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globe-alone "globe-alone" (Bozen, Südtirol (Italien))

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Anmerkungen zu Hitler.
Anmerkungen zu Hitler.
von Sebastian Haffner
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen In dieser Kürze, dieser Dichte nichts Besseres, 2. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Anmerkungen zu Hitler. (Taschenbuch)
"Zur Aufklärung der Nachgewachsenen" aber auch zur Reflexion derjenigen, die 'dabeigewesen' sind, gibt es in dieser Kürze, dieser Dichte nichts Besseres", kommentierte die SZ, als Haffners ANMERKUNGEN ZU HITLER 1978 erschienen. Und ich denke, dass dieses Urteil nach wie vor Gültigkeit hat - ungeachtet der heute unübersehbaren Fülle an Literatur über Hitler, das Dritte Reich, den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. ANMERKUNGEN ZU HITLER besticht durch seine Mischung aus Sachlichkeit, Dichte und sprachlicher Klarheit und ist damit auch Laien zugänglich.

Obwohl dieses essayistische Bändchen nicht einmal 200 Seiten zählt, ist es dem genialen Publizisten Sebastian Haffner (1909-1999) gelungen, wesentliche Aspekte zu Person, Politik und Verbrechen von Adolf Hitler mit größter Klarheit abzuhandeln. In 7 Kapiteln (Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen, Verrat) nähert sich Haffner präzise seinem Gegenstand. Und vertritt dabei auch Ansichten, die nach heutigen Maßstäben durchaus ketzerisch wären.

So wagt er mit einem unverstellten Blick auf Hitlers "Leistungen" gleich im zweiten Kapitel etwas, das aus nachvollziehbaren Gründen in der heutigen Öffentlichkeit einem Tabubruch gleichkommen würde - eine Anerkennung von Hitlers Wirtschaftspolitik. Haffner verschweigt nicht, dass gerade der nicht zu leugnende wirtschaftliche Aufschwung Hitler entscheidende Sympathien in der Bevölkerung einbrachte.

Damit allerdings wären etwaige Huldigungen auch schon erledigt. Hitlers Politik war schließlich nicht auf Dauer angelegt: "Aber eines war er nie: ein Staatsmann." Wie Haffner schon im ersten Kapitel schreibt, ordnete Hitler seine Politik - und damit das Schicksal Deutschlands - letztlich seiner "Autobiographie" - seinen Lebenszielen - unter.

Von Hitlers "Erfolgen" zeigt sich Haffner weitgehend unbeeindruckt. Bemerkenswert ist dabei, dass er den entscheidenden Grund für die innenpolitische Krise, die zur Auflösung der Weimarer Republik und zur Errichtung der Nazidiktatur führte, nicht in der Weltwirtschaftskrise, sondern in der inneren Ablehnung der Konservativen gegen Weimar verortet. Auch Hitlers außenpolitische "Erfolge", die zunächst im Zeichen der britischen "Appeasement"-Politik und später unerwartet schneller militärischer Siege standen, führt Haffner in erster Linie auf die Schwäche der Siegermächte des 1.Weltkriegs zurück. Haffner bescheinigt Hitler zwar "einen Instinkt dafür, was schon im Fallen, was schon im Sterben war... aber dieser Instinkt, zweifellos für einen Politiker eine nützliche Gabe, gleicht weniger dem Blick des Adlers als der Witterung des Geiers."

Hitlers Rassismus, Antisemitismus und Lebensraum-Ideologie werden nüchtern in einem Kapitel namens "Irrtümer" abgehandelt. Die scharfsinnige Analyse der inneren Widersprüche von Hitlers Antisemitismusideologie zählt zu den besten Abschnitten des Buchs - ein Grund mehr, sich ANMERKUNGEN ZU HITLER zuzulegen.

Ist "Irrtümer" der Nazi-Ideologie gewidmet, legt "Fehler" den Maßstab an Interessenspolitik und Staatsräson. Hier fallen zwei Überlegungen Haffners besonders ins Auge: erstens die Behauptung, durch die Vertreibung und Verfolgung der im Grunde patriotischen deutschen Juden habe sich Hitler im Streben nach Weltherrschaft im Grunde selbst geschadet; zweitens Hitlers Konzeption vom Krieg und Haffners entschiedene Aussage, Kriege würden geführt, um Frieden zu schließen. Während das erste Argument daran krankt, dass Haffner - für heutige Ansichten nahezu ketzerisch - kurz mit dem Gedanken an Deutschlands Vorherrschaft in Europa 1940 quasi liebäugelt ("hätte Deutschland damals einen Bismarck gehabt und nicht Hitler") und außerdem unter "Irrtümer" festgehalten hatte, dass Hitlers Antisemitismus ja nicht rationaler Art war, sondern Ausdruck "paranoiden Irrsinns", ist Haffners zweite Thesenführung überzeugender.

Was einen Ausblick auf das Kapitel "Verbrechen" lohnt. Dort fällt Haffners Argumentation in puncto Völkerrecht ins Auge. Zwar beweist die Weltgeschichte in Haffners Augen, bei aller Tragik, das Bestreben der Völker, Kriege mit Friedensschlüssen dauerhaft zu beenden; doch ist umgekehrt "ein Weg, den Krieg abzuschaffen, noch nicht gefunden." Haffner kritisiert in diesem Zusammenhang den Nürnberger Prozess und seinen Hauptanklagepunkt, der als "Verbrechen gegen den Frieden" deklariert war. In seinen Augen scheiterte der Prozess, weil er damit den maßgeblichen Verbrechen Hitlers - die keine üblichen Kriegsverbrechen waren, sondern unabhängig vom eigentlichen Kriegsgeschehen stattfanden - nicht gerecht wurde.

