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Rezensionen verfasst von
Gunther Barnewald

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American Gods: Roman
American Gods: Roman
von Neil Gaiman
  Broschiert
Preis: EUR 14,00

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Young Time Klassiker in ungekürzter Neuauflage, 2. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: American Gods: Roman (Broschiert)
Neil Gaimans Meisterwerk erschien erstmals 2001, damals in einer gestrafften und gerafften Form, mit welcher der Autor jedoch einverstanden gewesen war, schien ihm (und seiner Lektorin gleichfalls) das Werk dadurch stringenter, besser lesbar und wohl auch verkäuflicher.
Diese Kürzungen und Straffungen waren wohl, historisch betrachtet, ganz und gar kein Fehler, denn das Buch wurde mit bedeutenden Preisen im Bereich der Phantastischen Literatur überhäuft (unter anderem den Hugo-Award, den Nebula-Award, den Locus-Award und den Bram-Stoker-Award). Also: Wohl nichts falsch gemacht!
Trotzdem trauerte der Autor immer der ursprünglichen Langfassung seines Werkes etwas hinterher. Als er dann um ein Vorwort für eine teure Jubiläumsausgabe zum zehnjährigen Erscheinen gebeten wurde, erkundigte sich Gaiman beim Verlag, ob diese nicht Interesse daran hätten, dafür die ungekürzte Version zu verwenden.
Der Verlag war interessiert! Und so wurde die Urversion wieder hergestellt, also eine Art “Author's Cut” ( bei Filmen würde man von einem Director's Cut sprechen) von "American Gods".
Diese ist nun erstmals in deutscher Sprache bei Eichborn erschienen, neu übersetzt von Hannes Riffel und mit allen Vor- und Nachwörtern insgesamt 672 Seiten umfassend.
Wer schon immer wissen wollte, wie die “dicke und abschweifende” (O-Ton Neil Gaiman) Version der Geschichte sich liest, der kann dies nun anhand dieser Ausgabe nachvollziehen.
Für (fast) alle Fans gilt es deshalb, das Buch nochmals neu zu entdecken. Einige werden begeistert sein, andere nicht!
Aber nun kann jeder selbst entscheiden, welche Version ihm besser gefällt.
Welche Version dieser verrückten Geschichte, in der ein gerade entlassener Sträfling, der Shadow genannt wird, durch die USA reist, um dort auf abgehalfterte Götter und sonstige Sehenswürdigkeiten zu treffen. Ihm folgt seine gerade verstorbene untote Ehefrau, die ihm untreu gewesen war, die ihn aber immer noch liebt und die ihm nun das ein oder andere Mal das Leben retten muss, denn die alten, halb vergessenen Götter rüsten zu einem Krieg gegen die neuen Technologiegötter. Und dabei verstehen sie keinen Spaß und manchmal fliegen die Fetzen!
Oder zieht hier gar jemand hinter den Kulissen an den Strippen dieser mächtigen Wesen, weil er ganz andere Absichten hat?...
Shadow wird es herausfinden, nicht ohne eine seltsame Odyssee zu durchreisen, die ihresgleichen sucht.
Zwar versteht der durchschnittliche Leser (und auch der Rezensent!) wohl nur einen Bruchteil der Andeutungen, die in diesem Buch enthalten sind, trotzdem stellen die skurrile Handlung und die schrägen Charaktere eine positive Überraschung dar und Gaimans stilistische Brillanz macht diese ganze herrlich krude Mischung zu einem wunderbaren Lesevergnügen.
Wer das Buch noch nicht gelesen hat, kann hier gleich mit der Vollversion einsteigen.
Wer die Geschichte liebt, kann sich hier an der XXL-Version delektieren, wer den Roman jedoch zu sehr liebt, der sollte wohl nichts verändern und die Finger von dieser speziellen Ausgabe lassen!
Für alle anderen ist sie ein Muss!

