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Rezensionen verfasst von
Dr. Klaus Duerrschmid (Wien)
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Wiener Wunder: Kriminalroman
Wiener Wunder: Kriminalroman
von Franzobel
  Broschiert
Preis: EUR 17,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ojegerl, 11. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Wiener Wunder: Kriminalroman (Broschiert)
Viele der Bücher von Franzobel halte ich für großartig und daher hat ein Franzobel-Krimi bei mir die Erwartung einer neuen Krimi-Dimension ausgelöst ... mindestens so gut wie Rebhandls grandiose Werke. Aber. Sapperment, ich muss schon sagen, das ist eine erstaunlich schlechte Vorstellung des barocken Franzobel als Krimi-Schreiber. Ja schon spielt das Romanerl (wie die Rezensentin AustrianGirl treffend formuliert) in Wien. Aber wie wird denn da erzählt, meinerseel!? Ein Beispiel: Der Kommissar rief seine Frau an und erklärte ihr, wo er die letzte Nacht abgeblieben war." (69) Wie bitte? Abgeblieben war"?! Ist dieser Franzobelsche Krimi also für das große bundesdeutsche Publikum geschrieben? Wahrscheinlich, sonst müsste nicht andauernd, sobald etwas in Wienerisch-Österreichischem Idiom gesagt wird, erklärt werden, was das auf Normdeutsch heißt. Mühsam. Unauthentisch. Irritierend. Die Botschaften des Romans sind in vielerlei Hinsicht sehr klar: Sport ist schädlich, in Wien gibt's immer schlechtes Wetter, Journalisten sind Unsympathler etcetc. Über diese idiosynkratischen Übertreibungen und oft klischeehaften Verallgemeinerungen mag man hinwegsehen, aber auch die Psychologie vieler Figuren ist unverständlich. Z.B. die Frau des Kommissars, die nachdem sie von ihrem Mann als unfreiwilliger Lockvogel missbraucht worden ist, verständlicherweise sehr sauer ist, dann aber aus für mich unerklärlichen Gründen Versöhnungssex initiiert. Dazwischen kommt auch noch so ein Vergleich, der mir sehr skurril erscheint: Wenn du mir jetzt eine Standpauke hältst, ist es, wie wenn man Fleisch in heißes Wasser wirft. Es verschließt mir alle Poren." (147) Fleisch hat keine Poren und schon gar keine, die sich verschließen, wenn man sie ins weiße Wasser wirft. Und was soll der Vergleich überhaupt bedeuten? Ich weiß es nicht. Das Verhältnis zwischen den beiden erscheint insgesamt nicht sehr plausibel. Auch viele Details sind seltsam: z.B. hat der Kommissar eine Verletzung, er nimmt den Verband ab, darauf befindet sich ein rostbrauner Fleck. OK. Der Kommissar fragt sich: Eiter oder eine Wundsalbe?" (70) Ich frage mich: Was ist mit der Beobachtungsgabe des Kommissars los? Seit wann ist Eiter rostbraun? Oder hab ich was nicht verstanden?
Das Wiener Wunder" ist für mich ein relativ konventionelles, stark klischeebehaftetes, nicht sehr gutes Kriminal-Romanerl. Franzobel wird im Klappentext zitiert mit: Das Krimi-Schreiben ist wie für einen Antialkoholiker die Entdeckung des Weins. Ein berauschender Genuss". Dieser Roman könnte den Verdacht aufkeimen lassen, Franzobel sollte Antialkoholiker bleiben und sich des Genusses enthalten. Sorry.


