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Elke Göß

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Der neue Fischer Weltalmanach 2012: Zahlen Daten Fakten
Der neue Fischer Weltalmanach 2012: Zahlen Daten Fakten
von Redaktion Weltalmanach
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Warum man besser von "Internationalisierung" anstatt von "Globalisierung" spricht, 17. November 2012
Warum man besser von "Internationalisierung" anstatt von "Globalisierung" spricht, kann man nach der Lektüre dieses Weltalmanachs schnell beantworten. Wie in einem Kompendium wurden in dem neuen Fischer Weltalmanach 2012 die Zahlen, Daten und Fakten aller Nationen auf der Welt zusammen gesammelt. Es gibt sehr wenige Bücher, die einen solch universellen Anspruch erfüllen wollen und erfüllen können. Im Hauptteil von Seite 44-531 finden sich die Daten zu der Landesstruktur, zur Bevölkerung, zur Staatsform, zur Regierung, zu den Parteien, zur Wirtschaft und zur Chronik des Landes im abgelaufenen Jahr für die Länder von Afghanistan bis Zypern. Diesem Kapitel vorgeschaltet ist eine Jahreschronik (S. 9-20) und ein Kapitel über "Themen der Welt" (S. 21-42). An den Hauptteil schließt sich ein Kapitel über "Basisdaten, Flaggen, Karten" an (S. 532-560), bevor man das Wichtigste über die Europäische Union erfährt (S. 561-592). Auf 34 Seiten werden die "Internationalen Organisationen" vorgestellt. Über die "Wirtschaft" wird auf 82 Seiten referiert. Für die Umwelt sind 24 Seiten vorgesehen, für die Kultur 20 Seiten und für den Sport ebenfalls 20 Seiten. Acht Seiten sind verstorbenen Persönlichkeiten gewidmet. Ein umfangreiches Glossar und ein Register beenden das 800 Seiten starke Buch.
In dem Weltalmanach erfährt man, dass die Russische Föderation das flächenmäßig größte Land ist und die Volksrepublik China die meisten Einwohner weltweit zählen kann. Der kleinste Staat weltweit, sowohl bezüglich der Größe als auch bezüglich der Einwohnerzahl, ist der Vatikanstaat (S. 532f). Bereits Monaco ist viermal größer (S. 532) und die Inseln in Ozeanien Nauru und Tuvalu haben zwölf Mal mehr Einwohnerinnen und Einwohner (S. 533). Spielerisch kann man testen, wie viele Staaten man nicht kennt oder vielleicht sogar von wie vielen man noch nie etwas gehört hat. Auf einer Karte kann man nachsehen, ob sich die kleinen Inseln in Ozeanien oder in der Karibik befinden. Auch bei dieser Frage wird man sicherlich auf Wissenslücken treffen, außer man arbeitet beispielsweise im Außenministerium. Liest man sich in die Daten und Fakten von weitgehend unbekannten Staaten ein, so wird schnell klar, wie wenig man tatsächlich von der Welt weiss und wie wenige Staaten man wirklich kennt. Sofort schrumpft das in diesen Zeiten allseits so gern im Mund geführte und von Bundeskanzlerin Angela Merkel so häufig gebrauchte Wort der "Globalisierung", auf die man sich wirtschaftlich vorzubereiten habe, wie ein Luftballon, aus dem die Luft heraus gelassen wird. Will man wirklich die Staaten auf dieser Welt auch nur annäherungsweise erfassen, so lese man diesen Weltalmanach. Auch in diesem Buch wird die Aufmerksamkeit besonders auf Staaten wie Deutschland, die Vereinigten Staaten, China und die Schweiz gelenkt, indem diese Staaten gleich mehrere Seiten bekommen. Doch gibt es eben auch eine Gleichrangigkeit dadurch, dass alle Staaten nach dem gleichen Schlüsselprinzip zugänglich gemacht wurden. Die Fokussierung auf einige wenige, vermeintlich besonders wirtschaftlich potente Staaten erscheint einem dann wie ein Relikt eines evolutionistisch bestimmten Fortschrittsgedankens, der seinen Ursprung im 19. Jahrhundert hatte, der sich aber spätestens durch die Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts (Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus) und ihre katastrophalen Folgen selbst ad absurdum geführt hat.
In Zeiten der grenzenlosen Naivität und der euphorischen Erwartungen immer stetig steigender Wachstumszahlen bringt ein Blick in dieses Buch den nüchternen Realitätssinn zurück. Dieses Buch ist somit zur generellen Grundorientierung über alle Staaten dieser Welt ebenso gut geeignet wie als Nachschlagewerk für spezielle Fakten, die man sonst nur sehr schwer in einem internationalen Kontext recherchieren kann. Es eignet sich damit sowohl für Schülerinnen und Schüler, für Studierende, Forschende, Politiktreibende, Journalistinnen und Journalisten, Wirtschaftsfachleute als auch für diejenigen, die sich gerne generell über die heute in der Welt vorfindlichen Staaten informieren wollen.
Für alle diejenigen, denen das jährliche Erscheinen die Gefahr nicht aktueller Fakten zu bergen scheint, gibt es seit dem Jahr 2012 ein Internetportal, das man nach dem Kauf des Buches über einen PIN nutzen kann und aus dem man immer die aktuellsten Daten herauslesen kann. Da das Buch sehr präzise Fakten enthält, ist das Internetportal nur eine kleine Update-Möglichkeit. Es bleibt zu hoffen, dass die Planungen des Fischer-Verlages für die kommenden Jahre nicht dahin gehen, die gebundene Druckform des Buches durch die virtuelle Internetplattform ersetzen zu wollen.


Kunst des 19. Jahrhunderts
Kunst des 19. Jahrhunderts
Preis: EUR 6,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ästhetik und finanzelles Engagement sind hier auf angenehme Weise verbindbar, 17. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Kunst des 19. Jahrhunderts (Broschiert)
Ästhetische Ansprüche und finanzielle Ausgabenbereitschaft gehen oftmals nicht in eins. Bei diesem Buch liegt der Fall anders. Für nur 6,95 Euro bekommt man ein ästheisch in hohem Maße ansprechendes Buch mit 255 Seiten. Die Reproduktionen von Gemälden, Skulpturen und städtischen Bauten, die in ihrer Helligkeit und Bildschärfe sehr unterschiedliche Anforderungen an Fotographen stellen, sind durchwegs sehr gelungen. Besonders beachtlich ist dies, da der von der Scala Group in Florenz verantwortete Bildband in China gedruckt wurde. Dies ist ein Beispiel für globale Kunstreproduktion im Bildbandbereich. Ob es einer solch weitgefächerten, globalen Ausrichtung wirklich bedurft hätte, muss gefragt werden.
Der in der Reihe "Pocket Visual Encyclopedia" erschienene Band "Kunst des 19. Jahrhunderts" ist viersprachig gehalten: englisch, deutsch, niederländisch und spanisch. Somit reduziert sich der lesbare Inhalt auf ein Viertel des gesamten Buches. Seitenweise ist es mühsam, die anders sprachlichen Texte zu überspringen. Ebenso erscheint es seltsam, dass sich der Umschlagtext vorne wortwörtlich gleich in der Einleitung wieder finden läßt.
Wirklich inhaltliche Aussagen werden durch die Konzeption des Buches zwar angedacht, aber nur sehr leicht und oberflächlich durchgezogen. Vielleicht sind aber auch die Kunstströmungen des 19. Jahrhunderts zu facettenreich, als dass sie sich auf einen oder mehrere Nenner bringen ließen.
