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Vampyress "Coffee and Books"
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Der Marsianer: Roman
Der Marsianer: Roman
von Andy Weir
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Genial!, 17. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Marsianer: Roman (Broschiert)
Es ist der dritte bemannte Flug zum Mars, den die Crew der Hermes zu “Ares 3″ unternimmt. An Tag sechs der Mission bricht die Hölle los: Ein Sandsturm von zerstörerischen Ausmaßen überrollt die Station und die Mission muss abgebrochen werden. Auf dem Rückweg zur Kapsel wird Mark Watney, Biologe und Ingenieur des Teams, von einer losgerissenen Antenne getroffen und von der Gruppe getrennt. Sein Bioscanner fällt aus, seine Kameraden müssen ihn für tot erklären. Im immer mörderischer werden Sturm schaffen es die fünf übrigen Crew-Mitglieder nicht einmal mehr, seine Leiche zu bergen. Gerade noch gelingt ihnen der Start und die Rückkehr zum Schiff.

Mark Watney jedoch ist nicht tot. Benommen kommt er wieder zu sich und muss feststellen, dass er allein auf der tödlichen Oberfläche des Mars zurückgeblieben ist, mit nichts als zwei Rovern, der zeltartigen Wohnkuppel und Lebenserhaltungssystemen, die für eine 31tägige Mission konstruiert wurden. Ohne jede Hoffnung auf Rettung setzt Watney alles daran, zu überleben – so lange wie möglich.

Unterdessen findet die NASA anhand von Satellitenbildern heraus, dass Watney wie durch ein Wunder überlebt hat. Es gibt keine Möglichkeit, mit ihm zu kommunizieren. Ein Defekt des Oxygenators, des Wasseraufbereiters oder ein Riss in der Kuppel würde seinen Tod bedeuten. Selbst, wenn alle Systeme stabil bleiben, reichen die Essensvorräte auch streng rationiert nicht einmal für ein Jahr. Und die nächste Marsmission wird “Ares 4″ erst in vier Jahren erreichen, tausende Kilometer von “Ares 3″ entfernt. Watneys Rettung scheint aussichtslos …

Meine Meinung:

Allein die Veröffentlichungsgeschichte von Andy Weirs Roman ist außergewöhnlich: Rein hobbymäßig schrieb der Programmierer, der sich in seiner Freizeit auch mit Physik, Mechanik und der bemannten Raumfahrt beschäftigt, an seiner Geschichte. Dabei versuchte er, diese so realistische wie möglich zu erzählen, basierend auf existierenden technologischen Möglichkeiten. Die Geschichte stellte er Kapitel für Kapitel zum kostenlosen Download auf seine Website. Als immer mehr Leser Probleme mit dem Herunterladen auf ihren Kindle äußerten, lud Weir den fertigen Roman im ePub-Format auf Amazon hoch. Da ein kostenloses Einstellen nicht möglich war, setzte er den Mindestpreis auf 99 Cent fest. Bald schoss das E-Book in die Top-Ten der Science Fiction Bestseller-Liste, woraufhin ein Lektor von Random House auf den Roman aufmerksam wurde, ihn einem befreundeten Agenten zeigte und dieser sich daraufhin an Andy Weir wandte. Ein Vertrag kam zustande und “The Martian” erschien endlich als richtiges Buch, ohne dass Weir irgendeine Anstrengung in diese Richtung unternommen hätte. Ein Selbstläufer im Rückwärtsgang, sozusagen. Das Buch platzierte sich ganz oben in den Bestsellerlisten, mittlerweile gibt es mehr als zwanzig Übersetzungen des Romans, der als Meilenstein in der Science Fiction Literatur gefeiert wird. Die Dreharbeiten der Hollywood-Verfilmung starten in diesem Herbst.

So viel zur Vorgeschichte. Nun zu meiner Rezension:

“Der Marsianer” hat mich begeistert. Wer das Gefühl kennt, sich bei einem Film vor lauter Spannung am Kinosessel festkrallen zu müssen, weiß, wie es mir beim Lesen dieses Buches ging. Andy Weir ist genial. Das zeigt sich schon in seiner Figur Mark Watney, der mit unglaublich riskanten und garantiert tödlichen Situationen konfrontiert wird und sich diesen mit ungeheurer Findigkeit stellen muss. Gerade, wenn man denkt, Weir hätte den Zenit der Spannung erreicht, toppt er das Ganze mit einer neuen Überraschung. Dabei erklärt er Naturwissenschaftliches und Technisches ganz genau, und, soweit ich mitbekommen habe, sehr fundiert. Laien wie ich verstehen dabei vielleicht nicht jedes Detail, (das sollen wir auch nicht, solange Watney versteht, was er tut), aber im Großen und Ganzen kann man alles nachvollziehen. Diese Details sind es auch, die der Geschichte einen unheimlich starken Sinn für Realität verpassen. Alles wirkt schlüssig und sogar wahrscheinlich, man kann sich sehr gut vorstellen, dass eine Katastrophe dieser Art unter ganz ähnlichen Umständen passieren könnte und dass vieles, was im Roman passiert, auch in Wirklichkeit möglich wäre. Es ist einfach unglaublich, dass sich Andy Weir all dieses Wissen rein aus privatem Interesse angeeignet und die im Buch beschriebenen Szenarien aus purer Neugierde gedanklich durchgespielt hat. Das Wort, das mir beim Lesen immer wieder einfiel, war “genial!”.

