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Beiträge von Mikka Liest
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Rezensionen verfasst von
Mikka Liest (Hilter)
(TOP 500 REZENSENT)   

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The Gracekeepers
The Gracekeepers
von Kirsty Logan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,57

5.0 von 5 Sternen 'What are those circus folk hiding in the dark, hmm?', 30. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: The Gracekeepers (Gebundene Ausgabe)
"The Gracekeepers" ist ein Buch, das die verschiedensten Reaktionen hervorruft: Leser auf der ganzen Welt sind bezaubert, begeistert, ergriffen, verwirrt, enttäuscht, sogar wütend... Manchmal mehreres davon auf einmal.

Sowohl positive als auch negative Stimmen sprechen von der traumgleichen Absonderlichkeit der Geschichte, und ich denke, vor allem daran scheiden sich die Geister. Es ist kein handlungsgetriebenes Buch mit einem zentralen Konflikt, einem linearen Handlungsbogen und einer sauberen, klaren Auflösung am Schluss. Die Geschichte lebt von ihren ungewöhnlichen Charakteren und ihrer dichten Atmosphäre, und diese hat tatsächlich etwas von einem Traum, der sich oft an der Grenze zum Albtraum bewegt. Wie in einem Traum springt die Handlung hin und her zwischen den Charakteren, manchmal auch zwischen den Zeiten. Vieles wird angesprochen, nicht alles wird aufgeklärt, das meiste muss man zwischen den Zeilen lesen oder sich selber weiterspinnen.

Dadurch war es für mich vielleicht kein spannendes Buch, aber ein seltsam hypnotisches, das mich nicht mehr losgelassen hat.

Meiner Meinung nach kann dieses unstete Hin und Her in einem Buch mächtig schief gehen, aber in diesem passt es perfekt. Denn eines der wiederkehrenden Themen ist Schein und Sein: der ewige Konflikt zwischen Wahrnehmung und Wahrheit. Keiner der Charaktere präsentiert der Welt sein wahres Gesicht, und so ergeben erst die kleinen Einblicke aus verschiedenen Blickwinkeln ein Bild, das der Wahrheit nahe kommt.

So erschien mir der Zirkusbesitzer, eine grauenerregende Gestalt mit blutigem Gesicht, erst wie ein richtiger Tyrann - aber in Kapiteln, die aus seiner Sicht erzählt werden, erfährt man, dass er nachts selber furchtbare Albträume hat, in denen seine Crew in Gefahr ist und er sie nicht retten kann... Außerdem scheint er tatsächlich eine Art väterliche Liebe für die Menschen in seinem Zirkus zu empfinden, wobei er vollkommen blind ist gegenüber Falschheit oder gar Bösartigkeit. Und er ist nicht der einzige Charakter, bei dem man immer wieder umdenken muss! Mich hat das sehr angesprochen, und ich war beeindruckt davon, wie die Autorin mit den Erwartungen der Leser spielt.

Das Buch ist in einer unbestimmten Zukunft angesiedelt, in der die Polkappen geschmolzen sind und die Landmasse der Erde daher bis auf wenige Inseln überflutet wurde. Die wenigen Landbewohner, die "Landlockers", leben in relativem Wohlstand, während die große Mehrheit der Menschen, die sogenannten "Damplings", ein hartes Leben in Booten auf See lebt.

Daraus ergeben sich zwei weitere wichtige Themen des Buches: 1) Tod und Vergänglichkeit, denn die Lebenserwartung ist so gering, dass es fast schon als Wunder angesehen wird, wenn man als erwachsener Mensch noch beide Eltern hat, und 2) die Ausgrenzung des "Anderen", denn die Landlockers und Damplings betrachten sich gegenseitig mit fast abergläubischem Misstrauen, manchmal sogar Hass.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei junge Frauen, die alle diese Themen (Schein und Sein, Vergänglichkeit, Ausgrenzung) perfekt verkörpern:
Callanish lebt als "Gracekeeper" ganz alleine auf einer kleinen Insel. Ihre Aufgabe ist es, die Leichen auf See verstorbener Menschen nach einem festgelegten Ritus dem Meer zu übergeben. Von Geburt her ist sie eine Landbewohnerin, aber sie verbirgt ein Geheimnis, das sie gleichermaßen vor den Landbewohnern und den Seefahrern verstecken muss - außerdem hat sie durch einen fatalen Fehler (vermeintlich) Schuld auf sich geladen. Sie ist unendlich einsam, fühlt sich aber direkt unerklärlicherweise von North angezogen.

North ist das "Bärenmädchen" des Zirkus Excalibur. Schon als kleines Kind hat sie ihre Eltern verloren (mehr möchte ich darüber noch nicht verraten), und danach wurde ihr trotz ihres jungen Alters die Aufgabe übertragen, sich um ein Bärenjunges zu kümmern und mit ihm aufzutreten. Sie teilt sich mit ihrem Bären ein Boot, und obwohl das ein ständiges Spiel mit ihrem Leben ist (immerhin ist ein Bär trotz allem ein Wildtier), ist der Bär alles für sie: Familie und Heimat. Aber auch sie verbirgt etwas, das ihre Existenz, wie sie sie bisher kannte, gefährdet.

Beide suchen im Grunde nach einer Heimat, wissen aber selber nicht, was (oder wer) diese Heimat tatsächlich sein könnte. Diese Suche war für mich das Herz der Geschichte, auch wenn sie nicht so verlief, wie ich das erwartet hatte...

Das Buch lässt sich nur schwer einem Genre zuordnen. Postapokalyptischer magischer Realismus mit Märchenelementen? Ich fand es unglaublich originell, wie die Autorin Elemente verschiedener Genres verbindet!
Man muss sich auf jeden Fall darauf einlassen und es auf sich einwirken lassen, aber ich würde sagen: es lohnt sich. Am besten wirft man erstmal alle Erwartungen über Bord!

Der Schreibstil hat eine ganz besondere, fließende "Stimme", mit wunderbaren Bildern. Ich fand ihn unwiderstehlich und konnte mich der Atmosphäre einfach nicht entziehen - und die ist es auch, die in meinen Augen das ganze Buch zusammenhält.

Fazit:
Hinweis: Noch gibt es dieses Buch nicht auf deutsch, aber das kann ja noch werden.

"The Gracekeepers" spielt in einer Zukunft, in der die Polkappen schon lange geschmolzen sind und nur noch wenige Inseln aus dem Wasser ragen. Kirsty Logan erzählt die Geschichte zweier ganz unterschiedlicher Frauen: Callanish, die auf einer einsamen Insel über die Toten wacht, und North, die als Teil eines schwimmenden Zirkus' Nacht für Nacht einen gefährlichen Tanz mit ihrem Bären vorführt. Beide hüten ein Geheimnis, dass sie zu Ausgestoßenen machen könnte und sie auf merkwürdige Art miteinander verbindet.