Als der Krieg längst verloren war, richtete sich Hitlers Zorn gegen das deutsche Volk (Kapitel "Verrat"). Und hier wagt Haffner auch den Versuch, Hitler in die deutsche Geschichte einzuordnen. Hitler, so sein Urteil, falle aus dieser schon deshalb heraus, weil er kein Staatsmann war. Er war "ein Unikum, ohne Vorläufer und Nachfolger", und "etwas Unerwartetes", "Fremdartiges". Was schließlich einen Blick auf Haffners vielsagendes Urteil im ersten Kapitel lohnt. Hitlers Leben war, von Politik abgesehen, "inhaltslos". Seine Ehe-und Kinderlosigkeit, sein Mangel an Bildung unterscheidet ihn Haffner zufolge klar von anderen Potentaten wie Napoleon, Bismarck, Lenin und Mao. Haffners entschiedene Schlussfolgerung: "Das entscheidende Kennzeichen dieses Lebens ist seine Eindimensionalität." Besser, kürzer lässt es sich wohl nicht sagen.


Ziemlich Dicht
Ziemlich Dicht

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gutes, doch leider wenig stringentes Stück Entertainment, 1. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Ziemlich Dicht (Audio CD)
Mit einer Mischung aus beißender Satire und beachtlicher Liedkunst hat der Niedersachse Andreas Rebers zurecht den Sprung in die vorderste Riege des deutschen Kabaretts geschafft. Rebers ist ein Wolf im Schafspelz: Indem er in seinem Programm von den üblichen Tiraden "linker" Kabarettisten "gegen die da oben" verzichtet und dafür kritische Botschaften buchstäblich "zwischen den Liedzeilen" versteckt, erhalten seine häufig scheinbar unpolitischen Stücke größte Sprengkraft.

Rebers' beste bislang auf CD erschienene Kabarettprogramme sind NEBENAN UND NEBENBEI, LIEBER VOM FACHMANN und ICH MAG MICH TROTZDEM. Im Vergleich dazu fällt ZIEMLICH DICHT etwas ab. Nicht, dass die Scheibe Rebers' übliche Sanges- und Spottkünste gänzlich entbehrt: unkonventionelle Gedankenführung, die Liebe zur Provokation und eine ungewöhnliche-virtuose Liedkunst irgendwo zwischen den Extremen Traditionalität und Experiment. Doch während seine anderen Programme entweder durch stringente Themenführung oder einfach durch die schiere Qualität des dargebotenen Materials bestechen, mäandert ZIEMLICH DICHT nach ansprechendem Beginn ziemlich ziellos durch verschlungene Pfade, ohne erkennen zu lassen, wohin der Weg eigentlich gehen soll.

ZIEMLICH DICHT mag eines von Rebers' vergleichsweise unpolitischen Programmen sein: kein reaktionärer Hausmeister, keine als Grüne rehabilitierte "Ex-Bolschewikin". Zwar will ZIEMLICH DICHT erklärtermaßen ziemlich dicht ran - vor allem an die Freuden, Sorgen und Nöte der Liebe. Während das manchmal brillant gelingt ("Möbelpolitur", "Kugelmenschen"), sind die Assoziationen über "Hormonstau" und "Pollenflug" wie vieles andere höchstens kurzweilig, und die Auslassungen über ukrainische Hostessen eher befremdlich als erheiternd. Alles in allem eine bisweilen zwar ansprechende, aber recht unfokussierte Angelegenheit. Schade - denn selbst in diesem Gewurschtel ist so manche Perle ("Ansichten eines Schlachters") verborgen.


Ich mag mich trotzdem
Ich mag mich trotzdem
Wird angeboten von all-my-music-rheingau
Preis: EUR 21,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über-Ich und Unter-Mir, 1. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Ich mag mich trotzdem (Audio CD)
Über-Ich und Unter-Mir, Lehrer und Hausmeister: Zwei Herzen wohnen in Andreas Rebers' Brust. Über den Kampf, den die psychischen Antagonisten untereinander ausfechten, erzählt auf ICH MAG MICH TROTZDEM das "Jahrhunderttalent" (Dieter Hildebrandt) aus dem Weserbergland. Um uns dabei zu versichern: Um Idealismus mache er sich keine Sorgen, eher schon um "diesen Hausmeister da unten" und die heimliche Vorliebe für Marschmusik. Die Botschaft ist angekommen - und die Tagespolitik bleibt hier außen vor. Was Rebers' Programme und Stücke zeitlos macht, ohne sie ihres politischen Gehalts zu berauben.

