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Hamlet
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GB84: Roman
GB84: Roman
von David Peace
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,80

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sixteen tons and what do you get..., 24. März 2014
Rezension bezieht sich auf: GB84: Roman (Gebundene Ausgabe)
Zwanzig Jahre sind seit dem „Miner’s Strike“ vergangen, den der aus Yorkshire stammende David Peace in seinem beeindruckenden Roman „GB84“ beschreibt, aber noch immer spürt man die Wut des Autors über die Ereignisse, die im März 1984 ihren Anfang nehmen, als Ian McGregor, Vorsitzender des National Coal Board, die Schließung unrentabler und die Privatisierung der verbliebenen Zechen ankündigt. Dass dabei Arbeitsplätze im großen Stil vernichtet werden, steht außer Frage, und so beginnt in den folgenden Tagen in den Kohlerevieren Nord- und Mittelenglands der Streik der Bergarbeiter, der mehr als ein Jahr dauern und die englische Gesellschaft nachhaltig verändern wird.

Grund dafür ist der harte Kurs, den die „Eisernen Lady“ Maggie Thatcher und ihre Schergen gegen die Gewerkschaften fahren, deren Entmachtung und anschließende Zerschlagung oberste Priorität hat. Dabei gibt es kein Erbarmen, es wird mit äußerster Härte vorgegangen, seien es nun die körperlichen Auseinandersetzungen in den Straßenschlachten oder das Streichen von finanziellen Unterstützungen, die in erster Linie die Familien der Bergleute treffen. Thatcher treibt nicht nur einen, sondern viele Keile in die Gesellschaft, demonstriert absolute Härte und nimmt bewusst die Verelendung einer Klasse in Kauf, um ihre politischen Ziele durchzusetzen.

All dies beschreibt David Peace in seinem unnachahmlichen Stil, der reale Fakten und Personen mit Fiktionalem vermischt, wenn es die Dramaturgie erfordert. Eingeteilt ist der Roman in dreiundfünfzig Kapitel, für jede Woche der Streikdauer eine, deren Konstante eingangs die Schilderungen der beiden Streikposten Martin und Peter sind, die an den verschiedensten Stellen eingesetzt werden.

Der Romantext an sich setzt sich aus unzähligen Bruchstücken zusammen, in denen sowohl Regierungstreue als auch Gewerkschaftler im Zentrum stehen, wobei aber auch die letztgenannten keine Heiligen sind und sich korrumpieren lassen - in „GB84“ gibt es Schwarz und Weiß, aber vor allem gibt es jede Menge Grau.

David Peace hat mit seinem Werk den streikenden Bergarbeitern der Jahre 1984/85 ein Denkmal gesetzt. „GB84“ ist ein wichtiges Buch, fast eine Sozialreportage, führt es uns doch auf literarische Weise die menschenverachtende Politik einer neoliberalen Regierung vor Augen, die bis heute nicht nur in Großbritannien nachwirkt. Hart bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus, oft kaum zu ertragen und selbst für geübte Leser wegen der eingesetzten Stilmittel eine Herausforderung - aber jede einzelne Zeile ist die Mühe wert!


Totenfrau: Thriller
Totenfrau: Thriller
von Bernhard Aichner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

11 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannung auf höchstem Niveau, 23. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Totenfrau: Thriller (Gebundene Ausgabe)
Noch bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurden die Verstorbenen entweder von ihren Angehörigen oder von Gemeindemitgliedern für die Bestattung vorbereitet. Mittlerweile ist daraus ein florierender Geschäftszweig geworden, in dem auch Blum, die Protagonistin in Bernhard Aichners neuestem Thriller „Totenfrau“ tätig ist.

Brünhilde, genannt „Blum“ wächst als Adoptivkind im Haushalt eines Bestatter-Ehepaares auf und lernt bereits als Kind den professionellen Umgang mit Leichen. Nach dem Tod ihrer Eltern übernimmt sie deren Geschäft, heiratet Mark, einen Polizisten und bekommt zwei Töchter. Blum ist mit ihrem Leben zufrieden, sie ist glücklich – bis zu dem Tag, an dem sie mitansehen muss, wie Mann bei einem Unfall mit seinem Motorrad ums Leben kommt. Der Unfallverursacher kümmert sich nicht um Mark sondern begeht Fahrerflucht, und Mark stirbt noch an der Unfallstelle.

