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Weltenmeister "weltenmeister"

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Der überflüssige Mensch: Unruhe bewahren
Der überflüssige Mensch: Unruhe bewahren
von Ilija Trojanow
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

3.0 von 5 Sternen In den Wind gerufen, 27. Juli 2014
Das kleine Büchlein ist die schriftliche Version einer Vortragsreihe und zeichnet sich weniger im Inhalt, als mehr durch die Vortragsweise aus, der eine Wut deutlich anzumerken ist. Das Besondere ist eigentlich, dass hier jemand anklagend schreit, von dem man dies in dieser Weise nicht unbedingt so erwartet hätte.

Zwar muss es inhaltlich einigermaßen oberflächlich bleiben und, ja, es gibt einige Wiederholungen und Überschneidungen gar. Das unterstreicht nur die Emotionen. Aber es ist gerade nicht so, dass die Analysen und Bewertungen schon bekannt beziehungsweise abgearbeitet wären. Zwar findet sich Ähnliches, allerdings selten in derart zugespitzter Form, bei manchem Autor, den man politisch links einordnen würde; aber das bedeutet nicht, dass es unwahr oder auch nur unzeitgemäß wäre.

Im Gegenteil, gerade in Bezug auf das Titelthema "Der überflüssige Mensch" haben sich frühere Warnungen längst als berechtigt herausgestellt. Sei es der Aberwitz durch die Hartz-Gesetzgebung, die schonungslose Ausbeutung ferner Rohstoffe oder die Arbeitsbedingungen bei asiatischen Zulieferern. Entscheidend ist, dass weder die Warnung Beachtung fand, noch die heute längst eingetretenen Folgen bemerkt werden wollen.

Das zeigt sich meines Erachtens auch in den meisten Kritiken des Buchs hier auf Amazon. Linkes Zeug, damit reif für die Tonne! Oder: Kennen wir schon, daher ist es unwichtig oder unwahr! Eben nicht, sage ich und spüre dabei die selbe Wut wie der Autor. Er zeichnet übrigens auch keine Endzeit, sondern entwirft nur konsequent die Zukunft. Wem das nicht gefällt, der muss Argumente finden, dass diese Konsequenzen nicht eintreten werden. Von denen liest man aber nichts. Vielmehr wird hier nur das Vorurteil fortgesetzt, indem man einfach per Dogma glaubt, dass diese Schwierigkeiten nie eintreten werden. Ähnlich einem Menschen, der aus einem dreißig Stockwerke hohem Haus stürzte und dann für sich sagt: Jetzt ist schon neunzwanzig Stockwerke alles gut gegangen, was soll das Gefasel von meinem Untergang?

Eine Schwierigkeit besteht darin, dass nur jene die Sicht des Autors wirklich nachvollziehen können, die mit diesen Überflüssigen in Berührung kamen. Oder es selbst sind. Nur sind das eben selten die Leser eines solchen Buches. Und die, die es lesen, wollen es nicht wahrhaben, aus Selbstschutz und zur Aufrechterhaltung ihres heilen Welt-Glauben. Also jene, die die Katastrophen und Kriege in den Nachrichten sehen, sich ein wenig gruseln, aber dann abschalten - ist ja alles weit weg.

Auch die Kritik an der Konstruktivlosigkeit ist falsch. Zum einen gibt der Autor Hinweise und begründet deren manchmalige Vagheit. In einigen Punkten spricht er es kurz aus, etwa bei den Allmenden. Zum anderen hat er ja Rech mit seiner Begründung: Es ist nichts wert, wenn er Vorschläge unterbreitet, denen dann niemand folgt, weil die Einsicht fehlt. Man muss erst selbst erkennen, seine eigenen Schlüsse ziehen und dann... meiner Meinung nach ist man dann eh auf der Seite des Autors beziehungsweise der betroffenen Überflüssigen. Würde er "Verbesserungsvorschläge" machen, so würden sie bestenfalls zum Erhalt dieses System genutzt werden, meist jedoch schlicht, um ihm vermeintliche Dummheit nachzuweisen.

Und damit lautet das Fazit, dass dieses Buch vor allem wütend machen sollte. Aber nicht auf den Autor, sondern mit ihm zusammen auf anderes! Tatsächlich kann es, wie der Vortrag, nur so als Versuch verstanden werden, einige wenige Menschen, die noch nicht ganz ihren Verstand und ihre Moralität verloren haben, aufzuwecken.


Ender's Game  - Das große Spiel
Ender's Game - Das große Spiel
DVD ~ Harrison Ford
Preis: EUR 12,99

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Einmal wieder: Enttäuschende Verfilmung, 20. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Ender's Game - Das große Spiel (DVD)
Die Ankündigung einer Verfilmung dieses literarischen Meisterwerks von Orson Scott Card begeisterte mich, dann kamen die kritischen Gedanken. Es gibt Bücher, die sich allenfalls schwer auf ein Medium Film übertragen lassen. Wie wollte man die Entwicklung und die Zerissenheit von Ender in einem Film wiedergeben, ohne seine Gedanken permanent erklingen zu lassen? War die Vorlage nicht zu gewaltig, schließlich spielt sich dort das Geschehen über Jahre ab? Und was sollte man heraus nehmen, ohne die Absicht zu zerstören? Denn dass man kürzen müsste, war klar.

Die trailer und andere Vorabinformationen schürten meine Zweifel. Zwei Rollen durch Hollywood-Größen besetzt - das deutet auf Schwächen an anderen Stellen hin, die man so zu überdecken versucht. Gerade die Filmausschnitte protzten mit einer Technik, die detailreich fantastisch wirkte. Und schließlich waren da all die Erfahrungen, besonders jene in den letzten Jahren, wo Regie und Drehbuch in einer Hand lagen, wo Hollywood einem Erfolg nachgierte, ohne das Wesentliche der Vorlage zu begreifen.

Leider sehe ich mich größtenteils bestätigt. Mit Abstrichen. Denn der Film ist sauber gemacht und er hätte durchaus etwas Besonderes werden können, falls man sich entschieden hätte, das Buch zu verfilmen oder etwas Eigenständiges zu produzieren. Das geschieht jedoch nicht, so dass einerseits Liebhaber des Buches - nicht die reinen Fans, die es vielleicht nicht begreifen - andererseits der ahnungslose Zuschauer enttäuscht wird.

Als Leser der Vorlage ahnt man wohl schon zu Beginn die aufkommenden Mängel, da weder der ältere Bruder, noch die Schwester richtig eingeführt werden und bei allen drei Kindern der Umstand, dass jeder ein Genie ist, viel zu wenig ausgedrückt wird. Ender, der Drittgeborene, ist als Begriff gleich gar nicht zu verstehen, doch die erwähnte Betonung im Film weist diesen Mangel aus. Und je länger der Film dauert, desto mehr entfernt er sich von der Vorlage, um schließlich zu einer Art Inhaltsverzeichnis über Kämpfe zu verkommen, dem ein moralischer Epilog wie aufgesetzt folgt. Spätestens bei der Kampfszene im Duschraum befiehlt Hollywood, was und wie es zu zeigen ist - und das ist zu wenig sowohl für den durchschnittlicher Kinofan, als auch für den Leser.