Tampa: Roman
Tampa: Roman
von Alissa Nutting
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nuts about nothing, 26. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Tampa: Roman (Gebundene Ausgabe)
In Tampa, der drittgrößten Stadt Floridas, wurde Debra Lafave (23) 2005 wegen sexueller Unzucht mit ihrem minderjährigen (14) Schüler verurteilt. Sie dürfte die Vorlage für die Romanfigur Celeste des vorliegenden Romans sein, in dem die dunkle, bösartige Seite weiblicher Sexualität thematisiert wird. Ich vermute, der den Himmel andeutende Name Celeste hat pornografische Obertöne - es gibt zwei (auf Wikipedia bekannte) Pornodarstellerinnen, die sich Celeste genannt haben. Ob es sexuellen Missbrauch durch Frauen geben und wie er aussehen kann, wird im langen ersten Teil des Buchs dargestellt und gegen Ende wird die für mich interessantere Reaktion der Umwelt auf die pädophilen Exzesse von Celeste thematisiert. Der Großteil der Umwelt steht nach dem dramatischen Auffliegen von Celestes pädophilen Bedürfnissen dieser Perversion gänzlich fassungslos gegenüber, will Celeste als Monster sehen. Ihr Verteidiger vor Gericht lässt dagegen die Meinung sichtbar werden, dass die 14-jährigen Burschen nicht missbraucht worden sind, sondern froh über die Gelegenheit und die Einführung in ein intensives Sexualleben waren. Waren nicht gar die 14-Jährigen, diejenigen, die die sexuelle Beziehung angebahnt haben? Kann eine Frau junge Männer überhaupt sexuell missbrauchen?
Wie immer: Celeste ist am Schluss des Romans noch immer pädophil und sucht sich 14-jährige Teenager für kurzfristige sexuelle Abenteuer. Nach wie vor können nur junge Männer ihre Angst vor dem Altwerden, dem Sterben und dem Tod (dem großen Nothing=Nutting?) dämpfen. Sie ist offensichtlich durch die schockartige Enthüllung nicht von ihrer Obsession geheilt worden und sucht eine Beziehung zu einem erwachsenen Mann weiterhin nur, um sich ökonomisch abzusichern. Ich kann daran keine Kritik an der amerikanischen Gesellschaft erkennen (Pornographisierung, Übersexualisierung u.ä.m.), es wird vielmehr ein krank- und zwanghaftes Einzelschicksal beschrieben.
Immer wieder wird auch auf eine vermeintliche Analogie zu Lolita von Nabokov hingewiesen. Aus meiner Sicht ist diese nur sehr oberflächlich und vor allem von einem psychologischen aber auch von einem sprachlichen Gesichtspunkt her, kann Tampa in keiner Weise mit der Komplexität und Subtilität von Nabokovs Meisterwerk mithalten. Lolita ist auch sehr komisch, manchmal klingt die Geschichte wie die Parodie einer echten Liebesbeziehung zwischen zwei Personen auf Augenhöhe - bei Nutting dagegen habe ich Humor oder Komik weitgehend vermisst, obschon die Darstellung des Schullebens mitunter etwas Groteskes aufweist. Was man aber jedenfalls in Tampa finden wird, sind pornografische Darstellungen. So weit ich das beurteilen kann, sind diese durchwegs konventionell und auch zu lang geraten (außer vielleicht für die einhändigen Leser ....) und Nutting hat sich auch nicht wie seinerzeit Elfriede Jelinek (Lust)auf die Suche nach einer eigenen weiblichen Sprache für die explizite Beschreibung von Sex gemacht. Die Pornografie in Tampa ist nicht wie die kalte, kranke und todbringende Perversion von American Psycho, sondern kommt deutlich ... ja: weiblicher und softer rüber. Die Burschen werden zwar als Lustobjekte missbraucht, aber nicht misshandelt oder umgebracht.
Meine Meinung daher abschließend: Sicher kein faszinierendes Meisterwerk wie manche hier meinen, von Nabokovscher Großkunst sehr weit entfernt, aber man kann`s schon lesen. Und drüber angeregt reden.