Copyright © 2015 by Gunther Barnewald


Traumlieder 3: Erzählungen
Traumlieder 3: Erzählungen
von George R.R. Martin
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 5 tolle Novellen, aber auch mäßiges vom Meister, 19. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Traumlieder 3: Erzählungen (Broschiert)
Die vorliegende dritte Sammlung von autobiogaphischen Essays, Storys und Novellen enthält fünf längere unabhängige Novellen des Autors, zwei Novellen aus seiner Shared-World-Serie “Wild Cards” und zwei Drehbücher zu jeweils einer Episode einer Fernsehserie. Dazu gibt es drei autobiographische Essays zu den einzelnen Kapiteln und den Abdruck einer langen Rede, die Martin als Ehrengast der World Science Fiction Convention in Toronto im August 2003 gehalten hat und in der er von seinem persönlichen Werdegang berichtet.
Abgesehen von der arg langen Rede, die das ein oder andere Gähnen hervorgerufen haben dürfte, sind diese autobiographischen Texte sicherlich eher etwas für die absoluten Fans des Autors.
Auch die beiden Drehbücher (eine Folge der Wiederauflage aus den 80er Jahren der legendären Serie "The Twilight Zone", die immerhin den Geist des Originals gut einfängt, deren Lektüre aber natürlich darunter leidet, dass Martins stilistische Brillanz außen vor bleiben muss, denn zu lesen ist nur das nackte Drehbuch; dies gilt auch für die äußerst “schmissige” Drehbuch von Doorways, welches einfach eine sensationelle Abfolge von Kämpfen und Verfolgungsjagden schildert) sind definitiv nur etwas für die Hardcore-Fans des Autors.
Auch die beiden Novellen aus der Shared-World-Serie “Wild Cards” sind etwas für eingefleischte Enthusiasten (welche die Novellen aber natürlich schon kennen dürften!). Wer die Geschichte nicht kennt, wird große Schwierigkeiten haben, der Handlung um die zu Superhelden mutierten Menschen (Wild Cards) und deren missgebildete Kollegen, die sogenannten Joker, die aber keine Geisteskraft ihr eigen nennen und deshalb nur ausgegrenzt werden, ohne sich wehren zu können, zu verstehen. Die Novellen “Shell Game” und “The Journal of Xavier Desmond” stehen hier stellvertretend für Martins Arbeiten an dieser arg trivialen Serie.
Die eigentlichen Höhepunkte dieses Bandes folgen dann erst ab Seite 391 und reichen bis Seite 791. Hier finden sich fünf hochklassige Novellen des Autors, von denen besonders “Skin Trade”, “Unsound Variations” und “The Portraits of his Children” herausragen.
Für “Skin Trade” (hier als “In der Haut des Wolfes” von Joachim Körber übersetzt) erhielt Martin 1989 den World Fantasy Award, völlig zu recht, denn diese Novelle ist wahrscheinlich eine der besten Geschichten, welche jemals über Werwölfe geschrieben wurde. In Deutschland erschien sie erstmals 1990 im von Douglas E. Winter herausgegeben Band "Nachtvisionen" (der vielfach neu aufgelegt wurde) als Heyne Taschenbuch 01/8098 der Allgemeinen Reihe, welches drei Storys von Stephen King, drei Geschichten von Dan Simmons und eben Martins Novelle enthielt.
Ebenfalls sehr gut ist “The Portraits of his Children” für die der Autor 1985 den Nebula Award erhielt, eine gespenstisch dichte Novelle, welche den erschreckende Egoismus eines Autors geißelt, der seine ganze Familie vergrault, bis er eines Tages mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert wird. Besonders hinterhältig ist hier der schlussendliche Plot, der aber natürlich nicht verraten werden darf. Diese Novelle erschien ebenfalls zuerst in einem Heyne Taschenbuch, und zwar 1988 in dem von Wolfgang Jeschke herausgegebenen Storyband mit dem Titel "Second Hand Planet" (06/4470).
Absolut überragend auch die Novelle “Unsound Variations”, welche in Deutschland zuerst 1982 im von Hans Joachim Alpers herausgegebenen Moewig Taschenbuch Nr. 3587 mit dem Titel "Kopernikus 7" erschien, damals übersetzt von Martin Eisele. Heyne verwendet in "Traumlieder III" allerdings eine Übersetzung von Werner Fuchs. Die Novelle schildert das Treffen von vier ehemaligen Kollegestudenten, die dereinst in der gleichen Schachmannschaft spielten. Nach einer spektakulär scheinbar “knappen” Niederlage trennten sich jedoch deren Wege. Doch der vermeintliche Verursacher der Niederlage hat dies nie vergessen und vermittels einer sensationellen Erfindung rächt er sich grausam an den anderen, indem er durch eine Art Zeitreise deren Leben ruiniert. Nun lädt er sie ein, um ihnen dies zu offenbaren und vor allem, um die damals scheinbar schmachvoll in den Sand gesetzte Schachpartie zu wiederholen und allen zu zeigen, dass sie unrecht hatten mit ihren Prognosen. Eine packende und äußerst eindringliche Geschichte.
Daneben fallen die beiden anderen, wenn auch gutklassigen Novellen, etwas ab.
In “Under Siege” begegnen wir Martins Story “Die Festung” wieder, welche in "Traumlieder I" enthalten war. Diesmal ist die Geschichtslektion jedoch nur Rahmenhandlung, eigentlich geht es um zeitreisende Mutanten, die durch einen Eingriff in die Geschichte die Welt vor der Vernichtung retten wollen. Denn der Atomkrieg, der einerseits die Mutationen verursacht hatte, hat fast die ganze Welt zerstört. Verzweifelt versuchen einige, den Ausbruch dieses Krieges zu verhindern, indem sie probieren, bekannte historische Ereignisse durch Eingriff in die Vergangenheit zu verändern. Diese Novelle erschien ebenfalls erstmals bei Heyne, und zwar 1990 in einem von Karl Michael Armer herausgegebenen hochklassigen Band mit sogenannten Alternativweltgeschichten unter dem Titel "Hiroshima soll leben" (Heyne TB 06/4740).
Auch “The Glassflower”, ebenfalls in Deutschland erstmals bei Heyne 1988 in dem von Wolfgang Jeschke herausgegebenen Storyband "Wassermanns Roboter" veröffentlicht (Heyne TB 06/4513), ist eine interessante, vor allem exotisch-bunt wirkende Erzählung, die jedoch nicht ganz mit anderen, kohärenter wirkenden Texten Martins mithalten kann. Hier wird eine dekadent wirkende Zukunftswelt geschildert, in der Körpertausch möglich ist. Zu diesem Zweck nutzt man Strafgefangene, die um ihren Körper kämpfen müssen, sonst werden sie von reichen Lebewesen übernommen, während die Seele der vermeintlichen Verbrecher sterben muss.
Zurecht weggelassen in diesem Band wurde Martins Novelle “Hedge Knight” von 1998 (dt. als “Der Heckenritter”), da diese mit zwei Folgenovellen gerade 2013 unter dem Titel "Der Heckenritter von Westeros - Das Urteil der Sieben" wieder bei Penhaligon veröffentlicht worden ist.
Dank der fünf unabhängigen Novellen ist auch Band drei ein Fest für den Leser, auch wenn dies der schwächste der drei Bände ist. Selbst wer die Texte schon kennt, freut sich sicherlich, sie endlich mal hier in einem Buch versammelt zu sehen. Wer die fünf unabhängigen Novellen noch nicht kennt, sollte dies dringend ändern, denn alle sind extrem lesenswert, manche sogar absolut hochklassig.