Das Buch spaltet die Gemüter, was ich sogar nachvollziehen konnte: die Handlung dümpelt meist behäbig vor sich hin und ist in meinen Augen auch eher zweitrangig - die Geschichte lebt von einer traumgleichen Atmosphäre, ungewöhnlichen, kraftvollen Bildern und einem Schreibstil voll zarter Poesie. Man kann sich nie darauf verlassen, dass ein Charakter der ist, der er zu sein vorgibt, und auch sonst lässt das Buch Vieles unausgesprochen. Mir hat es sehr gut gefallen, mich für ein paar Stunden davon einlullen zu lassen und danach über die vielen angesprochenen Themen nachzudenken...

Ich rate jedem interessierten Leser, einfach eine Leseprobe herunterladen, denn man merkt sicher sehr schnell, ob das Buch einem liegt oder nicht.


Das Feuerzeichen - Rebellion: Roman
Das Feuerzeichen - Rebellion: Roman
von Francesca Haig
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

5.0 von 5 Sternen ...bis der Horizont dem gigantischen Feuer erlag ..., 27. Mai 2016
Nach wenigen Seiten war ich schon wieder mitten drin in dieser so originellen wie düster-dystopischen Welt. Die wichtigsten Ereignisse des ersten Bandes fließen im ersten Teil des Buches ganz natürlich und nahtlos in die Geschichte ein, so dass man sich schnell erinnern und wieder zurechtfinden kann.

Eins vorneweg: mir ist inzwischen bewusst, dass es durchaus kritische Stimmen zu diesem zweiten Band gibt, aber das hat mich ehrlich gesagt sehr überrascht! Da sieht man mal wieder, wie unterschiedlich dasselbe Buch auf verschiedene Leser wirken kann, denn ich empfand es als würdigen Nachfolger und war wieder sehr begeistert.

Zugegeben, die trostlose Stimmung ist manchmal beinahe schon erstickend und die Spannung baut sich eher langsam auf - aber dennoch war ich schlicht gefesselt von der Geschichte.

Im ersten Teil sind Cass und ihre Freunde fast ständig unterwegs. Auf der Flucht. Auf der Suche nach alten Verbündeten. Auf der Mission, die Wahrheit über die Tanks zu verbreiten. Aber viele der Geheimverstecke sind verwaist, so dass die harte und entbehrungsreiche Reise sich immer weiter und weiter zieht. Viele Omegas wenden sich aus Verzweiflung an die Reservate, weil sie ja nicht wissen, dass sie dort in Tanks eingeschlossen werden sollen. Die Situation scheint aussichtslos.

Dieser erste Teil lebt in meinen Augen weniger von der eigentlichen Handlung als von den Gedanken und Gefühlen der Charaktere, von ihren Ängsten, Erinnerungen und Hoffnungen. Ich hatte den Eindruck, sie mit jeder Seite besser kennen zu lernen, und mir hat sehr gut gefallen, dass die Autorin ihrer Geschichte dafür die nötige Zeit lässt.

Cass hat schwer damit zu kämpfen, dass sie sich schuldig fühlt, überlebt zu haben. Es fällt ihr auch immer schwerer, nicht wegen ihrer Visionen den Verstand zu verlieren, und dennoch hat sie nicht aufgegeben und will ihren Bruder und seine Pläne, alle Omegas ihr Leben lang in Tanks einzusperren, aufhalten. Sie ist für mich immer noch eine sehr starke Heldin, gerade weil sie nicht perfekt ist, manchmal an sich selbst und ihren Zielen zweifelt und dennoch immer weitermacht. Besonders beeindruckt mich an ihr, dass sie nie aus den Augen verliert, dass es auch auf Seite der Alphas Opfer gibt, und dass es nur eine gemeinsame Zukunft (in welcher Form auch immer) geben kann.

Die komplexe, merkwürdige Beziehung zwischen ihr und Zack nimmt besonders gegen Ende wieder viel Raum ein, und ich fand gut, dass Francesca Haig aus Zack zwar einen extremen Charakter macht, aber keinen einseitigen Superschurken. Und irgendwie macht das seine Taten nur umso schockierender...

Im zweiten Teil gibt es dann wieder viel mehr Action, und man erfährt Schlag auf Schlag überraschende Dinge über diese Welt und ihre Geschichte. Unerwartete Allianzen werden geschlossen, und die Autorin hat mich mehr als einmal mit einer Szene heftigst getroffen... An einer Stelle musste ich das Buch erstmal zuklappen und für ein paar Minuten tief durchatmen. Francesca Haig hat wirklich ein Gespür dafür, einem das Grauen mit einem starken Bild direkt ins Gehirn zu pflanzen. Nichts ist tabu.

Der Schreibstil hat mich wieder sehr beeindruckt. So düster und bedrohlich diese Welt auch ist, so grauenhaft manche Ereignisse - die Autorin findet dennoch oft poetische Beschreibungen und wunderschöne Bilder.

Zitat:
Obwohl sie mich bereits ein Leben lang verfolgten, trafen mich die Bilder jedes Mal wieder mit voller Wucht und wie aus heiterem Himmel. Alle meine Sinne flossen dann ineinander. Der Lärm war tiefschwarz, die Flammen von einem gellenden Weiß, und das Brennen der Hitze überbot selbst die unerträglichsten Schmerzen, bis der Horizont dem gigantischen Feuer erlag und in einem grenzenlosen Augenblick die Welt ein Raub der Flammen wurde.

Dieser Band wurde von einer anderen Übersetzerin übersetzt als der erste Band, und in meinen Augen ist die Übersetzung deutlich besser gelungen - die des ersten Bandes hatte mich nicht ganz überzeugt. Natürlich geht in einer Übersetzung immer ein klein wenig von dem verloren, was den Schreibstil des Originals einzigartig macht, aber Viola Siegemund ist es meines Erachtens gelungen, so nahe daran zu bleiben wie möglich.

Fazit:
Über lange Passagen verläuft die Handlung in diesem zweiten Band eher langsam, mit viel Augenmerk auf den Gefühlen und Gedanken der Charaktere, aber ich fand auch das spannend und fesselnd. Dennoch hat das Buch durchaus auch rasante Szenen und Kämpfe zu bieten, und man erfährt viel Neues über diese komplexe Welt - ich war sehr beeindruckt davon, wie gut und detailliert die Autorin ihre Geschichte durchdacht hat. Der Schreibstil ist wieder wunderbar, und die Übersetzung ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen.


Waldesruh: Ein Aetherwelt-Roman (Steampunk)
Waldesruh: Ein Aetherwelt-Roman (Steampunk)
von Anja Bagus
  Broschiert
Preis: EUR 14,00

4.0 von 5 Sternen Steampunk im Schwarzwald, 26. Mai 2016
Ich muss gestehen: ich habe erst wenige Bücher aus dem Genre "Steampunk" gelesen (und bislang nur Æthermagie und Æthersturm von Susanne Gerdom rezensiert - großartige Bücher!), aber deswegen war ich doppelt so gespannt, wie mir "Waldesruh" gefallen würde, das mir auf dem Steampunk-Festival in Osnabrück in die Hände sprang.