Das Titelbild ziert ein Gemälde, das Napoleon als Kaiser Frankreichs zeigt. Neben der Französischen Revolution hat wahrscheinlich vor allem der schnelle und unerwartete Aufstieg eines einfachen Mannes "aus dem Volk" zum französischen Kaiser, der sich innerhalb von wenigen Jahren vollzog, zu einer Neudefinition des 19. Jahrhunderts in Abgrenzung zu den vorhergehenden Jahrhunderten geführt. Diese These wird zwar nirgends in dem Buch ausgesprochen, unterschwellig durchzieht sie jedoch den Bildband. Während die Chronologie bereits mit den ersten Ausgrabungen in Herculaneum im Jahr 1738 beginnt und mit dem deutsch-französischen Krieg 1870-1871 endet(S. 6-9), bezieht sich der mit Bildern angereicherte inhaltliche Teil auf die Zeit zwischen 1787 und 1883 (S. 15-237). Das Bildmaterial ist in acht Kapitel unterteilt: 1. Das antike Vorbild, 2. Die Verbreitung des Neoklassizismus, 3. Die Napoleonische Ära und der Niedergang des neoklassizistischen Stils, 4. Die visionären Maler, 5. Die Romantik in England und in Deutschland, 6. Die Romantik in Frankreich und in Italien, 7. Die Präraffaeliten und 8. Die Entstehung des Realismus in Frankreich. Hierzu sollen acht Stilschaubilder die Charakteristika der einzelen Stilrichungen versinnbildlichen: Neoklassizismus, Imperialstil, Sturm und Drang, Romantik, die Nazarener, Biedermeier, die Präraffaeliten, Primitivismus, Neugothik und Realismus (S. 10-13). Diese Aufteilung der Stilrichtungen ist einleuchtend, dennoch stellt sich die Frage, ob man nicht auch den Impressionismus als neu aufkommende Ausdrucksform im 19. Jahrhundert nennen müßte und ob der Historismus sich im Primitivismus und in der Neugothik erschöpft oder ob er als eigene Kunstform eine stärkere Beachtung verdient hätte.
Vor allem ab der Hälfte des Buches häufen sich die Fehler. So wird auf Seite 104 der originale Titel "Witches' Sabbath" im Englischen nicht wortgleich in die anderen Sprachen übersetzt - ein Phänomen, dem man auf den folgenden Seiten noch öfters begegnen wird. Auf Seite 115 fehlt die Datierung des Bildes "Der Zaun" von John Constable. "Rüdiger befreit Angelika" soll das Bild von Jean-Auguste-Dominique Ingres auf Seite 147 heißen. Dabei erinnert "Rüdiger" doch eher an den Heiligen Georg, der den Drachen tötet. Wiederum eine Datierung fehlt bei dem Gemälde "Der Wald von Fontainebleau" von Théodore Rousseau auf Seite 165. Das Bild von Dante Gabriel Rossetti auf Seite 184 bekommt sogar in jeder der vier Sprachen einen anderen Titel. Auf der gleichen Seite wird der Titel "La Ghirlandata" des gleichen Malers erst gar nicht aus dem Italienischen in eine der vier Sprachen übersetzt. Auf Seite 193 ist die Übersetzung des englischen Titels "The Beguiling of Merlin" vom Englischen ins Deutsche ganz ausgefallen und der deutsche Titel hat simpler Weise den gleichen Wortlaut wie der Englische. Auf Seite 202 fehlt wieder eine Datierung zu dem Bild "Die Einnahme von Smalah des Abd-el-Kader" von Horace Vernet. Nur einen lateinischen Wortlaut trägt das Bild von Achille D'Orsi mit dem Titel "Proximus tuus" auf Seite 233, eine Übersetzung in die vier Sprachen ist entfallen.
Am Ende des Buches ist noch ein kurzes Glossar angefügt (S. 238-245) und die Biographien von 16 Künstlern des 19. Jahrhunderts. Diese Biographien lesen sich extrem schlecht, da jeder Satz in einer anderen Sprache geschrieben wurde und sich diese viersprachige Übersetzung dann in einem einzigen Fließtext wiederfindet.
Aufgrund der außergewöhnlichen und auch außergewöhnlich schönen Bilder lohnt sich der Kauf dieses Bildbandes auf jeden Fall. Dafür, dass die Korrekturen stellenweise nur sehr mangelhaft durchgezogen wurden und dafür, dass das Buch nur bis 1883 reicht und der Impressionismus gar keine Erwähnung gefunden hat, muss es leider einen Punktabzug geben. Ästhetisch ist das Buch, über alle Zweifel erhaben, ein Genuss.


Dürers Luther-Bücher: Ein Beitrag zur Dürer-Biographie (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Band 21)
Dürers Luther-Bücher: Ein Beitrag zur Dürer-Biographie (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Band 21)
von Martin Brecht
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Juwel in der Albrecht Dürer-Forschung und in der Martin Luther-Forschung, 15. November 2012
Ein sehr seltenes, kostbares Kleinod hat Gottfried G. Krodel der Nachwelt hinterlassen. Sein Buch über die Luther-Bücher Albrecht Dürers füllt eine Forschungslücke und die mögliche Reichweite seiner Rezeptionsgeschichte ist kaum zu ermessen, vor allem, da sein Schatz von den Geschichtsforscherinnen und Geschichtsforschern wie auch von den Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern erst noch entdeckt und entsprechend gewürdigt werden sollte.
Gottfried G. Krodel ist kurz vor der Fertigstellung des Buches nach einer längeren Krankheit in Valparaiso im US-amerikanischen Bundesstaat Indiana am 27. Juni 2012 verstorben. Sein langjähriger Freund und Weggefährte, der emeritierte Münsteraner Professor für Kirchengeschichte, Martin Brecht übernahm die endgültige Fertigstellung bis zur Drucklegung des Buches. Im Vorwort schreibt Martin Brecht, dass er inhaltlich nichts mehr an der Fassung Gottfried Krodels verändert hat. Gottfried Krodel, der drei Jahrzehnte den Martin Luther Chair in Reformation History in Valparaiso innehatte, galt als einer der ausgezeichnetsten Kenner der Reformationsgeschichte in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus. Im oberfränkischen Rodach geboren, studierte Gottfried Krodel Philosophie und Theologie in Erlangen und wurde zum Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern ordiniert, wie Christopher Boyd Brown von der Boston University School of Theology in seinem Nachruf hervorhebt. Sein frühes Interesse an der deutschen Reformationsgeschichte begleitete ihn sein Leben lang und er widmete sich besonders gerne dem fränkischen Protestantismus rund um Nürnberg. Hierbei erforschte er die Entstehung der protestantischen Kirche im Markgrafentum Brandenburg-Ansbach-Kulmbach. In den Jahren 1963, 1972 und 1975 brachte er eine amerikanische Ausgabe von Luthers Werken heraus.
Die lebenslange, akribische Kleinstarbeit eines Historikers kennzeichnet das Buch über Dürers Luther-Bücher, das unter den Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte erschienen ist. Dieses Buch liefert einen spezifisch protestantischen Beitrag zur Dürer- und zur Lutherforschung und ist somit besonders lesenswert in den Tagen, in denen sich die 11. EKD-Synode auf ihrer 5. Tagung vom 1. bis 7. November 2012 am Timmendorfer Strand zu dem Thema "Am Anfang war das Wort - Perspektiven für das Reformationsjubiläum 2017" von Matthias Drobinski von der Süddeutschen Zeitung vorschreiben lassen muss, dass das Reformationsjubiläum ja nicht zu einer Freudenfeier ausarten sollte, da man nicht zu vergessen habe, dass der Protestantismus auch Opfer in der Geschichte gefordert habe (Drobinski Matthias (2012): "Jedes Jahrhundert die gleiche Frage - Die Protestanten sind uneins, ob und wie sie gemeinsam mit anderen Christen 500 Jahre Reformation feiern sollen", Süddeutsche Zeitung vom 5. November 2012, S. 2). Matthias Drobinski zitiert als prominentesten Anwalt des katholischen Weltgeltungsanspruches Kurt Kardinal Koch, der als Präsident des Päpstlichen Einheitsrates die Nachfolge von Walter Kardinal Kasper angetreten hat, und der gerne möchte, dass die Protestantinnen und Protestanten nur von einem "Reformationsgedenken" sprechen sollten, nicht von einem "Reformationsjubiläum", schließlich habe Martin Luther nur eine Erneuerung der eigenen Kirche gewollt, sei aber mit dieser gescheitert. Gegen solches Kleinreden lese man die Ausführungen Gottfried Krodels zu Martin Luthers und Albrecht Dürers Verständnis der Reformation, beide sind als Zeitzeugen die besten Quellen für eine adäquate Einschätzung der Veränderungsbedürftigkeit der katholischen Kirche zu Beginn des 16. Jahrhunderts.