Blum trauert und hadert mit ihrem Schicksal, war Mark doch ihr Seelenverwandter und Lebensmittelpunkt. Als sie dann auch noch durch Zufall herausfindet, dass ihr Mann einflussreiche Feinde hatte, die seinen Tod wollten, hat sie plötzlich mehr Fragen als Antworten und beginnt auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen – denn die Verantwortlichen müssen für Marks Tod bezahlen. Auge um Auge…

„Totenfrau“ unterscheidet sich sehr von anderen Publikationen dieses Genres und ist ein höchst außergewöhnlicher Thriller, den der österreichische Autor Bernhard Aichner geschrieben hat, wobei das jetzt nicht meint, dass ich den Österreichern morbide Phantasien unterstelle. Aber etwas schräg ist Blum, die ungewöhnliche Protagonistin, die buchstäblich über Leichen geht, dann doch.

Der Autor hält den Blick auf das Wesentliche gerichtet und konzentriert sich auf die Emotionen und die Innenwelt seiner Personen. Er verzichtet auf füllendes Beiwerk, was diesem Thriller einerseits eine hohe Intensität und Tempo verleiht, andererseits aber das eine oder andere Mal den Leser auch verstört, weil kaum Zeit zum Durchatmen bleibt.

Erhalten, ausgepackt, angefangen zu lesen und nicht mehr aufgehört - Aichner hat mit „Totenfrau“ einen Pageturner geschrieben, der mich von Anfang an fasziniert und in seinen Bann gezogen hat. Spannung auf höchstem Niveau, und deshalb volle Punktzahl!


Teufelsgrinsen: Ein Fall für Anna Kronberg
Teufelsgrinsen: Ein Fall für Anna Kronberg
von Annelie Wendeberg
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

1 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Anna und Sherlock - ein ungewöhnliches Team!, 19. März 2014
Wenn eine Mikrobiologin einen Kriminalroman schreibt, kann man fast davon ausgehen, dass das eine oder andere Thema, welches ihr übliches Arbeitsgebiet streift, kompetent darin verarbeitet wird. So auch in Annelie Wendebergs neuem Roman, bei dem das titelgebende „Teufelsgrinsen“ ein Symptom bzw. der Gesichtsausdruck von Tetanus-Infizierten ist, die sich auf der Schwelle des Todes befinden.

Infektionskrankheiten sind 1889 ein großes Thema in London, dem Handlungsort dieses Romans. Durch den unkontrollierten Zuzug von Menschen aus den umliegenden Landstrichen platzt die Stadt aus allen Nähten. Die Wohnsituation und die Lebensbedingungen der einfachen Leute sind katastrophal, es fehlt an allem. Was es aber im Übermaß gibt, ist Not und Elend. Und natürlich brechen auch immer wieder die verschiedensten Krankheiten und Seuchen aus.

Experte auf diesem Gebiet ist der Bakteriologe Dr. A. Kronberg, wobei das A. offiziell für Anton steht. In Wirklichkeit verbirgt sich aber dahinter Anna, eine höchst intelligente und selbstbewusste junge Frau, die diese Maskerade benutzt, damit sie ihrer Berufung folgen kann. Zu dieser Zeit ist es Frauen noch immer verwehrt, Medizin zu studieren und den Arztberuf auszuüben, deshalb auch Annas Heimlichtuerei. Und gerade die Engstirnigkeit der akademischen Welt stellt die Autorin sehr glaubhaft dar.

Im Sommer wird in einem Londoner Wasserwerk ein offenbar mit Cholera infizierter Toter entdeckt, und um den Befund zu verifizieren ruft Scotland Yard Dr. Kronberg zu Fundort. Ebenfalls dort anwesend ist in beratender Funktion Sherlock Holmes, der sich mit Anna nicht nur hitzige Wortgefechte liefert, sondern auch ihre Identität entlarvt. Aber er bewahrt Stillschweigen. Und als die Obduktion des Toten Erschreckendes zu Tage fördert, beginnen Holmes und Kronberg gemeinsam zu ermitteln…

Annelie Wendeberg hat eine interessante Personenkonstellation für ihren Krimi gewählt: zum einen das durch verschiedene literarische Texte und Filme allen Lesern bekannte Superhirn Sherlock Holmes, zum anderen die Figur der Dr. Anna Kronberg, die ihren individuellen Weg gegen die Unterdrückung und Benachteiligung der Frauen in dieser Zeit gefunden und einen untypischen beruflichen Werdegang hinter sich hat, und es, nicht nur was die Intelligenz angeht, locker mit Holmes aufnehmen kann.