Und für diejenigen, die sich jetzt fragen: "Häh? Steampunk?", folgt hier erstmal, wie ich persönlich (als Nicht-Expertin) "Steampunk"als literarisches Genre verstehe:

Meines Erachtens beruht dieses Genre auf den Büchern von Autoren wie Jules Verne und H.G. Wells. in denen Menschen basierend auf der zur viktorianischen Zeit verfügbaren Technik (hauptsächlich Dampfkraft, daher auch "Steam") sehr modern und fortschrittlich anmutende Erfindungen machen oder einsetzen. Also sozusagen Retro-Science-Fiction, die nicht in unserer Zukunft spielt, sondern in einer alternativen Vergangenheit.

Viele heutige Steampunk-Bücher spielen daher im viktorianischen Zeitalter, können jedoch auch in anderen Epochen angesiedelt sein. Oft kommt zum Futuristischen noch eine Art Abenteuerromantik, manchmal spielt etwas namens "Æther" eine Rolle, was in verschiedenen Büchern etwas ganz Unterschiedliches sein kann:

In der "Ætherwelt" von Anja Bagus ist Æther ein grüner Nebel, der aus Gewässern aufsteigt und nicht nur Maschinen antreiben oder Materalien wie Stahl veredeln kann, sondern auch Menschen in sogenannte "Veränderte" (oder abwertend "Verdorbene") verwandeln: Mannwölfe, Meerjungfrauen, Naturgeister....

Wie sie das umsetzt, liest sich meiner Meinung nach spannend, unterhaltsam und originell, mir wurde es beim Lesen nie langweilig. Besonders gut gefiel mir, wie sie hier alte Sagengestalten in die Geschichte einbaut - und mehr möchte ich darüber noch gar nicht verraten, um niemandem den Spaß zu verderben.

Spannend fand ich nicht nur, dass die Hauptcharaktere den rätselhaften Mord an einem Glasmacher aufklären müssen, der mit Glas und Æther experimentierte - sie müssen sich dabei auch mit religiösen Fanatikern auseinander setzen, die alles, was mit Æther zu tun hat, als Teufelswerk betrachten, und mit einer uralten Macht, die den Glasberg in Besitz genommen hat... Diese Mischung aus Mythologie, alternativer Historie, Science Fiction und Fantasy hat mich einfach sehr stark angesprochen.

Der Schreibstil hatte in meinen Augen so seine Höhen und Tiefen. Es gibt immer mal wieder Sätze, die sich für mich etwas holprig und unbeholfen lasen - aber für jeden Satz dieser Art gibt es mindestens zehn großartige Sätze, die mit wunderbarer Sprachmelodie eine reiche Atmosphäre vermitteln. Den Dialekt der Dorfbewohner fand ich gut umsetzt: einerseits urig genug, um der Geschichte Lokalkolorit zu geben, andererseits immer noch gut verständlich.

Da ich jemand bin, dem so etwas direkt ins Auge springt, wurde ich immer mal wieder kurz angesprungen von fehlenden Wörtern, überflüssigen Wörtern oder verdrehten Sätzen in der Art von "Ein Wunder, dass es ihr überhaupt bemerkt hatte, dass Minerva nicht anwesend war" - aber ich würde sagen, das stört eigentlich kaum, man kann ganz gut darüber weg lesen.

Die Hauptcharaktere fand ich überwiegend interessant und gut geschrieben.

Im Mittelpunkt steht die junge Witwe Minerva, Freifrau von Rappenfeld-Zähringen. Sie ist eine starke Frau, die sich nicht um Konventionen schert, sondern in Männerkleidung herumläuft, leidenschaftlich gerne an Motoren rumschraubt und in der Vergangenheit auch schon Autorennen gefahren ist.

Schon nach wenigen Seiten fühlt sich Minerva direkt von zwei attraktiven Männern angezogen: dem Unternehmer Falk Bischoff und dem preussischen Hauptmann Richard zu Kirschbronn. Richard blieb für mich etwas blass, aber Falk ist in meinen Augen in interessanter Charakter: auf den ersten Blick aufbrausend und arrogant, ein echtes Alphatier, aber dann doch mit deutlich mehr Empfindsamkeit und Tiefe, als man dahinter erwarten würde.

Normalerweise hasse ich romantische Dreiecksgeschichten, aber Gott sei dank ist Minerva eine entschlossene Frau, die schnell weiß, wen sie will. Allerdings ging mir die Liebesgeschichte entschieden zu schnell. und ich fand ein wenig befremdlich, wie begeistert die emanzipierte Minerva auf einmal davon ist, sich als "Besitz" eines Mannes zu fühlen... Dennoch fand ich die romantischen und erotischen Szene ansprechend geschrieben.

Fazit:
Steampunk aus Deutschland: in einer alternativen Vergangenheit ermöglicht ein geheimnisvoller grüner Nebel, Æther genannt, zahlreiche technische Entwicklungen, verwandelt aber auch Menschen und Tiere in übernatürliche Wesen. Als kurz vor dem Neujahrsfest 1912 im Hotel "Waldesruh" die verschiedensten Gäste aus den unterschiedlichsten Gründen zusammenkommen, ahnen sie noch nicht, dass hier uralte Mächte kurz vor einem großen Kampf stehen.

Ich fand die Geschichte sehr einfallsreich und ansprechend geschrieben, mit einer starken Frauengestalt im Mittelpunkt. Die Handlung hat viele unerwartete Wendungen zu bieten und bleibt von Anfang bis Ende spannend. Einzig die Liebesgeschichte, die in nur zwei Tagen von 0 auf 100 durchstartet, hat mich nicht völlig überzeugen können.


Mrs Dalloway: Roman (Virginia Woolf, Gesammelte Werke (Taschenbuchausgabe))
Mrs Dalloway: Roman (Virginia Woolf, Gesammelte Werke (Taschenbuchausgabe))
von Klaus Reichert
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

5.0 von 5 Sternen Das Gefühl, etwas Gewaltiges werde sich gleich ereignen, 25. Mai 2016
Die Handlung:

Das ganze Buch spielt sich an einem einzigen Tag im Juni des Jahres 1923 ab. Die ältliche Mrs Dalloway bereitet am Morgen und Vormittag eine Festlichkeit vor, bei der sie alte Freunde und Bekannte wieder zusammenführen will. Dabei trifft sie einen alten Verehrer wieder, der gerade aus Indien zurückgekehrt ist. Gleichzeitig verbringt der von Halluzinationen geplagte Kriegsveteran Septimus Warren Smith den Tag mit seiner Frau im Park, bevor er am Nachmittag in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Später am Abend findet die geplante Party statt.