Copyright © 2015 by Gunther Barnewald


Der Tod stickt mit: Kommissar Seifferheld ermittelt (Knaur TB)
Der Tod stickt mit: Kommissar Seifferheld ermittelt (Knaur TB)
von Tatjana Kruse
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Schwacher sechster Fall für den Kommissar, 11. Mai 2015
Kommissar Siegfried Seifferheld aus Schwäbisch Hall, der sich wegen einer Schußwunde an der Hüfte in einer Art Vorruhestand befindet, jedoch das Ermitteln auf eigene Faust nicht lassen kann, wird in seinem sechsten Fall mit einem von ihm vermuteten geplanten Raubüberfall auf eine Kunsthalle konfrontiert.
Während dem Kommissar niemand glauben will, dass er verdächtige maskierte Personen in der Nähe der Kunsthalle gesehen hat, wird bald ein bekannter Kunsthändler tot aufgefunden.
Aber hat sein Tod wirklich etwas mit einem geplanten Raub zu tun? Oder verrennt Seifferheld sich mal wieder in ein Hirngespinst?
Die Chefin der Polizei von Schwäbisch Hall ist jedenfalls extrem genervt vom den Einlassungen ihres Mitarbeiters im Vorruhestand, bügelt den Tod des Mannes als missglückten Liebesakt weg. Könnte sie ausnahmsweise einmal recht haben?
Nie im Leben, ist sich Seifferheld sicher, und ermittelt mal wieder auf eigene Faust...
Leider braucht die vorliegende Geschichte nahezu 100 Seiten, um wirklich in Schwung zu kommen. Nach weiteren 100 Seiten hat die Autorin dann fast all ihr Pulver verschossen, die restlichen knapp 90 Seiten ziehen sich dann wieder wie Kaugummi.
Des Kommissars sechster Fall ist leider auch sein zweitschwächster nach "Gestickt, gestopft, gemeuchel", dem vierten Fall des Kriminalers im Unruhestand.
Erneut fangen die Charaktere an, den Leser zu ermüden, die Gags sind überschaubar und nicht wirklich “markerschütternd lustig”, der Fall eher zäh (war aber auch nie Zentrum der hohen Qualität dieser besonderen Krimis).
Auch sonst blubbert die Handlung sehr moderat und äußerst überschaubar vor sich hin.
Sicherlich kein literarischer Totalschaden, die Fans werden Seifferheld und seine schräge Sippe weiterhin lieben, aber nach dem wieder sehr erquicklichen fünften Band der Serie mit dem Titel "Sticken, stricken, strangulieren" geht es hier wieder eindeutig abwärts.
Vielleicht sollt Autorin Kruse mal eine Pause einlegen und auf neue und vor allem zündende Ideen warten und erst dann weiter schreiben, wenn sie wieder von der literarischen ... oder sagen wir besser ... humoristischen Muse geküsst wird!

Copyright © 2014 by Gunther Barnewald


Das unendliche Meer: Die fünfte Welle 2 - Roman
Das unendliche Meer: Die fünfte Welle 2 - Roman
von Rick Yancey
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

4.0 von 5 Sternen Guter, leider nicht überragender zweiter Teil, 11. Mai 2015
Ein gigantisches außerirdisches Raumschiff hat die Erde erreicht. Leider bleiben die Aliens stumm, beginnen, anstatt zu kommunizieren, die Ausrottung der Menschheit voran zu treiben.
Nachdem fünf Wellen der Vernichtung über die Menschen herein gebrochen sind, leben nicht mehr allzu viele von diesen.
Cassie Sullivan und Ben Parrish gehören zu den wenigen Überlebenden. Ihnen ist es sogar gelungen, aus der Gewalt der sogenannten Silencer zu fliehen. Diese Silencer stellen angeblich Alienbewusstseine dar, welche in menschlichen Körpern heran wuchsen und nun mit aller Macht in deren Interesse agieren, also die komplette Vernichtung des Homo sapiens bezwecken.
Einer dieser Silencer hatte jedoch die Seiten gewechselt, da er sich in Cassie verliebt hatte. Doch lebt er noch? Konnte er dem militärischen Camp der Silencer ebenfalls lebend entkommen, so wie Cassie und ihre neuen Freunde? Kann er entscheidendes dazu beitragen, den Feind effektiv zu bekämpfen?
Während Cassie auf sein Auftauchen wartet, verschwindet die junge Ringer und ein weiteres Mitglied von Cassies Truppe spurlos bei einer Erkundungsmission. Sind sie in die Hände der Feinde geraten?...
Rick Yancey konzentriert sich diesmal extrem auf seine Figuren, macht den Leser mit dem Innenleben fast jedes einzelnen vertraut, was zwar einerseits für die literarische Qualität des Autors spricht, andererseits die Handlung leider nur unwesentlich voran bringt.
So werden diesmal nur wenige weitere Hintergründe der Invasion aufgedeckt.
Trotzdem bleiben die Konflikte der Protagonisten untereinander und auch deren Auseinandersetzungen mit dem Feind durch diverse Verwicklungen weiterhin spannend.
Eine gute, wenn auch leider nicht hochklassige Fortsetzung des ersten Bandes "Die fünfte Welle".
Der Verlag teilt hierzu mit, dass eine Verfilmung dieses Auftaktbandes mit Chloe Grace Moretz in der Hauptrolle 2016 in die Kinos kommen soll. Hier darf man sehr gespannt auf die Umsetzung sein, denn Yanceys Stärke, die stilistische Brillanz und die ausgefeilten Charaktere der Protagonisten, wird Hollywood nicht übernehmen können, so dass die Gefahr eines oberflächlichen, sensationslüsternen Actionkrachers besteht, der nur auf ein gigantisches Effektgewitter setzt.
Derweil darf man aber auf die schriftlichen Fortsetzung gespannt sein. Welches Rätsel verbirgt sich hinter der Alieninvasion? Denn immerhin deutet der Autor im zweiten Band an, dass zumindest hinter den sogenannten Silencern etwas anderes stehen könnte, als eingeschleuste Identitäten der Fremden. Dies bleibt ebenso spannend wie die Frage, wer von den Protagonisten die große Katastrophe überleben kann, denn auch in Band zwei muss wieder der ein oder andere aus Cassies Gruppe über die Klinge springen, denn natürlich können nur in wirklich schlechten Büchern immer alle wichtigen Helden ungeschoren davon kommen...