Während der "innere" Hausmeister - eine Bühnenfigur, die zum festen Repertoire von Rebers Programmen gehört - gegen die Versuchung von rechts ankämpft, kämpft der Hauptschullehrer vor allem ums nackte Überleben. "Mit einem Messer gehe ich noch lange nicht nach Hause" - so rüstet er sich für Pausenaufsicht und den täglichen Kleinkrieg mit Schülern der achten Klasse mit Migrationshintergrund, die der deutschen Sprache zwar nicht mächtig sind, dafür in einem weißen Anzug in einem dunklen BMW mit getönten Scheiben zum Unterricht kommen. Verständlich, dass man da nach getaner Arbeit eine Sehnsucht verspürt nach der Ferne. Moby Dick. Oder eben Bayern. Vor allem, wenn man sich auch im Haushalt aufgrund "schlesischer" Pedanterie keine Verschnaufpause gönnt. Und, begibt man sich endlich in die wohlverdiente Ruhe, auch noch die eigenen Kinder lästige Frage stellen: Mama, was war einmal ein Adidas?

Ob satirischer Spott, halsbrecherisch assoziative Dichtkunst ("Adidas") oder aufrichtiger Ernst und ein wacher Blick für die Paradoxien des Alltags; ob kunstgewerblich auf dem Piano oder "volkstümlich" auf dem Akkordeon: Rebers ist in allen Fächern ein Meister seiner Zunft. Anders als etwa auf LIEBER VOM FACHMANN schlägt das Pendel bei ICH MAG MICH TROTZDEM eher zugunsten des "Textes" aus: Hier wird mehr geredet als gesungen. In jedem Fall: Daumen hoch!


Lieber Vom Fachmann (WortArt)
Lieber Vom Fachmann (WortArt)
Preis: EUR 13,49

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine runde Angelegenheit, 1. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Lieber Vom Fachmann (WortArt) (Audio CD)
Das erste Lied ist gerade verklungen, schon hebt Andreas Rebers zum Spott an, dass einem das Lachen im Hals steckenbleibt: Über Braunschweig und diesen "Beamten mit Migrationshintergrund" aus Braunau, der seinerzeit dort Staatsbürger wurde. Dass es dem preisgekrönten Kabarettisten ernst ist mit seiner Kunst, die mal sperrig, mal schwerelos, meist schräg daherkommt, das hat Rebers mit rabiater Deutlichkeit klargemacht.

Wer nach harmloser Comedy sucht, darf von LIEBER VOM FACHMANN gern die Finger lassen. Es wird nämlich ordentlich politisch - in den entschiedenen Breitseiten gegen billiges Gutmenschentum einerseits und Islamismus andererseits ebenso wie in den hintersinnigen poetischen Verbeugungen vor Bert Brecht ("Pflaumenbaum") und Zarah Leander ("Der Wind hat mir kein Lied erzählt"). Nur bei Rebers erfährt man, was Xaiver Naidoo, Cat Stevens, Musikantenstadel und Osama Bin Laden miteinander verbindet.

Davor und dazwischen vermengt der Kabarettist aus dem Weserbergland bemerkenswert mühelos Absurdes mit Tiefsinnigem, streift scheinbar im Vorbeigehen Disparates, sein eklektischer Stilmix enfernt sich freilich "nie zu weit von der medialen Wirklichkeit". Den Paradoxien des Alltags begegnet er stets, in der Erziehung ("Children's Corner") wie in der Liebe ("Sprachstörung"). Um dabei trotzdem nicht abzuheben - mit augenzwinkernden "Arbeiterliedern" und absurd-komischen Anekdoten über seine angeblich schlesische Herkunft und norddeutsche Rübenfelder.

Kurz: LIEBER VOM FACHMANN ist eine von Andreas Rebers' besten CDs und ein Highlight des zeitgenössischen deutschen Kabaretts.


Nebenan und Nebenbei
Nebenan und Nebenbei
Wird angeboten von MEDIMOPS
Preis: EUR 32,93

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wenn Hammer und Sichel sich scheiden, 1. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Nebenan und Nebenbei (Audio CD)
Im zeitgenössischen deutschen Kabarett ist Andreas Rebers eine der herausragenden Figuren. In den letzten Jahren gelang dem hochoriginellen Entertainer aus dem Weserbergland der verdiente Sprung in die Elite seines Fachs. Die gestiegene Wertschätzung lässt sich an den Auszeichnungen für seine Person ablesen: Auf den Salzburger Stier 2006 folgten prompt der Deutsche Kleinkunstpreis 2007 und der Deutsche Kabarettpreis 2008. Außerdem erwarb er sich bei einem größeren Publikum einen steigenden Bekanntheitsgrad durch seine regelmäßigen Auftritte in der ZDF-Satiresendung "Neues Aus der Anstalt".

Auch das Programm NEBENAN UND NEBENBEI (2005) sah Rebers, den scharfzüngigen und subversiven Kritiker bürgerlicher Bequemlichkeit, bewaffnet mit Piano und Akkordeon auf der Bühne. Hauptzielscheibe seines Spotts ist sein Publikum: das liberale Bürgertum mit seiner den Alt-Achtundsechzigern entlehnten und als "grün" rehabilitierten Toleranz-Wohlfühl-Ideologie zwischen political correctness, postmoderner Beliebigkeit und Multikulti. Der Kunstgriff, mit dem er das Publikum dazu veranlasst, über sich selbst zu lachen, besteht darin, besagte Haltungen in einer parodistischen Figur zu personifizieren: Sabine Hammer, geschiedene Sichel, ist zwar privat eine Chaotin, dafür bei den Grünen und hat wohl "jeden Workshop" schon mal besucht. Momentan ist sie verreist, in die Innere Mongolei, und richtet dort selbst einen Workshop aus, nämlich für Tibetanischen Obertongesang.