Meine Meinung:

Für den modernen Leser liest sich das Buch ungewohnt, denn es hat keinen wirklichen Handlungsbogen. Was tatsächlich passiert, ist zweitrangig - wichtig ist, was in den Köpfen der Charaktere vor sich geht, die über die verschiedensten Themen nachdenken: Vergänglichkeit und das unaufhaltsame Verstreichen der Zeit, die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche eines Menschen (und da finden sich Parallelen zur psychischen Erkrankung der Autorin), Liebe und Sexualität, gescheiterte Hoffnungen... Fast alle denken darüber nach, was hätte sein können, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätten und ihr Leben dadurch nur ein klein wenig anders gelaufen wäre. Tatsächlich scheinen die meisten das Gefühl zu haben, dass sie etwas verpasst haben und etwas Wichtiges in ihrem Leben vermissen, und die Vergangenheit nimmt in ihren Gedanken mehr Raum ein als die Gegenwart.

Was dieses Buch so originell macht, ist daher auch nicht die Handlung, sondern die Erzählweise: "Stream of Consciousness", Strom des Bewusstseins - eine Technik, die zum Beispiel auch James Joyce in seinem epischen Werk "Ulysses" einsetzte. Die Prosa bleibt immer ganz nahe dran an den Gedanken des Charakters, aus dessen Sicht wir die Geschehnisse gerade sehen, so gut wie ungefiltert. Das ist nicht immer einfach zu lesen, denn da springen die Gedanken schon mal unvermittelt von einem Thema zum nächsten, Worte und Satzfetzen wiederholen sich... Aber für mich hatte das etwas unwiderstehlich Hypnotisches, eine echte Sogwirkung. Ich hatte manchmal wirklich das Gefühl, für einen Moment durch fremde Augen zu sehen. Ich fand den Schreibstil großartig und einzigartig - er spricht oft über Banalitäten, aber darin verbirgt sich so viel.

Deswegen war das Buch für mich auch nicht spannend, wie ein Krimi spannend ist, aber ich konnte es dennoch kaum weglegen, weil ich wissen wollte, ob die Charaktere im Laufe des Tages zu Schlüssen über sich selbst und ihr Leben kommen und vielleicht sogar etwas ändern würden. Tatsächlich hat der innere Tumult, der sich in den Köpfen abspielt, dann erstaunlich wenig greifbare Auswirkungen - wobei einer der Charaktere letztendlich doch eine drastische und tragische Entscheidung trifft.

Die Charaktere kamen mir alle sehr echt und glaubhaft vor. Virginia Woolf lässt den Strom ihrer Gedanken, die sich im immer gleichen Kreise um Liebe und Verlust, Wünsche und Bedauern, Wahrheit und Wahnsinn drehen, ganz natürlich fließen. Besonders Septimus hat mich sehr berührt, denn aus seinen Gedanken spricht unendlicher Schmerz, was aber niemand zu verstehen scheint. Tragischerweise kam er mir vor wie derjenige, der von allen Charakteren noch am nächsten daran herankam, sein Leben in die Hand zu nehmen und es zu verändern.

Interessant fand ich, dass die Autorin auch das Thema Homosexualität ganz nebenher anschneidet: Clarissa Dalloway fühlte sich in ihrer Jugend zu einer anderen Frau hingezogen, und ihre Tochter ist mit einer Frau befreundet, die ebenfalls in sie verliebt zu sein scheint.

Auch der Krieg ist unterschwellig allgegenwärtig in diesem Buch - er ist zwar vorbei, aber die Menschen haben sich noch lange nicht davon erholt. Ich fand sehr bestürzend, wie wenig Verständnis man zu der Zeit anscheinend noch den Veteranen entgegen brachte, die von ihren Erlebnissen völlig traumatisiert waren. Die Autorin zeigt das sehr eindringlich am Beispiel von Septimus, von dem scheinbar erwartet wird, dass er sich einfach zusammenreißt und wieder zu einem produktiven Mitglied der Gesellschaft wird, obwohl er kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Fazit:
"Mrs Dalloway" ist ein Buch, in dem oberflächlich gesehen wenig passiert - eine Frau plant eine Party und trifft einen alten Verehrer, ein Kriegsveteran wird in eine Klinik eingewiesen. Aber in den Gedanken der Charaktere spielt sich ganz viel ab, und die Autorin lässt den Leser unmittelbar an dieser reichen inneren Welt teilhaben, indem sie ihn einfach mitten hinein wirft, ungefiltert. Da werden existentielle Themen angesprochen, und wenn man sich darauf einlässt, ist es meiner Meinung nach ein sehr lohnendes Buch, auch wenn man sich ein bisschen anstrengen und mitdenken muss.


Das Haus der verlorenen Kinder: Roman
Das Haus der verlorenen Kinder: Roman
von Linda Winterberg
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Tyskebarna & Lebensborn, 22. Mai 2016
Ein paar Worte zum geschichtlichen Hintergrund:

Während der deutschen Besetzung Norwegens im Zweiten Weltkrieg verliebten sich zahlreiche junge Norwegerinnen in den Feind im eigenen Land. Geschätzte 12.000 Tyskerbarna ("Deutschenkinder") entstanden aus solchen Verbindungen, was von deutscher Seite ausdrücklich gewünscht und gefördert wurde, galten die Norweger doch als "reine arische Rasse" (mit Ausnahme der dunkelhäutigen samischen Frauen, deren Blut als minderwertig angesehen wurde).

Von Seiten ihrer Landsleute wurden den Frauen überwiegend Hass und Verachtung entgegengebracht: von den eigenen Familien verstoßen, als Tyskertøs ("Deutschenflittchen") beschimpft. Vielen jungen Müttern blieb als einziger Ausweg das sogenannte "Lebensborn"-Projekt der Nazis. In dessen Heimen konnten schwangere Frauen nicht nur bis zur Geburt, sondern noch mehrere Monate darüber hinaus unentgeltlich leben. Einige der Kinder wurden letztendlich an parteitreue deutsche Familien zur Adoption abgegeben.

Nach dem Krieg wurden zwischen 3.000 und 5.000 der "Verräterinnen" in Norwegen in Lager eingesperrt. Nicht selten wurden sie vorher mit geschorenem Haar durch den Ort gejagt und mit faulem Obst beworfen. Letztendlich wurden viele aus Norwegen ausgewiesen.

Vor diesem Hintergrund entfaltet sich nun die Geschichte von "Das Haus der verlorenen Kinder".

Als Tochter einer Tyskebarn war ich natürlich sehr neugierig auf das Buch! Inwieweit würden die Erlebnisse von Lisbeth und Oda die Erlebnisse meiner Großmutter wiederspiegeln? Ich muss sagen, ich habe tatsächlich viele davon hier wiedergefunden - und war beeindruckt davon, wie überzeugend und authentisch alles geschildert wird, die Autorin scheint gründlich recherchiert zu haben.

