet. Und er zeigt einmal mehr, dass persönliche Moral und Integrität in den meisten Fällen für kleines Geld zu kaufen ist.

Lesen - unbedingt!


Die Chroniken von Downton Abbey: Eine neue Ära
Die Chroniken von Downton Abbey: Eine neue Ära
von Jessica Fellowes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Oben und Unten in Downton Abbey, 20. März 2015
Wie bereits der Vorgänger „Die Welt von Downton Abbey“ ist der aktuelle Bildband des englischen Autorenduos Jessica Fellowes und Matthew Sturgis „Die Chroniken von Downton Abbey“ sehr schön anzuschauen und auch sehr informativ – ein wunderbares Geschenk für jeden Fan, der sich nicht nur für die Handlung sondern auch für die zeitliche Verortung der Serie interessiert.

Nicht nur, dass die einzelnen Mitglieder von Herr- und Dienerschaft ausführlich porträtiert werden; nein, es gibt noch jede Menge Hintergrundinformationen, die die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der damaligen Zeit beschreiben und manch seltsam anmutendes Verhalten ins rechte Licht rücken. Wobei sowohl in der Serie als auch in diesem Bildband der Schwerpunkt eher auf den persönlichen Befindlichkeiten und den Gefühlen der Akteure als auf der historischen Komponente liegt. Aber auch diese kommt nicht zu kurz und wird durch Abbildungen verschiedenster Utensilien wie Tickets, Küchengegenstände oder modische Accessoires veranschaulicht.

Diese Oben und Unten, wie es bereits in der filmischen Darstellung zelebriert wird, setzt sich auch in diesem Bildband fort. Aber wie schon in der Serie nähern sich auch hier die Autoren ihren Personen mit respektvollem und niemals anbiederndem Verhalten. Der Mikrokosmos Downton Abbey wird aus einer distanzierten Perspektive betrachtet und entsprechend kommentiert.

Interessante Informationen und wunderschöne Bilder in einer hochwertigen Ausgabe vereint, mit der man Gesehenes rekapitulieren und bei Bedarf vertiefen kann.


Wiener Wunder: Kriminalroman
Wiener Wunder: Kriminalroman
von Franzobel
  Broschiert
Preis: EUR 17,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wir werden keine Freunde..., 19. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Wiener Wunder: Kriminalroman (Broschiert)
In letzter Zeit gibt es vermehrt renommierte Schriftsteller, die ihr Herz für den Kriminalroman entdecken und einen Ausflug in dieses Genre unternehmen. Man denke nur an den Iren John Banville, der unter dem Pseudonym Benjamin Black seine mehr oder weniger gelungenen Romane um den Pathologen Quirke veröffentlicht. Wenn nun ein österreichischer Autor, der sowohl mit dem Bachmann- als auch mit dem Schnitzler-Preis ausgezeichnet wurde, ähnliches versucht, darf man auf das Resultat gespannt sein.

Hauptfigur in „Wiener Wunder“ von Franzobel ist der Wiener Kommissar Falt Groschen, ein moppeliger, ab an an recht grantiger Mitvierziger, der eines Tages eine mysteriöse Nachricht erhält, nach der in den kommenden Tagen ein getarnter Mord geschehen soll. Und es kommt, wie es kommen muss – gerade erst ist es etwas ruhiger um den des Dopings überführte 400-Meter-Läufer Edgar Wenninger geworden, schon sorgt sein tödlicher Sturz aus dem vierten Stock für neue Schlagzeilen. Selbstmord, oder etwa doch nicht?

Viele Gründe sprechen dafür, gerade dann, wenn man die gesellschaftliche Ächtung, die familiären Probleme und die finanzielle Misere des Hochleistungssportlers berücksichtigt. Aber Kommissar Groschen hat so seine Zweifel und stürzt sich, wenn auch eher gemächlich, in die Ermittlungen, bei denen er von seinen Assistenten Zakravsky und Zwilling mehr oder weniger tatkräftig unterstützt wird.

