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Rezensionen verfasst von
Jens Legler
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Violinkonzerte
Violinkonzerte
Preis: EUR 21,98

5.0 von 5 Sternen vor allem das John Adams-Konzert: grandiose, farbige Einspielung, 23. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Violinkonzerte (Audio CD)
Da das Mendelssohn-Konzert hinlänglich bekannt ist und mir als das weniger aufregende der beiden aufgenommenen Violinkonzerte erscheint, möchte ich mich auf das John Adams-Konzert konzentrieren.
Für Adams prägend sind: rhythmische und metrische Komplexität, auch zuweilen vorwärtstreibende impulsive Motorik. Das fließt quasi aus der (so originär amerikanischen) "minimal music" ein, die aber Adams weniger strikt als etwa Steve Reich handhabt.
Gerade im vorliegenden Violinkonzert gibt es häufig metrische Verschiebungen und andauernde Konfliktrhythmik (beharrlich laufen z.B. Triolen über lange Strecken "gegen" Achtel etc.).
Die Kunst von John Adams ist, dass dies bei seinen Kompositionen nie als ein sich abnutzender Oberflächenreiz wahrgenommen wird und sich somit im Verlauf des Werks verbraucht, vielmehr wird dies dramaturgisch raffiniert in ein größeres Werk mit geradezu sinfonischen Ausmaßen gegossen.
Die Harmonik ist ebenso raffiniert; recht komplex, oft an Bitonalität (2. Satz !) erinnernd, oder dann auch gelegentlich wieder schlichter und stärker diatonisch geprägt am Beginn des 3. Satzes.
Das ergibt einen eigenständigen kompositorischen Personalstil.
Auch nach mehrfachem Hören entdeckt man ständig neue Facetten, so dass man sein Vergnügen haben kann.
Genauso kann der Hörer abtauchen in die Adams-typischen traumhaft-entrückten Klangwelten.
Farbigkeit an allen Ecken und Enden: selbst in der Instrumentierung durch perfekt in den Gesamtklang gewobene (2) Synthesizer!
Meines Erachtens ist Adams einer der größten lebenden Komponisten.

Der fabelhafte Solist Chad Hoopes hat einen sehr geschmeidigen Ton und spielt äußerst kontrolliert mit herausragender Intonation.
Nichts von der vermeintlichen Genialität des "großen Bogens", in dem ein paar Töne verhuschen.
Erstaunlich für sein Alter (auf dem Booklet scheint ein 13-jähriger Schönling cool zu tun: reell ist er 19 und ein großer Künstler)!
Die herben Schwierigkeiten meistert er offenbar mühelos.
Das gleiche muss man vom Orchester sagen - fast schon ist es ein Konzert für Orchester, so virtuos die Parts, so idiomatisch aber auch geschrieben für die jeweiligen Instrumente.
Das mdr-Orchester groovt, brilliert und überzeugt ohne Abstriche!
Kristjan Järvi hält die komplexe Partitur mit Präzision zusammen.
Bravo!

Dass es nicht viele Aufnahmen vom Adams-Violinkonzert gibt, wundert einen nicht bei den Schwierigkeiten und Ansprüchen.
Wenn hier etwas auseinanderläuft, verliert die Musik mehr als anderswo, weil nur exakt auf den Punkt ratternde Noten diese Musik zum Sprechen bringt.

Ganz klare Kaufempfehlung!
(Nur ein kleines Problem: etliche Rechtschreib- und typografische Fehler im Booklet, die bei einer so hochrangigen Einspielung nicht vorkommen sollten...)