Aber ich denke, auch für LeserInnen ohne persönlichen Bezug ist es ein mehr als lohnendes Buch! Nicht nur ist es ein sehr bewegendes Kapitel der Geschichte, sondern Linda Winterberg erzählt auf dieser Grundlage eine spannende, rührende, manchmal traurige, manchmal schöne Geschichte, die sich über zwei Länder und drei Generationen erstreckt. Trotz allem ist es eine Geschichte, in der es immer auch um Liebe geht - die Liebe zwischen Freundinnen, die Liebe zwischen Mutter und Kind, natürlich die Liebe zwischen Mann und Frau, aber auch die selbstlose Nächstenliebe. Kitschig wird es dabei in meinen Augen nie.

Vom Aufbau her hat mich das Buch an die Bücher von Lucinda Riley erinnert: die Geschichte springt hin und her zwischen den Zeiten und den Personen, und so nach und nach setzen sich die Puzzleteile zu einem großen Bild zusammen.

Manches kann man sich schon früh denken, manches erschien mir dann doch ein bisschen zu viel des Zufalls... Aber im Großen und Ganzen fand ich diese Verbindung von Historie, Liebesgeschichte und Familiengeheimnis gelungen umgesetzt.

In dem Teil der Geschichte, der in den 40er Jahren spielt, stehen die junge Norwegerin Lisbeth und ihre beste Freundin Oda im Mittelpunkt. Wir sehen die Geschehnisse aus Lisbeths Augen, und sie war mir direkt sehr sympathisch - sie ist liebenswert, mitfühlend, großzügig und aufgeschlossen, wenn auch ein bisschen naiv. Die aufbrausende, gelegentlich egoistische Oda ist in vielem ihr Gegenteil, aber auch sie habe ich schnell lieb gewonnen. Die Autorin bringt wunderbar rüber, mit welchen Gewissensbissen und Ängsten die beiden Frauen zu kämpfen haben. An keiner Stelle hatte ich den Eindruck, dass die beiden es auch nur im Geringsten verdient hatten, als Verräterinnen abgestempelt zu werden.

Der andere Teil der Geschichte spielt im Jahr 2005, und in diesem lernen wir Marie kennen, die gerade in einem Altenheim ihr Soziales Jahr absolviert und auf der Suche nach ihren Wurzeln ist - sie ist Vollwaise und ist den Spuren ihrer verstorbenen Mutter bis zu diesem Altenheim gefolgt, das in der Vergangenheit wohl einmal ein ganz anderes Heim war... Dort lernt sie Betty kennen, eine alte, aber immer noch lebenslustige Frau, die ebenfalls eine persönliche Suche an diesen Ort geführt hat. Auch diese beiden Frauen haben mir sehr gut gefallen, sie werden sehr lebendig beschrieben, mit all ihren Stärken, Schwächen und kleinen Marotten.

Überhaupt fand ich alle Charaktere gut gelungen, auch die eher nebensächlichen. Nur bei den Dialogen hatte ich manchmal den Eindruck, dass sich ganz verschiedene Charaktere gelegentlich zu ähnlich ausdrücken.

Der Schreibstil ist meines Erachtens eher einfach, mit oft kurzen Sätzen, aber dennoch flüssig, emotional und voller Atmosphäre.

Fazit:
Zwei junge norwegische Frauen verlieben sich im Krieg in deutsche Soldaten - mit Folgen... Zwei Generationen und 60 Jahre später treffen in Deutschland mehrere Menschen aufeinander, die alle auf verschiedene Weise auf der Suche sind. Dadurch brechen einerseits alte Wunden wieder auf, andererseits werden aber auch alte Geheimnisse aufgeklärt und alte Ungerechtigkeiten finden ein versöhnliches Ende.

Ich fand das Buch gut recherchiert und dabei spannend und emotional geschrieben, mit lebendigen Charakteren mit denen man gut mitfühlen kann.


Der Report der Magd
Der Report der Magd
von Margaret Atwood
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Fremdartig und dennoch glaubhaft, 21. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Der Report der Magd (Taschenbuch)
Das Buch ist unglaublich komplex, und in seiner Komplexität beunruhigend glaubhaft. Alles ist stimmig, jedes Puzzleteilchen passt perfekt in das düstere Gesamtbild... Und das macht es so einfach, wenigstens für einen Moment daran zu glauben, dass diese Zukunftsvision Wirklichkeit werden könnte, so fremdartig die Republik von Gilead dem Leser auch erscheinen mag. Manchmal hatte ich fast den Eindruck, keine mögliche Zukunft zu lesen, sondern eine Vergangenheit, wie sie beinahe passiert wäre.

Originell fand ich auch, wie die Autorin in ihrem Werk verschiedene Themen wie Rassismus, Frauenrechte, Umweltverschmutzung und Radikalisierung einfließen lässt - und beeindruckend, dass dabei etwas herauskommt, was sich auch nach 30 Jahren nicht wie ein angestaubtes Lehrstück liest, sondern spannend und bewegend.

Der Leser folgt dem Alltag der Magd Desfred, die schon so weit gebrochen wurde, dass sie gar nicht mehr versucht, gegen das System zu kämpfen. Deswegen gibt es keine dramatischen Verfolgungsjagden oder Kampfszenen; Desfred rebelliert allerhöchstens im Kleinen und versucht, sich im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten ein klein wenig Selbstbestimmung zu verschaffen.

Schon der heimliche Besitz eines verbotenen Streichholzes kann für sie ein trauriger Triumph sein.

Ihren größten Akt der Rebellion (eine heimliche Affäre) wagt sie erst, nachdem die Frau ihres "Kommandanten" sie fast schon dazu getrieben hat.

Und dennoch hatte ihre Erzählung auf mich eine unwiderstehliche Sogwirkung. Das Grauen dieser Welt lag für mich gerade darin, wie schnell diese Theokratie ihrer Bevölkerung anscheinend jeden Kampfwillen geraubt hat, der über das Unmittelbare hinausgeht. Die meisten Menschen brechen die Regeln nicht, um das System zu stürzen, sondern um ihren Platz in diesem System zu verbessern.

Die meisten der Charaktere lernt man nicht tiefgehend kennen. Das liegt allerdings nicht daran, dass das Buch schlecht geschrieben wäre, sondern daran, dass die Menschen sich in dieser Gesellschaft nicht mehr trauen können und deswegen leere Floskeln herunterbeten, statt sich ehrlich zu unterhalten.

Einzig Desfred ist mir im Laufe des Buches ans Herz gewachsen, auch wenn ich mir oft gewünscht hätte, dass sie etwas mehr wagt und die Dinge nicht klaglos hinnimmt. Aber ich konnte sie auch verstehen, denn sie erlebt immer wieder, was Widerstand einen in Gilead kosten kann. Deswegen werden die Menschen ja gezwungen, sich Hinrichtungen anzuschauen! Ich fand ihre Gedanken herzzerreißend, und so nach und nach gewinnt man als Leser einen Eindruck davon, wer sie früher einmal gewesen sein muss, bevor die Demokratie fiel.