Neben einem historischen Beitrag zu einer profilierten Sicht der Veränderungsleistungen, die Martin Luther erbracht hat, und die Albrecht Dürer schwer beeindruckt haben, könnte das Buch von Gottfried Krodel erheblichen Einfluss auf die kunstgeschichtliche Erforschung des protestantischen Profils Albrecht Dürers haben. Bereits im Jahr 2007 erweckte die Ausstellung "Duerer e l'Italia" in der Scuderie del Quirinale in Rom das Interesse an der Erforschung des Einflusses des Nürnberger Künstlers auf die italienische Kunstszene seiner Zeit (vgl. Duerer e l'Italia (2007), herausgegeben von Kristina Herrman Fiore, Ausstellungskatalog Scuderie del Quirinale, Rom/Mailand). In Detailvergleichen wurde der Einfluss Albrecht Dürers auf seine italienischen Malerkollegen aufgezeigt. Man fragt sich, wie es denn sein kann, dass eine solche international anerkannte und renommierte Ausstellung in Rom so gänzlich beiseite gelassen werden konnte, als in diesem Sommer das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg zu seiner großen Dürer-Ausstellung lud. Das Nürnberger Ausstellungskonzept drehte die Fragestellung einfach um und suchte nach italienischen Einflüssen auf die Malerei Albrecht Dürers. Schon mit der Datierung seiner ersten Italienreise tat man sich gehörig schwer (vgl. Eser Thomas (2012): Materialien für eine Dürer-Matrix von 1471-1505, in: Hess Dieter/Eser Thomas (Hg.): Der frühe Dürer. Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum vom 24. Mai bis 2. September 2012, Nürnberg, S. 544). Obwohl Thomas Eser, der die Leitung der Sammlung Wissenschaftlicher Instrumente und Medizingeschichte im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg inne hat, mehrere Bilder nennt, die auf einen Aufenthalt Albrecht Dürers in Italien um 1494/1495 hinweisen könnten, kommentiert er diese Liste folgendermaßen: "Plausibel, dennoch spekulativ, da auch ohne Italien-Reise auf Vorlagenbasis möglich. In der großen Werksumme gleichwohl wichtigstes Argument für einen frühen Aufenthalt D.s im Veneto"(dass., S. 544). Ebenso spekulativ erscheint Thomas Eser, dass Albrecht Dürer im Sommer und Herbst 1494/1495 für Friedrich den Weisen, den Förderer und Schutzpatron Martin Luthers, gearbeitet haben soll. Thomas Eser kommentiert hierzu: "sehr unwahrscheinlich, da nur sehr spekulativ auf D. beziehbar" (dass., S. 544).
Vergleicht man die detailgetreue Erarbeitung der römischen Dürer-Ausstellung und die akribische Arbeit Gottfried Krodels bei der Erforschung der Luther-Bücher, die Albrecht Dürer besessen bzw. gelesen hat, mit der Ausstellungskonzeption der Nürnberger Dürer-Ausstellung, so haben alle drei Dürer-Forschungsbereiche gemeinsam, dass der sozio-historische Hintergrund und die persönlichen Netzwerke Albrecht Dürers wesentliche Bestandteile einer quellenbasierten Interdependenzanalyse bilden. Thomas Eser und Daniel Hess schreiben im Einleitungskapitel zum Nürnberger Ausstellungskatalog: "Im Zentrum unserer Fragestellungen und Erklärungsmodelle stehen weniger Person und Biographie des jungen Albrecht Dürer. Vielmehr treten wir gewissermaßen einen Schritt von ihm als Forschungsobjekt zurück und fragen nach dem künstlerischen, ökonomischen, technischen, sozialen und intellektuellen Klima, das zwischen 1480 und 1500 in Nürnberg, am Oberrhein und in den süddeutschen Kunstzentren herrscht und die beeindruckende Entwicklung Dürers verursacht hat. Das Projekt reagiert damit auf jüngere historiographische Verständnismodelle wie ,Konstellationsforschung' oder ,Spatial Turn', welche weniger die konkrete Einzelperson als ,historische Größe' oder den exakten Zeitpunkt als historisches Ereignis untersuchen, sondern vielmehr Ereignisraum und soziales Umfeld als historisch ebenso wichtige Faktoren würdigen. Untersucht werden dabei sowohl Beziehungen und Interaktionen von Menschen in einem bestimmten geographischen Raum als auch die gezielte Konzeption und Wahrnehmung dieses Raumes und seines Personengeflechtes, also die Selbstdarstellung etwa in Biographie, Topographie und Chronistik. Auf den ,frühen Dürer' bezogen bedeutet dies eine besondere Berücksichtigung der Rolle der Stadt Nürnberg, die sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts dem Verständnis ihrer Bewohner nach zum ,quasi Centrum Europae' aufschwang." (vgl. Eser Thomas/Hess Daniel (2012): Einleitung: in: Hess Dieter/Eser Thomas (Hg.): Der frühe Dürer. Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum vom 24. Mai bis 2. September 2012, Nürnberg, S. 14)
Gottfried Krodel hat seinem Buch keine wissenschaftsgeschichtliche Einführung in sein Werk vorangestellt. Dennoch kann man eine gleich geartete Herangehensweise erkennen. Bedenkt man dann, dass Christopher Boyd Brown in seinem Nachruf für Gottfried Krodel dessen starke Bindung an die evangelische Reformation in Nürnberg und der näheren Umgebung Nürnbergs betont hat, so könnte man fragen, ob Gottfried Krodel nicht gerade der Dürer-Forschung, wie sie in Nürnberg betrieben wird, neue, stärkere, weiterführende und korrigierende Impulse geben wollte.
Sogar in der neueren Geschichtsschreibung über Albrecht Dürer fehlen die frühen Jahre der Reformationszeit völlig. Ein Beispiel hierfür ist die Biographie Albrecht Dürers von der in Nürnberg ansässigen freiberuflichen Autorin und Historikerin Anna Schiener, die an der Universität Erlangen-Nürnberg, an der auch Gottfried Krodel studiert hat, Geschichte, Alte Sprachen und Archäologie studiert hat (vgl. Schiener Anna (2011): Albrecht Dürer. Genie zwischen Mittealter und Neuzeit, Regensburg). Sie behauptet auch, dass Albrecht Dürer keine Lateinschule, sondern nur eine Schreib- und Rechenmeisterschule besucht habe, und schreibt: "Ob Albrecht d.J. Latein beherrschte, wie oftmals in der Literatur behauptet wird, ist fraglich. Er war jedenfalls nicht in der Lage, Euklids ,Elemente der Geometrie' zu lesen, die er 1507 in Venedig kaufte." (dass., S. 14) Dem steht die eindeutige Aussage Gottfried Krodels entgegen: Dürer hat Latein gelernt und konnte Euklids Werk lesen (vgl. Krodel Gottfried G. (2012): Dürers Luther-Bücher. Ein Beitrag zur Dürer-Biographie (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Gütersloh, S. 30-32)
Weitere Diskrepanzen zwischen der pseudo-wissenschaftlichen Geschichtsschreibung Anna Schieners und den linguistisch präzisen Analysen Gottfried Krodels ergeben sich. Während Anna Schiener zwar erkennt, dass Albrecht Dürer in einer Stadt lebte, die sich schon früh für die Reformation begeisterte (vgl. Schiener, Albrecht, S. 123), zeichnet sie doch bis weit in die 1520er Jahre hinein ein katholisches Bild des Nürnberger Malers (vgl. Schiener, Albrecht, S. 89-103). Erst in dem 1523/1525 entstandenen Holzschnitt "Das Abendmahl" will sie typisch protestantische Züge erkennen (vgl. Schiener, Albrecht, S. 104). Dies stellt die spätest mögliche Datierung dar, denn 1525 führte die Stadt Nürnberg die Reformation ein, die damit auch als offizielle Religion für Albrecht Dürer galt (vgl. Schiener, Albrecht, S. 123). Gottfried Krodel hingegen zeigt, dass Albrecht Dürer bereits zwischen 1492 und 1494 über den zeitgeistig üblichen Antiklerikalismus voll informiert war (vgl. Krodel, Dürers, S. 36). Es sei anzunehmen, so Krodel, dass sich Albrecht Dürer auf seiner Reise in die Niederlande Luther-Bücher gekauft hat (vgl. Krodel, Dürers, S. 34). Auf jeden Fall müsse festgehalten werden, dass Albrecht Dürer persönlich die Schriften Martin Luthers gelesen hat und nicht nur durch den allgemeinen Zeitgeist über dessen Inhalte vage und informell instruiert war (vgl. Krodel, Dürers, S. 29). Ob Dürers berühmte Klage über die Passion Martin Luthers (vgl. Krodel, Dürers, S. 33-35) auf einer eigenen Lektüre der Schriften Martin Luthers beruhte oder ob nicht doch Albrecht Dürer durch zeitgenössisches Hörensagen über das tragische Schicksal Martin Luthers informiert war, läßt sich nach Gottfried Krodel nicht mit Bestimmtheit sagen. Allerdings konnte, den Forschungen Gottfried Krodels zufolge, Albrecht Dürer bereits 1520 dezidierter als Martin Luther den Unterschied zwischen dem protestantischen Abendmahlsverständnis und dem katholischen Eucharestieverständnis formulieren (vgl. Krodel, Dürers, S. 39). Gottfried Krodel zeigt, dass Albrecht Dürer bereits 1520, also fünf Jahre bevor die Reformation offiziell in Nürnberg eingeführt wurde, besonders schätzte, dass Martin Luther den Menschen ein "klares Evangelium" nahe gebracht hatte (vgl. Krodel, Dürers, S. 39).