Diese Kritik ist auch ein wenig ungerecht, denn für eine bessere Verfilmung fällt mir persönlich zunächst nur ein, die Länge des Films deutlich zu erhöhen. Gleichzeitig hätte ich aber noch einiges aus dem Buch resoluter streichen müssen, nur was? Am ehesten die jetzt unnötige Eskapade Razor Mackham, als Zweites vielleicht die nun unnötigen Personalisierungen seiner Mitstreiter, die in dieser Form völlig in der Luft hängen bleiben. Und auch dieses für den normalen Kinofan kuriose Ende mit Anklängen auf das Folgebuch "Sprecher der Toten", das ja bei Card bewusst ein zweites und ganz anderes Buch war. Beispiele in negativer Art finden sich viele, etwa das "mind game", das in dieser Weise im Film eine kaum zu verstehende Episode wurde. Oder - und das finde ich besonders tragisch - das verzweifelte Vertrauen der Führung in diesen Jungen, der gemäß dieses Films nur eine Art Videospieler ist.

Nein, die schlechten Kritiken sind berechtigt. Hollywood sollte nicht versuchen, Bücher zu verfilmen, die gerade durch das Literarische wirken. Das wissen wir - um beim Genre zu bleiben - doch seit den unzähligen Versuchen zur "Flusswelt". Und wenn man es versucht, dann sollte man nicht einen Regisseur alleine machen lassen, sondern möglichst viele Personen in den Entstehungsprozess einbeziehen. Macht erst eine gute Erzählung in Form eines Films, dann macht einen guten Film daraus, indem durch viel Geld für die nötigen Bilder gesorgt wird.

Ich kann also nur eine Empfehlung aussprechen: Lieber das Buch lesen! Und dabei - falls man diesen Film sah - Vorurteile beiseite schieben. Wahrscheinlich aber landet dieser Film wieder in der Rubrik Kinderfilm, nur weil der Protagonist minderjährig ist - das wäre richtig übel, denn in dieser Verfilmung bleibt gerade für Kinder nichts Lehrreiches mehr übrig.

Und ein Wort zur DVD: Ebenfalls enttäuschend, weil außer Werbung nur der Film enthalten ist.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 2, 2014 5:02 PM MEST


Deutschland misshandelt seine Kinder
Deutschland misshandelt seine Kinder
von Michael Tsokos
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

17 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Autoren misshandeln Menschen, 1. April 2014
Bücher wie dieses machen mich wütend. Ein sehr ernstes Thema wird von darin verwickelten Möchtegerns aufbereitet, dass es schwer fällt, bis zum Ende durchzuhalten. Leider ist dies in letzter Zeit Mode geworden und oftmals werden gerade diese Schwarten zu sogenannten "bestsellern", auch weil es bestellte oder oberflächliche, gute Kritiken hagelt.

Die beiden Autoren dieses kleinen Büchleins sind Rechtsmediziner und selbstgerechte Egomanen, bei denen man sich angesichts solcher Ergüsse fragen muss, wie sie je ihre Doktortitel erwerben konnten. Außer ihnen haben alle Schuld am Leid von Kindern, wirklich fast alle: Versagende Eltern, gewalttätige Bekannte, wegschauende Nachbarn, Ärzte "alten" Stils, uninformierte Sozialarbeiter, desinteressierte Bürokraten, schlecht ausgebildete oder faule Erzieherinnen und jeder, der einen Verdacht haben könnte! Sie selbst aber haben die weiße Weste, denn sie sind ja tätig in diesem Bereich, wissen die Lösungen, schreiben darüber Bücher - und natürlich kommt Ähnliches bei ihnen und ihren Familien nie vor, niemals.

Das Büchlein wird durchzogen von Falldarstellungen, die bis auf wenige Ausnahmen sich alle recht ähnlich lesen. Gleichfalls ähnlich ist der polemische Stil dieser Darstellung bis hin zu Deutungen und Betroffenen Worte in den Mund legen. Man will eine Horrorshow etablieren und gleich noch die Sünder klar benennen. Aber hier beginnt bereits über den kritikwürdigen Stil hinaus die Fragwürdigkeit: Natürlich sehen sie es stets aus einer Rückschau und erklären so alles besserwisserisch. Nur ein Fall wird aus einer quasi aktuellen Sicht geschildert und dieser ist just einer von den Ausnahmen, wo ihnen ihre Tätigkeit zeigte, dass kein Fall von Kindesmisshandlung vorliegt. Damit haben sie sich jegliche Grundlage für Analysen geraubt.

Aber auch dem Leser helfen die Fälle nicht weiter. Wörtchen wie "oft" oder "häufig" ersetzen keine Statistik und noch weniger eine Begründung. Um die bemühen sich die Autoren auch nicht, sie wissen bereits alles. Denn obwohl sie eingangs erwähnen, dass - neben einer für dieses Schreiben notwendige, aber leider auch unerträgliche Abtrennung von psychischer Misshandlung - Fälle dieser Art in allen Bevölkerungsschichten vorkommen, schildern sie nur solche aus den ärmeren. Dort aber kennen sie die Ursachen: Unfähigkeit, fehlende Bildung, Drogensucht, psychische Probleme, etc. Während sie gelegentlich versichern, dass sie niemanden vorab verurteilen wollen, kann man aus den Texten unschwer erkennen, dass ihnen ein Wohnen in einem Sozialbau in einem typischen Milieu als Hinweis genügt, als wenn sich gerade dort jene Menschen freiwillig ansammeln würden, die Kinder gerne und oft misshandeln.

Man glaubt es kaum, wie sehr sie bereit wären, deutsches Recht mit Füßen zu treten. Gibt es irgend wo einen vage begründeten Verdacht, sollen die Kinder am besten erst einmal dem Zugriff ihrer eventuellen Peiniger, also meist ihrer Familien entrissen, um zunächst in Heimen, dann bei Pflegeeltern bis zu einer amtlichen oder höchstrichterlichen Entscheidung untergebracht zu werden. Da sie nicht müde werden, Wegschauen anzuklagen und unter Bezug auf einen Paragraphen jene, die einen Verdacht auf Misshandlung haben könnten, ihn aber nicht weitermelden, auf die gleiche Stufe wie die Peiniger zu stellen, wäre durch falsche Annahmen und missbilligendes Denunziantum eine Völkerwanderung der Kinder bald angesagt. Allerdings - und das erwähnen sie nur einmal - gäbe dies ein logistisches Problem, da so viele Plätze für aufzunehmende Kinder gar nicht existieren. Und gegenüber jenen, die einmal sich etwas zu schulden kommen ließen, kennen sie kein Pardon. Abgebüßte Haftstrafen sind bedeutungslos, gezeigte Reue, etwa über fünfzehn Jahre hinweg durch fehlerfreies Sorgen für das geschädigte Kind trotz aller Einbußen, ebenso. Da fragt man sich aber schon, wozu die Betreuer gut sein sollen, die die Autoren jedem potenziell Verdächtigen prophylaktisch zur Seite stellen wollen: Menschen ändern sich doch nie!

Aber sie sind großzügig oder erbost genug, dass die Welt nicht so will wie sie, damit sie uns auch noch ihre "Lösungen" anbieten. Belege für deren Wirksamkeit können sie keine anführen, denn selbst ihr Verweis auf ausgewählte Nationen, wo diese ihre Lösungen mehr oder weniger gegeben sind bei gleichzeitig niedrigeren Raten von Kindesmisshandlung, ist selbstverständlich durch die Auswahl nicht tragfähig. Ebenso gut könnte ich zum Anheben des Bruttosozialprodukts empfehlen, die Quote der Handfeuerwaffen pro Bürger zu erhöhen oder zum Islam zu konvertieren - auf die USA beziehungsweise manch Öl-Emirat verweisend. Ohnehin wäre diese Rechnung fehlerhaft, weil sie jegliche Nachteile ignoriert; so könnte ein anderes Verständnis von Familie oder Bürgerrechten notwendig sein, wozu Deutsche nicht bereit wären.