Freilich ist Rebers klug genug, um zu wissen, dass es nicht genügt, den Zeigefinger auf Andere zu richten. Da ist es dem Zweck des Subversiven nur umso dienlicher, selbst unter eine zwielichtige Maske zu schlüpfen. Der Erzähler, "diplomierter" Hausmeister, ist "links und reich", schließlich hat er seine reiche Frau "aus Mitleid und Solidarität" geheiratet, und sorgt in seinem Münchner Viertel für "innere Sicherheit", indem er seine Hausnachbarn beschnüffelt und denunziert und außerdem einen illegalen Abschleppdienst sein Eigen nennt, für den er Polen ohne Arbeitserlaubnis beschäftigt.

Rebers - das ist eine explosive Mischung aus absurder Komik und hinterhältiger Kritik, mit seinen aberwitzigen Geschichten über seine angeblich bitterarme Vergangenheit, die angeblich bittere Armut in Norddeutschland und die verschlungenen Pfade zu seiner Musikalität, die ihn in die Tiefen des Rotlichtmilieus führen. Kabarett mit getürkter Autobiographie - das erinnert an Rebers' österreichischen Fachkollegen Josef Hader, mit dem ihn tatsächlich vieles verbindet. Sein böser Witz strapaziert bisweilen hart die Grenzen des "guten Geschmacks", doch sein scheinbar "volkstümliches" Musizieren auf dem Akkordeon (dem er "autoerotische" Fähigkeiten bescheinigt, daher liebevoll "Strapsmaus") lässt etwaige Kritik an seiner Person abprallen - hat er doch ganz nebenbei damit eine alte Tradition kritischer Liedkunst ("Arbeiterlieder") wiederbelebt. Er selbst freilich spricht ironisch von einem Liedgut "in der Tradition Brecht-Bohlen": "Denn Brecht, das geht mittlerweile nur noch mit Subventionen, und Bohlen trägt sich von allein." Kein Missverständnis: Von Dieter Bohlen ist Andreas Rebers ungefähr so weit entfernt wie von gewöhnlicher Comedy.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 5, 2010 11:26 AM MEST


Rank
Rank
Preis: EUR 14,55

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen The Smiths live - lebendiges Dokument einer kurzlebigen Band, 30. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Rank (Audio CD)
Ein Livealbum von The Smiths, diesen notorischen Nörglern? Eine schlappe Angelegenheit, möchte man meinen. Doch weit gefehlt: Morrissey, Johnny Marr und ihre beiden Assistenten Andy Rourke ("The Bass Guitar") und Steve Joyce ("The Drums") waren in den vier Jahren ihrer "Bühnentätigkeit" eine Wucht.

Davon zeugt auch RANK, das offizielle Live-Album der Smiths. Die von der BBC aufgezeichnete Show vom 23. Oktober 1986 in Kilburn fängt die britische Indie-Legende zum Zeitpunkt ihres Zenits ein. Zudem klang die Combo live nun kompakter, war die Gruppe doch durch den jungen Rhythmusgitarristen Craig Gannon verstärkt worden.

Vergleichbar mit den frühen Radiosessions auf HATFUL OF HOLLOW, präsentieren sich The Smiths hier im rockigen Gewand: Bei dem rauen, erdigen Sound der Stratocasters wird plötzlich nachvollziehbar, warum Johnny Marr die Stones mehr liebte als die Beatles. Und das Songmaterial passte zu dieser Gangart: Die Wah-Wah-Pedal-Exzesse von "The Queen Is Dead", die laute Slide-Gitarre von "Panic", der Proto-Punk von "London". Selbst das auf der Platte niedliche "Boy With The Thorn In His Side" verwandelt sich hier in ein Monster. Doch auch wenn sich Marr auf dem Instrumental "The Draize Train" mal richtig austoben darf - stets bleibt er auf der Gitarre ganz Gentleman: mal stilistisch exquisit ("Ask"); mal, wie geschehen in der höflichen Verbeugung vor Elvis Presley (im Medley "Marie's The Name"/"Rusholme Ruffians"), sich in vornehmer Zurückhaltung übend. Und Morrissey ist wie immer großartig: Die verlangsamte, theatralische Performance von "I Know It's Over" schlägt die Studioversion glatt.

Ist RANK also makellos? Leider nicht. Was den Gesamteindruck trübt, ist die Songauswahl: Während es vertretbar ist, dass sechs Songs von THE QUEEN IS DEAD stammen, sind die beiden gewiss nicht viel schlechteren Vorgängeralben THE SMITHS und MEAT IS MURDER nur mit einem bzw. zwei Songs vertreten. Dafür hat sich in die Auswahl mit "Is It Really So Strange?", "London" und erwähntem "Draize Train" auch relativ Zweitrangiges in das Tracklisting eingeschlichen. Einen repräsentativen Querschnitt durch das Oevre der Smiths bietet RANK also nicht, wenngleich die Qualität der meisten dargebotenen Songs über jeden Zweifel erhaben ist.

Fazit: RANK ist ein sehr gutes Live-Album, dabei lebendiges Dokument einer großartigen, wenn auch kurzlebigen Band. Mit Einschränkungen unbedingt zu empfehlen!