Äußerst feinfühlig und in der historischen Präzision valide stellt Gottfried Krodel immer wieder die Frage, ob sich die Bezüge Albrecht Dürers auf Martin Luther aus einer reformatorischen Öffentlichkeit heraus ergeben oder ob Albrecht Dürer die Schriften Martin Luthers gelesen hat (vgl. Krodel, Dürers, S. 41). Die Quellenanalyse Gottfried Krodels wird damit von ihm in einen sozio-historischen Hintergrund eingebettet. Zugleich referiert Gottfried Krodel über unterschiedliche Forschungsmeinungen zu den einzelnen Luther-Zitaten und Reformationsbezügen bei Albrecht Dürer. Nicht ganz ersichtlich ist, warum Gottfried Krodel manche Quellenangaben in seinen Text aufnimmt, andere Quellenangaben und Forschungsdiskussionen in die Fußnoten verlegt. Dadurch wird der Anhang mit den Fußnoten fast doppelt so dick wie die Textausführungen. Die oft sehr umfangreichen Fußnoten und die in den Text aufgenommenen Quellenverweise erschweren ein zügiges und flüssiges Lesen doch sehr. Dieses Hemmnis mag der raschen Fertigstellung des Buches angesichts eines nahenden Todes geschuldet sein. Man könnte versucht sein, zu fragen, ob Martin Brecht als langjähriger Freund des verstorbenen Autors und als eigenständiger Kenner der Materie in der Lage sein könnte, bei einer möglichen Neuauflage des Buches dieses Hemmnis zu beseitigen und einen alle Forschungsdiskussionen einschließenden Fließtext zu verfassen, bei dem alle Quellenangaben konsequent in den Fußnoten und nicht im Text wieder zu finden sind. Zudem wäre es wünschenswert, wenn fachspezifische Termina wie beispielsweise "Gravamina" kurz erläutert werden würden (vgl. Krodel, Dürers, S. 36).
Vor allem die äußerst komplexe und quellenanalytisch kleinteilige Aufschlüsselung des historischen Materials wie auch der einschlägigen Forschungsdiskussionen hierzu erschweren einerseits eine leichte Lesbarkeit. Sie bilden jedoch andererseits den Grundstein für eine äußerst reichhaltige Rezeptionsgeschichte, die diesem Buch bevorstehen könnte. Diese Rezeption könnte historische und kunstgeschichtliche Grabräuber und Schnäppchenjäger anlocken, die sich ihren Teil aus dem fein ziselierten Juwel heraus zu brechen versuchen. Will man sich aber adäquat dem Anspruch, den dieses Buch an einen Lesenden bzw. an eine Lesende richtet, stellen, so muss man in einer ebenso mühsamen Kleinstarbeit, wie sie der Autor selbst aufgebracht hat, sich die Hinweise erarbeiten, die der Autor in sein Werk eingebaut hat. Neben sehr viel Sachkenntnis ist hierbei die Geduld des Historikers bzw. der Historikerin gefragt, um die in dem Buch verborgen liegenden Schätze auch wirklich vollständig und hermeneutisch umfassend sichten und bergen zu können. Wird dieses literarische Kleinod richtig entschlüsselt, wird sein heuristischer Wert und der Erkenntnisgewinn, den dieses Kleinod vermittelt, auf sehr hohem Niveau liegen.


Albrecht Dürer: Genie zwischen Mittelalter und Neuzeit
Albrecht Dürer: Genie zwischen Mittelalter und Neuzeit
von Anna Schiener
  Broschiert
Preis: EUR 14,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Anna Schiener hat die Copyright-Diskussion in die Dürerzeit eingetragen und selbst die Herkunft von Zitaten nicht ausgewiesen, 28. August 2012
Wodurch zeichnet sich ein Genie aus, das zwischen dem Mittelalter und der Renaissance gelebt hat? Der Untertitel des Buches "Albrecht Dürer. Genie zwischen Mittelalter und Neuzeit" faßt diese Fragestellung gleich in einen noch weiteren Rahmen, ohne allerdings im Mindesten zu beantworten, worin der Übergang eines Genies des Mittelalters zu einem Genie der Neuzeit bestehen könnte. Möchte man auf die Frage eine wissenschaftlich gesicherte Antwort bekommen, so sieht man sich durch den Klappentext des Buches in die Irre geführt. In der Vorstellung der Reihe "Kleine bayerischen Biographien", in der das Buch "Albrecht Dürer. Genie zwischen Mittelalter und Neuzeit" erschienen ist, heißt es auf dem hinteren Umschlagtext: "Die Autoren sind Fachleute, die wissenschaftlich Fundiertes auch für den verständlich machen, der zwar allgemein interessiert ist, aber nicht speziell vorgebildet ist"(S. 4). Anna Schiener hat Geschichte, Alte Sprachen und Archäologie studiert und arbeitet freiberuflich als Autorin und Historikerin in der Nähe von Nürnberg. Ihre Dissertation, die sie an der Universität Nürnberg-Erlangen eingereicht hat, erschien 2005 als Buch mit dem Titel "Die Städtische Sparkasse Amberg im 19. Jahrhundert". Ihr Buch über Albrecht Dürer kann jedoch einem wissenschaftlichen Anspruch nicht genügen. Man darf der Werbung zur Reihe "Kleine bayerische Biographien" nicht auf den Leim gehen. Durchgängig fehlen Fußnoten, die das Geschriebene belegen würden. Thesen werden zitiert, aber manchmal nicht mit ihrer Herkunft gekennzeichnet. Besonders auffällig ist, was auch eine andere Rezension hervorhebt, dass sich Anna Schiener stark an Anja Grebe anlehnt. Gleich zehn Mal setzt sie die Autorin des 2006 erschienen Buches "Albrecht Dürer. Künstler, Werk und Zeit" in Klammern hinter ihre Zitierungen (vgl. S. 35.43.72.81.82.118.124.128.130.138) Ob dies alle ihre Entlehnungen sind, könnte nur eine Textsynopse ergeben, doch dafür lohnt der Aufwand nicht.
Sehr auffällig ist auch, dass Anna Schiener die "Copyright-Problematik" in die Dürerzeit hineinträgt.(vgl. S. 8.33.44.67) Dürer sei schon zu Lebzeiten sehr viel kopiert worden. Nun denn, dies war bei Künstlern am Ende des Mittelalters absolut üblich, wollte man als Künstler einen eigenen Stil, eine große Eloquenz im Umgang mit Themen und mit dem zu bearbeitenden Material gewinnen und zu einem größeren Ruhm gelangen. Auch Dürer selbst hat bei Martin Schongauer (S. 23f), Giovanni Bellini (S. 59), den Bologneser Malerkollegen (S. 60) und anderen gelernt. Genies sind auch im Mittelalter nicht vom Himmel gefallen, sondern mussten sich ihr Können und ihren Ruhm hart durch ständiges Üben und Vervollständigen der eigenen Fähigkeiten erarbeiten. Zum Glück behauptet Anna Schiener nicht auch noch, Dürer hätte sein bekanntes Kürzel "AD" zum Zwecke der Abwehr von Raubkopien in seine Blätter und Bilder hinein genommen. Die um 1494/95 entstandene Graphik "Heilige Familie mit Libelle" sei die erste, die Dürer mit den beiden ineinander gestellten Buchstaben kennzeichnet.(vgl. S. 33) Dass bereits Malergesellen in der Dürer-Werkstatt mit dem Kopieren des Meisters ihren Arbeitslohn verdient hätten, scheint eine Vorstellung zu sein, die von anderen Künstler-Werkstätten auf Albrecht Dürer übertragen wurde.(vgl. S. 30ff) Vielleicht ist es nicht aufgrund der Existenz einer Künstler-Werkstatt, die Dürer selbst geleitet hat, schwierig, Werke dem Meister selbst zuzuschreiben. Vielleicht sind auch nicht die Raubkopien, die es bereits zu Dürers Zeiten gab, das Problem, sondern die fehlende direkte Familientradition nach dem Tod Albrecht Dürers und nach dem Tod seiner Frau Agnes (vgl. S. 133) und die mehrfachen Dürer-Renaissancen seither. Bereits um 1600 wurden die mit dem Kürzel versehenen Bilder und Graphiken in einer ersten "Dürer-Renaissance" hoch gehandelt.(vgl. S. 134) Zu Beginn des 19. Jahrhunderts brachte man in der Romantik dem Mittelalter erneut eine große Begeisterung entgegen und Nürnberg baute erstmals sein touristisches Programm um Albrecht Dürer aus.(vgl. S. 135f) Nicht vergessen werden darf die Zeit des Historismus ab der Mitte des 19. Jahrhunderts und in jenen Jahren die Mittelalter-Euphorie Richard Wagners.