Frühstück mit Lucian Freud
Frühstück mit Lucian Freud
von Geordie Greig
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,90

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Faszinierende Erinnerungen In einem schön gestalteten Buch, 28. März 2014
Ich habe den Eindruck, dieses Buch hat mir nach der Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien erst die wahre Persönlichkeit Lucian Freuds deutlich gemacht - ich sehe seine Bilder jetzt mit noch größerem Vergnügen. Im Laufe der Lektüre wird klar, wie manisch und monströs das geheimnisumwitterte Leben diese großartigen Malers tatsächlich war. Freud hatte offenbar drei Leidenschaften, um die sein Leben kreiste: Malen, Sex und Wetten. Geprägt war sein Verhalten von dem totalen Unwillen Konventionen zu beachten und der völligen Unfähigkeit, etwas zu bereuen. Seine Unkonventionalität zeigte sich u.a. in seiner Kleidung – er wirkte häufig wie ein Obdachloser - und seinem Wohnstil – vergammelt ist ein Hilfsausdruck – sehr klar. Seine Spielschulden waren ebenso sagenhaft wie seine rasch wechselnden sexuellen Beziehungen zu Frauen (und auch Männern) und konnten sehr lange nicht mit den Einnahmen aus seiner Kunst beglichen werden. Erstaunlich die vertikale soziale Orientierung dieses Mannes: er hatte Beziehungen zum Adel aber auch zu wilden Typen aus naja sozialen Problemschichten. Unglaublich die kompromislose Aggressivität dieses Mannes, die im fortschreitendem Alter auch in seinen sexuellen Vorlieben zu Tage trat. Verblüffend seine Fähigkeit, andere im direkten Kontakt für sich einzunehmen und zu faszinieren, Ihnen das Gefühl intensiven Lebens zu vermitteln. Manche waren süchtig nach ihm. Man mag in diesem Buch manchmal vor lauter Beziehungschaos und Namen etwas die Orientierung verlieren aber summa summarum fand ich den Text gut, einfühlsam und nicht unfair… obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass der öffentlichkeitsscheue Freud dem Geordie Greig eine ordentliche Tracht Prügel verpasst hätte, wenn er gewusst hätte, dass und wie Greig über sein Leben schreiben wird. Die Gestaltung des Buches ist hervorragend gut: angenehmes Papier, angenehme Farbgestaltung, schöne Bilder.


Cuisine Int. Zehn Jahre kulinarische Überflieger im Hangar 7. Die weltbesten Köche und ihre Rezepte: Zehn Jahre kulinarische Überflieger im Restaurant Ikarus. Die weltbesten Köche und ihre Rezepte
Cuisine Int. Zehn Jahre kulinarische Überflieger im Hangar 7. Die weltbesten Köche und ihre Rezepte: Zehn Jahre kulinarische Überflieger im Restaurant Ikarus. Die weltbesten Köche und ihre Rezepte
von Roland Trettl
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,90

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Geschmackssache, 19. März 2014
Das muss man mögen: von den ca. 110 Rezepten sind 11 mit Jakobsmuscheln, 10 mit anderen Muscheln, 12 mit Trüffel, 10 mit Langostinos u.ä., 10 mit Gänseleberpastete, jede Menge Oktopus, Kalamari etc., eine Handvoll mit Kaviar .... Manche werden das Angeberküche nennen, manche finden darin die Erfüllung. Sicher ein kulinarisches Zeitdokument.


Edmond und Jules de Goncourt.Journal 1851-1896. 11 Bände plus Beibuch im Schuber
Edmond und Jules de Goncourt.Journal 1851-1896. 11 Bände plus Beibuch im Schuber
von Edmond de Goncourt
  Gebundene Ausgabe