Hatful of Hollow
Hatful of Hollow
Preis: EUR 10,77

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen BBC Sessions und mehr..., 29. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Hatful of Hollow (Audio CD)
Noch bevor das Debüt der Smiths im Februar 1984 in den britischen Plattenläden landete, war die Gruppe um Morrissey und Johnny Marr in ihrer Heimat bereits so etwas wie eine Sensation. Ende 1982 hatte sie ihr erstes Konzert gegeben, ein Jahr später war Morrissey dank seines exzentrischen Bühnengebarens und seiner kontroversen Interviews jedem Popfan ein Begriff. Entscheidend zur Bekanntheit von The Smiths trugen 1983 nicht zuletzt die insgesamt vier Radiosessions beim BBC bei, die in den Sendungen der DJs David "Kid" Jensen und besonders des berühmten John Peel ausgestrahlt wurden. In diesen Zeiten war ein Auftritt in einer Radioshow eine ideale Promotion, und The Smiths erwiesen John Peel gebührenden Respekt, indem sie in den kommenden Jahren noch zweimal Songs für ihn einspielten.

HATFUL OF HOLLOW, ein Sampler mit BBC-Sessions und anderen Tracks, sollte die Lücke schließen, die das als etwas enttäuschend empfundene Debutalbum THE SMITHS hinterlassen hatte. Im November 1984 erschienen, stammen 10 der 16 Tracks aus den beliebten Radiosendungen. Einige davon waren bereits auf dem Debüt oder als Single erschienen: "What Difference Does It Make", "This Charming Man", "Reel Around The Fountain", "You've Got Everything Now", "Still Ill". Von billiger Wiederverwertung kann dennoch keine Rede sein: Alle Songs unterscheiden sich in dieser Version deutlich von den offiziellen Studioaufnahmen. Der raue, spröde und warme Sound spricht traditionell viele Fans an, die sich an dem vergleichsweise sterilen Sound von THE SMITHS nicht erwärmen können.

Aus der Auswahl ragt besonders die "swingende" Version von "This Charming Man" heraus, und "Still Ill" überrascht mit einem Beatles-inspirierten Mundharmonika-Intro Johnny Marrs. Die schönste Perle ist aber vielleicht das unterschätzte "Back To The Old House", das mit Marrs virtuoser akustischer Begleitung die auf LOUDER THAN BOMBS enthaltene Studioversion um Längen schlägt. Außerdem birgt HATFUL OF HOLLOW das ungewohnt rabiate "Handsome Devil", eine der frühesten Kompositionen von Morrissey/Marr, von dem ebenso wie vom bezaubernden "This Night Has Opened My Eyes" keine Studiofassung existiert. Bei aller Brillanz muss man aber einräumen, dass HATFUL OF HOLLOW keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt: Um die Liste der 1983 für die BBC aufgenommenen Tracks zu komplettieren, fehlten noch 5 Songs, von denen bis heute nur einer ("Miserable Lie") nachträglich offiziell erschienen ist. Da herrscht also immer noch Nachholbedarf.

Was ist sonst auf HATFUL OF HOLLOW zu finden? Zugegeben: Alle restlichen 6 Tracks, mögen sie auch noch so prominent sein, finden sich in der gleichen Fassung auf wenigstens 1 weiteren Sampler, namentlich auf der Referenz-Compilation LOUDER THAN BOMBS: Das gilt für die vier hier versammelten Singles ("Hand In Glove", "William, It Was Really Nothing", "Heaven Knows I'm Miserable Now" sowie das obligatorische "How Soon Is Now?") ebenso wie für die nicht weniger notorischen B-Seiten "Girl Afraid" und "Please Please Please Let Me Get What I Want". Die Tatsache, dass ein Drittel des Materials auf einer größeren Compilation drauf ist, stellt den einzigen nennenswerten Abstrich dar. Der Qualität der Songs tut das keinen Abbruch.

Fazit: HATFUL OF HOLLOW ist eine interessante und sehr empfehlenswerte Zusammenstellung und eine der hörenswertesten Scheiben der Smiths. Für den Neueinsteiger mag der Sampler vielleicht nicht zu den ersten Bezugspunkten in der verzweigten Smiths-Diskographie zählen; doch wäre HATFUL... eventuell sogar als Alternative zu THE SMITHS denkbar.


The World Won't Listen
The World Won't Listen
Preis: EUR 12,58

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die Welt hört zwar trotzdem zu..., 29. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: The World Won't Listen (Audio CD)
...greift aber zu lieber zu LOUDER THAN BOMBS als zu THE WORLD WON'T LISTEN.

Aus einem einfachen Grund: Beide Sampler der britischen Indie-Legende The Smiths versammeln fast dasselbe Material - Singles und B-Seiten. Dabei ist der Inhalt der Zusammenstellungen fast deckungsgleich - mit dem Unterschied, dass LOUDER THAN BOMBS mit zusätzlichen sechs Songs mehr Quantität bietet. Und auch qualitativ überlegen ist: Denn THE WORLD WON'T LISTEN, 1987 als Non-Album-Compilation im UK erschienen, verfügt mit "Bigmouth Strikes Again" und "The Boy With The Thorn In His Side" über zwei Tracks von THE QUEEN IS DEAD. Doppelbelegung also - selbst wenn die hier versammelte Single-Version von "The Boy..." sich von der Albumversion leicht unterscheidet.