Copyright © 2015 by Gunther Barnewald


Das grüne Rollo: Roman
Das grüne Rollo: Roman
von Heinrich Steinfest
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Guter und lesbarer Phantastikroman mit gebremster Phantasie, 9. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Das grüne Rollo: Roman (Gebundene Ausgabe)
Theo März, Jahrgang 2000, ist 10 Jahre alt, als sich an seinem heimischen Kinderzimmerfenster plötzlich ein flaschengrünes Rollo materialisiert. Immer spät abends um 23 Uhr 02 erscheint dieses auf fast übernatürliche Weise, obwohl seine Eltern ausdrückliche Verächter von Fensterverhüllungen sind.
Schnell erkennt der Junge, dass er durch dieses Rollo in eine geheimnisvolle Welt hinein sehen kann, in der seltsame Männer mit Ferngläsern vor den Augen ihn beobachten. Jedoch nicht nur alleine ihn, sondern auch ein kleines Mädchen, welches mit einem Strick um den Hals auf einem Laufband um sein Leben läuft.
Zum Glück kann Theo diese grüne Welt betreten, indem er, wie durch grünes Gelee driftend, sich vorher in das Rollo hinein stürzt.
Mit Hilfe eines geheimnisvollen Mannes schafft es der Junge, das Mädchen zu befreien und, beim zweiten Anlauf, sogar mit in seine Welt zu nehmen. Zu seinem großen Erstaunen wird sie in seiner Realität aber nur als seine kleine Schwester wahrgenommen, die schon seit 9 Jahren zur Familie gehört. Inklusive eigenem Zimmer und allem anderen.
Theo schafft es, das Rollo scheinbar für immer zu entsorgen, indem er es seiner Tante mitgibt und diese bittet, es zu vernichten.
Vierzig Jahre später ist Theo März ein bekannter Raumfahrer und fünffacher Vater, der an einer Expedition zum Mars teilnehmen soll. Da die ersten beiden Ehen geschieden sind und die fünf Söhne aus der ersten Ehe mittlerweile zwischen 15 und 19 Jahren alt sind, beschließt er, am Flug zum roten Planeten teil zu nehmen.
Auf der Reise durch den Weltraum erfährt er dann, dass seine jüngere Schwester spurlos verschwunden ist. Kurz danach wird er wieder mit dem grünen Rollo konfrontiert, welches urplötzlich vor dem einzigen Fenster des Raumfahrzeugs hängt.
Theo beschließt, sich wieder in die grüne Welt zu begeben, denn nur hierhin kann seine Schwester verschleppt worden sein. Oder steckt etwas ganz anderes hinter den mysteriösen Vorgängen um diese grüne Welt?
Was zuerst wie die Reise in eine psychotische Welt klingt, wird vom Autor im allerletzten kurzen Kapitel des Romans dann doch noch einigermaßen plausibel erklärt.
VORSICHT! IM FOLGENDEN ABSATZ KÖNNTE EIN SPOILER FOLGEN FÜR ALLE GENREKUNDIGEN:
Zwar gab es Bücher und Filme zu diesem oder einem ähnlichen Thema bereits häufiger (z. B. Iain Banks "Die Brücke" oder den wunderbaren Roman "Im Limbus" von Christopher Evans, zudem natürlich Filme wie "Reeker", "Dead End", "Triangle" oder "Sublime"). Jedoch gelingt es dem Autor diesen Plot wirklich bis zum Ende der Geschichte für sich zu behalten, ihn nirgendwo anzudeuten. Die konstruierten Welten sind faszinierend, kongruent und überaus erlebenswert.

Zudem unterstreicht der Autor Theos Eintritt in die grüne Welt und seinen dortigen Aufenthalt durch grüne Buchstaben, was einen netten optischen Effekt ergibt.
Zwar hätte man sich an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Handlung und vor allem etwas mehr Atmosphäre durch weitere skurrile Ideen Steinfests gewünscht, trotzdem überzeugt das Buch durch den unaufgeregten Stil des Autors und die gediegene Erzählweise.
Heinrich Steinfests Stärke ist es zudem, auch unwichtigeren Romanfiguren durch nuancierte Beschreibungen Leben einzuhauchen. Theos Eltern, seine Frauen, seine Kinder und seine Geschwister werden durch wenige prägnante Beschreibungen lebendig, fast lebendiger als der Protagonist selbst, was aber natürlich bei dem Plot auch kein Wunder ist!
Insgesamt ist Heinrich Steinfest ein unterhaltsamer und intelligenter Phantastikroman gelungen ohne allzu evidente Schwächen, der freilich noch die eine oder andere Unze mehr Phantasie hätte vertragen können, vor allem, was die grüne Welt des Rollos anbetrifft!