Der Schreibstil ist manchmal karg, manchmal eindringlich und melancholisch, aber in meinen Augen immer meisterhaft und außergewöhnlich. Es schwingt ganz viel mit zwischen den Zeilen, im Ungesagten.

Fazit:
Eine totalitäre Theokratie in naher Zukunft, in der Frauen jegliche Rechte aberkannt werden. Eine "Magd", die gezwungen wird, sich von einem einflussreichen Mann als Leihmutter benutzen zu lassen. Eine unfassbar grausame, perfide durchstrukturierte Welt, in der niemand wirklich frei ist.

Das Buch ist vor 30 Jahren erschienen, und es lässt sich nicht leugnen, dass es sich in Stimmung, Botschaft und Schreibstil stark von den den aktuell so beliebten Dystopien unterscheidet, die sich überwiegend an junge LeserInnen richten - in meinen Augen ist es eher mit "1984" verwandt als mit "Die Tribute von Panem". Das heißt meiner Meinung nach aber nicht, dass es sich für moderne junge LeserInnen nicht lohnt, ganz ihm Gegenteil! Aber es ist ein Buch, auf dass man sich einlassen muss und dem man Zeit geben muss.


Du lebst, solange ich es will: Thriller (Gulliver)
Du lebst, solange ich es will: Thriller (Gulliver)
von April Henry
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,95

2.0 von 5 Sternen Warum tut der Täter, was er tut?, 17. Mai 2016
Die junge Kayla wird bei der Auslieferung einer Pizzabestellung entführt, das aber sozusagen aus Versehen - eigentlich wollte sich der Täter ihre Arbeitskollegin Gaby schnappen, aber mit der hat Kayla die Stunden getauscht. Widerwillig gibt sich der Entführer erstmal mit dem "Ersatz" zufrieden, aber er stellt schnell fest, dass ihn das überhaupt nicht zufrieden stellt...

Kaylas Eltern sind am Boden zerstört, ihre Schulfreunde und Arbeitskollegen trauern, als sei sie schon tot. Aber zwei Menschen wollen das nicht einfach so hinnehmen: Drew, Kaylas Kollege, der die fatale Bestellung des Täters aufnahm, und Gaby, die weiß, dass es eigentlich sie hätte treffen sollen.

Dazu kommt noch ein bisschen Sozialkritik, denn Gaby stammt als Tochter eines Ärzteehepaares aus reichem Hause, während Drews Mutter im Drogenrausch wertlosen Plunder klaut, der sich dann in ihrer heruntergekommenen Wohnung stapelt. Durch eine angebliche Hellseherin und Gabys unerklärliche Gewissheit, dass Kayla noch lebt, kommt noch eine Prise Übernatürliches dazu.

Was nach einer soliden Grundlage für einen spannenden Jugendthriller klingt, konnte mich letztendlich leider nicht überzeugen. Die Geschichte ist einfach und gradlinig, ohne große Überraschungen oder unerwartete Wendungen. Schlimmer noch, ich hatte das Gefühl, das alles schon unzählige Male gelesen zu haben - nur deutlich besser umgesetzt.

Spannung wollte sich für mich nur selten aufbauen; mir fehlten die unmittelbare Gefahr und die Dringlichkeit. Ja, der Täter denkt gelegentlich darüber nach, wie er Kayla am besten entsorgen kann und lässt sie ein paar Tage hungern, aber ansonsten lässt er sie mehr oder weniger in Ruhe. Er verlangt von ihr, ihn "Meister" zu nennen, aber da sie sich brav daran hält, ist das Thema damit auch schon vom Tisch. Ganz ehrlich, ich brauche bei Thrillern wirklich weder bluttriefende Gewalt noch voyeuristische Beschreibungen von Demütigung oder Vergewaltigung, aber hier gibt es in meinen Augen über große Strecken des Buches fast gar keine direkte Konfrontation zwischen Täter und Opfer.

Mir war bis zum Schluss nicht klar, warum er eigentlich Mädchen entführt. Was ist sein Motiv dabei? Ich hatte fast den Eindruck, dass er selber nicht so recht wusste, was er denn nun mit Kayla anfangen soll. Bedrohlich wirkte er auf mich nicht; er blieb für mich blass, farblos, nichtssagend.

Die anderen Charaktere haben mich ebenfalls nicht sonderlich berührt - ich fand einfach keinen Zugang zu ihnen. Auch hier fehlte mir das gewisse Etwas: dieses magische Gefühl, beim Lesen manchmal zu vergessen, dass die Protagonisten nicht "echt" sind. Dabei haben sie durchaus Potential! Gaby hat zwar ein sorgenfreies Leben, dafür aber Eltern, die versuchen, sie quasi zu einem Klon ihrer selbst zu machen. Drew hatte noch nie ein liebendes Elternhaus und ist daher sehr misstrauisch gegenüber anderen Menschen. Wie sich die beiden durch die gemeinsame Sorge um Kayla etwas besser kennen lernen, ist für mich zwar der interessanteste Teil des Buches, aber auch da blieb die Geschichte meiner Meinung nach an der Oberfläche.

Kayla... Tja, was ist mit Kayla? Wenn ich jetzt zurückdenke an das Buch, fällt mir nur ein, dass über sie öfters gesagt wurde, sie sei immer gut gelaunt und fröhlich. Deswegen hat mich die Frage, ob der Täter Kayla denn nun umbringen wird oder nicht, kaum berührt.

Was mich mehr als einmal gewundert hat: die Polizei zieht schnell auf Grundlage einer sehr, sehr dürftigen Beweislage Schlüsse. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das im echten Leben niemals so ablaufen würde!

Der Schreibstil ist angenehm und flüssig zu lesen, plätschert aber ohne große Höhen und Tiefen vor sich hin. Interessant fand ich, dass der Text immer mal wieder unterbrochen wird von Bestellzetteln, Berichten der Polizei oder Zeitungsartikeln.

Fazit:
Der Klappentext hat sehr stark angesprochen! Leider spult sich die Geschichte in meinen Augen aber so gradlinig ab, dass der geübte Krimi- oder Thrillerleser sich mühelos denken kann, wie das Ganze ausgehen wird. Die Charaktere konnten mich nicht überzeugen; vor allem der Täter wandert so unentschlossen und antriebslos durch die Handlung, dass ich ihn weder bedrohlich noch interessant fand.