Und nicht zuletzt beweist Weir mit seinem Debüt auch, was für ein geschickter Erzähler er ist. Der fünfhundert Seiten starke Roman ist von Anfang bis Ende spannend, selbst ruhige Passagen, in denen vor allem viel erklärt wird, blättert man hastig und nägelkauend weiter, so bildhaft ist die Sprache. Dazu kommt, dass Mark schlicht und einfach ein ursympathischer Held ist. Die Prämisse “allein zurückgelassener Astronaut auf dem Mars ohne Aussicht auf Rettung” hätte auch auf einen düsteren, beklemmenden Roman hinauslaufen können, doch Mark ist ein unverbesserlicher Optimist, der, statt in eine handfeste Depression zu versinken, in den Problemlösungs-Modus schaltet, fest entschlossen, allen Widrigkeiten so lange wie nur möglich zu trotzen. Man könnte ihn einen genialen MacGyver im Weltraum nennen. Einen Robinson Crusoe auf dem Mars. Man könnte auch sagen: Der Marsianer – eine Mischung aus “Apollo 13″ und “Gravity”. (Wobei “The Martian”, wohlgemerkt, vor “Gravity” erschien.)

Ein grandioser Roman. Etwas Spannenderes habe ich schon lange nicht mehr gelesen und ich kann nur hoffen, dass Andy Weirs nächster Roman nicht allzu lange auf sich warten lässt!

Fazit:

Genial! Ein Science Fiction Roman im besten Sinne. Ich freue mich schon auf die Ridley Scott Verfilmung (mit Matt Damon, Jessica Chastain u.a.)!


In 72 Tagen um die Welt: Wie sich zwei rasende Reporterinnen im 19. Jahrhundert ein einmaliges Wettrennen lieferten
In 72 Tagen um die Welt: Wie sich zwei rasende Reporterinnen im 19. Jahrhundert ein einmaliges Wettrennen lieferten
von Matthew Goodman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

4.0 von 5 Sternen Revolutionäre Jagd um den Globus, 10. Oktober 2014
In Amerika wurde sie in den 1890’er Jahren als Volksheldin gefeiert und galt als berühmteste Frau der USA: Nellie Bly, die es als erste schaffte, die Erde in einer Rekordzeit von nur 72 Tagen zu umrunden.

Bis heute ist der Name Nellie Bly noch vielen ein Begriff. Dass sie damals eine Konkurrentin hatte, die am selben Tag in die entgegengesetzte Richtung startete und sich bald einen Wettlauf gegen die Zeit und ein von der Öffentlichkeit heißdiskutiertes Rennen mit der berühmten Reporterin Nellie Bly lieferte, weiß heute kaum noch jemand. Ihr Name war Elizabeth Bisland.

Sachbuchautor Matthew Goodman hat das Rennen der beiden Reporterinnen gründlich recherchiert und erzählt von zwei abenteuerlustigen, grundverschiedenen Frauen, die Geschichte schreiben sollten.

Meine Meinung:

Mit seinem Buch ist es Matthew Goodman nicht nur gelungen, auf spannende Weise das revolutionäre Wettrennen zwischen Bly und Bisland zu dokumentieren, sondern auch das Leben und die Karriere zweier Journalistinnen und das vieler anderer Frauen, die sich zu dieser Zeit in dem von Männern dominierten Metier durchsetzen mussten.

Sowohl Bly als auch Bisland verschlägt es nach New York, wo sie, obwohl von unterschiedlicher sozialer Herkunft, mehr oder weniger mittellos ihr Glück bei den großen Zeitungen der Stadt versuchen. Bly ergattert eine Anstellung bei der World und macht sich bald einen Namen als investigative Journalistin, während Bisland bei dem monatlich erscheinenden Magazin Cosmopolitan unterkommt und, ihrem Charakter entsprechend, in relativer Anonymität hochwertige Aritkel verfasst.

Um die etwas kränkelnde Auflage seiner Zeitung zu steigern, entschließt sich der Herausgeber der World, eine von Blys früheren Ideen für eine sensationsheischende Reportage in die Tat umzusetzen und schickt sie, ohne jeden Aufschub, auf ein Rennen um die Welt. Das Ziel: die 80 Tage, die die Figur des Phileas Fogg in Jules Vernes berühmten Roman brauchte, zu unterbieten.

Als der Herausgeber des konkurrierenden Blatts Cosmopolitan von Blys Abreise Wind bekommt, überredet er seine Reporterin Elizabeth Bisland dazu, das Rennen in die entgegengesetzte Richtung – nach Westen – anzutreten mit dem Ziel, Bly zu schlagen. Nach einigem Zaudern willigt Bisland ein und startet noch am selben Tag und nur wenige Stunden nach Bly ihre Tour.