Copyright © 2015 by Gunther Barnewald


Traumlieder 2: Erzählungen
Traumlieder 2: Erzählungen
von George R.R. Martin
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beeindruckende Geschichten mit mehr als einer Prise Horror, 17. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Traumlieder 2: Erzählungen (Broschiert)
Die vorliegende Sammlung von autobiogaphischen Essays, Storys und Novellen enthält 11 Geschichten des us-amerikanischen Autors und drei Texte, in denen der Autor erneut von seiner Sozialisation, vor allem seiner literarischen, berichtet.
Während die drei Sachtexte für den deutschen Leser neu sind, sind alle Erzählungen schon vormals auf Deutsch erschienen, teilweise mehrfach.
Da diese jedoch meistenteils in irgendwelchen Anthologien veröffentlicht wurden (z. B. “Die Affen-Kur” in "Das Fest des heiligen Dionysos" von Werner Fuchs herausgegeben, “Nachtgleiter” bei Moewig in Kopernikus 2 unter dem Titel “Die Expedition der Nachtfee” und bei Heyne in einer Anthologie von Terry Carr mit dem Titel "Die schönsten Science Fiction Stories des Jahres Band 1" als “Nachtflieger” usw.), dürften viele Leser diese kleinen (oder was die lange Novelle “Nightflyer” anbetrifft mit über 140 Seiten auch großen) Pretiosen vielleicht sogar erstmals genießen dürfen.
Lediglich die berühmte Novelle “Sandkönige” (“Sandkings”), laut Martins Auskunft nicht nur für die Serie "Outer Limits" verfilmt (wobei er selbst das Drehbuch schreiben durfte), sondern auch seine meist abgedruckte Geschichte, erschien z. B. bei Ullstein unter dem gleichnamigen Titel als Bestandteil einer Sammlung mit Erzählungen des Autors (wurde aber auch bei Heyne schon mehr als einmal veröffentlicht in mindestens zwei Anthologien, so z. B. im "Science Fiction Jahrbuch 2000" und im "Science Fiction Story-Reader 18").
Während die ersten drei Geschichten der Fantasy zuzurechnen sind (aber alle auch mehr oder minder ausgeprägte Horrorelemente aufweisen), folgen dann 6 Werke, in denen der Gruselfaktor, wenn auch meist mit Science Fiction vermischt, noch deutlicher im Mittelpunkt steht.
Danach kommen noch zwei Storys um den Händler Haviland Tuf, welche die meisten Leser aus dem Episodenroman "Der Planetenwanderer" bereits kennen dürften. Ich erspare es mir hier, auf diese einzugehen, da das Buch erst 2013 vollständig bei Heyne erschienen ist und jeder, der Tuf sympathisch findet, unbedingt zu diesem “Gesamtwerk” greifen sollte.
Der Reigen beginnt mit der sehr atmosphärischen aber eher ideenschwachen Story “Die einsamen Lieder Laren Dorrs” (im Original “The lonely songs of Laren Dorr”), welche in Deutschland dereinst in der Terra Fantasy Anthologie 88 unter dem Titel "Der dunkle König" herausgegeben von Lin Carter bei Pabel/Moewig erschienen ist. Berichtet wird von einem einsamen Menschen, der in einer furchterregenden Dimension gefangen ist, die er nie verlassen kann. In seiner sicheren Burg empfängt er eine reisende junge Frau, die es aus Versehen zu ihm verschlagen hat. Leider kann sie ihm nicht helfen, sondern nur seinen traurigen Liedern lauschen...
In “Der Eisdrache” (“The ice dragon”) wird von einem kleinen Mädchen berichtet, die sich von klein auf zu Drachen hingezogen fühlt, die kein Feuer speien, sondern mit ihrem Atem Eis erzeugen. Bei einem Angriff auf ihre Heimat gelingt es dem von ihrer Familie abgelehnten Mädchen, viele zu retten, indem sie mit einem Eisdrachen gegen die Feuer speienden Angreifer kämpft, auch wenn der Preis dafür hoch ist...
Eine bestrickende, sehr zauberhafte Erzählung voller Tragik, Atmosphäre und guter Ideen (erschienen unter anderem in der von Margret Weis herausgegeben Anthologie "Drachenfüttern verboten" bei Bastei).
Nicht ganz so glänzend, aber ebenfalls unterhaltsam ist “Das verlassene Land” (“In the lost lands”), in der die Erfüllung eines Wunsches einer Herrscherin allen Beteiligten Verdruss bringt, auch dieser mächtigen Frau selbst (hierzulande unter anderem veröffentlicht in der von Jessica Amanda Salmonson herausgegebenen Anthologie "Neue Amazonen-Geschichten" bei Bastei).
“Der Fleischhausmann” (“The meathouse man”) ist eine von drei Erzählungen Martins (die beiden anderen, nämlich “Niemand verlässt Neu-Pittsburgh” und “Überlagerung” sind hier leider nicht zu finden, erstere wurde bei Ullstein unter dem Titel "Visionen von Morgen" herausgegeben von Ronald M. Hahn veröffentlicht, letztere befindet sich in Martins Sammelband "Die zweite Stufe der Einsamkeit", der bei Moewig erschienen ist), die das Zombiemotiv auf sehr moderne Art und Weise variieren. In der Zukunft ist es möglich Leichen neural zu steuern und sie Arbeiten ausführen zu lassen. Vor allem natürlich gefährliche oder stumpfsinnige Tätigkeiten. Berichtet wird aus dem Leben eines unglücklichen Mannes namens Trager, der schon als junger Mensch zum Führer dieser Zombiearbeiter wird. Zwar kann man mit den hübschen, körperlich perfekten (keine verfaulten Körperstellen oder ähnliches, denn hier geht es um gut gepflegte Arbeitskörper) Toten als Kontroller wunderbaren Sex haben, aber Trager sehnt sich nach der großen Liebe. Als er sie findet, beruht sie leider nicht auf Gegenseitigkeit. Aber eine andere Frau scheint seine Rettung zu sein, bis sie ihn verlässt, woraufhin Trager immer mehr vor die Hunde geht, während er äußerlich nur um so erfolgreicher erscheint. Aber sein Herz bleibt leer...
Diese Geschichte erschien bereits im "Heyne Science Fiction Magazin Band 2" und in einer von Paul M. Sammon herausgegebenen Anthologie mit dem Titel "Splatterpunk 2" ebenfalls bei Heyne.
Diese herzzerreißend melancholische Geschichte ist eine absolute Meisterleistung des Autors und zweifellos ein Highlight dieser Sammlung.
Die nachfolgende Gespenstergeschichte von der rachsüchtigen Ex-Kommilitonin wurde schon mindestens zweimal bei Heyne veröffentlicht (einmal in der hier vorliegenden Übersetzung von Jürgen Langowski in der Anthologie "Das digitale Dachau" von Wolfgang Jeschke herausgegeben, ein anderes mal in dem Band "Dämmerlicht" mit Storys aus dem "Twilight Zone Magazin", diesmal allerdings übersetzt von Rolf Jurkeit). “Erinnerungen an Melody” (“Remembering Melody”) ist wahrlich eine Story, die dem Leser die Zornadern anschwellen lassen kann. Der Fluch einer egoistischen, rücksichtslosen Frau ruiniert drei Menschen das Leben.
Nach der “berühmten” Novelle “Sandkönige” (“Sandkings”), die zeigt, wohin Grausamkeit in der Haltung von Haustieren führen kann (und ein Variante der berühmten Story “Microcosmic God” von Theodore Sturgeon darstellt bzw. auch das filmische Vorbild nicht leugnen kann, erinnert sie doch stark an eine berühmte Episode aus der dritten Staffel der Originalserie "The twilight zone", welche von Rod Serling, dem Schöpfer der Serie, erdacht worden war; Folge 93 mit dem Titel “The little people”, in Deutschland unter dem Titel “Der Mann der Gott sein wollte” gelaufen und vom Autor bestimmt in seiner Jugend gesehen), folgt dann eine weitere Novelle von fast Romanlänge, hier von Maike Hallmann neu übersetzt, da es sich um die Langversion dieser Geschichte handelt. “Nachtgleiter” (“Nightflyer”) berichtet von einer Weltraumexpedition, die zum Todeskampf für die beteiligten Wissenschaftler wird. Eigentlich hatte man eine Fremdrasse erforschen wollen, aber ein Rachefeldzug an Bord des Raumschiffs macht fast alles zunichte. König Ödipus lässt hier schön grüßen, gewisse Ähnlichkeiten mit dem berühmten SF-Film Alien sind aber rein zufällig, da Martin diesen beim Schreiben wohl noch nicht kannte. Ein starkes Stück Horror-SF und unbedingt empfehlenswert.
Danach folgt ein weiteres Highlight, die humorvoll-gruselige Story “Die Affen-Kur” (“The monkey treatment”), stilistisch brillant und süffisant erzählt und möglicherweise Ideengeber für Stephen Kings Roman "Thinner" (dt. als "Der Fluch" unter dem Pseudonym Richard Bachmann), der einen ähnlichen (wenn auch nicht ganz so originellen) Plot gewählt hat. Ein dicker Mensch lernt eine Abmagerungskur kennen, die ihn fast das Leben kostet.
Schließlich folgt noch “Der birnenförmige Mann” (“The pear-shaped man”), eine eher konventionelle Horrorgeschichte, die ihre Wirkung vor allem aus dem schleichenden Spannungsaufbau bezieht. Der unheimliche Mieter im Souterrain versetzt eine junge Frau in Angst und Schrecken. Aber eigentlich ist alles noch viel schlimmer...
Erschienen ist diese Story bei Bastei in einer Anthologie mit dem Titel "Das neue Buch der Fantasy" herausgegeben von Ellen Datlow und Terry Windling.
Der vorliegende Band schließt dann, jenseits der Seite 500, mit den beiden erwähnten Geschichten um Haviland Tuf ab.
Vor allem die Erzählungen des mittleren Teils bestechen durch ihre prägnante Atmosphäre, wobei es Martin erneut meisterhaft schafft, den Leser zu emotionalisieren. Oft sind die Geschichten traurig und schwermütig, vermitteln aber auch das starke Gefühl von Angst und Bedrohung. Auch Verzweiflung, Überforderung, Wut und Misstrauen spielen wie so oft beim US-Amerikaner eine wichtige Rolle, und George R. R. Martin ist ein Spitzenkönner, diese Melange aus Emotionen und Gedanken dem Leser zu vermitteln.
Wer die Erzählungen Martins noch nicht kennt, dem eröffnet sich auch im zweiten Band wieder ein äußerst lebendiges und dabei zudem noch intelligentes Universum fremder Welten, die auch in diesem Fall wieder eine Reise wert sind. Schön, dass diese literarischen Kostbarkeiten hier endlich einmal gesammelt vorliegen!