16 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Prächtiges Journal, 8. Januar 2014
Die vorliegende, erstmals vollständige Übertragung der Goncourt-Tagebücher in deutsche Sprache ist eine editorische Großtat, die nicht genug gelobt werden kann. Die außerordentliche hohe Qualität der Buchgestaltung verführt schon rein visuell und haptisch, zu einem der 11 Bände zu greifen. Und man wird dafür belohnt. Dieses ca. 7000 Seiten umfassende höchst amüsante Klatsch und Tratsch-Kompendium des Pariser Künstler- und Gesellschaftslebens der Belle Epoque, das von einem hoch informativen Beibuch begleitet wird, stellt nämlich so etwas wie ein Bergwerk indiskreter Beobachtungen, bösartiger Unterstellungen, präziser Kurzportraits und vieler bemerkenswerter Bonmots dar - Beispiele? 1) Es gibt beim Menschen eine natürliche Abscheu vor der Realität. Er sucht sich ihr, so gut er kann, durch diese drei idealen Anregungen zu entziehen: die Trunkenheit, die Liebe, die Arbeit." 2) Die Statistik ist die erste der ungenauen Wissenschaften." 3) Nichts ist weniger poetisch als die Natur und die natürlichen Dinge: es ist der Mensch, der ihnen Poesie zugeschrieben hat. Die Geburt, das Leben, der Tod, diese drei Ereignisse des Seins, symbolisiert durch den Menschen, sind chemische und zynische Vorgänge. Der Mann pinkelt das Kind und die Frau scheißt es." Als langjährige intime Freunde von Gustave Flaubert geben Sie gute Einblicke in dessen Lebens- und Arbeitsweise und spitzen ihre Beobachtungen auch hier oft stark zu: Man könnte die Sonntage bei Flaubert die Liebeslehrstunden des Koitus nennen." oder Flaubert, frappierendes Beispiel von der Unterlegenheit des Mannes im Vergleich zu seinem Buch."
Die häufig amüsante Lektüre zeigt aber auch rasch die Problemseiten der Goncourtschen Denkweise - Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus. Nur ein paar Beispiele als Belege:
Frauenfeindlichkeit: 1.) Frauen haben niemals etwas Bemerkenswertes geschaffen, außer mit vielen Männern zu schlafen und ihnen das moralische Mark auszusaugen... ich glaube, daß man keine tugendhafte Frau fände, die für zwei Sous Intelligenz hat. Niemals hat eine Jungfrau etwas geschaffen." 2.) Das Denken der Frau zieht Kreise in der Leere." 3.) Die Gläubigen sind Gott sehr dankbar, den Genitalien der lebenden Frau den Geruch beschert zu haben, den er der Krabbe erst acht Tage nah ihrem Tod beschert." 4.) Im Grunde ist die Frau [...] nur mit dem Mann [...] beschäftigt. Die Frau. Zwei paar Flügel um einen Phallus."
Antisemitismus: 1) Die Juden produzieren nichts, nicht eine Weizenähre. Stets Kommissionäre, Zwischenhändler, Vermittler. Im Elsaß wird nicht eine Kuh verkauft, ohne daß zwischen dem Käufer und dem Bauern wie aus dem nichts ein Jude auftaucht und das Geld aus dem Geschäft zieht." 2) Vorurteile bilden trotz allem, was man über sie gesagt hat, die Erfahrung der Nationen; sie sind die Axiome ihres gesunden Menschenverstands. Man nehme nur die Vorurteile gegenüber den Schauspielern und Juden: ich habe niemals einen Juden kennen gelernt, der nicht jüdisch war. Hat man schon einmal festgestellt, daß ein alter Jude schön sei? In der Rasse gibt es keine schönen Greise. Das Tun schmutziger Leidenschaften, die Gier des Geldes steigen ihnen zu guter Letzt stets ins Gesicht und entwürdigen es."
Auch die politische Position der Brüder kann wohl nur als reaktionär bezeichnet werden: Leute, die wenig oder nichts haben, [...] sehen alles rosarot. Die Illusion ist plebejisch."
Während der Lektüre der Tagebücher erst wurde mir die eklatante politische Unkorrektheit der Brüder Goncourt klar und es erscheint eigentlich erstaunlich, dass der von Edmond Goncourt testamentarisch festgelegte Prix-Goncourt nach wie vor der renommierteste französische Literaturpreis ist. Ein Preis gestiftet von einem frauenfeindlichen, reaktionären Antisemiten. Dieses Erstaunen soll aber nicht von dem großen Vergnügen und den höchst interessanten Einsichten in zeit- und gesellschaftsschichtspezifische Denkmuster ablenken, die das Lesen dieser Tagebücher über weite Strecken vermittelt.