Es ist offensichtlich, dass Franzobel seine Klassiker gelesen hat: Aufbau und Verlauf der Krimihandlung erinnern sehr an die Romane einer Agatha Christie, bis hin zu der Versammlung aller Verdächtigen in einem Raum sowie der Aufzählung sämtlicher Motive, die zum Tod des Athleten hätten führen können. Allerdings vergeht dann doch noch einige Zeit, bis der wahre Schuldige gefunden ist. Es stellt sich die Frage, ob dieses Spielen mit Klischees einfach nur konventionell oder aber, was ich eher vermute, eine Parodie auf das Genre ist.

Der Autor ist zwar bekannt für seinen eher unkonventionellen Umgang mit Sprache, aber selbst ein geübter Leser gerät immer wieder ins Stocken, wenn er sich durch die vielen Halbsätze sowie die wörtliche Rede ohne Punkt und Komma kämpfen muss, ganz zu schweigen von den „sprechenden Namen“, die allesamt aufgesetzt wirken, und mir zu keinem Zeitpunkt ein Lächeln entlocken konnten.

Zu behäbig, zu bieder - nein, wir werden keine Freunde, der Herr Franzobel und ich…


Das Tudor-Komplott: Band 2 - Historischer Roman
Das Tudor-Komplott: Band 2 - Historischer Roman
von Christopher W. Gortner
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Neues vom Spion der Königin, 19. März 2015
Mary Tudor, Tochter von Henry VIII. und der in Ungnade gefallenen Katharina von Aragon, ist ihrem verstorbenen Bruder Edward VI. auf den englischen Königsthron nachgefolgt. Sie hängt fanatisch dem Katholizismus an und verfolgt alle Andersgläubigen mit unglaublicher Härte – nicht umsonst erhält sie den Beinamen „Bloody Mary“.

Zu den Feierlichkeiten anlässlich ihrer Krönung ist auch ihre Halbschwester Elizabeth eingeladen, was deren Anhänger bei Hofe in höchste Alarmbereitschaft versetzt, fürchten sie doch um das Leben der protestantischen Thronfolgerin. Aber auch aus anderer Richtung droht Gefahr, denn Queen Marys geplante Vermählung mit dem spanischen Prinzen legt die Vermutung nahe, dass einflussreiche Drahtzieher Elizabeth am liebsten aus dem Weg schaffen würden, um einem Kind aus dieser Verbindung den Weg zum Thron zu ebnen.

William Cecil, heute würde man sagen der Geheimdienstchef, aktiviert Brendan Prescott, einen seiner Spione, stattet ihn mit einer falschen Identität aus und schickt ihn an den Tudor-Hof nach London, wo er die Vorgänge und Intrigen zum Vorteil Elizabeths beobachten und nutzen soll. Eine Herausforderung für Prescott, der als Doppelagent Informationen der einen für die Sicherheit der anderen Seite sammeln und verwenden muss. Dass sein Auftrag nicht einfach ist, merkt er spätestens dann, als Elizabeth des Hochverrats beschuldigt wird und ihr Leben nur noch an einem seidenen Faden hängt…

„Das Tudor-Komplott“ ist nach „Die Tudor-Verschwörung“ der zweite Band der historischen Romane des Amerikaners Christopher W. Gortner mit seinem Protagonisten Brendan Prescott, dem Spion am englischen Hofe. Wenn man sich bereits mit der Historie dieser Epoche auseinandergesetzt hat – was allerdings für die Lektüre nicht unbedingt erforderlich ist – wird man feststellen, dass der Autor im Vorfeld einen immensen Rechercheaufwand betrieben haben muss.

Wer eine schwülstige Liebesgeschichte erwartet, wird enttäuscht sein. Stattdessen bekommt man detaillierte Beschreibungen des höfischen Lebens, verbunden mit korrekten biographischen Daten der historisch verbrieften Personen und Ereignisse, die diese Ära der englischen Geschichte lebendig werden lassen. Im Kontrast dazu bekommt man aber auch einen Eindruck, wie das Alltagsleben in London zur Zeit der Tudors aussieht, das nicht nur aus farbenprächtigen Roben und üppiger Verschwendung, sondern aus Lumpen, Hunger und Gewalt besteht.

Natürlich kann man „Das Tudor-Komplott“ unabhängig von Band 1 lesen, aber zum besseren Verständnis, vor allem dann, wenn man sich noch nicht mit der englischen Renaissance auseinandergesetzt hat, scheint es mir sinnvoller, den Vorgänger zu kennen.