Copyright © 2015 by Gunther Barnewald


Die Stadt der besonderen Kinder: Roman
Die Stadt der besonderen Kinder: Roman
von Ransom Riggs
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gelungene Fortsetzung, aber leider kein Ende in Sicht, 2. Februar 2015
Drei Jahre hat Autor Ransom Riggs gebraucht, bis er endlich die Fortsetzung seiner zauberhaften Geschichte "Die Insel der besonderen Kinder" ersonnen und niedergeschrieben hatte.
Hier nun die gute und die schlechte Nachricht: Auch der Folgeband ist wieder wunderbar gelungen, strotzt nur so vor Ideen, Phantasie und herrlichen alten Photographien, doch leider endet die Erzählung genauso offen wie der erste Band. Dies bedeutet leider, dass der Leser wohl wieder auf eine lange Geduldsprobe gestellt werden wird, bis er erfahren darf, wie die spannende Odyssee des jungen Jacob Portman weiter geht (oder dann vielleicht hoffentlich endet, denn die lange Warterei ist eine arge Zumutung, bedenkt man, dass Riggs Roman abzüglich der ganzen Schnappschüsse und Kapitelvorblätter kein wirklich umfangreiches Epos ist wie dies z. B. bei George R. R. Martin der Fall ist). Vielleicht sollte der Autor doch lieber sogenannte One-Stand-Romane verfassen, also Einzelwerke (oder zumindest Bücher, die in sich abgeschlossene Geschichten erzählen und nicht mittendrin aufhören).

Zur vorliegenden Geschichte:
Jacob Portman und die anderen Kinder mit besonderen Fähigkeiten sind vor einer Invasion von Feinden aus einer Schutz gebenden Zeitschleife geflohen und im England des Jahres 1940 gelandet. Leider bombardieren die Nazis London, wohin die Kinder fliehen müssen, wollen sie doch ihre Ymbryne retten, jene Zauberin also, die ihnen in der Zeitschleife Schutz geboten hatte. Leider wurde die Zauberin in ihre ursprüngliche Gestalt eines Raubvogels zurück verwandelt und damit all ihrer Macht beraubt. Verfolgt von den bösen Wights, die fast alle Ymbrynen gefangen gesetzt haben (nur in London soll noch eine von ihnen auf freiem Fuß sein), um deren Macht zu stehlen, und bedroht von ungeheuerartigen Hollowgasts, die alle Besonderen entweder gefangen nehmen oder töten, müssen die Kinder viele Gefahren hinter sich bringen, um überhaupt erst einmal London zu erreichen. Doch dort sind sie längst nicht in Sicherheit...
Auch das vorliegende Buch besticht durch seine packende, ans Zeitalter der Wunder erinnernde Atmosphäre, stilistische Brillanz (hier auch einen großen Dank an die hervorragende Übersetzerin Silvia Kinkel), Erzählfreude und tolle Ideen.
Leider hat die Geschichte etwa 100 Seiten vor Ende einen bedauerlichen Hänger, bevor erst auf den letzten 30 Seiten sich die Ereignisse dann allzu heftig zu überschlagen beginnen. Dem Autor ist diesmal offensichtlich der Spannungsbogen nicht so gut geglückt wie im Vorgängerband.
Während der klischeehafte Kampf der Guten gegen die Bösen nach wie vor ein deutliches Manko des Buchs ist, erschafft der Autor erneut einige wunderbare übernatürlich Talente: So das unkaputtbare Mädchen mit dem Loch in der Körpermitte, durch welches der jeweilige Hintergrund zu sehen ist, der dürre Gummimensch, der seine Extremitäten extrem verbiegen kann oder die unzertrennlichen Zwillinge, die sich wie Fledermäuse über Ultraschall orientieren und verständigen und die so laut schreien können, dass eine riesige Explosionswelle entsteht. Ganz zu schweigen von der kleinen eisigen Althea. Alle illustriert durch die stilechten (und manchmal natürlich auch diffizil digital bearbeiteten) Photographien aus alter Zeit, welche dieses Buch ebenfalls wieder vortrefflich illuminieren.
Insgesamt eine würdige Fortsetzung, auch wenn der ungeduldige Leser sich einen Abschluss der Erzählung gewünscht hätte, denn bei Riggs Arbeitsgeschwindigkeit wird das Warten zur Geduldsprobe (und hat vor allem den Nachteil, dass man sich immer wieder neu in die Geschichte einlesen muss, wenn nach Jahren endlich der Folgeband vorliegt).