Das viktorianische London bietet natürlich eine grandiose Kulisse für einen historischen Kriminalroman, der auch die gesellschaftlichen Zustände kritisch betrachtet und in die Handlung einarbeitet, passend dazu auch die Verweise auf Kriminalfälle im 19. Jahrhundert wie z. B. den der Leichenräuber/Mörder Burke und Hare, die in Edinburgh ihr Unwesen treiben.

„Teufelsgrinsen“ ist ein temporeicher, stimmungsvoller und mit Dialogwitz geschriebener Krimi mit zwei höchst interessanten Protagonisten, von denen ich gerne mehr lesen möchte.


Das Haus am Hyde Park: Roman
Das Haus am Hyde Park: Roman
von Monica McInerney
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Ein Familienroman im besten Sinne, 18. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Haus am Hyde Park: Roman (Taschenbuch)
„Das Haus am Hyde Park“ gehört Professor Lucas Fox und bietet den unterschiedlichsten Menschen Obdach. Und es wird auch zum Zufluchtsort für die junge Australierin Ella O’Hanlon, nachdem ihr Kind bei einem Unfall ums Leben kommt. Die Verantwortung für dieses Unglück sieht sie bei Aidan, dessen Gegenwart sie auch darum nicht mehr erträgt.

Ihr Onkel Lucas möchte die Wogen glätten, weiß er doch um ihre tiefe Liebe zu Aidan, und macht Ella deshalb den Vorschlag, eine Auszeit in London zu nehmen. Er geht davon aus, dass ihr der Tapetenwechsel gut tut, und ihr der räumliche Abstand auch dabei hilft, die innere Distanz zu Aidan zu überwinden.

Aber es ist nicht nur Lukas, der sich um seine Nichte sorgt. Auch Jess und Charlie, Ellas Halbgeschwister, unternehmen alle Anstrengungen der Welt, um ihr aus ihrer Trauer zurück ins Leben zu helfen.

Die australische Autorin Monica McInerney, die seit geraumer Zeit mit ihrem Mann in Irland lebt, ist bekannt für ihre gefühlvollen Familiengeschichten. In „Das Haus am Hyde Park“ beschreibt sie die Auswirkungen, die der Verlust eines Kindes nicht nur auf dessen Eltern, sondern auch auf die näheren Familienmitglieder hat. Es ist eine Geschichte von Verlust und Trauer und von Liebe und Vergebung.

Die Autorin erzählt die Geschichte von Ella und ihrer Familie sehr lebendig, wobei die traurigen Momente immer wieder durch humorvolle Beschreibungen gebrochen werden und die Grundstimmung deshalb nicht ins Depressive abdriftet. Die Personen sind durchgängig sehr sympathisch gezeichnet und deren Umgang mit Ellas und auch der eigenen Trauer wirkt glaubwürdig. Dafür sind mit Sicherheit auch die wechselnden Erzählperspektiven verantwortlich, die nicht nur die jeweiligen Seelenzustände sondern auch Episoden aus dem täglichen Leben der Familienmitglieder beschreiben.

„Das Haus am Hyde Park“ ist ein Familienroman im besten Sinne, warmherzig und dem Thema angemessen sensibel erzählt.


Blutwind: Thriller
Blutwind: Thriller
von Jakob Melander
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Keine Gefahr für Jussi Adler-Olsen, 17. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Blutwind: Thriller (Taschenbuch)
„Blutwind“ ist das Debüt des Dänen Jakob Melander, der in seiner skandinavischen Heimat in erster Linie als Rockmusiker bekannt ist. Und es gibt bereits Stimmen, die in ihm bereits den neuen Jussi Adler-Olsen sehen.