Mitte Juli erscheint der dritte Band der Reihe unter dem Titel „Die Tudor-Fehde“ bei Goldmann – ich freue mich auf die neuen Abenteuer des Spions der Königin.


Wir sind nicht wir: Roman
Wir sind nicht wir: Roman
von Matthew Thomas
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Entwaffnend ehrlich - großartig!, 18. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Wir sind nicht wir: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Wir sind nicht wir“, das Debüt des amerikanischen Autors Matthew Thomas, kommt im Gewand eines klassischen Familienromans daher, in dessen Zentrum anfangs das Leben einer irischen Einwandererfamilie in einem Armenviertel in den fünfziger Jahren in New York steht. Das Geld ist immer knapp, und da ihre Mutter hochgradig alkoholabhängig ist, muss Eileen bereits in jungen Jahren Verantwortung übernehmen und den Alltag der Familie bewältigen. Wer will es dem Mädchen verdenken, dass sie diesen Verhältnissen um jeden Preis entkommen möchte?

Sie träumt von einem Leben in gesicherten Verhältnissen, einem Mann, der ihr den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht, einem schönen Haus und einem Kind. In Edmund Leary, einem junger Neurowissenschaftler, scheint sie den geeigneten Kandidaten gefunden zu haben. Sie heiraten, und als ihr Sohn Connell geboren wird, ist das Glück der kleinen Familie komplett. Aber der Wunsch nach Höherem beherrscht Eileen weiterhin.

Die Jahre gehen dahin, alles scheint seinen „normalen“ Gang zu gehen. Und doch stellt sich im Lauf der Zeit heraus, wie fragil persönliches Glück ist. Wünsche erfüllen sich nicht immer, denn manchmal ist es das Leben, das dem Leben dazwischen kommt. Zuerst sind es nur Kleinigkeiten in Eds Verhalten, die seltsam sind und Frau und Sohn auffallen, aber sie mehren sich. Bis dann ein Mediziner die Diagnose stellt, die alles verändert…

Matthew Thomas erzählt eine Geschichte, die den Leser im Innersten berührt. Er schreibt nüchtern und klar, vermeidet große Emotionen, die sich aber gerade deshalb im Verlauf des Romans Bahn brechen. Thomas kennt die Situation, in der sich seine Protagonisten befinden aus eigenem Erleben, da sein Vater, wie Ed in „Wir sind nicht wir“, in der Mitte seines Lebens an dem gleichen Leiden erkrankt ist, das alles für alle verändert.

Stellenweise scheint es, als ob der Autor sein eigenes Verhalten, das der Familie sowie des Freundeskreises während dieser schwierigen Jahre in seinem Erstling reflektiert. Aber er wertet nicht, sondern überlässt die Entscheidung darüber dem Leser.

Unsentimental und entwaffnend ehrlich– ein großartiger, beeindruckender Roman!


Ismaels Orangen: Roman
Ismaels Orangen: Roman
von Claire Hajaj
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Große im Kleinen, 18. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Ismaels Orangen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Man kann davon ausgehen, dass Claire Hajaj in ihrem Debüt „Ismaels Orangen“ ein Stück weit die Geschichte ihrer eigenen Herkunftsfamilie beschreibt. Sie selbst trägt von jedem ihrer Protagonisten etwas in sich, ist ihr familiärer Hintergrund ebenfalls von der jüdischen und der palästinensischen Kultur geprägt. Und natürlich darf man auch die europäischen Einflüsse nicht vergessen, wurde die Autorin doch in England geboren und lebte dort auch viele Jahre.

Die Handlung setzt im Jahr 1948 ein. Salim-Al-Ismaeli ist ein siebenjähriger Junge, dessen palästinensische Familie in Jaffa ansässig ist und vom Orangenanbau lebt. Es ist eine Familientradition, dass zur Geburt eines Kindes ein Orangenbaum gepflanzt wird, dessen Früchte dieses eines Tages ernten darf. Salim ist dies leider nicht vergönnt, denn in den Jahren 1947/48 eskalieren die Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern, was schlussendlich dazu führt, dass Salims Familie ihr Land verlassen muss. Bis der Junge erwachsen ist, folgen mehrere Schicksalsschläge wie der Tod des Vaters oder das Verschwinden der Mutter. Außer dem Orangenhain gibt es nichts mehr, was ihn hält, und so ergreift Salim die sich ihm bietende Gelegenheit und verlässt seine Heimat in Richtung England, wo er studieren möchte.