Damit ist man aber bei stärksten Gegenargument zu all ihren "Lösungen" und es tut mir leid, dass ausgerechnet ich dies anführen muss: Die Kosten. Immerhin meine ich dies nicht nur finanziell, aber bereits beim Geld frage ich mich, wie dies gehen soll. Teilweise scheitert es auch an einer Machbarkeit und bezeichnenderweise fällt den Autoren dies dann nicht einmal auf, wenn sie es selbst anführen: So fordern sie - neben geschultem Personal allüberall - mehr Erzieher, um bessere Betreuungsschlüssel zu erreichen, um nur wenige Zeilen darunter sich darüber zu beklagen, dass man in Deutschland schon seit langem kein geeignetes Personal mehr findet, so dass inzwischen sogar Arbeitslose per Schnellkurs dafür abgestellt werden. Diese Erzieher sollen auch nach geeignetem Vorbild etwa aus Schweden eine mehrjähriges Studium absolviert haben. Aber das klingt schon so, wie sie es wohl insgeheim sich wünschen: Ein Elternführerschein, ohne Berechtigungsnachweis kein Kind (am besten Sterilisation? - wenn ich auch einmal so polemisch sein darf wie die Autoren in ihrem Werk).

Vor allem aber meine ich eine Machbarkeit im Sinne demokratischer Mehrheiten. Wie war das mit Kitas und Wahlversprechen beziehungsweise Garantien? Bereits hier müsste man die politische Führung verjagen. Aber um all die vielen notwendigen Veränderungen mit immensen Kosten (die, übrigens, die Autoren gar nicht alle sehen) durchzusetzen, bedürfte es einen noch weitaus größeren politischen Willen. Zumindest an dieser Stelle kommen sie ihrem eigenen Weltbild nahe, denn sie müssen zugeben, dass fast alle schuldig sind, weil politisch tatenlos. Auch der Titel ihres Buches erklärt sich, immerhin ist es laut ihm Deutschland, das seine Kinder misshandelt (alle?).

Da können sie mit wahrscheinlichen Renditen durch etwa hervorragende Erzieherinnen und entsprechende Einrichtungen aufrechnen, wie sie wollen - diese haben gesamtgesellschaftlich anscheinend keine Relevanz, man müsste schon das ganze System verändern. Allerdings fehlen nicht nur erneut jegliche Beweise für ihre Behauptungen guter Folgen, gerade hier wird ersichtlich, wie die Autoren denken. Da knüpfen sie doch tatsächlich eine Verbindung von guter, gewaltfreier Erziehung zu Bildung und Karriere und man liest gar: "...der wird in aller Regel weder kriminell noch drogenabhängig, weder gewalttätig noch langzeitarbeitslos werden" (Seite 226f). Oh man. Lassen wir die vielen Gegenbeispiele außer acht und genießen noch den Teilsatz zuvor: "wer ohne häusliche Gewalterfahrung aufwächst, sich in die Gesellschaft integriert, einen qualifizierten Schulabschluss macht, eine gute Berufsausbildung bekommt und in der Folge einen interessanten und einträglichen Job,..." Aha, es gehört wohl doch etwas mehr dazu, so ein "guter" Mensch wie die Autoren zu werden. Schade eigentlich, dass sie in einer Traumwelt leben, wo es nur einträgliche Jobs gibt und jeder sie erlangen kann.

Hatte ich eigentlich erwähnt, dass sie gleich zu Beginn mit den einzigen Zahlen auftrumpfen? Etwas vage, ja, aber auch erschreckend. "Strenggenommen laufen also Hunderttausende Gewaltverbrecher in unserem Land frei herum" (Seite 9), andere Zahlen gehen umgerechnet bis auf drei Millionen hoch und auch "Für fast ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist Gewalttätigkeit alltägliche Realität" (Seite 26) ist ... obwohl hier auch Gewalt unter Kindern wohl dazu gerechnet wurde. Ganz so deutlich wird das nie. Aber hier sind seelische Misshandlungen größtenteils unberücksichtigt und auf eine sehr hohe Dunkelziffer verweist man auch noch. Da im Buchverlauf auch andere, nicht selbst gewalttätige Personen zu Mittätern stilisiert werden und eine Verjährungsfrist nicht existieren soll, gehört jeder zwölfte Deutsche ins Gefängnis und die Kinder mindestens jeder dritten Familie in eine andere Obhut. Der Rest sind dann (neben Gefängsniswärter) allsehende Betreuer, edelerfahrene Erzieherinnen und - selbstverständlich! - weise Rechtsmediziner, wie sie es sind.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das Thema ist ernst und auch heikel, weil manche nichts wissen wollen. Kinder gehören geschützt vor Gewalt, aber auch vor alleswissenden Erwachsenen. Mit Sicherheit liegt auch vieles im Argen bei Kinderbetreuung, Erziehung und Ausbildung (auch bei Pflege von Alten, klinischer Versorgung von Kranken, gleichem Lohn trotz Subunternehmerhandel oder Geschlecht, Jugendarbeitslosigkeit, sozialer Schere, Demokratie, politische Transparenz... ähem, das endet nie). Aufmerksam machen auf das Problem ist richtig, falsch ist aber diese Weise im billigen, naiven, ja regelrecht einfältig und überheblichen Stil. Die Autoren machen nicht weniger, als manche Kinder zum zweiten Mal zu Opfern, dieses Mal von ihnen, missbraucht als Beispiele für solch ein Buch. Lösungsvorschläge der Qualität "wer Durst hat, sollte etwas trinken", wie sie hier geboten werden, sind Papiervergeudung und lassen mich an der Intelligenz der Autoren zweifeln. An ihrem Wesen zweifele ich durch all die kleinen ideologischen Details. So würde ich, beispielsweise, als allererstes dafür sorgen, dass solche Sozialbunker und eine monetäre Ghettorisierung verschwinden. Und für die Beseitigung mentaler Ghettos, die durch den Aufbau von Mauern entstehen, weil man Drogensucht, Kindesmisshandlung und Überforderung als Folgen eines Wesenzuges der betreffenden Menschen sieht, empfehle ich stets das eine: Die Missachtung solcher Machwerke wie dieses Buch!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 20, 2014 6:44 PM MEST


Die letzten Tage Europas: Wie wir eine gute Idee versenken
Die letzten Tage Europas: Wie wir eine gute Idee versenken
von Henryk M. Broder
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Steinewerfer aufs eigene Glashaus, 17. Februar 2014
Um ein Fazit vorwegzunehmen: Alles, was Broder den EU-Vertretern vorwirft, trifft in mindest dem selben Maß auf ihn selbst zu!