Es sind drei verschiedene Handlungsstränge, auf denen „Blutwind“ aufbaut: Zum einen ist da die Frauenleiche am Strand von Kopenhagen, eine Prostituierte, der beide Augäpfel entnommen und deren Körper mit einer ungewöhnlichen Konservierungsflüssigkeit „haltbar“ gemacht wurde. Aber das ist erst der Anfang. Dann hält eine Reihe von äußerst brutalen Vergewaltigungen die Stadt in Atem, wobei die Opfer allesamt zuvor einen speziellen Nachtclub besucht hatten. Und zu guter Letzt geht es um ein Familiengeheimnis aus der Vergangenheit, das bis in die Gegenwart hineinreicht und mit den Morden in Beziehung steht. Aber das finden Lars Winkler von der Mordkommission und die Polizistin Sanne Bissen er im Laufe ihrer Ermittlungen heraus…

Jakob Melanders Protagonist Lars Winkler unterscheidet sich kaum von den Polizisten, die wir aus den Kriminalromanen/Thrillern nicht nur der bekannten skandinavischen Autoren kennen - mich hat er streckenweise an Ian Rankins John Rebus erinnert: Seine Ehe ist kaputt, er hat eine Vorliebe für Classic Rock, war früher ein Punk, geht konsequent gegen alle Widerstände seinen Weg, ist eher unkonventionell, was die Methoden angeht, hat Probleme mit seinen Vorgesetzten – alles in allem eher Typ „Einsamer Wolf“, aber ein begnadeter Ermittler mit einer hohen Erfolgsquote.

„Blutwind“ ist zwar kein Pageturner, aber dennoch ein solider Thriller. Aber, und hier sind wir auch schon an dem Punkt, an dem meine Kritik ansetzt, ich hatte während des Lesens immer wieder das Gefühl, einzelne Teile der Story und auch das Personal bereits zu kennen. Es wirkte, als ob der Autor diverse Punkte unbedingt einarbeiten wollte und diese dann während des Schreibens abgehakt hätte.

Und so hat Jakob Melander mit „Blutwind“ das Rad nicht neu erfunden, sondern dann doch einen eher konventionellen Krimi geschrieben, der aus der Masse leider nicht heraussticht.


In Almas Augen: Roman
In Almas Augen: Roman
von Daniel Woodrell
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wenn der Schwarze Engel tanzt..., 16. März 2014
Rezension bezieht sich auf: In Almas Augen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der amerikanische Autor Daniel Woodrell wird gerne als der Erfinder des Southern bzw. Country Noir bezeichnet und ist ein Chronist, der seine Leser, wie bereits in „Winters Knochen“ und „Der Tod von Sweet Mister“, auch in seinem neuesten Roman „ In Almas Augen“ an dem Alltag in den Ozarks, Missouri teilhaben lässt. Woodrells Schilderungen haben glücklicherweise aber nichts mit den idyllischen Beschreibungen der deutschen Regio-Krimis gemein, sondern beschreiben schonungslos das Leben und Sterben, das Elend, die Bigotterie und die geplatzten Träume der Menschen, die oft schon seit Generationen in diesem Landstrich leben. Diesen Menschen setzt er mit seinen Romanen ein Denkmal.

Auch Daniel Woodrell kommt von dieser Gegend nicht los und ist mittlerweile wieder in West Plains, Missouri heimisch geworden. In einem Interview mit Dwyer Murphy für „Guernica“ führt der Autor aus, dass „In Almas Augen“ ein reales Ereignis zugrunde liegt und er ein stückweit die Historie seiner Familie, in diesem Fall seiner Großmutter, eingearbeitet hat.

Alma deGeer Dunahew kennt ihren Platz im Leben. Sie arbeitet als Dienstmagd im Hause des Bankiers Glencross in der Kleinstadt West Table, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen und das Leben der meisten Bewohner von Armut und Entbehrung geprägt ist. Ihre Schwester Ruby erwartet mehr vom Leben, aber das einzige Pfund, mit dem sie wuchern kann, ist ihr gutes Aussehen, das sie auch nicht zögert, bei ihren zahlreichen Männerbekanntschaften einzusetzen.