Kulturgeschichte der österreichischen Küche
Kulturgeschichte der österreichischen Küche
von Peter Peter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Begeisterndes Standardwerk, 3. Dezember 2013
Die vorliegende Kulturgeschichte der österreichischen Küche ist ein Standardwerk. Was gelegentlich schon angedacht und versucht wurde, nämliche eine Synopse der kulinarisch-gastronomischen Kulturgeschichte Österreichs zu verfassen, liegt hiermit in einer gelungenen, zeitgemäßen Form vor. Österreich, das sich kulinarisch auch ein Jahrhundert nach dem Untergang der Habsburger Monarchie für eine - naturgemäß zu Unrecht unterschätzte und zu wenig beachtete - Großmacht hält, hat Dr. Peter Peter, der aus Deutschland stammt, aber biografische Österreich-Bezüge hat, viel zu verdanken. Er publiziert hier eine Kulturgeschichte der österreichischen Küche, die in ihrer profunden, dabei jedoch liebevollen und ironisch-witzigen Darstellung der historischen Entwicklung und Bezüge, einzigartig ist und viele jahrzehntelang gepflegte Klischees und Halb- oder Viertelwahrheiten korrigiert. Die zeitliche Spannweite seiner Darstellung ist kaum größer zu denken, sie beginnt mit der Ernährung des Eismanns Ötzi und endet mit allerjüngsten Entwicklungen in der österreichischen Gastronomie. Peter durchreist in den einzelnen Kapiteln die kulinarisch-gastronomische Vor- und Frühzeit Österreichs, Renaissance, Barock etc. über die Zwischenkriegszeit bis hin zum Jahr 2013 und durchmischt diese Darstellungen mit Kapiteln über die Küchen der einzelnen Bundesländer, deren kulinarische und Produktbesonderheiten er kenntnisreich schildert, und die wichtigsten gastronomischen Institutionen Österreichs nämlich Kaffeehaus, Würstelstand, Heuriger, Kellergasse, Buschenschank, und Beisl. En passant schildert Peter auch die Entstehung der Weinsorten und Bierprodukte, die heute als typisch österreichisch gelten und wirft auch einen Blick auf die Geschichte einiger wichtiger Mehlspeisen (z.B. Linzer Torte, Sacher Torte oder Dobos-Torte) und Süßwaren wie die Mozart-Kugel oder die Manner-Schnitten. Das Österreichische der österreichischen Küche wurde lange Zeit ausschließlich an Wien festgemacht, das als politisches und kulturelles Zentrum bestimmend war. Die von Wien weitabliegenden Gegenden haben jedoch teilweise gänzlich andere, unhöfische Traditionen gepflegt bzw. werden diese in den letzten Jahren wieder entdeckt. Dieses Buch trägt also sehr stark zu einer nicht nur zeitlich, sondern auch einer räumlich-geografisch differenzierten Betrachtung der österreichischen Küche bei und erst in dieser Differenzierung ist die Vielfalt dieses zentraleuropäischen Bereichs zu würdigen.
Gewürzt werden die einzelnen Kapitel nicht nur mit Rezepten aus den relevanten Kochbüchern der jeweiligen Zeit - der Autor beweist hier seine außerordentliche Sach- und Literaturkompetenz und ersetzt so manche Geschichte des Kochbuchs - sondern auch mit einem großartigen Bildmaterial, in dem mitunter köstlich mit Österreich-Klischees gespielt wird - die junge Romy Schneider mit Gretelfrisur, prächtigem Kreuz am Halsketterl und Gugelhupf in der Hand stimmt diesbezüglich gleich auf der ersten Seite ein.
Im Anhang finden sich ein kulinarisches Glossar und ein sehr hilfreiches Literaturverzeichnis. Das Glossar wird vor allem nicht-österreichischen Lesern helfen, denn wie man spätesten seit Karl Kraus` Bonmot weiß, unterscheiden sich Österreich und Deutschland ja vor allem durch die gemeinsame Sprache.
Ich wünsche diesem Buch und den darin enthaltenen Gedanken eine weite Verbreitung.
Anhang: Damit diese Rezension nicht wie die reinste Apotheose klingt, möchte ich etwas haarspalterisch zwei Kleinigkeiten noch erwähnen, die eventuell Verbesserungspotenzial in sich tragen könnten. Peter Peter reklamiert, die Tante Jolesch hätte das geheime Rezept für ihre berühmten Krautfleckerl mit ins Grab genommen - tatsächlich jedoch hat sie am Sterbebett gestanden, was die Großartigkeit ihrer Fleckerl ausgemacht hat: Weil ich nie genug gemacht hab ...". Gewiss, diese Anweisung zur bewussten Verknappung erscheint vielen Österreichern nach wie vor in erster Linie als eine puritanische Unsinnigkeit und nicht als ernährungspsychologisch-hedonistische Weisheit, aber die Tante Jolesch hats seinerzeit schon gewusst. Die zweite Kleinigkeit betrifft Politisches. Aus Höflichkeit heraus denke ich verfährt der Autor mit Österreichs Defiziten in der Verarbeitung der nationalsozialistischen Zeit etwas milde. Meiner Meinung nach hätte man schon deutlicher werden können, wenn über den berühmt-berüchtigten Dr. Zweigelt, den Namensgeber der österreichischen Rotweinsorte, berichtet wird. Zweigelt war nicht nur Nazi-Mitläufer oder strammer Nationalsozialist", sondern er hat aktiv dafür gesorgt, dass einer seiner Schüler, ein Mitglied einer Widerstandsgruppe, der Gestapo ausliefert wurde. Dass aufgrund dieses Tatsachen in den 70er Jahren noch, übrigens unter Bundeskanzler Bruno Kreisky, es möglich war, eine Weinsorte nach dieser politisch und persönlich verwerflichen Figur zu benennen, ist ein Skandal und sollte heute zumindest dazu führen, dass der Zweigelt-Wein trotz aller wirtschaftlichen und Marketing-Bedenken unbenannt wird. Was aber passierte in Österreich? Im Jahr 2002 wurde der Dr. Zweigelt-Preis" (Porträt-Medaille) zur Prämierung österreichischer Weine eingeführt - ein unfassbarer Mangel an politischer Einsicht und Sensibilität!