Es war klar, dass ein so populistisches Thema wie eine Kritik an der EU in Buchform, geschrieben von irgend jemandem mit einem Namen, rasch zu einem "bestseller" werden würde. Typischerweise sind eben jene Werke zu einem ganz überwiegenden Anteil Ausschuss, was aber andere Medien nicht daran hindert, den Autor eines solchen Büchleins beispielsweise in talk-shows einzuladen und so zusätzlich für das Machwerk zu werben - obwohl es offensichtlich ist, dass die wenigsten der Redakteure und Moderatoren den Schmarrn selbst gelesen haben. Henryk M. Broder war einmal ein Journalist, aber immer auch ein wenig umstritten. Seine Sicht der Dinge ließen ihn manche Artikel schreiben, die trotz ihrer eindeutigen Vorabwertungen ein paar Denkanstöße geben konnten. Inzwischen ist er wohl verbittert darüber, dass die Welt nicht so will, wie er es ihr stets sagen wollte.

Das vorliegende Buch aus seiner Feder ist angenehm leicht zu lesen, doch das sind auch sämtliche Vorzüge. Ansonsten muss man sich nämlich regelrecht durchquälen, weil weder eine klare Linie - außer der Vorgabe, die EU in ihrer Form ist mies - noch irgend etwas Erfahrenswertes gefunden werden kann. In der gesamten ersten Hälfte des Buches finden sich keine konkreten Beispiele, der Autor weist nur gelegentlich auf die seiner Meinung nach bekannten und eindeutigen Fälle "Gurkenkrümmung" und "Energiesparbirnen" hin, ohne genauer darauf einzugehen. Spätere Beispiele sind rar, stets vage, wenn nicht nur angerissen, und oberflächlich dargestellt.

Auch nach irgend welchen Argumentationslinien sucht man vergeblich und kritische Betrachtungen, die immerhin eine Analyse und Abwägung verlangen würden, fehlen ganz. Er wiederholt bloß immer wieder sein Mantra und beruft sich allenfalls auf "Fakten", die er irgend wo gelesen oder gehört hat. Redlich ist er dabei nie, was bereits bei seinen Zitaten offensichtlich wird. Drei dieser Zitierungen werden gleich zweimal auf den ersten sechzig Seiten wiederholt. Doch das ist nichts dagegen, dass diese Sätze ohne Hinweise aus einem Zusammenhang herausgerissen wurden, als Beispiele extrem selektiert und ironischerweise von jenen stammen, die er ansonsten vehement bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit oder Kompetenz angreift.

Es gäbe an der EU vieles auszusetzen und einige Mal findet Broder sogar einen guten Kritikansatz, doch seiner Ausführung kann man nur zurufen: Nicht so! Denn einer Nennung folgt nichts außer Verunglimpfung. Oder - seine geistigen Stillstand aufweisend - der unterstellte Vergleich mit der Sowjetunion, weitergehend allen kommunistisch angehauchten Ideen. Wo die Kritik inhaltlich begründet werden müsste durch belegende Fakten und Argumente, nimmt er den Ansatzpunkt nur für weit ausgebreitete, geradezu infantile Häme. Zweimal formuliert er ausdrücklich, dass er über eine Sache nicht Bescheid weiß, um dennoch gleich darauf die Sache an sich zu verurteilen. Seine in der Anzahl wirklich wenigen Beispiele lassen sogar vorurteilsbehaftete Leser wohl ahnen, dass hier etwas nicht stimmt, denn fast immer wäre auch eine Gegenrechnung aufzumachen; eine Sache ist nicht deswegen schlecht, nur weil eine ausgewählte ihrer Facetten schlecht ist. Wenn er beispielsweise gerne auf die Jugendarbeitslosigkeit in Europa verweist, dann müsste er auch zeigen, dass diese ohne die EU nicht noch schlimmer wäre, und man kann den EU-Politikern nur aufgrund dieses Wertes nicht schon Untätigkeit vorwerfen.

Das letzte Kapitel, ein Postscriptum, ist in dieser Weise bezeichnend und zu spät. Zunächst blubbert er den Leser wieder unnötig zu und es folgen danach noch weitere solche Ergüsse, die er wohl als bildhafte Vergleiche bezeichnen würde. Dann erklärt er, warum er dieses Buch geschrieben hat - oder, eigentlich, erklärt es nicht. Denn niemand sollte, nur weil er sich selbst über eine Sache klarer werden will, die er zuvor fast gänzlich ignoriert hat, gleich aus diesem Lernprozess ein Buch machen, schon gar nicht bei diesem peinlichen Erfolg im Lernen. Dann folgen wieder die herausgegriffenen Zitate ohne Belege, versehen mit den Verumglimpfungen seinerseits. Erst hier versucht er, überhaupt eine Alternative zu suchen, und da er diese nicht finden kann, bleibt alternativlos seine Kritik. Und ungemein inhaltsleer. Auch auf den Untertitel "Wie wir eine gute Idee versenken" geht er nicht mehr ein, obwohl man sich nach dem Lesen fragt, worin er die gute Idee gesehen haben mochte. Die banale Erklärung zuvor an einer Stelle war purer Egozentrismus.

Am Schluss ist man nicht klüger. Man weiß nur, Broder mag die EU nicht. Gut, dass wir darüber einmal geredet haben! Und mit diesem lausigen Werk, indem ein Möchtegern-Schreiber sich als Experte in Sachen EU-Kritik ausgibt, hat er auch noch einiges Geld verdient. Wie anfangs gesagt: All diese Wertungen einer Person und ihres Tuns, die ich hier an Broder angehangen habe, hat er im Buch an EU-Politikern und Sympathisanten ausgeführt. Oder ein irritierend-illustrierendes Beispiel aus dem Buch, Seite 72 (auch die Klammern stehen dort so): "Was an ein Wunder grenzt, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele Deutsche aus Prinzip nicht arbeiten (Berliner), unproduktiven Tätigkeiten nachgehen (Sozialpädagogen, Integrationsberater, Frauenbeauftragte) oder die Zeit bis zur Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens mit Klagen über die zunehmende soziale Kälte überbrücken." Dazu wäre wenig zu sagen, vielleicht möchte man es noch ergänzen: Und Ex-Journalisten, die Bücher ohne Inhalt schreiben, um darüber in sinnfreien talk-shows zu reden. Herr Broder ist sauer, weil die Welt nicht nur nicht so ist, wie er sie haben möchte, sondern sie ihn in seinen Wünschen ignoriert. Wie fast immer bei solchen "bestsellern" zu populistischen Themendarstellungen, das Lesen lohnt sich nicht, ein Kauf ist sogar schädlich.


Experimentalphysik 5: Moderne Methoden der Datenanalyse Physik Denken (Springer-Lehrbuch) (German Edition)
Experimentalphysik 5: Moderne Methoden der Datenanalyse Physik Denken (Springer-Lehrbuch) (German Edition)
von Martin Erdmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,95

3 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Der Triumpf einer unsinnigen Studienreform, 2. Februar 2014
Band 1 aus dieser Reihe "Physik Denken" fiel mir auf, ein neues Lehrbuch über Experimentalphysik, ausgerichtet auf ein Bachelorstudium der Physik. Auch wenn der Anspruch eines Textes immer ein wenig im Widerspruch steht zum Experiment, dieser Band fing vielversprechend an - um dann gewaltig nachzulassen und bereits nach vierzig Seiten zur Katastrophe zu werden.