Im Frühsommer 1929 vergnügt sie sich, wie der Großteil der Bevölkerung in der Arbor Dance Hall beim Tanz, aber jener Abend endet in einer Brandkatastrophe, die nicht nur Ruby, sondern auch weitere zweiundvierzig Menschen das Leben kosten wird. Die nachfolgenden Untersuchungen des Unglücks liefern die unterschiedlichsten Ergebnisse, aber es scheint, dass niemand aus den verschiedensten Gründen daran interessiert ist, den Schuldigen zu entlarven.

Lediglich Alma geht gegen das kollektive Schweigen vor, denn sie möchte den Tod ihrer Schwester gesühnt wissen, aber ihre Nachforschungen werden nicht gerne gesehen. Sie ist traumatisiert, wird zur Außenseiterin, verliert fast den Verstand, und es braucht eine lange Zeit, bis sie das Geschehene verarbeitet hat und ihrem Enkelsohn erzählen kann.

Der Autor lässt seine Protagonistin nicht linear erzählen, sie springt in einer langen Zeitspanne vor und zurück, wobei immer wieder andere Ausschnitte des Lebens in den Ozarks gezeigt werden. Biografisches mischt sich mit historischen Fakten, wobei lediglich Bruchstücke aneinandergereiht werden. Aber genau das macht Woodrells meisterhaften Stil aus, der es dem Leser überlässt, die Leerräume zu füllen. Jedes einzelne Wort wird aufgesaugt, und so reichen ihm 188 Seiten völlig aus, um nicht nur Alma eine Stimme zu geben, sondern auch das Soziogramm dieser Kleinstadt in den Ozarks zu erstellen.

Daniel Woodrell ist ein Ausnahmeerzähler, und wie alle seine bisherigen Romane ist auch „In Almas Augen“ ein klarer Favorit für mein Buch des Jahres!


Die Heilerin von San Marco: Historischer Roman
Die Heilerin von San Marco: Historischer Roman
von Marina Fiorato
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Die "Serenissima" und der Schwarze Tod, 12. März 2014
Marina Fiorato ist in Venedig geboren (lebt aber mittlerweile in London) und hat Geschichte, Kunst und Literatur studiert. Beste Voraussetzungen also, wenn eine Autorin historischer Romane schreibt, deren Handlungsorte fast ausschließlich in Italien zu finden sind.

Wir schreiben das Jahr 1576, als sich das Leben der jungen Feyra für immer ändern soll. Diese ist in Konstantinopel im Sultanspalast Topkapi als Heilerin tätig, als sie von einer Sterbenden mit einer schwierigen Aufgabe betraut wird. Sie soll nämlich an Bord eines Schiffes gehen, das nach Venedig segelt, um die Pläne des machthungrigen Sultans Murad zu vereiteln. Dieser streckt bereits die Hände begehrlich nach der Lagunenstadt aus und bringt deshalb den „Schwarzen Tod“ nach Venedig, um die Verteidigungslinien zu schwächen.

Die Seuche breitet sich rasant schnell aus und der Doge gibt deshalb den Bau einer monumentalen Kirche in Auftrag, da er die Pest als Strafe Gottes ansieht und diesen gnädig stimmen möchte. Feyra ist da wesentlich realitätsorientierter und sucht den Kontakt zu dem Mediziner Annibale Carson, dem sie auf der Pestinsel bei der Betreuung der Erkrankten hilft. Während der gemeinsamen Arbeit kommen die beiden sich näher, aber nicht nur Feyra, sondern auch Annibale hat Geheimnisse.

Marina Fiorato schreibt vornehmlich für die weibliche Leserschaft, weshalb in ihren Romanen immer eine außergewöhnliche Frauenfigur im Mittelpunkt der Handlung steht und eine Romanze natürlich auch nicht fehlen darf. Aber, und da kommt die Historikerin durch, als Ausgangspunkt für ihre Geschichten nimmt sie reale Ereignisse, wie die Pestepidemie in „Die Heilerin von San Marco“, und zusätzlich auch noch historische Persönlichkeiten, in diesem Fall Andrea Palladio, den bekannten Baumeister.

Des Weiteren fügt sie viele Details aus dem Alltag und dem Leben der damaligen Zeit ein, sodass sich während der Lektüre Bilder der von dem „Schwarzen Tod“ gebeutelten „Serenissima“ im Kopf des Lesers festsetzen und man einen Eindruck nicht nur von den Lebens- sondern auch von den Sterbensumstände in diesen Wochen bekommt.