Copyright © 2015 by Gunther Barnewald


Der Ozean am Ende der Straße: Roman
Der Ozean am Ende der Straße: Roman
von Neil Gaiman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Poetisches Gruselmärchen, 30. Januar 2015
Ein Mann kehrt zu einer Beerdigung in seine alte Heimat zurück und erkundet dort die Plätze seiner Jugend. Plötzlich fallen ihm, beim Anblick eines wundersamen Ententeichs hinter einem Farmgebäude, Ereignisse aus der Vergangenheit ein, welche er wie durch ein Wunder fast völlig vergessen hatte.
Alles begann am traurigen siebten Geburtstag dieses Ich-Erzählers, als kein einziger eingeladener Gast zu seinem Kindergeburtstag kommt. Der Junge ist allerdings nicht wirklich überrascht, hat er doch in der Schule keine wirklichen Freunde und steckt seinen Kopf viel lieber in Kinderbücher.
Zu allem Unglück tötet sich auch noch einer der Mieter seiner Eltern im Auto des Vaters, nachdem der Selbstmörder dieses vorher entwendet hatte.
Doch dann tritt urplötzlich das geballte Abenteuer in Form einer Nachbarsfamilie in das Leben des Siebenjährigen: Die Hempstocks sind drei Generationen Frauen, die auf einem benachbarten Hof leben. Diese drei Damen, von denen die jüngste scheinbar erst elf Jahre alt ist (aber der Protagonist ahnt, dass sie vielleicht schon für lange Jahre wenn nicht gar Jahrhunderte so alt erscheint), wissen gar Seltsames zu berichten, denn der Ententeich hinter ihrem Haus sei angeblich ein ganzer Ozean, an dessen Ende völlig fremdartige Gestade lägen. Von dort seien sie dereinst hierher gezogen. Und die älteste der Hempstockfrauen habe wohl schon den Urknall miterlebt, wenn nicht gar schon mehrere.
Und eher der Junge es sich versieht, ist er im größten Abenteuer seines Lebens, denn bei einer Expedition mit Lettie Hempstock, der Elfjährigen, fängt er sich einen ganz schrecklichen Parasiten aus einer anderen Welt ein, der bei ihm zu Hause die Gestalt einer allzu schönen Frau annimmt.
Diese bedroht das Leben des Jungen, wirbelt seine ganze Familie aufs Schlimmste durcheinander und lässt den Protagonisten alle Emotionen durchleben, die man nur haben kann, bis dieser sich entschließt, den Kampf gegen die Bedrohung aufzunehmen. Dazu braucht er jedoch die Hilfe der Hempstocks. Leider bewacht ihn der bedrohliche Parasit und verhindert seine Flucht...
Mit der vorliegenden überaus phantasievollen Geschichte ist Neil Gaiman erneut ein kleines Meisterwerk gelungen.
Wohltuend, was der Autor hier auf nur knapp 240 Seiten zusammen fabuliert. Kurz, knapp und knackig spielt Gaiman hier auf der Klaviatur der Gefühle des Lesers. Was andere in 500 oder 1000 Seiten nicht erzählt bekommen, der gebürtige Brite schüttelt es aus dem Ärmel. Von Leid über Trauer zu Ekel, über Freude zu Angst und Wut/Zorn/Ärger bis hin zur Überraschung, hier ist wirklich alles dabei, was man so fühlen kann und der Rezipient gerät in einen wahren “Ozean” von auf und ab wogenden Emotionen.
Verwundert registriert man, dass hier eigentlich nichts neues erzählt wird oder der Autor auch keine überragenden Geistesblitze hatte bezüglich neuer Schöpfungen. Trotzdem ist alles frisch wie am ersten Tag und nimmt einen mit auf eine fabelhafte Reise in ein Universum der Phantasie, welches nur Erstaunen und Bewunderung auslösen kann.
Gaimans beste Werke sind oftmals reine Poesie und auch die vorliegende Geschichte gehört wieder in diese den Leser erquickende Kategorie.
Ein ausdrückliches Lob auch für die zauberhaften comicartigen Innenillustrationen, die der ganzen Atmosphäre des Buchs ausgezeichnet gerecht werden.

Und wen es interessiert: Bei Trifle (Seite 18) handelt es sich um einen Biskuitauflauf (leider verschweigt uns dies der ansonsten so eloquente Übersetzer).

Copyright © 2015 by Gunther Barnewald


Welt der Toten: Thriller
Welt der Toten: Thriller
von Tom C. Winter
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Unterhaltender Zombieroman ohne Überraschungen, 5. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Welt der Toten: Thriller (Taschenbuch)
Carsten ist eigentlich ein ganz normaler Grundschullehrer, doch seitdem die verheerende Seuche ausgebrochen ist, bei der den Menschen die Gehirne im lebendigen Leib atrophieren, ist nichts mehr wie es war. Leider sind nur wenige immun und da die Seuche erst alle höheren neuronalen Netzwerke zerstört und die primitiveren erst gegen Ende angreift, werde alle Menschen zu hungrigen, durstigen Fressern, die aber nicht mehr selbst denken oder planen können.
Geräusche ziehen diese “Zombies” an, weshalb Carsten, der sich mit einer gefundenen Polizeipistole gegen Fressattacken zur Wehr setzen muss, immer wieder um sein Leben laufen und kämpfen muss.
Während die Zivilisation vor die Hunde (oder besser Zombies) geht, versucht Carsten, einen Sinn in seiner Existenz zu finden.
Deshalb hat er sich vorgenommen, alle Kinder aus seiner Klasse zu Hause aufzusuchen und zu schauen, ob noch eines von ihnen am Leben ist.
Eine Odyssee durch eine zerfallende Welt liegt vor ihm, immer bedroht durch hungrige Zombies, die aber von selbst keine Motivation mehr aufbringen, so dass auch manchmal eine trügerische Idylle herrscht, bis das nächste Geräusch die Fresser wieder in Massen anlockt...
Tom C. Winter ist ein durchgängig spannendes und für Gruselfans unterhaltsames Buch gelungen. Dabei entmystifiziert der Autor die Legenden der Zombies etwas, stellt sie auf fast naturwissenschaftlichen Boden, was zu einem hohen Realismus der erzählten Geschichte führt.
Abgesehen von diesem Aspekt ist "Welt der Toten" aber leider zu keiner Zeit innovativ, neu oder gar überraschend. Der Roman punktet dafür mit glaubhaften Protagonisten und einer bildhaften Sprache, die es dem Leser erleichtert, die geschilderten Geschehnisse vor sich zu sehen.
Wer solide geschriebene Zombiegeschichten mag, der wird bei Tom C. Winter voll auf seine Kosten kommen. Wer auch den millionsten Zombieroman noch wegen des ausgelutschten Themas verschmäht, der sollte lieber die Finger von dem Buch lassen.