Ich erwähne dies nur einleitend, denn obwohl es hier eigentlich um Band 5 geht, mag gerade dieser fünfte Teil besonders stellvertretend stehen. Ebenso möchte ich vorab anführen, dass auch Bachelor und Physikstudium für mich einen Widerspruch darstellen. Der klassische Studiengang war bereits vor drei Jahrzehnten völlig überfrachtet, weitere Entwicklungen in Wissenschaft und Technik kamen hinzu. Man hätte das Fach aufteilen müssen, nicht aber unter diesem Schwachsinn Bacherlor mit der entsprechenden Verkürzung der Studienzeit so weitermachen dürfen. Band 1 bis 4 wirken auf mich, der noch Physik in alten Zeiten studiert hat, wie eine recht knappe Zusammenfassung eines schulischen Physik-Leistungskurses, mit ein paar Abstrichen und gleichzeitig ein paar kaum verständlichen Ausflügen ins Detail.

Band 5, also der hier vorliegende, ist dermaßen ein Beispiel für all meine Kritik, dass seine Existenz eigentlich als Witz gelten muss. Hatte ich mich schon bei Band 1 nach kurzer Zeit gefragt, was die Herausgeber mit "Physik Denken" meinten - abgesehen von der falschen Rechtschreibung ergibt diese Begriffskombination keinerlei Sinn, da Physik eine Wissenschaft ist, also bereits ein Sammlung von Gedanken - denn die fast schon belanglose Aneinandereihung von Auszügen aus einer Disziplin bietet keinerlei Möglichkeit, ein physikalischen Denken sich anzueignen, so stellt Band 5 alles in Frage, denn erstens geht es hier um Mathematik, zweitens um eben solche, die größtenteils ein Experimentalphysiker VOR seiner ersten Auswertung eines Experiments kennen sollte! Band 5 beschäftigt sich mit Stastik, Kombinatorik und Wahrscheinlichkeitsrechnung und anlässlich seines Untertitels "Moderne Methoden der Datenanalyse" möchte ich die Autoren aufrufen, "modern" zu definieren.

Abgesehen von diesen Grundlagenschwierigkeiten ist das dünne Bändchen - der Lehrtext umfasst 150 Seiten, von denen fast keine gefüllt ist, während allerlei Überschriften und unzählige, eingerahmte Kästchen bei einem ohnehin lockeren Satz die pure Textmenge gegen eine Winzigkeit gehen lässt; selbst Kästchen für das Lösen der Handvoll Aufgaben sind vorhanden, damit der Student seine Versuche ins Buch schreibt - ist sein Inhalt gleich mehrfach fragwürdig. Zum einen - vielleicht noch passend zum Unsinn des Bachelorstudiums - ähnelt es noch mehr als die anderen Bände an eine Zusammenfassung, als hätte jemand Überschriften mit ein oder zwei, eher hinweisenden Sätzen versehen. Zum anderen wimmelt es von Ungenauigkeiten, teilweise sind dies im Text sogar Fehler, stets aber einladend zu Missverständnissen. Was soll man schließlich von diesem "Beispiel" halten: "Durch häufiges Würfeln und die Messung der Augenzahlverteilung können wir eine Fälscherbande von Würfeln entlarven..." ? Damit wir uns richtig verstehen: Das war das ganze Beispiel, natürlich umrahmt in einem Kästchen samt Überschrift, was etwa ein Fünftel der Seite tilgt.

Die dünnen neun Kapitel streifen Inhalte nicht nur knapp, sie stehen insgesamt seltsam da. Es beginnt mit Messgenauigkeit und Wahrscheinlichkeit geht über Fehlerfortpflanzung und Testverfahren bis zu einem Ausflug über systematische Fehler. Während die ersten Kapitel ein Abiturient wahrscheinlich genauer erklären könnte, braucht man für Likelihood-Quotient oder Fisher-Diskriminanten-Methode schon ein gehöriges Hintergrundwissen. Aber nichts davon wird wirklich erklärt! Das gibt es, fertig, ab zum Nächsten. Verstehen war gestern notwendig, heute sollst du nur eine Formel beten können. Natürlich bleibt hierbei auch keine Zeit für kritische Anmerkungen. Dabei würde ich diesem Autorenduo nur zu gern gleich von Beginn an entsprechende Fragen stellen, etwa was sie mit "wahren" Wert meinen.

Es fällt schwer, eine Kritik des Buches jenseits einer Kritik dieser Studienform zu verfassen. Eher beleuchten die eklatanten Mängel dieses Lehrbuchs die Schwachstellen eines Bachelors. Aber trotzdem muss ich einfach sagen, dass dieses Buch ohne ein Konzept - außer dem der Platzschinderei - verfasst wurde und in keinster Weise für mich als Lehrbuch gelten kann. Und das gilt - nur leicht eingeschränkt - auch für die ersten vier Bände. Bezüglich der Datenanalyse-Methoden bringen Blicke in beispielsweise eine wikipedia, nach Stichworten durchgeführt, mehr und bessere Informationen.


Zwei Grad mehr in Deutschland: Wie der Klimawandel unseren Alltag verändern wird
Zwei Grad mehr in Deutschland: Wie der Klimawandel unseren Alltag verändern wird
von Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nicht brauchbar, 27. Januar 2014
Dieses Buch besteht eigentlich aus zwei Teilen. Einen Teil stellt die kurze Einführung und das Ende mit zwei alternativen Fiktionen für das Leben in Deutschland im Jahre 2040 dar, jeweils nur etwa sechs Seiten umfassend. Den größten Teil nimmt aber die Beschreibung der Ergebnisse der Klimamodelle ein, mit denen die Entwicklung von Wetter, Temperaturen und Niederschläge, Land- und Holzwirtschaft und mehr in den Jahren von heute bis 2050 vorausberechnet wurden.

Das liest sich allerdings wie die Mitschrift eines Kongresses, bei dem eben dies zwei Tage lang vorgetragen wurde. Es ist nicht nur stilistisch schwer verdaulich, es ist in weiten Teilen schwer verständlich. So habe ich, trotz entsprechender Vorbildung, den Inhalt des zweiten Kapitels nicht wirklich verstehen können, obwohl gerade dies mir die wissenschaftstheoretischen Grundlagen erklären soll. Die weiteren Kapitel widmen sich dann jeweils einem Folgenbereich, lesen sich aber wie Aufzählungen in einer Präsentation.

Das Taschenbuch ist hervorragend gebunden, mit hübschen Satz auf gutem Papier gedruckt und macht durch den Untertitel "Wie der Klimawandel unseren Alltag verändern wird" aufmerksam. Sein Problem ist nicht die Annahme einer Klimaerwärmung, die heutzutage nur noch absolute Deppen bezweifeln, sondern das Vergessen einer Zielgruppe. Der prosaische Titel samt dem versprechenden Untertitel scheint sich an eine interessierte Öffentlichkeit zu wenden, doch die Autoren schreiben nicht für diese. Ein Durchschnittsbürger wird den Inhalt kaum verstehen können, vor allem wird er sich jedoch kaum durch diese Ansammlung von aneinander gereihten Sätzen quälen. Dem fachlich Interessierten wird aber zu wenig geboten. Das Modell wird zu oberflächlich beschrieben, die Annahmen im Detail sind nicht aus dem Text ermittelbar. Ich wage sogar die Behauptung, dass es für jene irgend wo dazwischen, etwa in politischer Verantwortung, schlichtweg noch nicht fein genug in der Modellierung ist.