Rott: Sinfonie Nr. 1, Suite für Orchester B-Dur
Rott: Sinfonie Nr. 1, Suite für Orchester B-Dur
Preis: EUR 10,98

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ein großer Sinfoniker mit trauriger und bizarrer Vita / über 100 Jahre später uraufgeführt, 9. Juni 2014
Gilt einer als großer Sinfoniker, wenn er nur eine Sinfonie vollendet hat?
Ist ein schmales Ouevre "Indiz" oder Beleg für dessen vermeintliche Bedeutungslosigkeit?
Denken wir an Corellis 12 Concerti grossi op.6, die nahezu synonym mit ihm selbst sind - deshalb synonym, weil diese mit Abstand am meisten rezipiert/gehört werden.
Aufgrund dieses op.6 ist Corelli in der Musikgeschichte ein großer Name.
Hans Rott ist kein großer Name.
Sein Name fiel mir beim Studium von Gerhard Dietels "Musikgeschichte in Daten" als Kuriosum auf.
Rott hat seine 1.Sinfonie nie gehört (eine 2. ist unvollständig), ebenso wie etwa Mozart seine göttlichen letzten drei Sinfonien nie hören konnte.
Wenn einer als 22jähriger (!) so eine Sinfonie komponiert, die ein derart genialer Wurf ist, und die Reaktionen auf (zu Lebzeiten immerhin) einen aufgeführten Sinfoniesatz sind vorwiegend Ablehnung und Gelächter, vermutet man spontan Avantgarde im Stile Schönbergs oder ähnliches.
Nicht nur Ablehnung und Gelächter: nein, als einziger von sieben (!) Komponisten, die ihre Werke einer Jury einrichten, bekam er k e i n e n Preis. Bizarr...
Das "Problem" war, dass er als Lieblingsschüler Bruckners auf harsche Kritik des wichtigsten "Kontrahenten" Bruckners - Johannes Brahms - stieß. Er wurde dem damaligen Richtungsstreit innerhalb der Musik geopfert, da Brahms zu diesem besagten Zeigpunkt weit renommierter als Bruckner war (dieser hat erst recht spät die Anerkennung seiner Werke erleben dürfen).
Damit kam Rott nicht zurecht und vegetierte (nach etlichen Suizidversuchen) in einer psychiatrischen Klinik dahin und starb im Alter von 25 Jahren. (Dass eine Paranoia das ihre tat, ist vermutlich ein entscheidender weiterer Aspekt.)
Die "Internationale Hans Rott Gesellschaft Wien" verfügt über eine verdienstvolle Website, auf der Einzelheiten nachzulesen sind.
Es gibt viele auffallende kompositorische Parallelen (vor allem im Scherzo) zu Mahler, dass man sich fragt, wieso Rott fast unbekannt ist.
Man schreibt über Rott gern und viel, das Rott Mahler "vorweggenommen" hat. Das ist so, als wenn man schreibt, Gluck hätte Mozart vorweggenommen.
Einen der Selbständigkeit berauben, der ZU EINEM FRÜHEREN ZEITPUNKT einen bestimmten Kompositionsstil pflegt, ist nicht nur ungerecht, sondern auch historisch falsch und verdreht. Wie immer schreibt ein Musikwissenschaftler und/oder Musikrezensent vom anderen ab, die "Mühe" des Anhörens macht sich offenbar niemand.
Aber schließlich hat Herr Rott nuuuur die eine Sinfonie geschrieben und Mahler weit mehr, womit wir wieder bei der Eingangsfrage wären... :-)
Seltsam ist auch, dass Gustav Mahler sich derartig überschwänglich über Hans Rott äußerte, aber kein einziges (!) Werk von ihm (ur)aufführte!
Diese Uraufführung ließ dann letztlich über ein Jahrhundert (!, erneut ein Superlativ der üblen Art) auf sich warten!
All das muss man vorwegschicken, weil die Besonderheiten im Falle des Komponisten umfangreich, eigenartig und einzigartig (nicht zuletzt hochinteressant) sind.