Dort lernt er Judith, eine junge jüdische Frau kennen und lieben. Ein Araber und eine Jüdin? Undenkbar! Aber obwohl sie gegen die verschiedensten Widerstände kämpfen müssen, lassen sie sich nicht beirren, heiraten und bekommen Kinder. Aber auch hier hat Salim mit Vorurteilen zu kämpfen, die ihm die Tage vergällen. Dazu besinnt er sich mit zunehmendem Alter auf seine arabische Herkunft, den Stolz und die Suche nach Anerkennung, die ihm jedoch verwehrt wird. Auf der Suche nach einer neuen Heimat folgen Umzüge nach Kuweit und Beirut, doch auch hier wendet sich Salims Schicksal nicht zum Guten…

Es ist eine ganz spezielle Romeo und Julia-Geschichte, die Claire Hajaj mit „Ismaels Orangen“ geschrieben hat. Am Beispiel der Beziehung zwischen dem Palästinenser Salim und der Jüdin Judith zeigt die Autorin die verschiedensten Facetten des Nahost-Konflikts auf. Es stellt sich die Frage, ob die Verbindung der beiden die kulturellen Unterschiede verkraftet.

Die Autorin wirbt für Verständnis der beiden Lager und animiert hoffentlich ihre Leser dazu, sich etwas intensiver mit dem Nahost-Konflikt zu beschäftigen. Wenn man dann diese Informationen mit dem Verhalten Salims in Beziehung setzt, erkennt man ganz schnell, dass sich die Problematik schlicht und ergreifend auf die von beiden Lagern beanspruchten Territorien reduzieren lässt. Ob sich hier nicht eine Lösung finden lässt, die dieser Region endlich Frieden bringt?

Claire Hajaj verbindet die Lebensgeschichte ihrer Romanfigur mit einem politischen Thema, das dem Leser (hoffentlich) einige Denkanstöße mit auf den Weg gibt. Zur Lektüre empfohlen!


True Crime
True Crime
von Sam Millar
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen On the brinks, 11. März 2015
Rezension bezieht sich auf: True Crime (Gebundene Ausgabe)
Auf Sam Millar wurde ich durch die Karl Kane-Reihe aufmerksam und musste feststellen, dass die Lebensgeschichte des nordirischen Autors wesentlich spannender als so mancher Thriller ist. Niedergeschrieben hat er diese in seiner Autobiographie „On the brinks“, die nun glücklicherweise unter dem Titel „True Crime“ in deutscher Übersetzung vorliegt.

Geboren 1955 in Belfast, Mutter katholisch, Vater protestantisch. Die Religion an sich spielt keine große Rolle in seinem Leben, aber deren politische Auswirkungen (Nordirland-Konflikt) auf das tägliche Leben in seiner Heimatstadt schon. Die Schule verlässt er zum frühestmöglichen Zeitpunkt und jobbt fortan im Schlachthof. Seine Freizeit verbringt er mit seinen Kumpels in einer Jugendgruppe der IRA. Am 30. Januar 1972 nimmt der Siebzehnjährige an einer Demonstration für Bürgerrechte in Derry teil, die völlig aus dem Ruder läuft, als britische Soldaten in einem katholischen Stadtteil in die Menge schießen und 13 Menschen töten. Die Erlebnisse am „Bloody Sunday“ prägen Sam Millar nachhaltig und radikalisieren ihn.

Seine Beteiligung an Aktionen der IRA bringt ihm 1973 den ersten Gefängnisaufenthalt ein, 1976 folgt der zweite, den er in „Her Majesty’s Prison Maze“, auch Long Kesh genannt, mit einer Vielzahl politischer Gefangener absitzen muss. Er schließt sich den „Blanket Men“ an und überlebt den Hungerstreik von 1981, der zehn Freunde das Leben kostet. Demütigungen, Misshandlungen und Folter sind an der Tagesordnung, Long Kesh ist die Hölle, hier herrschen Zustände wie in Guantanamo – die Gefangenen sind aller Rechte beraubt und werden wie Tiere behandelt.