Anna Schiener schreibt, Albrecht Dürer sei zwischen 1490 und 1494 auf Wanderschaft gewesen.(vgl. S. 21) 1494 habe er seine Frau Agnes geheiratet, die aus der Familie Rummel, "einer der angesehensten und reichsten Patrizierfamilien Nürnbergs entstammte"(S. 28). Die Heirat mit Agnes habe ihm seine erste Italienreise erst finanziell ermöglicht.(vgl. S. 35) Nach seiner Heirat sei er, vielleicht auf der Flucht vor der Pest, im September 1494 nach Italien aufgebrochen (vgl. S. 35). Fast erinnert diese Passage an die Abenteuerreise, die Siegfried nach seiner Hochzeit mit Brünnhilde in Richard Wagners "Götterdämmerung" antrat (vgl. Loriot erzählt Richard Wagners Ring des Nibelungen am Beispiel der Aufnahme von Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern (CD), 1993).
Vor allem die Aquarelle, die Dürer zugeschrieben werden, würden auf seiner ersten Italienreise einen Weg über den Brenner mit einem Aufenthalt in Innsbruck belegen.(vgl. S. 37f) An dieser Stelle nun übernimmt Anna Schiener ein originäres Forschungsergebnis von Anja Grebe und G. Ulrich Grossmann, ohne dessen Zitierung auch nur annähernd zu kennzeichnen. So muss der Eindruck entstehen, diese Begebenheit sei Anna Schiener selbst aufgefallen und dies ist mehr als wissenschaftlich unredlich. Anna Schiener schreibt: "Er konnte den Blick auf Innsbruck nicht vor Sommer oder Herbst 1496 festgehalten haben, weil der Bau des Turmes frühestens Frühsommer 1496 bis zum obersten Geschoss fortgeschritten war und der eingerüstete Turmhelm auf dem Aquarell erst 1496/97 aufgerichtet worden sein kann."(S. 38) Thomas Eser geht hier korrekt vor, wenn er in einer Aufstellung zu den wichtigsten Daten aus den frühen Jahren Albrecht Dürers Anja Grebe und G. Ulrich Grossmann als diejenige benennt, die für eine späte Datierung des Innsbruckaufenthalts Dürers diesen Beleg in die Diskussion um den realen geschichtlichen Ablauf eingebracht haben.(vgl. Eser Thomas (2012): Materialien für eine Dürer-Matrix von 1471-1505, in: Hess Dieter/Eser Thomas (Hg.): Der frühe Dürer. Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum vom 24. Mai bis 2. September 2012, Nürnberg, S. 542).
Für einen Aufenthalt Albrecht Dürers in Venedig auf seiner ersten Italienreise gibt es Anna Schiener zufolge keinerlei Belege (vgl. S. 35.36.38). Eingang in seinen Motivvorrat habe Venedig nicht gefunden.(vgl. S. 38)
Sozialhistorisch bringt Anna Schiener einige Details, die Verbindungslinien zwischen Italien und Nürnberg bzw. zwischen Dürer und Rom aufzeigen. Hierzu gibt es noch stärkeren Forschungsbedarf als man bisher annehmen durfte. Bereits um 1500, als Nürnberg wirtschaftlich auf dem Höhepunkt angelangt war, sahen sich die ca. 40.000 Einwohner der Stadt als Republikaner im römischen Sinne. Beispielsweise entlehnten sie aus dem antiken Rom die Kennzeichnung "SPQR" ihrer öffentlichen Einrichtungen mit einem Kürzel und markierten ihre wichtigsten Bauten mit "SPQN", übersetzt heißt dies "Senatus Populusque Norimbergensis" ("der Senat und das Volk von Nürnberg").(vgl. S.31) Bereits um 1500 wurden Dürers Graphiken schon in Italien durch Händler verkauft, da er sich beklagt, einer seiner Händler sei in Rom gestorben und er habe dadurch sein Eigentum verloren.(vgl. S. 33) Nicht nur zu Dürers Lebzeiten galt der Nürnberger Künstler der römischen Inquisition als unverdächtig. Auch im 17. Jahrhundert galt er, laut Anna Schiener, im Vatikan als "ehrbar" und "fromm"(S. 134).
Wie viel Albrecht Dürer von seinem Vorbild und Lehrer Martin Schongauer gelernt und übernommen hat, scheint ebenso ein Forschungsdesiderat zu sein. Anna Schiener erwähnt, dass Martin Schongauer "der erste bedeutende Kupferstecher"(S. 115) war und dass er bereits Kupferstichserien anfertigte.(S. 33) 1497/98 habe sich Dürer mit der "Haller-Madonna" "im italienischen Stil ... endgültig von den Mariendarstellungen, wie er sie bei Schongauer kennengelernt hatte"(S. 47) gelöst.
Sehr verstimmt bleibt man zurück, wenn man bedenkt, dass die Reformationszeit bei Anna Schiener fast gar nicht vorkommt. Auf Seite 88 fehlt somit ein ganzes Kapitel, in dem die Zeit zwischen 1517 und 1520 beschrieben hätte werden müssen. Zwischen 1518 und 1521 war Albrecht Dürer mit der Vorbereitung und Finanzierung seines "Großen Triumphwagens" beschäftigt (vgl. S. 75), den er an die Wand des großen Rathaussaales malen sollte (vgl. S. 105-109). Bei Restaurierungsarbeiten im 19. Jahrhundert wurde dieses Wandgemälde völlig zerstört.(vgl. S. 109) 1518 portraitierte Albrecht Dürer den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Kurfürst und Kardinal Albrecht von Brandenburg.(vgl. S.110) Konkreteres über diese ersten spannenden Jahre der Reformationszeit findet sich bei Anna Schiener nicht. Mehrfach erwähnt sie das gute Verhältnis Friedrichs des Weisen zu Nürnberg und seine Begeisterung für Dürer-Graphiken, die er auch sammelte.(vgl. S. 44.45.69.106.110.111) Mit seinem ersten Gemäldeauftrag soll Albrecht Dürer von Kurfürst Friedrich III. von Sachsen, den man "Friedrich, den Weisen" nannte, betraut worden sein.(vgl. S. 44) Albrecht Dürer habe "schon früh Kontakte zu reformatorischen Kreisen"(S. 102) unterhalten und sich um das Schicksal Martin Luthers gesorgt (vgl. S. 103). Anna Schiener meint, der 1523/1525 entstandene Holzschnitt "Das Abendmahl" zeige ein typisch reformatorisches Abendmahlsverständnis (vgl. S. 104). Tatsächlich schloss sich die Stadt Nürnberg im Jahr 1525 der lutherischen Reformation an.(vgl. S. 123) Martin Luther scheint Albrecht Dürer nicht selbst begegnet zu sein. Doch lernte er 1525/26 Philipp Melanchthon bei dessen Reisestopp in Nürnberg kennen und hielt den Gefährten Luthers in einem Kupferstichportrait fest.(vgl. S.113) Als Albrecht Dürer im Jahr 1528 mit 57 Jahren an einer schweren Krankheit plötzlich verstarb, betrauerten seinen Tod auch Martin Luther, Philipp Melanchthon und Erasmus von Rotterdam.(vgl. S. 131)
Versucht man, die Biographie "Albrecht Dürer. Genie zwischen Mittelalter und Neuzeit" von Anna Schiener für sich alleine zu bewerten, ohne je ein anderes Buch über Albrecht Dürer gelesen zu haben, so könnte man versucht sein, vier Sterne zu vergeben. Belletristisch gesehen ist das Buch sehr flüssig geschrieben und liest sich leicht. Würde man mit einem wissenschaftlichen Anspruch an die Biographie herangehen, so würden sich erhebliche Fehlstellen und Lücken zeigen, die in der Bewertung eigentlich gar keinen Punkt ergeben sollten. Da das Buch in der Reihe "Kleine bayerische Biographien" erschienen ist und somit einem wissenschaftlichen Anspruch genügen will, bleibt nur, es mit der niedrigsten Punktzahl zu bewerten und dies ist ein Punkt.