Die Autorin erzählt faktenreich und spannend mit großem emotionalen Engagement und dem Gespür für das richtige Timing – wem der Sinn nach einem schönen Schmöker steht, kann hier beruhigt zugreifen und wird nicht enttäuscht werden!


Blutiges Echo
Blutiges Echo
von Joe R. Lansdale
  Broschiert
Preis: EUR 16,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lansdale, wie wir ihn kennen und lieben!, 11. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Blutiges Echo (Broschiert)
Harold „Harry“ Wilkes wird seit einer Krankheit in Kindertagen von gruseligen Visionen geplagt, die ihn immer dann heimsuchen, wenn er sich an einem Ort befindet, der mit einem tragischen Ereignis verknüpft ist. Die Szenarien, die sich dann vor seinem inneren Auge abspielen, werden immer wieder durch bestimmte Geräusche ausgelöst. Den Qualen, die er dabei erlebt, versucht er mit der Hilfe von Alkohol zu entkommen, was natürlich ein Trugschluss ist. Rettung naht in Form von Tad Peters, einem ehemaligen Martial Arts Kämpfer, der seine Familie bei einem tragischen Unfall verloren hat und nun ebenfalls glaubt, seine Probleme in Hochprozentigem ertränken zu können.

Harry rettet ihn vor einer Tracht Prügel, sie kommen ins Gespräch, freunden sich an, verbringen viel Zeit miteinander und lösen sich allmählich aus der Alkoholsucht. Dabei wird Tad zu Harrys Mentor und gibt ihm ein spirituelles Instrumentarium an die Hand, mit dem er die Veranlagung, die ihn seit Jahren quält, beherrschen kann.

Eines Tages taucht Harrys Sandkastenliebe Kayla auf und bittet um seine Hilfe bei der Aufklärung eines Todesfalles, der sie persönlich hart getroffen hat, denn der Tote ist ihr Vater. Obwohl sie als Polizistin arbeitet, kommt sie im Zuge ihrer Ermittlungen nicht voran und vertraut darauf, dass Harrys Fähigkeit, in die Vergangenheit blicken zu können, ihr weiterhilft. Aber es stellt sich heraus, dass auch Harry von Kaylas Bitte profitiert…

„Blutiges Echo“ ist kein typischer Roman, wie wir ihn von Joe R. Lansdale kennen, dafür sind einfach zu viele Mystery-Elemente in die Handlung eingearbeitet. Des Weiteren fehlen in der Geschichte fast komplett die geografischen Bezüge, denn üblicherweise spielt in den Romanen auch Ost-Texas und die Eigenheiten der dortigen Bevölkerung eine nicht unbedeutende Rolle.

Nichtsdestotrotz findet man dennoch in „Blutiges Echo“ genau das, wofür der Autor steht: Kurze Kapitel, prägnante Sätze, die sich auf das Wesentliche beschränken, den subtilen Humor, detailliert beschriebene Charaktere und eine temporeiche Handlung, die durch zahlreiche Cliffhanger zum Weiterlesen animiert – kurzum: doch ein echter Lansdale!


Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat: Roman
Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat: Roman
von Gavin Extence
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Anrührend, aber nie kitschig, 10. März 2014
Auf „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“ des englischen Autors Gavin Extence wurde ich durch den für einen Roman doch eher ungewöhnlichen Titel aufmerksam.

Dieses literarische Debüt beschreibt die Freundschaft zweier Außenseiter: Da ist zum einem der titelgebende Alex Woods, ein Nerd im Teenager-Alter, dessen Passion im Allgemeinen die Wissenschaft und im Besonderen die Astronomie ist. Als Zehnjähriger überlebt er den Einschlag eines Meteoriten, der durch das elterliche Hausdach bricht und ihm eine schwere Kopfverletzung einbringt. Seine Mitschüler beäugen ihn wegen seines familiären Hintergrunds seit jeher misstrauisch und verspotten ihn, was sich natürlich durch diesen Vorfall noch verstärkt.