THE WORLD... ist daher eher zwecks diskographischer Ergänzung gedacht. So sind neben "The Boy..." drei weitere Tracks nur hier in einer alternativen Fassung zu finden: "Stretch Out And Wait" sowie "You Just Haven't Earned It Yet, Baby", daneben "That Joke Isn't Funny Anymore" (von MEAT IS MURDER) in der (kürzeren) Single-Version. Letztes Schmankerl ist das klanglich interessante Instrumental "Money Changes Everything", das - nach dem Splitup der Smiths im selben Jahr 1987 - den instrumentalen Part von Bryan Ferrys Single "The Right Stuff" bilden sollte. Ansonsten bietet THE WORLD... nichts, was nicht auf LOUDER... drauf ist - bis auf das wirklich schöne Booklet und das ausgezeichnete (und damals zum besten des Jahres gewählte) Cover.

Fazit: THE WORLD WON'T LISTEN ist nur Komplettisten zu empfehlen - alle anderen sollten entweder zu LOUDER THAN BOMBS oder zum neueren Sampler THE SOUND OF THE SMITHS (2008) greifen.


Louder Than Bombs
Louder Than Bombs
Preis: EUR 10,52

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bester Non-Album-Sampler der Smiths, 29. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Louder Than Bombs (Audio CD)
Singles - eine besondere Qualität der Smiths. Wie einige ihrer Zeitgenossen, verfolgte auch die legendäre britische Indie-Band um Morrissey und Johnny Marr zu ihren Lebzeiten in den Achtzigern einen für heutige Verhältnisse merkwürdigen Grundsatz: Nur wenige ihrer zwischen 1983 und 1987 veröffentlichten Singles fanden sich zugleich auf einem der vier Studioalben wieder. The Smiths begriffen sich in erster Linie nicht als Album-Band, sondern als Single-Band, und mit viel Idealismus gelang es ihnen, ihre "alternativen Ohrwürmer" fast immer in den Top 40 der Charts zu platzieren.

Nach der Veröffentlichung von THE QUEEN IS DEAD im Juni 1986 hatten The Smiths endgültig Englands Pop-Thron erklommen - um ein Jahr später durch die überraschende Trennung just aus dem Paradies vertrieben zu werden. Aber in dieser kurzen Zeit verbuchten die Smiths auch in den Charts ihre größten Erfolge: Mit "Ask" und den im Retro-Chic des 70s-Glam gehaltenen "Panic", "Shoplifters Of The World" und "Sheila Take A Bow" (dank Stephen Street großzügig produziert) kratzten sie hart an den Top-Ten. Auch frühere Großtaten wie "William It Was Really Nothing" oder "Heaven Knows I'm Miserable Now" sind auf der 1987 für den amerikanischen Markt konzipierten Compilation versammelt.

Aber auch einige der B-Seiten entpuppten sich als heimliche Hits: "Girl Afraid", "Rubber Ring" und vor allem "Please Please Please Let Me Get What I Want". An melancholischen Highlights fehlt es ebenfalls nicht, wie "Half A Person" und das von einer Pianomelodie getragene "Asleep" beweisen.

LOUDER THAN BOMBS (der Titel stammt von der Schrifstellerin Elizabeth Smart) ist neben der 2008 veröffentlichten Best-Of-Zusammenstellung THE SOUND OF THE SMITHS die beste Compilation der Band. Mag die Aufmachung der Platte auch recht dürftig sein, das Booklet äußerst spärlich und das Tracklisting zufällig anstatt chronologisch - LOUDER... überzeugt durch die schiere Fülle des versammelten Materials. Zwar gibt es Überschneidungen mit den beiden anderen zu Lebzeiten erschienenen Single-Zusammenstellungen HATFUL OF HOLLOW (1984) und vor allem THE WORLD WON'T LISTEN (1987), doch LOUDER... überzeugt durch größere Vollständigkeit - und spannt einen vierjährigen Bogen von den Anfängen (Debutsingle "Hand In Glove", Mai 1983) bis zum Zenit der Band ("Sheila Take A Bow", April 1987).

Bis auf das Instrumental "Oscillate Wildly" und das recht kitschige Twinkle-Cover "Golden Lights" halten alle Songs das bei den Smiths gewohnt hohe Niveau. Die Lieder sind: schmissig ("Sheila Take A Bow"), sentimental ("Ask"), tragikomisch ("Heaven Knows..."), zynisch ("Panic"), skurril ("Sweet And Tender Hooligan"), sogar brachial ("London"). Nicht zu kurz kommt auch Johnny Marrs filigranes Können an der Gitarre, exemplarisch verdeutlicht an "Girl Afraid", das den "Jingle-Jangle"-Sound der ersten Jahre verkörpert wie hier sonst nur "William..." und "Heaven Knows".