Was folgt, ist eine beispiellose Hatz über Ozeane und Kontinente per Schiff und Bahn unter dem enormen Interesse der Öffentlichkeit. Jede Verzögerung durch maschinelle Defekte oder Widrigkeiten der Natur kann den verpassten Anschluss an das nächste Verkehrsmittel und somit die Niederlage bedeuten. Die Eindrücke, die Bly und Bisland auf Schiffen, in Eisenbahnen und in den zu durchreisenden Ländern wie Japan, China, Indien, Nordafrika, Italien, Frankreich und England erleben, liest sich vor allem aufgrund ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten und den daraus resultierenden verschiedenen Eindrücken sehr unterhaltsam. (In Frankreich konnte Bly sogar Bekanntschaft mit Jules Verne höchstpersönlich machen, was ihr zu Hause nur noch mehr Ruhm einbrachte.)

Goodman hat sehr genau recherchiert, jede Aussage und jeder Dialog ist in schriftlichen Quellen belegt und kann im Anhang nachgeschlagen werden. Das Bild, das er von den beiden Frauen und ihrer Reise zeichnet, ist unheimlich lebendig und in seinen Beschreibungen so genau, dass sich der Leser fühlt, als würde er den reisenden Reporterinnen über die Schulter schauen und selbst mitten im Geschehen sein. Der Fokus liegt dabei stets auf dem Reisen, also dem Vorankommen an sich. Von den bereisten oder vielmehr durchreisten Länden bekommt man oft nur flüchtige Eindrücke, da sich die beiden Frauen ja nie lange an einem Ort aufhalten und vor allen Dingen möglichst schnell möglichst viel Strecke machen mussten.

Das mag ein kleiner Wermutstropfen für die sein, die sich besonders für die historischen Begebenheiten in den aus Sicht damaliger Westler “exotischen” Ländern interessieren. Auch ist das Buch mit seinen 719 (ohne Anhänge 665) Seiten recht opulent und es schleicht sich hin und wieder doch eine kleine Länge oder das Gefühl von Wiederholung ein. Daher ist “In 72 Tagen um die Welt” für mich vielleicht kein perfektes, aber doch ein gelungenes und unterhaltsames erzählendes Sachbuch, das ich mit großem Interesse gelesen und aus dem ich nicht nur die beiden faszinierenden Frauen Elizabeth Bisland und Nellie Bly kennen-, sondern auch unheimlich viel über das Reisen im ausgehenden 19. Jahrhundert gelernt habe.

Fazit:

Ein fasznierender Blick auf das Leben der Journalistinnen Nellie Bly und Elizabeth Bisland und ein spannender, unterhaltsamer Reisebericht.


Der Ozean am Ende der Straße: Roman
Der Ozean am Ende der Straße: Roman
von Neil Gaiman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Melancholisches Gruselmärchen, 8. Oktober 2014
Der Erzähler der Geschichte ist sieben Jahre alt, als mit dem plötzliches Tod des Opalschürfers, der gerade erst als Untermieter im Haus seiner Eltern eingezogenen ist, eine Reihe unglaublicher Ereignisse seinen Gang nimmt. Als nächstes lernt der Junge nämlich Lettie Hempstock kennen, das Mädchen von der etwas abgelegenen Hempstock-Farm am Ende der Straße. Lettie, viel weiß und Dinge tun kann, die für ein normales elfjähriges Mädchen unmöglich wären (und vielleicht ist sie in Wirklichkeit auch gar nicht elf?). Ihre Hilfe ist jedenfalls dringend vonnöten, denn die Träume der Menschen scheinen plötzlich real zu werden – mit grausamen Folgen. Und die grausamste von allen tritt in Gestalt von Ursula Monkton in Erscheinung, dem neuen Kindermädchen, das böse Absichten verfolgt …

Meine Meinung:

Dies ist mein erster Gaiman. “Der Sternwanderer” und “Coraline” kenne ich bisher nur als Verfilmungen (sie zählen zu meinen Lieblingsfilmen), deshalb war ich umso gespannter auf sein langersehntes neues Buch für Erwachsene.

“Der Ozean am Ende der Straße” wird dafür, dass er sich anfänglich aus der Sicht eines Siebenjährigen mit den Problemen eines Siebenjährigen beschäftigt, sehr schnell ziemlich düster. Ursula Monkton hat selbst mir eine Gänsehaut den Rücken hinuntergejagt. Und es tauchen Wesen auf, die so angsteinflößend und absonderlich sind, dass Gaiman deren unheimliches Aussehen hauptsächlich der Phantasie seiner Leser überlässt. Das ganze düstere Abenteuer unseres Helden und seiner Freundin Lettie ist zudem gewürzt mit einigen magischen Zutaten – es gibt Bannsprüche, Hexenringe, verzauberte Gegenstände, magische Katzen, eine Menge Dinge, die nicht sind, wonach sie aussehen und natürlich den Teich hinter der Hempstock-Farm, der in Wirklichkeit ein Ozean ist.