Copyright © 2015 by Gunther Barnewald


Chlorofilija: Roman
Chlorofilija: Roman
von Andrej Rubanov
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ideenreiche Überraschungs-SF aus Russland, 16. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Chlorofilija: Roman (Taschenbuch)
Der Roman spielt im Moskau des 22. Jahrhundert (also zu einer Zeit, in der auch berühmte Werke der Gebrüder Strugatzki spielen, weshalb es in der Handlung auch einen Verweis auf deren Geschichten gibt). Die Stadt ist zu einer Megalopolis mit knapp 40 Millionen Einwohnern geworden, während riesige Gebiete Russlands leer stehen oder von “Primitiven Stämmen” bewohnt werden. St. Petersburg ging den Russen irgendwie “verloren”, alle anderen Städte sind nahezu unbewohnt. Die Chinesen haben Sibirien gemietet, um dort die Rohstoffe auszubeuten. Dafür zahlen sie den Moskauern so viel und liefern so viel Technologie, dass niemand in der Riesenstadt mehr arbeiten muss. Den Europäern geht es sehr schlecht, die US-Amerikaner sind verfettete Witzfiguren, während die Chinesen alle Neuentwicklungen in ihren Händen halten.
Gewaltige Türme erstrecken sich im ganzen Stadtgebiet von Moskau, und wer vermögender ist, kann sich höhere Stockwerke leisten, während jenseits des 100. Stocks nur noch superreiche Chinesen leben. Der Vorteil höher Wohnungen liegt darin, dass man dort Sonnenlicht abbekommt, denn ganz Moskau ist bewachsen von gigantischen Halmen, deren Fruchtfleisch eine stark euphorisierende Wirkung hat. Versuche, die Pflanzen zu zerstören, erzeugen nur immer neue Pflanzen, und so hat man sich in Moskau an der Wachstum gewöhnt und daran, dass illegale Dealer immer wieder Pflanzen fällen, um an die Droge zu kommen. Neben der mild euphorisierenden Wirkung machen Konzentrate des Fruchtfleischs die Leute auch zufrieden und glücklich, so dass immer neue Destillationsmethoden erfunden werden, um die Wirkung der Pflanze noch zu optimieren. Und obwohl niemand weiß, woher die Pflanzen kommen, behaupten doch alle, dass deren Wirkung weder toxisch noch Sucht erzeugend sei. Deshalb gelten Konsumverbote zwar immer noch offiziell, aber der Rechtsstaat hat längst kapituliert und lässt den Handel frei gewähren.
Jeder Moskauer, der sich einen Chip zur Totalüberwachung hat einpflanzen lassen, profitiert vom staatlichen Wohlfahrtsprogramm und wird alimentiert, keiner muss mehr arbeiten. In den unteren Etagen der Türme wohnen nur die Illegalen, die Diebe, Dealer und Verbrecher, die sich mit Verbrechen und Tauschhandel über Wasser halten. Diese Leute stellen für viele aber eine große Macht dar. Niemand muss mehr arbeiten, wenn er sich den Chip einpflanzen lässt, den man den Moskauer Bürgern als Wohltat verkauft hat, wacht er ja auch über deren Gesundheit und Wohlbefinden (aber auch über alle anderen Dinge). Eine Art Totalüberwachungs-Big-Brother ist der große Hit für einige, wobei jeder, der sich dieser Gemeinschaft freiwillig angeschlossen hat, zustimmt, die Überwachungskameras in jeder Räumlichkeit installieren zu lassen, auch im Badezimmer, sogar in den Toiletten, auch im Schlafzimmer, so wie alle anderen Teilnehmer dieser Show dies auch tun.
In dieser verrückten Welt lebt der Chefredakteur Saweli Herz, der für ein bekanntes Magazin schreibt. Da er gerne arbeitet und dabei auch gut verdient, kann er sich eine Wohnung in einem höheren Stockwerk leisten, schließlich gelingt ihm sogar der Aufstieg zum obersten Chef des Magazins, dessen Auflage er deutlich steigern kann. Zudem erwartet seine Partnerin ein Kind, und so könnte alles in bester Ordnung sein, wäre da nicht das Gerücht, dass die Chinesen Sibirien komplett ausgebeutet hätten und sich bald von dort zurückziehen wollten. Doch was wird dann aus den staatlichen Alimenten?
Und während Saweli Herz sich noch Gedanken über die Zukunft der Moskauer Gesellschaft macht, greift ein anderes, viel schlimmeres Unheil um sich, denn der allgegenwärtige Drogenkonsum fordert doch sehr plötzlich einen unglaublichen hohen Tribut von den Moskauern...
Eine Parabel auf den derzeitigen russischen Staat? Eine ätzende Satire? Oder doch nur ein ideenreicher, clever erdachter Unterhaltungsroman?
Rubanovs Werk lässt sich sicherlich auf vielerlei Arten lesen, wobei ihm aber immer ein hoher Unterhaltungswert attestiert werden muss. Auch wenn "Chlorofilija" im Mittelteil leichte Hänger aufweist, die vielen Ideen des Autors und die (zwar nicht immer aber doch oft) überzeugende Gesamtkonstruktion sorgen für viel Amüsement beim Leser.
Vor allem die dekadente Atmosphäre dieser trägen, saturierten Gesellschaft erschafft der Autor meisterhaft. Schade, dass die etwas flachen Charaktere hier nicht mithalten können.
Rubanovs Roman ist eine echte Entdeckung, zwar mit deutlichen Schwächen, aber auch von solchen Stärken, dass sie den Rezpienten über die volle Distanz bei Laune zu halten vermögen. Ein Tipp für alle SF-Leser, die auf kreative, einfallsreiche Geschichten scharf sind.

Copyright © 2014 by Gunther Barnewald


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