Die hier versammelten 24 Tracks vereinigen 8 der 17 Singles und den Großteil der B-Seiten. Das ursprünglich ebenfalls als Single konzipierte "You Just Haven't Earned It Jet, Baby" findet sich - wie "Stretch Out And Wait" - in einer leicht verschiedenen Version auch auf THE WORLD WON'T LISTEN. Ebenfalls hier enthalten ist die frühe BBC-Session "This Night Has Opened My Eyes". Alle anderen Singles finden sich auf den CD-Versionen der Alben, nur die Single-Versionen von "That Joke Isn't Funny Anymore" und "The Boy With The Thorn In His Side" sind auf THE WORLD... versammelt. Leider sind - ungeachtet der tollen Compi THE SOUND OF... - immer noch nicht alle Studioaufnahmen der Smiths auf CD erschienen sind; ein Unding, das das Label bei der nächsten Werks-Retrospektive hoffentlich korrigiert. Ein Box-Set, auch mit bislang ganz unveröffentlichten BBC-Sessions, wäre längst überfällig.

Fazit: LOUDER THAN BOMBS ist als vollständigste Compilation von Non-Album-Tracks die ideale Ergänzung zu den vier Studioalben der Smiths: THE SMITHS, MEAT IS MURDER, THE QUEEN IS DEAD, STRANGEWAYS HERE WE COME.


Unendlicher Spaß: Infinite Jest. Roman
Unendlicher Spaß: Infinite Jest. Roman
von David Foster Wallace
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,95

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Schraubenschlüssel im Pfeffer, 29. Juli 2010
Ein Monster von einem Buch: "Unendlicher Spaß", David Foster Wallaces wohl bedeutendstes Werk, vielleicht Vermächtnis seiner Schreibkunst. Zu den Fakten: Das Buch, 1996 als "Infinite Jest" im Original erschienen, erwarb sich den Ruf einer "Grunge Novel" und brachte seinem Autor, der sich im September 2008 das Leben nehmen sollte, den Ruhm als "writer of his generation" ein. Ebenso bekannt ist, dass Übersetzer Ulrich Blumenbach ganze sechs Jahre brauchte, um den Roman ins Deutsche zu übertragen. Bei dieser gigantischen Länge kein Wunder: Blumenbachs Übersetzung beträgt 1410 Seiten, dazu kommen rund 150 zusätzliche Seiten an Fußnoten (obligatorisches Stilmittel Wallaces), 388 an der Zahl. Die letzte Seite des 2009 bei Kiepenhauer und Witsch erschienenen Wälzers enthält eine bezeichnende Nachbemerkung durch Blumenbach, in der der Übersetzer ausdrücklich den unzähligen Experten dankte, die er bei seiner Arbeit an dem "polyhistorischen Roman" (Blumenbach) zu konsultieren gezwungen war.

Dass es sich bei diesem Buch um eine Art Science-Fiction-Roman handelt, ist wohl bekannt. Viel Aufhebens wurde gemacht über die "Sponsorenzeit", die in diesem Amerika der "not too distant future" den gregorianischen Kalender ersetzt, und über das "Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche", in dem der Hauptteil der Handlung spielt. Inhalt und Hauptfiguren sind ebenfalls kein Geheimnis mehr; eine gute Inhaltsangabe findet sich etwa auf Wikipedia.

Vielfach hört man die Klage, "Unendlicher Spaß" sei allzu sperrig und ein klarer Plot nicht auszumachen. Das ist nur teilweise richtig. Natürlich macht es einem Wallace nicht leicht - mit Absicht. Nicht umsonst gab der Autor zum Zeitpunkt der Ersterscheinung in einem Radiointerview an, die Struktur des Romans sei ursprünglich einem "Sierpinski-Dreieck" (ein Fraktal, also eine komplexe mathematische Konstruktion) nachempfunden. Und so gestaltet sich die Lektüre des Buches in all seinen thematischen Verschachtelungen und Verästelungen erstmal schwierig, schälen sich nach schleppendem Beginn erste Konturen einer nachvollziehbaren Struktur erst nach ungefähr 200 Seiten heraus. Zudem erschweren die Fußnoten den Lesefluss erheblich, ist der Anhang doch für das Verständnis der Handlung genauso wichtig wie der Haupttext, da sich darin neben einer kompletten Filmographie rund fünf Miniaturen finden, die die Erzählung entscheidend ergänzen.Wallace zu lesen ist eben nicht immer ein "Unendlicher Spaß", sondern erfordert Geduld und Mühe, ist weniger ein sachtes Vortasten als vielmehr die Kunst, sich, mit einer Machete bewaffnet, entschlossen einen Weg durch das sprachliche Dickicht freizukämpfen.

Die vielfach geäußerte Behauptung, die Handlung von "Unendlicher Spaß" sei unüberschaubar, ist - trotz einem ausgeprägten Hang zum Fragmentarischen - falsch. Obwohl sich die Erzählung hauptsächlich auf die beiden Schauplätze ETA und Ennet House konzentriert, steht eigentlich im Brennpunkt des Geschehens die Suche nach dem erwähnten Film. Im Verlauf der Erzählung, die nicht immer einem linearen Zeitverlauf folgt, verzahnen sich die vier Handlungsstränge immer mehr. Die Spannung steigt, das Geschehen verdichtet sich, der Höhepunkt scheint nahe - bis die Erzählung abbricht. "Unendlicher Spaß" ist ein postmoderner Roman in der Tradition von Barth, Pynchon oder de Lillo: Vieles bleibt der Deutung des Lesers überlassen, ebenso viel bleibt (bewusst?) rätselhaft. Die Erzählperspektive variiert: Zwar wird das Geschehen größtenteils durch einen übergeordneten Erzähler geschildert, die auktoriale Perspektive aber immer wieder etwa durch Ich-Perspektiven (Hal Incandenza) aufgebrochen, ebenso wie die Handlung auf Nebenschauplätze abdriftet, um aus dem scheinbaren Chaos wieder in den Fluss der Haupthandlung zurückzufinden.