Der wahre Kern der Geschichte ist aber natürlich der Blick auf die Kindheit aus der Sicht des Erwachsenen. “Der Ozean am Ende der Straße” ist bis an den Rand gefüllt mit nostalgischen Eindrücken, mit der Vermischung aus Traum und Realität, mit Erinnerungen und Kinder-Wahrheiten, die Erwachsenen allzu schnell vergessen zu haben scheinen.

Alles in Allem habe ich “Der Ozean am Ende der Straße” als lyrische, düstere kleine Geschichte gelesen, die mir in seinem sympathischen kleinen Helden und seinem nostalgischen, melancholischen Ton gut gefallen hat, aber ich bleibe ein wenig ratlos zurück. Der Plot erscheint mir etwas wacklig zusammengeschustert und nicht ganz rund. So gut mir einige Passagen gefallen haben, genauso verwirrt war ich von anderen. Nicht selten hatte ich beim Lesen ein Fragezeichen auf der Stirn und nicht all meine Fragen wurden am Ende beantwortet. Überhaupt lässt Gaiman den Leser mit einem recht offenen Ende allein, was zu einem Teil durchaus passend ist, aber einiges bewusst auch im Argen lässt, was frustrierend, aber je nach Leserperspektive wohl auch genau richtig sein kann. Mehr möchte ich, ohne etwas vorweg zu nehmen, gar nicht sagen.

Fazit:

Ein lyrischer, düsterer kleiner Roman über verlorene Erinnerungen an eine Kindheit und das Verschwimmen zwischen Traum und Realität. Eine faszinierende Geschichte mit einem etwas dünnen Plot, in ihrem melancholisch-nostalgischen Ton jedoch durchaus reizvoll.


Die Gierigen: Roman
Die Gierigen: Roman
von Karine Tuil
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vom Scheitern in all seinen Facetten, 26. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Gierigen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Samir, Samuel und Nina kennen sich seit dem Studium. Erst waren sie unzertrennliche Freunde, dann kam ihnen die Liebe in die Quere und riss die enge Freundschaft auseinander. Zwanzig Jahre später lebt Samir, der sich jetzt Sam nennt, als gefeierter Staranwalt in New York und ist verheiratet mit der Tochter einer der reichsten und wichtigsten jüdischen Familien der USA. Als Nina und Samuel, die immer noch als Paar in einem heruntergekommenen Stadtteil von Paris leben, ihn im Fernsehen erblicken, gerät das Leben der beiden in eine gefährliche Schieflage. Samuel erkennt, dass Samir ihm seine Identität gestohlen hat, um in seiner jüdischen Kanzlei aufzusteigen. Die uralte Eifersucht auf seinen Rivalen flammt wieder auf. Nina soll nach New York fliegen, um Samir zur Rede – und seine alte Leidenschaft für sie – erneut auf die Probe zu stellen.

Meine Meinung:

Ein großes gesellschaftliches Panorama breitet die französische Autorin Karine Tuil in ihrem Roman “Die Gierigen” aus. Von den Abgründen der Pariser Vorstädte mit ihrer Kriminalität, ihrer Armut, dem Drogensumpf, problematischen Immigrantenvierteln und gescheiterten Existenzen geht es in die Lofts und das Luxusleben der Superreichen Manhattans. Es geht um Geld, Macht und Ansehen, um Armut, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, um religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Identität.

Samir hat im Leben alles aufgegeben, um es bis nach ganz oben zu schaffen, an die Spitze der Gesellschaft. Samuel leidet unter chronischem Selbsthass, weiß, dass er es nie zu irgendetwas bringen wird. Nina hat nichts als ihre Schönheit und sexuelle Ausstrahlung. Doch das Wiedersehen der drei wirft ihr Leben komplett über den Haufen, lenkt ihre Schicksale in völlig neue Bahnen – und womöglich in den Abgrund.

Karine Tuil hat einen Roman über das Scheitern in all seinen Facetten geschrieben – mitreißend und erschütternd. Dabei bleibt sie jedoch stets auf fühlbarem Abstand zu ihren Figuren, was den Leser bewusst zu kritischer Beobachtung und Hinterfragung auffordert.

Fazit:

Ein mitreißender Gesellschaftsroman, der tief in die Abgründe menschlichen Versagens entführt, dabei aber stets einen emotionalen Abstand zu seinen Figuren wahrt. So durchlebt man die Höhen und Tiefen im Leben von Samir, Samuel und Nina, ohne selbst in ihren dunkelsten Stunden wirklich berührt zu werden.