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3.0 von 5 Sternen Ein teueres, nicht vollständiges, nicht zitierbares Buch mit einer faszinierend facettenreichen Kardinalsauswahl, 3. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Teuer, nicht vollständig und nicht zitierbar - so ließe sich, kurz gefasst, der wissenschaftliche Wert des Buches "Cardinali elettori" beziffern. Für 18,99 Euro bekommt man ein in eine dünne Broschur gebundene, willkürlich verfaßte Sammlung von Artikeln, die im Internet bei Wikipedia bereits veröffentlicht wurden. Gedruckt wurde das Buch in den USA, wahrscheinlich im "print on demand"- Verfahren. Dies meint, dass das Buch erst dann gedruckt wird, wenn man eine Bestellung aufgibt und dass es nicht schon in einer höheren Auflagenzahl vorrätig ist.
Den italienische Titel "Cardinali elettori" könnte man mit den Worten "Wählbare Kardinäle" übersetzen. Gemeint sind damit nicht alle Mitglieder des Kardinalskollegiums, sondern nur solche, die das achtzigste Lebensjahr noch nicht begonnen haben.
Die Auswahl der Kardinäle ist somit in mehreren Hinsichten kritisch zu betrachten. Zum einen handelt es sich um Artikel, die bei Wikipedia bereits erschienen sind. Wikipedia ist nicht zur Vollständigkeit verpflichtet und somit fallen die Artikel ganz unterschiedlich in ihrer Länge und in der Qualität aus, je nachdem, wer den Artikel bei Wikipedia verfasst hat. Dies ist zumeist anonym geschehen. Dietmar Hübner schreibt über die wissenschaftliche Verwertbarkeit von Inhalten aus Wikipedia: "Insbesondere Wikipedia hat keinerlei institutionelle Legitimation, wie sie ein von einem qualifizierten Herausgeberstab vorgelegtes Fachlexikon aufweist, und ist zudem im Bereich der Philosophie relativ schwach." (Hübner Dietmar: Zehn Gebote für das philosophische Schreiben. Ratschläge für Philosophie-Studierende zum Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten, Göttingen/Oakville, S. 64). Für den Bereich der katholischen Theologie gilt Gleiches.
Doch nicht nur bezüglich der anonymen Autorschaft, der nicht genannten Quellen für die einzelnen Artikel, der schlecht nachprüfbaren inhaltlichen Vollständigkeit und Richtigkeit ist dieses Buch kritisch zu sehen. Innerhalb der wählbaren Kardinäle gibt es immer wieder Veränderungen und Verschiebungen. Sobald ein Kardinal seinen achtzigsten Geburtstag feiert, ist er nicht mehr wählbar und müsste somit aus der Reihe der im Buch aufgenommenen Kardinäle herausgenommen werden. Zudem versterben immer wieder höher betagte Kardinäle vor ihrem achtzigsten Geburtstag und sind damit logischerweise auch nicht mehr wählbar. Das Buch "Cardinali elettori" müsste somit eine stetige Aktualisierung erfahren. Es kann somit passieren, dass man das Buch bestellt und bis es gedruckt ist und geliefert wird, kann es schon veraltet sein. In der Version vom 31. Juli 2011 fehlt beispielsweise eine genaue Datumsangabe, zu welchem Stichtag die in das Buch aufgenommene Auswahl getroffen wurde.
Noch aus einem weiteren Grund ist eine Verwertung hierzulande eingeschränkt. Das Buch wird zwar in den USA gedruckt. Der Inhalt ist allerdings in italienischer Sprache verfasst und erschließt sich somit nur denjenigen, die dieser Sprache mächtig sind.
Wie bereits erwähnt, ist auch der Preis von 18,99 Euro für 74 bedruckte Seiten aus dem Internet recht hoch gewählt. Trotz all dieser Einwände kann das Buch ein nützliches Hilfsmittel sein. Zu vielen im Kardinalskollegium vertretenen Kardinälen sind Hintergrundinformationen nur sehr schwer zu bekommen. Es gibt kein Buch dazu. Lediglich der "Osservatore Romano", die vatikanische Hauszeitung, veröffentlicht von Zeit zu Zeit einen Überblick über die aktuell tätigen Kardinäle. Für Journalistinnen und Journalisten kann dieses Buch nützlich sein, um erste, bislang aber als unbestätigt anzusehende Informationen über die wählbaren Kardinäle zu bekommen. Ebenso können diejenigen, die an vatikanischen Internas interessiert sind, dieses Buch zum Schmökern in die Hand nehmen. Sogar für Papstverdrossene und Kirchenkritiker kann das Buch eine Quelle der Erbauung und Erleuchtung sein. Wer aktuell mit der Kirchenleitung unzufrieden ist, kann dieses Buch zu Hand nehmen (falls er oder sie italienisch kann), und kann sich überlegen, wen das Konklave anstatt von Joseph Kardinal Ratzinger hätte wählen können oder wen das Konklave das nächste Mal aus seinen Reihen zum Papst wählen könnte. Somit zaubert dieses Buch ein Schmunzeln und ein Lächeln auf das Gesicht der Lesenden: Was wäre in dieser katholischen Kirche noch möglich? Wer könnte zukünftig ein Hoffnungsträger jenseits der derzeitigen Realität sein? Wen würde man selbst aus der Reihe der "wählbaren Kardinäle" exponieren? Mit dem Lesen der kleinen und relativ kurzen Artikel gewinnt man einen Eindruck von der Vielfältigkeit der Positionen derjenigen, die mit dem Papst zusammen die katholische Kirche leiten und in ihrer hierarchischen Spitze arbeiten. Plötzlich weitet sich der Blick in ein katholisches Universum, dessen Weg in die Zukunft keineswegs so einlinig und gerade verlaufen muss, wie die hermetisch abgeriegelten Zirkel rings um den Vatikan den Außenstehenden derzeit glauben machen wollen. So können Blicke in dieses Buch ein fasziniertes Lächeln auf dem Gesicht der Lesenden bewirken. Wer wird der nächste Papst? In dieser Reihe der "Cardinali elettori" könnte er noch ganz unentdeckt stehen.


Der Vatikan - Die verborgene Welt
Der Vatikan - Die verborgene Welt
DVD ~ Richard Ladkani
Preis: EUR 9,99

4 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Was will der suggestive Film bezwecken und was wollen die Filmemacher mit den wunderschönen Bildern verheimlichen und verbergen?, 2. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Vatikan - Die verborgene Welt (DVD)
Der Film "Vatikan - die verborgene Welt" ist am 7. Juni 2012 gegen die Endausscheidung von "Germany's next Topmodel" in Sat 1 gelaufen. Dies war eine Herausforderung. Der Bayerische Rundfunk brachte anlässlich des Fronleichnamsfestes am 7. Juni 2012 einen Film ins Rennen, der die verborgene Welt hinter den Mauern des Vatikans zeigen soll. Offensichtlich ließen sich die Programmverantwortlichen nicht so sehr von den Programmen der Konkurrenzsender leiten. Sie wollten einen "typisch katholischen" Akzent nicht nur zum katholischsten aller Feiertage bringen, sondern auch noch "schöne" und seltene Bilder aus dem Vatikan, die die Gläubigen beschwichtigen sollten. Einige Tage zuvor war der Kammerdiener des Papstes Paolo Gabriele am 25. Mai 2012 verhaftet worden und erklärte der ehemalige Chef der Vatikanbank Ettore Gotti Tedeschi nach einem einstimmigen Misstrauensvotum der vier Aufsichtsräte der Bank seinen Rücktritt. Der Film "Vatikan - die verborgene Welt" sollte nun Normalität und Sicherheit wieder herstellen, die scheinbar in der noch nicht völlig aufgeklärten Krise im Vatikan zu verschwinden drohte. An dem tatsächlichen normalen Routinealltag und an der Vertrauens- und Sicherheitskrise im Vatikan ändert ein solcher Film selbstverständlich gar nichts. Er dient letztlich nur der Beschwichtigung und Negierung der Probleme im Vatikan, die den Zuschauerinnen und Zuschauer mit den immer gleichen Methoden vom Bayerischen Fernsehen seit Beginn des Pontifikates von Papst Benedikt XVI. vorgeführt werden. Somit stellt sich die Frage: Was hilft der Bayerische Rundfunk hinter den vatikanischen Mauern zu verbergen?