Damit komme ich noch einmal auf jenen anderen Teil zu sprechen. Anscheinend wurde dieses Problem den Verfassern des Buches auch klar, so dass sie eine Einführung und die beiden Lebensszenarien anhingen. Das ist nicht nur inkonsequent und unzureichend, es ist regelrecht fragwürdig. Denn der Bruch zwischen dem ersten und zweiten Kapitel ist gewaltig. Und die Szenarien sind... nun, sie nur als spekulativ zu bezeichnen, wäre zu wenig. Natürlich sind sie dies und das allein bringt sie schon in einen unauflöslichen Gegensatz zum Versuch im restlichen Buchtext. Man hat es damit zu umgehen versucht, dass man zwei Alternativen anbietet, die gewissermaßen ein Spektrum zwischen pessimistischem und optimistischem Zukunftsbild wiedergeben sollen. Aber hier kommt nicht nur allzu viel persönliche Wertung hinein, sie setzen auch eine Konstanz quasi aller anderen Lebensbereiche voraus. Das pessimistische Szenario führt nur die heutigen Entwicklungen fort, so dass ich es eher als das realistische bezeichnen würde. Ein pessimistischeres ist jederzeit denkbar, wenn man Folgen der Folgen für andere Bereiche miterfasst. Das optimistische liest sich dagegen wie ein naives Utopia und generiert damit eine Form von erhobenen Zeigefinger: Wir müssen uns in dieser Richtung gesellschaftlich entwickeln! Weder verfügen die Autoren über die fachliche Kompetenz für eine so umfangreiche Vision, noch steht ihnen diese Übermoral zu. Im Detail ließe sich ihnen eine kommunitaristische Hoffnung vorwerfen, weil dies die Entwicklung der letzten zweieinhalb Jahrzehnte ignoriert und keine Mechanismen aufzeigt, solch eine Wende zu etablieren.

Als Fazit lässt sich sagen, dass das Buch sowohl keine Orientierung für den Durchschnittsleser bietet, als auch seinem Anliegen eher schädlich ist. Das durch den Untertitel gegebene Versprechen wird nicht erfüllt und der klägliche Versuch, es im Nachhinein durch die Szenarien zu tun, ist in sich fragwürdig. Da gerade das "optimistische" Szenario den Abschluss bildet, entsteht der Eindruck eines moralischen Aufrufs - und nicht einer Darstellung eines wissenschaftlichen Versuchs. Das liefert Klimaleugnern und egoistischen Verweigerern genug Ansätze, ohne sich mit den Inhalten näher befassen zu müssen. Ja, insgesamt lässt es das ganze Buchprojekt fragwürdig erscheinen, als hätte man nur rasch etwas auf den Markt werfen wollen. Denn die Modelle sind noch zu unpräzise, um im Detail mehr als das sagen zu können, was man als projezierte Entwicklung ohnehin annehmen kann.


Pacific Rim
Pacific Rim
DVD ~ Charlie Hunnam
Preis: EUR 4,97

2 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Totaler Müll trotz einiger schwärmerischer "Rezensionen", 23. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Pacific Rim (DVD)
Der Film lässt sich trefflich beschreiben, dass man unterstellt, der Drehbuchautor hätte als Achtjähriger japanische Monsterfilme toll gefunden oder (eher und...) mit Transformer-Plastikfigürchen gespielt und hätte sich danach nicht mehr weiter entwickelt. Vom Regisseur ist bekannt, dass er gerne alles verbrät, solange es nur richtig viel Action gibt. Wie krank muss Hollywood sein, für so etwas Unsummen an Geld auszugeben?

Die Geschichte ist skurril in den Elementen und banal erzählt. Alle Charaktere laufen umher mit einer unsichtbaren Aufschrift "Ich bin ein Klischee". Richtig beurteilen kann man die Leistung der Schauspieler nicht, denn das Drehbuch bietet ihnen nichts. Jede Rolle glänzt durch obskure Widersprüche mit emotionalen Momenten nur für den Effekt. Nicht weniger idiotisch ist die Hintergrundgeschichte, die eine Welt draußen zum reinen Lieferanten für Trickaufnahmen degradiert. Allerdings wird dies noch übertroffen durch all den Schwachsinn im Zusammenhang mit technischen oder wissenschaftlichen Begriffen - als hätte der Schreiber hier und da was aufgeschnappt, aber rein gar nichts davon verstanden. Das beginnt bereits mit dem "Grund" für zwei Piloten pro Maschine und endet nach einem Kaleidoskop der Unsäglichkeiten in der Unkenntnis des Unterschieds zwischen einer Atombombe und einem Kernreaktor. Was der Autor mit analog-digital bleibt, wird wohl ewig sein Geheimnis bleiben. Dafür sorgt er ohne jegliche Gewissensbisse für Brüche in seiner Logik. Mal ertrinken Piloten unter Wasser, etwas später watscheln ihre Transporter im tiefen Meer und nicht einmal der immense Druck macht ihnen etwas aus. Davon gibt es viele Beispiele und manche sind regelrecht erheiternd, etwa wenn die Kampfmaschinen aus härtestem Metall dünne Container ergreifen, um ihren Fäusten mehr Festigkeit zu verleihen, oder wenn die Piloten die absurdsten Beschleunigungen schadlos überstehen.

Das Motiv funktioniert nach dem Prinzip: Wenn Panzer und Flugzeuge den Gegner nicht schaffen, dann müssen wir eben mit Fäusten zuschlagen. Und wenn man groß genug ist, dann schafft man auch die bösesten Burschen. Praktisch ist es da, dass im Nahkampf die fiesen Monster gegen Schwerter und Feuer empfindlich sind, während ihnen sonst keine Bombe etwas ausmacht. Aber wieso soll es ihnen anders ergehen als den menschlichen Figuren, die erst darum bitten, dass der Sohn heil zurückgebracht wird und dann kein Tränchen, kein Zucken bei dessen Tod kennen? Oder dem verstrahlten Anführer, der - obwohl auch noch die neueren Maschinen das Problem wohl nicht mehr haben - dem Tode geweiht ist, falls er nur einmal noch in eine einsteigt. Am drolligsten ist wohl die Rolle der Alibi-Frau, die kleines Mädchen und beste Kämpferin, Adoptivtocher und Haltgeberin, Liebende und Trauernde alles zugleich sein soll.

Interessant ist, dass eigentlich nie Spannung aufkommt. Selbst nicht durch die irrwitzigen Klimmzüge des Drehbuchs (häppchenweise stärker werdende Gegner). Ebenso wenig überzeugt die Optik des Films. Alles will gigantisch sein, ist oftmals aber einfach nur verschwommen und zu unerfüllt. Die Schlussszene erschreckt, ist da doch endlich mal Tageslicht mit Sonnenschein. Nein, dieser Film ist einfach Müll und für niemandem zu empfehlen, nicht einmal als billige Unterhaltung. Er ist so flach wie die Meere, wo die Maschinen seltsamerweise fast immer kämpfen, so beliebig wie die "pods", deren Verwendungszweck allein durch das Finale Sinn bekommt, so bescheuert wie das aktivierte "Drehmoment". Wäre es kein Kinofilm, könnten die Kunden wegen Betrug klagen und die Macher würden für Veruntreuung haftbar gemacht werden.

Die DVD bietet noch herausgeschnittene und mißlungene Szenen. Auch die sind nicht sehenswert.

(Nachbemerkung: Dies ist wieder ein Film, der in Bewertungen (amazon, imdb, etc.) durch eigenartige Berichte angeblicher Kinogänger hochgejubelt wurde.)
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Star Trek: Into Darkness
Star Trek: Into Darkness
DVD ~ Chris Pine
Preis: EUR 5,55

7 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Effektheischender Unsinn, 22. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Star Trek: Into Darkness (DVD)
Vorweg eine Frage, die mich beschäftigt: Wieso "Into Darkness"? Der Film gibt keine Antwort auf seinen Untertitel.