Das Seelenhaus: Roman
Das Seelenhaus: Roman
Preis: EUR 17,99

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unbarmherzig, rau, faszinierend, 29. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Seelenhaus: Roman (Kindle Edition)
Island, 1829. Agnes Magnúsdóttir erwartet die Todesstrafe: gemeinsam mit zwei anderen Bediensteten soll sie Natan Ketilsson, ihren früheren Meister und Liebhaber, grausam ermordet haben. Die Hinrichtung soll in Nordisland stattfinden, unweit vom Ort des Verbrechens. Doch noch wartet man auf die Bestätigung des Urteils vom Königshaus in Kopenhagen. So wird Agnes auf der abgeschiedenen Farm einer Bauernfamilie untergebracht, wo sie bis zu ihrer Exekution als Hilfskraft arbeiten muss.

Voller Furcht vor der verurteilten Mörderin und den Geschichten, die über sie kursieren, meidet die Familie Agnes anfangs. Nur Tóti, der junge Hilfspfarrer, der Anges als christlicher Beistand zugewiesen wird, wird ihr zu einer Art Vertrauten. Nach und nach erfährt er, was sich in der Winternacht, in der Natan Ketilsson ermordet wurde und sein Haus einem Feuer zum Opfer fiel, wirklich zugetragen hat.

Meine Meinung:

So erstaunlich die Geschichte von Agnes, der letzten Frau, die in Island hingerichtet wurde, klingt: sie hat sich tatsächlich zugetragen. Hannah Kent hat jahrelang vor Ort recherchiert, Dokumente und Bücher studiert über das wenige, was man heute noch über sie weiß, um so viel wie möglich über das Leben von Agnes Magnúsdóttir und die Umstände ihres traurigen Endes herauszufinden. Ein Großteil dessen, was im Roman zu lesen ist, entspricht den Tatsachen. Nur wenige Begebenheiten und Personen wurden hinzugedichtet. Lücken, Ungewissheiten und Widersprüchlichkeiten, die sich während Kents Recherchen ergaben, füllt sie behutsam mit den für sie wahrscheinlichsten Möglichkeiten.

So ensteht ein authentischer, durch und durch organischer Roman um eine wahre Geschichte. Erzählt in einer glasklaren, poetischen Sprache, die die raue Schönheit der isländischen Landschaft einfängt. Und obwohl der Leser weiß, welches Schicksal Anges am Ende des Buches erwartet, folgt man mit Spannung ihrer Geschichte. Man will unbedingt herausfinden, was die junge Frau mit dem düsteren Natan Ketilsson verband und was in der Nacht seines gewaltsamen Todes tatsächlich geschehen ist.

Agnes ist eine faszinzierende, zutiefst menschliche Figur, mit der ich gelitten und bis zum Ende gebangt habe. Das Leben in Island zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts und die ebenso unbarmherzige wie faszinierende Landschaft fängt Hannah Kent in einer wunderbaren Sprache ein. Eine düstere, atmosphärische, lyrische Geschichte, die dem Leser im Gedächtnis bleibt. Das alles macht "Das Seelenhaus" für mich zu einem vollkommenen historischen Roman, der aus der Masse heraussticht.

Hannah Kent, geboren 1985 in Adelaide, ist Mitgründerin und Redakteurin der australischen Literaturzeitschrift Kill your Darlings. Nach der Schule nahm sie an einem einjährigen Austauschprogramm teil und lebte bei einer Gastfamilie in Island. Dort hörte sie zum ersten Mal die Geschichte von Agnes Magnúsdóttir. Ihr Roman erhielt bereits vor der Veröffentlichung den höchsten australischen Preis für unveröffentlichte Manuskripte.

Fazit:

Die ungewöhnliche Geschichte von Agnes Magnúsdóttir, der letzten Frau, die in Island hingerichtet wurde. Hervorragend recherchiert, mitreißend und einfühlsam erzählt in einer wunderschönen Sprache.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 11, 2014 12:10 AM MEST


Welt in Flammen
Welt in Flammen
von Benjamin Monferat
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 784 Seiten waren noch nie so schnell vorbei!, 29. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Welt in Flammen (Gebundene Ausgabe)
Mai 1940: Während Europa in den Krieg zieht, bricht in Paris ein letztes Mal der legendäre Orient-Express zu seiner Fahrt nach Istanbul auf. An Bord befindet sich eine äußerst illustre – und undurchsichtige – Gesellschaft. Jeder der Reisenden hat einen ganz bestimmten Grund, diese letzte Fahrt anzutreten. Eine inzwischen glanzlose Stummfilmdiva fürchtet das Vergessen und hofft, in Istanbul einen reichen Gönner zu finden. Ein im Exil lebender Balkanfürst will die Macht über sein Land zurückgewinnen. Seine jüdische Geliebte ist auf der Flucht vor den Deutschen. Eine russische Großfürstenfamilie ist gezwungen, unterzutauchen. Ein Spion der Bolschewiki geht über Leichen, um einen Gegenstand von allergrößtem Wert an sich zu bringen. Agenten aller kriegführenden Mächte befinden sich Wagon an Wagon, Abteil an Abteil. Ein Pulverfass, das jeden Moment in die Luft zu gehen droht.