1983 werden die Proteste eingestellt und ein Ausbruch vorbereitet, bei dem schlussendlich 38 Mithäftlingen die Flucht gelingt. Im gleichen Jahr wird Sam Millar entlassen und reist 1984 mit der Hilfe seines Freundes Tom über Kanada in die USA ein. Er verschafft sich eine falsche Identität und fängt an, sich ein neues Leben aufzubauen. Es sind die verschiedensten Jobs, legal und illegal, die er ausübt, und die ihm den Lebensunterhalt sichern.

Bis er eines Tages seinen Kumpel Tom auf der Arbeit besucht – und dieser arbeitet bei Brinks, dem Unternehmen, das Geldbeträge in unglaublicher Höhe befördert. Die Sicherheitsvorkehrungen der Firma sind mangelhaft, was Millar sofort registriert. Und so reift der Plan, der im Januar 1993 mit dem Raub mehrerer Millionen Dollar endet. Aber lange können sich Sam und seine Komplizen nicht an dem Geld freuen, denn das FBI ermittelt fix und verhaftet ihn im November des gleichen Jahres. Allerdings kann man ihm den Raub nicht zweifelsfrei nachweisen, und so geht er „nur“ für den Besitz des Geldes ins Gefängnis, wobei er einen Teil der fünfjährigen Haftstrafe in den USA, und den Rest in Belfast verbüßt. 1997 wird er entlassen, baut sich dann eine Existenz als Schriftsteller auf und wurde mittlerweile mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Im Innersten berührt haben mich vor allem die Beschreibungen seiner Jahre in Long Kesh. Ich bin gleichaltrig und erinnere mich noch gut an die Berichterstattung in den Medien, die Mitglieder und Sympathisanten der IRA als skrupellose Kriminelle bezeichneten, aber kein Wort über das Verhalten der britischen Truppen in Nordirland verlauten ließen. Und über die Haftbedingungen in „Her Majesty’s Prison“ wurde schon überhaupt nicht berichtet.

Ich habe große Hochachtung vor Sam Millar, den das Ausgeliefertsein, die bitteren Erfahrungen, die er damals machen musste, nicht gebrochen haben. Er hat überlebt und ist Mensch geblieben, sensibel, wenn Unrecht geschieht, aber auch zornig gegenüber jenen, die ihre Ideale für einen politischen Posten verkauft haben. Militant ist er nur noch im übertragenen Sinn, denn mittlerweile sind Worte seine stärksten Waffen.


Galveston
Galveston
von Nic Pizzolatto
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,00

5.0 von 5 Sternen Die Brüchigkeit der Existenz, 9. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Galveston (Gebundene Ausgabe)
„Galveston“ von Nic Pizzolatto startet, wie man es von einem Roman dieses Genres erwartet. Roy Cady, Anfang vierzig, Trinker, Geldeintreiber, Schläger und Killer, erledigt für einen Mobster in New Orleans die Drecksarbeit. Die Brüchigkeit seiner Existenz zeigt sich, als er erfährt, dass er an Lungenkrebs leidet und seine Freundin mit seinem Boss rummacht. Dieser wiederum will in aus dem Weg haben und schickt Cady zu einem Auftrag, bei dem er gekillt werden soll.

Er kommt fast ungeschoren aus dieser Sache raus, hat aber ab diesem Zeitpunkt Rocky am Hals, die sich, gerade mal den Kinderschuhen entwachsen, als Prostituierte versucht und dort ihren ersten Job hat. Roy hat Mitleid mit ihr, so wie er auch mit einem geprügelten Hund Mitleid hätte – also nimmt er sie mit. Und dann geht’s los in Richtung Texas.

Dieser Zusammenschluss ist alles andere als konfliktfrei, aber funktioniert im Großen und Ganzen. Auch dann noch, als Rocky den Umweg über ihr ehemaliges Zuhause machen will, um dort ihre kleine Schwester aufzulesen, und dieses blutig endet.

Im Küstenstädtchen Galveston angekommen, mieten sich die drei Gefährten in einem heruntergekommenen Motel ein, in dem sie erstmal zur Ruhe kommen. Aber das soll nicht lange dauern, und jeder Leser weiß, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann und wird.