Er ist ein einsames Kind, aber das ändert sich, als er die Bekanntschaft des betagten, Gras rauchenden Einzelgängers Mr. Peterson macht, der Alex nicht nur mit den Werken und der Philosophie des Schriftstellers Kurt Vonnegut bekannt macht, sondern auch sein Mentor und Freund wird und ihn lehrt, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Der Junge wächst in den Jahren ihrer Freundschaft, gewinnt an Persönlichkeit, wird selbstbewusst und übernimmt Verantwortung – nicht nur für sich, sondern auch für Mr. Peterson. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass Alex eines Tages mit einem Beutel Gras und einer Urne im Gepäck nach England zurückkehren möchte – wenn denn da nicht die misstrauischen Grenzpolizisten wären…

Gavin Extence hat ein leises und anrührendes Buch geschrieben, das glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt auch nur in die Nähe emotionalen Kitsches gerät – im Gegenteil. Durch die beiden Protagonisten, von denen der eine durch die Wissenschaft und der andere durch die Philosophie geprägt ist, bleibt der Roman immer sachlich und wirkt gerade deshalb umso eindringlicher. Aber der Roman ist nicht nur melancholisch sondern bietet seinen Lesern durchaus auch viele humorige Momente, die überwiegend aus der unschuldigen und naiven Weltsicht des Alex Woods resultieren.

Nehmen Sie sich Zeit für dieses Buch, genießen Sie es, lassen Sie es nachhallen - „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“ ist ein außergewöhnliches Buch, das ich Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen gerne empfehle.


Der Graben: Thriller
Der Graben: Thriller
von Kôji Suzuki
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Denn wenn ein Schmetterling..., 8. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Graben: Thriller (Taschenbuch)
Der japanischen Autor Kôji Suzuki ist in der westlichen Welt vor allem durch seine „Ring“-Trilogie bekannt, Thrillern, die mit Urängsten arbeiten und Horrorelemente auf subtile Art einsetzen. In dem Klappentext seines neuesten Werkes wird dem Leser blanker Horror suggeriert, verspricht dieser doch „ein Crescendo des Grauens“ und stellt Bezüge zu den Werken Stephen Kings her.

Wenn man diese Erwartungen an das Buch hat, ist die Enttäuschung leider vorprogrammiert, was sich auch durch die Vielzahl negativer Bewertungen bemerkbar macht. Aber ich verspreche Ihnen, wer seine Freude an intelligenter Unterhaltung und ein Faible für naturwissenschaftliche Themen hat, wird von diesem Thriller gut unterhalten werden, denn auch Metaphysisches kann dem Leser Schauer über den Rücken jagen, denn „Der Graben“ ist spannende „Science“ Fiction im wahrsten Sinne des Wortes.

Menschen verschwinden ohne eine Spur zu hinterlassen, nicht nur in den USA sondern auch in Japan – und alle Ermittlungen führen ins Leere, denn niemand kann sich einen Reim auf die Vorfälle machen. Natürlich weckt dies auch das Interesse der Medien, und so beauftragt ein TV-Sender die junge Journalistin Saeko Kuriyama, Nachforschungen über den Verbleib einer vermissten Familie anzustellen. Auf diesem Gebiet ist sie bewandert, denn seit ihr eigener Vater vor vielen Jahren verschwunden ist, sucht sie nach ihm. Unterstützung erfährt sie dabei von einem Kollegen und einem Privatdetektiv

Aber es sind nicht nur die Menschen, die plötzlich weg sind, auch der Nachthimmel verändert sich auf unerklärliche Art und Weise. Denn Sterne, die seit Jahrmillionen leuchten, sind plötzlich verschwunden und kein Wissenschaftler hat dafür eine Erklärung parat. Gibt es etwa eine unbekannte Dimension, die dies alles vereinnahmt?

Alles ist Eins und miteinander verbunden, und jede Veränderung hat Auswirkungen auf das große Ganze, das wir überhaupt nicht überblicken können. Denn wenn ein Schmetterling mit seinen Flügeln schlägt, kann sich das Gleichgewicht der Welt verändern und es können Prozesse in Gang gesetzt werden, die unerwartete Kräfte freisetzen.

Suzuki gibt seinen Lesern Denkanstöße, und wer auf den Geschmack gekommen ist und sich ausführlich mit dieser Materie beschäftigen möchte, findet am Ende des Buches eine ausführliche Bibliographie.


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