Aber auch ansonsten ist er dürftig - bis auf den Punkt der Simulation einer Umgebung, sei es die Raumschiffe, ihr Inneres oder die zukünftigen Städte auf der Erde. Hierin ist er nämlich opulent bis zur Sinnentleerung, einschließlich der typischen Zwänge sinnfreier action für spektakuläre 3D-Effekte.

Ein Fan der klassischen Enterprise war ich nie. Zu eindimensional waren die Charaktere, zu dick aufgetragen Shatners "Ich bin der tolle Hecht", zu altmodisch die Geschichten. TNG hat mir weitaus besser gefallen. So sah ich gleich doppelt kritisch die Idee von Prequels für das Kino, denn solche Filme haben immer das Problem der Nachträglichkeit zusätzlich. Bereits der erste Teil war meines Erachtens nur zu ertragen, wenn man diesen Hintergrund vergaß und die andauernden Bemühungen einer Anknüpfung an die alte Fernsehserie einschließlich der Kinofilme ignorierte.

Der zweite Teil überbietet sich in allem. Das heißt, nicht nur mehr Technik und mehr Bilder in diesem Sinne, sondern ein noch verzweifelteres Bemühen für die Anbindung. Dass dies der letzten TV-Serie widerspricht oder gar Brüche mit der klassischen Ausgabe bedeutet, scheint den Drehbuchschreibern egal gewesen zu sein. Aber dieser Kontrast zwischen Kirk und Spock, teilweise Pille und Scottie, als viel zu junge, unerfahrene Führungsoffiziere und dem Rest wie Sulu, Chekov, Uhura besteht bereits in den neuen Filmen - man weiß weder, warum die einen nur Befehlsempfänger sind, noch versteht man, wie viele Jahre später all ihre Positionen immer noch die selben sein können.

Das wäre alles nicht so schlimm, wenn die Schreiber etwas wirklich Eigenständiges versucht hätten. Aber sie tun es nicht. War es in Teil 1 schon die Sache mit dem alten Spock, ist es in diesem Film zusätzlich (denn der zweite Spock erscheint auch hier) mit dem Halb-Freund, Halb-Feind Khan gegeben. Diese überarbeitete Super-Khan-Ausgabe findet ihr Pendant im Technischen, neben dem Transwarp aus Teil 1 nun viele weitere Details. Und die Geschichte wird drumherum zusammen gekleistert.

Wer dieser Khan eigentlich ist, woher sein Schiff und die anderen kommen, wieso er derart aggressiv vorgeht, alles bleibt unklar, wie auch der gebotene Handlungsstrang regelrecht beliebig wirkt. Logik ist etwas für Pedanten, ein General kann beliebig schalten und walten, eine Raumstation bauen und dort ein Schiff basteln, das allem, was die Föderation Hundert Jahre später besitzt, Kontra bieten könnte, samt neuer Waffen. Überhaupt kann hier jeder etwas, was er eigentlich nicht könnte, beispielsweise kurz mal nach Chronos telefonieren. Oder sich dorthin versetzen, wobei der Grund hierfür absolut unklar bleibt, sogar nur dazu dient, eine nachfolgende Aktion ohne Begründung aufzubauen. Das ist überhaupt die Devise der Filmemacher. Da schießen sich die beiden Schiffe schrottreif, was sie später dann nicht sind, um dadurch Trümmer im Raum zu haben und zwar viel zu viele exakt zwischen sich, damit ein Ausflug mit Anzügen, die wundersam lenken, aber nicht bremsen können, und deren Verwender durchaus keine Shuttles kennen, als 3D-Effekt zelebriert werden kann. Da wird der Warp-Flug gewaltsam abgebrochen - was die Darsteller wie in einem bremsenden Fahrzeug nach vorne schleudert, schon witzig - und dann befindet man sich nur 20000 Kilometer vor der Erde, was viel zu nahe ist, aber immer noch viel zu weit weg, dass die Raumschiffe, nur weil sie ein wenig Kontrolle verlieren, innerhalb von wenigen Minuten durch die Schwerkraft auf die Erde gezerrt werden. Von solchen Witzigkeiten wimmelt es im Film, sei es die seltsame Bombe im Hochsicherheitslabor oder die Bombe an Bord der Enterprise oder Scotties Anwesenheit im feindlichen Schiff oder...

Nur peinlicher ist eben dieses Bemühen, die neuen Schauspieler auf die alten Rollenklischees einzustimmen, wobei die einzige Abweichung durch den jungen Spock mit Uhura wahnsinnig krampfhaft wirkt. Insgesamt wird weder das StarTrek-Universum berücksichtigt, noch eine Geschichte erzählt. Es handelt sich um eine lockere Bildfolge voll Tricks, um Action und 3D-Effekte dem Zuschauer hinzuwerfen. Nichts verdeutlicht das mehr als die unglaublich große Anzahl sinnloser Box- und Ringkampfeinlagen.

Es tut mir leid, aber ein Film, der in seiner Erzählung versagt, als prequel alles Frühere verrät und allein durch Effekte brillieren will, erntet von mir eine noch schlechtere Note. Die DVD bietet darüber hinaus nichts von Wert.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 27, 2013 9:49 PM CET


Casino Jack
Casino Jack
DVD ~ Kevin Spacey
Wird angeboten von Movie-Star
Preis: EUR 6,19

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Allein Kevin Spacey macht es aus, 22. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Casino Jack (DVD)
Auf der Rückseite des DVD-Covers liest man: "Das Schauspielgenie läuft als genialer Multimillionenschwindler Jack Abramoff zu souveräner Hochform auf" - gemeint ist Kevin Spacey und diese Aussage trifft exakt zu. Um genau zu sein: Sie ist die vollständige Wahrheit. Denn wäre da nicht ein Kevin Spacey, noch ergänzt um eine gekonnt schmierige Gegenposition durch Jon Lovitz, würde kaum jemand diesen Film bis zum Ende schauen wollen.

Problem Nummer Eins: Es handelt sich um einen US-amerikanischen Hintergrund, den zu verstehen bereits ein durchschnittlicher US-Bürger Mühen haben wird, ein Nicht-Amerikaner beinahe chancenlos ist. Drehbuch und Regie bietet, als zweites Problem, darüber wenig an, sondern zelebriert eine Folge von Geschehnissen. Und, Nummer Drei, die Charaktere sind irgend wie nicht richtig, zu unkritisch aus nur einer Sicht aufgebaut. Damit entsteht als einziger Halt für den Zuschauer das Wissen um den finalen Zusammenbruch, der sowohl in der Filmbeschreibung, als auch im Film selbst schon angedeutet wird, während die Füllmasse zum Aushalten in dem exzellent-charmanten Spiel der Hauptdarsteller besteht. Wäre beispielsweise Jack Abramoff als er selbst angetreten, man hätte es keine zehn Minuten ausgehalten und selbst eine Dokumentation über die Geschehnisse wäre für die meisten kaum von Interesse gewesen.

Natürlich muss ein Hollywood-Film dramatisieren. Aber hier geschieht es zu beliebig und zu wenig verbindend, teilweise eher wie eine Comedy wirkend. Als historische Aufarbeitung leidet es unter der subjektiven Sicht, deren fehlende Selbstkritik durch Spaceys bravouröses Spiel verdeckt wird. Das Ergebnis ist dennoch zu wenig, wenn man als Zuschauer nicht einfach nur ein Fan der Darsteller ist. Nach eindreiviertel Stunden ist man nicht schlauer und kann nicht mehr sagen, als einen Film mit Kevin Spacey gesehen zu haben.