Der Ausgang der Reise ist unabsehbar. Jeden Moment kann die politische Situation in den zu durchfahrenden Staaten kippen, jeder Grenzübertritt, jeder neue Tag kann das Ende bedeuten. Und schließlich bricht Chaos und Zerstörung an Bord aus …

Meine Meinung:

Was für ein Klopper, habe ich mir gedacht, als ich das Buch das erste Mal in der Hand gehalten habe. Und was für ein reißerischer Klappentext. Da scheint ja wirklich alles drin zu stecken. Das wird entweder richtig toll, oder es geht gewaltig in die Hose.

Es wurde richtig toll. Und es steckt wirklich alles drin: Große Geheimnisse. Große Gefahren. Große Gefühle. Große Action. Ein Schmöker, ein großer Abenteuerroman. Eins der Bücher, in die man eingekuschelt am Kamin versinken könnte, wenn man einen Kamin hätte. Oder mit denen man sich die Nacht um die Ohren schlägt, während draußen ein kolossaler Sturm tobt. Mit denen man seine Haltestelle verpasst. Oder die man im Laufen vor sich her trägt, weil man die elenden Minuten bis zur Haustür nicht vergeuden will.

Ich habe “Welt in Flammen” wirklich gefressen. Ich habe nicht auf die Seitenzahlen geachtet, bin beim Lesen nie mit den Gedanken abgeschweift, habe keine einzige langweilige Passage gefunden, ich bin nicht mal mit den vielen Figuren durcheinandergekommen. Und das bei einem Umfang von 784 Seiten und einem Aufgebot von über dreißig wichtigen Figuren. 784 Seiten, deren Handlung einen Zeitraum von gerade einmal drei Tagen umfasst und beinahe ausschließlich an Bord des Express spielt. Die Erzählperspektive springt dabei immer wieder zwischen den einzelnen Reisenden hin und her, was sich äußerst abwechslungsreich liest und die Spannung zusätzlich anfacht. Die Figuren sind allesamt sehr charakteristisch und vielschichtig gezeichnet. Beinahe habe ich mich manchmal in einen alten Film hineinversetzt gefühlt, so bildhaft erschienen mir die Figuren, die Szenen, die Dialoge.

Fazit:

Wer mal wieder Lust hat auf einen echten Schmöker, auf einen Roman, der bis an den Rand gefüllt ist mit all dem, was man sich in eine richtig gute Geschichte hineinwünscht, der sollte zu “Welt in Flammen” greifen.

Und jetzt hätte ich gerne eine Verfilmung davon. Am liebsten einen süffigen, toll ausgestatteten TV-Mehrteiler. Kommt schon, der Stoff bietet sich doch geradezu dafür an! Was die Briten können, können wir doch auch, oder? ;)


Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums
Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums
von Benjamin Alire Sáenz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Poetisch, realistisch, wunderschön., 25. August 2014
Sommer 1987, El Paso, Texas.

Ari (der eigentlich Aristoteles heißt) ist fünfzehn und findet sein Leben schrecklich. Er hat keine Freunde, will lieber allein sein. Sein Vater, ein Vietnam-Veteran, spricht nicht über seine Vergangenheit. Und sein Bruder, den er mit vier das letzte Mal gesehen hat, sitzt im Gefängnis, ohne dass auch nur ein einziges Wort in der Familie über ihn gesprochen würde.

Dann lernt er beim Schwimmen Dante kennen, einen unverbesserlichen Optimisten, der sich für Kunst und Literatur interessiert und wie er ein Einzelgänger ist. Die beiden werden unzertrennliche Freunde und beginnen, die Welt des jeweils anderen zu verstehen und neu zu formen. Die Mauern, die Ari um sich herum aufgebaut hat, beginnen zu bröckeln.

Meine Meinung:

Dieses Buch hat mich sprachlos zurückgelassen. In seiner Ehrlichkeit, seiner schlichten Intensität und seiner poetischen Sprache hat es mich verzaubert und tief berührt. Es hat mich sogar zum Weinen gebracht.

Hier ist einer, der über die schmerzvolle, verwirrende Erfahrung des Erwachsenwerdens schreibt und es wirklich KANN. Benjamin Alire Sáenz erschafft mit Ari und Dante zwei Figuren, deren Gedanken- und Gefühlswelt in ihrer Echtheit und Aufrichtigkeit kaum zu übertreffen sind. Beim Lesen wird man in die eigene Zeit des Heranwachsens zurückgeworfen und fühlt: Ja, genau so war es. Genau so hat es sich angefühlt. Genau so bes******* und verwirrend und wunderschön. Dieser Autor versteht, wovon er schreibt. Und zaubert dabei mit Worten.

Ari und Dante – eine unwiderstehliche Coming of Age Geschichte über Identität, Sexualität, Freundschaft und Liebe in all ihren Formen.

Fazit:

Eins der besten Jugendbücher, die ich je gelesen habe. Eine große Empfehlung für Jungs und Mädels ab 14, die ihren Weg noch suchen. Und bitte auch lesen, wenn man nicht mehr (ganz so) jugendlich ist und seinen Weg (so halbwegs) gefunden hat.