Auch in stilistischer Hinsicht zieht Wallace sämtliche Register. Raffinierten Portraits voller psychologischer Tiefe, ausladenden Rückblicken oder inneren Monologen, die in Don Gatelys Fieberphantasien ihren Höhepunkt erreichen, stehen Seiten um Seiten an protokollartigen Dialogen aus Therapiegesprächen ebenso gegenüber wie technologische Exkurse oder Auszüge aus Zeitungstexten. Übrigens geht es Wallace mit seiner mimetischen Kunst nicht nur - mit den Worten eines deutschen Literaturkritikers - darum, "die Psychopathologie einer Gesellschaft zwischen Markt und Wahn zu entwickeln", sondern eben auch darum, seine Figuren - die alle sozialen Schichten umfassen - in ihrer ihre je eigene Lebensweise widerspiegelnden Sprache zu erfassen. Dabei bedient er sich gekonnt nicht nur aller möglichen "hohen" und "niedrigen" Sprachregister und belässt es nicht einmal dabei, bestimmte Slangs im Wortlaut nachzuahmen, sondern verzichtet bisweilen sogar noch auf jegliche Interpunktion - ein Grund mehr, vor dem ungemein erfindungsreichen Übersetzer Blumenbach ("der Schraubenschlüssel im Pfeffer") den Hut zu ziehen. Wallace' großartige Sprachkunst rechtfertigt Iris Radischs überschwänglichen Kommentar, das Buch sei ein "fulminantes Parlando aus dem Herzen unserer Zivilisation".

Die Kritik in Deutschland reagierte nach der langen Wartezeit ähnlich enthusiastisch wie jene in Amerika schon über ein Jahrzehnt zuvor. Mögen sich auch einige an Wallace' verschlungener und überbordender Sprache, den verstiegenen Satzkonstruktionen und einem mit allerlei Technizismen und Neologismen angereicherten Vokabular stoßen: An "Unendlicher Spaß" kommt man nicht so einfach vorbei. Manch ein Kritiker blieb in seinem Urteil freilich gespalten - wie Iris Radisch, die bei allem Enthusiasmus die finstere These vertrat, das Buch sei weniger Kunstwerk als "Geisteszustand". Dabei ist eigentlich Wallace' Humor unübersehbar, und die Erzählung trägt vielfach parodistische Züge.

Welche Absicht verfolgte Wallace mit "Unendlicher Spaß"? Kein Zweifel: Wallace beleuchtet einen dunklen Aspekt unserer Gesellschaft. Amerikanische Kritiker sahen diesen in der Erzählung vor allem in den ergreifenden Schilderungen von Depression, Alkoholismus und Drogensucht verkörpert. Deutsche Rezensenten kommen Wallace' Intention vielleicht näher, indem sie (wie Ulrich Greiner in der Zeit) das Hauptaugenmerk auf die Kritik an der Unterhaltungsindustrie legen. Ich persönlich glaube, dass Wallace dieses Ziel weniger über die konkrete Handlung (der "lethale" Film IJ), vielmehr über die Ebene der Sprache erreicht, die immer wieder das unerträgliche Geschwätz der Talkshows, Castingshows etc. im TV parodiert. Gleichzeitig aber verfolgt Wallace über die Sperrigkeit seiner Sprache noch eine andere Absicht, zu der er sich im oben andeuteten Radiointerview (mit Michael Silverblatt) geäußert hat und die ein für das Informationszeitalter zentrales Problem betrifft, nämlich das Verhältnis zwischen Information und Bedeutung - was die rationale ebenso wie die emotionale (Wallace: "spirituelle") Ebene betrifft.

"Unendlicher Spaß" beleuchtet in seiner brennenden thematischen Aktualität viele intellektuelle Perspektiven auf unsere Gegenwart und wirft viele Fragestellungen auf - politische, soziale, psychologische, philosophische. Ich bin skeptisch bezüglich der Möglichkeit, ein Werk von dieser Qualität "vollständig" zu erschließen: Erstens verweigert es sich durch seine teils hermetische Struktur und Schreibweise einem "ummittelbaren" Zugang, zweitens scheint es - in sokratisch-dialogischer Denktradition - bewusst mehr Fragen aufzuwerfen als Antworten zu geben.

Last, not least die Preisfrage: Das Buch mag wichtig sein - doch ist dieses Trumm denn auch LESBAR? Meine Antwort lautet: JA!

Freilich: Das Buch wird Sie genauso in Anspruch nehmen wie mich, vorausgesetzt, Sie verfügen über:
a) eine Menge Zeit,
b) einen ruhigen Ort zum Lesen,
c) jede Menge Geduld und
d) eine hohe Frustrationstoleranz :-). (Sollten Ihnen mal wieder die Sicherungen durchbrennen, dann denken Sie einfach an nicht an die nervigen, sondern an die lustigen Passagen, die Sie schon gelesen haben! Davon gibt's 'ne Menge.)

Viel Spaß!


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