Hamburg Rain 2084. Die komplette erste Staffel: Dystopie
Hamburg Rain 2084. Die komplette erste Staffel: Dystopie
Preis: EUR 14,99

4.0 von 5 Sternen Eine Reihe mit Höhen und Tiefen, aber im Ganzen lohnend, 16. Mai 2016
Dieser Sammelband enthält die folgenden Bände:

Hamburg Rain 2084 #0: Prolog. Der schwarze Regen
von Rainer Wekwert

Der Prolog hat mich direkt gepackt. Ich fand die kleine Geschichte sehr spannend und originell geschrieben und hatte den Eindruck, dass diese Vision der Zukunft gut durchdacht und in sich schlüssig ist. Natürlich sind 41 Seiten zu wenig, um Charaktere und Welt näher kennenzulernen, aber sie machen auf jeden Fall Lust darauf! Und auch der Schreibstil hat mir gut gefallen, er liest sich flüssig und passt auch sehr gut zum futuristischen Setting.

Meine Meinung: 4,5 von 5 Sternen

Hamburg Rain 2084 #1: V2
von Claudia Pietschmann

Dieser Band spricht hochspannende Themen an - Schönheitswahn, Jugendkult, Verrohung der Gesellschaft -, kann sie aber meines Erachtens nicht stimmig umsetzen. Die Charaktere wirkten auf mich eher flach und ich konnte nur selten mit ihnen mitfiebern, wodurch mich auch die Spannung nicht so richtig packte.

Ich rätsele immer noch über das Schlüsselereignis der Geschichte, denn ich kann schlicht und einfach nicht verstehen, warum das alles überhaupt passiert... Ich habe den Eindruck, mir fehlt ein wichtiges Puzzleteilchen und ich kann daher das Gesamtbild nicht sehen.

Meine Meinung: 2,5 von 5 Sternen

Hamburg Rain 2084 #2: Sundown
von Heike Wahrheit

Nachdem ich den Prolog der Reihe fantastisch fand, mich der erste Band dann aber eher enttäuschte, konnte mich der zweite Band nun wieder begeistern. Die Geschichte ist komplex und spannend, die Hauptfigur ist taff und hat einen großartigen Humor, und es machte mir einfach sehr viel Spaß, mehr über das zur Megametropole ausgeuferte Hamburg der Zukunft zu erfahren.

Viele Leser werden beim Thema Dystopie erstmal an "Die Tribute von Panem", "Die Auslese", "Die Bestimmung", "Die Überlebenden" und ähnliche Bücher denken. In meinen Augen liest sich "Hamburg Rain 2084" etwas erwachsener, mit deutlich weniger Augenmerk auf Liebesgeschichten.

Meine Meinung: 4,5 von 5 Sternen

Hamburg Rain 2084 #3: Rehab
von Ralf Wolfstädter

Scheinbar bin ich dazu verdammt, die Bände abwechselnd großartig und enttäuschend zu finden, und nachdem mich "Sundown" voll überzeugt hatte, tat sich "Rehab" wieder sehr schwer.

Der Schreibstil las sich für mich sperrig, mit vielen Wortwiederholungen, die Charaktere erschienen mir sehr eindimensional und stereotyp, und vor allem fand ich den Verlauf der Handlung oft überhaupt nicht glaubwürdig. Auch das Ende hatte ich leider schon vor der großen Enthüllung erraten.

Meine Meinung: 2,5 von 5 Sternen/7

Hamburg Rain 2084 #4: Zerfall
von Thomas Zeller

Bandenkriege, Energie als umkämpftes Kapital, Sozialkritik und eine dem Untergang geweihte Stadt... Die Geschichte hat eine spannende Grundidee zu bieten, und auch die Charaktere haben viel Potential. Anfangs gefiel mir, wie gründlich der Autor die wissenschaftlichen Grundlagen erklärt, aber mehr und mehr fand ich es zu ausführlich und dadurch ermüdend. Leider gleitet die Handlung in meinen Augen im Laufe des Buches ohnehin mehr und mehr ins Unglaubwürdige ab, und auch die Charaktere konnten ihr Potential nicht ganz ausschöpfen.

Meine Meinung: 3 von 5 Sternen

Hamburg Rain 2084 #5 - Risse im Fundament
von Stella M. Liearan

Vom Schreibstil her ist dieser Band von Hamburg Rain 2084 mein klarer Favorit! In meinen Augen sind die Formulierungen sehr prägnant, und die Sprache hat eine ganz eigene Melodie, die mich sehr anspricht und mühelos eine dichte Atmosphäre aufbaut. Die Autorin setzt verschiedene Stilmittel ein und findet ungewöhnliche, unverbrauchte Bilder - sie erzählt dem Leser nicht nur, was passiert, sie zeigt es ihm, detailliert, einfallsreich und mit wunderbarem Sprachrhythmus.

Man kann die Bände unabhängig voneinander lesen, und dieser hier ist von allen mein Lieblingsband! Er ist spannend, mit interessanten Charakteren, einem fantastischen Schreibstil und ganz viel Atmosphäre.

Meine Meinung: 4,5 von 5 Sternen

Hamburg Rain 2084 #6: Die Seuche
von Andreas Geist

"Die Seuche" ist der letzte Band der ersten Staffel von "Hamburg Rain 2084", und in meinen Augen lässt der Autor es zum fulminanten Abschluss nochmal so richtig krachen! Die Grundidee ist außergewöhnlich und originell, irrsinnig komplex und vielschichtig, dabei aber auch sehr ausgefeilt und sorgfältig durchdacht.

Meiner Meinung nach ist das keine Science Fiction zum Berieselnlassen, sondern zum Mitdenken - und trotzdem rasant und spannend, mit glaubhaften, authentischen Charakteren.

Meine Meinung: 4,5 von 5 Sternen


Die Protestantin
Die Protestantin
von Gina Mayer
  Broschiert
Preis: EUR 10,99

5.0 von 5 Sternen Starke Frauen im 19. Jahrhundert, 16. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Die Protestantin (Broschiert)
Die Geschichte umspannt einen Zeitraum von über 50 Jahren, von 1822 bis 1876. Dabei richtet die Autorin ihr Augenmerk auf starke Frauen, die diese Zeit aus scheinbar grundverschiedenen Blickwinkeln wahrnehmen, deren Schicksale aber dennoch untrennbar miteinander verwoben sind.

Johanne, Catherina, Magdalena, Esther, Nelli, Florine... Schwestern, (Zieh-)Mütter, Töchter, Freundinnen. Ob sie ihr Heil nun im Glauben suchen, im Wohlstand oder in der Revolution, ihnen allen ist gemein, dass sie mehr wollen vom Leben, als die Gesellschaft oder ihr Geburtsrecht ihnen zugestehen wollen.

Durch ihre Augen erlebt der Leser eine Zeit, in der eine enorme Kluft Arm von Reich trennt: während die Oberschicht in behaglichem Komfort lebt, wird die Unterschicht von Armut, Krankheit, hoher Kindersterblichkeit, Arbeitslosigkeit und politischer Machtlosigkeit geplagt und kleingehalten. Frauen haben in allen gesellschaftlichen Schichten nur wenige Rechte - von einer Gräfin wird genauso wie von einer Bäuerin erwartet, dass sie ihrem Mann untertan ist und Kinder zur Welt bringt.