Die Musik Rotts ist in erster Linie originell, trotz der Jugend des 22jährigen Komponisten.
Natürlich sind da (wenige) Bruckner-Anklänge und ein Motiv, das stark an Wagner erinnert.
Für mich am kuriosten ist Brahms' Ablehnung deshalb, weil ein sehr wichtiges Thema (etwa zur Hälfte des Finalsatzes) der Rott-Sinfonie in sehr an das Hauptthema des dritten Teils des Finalsatzes aus der ersten Brahmssinfonie "anklingt"!
In Klangmassierung und Satzlängen steht er sicher Bruckner am nächsten, und das sehr originelle und farbenprächtig instrumentierte Scherzo M U S S Mahler inspiriert haben (beide waren Kommilitonen und Mahler begann weit später mit der Komposition von Sinfonien).
Der erste Satz beginnt mit einem sehr lyrischen Thema, welches von der Trompete gespielt wird (nicht alltäglich, aber ideal instrumentiert).
Instrumentatorisch viele Bruckner- und Mahler-Parellelen, denn allgemein hat das Blech unheimlich viel zu tun: man spricht deshalb "vom missing link" zwischen Bruckner und Mahler, so als ob da jemand jemals ernsthaft gesucht hätte; wie dumm... :-)
Trotz der fast einstündigen Dauer ist die Sinfonie äußerst kurzweilig und abwechslungsreich.
Das kompositorische Handwerk ist überragend und Rott weiß auch kontrapunktisch vertrackt zu schreiben: so ist etwa auch eine Fuge zu hören.
Das Orchester ist absolut brillant, das Blech schiebt und drückt wie das Blech eines bestens aufgelegten Ami-Orchesters, und die glänzende Tonqualität spricht für sich.

PS.:
Durch den Film "Amadeus" (ursprünglich auf einem Theaterstück beruhend) glauben viele irrtümlich noch immer, Salieri hätte Mozart emordet. :-)
Einen guten Film gäbe auch das Leben - und natürlich das Werk - Hans Rotts her, den Brahms (natürlich nicht vorsetzlich) auf dem Gewissen hat oder haben müsste - oder hätte haben müssen. :-)
Ein wenig Ernst ist schon dabei, und es wäre eine Überlegung wert...
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 23, 2014 3:20 PM MEST


Guitar
Guitar
Wird angeboten von EliteDigital DE
Preis: EUR 25,95

4.0 von 5 Sternen interessante Live-Gitarrensolo-Improvisationen / vielleicht nicht essentieller Zappa, zeigt aber sein Gitarrespiel exemplarisch, 30. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Guitar (Audio CD)
Das Album besteht komplett aus Improvisationen, die bei Konzerten mitgeschnitten wurden - Improvisationen von einem Mann, der eher als Komponist und Bandleader denn als Gitarrist die Rockmusik über Jahrzehnte prägte und diese mit Elementen vorrangig der E-Musik verschmolz.
Gitarristen erwähnen allgemein sehr selten seinen Namen als prägenden Einfluss auf ihr eigenes Spiel.
Da fallen dann eher Namen wie van Halen, Hendrix, Holdsworth oder Steve Vai.
Letzterer begann bekanntermaßen seine Karriere bei Zappa, und zwar als "stunt guitarist" für all die haarsträubend komplizierten Parts, die Zappa gern und oft schrieb.
Beim unmittelbaren Vergleich der Spielweise Vais mit der Zappas fiel mir schon des öfteren auf, dass vieles, wofür Vai so populär und einflussreich wurde, bereits in Zappas Spiel auftauchte: jede Menge Humor, Experimentierlust und Skurrilität, ein rein instrumental geprägtes Spiel o h n e Kantabiltät, große rhythmische und melodische Komplexität, extreme Tonsprünge.
Das sind Umschreibungen eines eher sperrigen und wenig eingängigen oder plakativen Spiels, das immer um Originalität bemüht ist und diese auch meist erreicht.
(Natürlich verschmolz Vai diese ganz offenkundig von Zappa vorgeformten Eigenheiten mit den Techniken Eddie van Halens, die er ultravirtuos weiterentwickelte und mit eigenen Innovationen - Stichwort whammy bar - verband.)
Wenn man diese Zappa-CD also offenen Ohres hört, findet vielleicht der eine oder andere bestimmte Einflüsse, die dann bei Vai "Früchte trugen". Vai transkripierte übrigens auch akribisch Zappa-Gitarrensoli und gab diese als übervoll gefülltes Buch heraus.
Wer Zappas Gitarrenspiel überhaupt nicht mag, der empfindet es am ehesten als verworren: er spielt keine typischen Rocklicks, er "shredded" nicht, er spielt keine ausgeklügelten cleveren Jazzlines und er neigt nicht zur Wiederholung einzelner Phrasen - vielmehr werden bewusst sämtliche Klischees vermieden, was seinen Stil so eigen, aber auch sperrig oder schwer zugänglich macht.
Legt man das Augenmerk auf die allzu typischen Tonsprünge und die Rhythmik der Zappa-Gitarrenimprovisationen, dann fällt auf, dass diese Parts korrespondieren mit dem Stil der Parts, die in Zappas Kompositionen für andere Instrumente geschrieben wurden, egal ob es sich nun um Xylophon oder Trompete handelt.
Das klingt verdächtig ähnlich. :-)
Das gelegentliche Einbinden des Feedbacks weiß Zappa auf sehr kontrollierte und geschmackvolle Art in sein Spiel zu integrieren, zuweilen ist das recht erstaunlich.
Die Aufnahmen der "Guitar"-Solos wurden über Jahre bei Konzerten live mitgeschnitten; wie (fast) immer sind die Mitmusiker grandios.
Sicher kein essentielles Zappa-Album, aber eins was ihn als Gitarristen und Improvisator zeigt und vielleicht aus den beschriebenen Gründen interessant sein könnte.