Anmerkung: Mit der Covergestaltung mit ich persönlich nicht ganz glücklich und hoffe, dass sich die Zielgruppe dadurch nicht abschrecken lässt. Das Originalcover finde ich viel schöner.


Eine Geschichte von Land und Meer: Roman
Eine Geschichte von Land und Meer: Roman
von Katy Simpson Smith
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mit einem lachenden und einem weinenden Auge, 22. August 2014
North Carolina, 1793: Die zehnjährige Tabitha lebt in bescheidenen Verhältnissen allein mit ihrem Vater John. Sie ist ein Wildfang, streunt durch die Gegend, sammelt kleine Schätze, die sie an der Küste findet. Als Tab an Gelbfieber erkrankt, lässt John alles hinter sich zurück, um mit ihr an Bord des nächsten Schiffes zu kommen. Denn er fühlt, dass er Tab nur auf der freien Weite des Meeres retten kann …

North Carolina, 1771: Helen wächst als einzige Tochter des wohlhabenden Besitzers einer Kiefernplantages auf. Sie ist aufmüpfig, arrogant und freiheitsliebend. Den Sklaven auf der Plantage lehrt sie Lesen und predigt unbeirrt in einer zusammengezimmerten Kapelle die Bibel. Als Helens Vater ihre Sklavin Moll, die mir ihr gemeinsam aufgewachsen ist, gegen deren Willen verheiratet, denkt sie nicht daran, ihrer Jugendfreundin zu helfen. Helen selbst aber will auf keinen Fall heiraten und ignoriert alle Verkupplungsversuche ihres Vaters. Bis sie auf einer Gartenfeier für Soldaten auf Heimaturlaub John kennenlernt, der in ihr das erste Mal die Sehnsucht nach dem Meer weckt. Die Liebe der beiden darf nicht sein, und alles, was ihnen bleibt, ist die Flucht an Bord eines Schiffes …

Meine Meinung:

In ihrem Debütroman erzählt die Amerikanerin Katy Simpson Smith auf drei Zeitebenen die Geschichte von Tabitha, Helen und Moll. Gleichzeitig ist es aber auch die Geschichte des heimatlosen Soldaten John und des Plantagenbesitzers Asa, den uralte Schuldgefühle zu einem verbitterten alten Mann gemacht haben. In diesen dicht verwobenen Geschichten geht es um die Liebe zwischen jungen Menschen und die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter.

Katy Simpson Smith’s Sprache ist einfach wunderbar. Sie erzählt rau, lebensecht und in wortstarken Bildern. Ihr historischer Roman atmet förmlich. Manche Szenen fühlen sich an wie ein Gemälde und sind gleichzeitig so lebendig, als würde man die Geschichte durch ein Zeitloch beobachten. Das Erzählte klingt noch einige Zeit nach wie ein melancholisches Sommerlied.

Denn melancholisch ist der Roman von Simpson Smith. Das Dramatische zieht sich durch die gesamte Handlung und selbst das Ende bringt nur einen Hauch von Erlösung.

Fazit:

Ein bildstarker, wunderbar geschriebener Roman, der ins North Carolina um 1800 entführt. Ein Roman, der in das Leben von Menschen eintaucht und sie wieder verlässt, ohne am Ende alle Fragen zu beantworten. Für einige von ihnen würde man sich gern einen anderen Verlauf des Schicksals wünschen. Das Buch habe ich deshalb mit einem lachenden und einem weinenden Auge geschlossen.


Die Lügen der Anderen
Die Lügen der Anderen
von Mark Billingham
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Geniale Idee, weniger raffinierte Umsetzung, 19. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Lügen der Anderen (Gebundene Ausgabe)
Drei britische Pärchen treffen sich durch Zufall in einem Ferienresort in Florida. Man freundet sich an, geht gemeinsam in Restaurants essen und sonnt sich mit ein paar Drinks am Pool. Es ist ein perfekter Urlaub, bis am letzten Tag vor der gemeinsamen Abreise ein Mädchen spurlos aus dem Hotel verschwindet und später tot in den Sümpfen aufgefunden wird.

Zurück in England bleiben die Paare in Kontakt. Man beschließt, sich in Abständen jeweils reihum zum Abendessen einzuladen, um die geknüpften Freundschaften zu vertiefen – und die schrecklichen Vorkommnisse des letzten Urlaubstages zu verarbeiten.

Je mehr sich die Paare allerdings kennenlernen, desto mehr Merkwürdigkeiten und Unstimmigkeiten fallen ihnen aneinander auf. Keiner von ihnen scheint der zu sein, den er vorzugeben versucht. Und ganz allmählich erwächst unter ihnen ein unheimlicher Verdacht …

Meine Meinung:

Mark Billinghams Idee zu diesem Roman ist genial: Wir lernen drei Pärchen kennen, erkennen Stück für Stück ihr Innenleben und ihre “wahren Gesicher” hinter den jeweiligen Fassaden, während sich nach und nach die Ahnung erhärtert, das einer von ihnen ein falsches Spiel spielt. Der Verdacht springt dabei immer wieder von einem Protagonisten auf den anderen, bis Billingham den Leser vollkommen in seiner Gewalt hat und man keine Ahnung mehr hat, wer nun der Täter ist. Alles scheint möglich, die Auflösung ist unabsehbar.