Wer nur etwa zwei Jahre zurück denken kann und wer, zugegebenermaßen, ein Vatikanfan ist, der wird sich vielleicht duster daran erinnern, große Teile des Films "Vatikan - Die verborgene Welt" schon einmal im Bayerischen Rundfunk gesehen zu haben. Die DVD, die 2010 produziert wurde und die ab dem 25. März 2011 zu kaufen war, beinhaltet somit die ältere Version dieses Filmes. Auch kino.de stellte den Dokumentarfilm "Der Vatikan - die verborgene Welt" von Richard Ladkani vor. Von dem BR-Redakteur Michael Mandlik ist bekannt, dass er gerne schon einmal ausgestrahlte Filme leicht verändert und aktualisiert nochmals senden läßt. Für die erneute Ausstrahlung des Films korrigiert er dann dessen Titel geringfügig. Sofort fällt ins Auge, dass der am 7. Juni 2012 ausgestrahlte Film den Titel "Vatikan - Die verborgene Welt" trägt und somit eine Variation des 2010 bereits gezeigten Ouevres "Der Vatikan - Die verborgene Welt" ist. Im Nachspann wird Michael Mandlik als Berater des Films genannt.
Sehr verwundert ist man, wenn man sieht, dass auch der bis zum 31. Mai 2012 beim Bayerischen Rundfunk angestellte Fernsehdirektor Gerhard Fuchs und die Leiterin der Redaktion "Kultur und Familie", die die Aufsicht hat über die Redaktion "Kirche und Welt", Dr. Sabine Scharnagl neben Michael Mandlik ebenfalls als Berater und Beraterin tätig waren. Dr. Sabine Scharnagl, die über "Plato and the mysteries" in der Philosophie in Großbritannien promovierte und die die Tochter des ehemaligen Chefredakteurs des Bayernkuriers Dr. Wilfried Scharnagl ist, leitet seit 2001 das Ressort "Kultur und Familie" des Bayerischen Fernsehens. Ihr Vertrag wurde für die Zeit vom 1. April 2011 bis zum 31. März 2016 verlängert. Beim Bayernkurier hat es für die promovierte Philosophin scheinbar keine Stelle gegeben. Gleichzeitig kommt dem durchschnittlichen Fernsehzuschauer und der laienhaften Fernsehzuschauerin diese Häufung an hierarchisch hochkarätigen Beraterinnen und Beratern seltsam vor. Gibt es vielleicht presserechtliche Gründe dafür, dass man sich so institutionell abgesichert hat bei der Beratung zu diesem Film? Oder sollte es ein Prestigeprojekt sein?
Einige Passagen wurden aus dem im Jahr 2010 ausgestrahlten Film bei der Neusendung in diesem Jahr herausgeschnitten und er wurde um einen aktuellen Schluss ergänzt. "Der Vatikan - Die verborgene Welt" endete damit, dass Papst Benedikt XVI. vor der Monstranz kniend, begleitet von einer großen Schar römischer Bürgerinnen und Bürger auf die Kirche Santa Maria Maggiore in Rom zufährt und in der Zuschauermenge sind Gudrun Sailer, 2010 Redakteurin bei Radio Vatikan, und Davide Giulietti, Leibwächter des Papstes, zu sehen. In der Version von 2012 wurden die Interviewpassagen mit Davide Giulietti, einem bekennenden Legionär Christi, wesentlich ausgebaut, während die Szenen mit Gudrun Sailer zum Teil herausgeschnitten wurden, zum Teil neu mit Text unterlegt wurden und zum Teil durch andere Passagen ersetzt wurden.
Gudrun Sailer ist eine der schillerndsten Journalistinnen, die für den Vatikan arbeiten. Auf ihrer eigenen Homepage endet ihre Vita im Jahr 2003, als sie Redakteurin bei Radio Vatikan wird. Sie studierte Literaturwissenschaft und Romanistik, ihrem Italienisch wie ihrem Deutsch ist der starke österreichische Akzent stets anzuhören. Journalistische Ausbildung hat sie keine, was man ihren Anmoderationen und ihrer Bearbeitung von Themen immer wieder anmerkt und was auch in dem Film "Der Vatikan - die verborgene Welt" auffällt. Man fragt sich, wie eine Frau, die selbst von sich in dem Film "Der Vatikan - Die verborgene Welt" sagte, dass sie ein Taufzeugnis und eine Firmbestätigung brauchte, um bei Radio Vatikan angestellt zu werden, immer wieder als Vatikankennerin in den Medien auftreten kann. In dem Film "Vatikan - Die verborgene Welt" maßt sie sich gar an, Ratschläge zu geben, wie richtige Historiker, selbstverständlich benutzt sie nur die männliche Sprachform, schließlich arbeitet sie für einen "Priesterstaat", bei der Erforschung der Judenfrage bezüglich des Vatikans vorzugehen hätten. Die Anmaßungen dieser als Journalistin tätigen Literaturwissenschaftlerin sind schwer erträglich. Eine Ausbildung als Historikerin besitzt sie nicht. So ist es nur zu verständlich, dass sie in dem Original von 2010 davon spricht, dass Edith Stein elf Jahre, nachdem sie einen "Brandbrief" an den Papst geschrieben hatte, gestorben sei. Genau diese Stelle wurde für die Version von 2012 neu synchronisiert und nun spricht Gudrun Sailer davon, dass Edith Stein "getötet" wurde, ja sogar "ermordet" wurde. Obwohl die Stelle der Ermordung Edith Steins durch die Nazis in dem Film "Vatikan - Die verborgene Welt" nun neu vertont wurde, merkt man der historischen "Nachforschung" von Gudrun Sailer immer noch an, wes Geistes Kind sie ist.
Gudrun Sailer hatte es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, der Frage nachzugehen, wer die erste Frau war, die im Vatikan angestellt wurde und meint, sie in der 1898 geborenen Hermine Speier, einer Jüdin aus Frankfurt, gefunden zu haben, die ab 1938 im Vatikan als Archäologin gearbeitet haben soll und die im Jahr 1989 verstarb. In der Filmversion von 2012 hält Gudrun Sailer ein Photo von Hermine Speier in die Kamera, das zeigen soll, dass ein Weinglas auf dem Tisch steht und dass eine Zigarettenpackung auf dem Tisch liegt. Dazu kommentiert Gudrun Sailer, Hermine Speier sei eine lebenslustige Frau gewesen und hätte sich gar nicht so verhalten, wie man es von einer Frau in dieser Zeit erwarten würde. Hier fragt man sich, was in dem Kopf von Gudrun Sailer vorgeht und welches kulturelle Wissen sie vermitteln will. Das Photo zeigte eine Frau in den mittleren Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts. Damals war es absolut üblich, dies ist in alten italienischen Filmen der Zeit durchaus zu sehen, dass Frauen öffentlich rauchten. Was ist bei einem geselligen Abend gegen ein Glas Wein einzuwenden? Ähnlich geht die Stänkerei von Gudrun Sailer weiter. Sie faßt mit ihren blanken Fingern historische Originaldokumente an und schmiert über die Seiten. Handschuhe, wie bei Historikerinnen und Historikern während der Erforschung von Quellenmaterial üblich, zieht sie nicht an. Später in dem Film "Vatikan - Die verborgene Welt" wird man Angelo Kardinal Commastri und Bischof Sergio Pagano sehen, die mit aller Mühe und mit allen Mitteln versuchen, historische Dokumente, die dem zeitlichen Verfall ausgesetzt sind, zu retten.