Aroma: Die Kunst des Würzens (2., überarbeitete Auflage)
Aroma: Die Kunst des Würzens (2., überarbeitete Auflage)
von Thomas Vierich
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hut ab!, 23. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Was bin ich für eine Banause, dieses Buch erst jetzt wahrzunehmen? Es ist dies ein unglaublich gut gemachtes Kompendium, das natürlich etwas Interesse für Chemie und Sensorik abverlangt, aber den Leser auf eine äußerst charmante und bescheidene Weise mit detaillierten Erkenntnissen überhäuft. Und man nimmt diese vor allem dank der Text- und der Grafikgestaltung so leicht auf wie das Aroma seiner Lieblingsspeise. Gratulation zu diesem Meisterwerk! 6 Sterne.


Größenwahn passt in die kleinste Hütte: Kurze Prozesse
Größenwahn passt in die kleinste Hütte: Kurze Prozesse
von Thomas Lehr
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,90

4.0 von 5 Sternen Kurz, gut & ein bisserl verdächtig, 22. Oktober 2013
Ich kann dieses Buch zur anregenden und amüsanten Lektüre durchaus empfehlen, habe allerdings ganz leichte Zweifel an der Originalität aller Sentenzen/Aphorismen/kurzen Prozesse seit ich gefunden habe, dass folgender kurze Prozess "Schöne Frauen gehören immer den Phantasielosen. Denn diesen ist die Macht, sich nichts vorstellen zu können." (s.41) sehr knapp an Marcel Proust dranliegt: "Lassen wir die hübschen Frauen den Männern, die über keine Phantasie verfügen." (Die Flüchtige S.39). Das ist schon verdächtig gleichlautend, oder?
Trotzdem 4 Sterne.