Wie bereits in der HBO-Serie „True Detective“, für die Nic Pizzolatto das Drehbuch geschrieben hat, merkt man auch in diesem Roman, dass der Autor dann sein ganzes Können ausspielen kann, wenn es darum geht, seine brüchigen Figuren zu zeichnen, für die der amerikanische Traum ein Märchen ist. Alle träumen von einem besseren Leben, werden aber immer wieder von einer Realität eingeholt, die ihnen schmerzlich zeigt, dass all ihr Sehnen vergebens ist. Melancholie durchzieht jede Seite dieses außergewöhnlichen Romans, der von geplatzten Träumen und dem Wachsen am Scheitern erzählt.

Neu erfunden hat Pizzolatto meiner Meinung nach den Noir nicht, aber er ist auf gleicher Höhe wie die von mir sehr geschätzten Autoren Daniel Woodrell und Donald Ray Pollock.


Orange Is the New Black: Mein Jahr im Frauenknast
Orange Is the New Black: Mein Jahr im Frauenknast
von Piper Kerman
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Sieht so der Alltag in einem amerikanischen Gefängnis aus?, 9. März 2015
Piper Kerman ist ein „All American Girl“ aus einer Familie der Ostküsten-High Society. Nach ihrem Collegeabschluss 1992 hat sie keine Pläne, sie jobbt mal hier, hilft mal dort aus, hat aber keine konkrete Vorstellungen darüber, was sie mit ihrem Leben anfangen möchte. Als sie die einige Jahre ältere Nora kennenlernt, kommt eine gehörige Portion Thrill in ihr Leben, denn diese gesteht ihr, dass sie für einen internationalen Drogenring arbeitet. Und damit beginnt eine aufregende Zeit in Pipers Leben: Partys, mondäne Orte und jede Menge Reisen von A nach B, bei denen sie für diese Organisation die monetären Erlöse aus dem Drogenhandel schmuggelt.

Aber auch diese Episode, bei ihr verbucht unter „Jugendsünde“, ist irgendwann abgeschlossen, und sie lebt mit ihrem Verlobten ein „normales“ Leben in New York – bis 1998 die Polizei an ihre Tür klopft und sie verhaftet. Es folgt ein Gerichtsverfahren und die Verurteilung zu einer Haftstrafe, die sie schließlich 2004 in einem Bundesgefängnis in Danbury, Connecticut antritt. Nach ihrer Entlassung 2005 fasst sie sofort wieder Fuß und veröffentlicht 2010 ihre Hafterlebnisse unter dem Titel „Orange is the new black“, die 2013 erfolgreich als Serie verfilmt wird.

Wer sich einen ungeschönten Einblick in den Alltag eines amerikanischen Frauengefängnisses erhofft, sollte ein anderes Buch als den autobiografischen Bericht von Piper Kerman wählen. Die Haftanstalt in Danbury scheint eher ein „Gefängnis light“ zu sein, in dem die Insassen relativ viele Freiheiten haben. Man kann hier mit seiner persönlichen Bibliothek einrücken, und auch was die Anzahl der externen Besucher angeht, scheinen die Vorschriften eher moderat zu sein.

Dazu kommt, dass Kerman als weiße, gebildete Upper Middleclass-Amerikanerin nicht unbedingt der typische Häftling ist, was man ihren Schilderungen auch anmerkt. Ich hatte immer wieder den Eindruck, dass die Autorin Feldforschung betreibt und ihre Beobachtungen aus der Distanz niederschreibt.

Und wenn man ihr Glauben schenkt, sind auch ihre Mithäftlinge allesamt friedfertige Engel, die keiner Fliege etwas zuleide tun und nur durch die Verkettung unglückseliger Umstände im Gefängnis gelandet sind. Das gleiche Verhalten legt sie auch an den Tag, wenn es darum geht, ihre eigenen Verfehlungen zu bewerten. Für sie sind es lässliche Jugendtorheiten, nicht weiter schlimm – von Schuldbewusstsein keine Spur. Warum auch?

Man kann nun darüber philosophieren, wie die Geschichte geendet hätte, wäre Piper Kerman Afroamerikanerin gewesen. Ob sich dann der Gefängnisaufenthalt auch so lukrativ hätte vermarkten lassen? Wohl kaum!


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