Mexiko: Ein Länderporträt
Mexiko: Ein Länderporträt
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen gelungene Einführung zu Land und Leuten, 30. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Mexiko: Ein Länderporträt (Kindle Edition)
Das Buch bietet äußerst kurzweilige, oft sehr humorvolle, aber profunde Schilderungen typisch mexikanischer Gepflogenheiten; es bietet Einblicke und Einsichten in die zuweilen sehr spezielle Lebensweise der Mexikaner und bringt dem Leser allgemein viel Wissenswertes über dieses Land nahe.
Ob es um Mais, Tortilla, Korruption, Marienverehrung oder Humor geht: man staunt über den Mexikaner und Mexiko. :-)
Ich kann eigentlich alles bestätigen, was geschildert wird und muss sagen, dass das Buch eine ideale Einführung für eine Mexiko-Reise darstellt.
Man erlebt dann vieles selbst und ist sehr amüsiert, dass sich so einiges mit dem deckt, was man vorab aus diesem Buch erfuhr....
Aber Achtung: das Buch ist kein Reiseführer, der die gängigen Touristenattraktionen auflistet und/oder erläutert!
Da der deutsche Autor seit Jahren mit einer Mexikanerin verheiratet ist und auch schon lange in Mexiko lebt, ist seine persönliche Perspektive aufgrund dieser Lebensumstände gerade für deutsche Leser ideal.


Streichquartett Nr.1-7
Streichquartett Nr.1-7

5.0 von 5 Sternen überraschend spannendes Streichquartett-Oeuvre in vorbildlicher Interpretation, 30. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Streichquartett Nr.1-7 (Audio CD)
Selbst das Booklet verweist auf den "Nebenwerk-Charakter" der 7 Streichquartette Dessaus, von denen 2 übrigens lediglich einsätzig sind.
Hört man die beiden CDs, versteht man nicht recht die eher geringe Bedeutung, die diesen Werken innerhalb der Streichquartett-Literatur zugewiesen wird.
Ich empfehle die hier vorhandenen amazon-mp3-Ausschnitte anzuhören: auch da die Klangsprache vielleicht nicht jedermanns Sache ist (ein Grund für die erwähnte mangelnde Popularität?).
So man wie ich diese Klangsprache mag, ist die vorliegende konkurrenzlose, vorbildliche Einspielung eine wertvolle Ergänzung der Werke für Streichquartett des 20.Jahrhunderts - an der Seite Bartoks, Bergs oder Schönbergs.


Glenn Gould Collection Vol.8 - Glenn Gould plays Beethoven: Klaviersonaten Nr. 1-3; 5-10; 12-14; 15-18; 23; 30-32
Glenn Gould Collection Vol.8 - Glenn Gould plays Beethoven: Klaviersonaten Nr. 1-3; 5-10; 12-14; 15-18; 23; 30-32
Preis: EUR 24,99