Käsebrot mit Marmelade - Geschmack ist mehr als schmecken
Käsebrot mit Marmelade - Geschmack ist mehr als schmecken
von Dr. Rainer Wild-Stiftung
  Taschenbuch

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Profundes Amusement, 24. Juli 2013
Tolle Vorträge einer Veranstaltung der Dr. Rainer Wild Stiftung im September 2011 gefasst in sehr gute Texte und ein hübsches Buch sorgen für Momente der Erkenntnis. Sehr empfehlenswert! Mechthild Busch-Stockfisch führt in die Sensorik als Wissenschaft ein. Imke Matullatt beschreibt die Geschmacksentwicklung vom Baby zum Greis. Rene Nachtsheim schreibt über den Geschmack von Fett. Wofgang Meyerhof umreisst die Geschmacksgenetik und ihren Einfluß auf das Essverhalten. Rainer Hirt überlegt die Frage "Wie klingt sauer?". Hanns Hatt berichtet über Neues aus der Physiologie des Riechens und Schmeckens. Karolin Höhl und Lisa Hahn besprechen die Frage, ob bzw. warum wir Dinge essen, die uns nicht schmecken. Klaus Dürrschmid erzählt vom Glück des Schmeckens und skizziert psychologische Aspekte des Schmeckens. Ulrich Fischer beschreibt wie wichtig der zeitlich Verlauf des Geschmacks am Beispiel Wein ist. Und Sonja Stummerer und Martin Halbesreiter diskutieren lustvoll die Frage "Mehr Genuss durch Food Design?".


Aus der Kümmerniß: Ein gotteskundlicher Roman
Aus der Kümmerniß: Ein gotteskundlicher Roman
von Eckhard Henscheid
  Gebundene Ausgabe

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verschlungene Wege aus der Verdammnis, 12. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wir haben es hier nicht mit einem Roman im eigentlichen Sinne zu tun, sondern mit einer pseudotheologischen Brandrede im Stile barocker, katholischer Prediger auf allerhöchstem sprachlichen Niveau, die nicht nur gelegentlich in die Randgebiete des Wahnsinn hinüberlappt. Der Kampf Gottes (Sebaoths, Jahwe, auch Jehova) gegen das Böse (Satanas) wird wortreich und -mächtig beschrieben und es wird bald klar, dass der Autor seine Katholiken in Gegenwart und Vergangenheit studiert hat. Und zwar zu dem Zweck, sie der Lächerlichkeit preis zu geben. Was "durchaus und durchwegs" gelingt. Selbstredend bleiben Henscheids Lieblingsfeinde des öffentlichen Lebens nicht unerwähnt und werden zielsicher in das System von Gut und Böse eingeordnet. Warum auch nicht?! Man erfährt so, in welchen Gestalten das Böse auf Erden heute sich zu manifestieren beliebt: Hansi Hinterseer wird da übrigens etwas überraschend auch enttarnt. Auch eine Entwicklung bzw. gewisse Flexibilität der Meinung des Autors ist klar fest, ja dingfest zu machen: Pumuckl beispielsweise wird zuerst als "kleiner und recht bescheidener Teufel" klassifiziert, später aber, knapp vor Ende des Buchs, als doch "gar kein richtiger Teufel" taxiert. Es ist dies ein Buch, das außerordentlich amüsiert, dabei auch sehr wohl belehrt, und das auf den Nachtkästlein gottesforschender Leser und Leserinnen keineswegs fehlen sollte.


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