Die deutsche FSK gab den Film ab 12 frei. Die eine Szene, in der jemand durch Kopfschüsse ermordert wird, und die angedeutete Freizügigkeit an einigen Stellen mag hier wenig Eindruck gemacht haben. Aber weder wird irgend ein 12- oder 14-Jähriger diesen Film betrachten wollen oder genießen und inhaltlich verstehen können, noch ist die erzählte Geschichte so unkritisch frei von moralischen Fragwürdigkeiten, nur weil offensichtliche Gewalt und Sex wenig in den Vordergrund tritt. Im Gegenteil, einige Aussagen und abgeschwächt die gesamte Geschichte liefert ein fragwürdiges Vorbild ab, das heutzutage, gerade wenn es ansatzweise verstanden werden könnte, Jugendliche weitaus mehr "gefährden" würde als die ihnen ohnehin schon bekannte Gewalt und Pornographie.

Insgesamt ist dieser Film nur etwas für informierte Erwachsene (oder Kevin Spacey - Fans). Die DVD bietet noch zu recht gestrichene Szene und einige vermasselte Versuche, leider aber keine Hinweise auf die Geschichte. So wirkt es durchaus wie ein dürftiges Versuch, etwas Unangenehmes zu verarbeiten oder gar in einer Form von Komödie zu verharmlosen.


Neutrino
Neutrino
von Frank Close
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2.0 von 5 Sternen Im Deutschen aufgeblasener Text für Wissenscharftshistoriker, 16. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Neutrino (Gebundene Ausgabe)
Das Büchlein lässt mich etwas ratlos zurück. Vielleicht hätte mich sein Titel irritieren können, wenn ich auf das Detail geachtet hätte; er lautet "Neutrino", also Einzahl, wie ein Name. Es geht eben nicht um Neutrinos als physikalische Objekte oder innerhalb einer Theorie, nicht so sehr um Wissenschaft, als vielmehr um eine Geschichte der Wissenschaft von der ruhigen Zeit vor einer Quantenphysik über die Entdeckung der Teilchen und Erkennen ihrer Eigenschaften bis zur Gegenwart. Die beteiligten Forscher und Theoretiker nehmen mit dem diesbezüglichen Teil ihres Lebens mehr Raum in dieser Wiedererzählung ein.

Das ist zum einen nicht ganz so einfach zu verstehen, denn natürlich würde man für ein Verständnis tiefe Einblicke in die Physik benötigen und Close bietet dafür nur Hinweise und Anrisse. Eigentlich ist das im Text Gebotene sogar fragwürdig, denn zu gemischt sind die Tiefen, zu beliebig und zusammenhangslos die Einblicke, was auch recht deutlich durch die wenigen Abbildungen im Büchlein wird. Wieso werden CNO- und pp-Zyklus dort ausgebreitet, was weitaus detailverliebter ist als alles im Text und in seiner Bedeutung für den durchschnittlichen Leser kaum nachvollziehbar, aber nicht eine Tafel als Übersicht der Leptonen und drei Neutrinosorten, was statt dessen in vielen Worten verteilt über drei Seiten umschrieben wird? Auch würde man, aber hier vergebens eine Liste erwarten, wie der Wissensstand über Elektron-, Myon- und Tau-Neutrino heute ist, oder zumindest passenderweise eine über Zeitpunkt der jeweiligen Entdeckung.

Zum anderen ist dieses Konglomerat aus vielen Lebenslinien und Forschungsrichungen fast zwangsweise unübersichtlich. Als Leser verliert man leicht den Faden und auch der Autor scheint sich nicht ganz sicher gewesen zu sein, wiederholt er sich doch immer wieder einmal und verheddert sich sogar teilweise. Mehr Wert scheint er, obwohl doch Professor für Physik, auf Anekdötchen gelegt zu haben, selbst wenn diese nicht verbürgt sind. Etwa zur Hälfte des Buches habe ich, obwohl garantiert nicht wenig vorinformiert, aufgegeben, all die Namen, Orten und Zeiten einzuordnen.

Das bringt mich zurück auf das Büchlein als Buch. Kleinformatig wie ein Taschenbuch ist es doch akkurat gebunden und wirkt auch vom Satz her nobel. Die Verwunderung beginnt bei der Dicke des Einbandmaterials; nachgemessen fand ich kein neueres Buch, selbst wenn es achtmal soviele Seiten fasste, dass solch massive Deckel aufwies. Damit wird wohl kaschiert, dass dazwischen nur rund 240 Seiten stecken, von denen der eigentliche Text nur 210 einnimmt und wirklich großzügig auf den kleinen Seiten verteilt ist. Mit nur 1500 Zeichen pro Seite - wenn diese vollbedruckt ist - wird hier einiges an Masse vorgespiegelt. Passend zu diesem Eindruck bietet das Büchlein ein dreizehn-seitiges Stichwortverzeichnis, in dem wirklich jeder Name, jeder Begriff, der irgend wie nur günstig dafür erscheint, angeführt wird, selbst wenn im Text gar nicht mehr als nur dieses Wort nebenbei auftaucht. Das ergibt an sich schon keinen Sinn, aber für solch ein Büchlein mehr historischer Betrachtung ist es völlig unnötig. Genau hier wäre eine chronologische Übersicht weitaus sinnvoller und nützlicher gewesen. Aber vielleicht wäre dann das Zeilenschinden schwerer gefallen...

Allerdings ist der größere Anteil dem Verlag der deutschen Übersetzung anzulasten, denn im englischen Original war es noch ein Taschenbuch mit 180 Seiten insgesamt. Und auch weniger als halb so teuer. Nicht weniger kritisch sehe ich die teilweise belanglosen, teilweise offensichtlich aus einem oberflächlichen Blick entstanden, medialen Rezensionen dieses Büchleins. Sein Leser lernt allenfalls etwas über die Wissenschaftsgeschichte, überwiegend aus einer Innenperspektive und durchaus subjektiv. Über das Neutrino erfährt er hingegen wenig, zum einen, weil hierin nicht viel geboten wird, zum anderen, weil der gewollt erzählerische Stil weder exakt genug ist, noch zum Lernen einlädt.

Am Schluss fragte ich mich, wieso ich dieses Büchlein bis zum Ende gelesen hatte. Ich konnte es nicht sagen. Außer, dass ein Physiker durch weltpolitische Konfrontationen übersehen wurde, blieb nichts in meinem Gedächtnis haften. Dann bemerkte ich, woran dies lag: Ich hatte das Lesen recht bald nur noch als Lückenfüller betrachtet, die Zeilen abgearbeitet während Zwangspausen sonstigen Geschehens. Aber das rührte nicht von meinem geringen Interesse her, sondern kam vom Stil des Textes. Das Büchlein ist eine wenig beachtenswerte Erzählung, die allein von der Faszination des Neutrinos lebt, die allerdings weder im Stil, noch allgemein wirklich vermittelt wird. Als hätte Close gesagt: Mich fasziniert das, samt aller historischen Details. Und das ist zu wenig für fast jeden Leser, besonders jedoch für all jene, die in "Neutrino" einen ersten Einblick in das Thema finden wollen.


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