4.0 von 5 Sternen der eigenwillige Interpret - überzogen, spannend oder genial?, 30. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Manche sagen, Gould sei respektlos und anmaßend, wenn er Vortragsbezeichnungen, Tempi etc. vieler Werke ignoriert und manche sagen, es sei genial, wie Gould allbekannte Kompositionen so formt, dass man das Gefühl hat, man höre diese Werke erstmalig.
Diese Grundsatzdebatte - sich immer zwischen diesen beiden Polen bewegend - wird nicht zu lösen sein: entweder man kann mit Gould etwas anfangen, ist unvoreingenommen und sieht in ihm den exemplarischen mündigen Interpreten oder man empört sich ob der Provokationen und der (scheinbar) mangelnden Werktreue, all dies tat Gould natürlich nur, weil er immer darauf erpicht war, seinen persönlichen Stempel auf alles und jedes zu setzen.
Entweder man lässt sich darauf ein oder man lässt es eben bleiben...

Ich verstehe beide Seiten, aber tendiere schon zum ersten, weil ich spannende Facetten bei den Kompositionen entdecken kann, welche durch Goulds Interpretationen freigelegt werden.
Den Vorwurf, Gould hätte die "heiligen Kühe" der 3 letzten Sonaten sowie die berühmten und überaus populären Sonaten wie etwa die "Pathétique" geschlachtet und sogar vergewaltigt, kann ich nicht nachvollziehen und kann dort vielmehr einige schöne Momente finden.
Gould hat ja vorrangig die frühen und späten Sonaten eingespielt, so dass hier etwa 60 Prozent der Beethoven-Klaviersonaten zu finden sind.
Merkwürdig und fast unverständlich erscheint mir, dass er die "Hammerklaviersonate" nicht im Studio für eine LP eingespielt hat, da doch die komplexe Harmonik und Polyphonie gerade des letzten Satzes Goulds Vorlieben hätte besonders entsprechen müssen.
Ein, zwei Momente der Verstörung hat Gould auch bei mir hervorgerufen: die 13.Sonate op.27/1 beginnt mit einem simplen, ja läppischen Thema, welches innerhalb des grandiosen Beethoven-Oeuvres der Klaviersonaten ganz sicher nicht das kompositorische Glanzlicht darstellt.
Gould spielt dieses Thema derart unverschämt und aufreizend langsam, dass ich zu dem Schluss gekommen bin, dass er sich einen Spaß erlaubt haben m u s s (dieses Thema kann Gould nicht geschätzt haben, kennt man seine litaneihaften Beschwörungen der Überlegenheit von polyphonen Kompositionsstrukturen!).
Aber warum soll er das nicht machen?!
Ein wenig Probleme hatte ich weiterhin mit einigen non legato-Linien, die er sich "eigenmächtig" in der ersten Sonate "erlaubt".
Doch was ist das alles gegen den ultravirtuosen dritten Satz der "Mondscheinsonate", gegen die vorbildhafte Interpretation seiner erklärten Lieblingssonate, die wie die 6.Sinfonie den Beinamen "Pastorale" trägt - kurz gegen all die spannenden und/oder schönen Momente, die Gould freilegt oder uns entdecken lässt?
Gelangweilt ist man nie.


Betrachtungen zur Mass- und Zahlenordnung des musikalischen Tonmaterials (Friedensauer Schriftenreihe)
Betrachtungen zur Mass- und Zahlenordnung des musikalischen Tonmaterials (Friedensauer Schriftenreihe)
von Gottfried Steyer
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen geniales Lebenswerk / Fleiß, Fundierung / Buch, nach dem ich jahrelang suchte, 18. Januar 2014
Dass dieses Buch kein Bestseller sein kann, ist in gewisser Weise klar, da das Thema nicht jeden interessiert - dennoch ist die relative Unbekanntheit unverdient!
Ich habe jahrelang nach einem Buch gesucht, welches Entsprechungen der strukturellen Gegebenheiten der Musik zu denen anderer Bereiche des Lebens und der Natur(wissenschaften) aufzeigt.
Viele dieser Parallelen sind äußerst erstaunlich: eine wahre Fülle von (sicher nicht?!) zufälligen Entsprechungen entdeckt man beim Lesen dieses Buchs.
Das Buch ist fast eine komprimierte Offenbarung...
Achtung: man kann religiös werden durch übergroße Verwunderung! :-)
Bezeichnenderweise arbeitete der Autor nicht nur als Musikwissenschaftler, sondern u.a. auch als Pfarrer.