Gerade durch dieses Spiel mit den Erwartungen des Lesers und unaufhörlich eingestreuten Wendungen und neuen Hinweisen kann man das Buch kaum aus der Hand legen, obwohl sich die Handlung gemächlich entfaltet und sich hauptsächlich um das immer weniger rosig erscheinende Leben der einzelnen Paare dreht. Nur sporadisch wird die Handlung aus Sicht eines ermittelden Detektive in Flordia und einer jungen Londoner Polizistin geschildert, die sich mit dem Fall des verschwundenen Mädchens befassen.

Gerade dieser Aspekt ließ mich am Ende jedoch nicht vollends zufrieden zurück. Aufgrund der raffinierten Prämisse mit den oberflächlich harmlosen Pärchen, die nicht unbedingt sind, was sie nach außen hin zeigen, hatte ich mir ein wenig mehr psychologische Tiefe erwartet. Sicher, die Handlung trumpft mit unerwarteten Kniffen und immer wieder überraschenden Offenbarungen über die einzelnen Protagonisten auf, aber letztlich waren mir die Schilderungen ihres Seelenlebens und auch der Konfrontationen der Pärchen zu einfach. Das spiegelt sich auch in der Sprache wieder, die knapp, übersichtlich und ohne jede Überraschung ist. Hier hätte ich mir mehr gewünscht.

Fazit:

Ein spannender Roman mit ungewöhnlicher Prämisse und unerwartetem Ende, der jedoch etwas schlichter und weniger psychologisch raffiniert daher kommt, als ich es mir gewünscht hätte.


Was mit dem weißen Wilden geschah: Roman
Was mit dem weißen Wilden geschah: Roman
von François Garde
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Klug und fesselnd, 28. Juli 2014
1843 wird der junge Matrose Narcisse Pelletier versehentlich von seinem Kapitän an einem verlassenen Strand an der australischen Ostküste zurückgelassen.

Siebzehn Jahre später findet die Besatzung eines britischen Schiffs zufällig einen verwilderten Weißen inmitten eines Aborigine-Stammes. Er ist nackt, von oben bis unten tätowiert und spricht nur die Sprache der Wilden.

In Sydney versucht man, der Herkunft des “weißen Wilden” auf den Grund zu gehen. Dem Forscher Octave de Vallombrun wird Narcisse Pelletier kurzerhand überantwortet, als dieser entdeckt, dass der Wilde auf französische Wörter reagiert. Vallombrun soll herausfinden, was der unglückliche Landsmann in der Wildnis erlebt hat und ihn zurück in seine Heimat bringen.

Voller Eifer stürzt sich Vallombrun in die Aufgabe, den weißen Wilden in das zivilisierte Leben zurückzuführen. Mit wissenschaftlicher Genauigkeit notiert er alle Fortschritte seines Schützlings im Wiedererlernen seiner Muttersprache und der modernen Umgangsformen und berichtet davon in ausführlichen Briefen an den Präsidenten der Société de Géographie, der er als Mitglied angehört. Ungleich schwiegier ist es derweil, Narcisse etwas über sein Leben unter den Wilden zu entlocken. Denn Reden, sagt Narcisse, ist wie Sterben …

Meine Meinung:

Der mit unzähligen Preisen (unter anderem dem Prix Goncourt) ausgezeichneten Debütroman von François Garde basiert auf der wahren Geschichte des Matrosen Narcisse Pelletier.

“Was mit dem weißen Wilden geschah” ist eine außergewöhnliche Mischung aus Abenteuer- und Briefroman. Eine Mischung, die Garde meiner Meinung nach mehr als geglückt ist. Unheimlich fesselnd sind die Passagen, in denen Narcisse sich in der Einsamkeit zurückgelassen sieht und schließlich von einem Stamm Wilder aufgenommen wird, deren Aussehen und Verhalten ihm durch und durch fremd sind.

Nicht weniger spannend und faszinierend sind die zwischendurch eingefügten Briefe Vallombruns, der seinen verwilderten Gefährten verzweifelt zu entschlüsseln versucht. Warum nur will Narcisse nicht über seine Erlebnisse in Australien sprechen? Wie kann es sein, dass er in den Jahren des Exils seine Muttersprache, seine Familie und sogar seinen eigenen Namen vergessen hat? Kann er in Frankreich, an das er keinerlei Erinnerung zu haben scheint, je seine wahre Heimat wiederfinden? Was bedeutet Identität? Was Zivilisation?

Fazit:

Ein fesselnder, kluger, hervorragend recherchierter und außerordentlich gut geschriebener Roman, der mich gepackt, geschüttelt und nicht mehr losgelassen hat. Eine große Empfehlung!


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