Die soziale Ungerechtigkeit wird mehr und mehr zum Pulverfass. Die Frauen nehmen verschiedene Rollen im Drama der Revolution ein (ob sie nun dafür oder dagegen sind), obwohl noch nicht einmal die Revolutionäre die vermeintlich schwachen Weibsbilder ernst nehmen... Und das liest sich lebendig und spannend, kein bisschen wie eine trockene Geschichtsstunde! Ja, man kann durchaus viel lernen über diese Zeit, aber ich war mir dessen beim Lesen kaum bewusst, denn ich war einfach gefesselt von den unterhaltsamen Geschehnissen.

Sehr interessant fand ich auch, wie das Thema Glaube immer wieder im Mittelpunkt steht. Manchen Charakteren ist der Glaube eine Stütze, sogar ein Lebensziel, andere sagen sich im Laufe der Geschichte davon los. Aber immer ist deutlich, was für eine zentrale Rolle Kirche und Glaube in der damaligen Zeit im Leben der Menschheit einnahmen. Faszinierend ist meines Erachtens vor allen die Figur des Theodor Fliedner, den es tatsächlich gegeben hat - und den ich manchmal für seine visionären Ansichten bewundert habe, manchmal aber auch unerträglich selbstgefällig, kalt und unerbittlich fand.

So unterschiedlich die Frauen auch sind, ich habe über alle gerne gelesen. Sie sind beileibe nicht perfekt (das wäre ja auch langweilig), aber ich konnte ihr Gefühlsleben, ihre Wünsche, Träume und Hoffnungen immer nachvollziehen. Ihr Verhalten war für mich stets absolut schlüssig. Auch wenn eine Protagonistin in meinen Augen einen Fehler beging, konnte ich trotzdem verstehen, was sie dazu motivierte.

Viele der Frauen lieben Männer, die auf ihre jeweilige Art Besessene, Getriebene sind, und müssen daher feststellen, dass sie immer hinter dem großen Ziel zurückstecken müssen - wenn sie das denn zulassen und sich keine aktivere Rolle erkämpfen. Daher sind die Liebesgeschichten in diesem Buch oft fast schon tragisch, aber auf jeden Fall selten kitschig.

Die Art und Weise, wie Gina Mayer ihre Geschichte erzählt, fand ich rundum gelungen - einfallsreich, stimmig und unterhaltsam, mit einem sehr angenehmen Schreibstil, dem es gelingt, einerseits den modernen Leser abzuholen, sich andererseits aber nicht zu weit von Stimmung und Klang der Zeit zu entfernen.

Fazit:
"Die Protestantin" ist in meinen Augen ein historischer Roman, den man auch dann getrost lesen kann, wenn man sich in Geschichte nicht ganz so gut auskennt und/oder Berührungsängste vor diesem Genre hat. Zwar erzählt Gina Mayer eine Geschichte, die im 19. Jahrhundert spielt und in der es unter anderem um die Lebensumstände der Zeit, die Rolle der Frau und die Revolution geht, aber sie tut das packend und kurzweilig, so dass sich das Buch flüssig und mühelos lesen lässt.


Hamburg Rain 2084. Die Seuche: Dystopie
Hamburg Rain 2084. Die Seuche: Dystopie
Preis: EUR 2,99

5.0 von 5 Sternen Flesh and Machines, 15. Mai 2016
Über die Handlung will ich noch gar nicht so viel verraten, aber meines Erachtens geht es um diese zentralen Themen:

a) Die Abhängigkeit des modernen Menschen von der Technik und b) kybernetische Systeme.

Kybernetik bezeichnet die Lehre der (Selbst-)Steuerung und Regelung komplexer Systeme. Dabei kann es sich zum Beispiel um maschinelle oder organische Strukturen handeln: auf der einen Hand Künstliche Intelligenz, auf der anderen parasitäre Bazillenkulturen.

Es gibt Experten für Robotik und Kybernetik, die davon ausgehen, dass wahre Künstliche Intelligenz sich nicht programmieren lässt, sondern sich erst dann selber entwickeln wird, wenn Computerprogramme die Komplexität des menschlichen Gehirns bzw neuronaler Netze erreicht haben.

Ich will hier keinen Vortrag über K.I. halten, aber in meinen Augen verknüpft Andreas Geist genau diese Themen zu einer intelligent geschriebenen und spannenden Geschichte! Auch andere Themen fließen ein, wie Religion oder soziale Gerechtigkeit.

In der Welt von "Hamburg Rain 2084" ist Künstliche Intelligenz allgegenwärtig: wahrscheinlich kann man sich nicht mal mehr eine Zahnbürste kaufen, die NICHT den pH-Wert des Speichels misst und an die Krankenversicherung weiterleitet. Abertausende von Programmen, mit abertausenden von Subroutinen, verbunden in einem gigantischen Netzwerk...

Hamburg steht an der Schwelle, fast schon mehr monströses Lebewesen als Stadt, und der Mensch ist in dieser in sich abgeschlossenen Welt ein Parasit.

Unzählige Details machen die Welt und ihre Technik glaubhaft und in sich schlüssig, und ich war
sehr beeindruckt davon, dass der Autor sich bei der enormen Komplexität der Geschichte nicht in Widersprüche verstrickt! Nur gegen Ende passieren ein paar Dinge, die mir dann doch ein bisschen zu abgehoben vorkamen, aber darauf kann ich hier nicht näher eingehen, ohne schon zu viel zu verraten.

Im Großen und Ganzen fand ich die Auflösung aber unglaublich interessant - faszinierend und einfach umwerfend originell, und im Nachhinein machen manche Dinge aus den ersten Bänden auf einmal mehr Sinn (wie z.B. die häufige Erwähnung des Nutrisators).

Beim Lesen muss man einerseits wirklich dranbleiben und mitdenken. andererseits manchmal aber auch Dinge einfach akzeptieren. Sonst raucht einem irgendwann der Schädel... System Overload!

Obwohl sie sich also nicht immer einfach lesen lässt, hat die Geschichte mir dennoch viel Spaß gemacht. Ich fand sie unterhaltsam, spannend und kein bisschen vorhersehbar, und auch die Charaktere haben mir gut gefallen,

Der Schreibstil ist kompetent, flüssig und sehr passend für die Geschichte. Der Autor konnte mich damit immer gut abholen und in die Welt des Jahres 2084 entführen.

Fazit:
"Die Seuche" ist der letzte Band der ersten Staffel von "Hamburg Rain 2084", und in meinen Augen lässt der Autor es zum fulminanten Abschluss nochmal so richtig krachen! Die Grundidee ist außergewöhnlich und originell, irrsinnig komplex und vielschichtig, dabei aber auch sehr ausgefeilt und sorgfältig durchdacht.

Meiner Meinung nach ist das keine Science Fiction zum Berieselnlassen, sondern zum Mitdenken - und trotzdem rasant und spannend, mit glaubhaften, authentischen Charakteren.


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