LTI: Notizbuch eines Philologen
LTI: Notizbuch eines Philologen
von Victor Klemperer
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen großartiges Buch, das man gelesen haben sollte, 18. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: LTI: Notizbuch eines Philologen (Taschenbuch)
In der Bedrängnis, als Jude den Nationalsozialismus buchstäblich überleben zu müssen, fand Klemperer eine Form der Kompensation, seine Ausflucht und den Rettungsanker in seiner Arbeit: als Philologe.
Nicht wissenschaftlich verklausuliert, sondern simpel und treffend (quasi "populärwissenschaftlich") schrieb er über sprachliche Entgleisungen der Nazizeit.
Da findet man Analysen all der Manipulationen, deren Diktaturen unbedingt bedürfen, damit man Schritt für Schritt das Denken des Pöbels und in der Folge dessen Verhalten steuern kann.
Ich las das Buch bereits in der DDR, in der unfreiwilliger Sprachwitz häufiger vorkam als die martialischen (aber oft ähnlich lächerlichen) Wortschöpfungen und -deformationen der Nationalsozialisten.
"LTI" richtet so den Fokus folgerichtig auf das Hinterfragen der eigenen Sprachwendungen und -muster, und eine eventuelle Sorgfalt der Entsprechung zum Denken: in der DDR entdeckte man Perlen wie "Winkelemente" und "Specki-Aktivisten".
Heute gibt es naturgemäß weniger Sprachmanipulation als in den beiden Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts, aber dennoch etliches an Sprachmüll und Sprachdreck
Man denke an den "Leistungsträger" oder an die Blödheit, die jemanden auf die Idee kommen lässt, jeden Lampionumzug zum "Event" aufzupusten, nebst all den zahlreichen anderen lächerlichen Amerikanismen.
Das ist natürlich weit weniger übel als die "lingua tertii imperii", die Klemperer so faszinierend und interessant analysiert!


Wer einmal aus dem Blechnapf frißt: Roman
Wer einmal aus dem Blechnapf frißt: Roman
von Hans Fallada
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

5.0 von 5 Sternen zeitlose Sozialkritik, sehr spannend geschrieben, 18. Januar 2014
"Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" ist vielleicht eines der wichtigsten sozialkritischen Bücher, das im 20.Jahrhundert in Deutschland erschienen ist.
Klar erkennbar sind zeitunabhängige Bezüge: immer wieder kehrt der Teufelskreislauf auf aus gesteuerter und gelegentlich verhaltensbedingter sozialer Ächtung und Stigmatisierung und die ständigen vergeblichen Versuche, diese aufzuheben: all das aufgrund der Vorurteile einer oberflächlichen Gesellschaft gegenüber (Ex-)Straftätern, die keine zweite Chance bekommen.
Wobei Falladas Anti-Held nicht beschönigend als vollkommener Mensch geschildert wird, sondern als ein Mensch, der in jeden Fettnapf tritt, der ausgelegt ist.
Der Tonfall des Buchs ist nüchtern, aber spannend sowie sehr ungeschönt und direkt.
Wie knapp erwähnt, liegen aktuelle Bezüge auf der Hand (und das wird sicher immer so bleiben).
Durch die leichte Lesbarkeit ist Falladas Buch engagierte Sozialkritik und zugleich gute Unterhaltung.


Das Schloß
Das Schloß
von Franz Kafka
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 4,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen typisches Kafka-Buch / spannend und leicht zugänglich, 18. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Schloß (Gebundene Ausgabe)
Die für den Hauptprotagonisten nicht ansatzweise erkennbare Bedrohung seiner Existenz durch anonyme Mächte sorgt beim Lesen für Beklemmung: und das ist eine der gängigen, aber auch passenden Etikettierungen, die man Kafka zuweist.
In recht exemplarischer Form findet man das in seinem "Schloss".
Dieses Buch lässt sich sehr flüssig und rasch lesen, was die landläufige Ansicht, Kafka würde schwer verdauliche Literatur für Literaturwissenschaftler schreiben, widerlegt.


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