In dem Film wird sowohl in der Version von 2010 als auch in der Version von 2012 gleich zweimal betont, welch gute Kontakte Gudrun Sailer "zur Kurie" haben würde. "Die Kurie" ist groß. Für manche reichen nur zwei sehr persönliche Kontakte zu langjährigen, alt eingesessenen Kurienmitgliedern, und es öffnen sich Personalakten im Governatorat, dem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone vorsteht. Über solche Kontakte verfügt Gudrun Sailer offensichtlich. Sie selbst klagt in dem Film, dass noch nicht einmal sie Interviews mit Eminenzen bekommen habe, als der Missbrauchsskandal gerade besonders hoch schwappte. An dieser kleinen Passage kann man ersehen, wie ein "Spezialist" bzw. in diesem Fall eine "Spezialistin" in der Presseberichterstattung über den Vatikan generiert wird. Eine ungelernte Journalistin knüpft zwei Kontakte zu langjährigen Vatikanmitarbeitern, dafür darf sie dann Personalakten einer Jüdin völlig unbeaufsichtigt und alleine einsehen. Schließlich hat sie es sich zum Ziel gesetzt, "das schlechte Image des Vatikans" bezüglich der Rettung von Jüdinnen und Juden während der Nazizeit zu revidieren. Sie erwähnt zwar, dass Hermine Speier 1938 angestellt wurde und dass es einen Briefwechsel gegeben hat, ob sie wirklich Jüdin sei. Gudrun Sailer verwundert sich sehr darüber. Mit gespitztem Mund erzählt sie, dass sie bei ihrer Anstellung bei Radio Vatikan Taufzeugnis und Firmurkunde vorlegen musste. Wann Hermine Speier zum Katholizismus konvertiert sei, habe sie nicht herausfinden können. Aber da die Jüdin auf dem Campo Santo Teutonico beerdigt worden sei, obwohl sie in Montreux verstorben war, müsse sie wohl irgendwann katholisch geworden sein, denn sonst hätte nicht der Rektor des Campo Santo Teutonico Erwin Gatz höchst persönlich eine Trauerfeier auf dem Campo Santo Teutonico vornehmen dürfen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Besonders unflätig wirkt die Bemerkung Gudrun Sailers am Grab Hermine Speiers, deren Bekannte hätten sie "Spinni" genannt. Vielleicht ist dies nur eine Erfindung einer Vatikanjournalistin, da Gudrun Sailer für diese Aussage keine Zeugen beizubringen imstande ist? Verunglimpfung Toter ist nicht nur ethisch mehr als fragwürdig, sondern auch gesetzlich verboten. Eine durch den Vatikan angestellte und damit vor den Nazis gerettete Jüdin so herauszustellen und damit die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden erst gar nicht zu erwähnen, ist so geschmacklos, dass man darüber gar keine richtige Freude über die sonstigen in dem Film "Der Vatikan - die verborgene Welt" wunderschönen Aufnahmen aus dem Vatikan empfinden kann. Vielleicht wird genau dies unterschwellig mit diesem Film suggeriert und transportiert: Es zählt allein die Glorifizierung dessen, was der Vatikan an Besitztümern hat. Was der Vatikan tut, ist immer richtig, über jegliche Kritik erhaben und an sich bereits sakrosankt.
Mit keinem Wort sagt Gudrun Sailer allerdings, wahrscheinlich, weil es ihr überhaupt nicht aufgefallen ist, dass die Anstellung Hermine Speiers im Vatikan im Jahr 1938 unter dem Pontifikat von Papst Pius XI. stattgefunden hat und nicht unter dem seines Nachfolgers Papst Pius XII., der besonders in der Kritik steht, zu wenig für die Rettung verfolgter Menschen vor dem Naziregime getan zu haben. Papst Pius XI. hat nun bekanntlich bereits im Jahr 1931 in "Non abbiamo bisogno" vor der faschistischen Staatsauffassung als heidnischer Staatsvergottung gewarnt (vgl. Gelmi Josef (2001): Pius XI., in: Steimer Bruno (Hg.): Lexikon der Päpste und des Papsttums, Freiburg/Basel/Wien, Sp. 340) und in der auf deutsch erschienen Enzyklika "Mit brennender Sorge" bereits im März 1937 auf die Vergöttlichung der Rasse hingewiesen und den Unterschied zwischen dem päpstlichen Verständnis und dem nationalsozialistischen Verständnis des Menschen deutlich ausgesprochen.(vgl. Bello Nino Lo (1990): Vatikan im Zwielicht. Die unheiligen Geschäfte des Kirchenstaates, München, S. 100; vgl. Gelmi, Pius XI., Sp. 341) Man kann nun schlecht historisch mit einer Maßnahme unter Pius XI., eine Jüdin als erste Frau im Vatikan anzustellen, begründen, dass Papst Pius XII. sich besonders und speziell im Geheimen für die Rettung von Jüdinnen und Juden eingesetzt hat und dass Edith Stein nur deshalb "Pech" gehabt hatte, wie Gudrun Sailer es benennt, weil sie am falschen Ort war, nämlich nicht im Vatikan. Solche Gedanken des Abwägens von zwei Menschenleben zweier zum Katholizismus konvertierter Jüdinnen, jedenfalls nimmt Gudrun Sailer die Konversion von Hermine Speier hypothetisch an, erscheinen ungeheuerlich angesichts der Tatsache, dass sechs Millionen Jüdinnen und Juden in ganz Europa von Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten umgebracht wurden. Ob solch menschenverachtender Dreistigkeit, die Gudrun Sailer mit stoischer Mine über den Bildschirm bringt, und die sich damit als seriöse Geschichtsforscherin darstellen will, verschlägt es einem fast die Sprache.
Besonders fällt auf, dass Gudrun Sailer seit rund zwei Jahren gerne die Hand in die Kamera hält, an der sie einen Ehering trägt. Es ist aber nicht bekannt, mit wem sie verheiratet ist. Bislang waren spirituelle Ehen nur unter Nonnen und Mönchen üblich. Dass sich Nicht- Verheiratete in besonderer Weise dem geistlichen Leben verpflichten, gehört zu den geistlichen Bedingungen des Opus Dei.(vgl. Aymans Winfried/Mörsdorf Klaus (1997): Kanonisches Recht: Lehrbuch aufgrund des Codex iuris canonici, Band II: Verfassungs- und Vereinigungsrecht, Paderborn/München/Wien, S. 750; vgl. Eder Manfred (2003): Opus Dei, in: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, Band 6, Tübingen, 4., völlig neu bearbeitete Auflage, Sp. 600) Der Journalist Peter Hertel entnimmt der internen Schrift "Vademecum" des Opus Dei, dass es eine "Klasse" gibt, die als Inscritos bzw. Inscritas ein zusätzliches Treuversprechen gegenüber dem Opus Dei abgelegt haben und deshalb für Leitungsfunktionen innerhalb des Opus Dei qualifiziert sind.(vgl. Hertel Peter (1992): Anfragen an das Selbstverständnis des Opus Dei, in: Schützeichel Harald (Hg.) (1992): Opus Dei. Ziele, Anspruch und Einfluß, Düsseldorf, S. 39) Ob Inscritos bzw. Inscritas nach ihrem zusätzlichen Treueversprechen einen Ehering tragen, wie manche Mitglieder geistlicher Orden dies tun, ist nicht bekannt. Ob Gudrun Sailer ein solches zusätzliches internes Treueversprechen gegenüber dem Opus Dei abgelegt hat, ist ebenfalls nicht bekannt. Es stellt sich die Frage, ob sich an dem suggestiv sehr eindringlich gestalteten Film "Der Vatikan - die verborgene Welt" nicht eine Reihe in der Presse sehr erfahrener Opus Dei-Anhängerinnen und Anhänger beteiligt hat.
Auf jeden Fall verdienen die Berichtigungen, die die Version von 2010 erfahren hat und die in der DVD noch nicht vorgenommen wurden, eine erhöhte Aufmerksamkeit. Es stellt sich die Frage, was mit einem solchen Film bezweckt werden soll jenseits der schönen, mächtigen und beeindruckenden Bilder und jenseits der scheinbar praktizierten Offenheit bezüglich früherer vatikanischer Geheimnisse. Ganz offensichtlich hat die Version von 2010 eine große Resonanz gefunden, denn sie wurde 2011 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet und wird vom Bayerischen Rundfunk gewerblich vertrieben. In der Begründung für den Bayerischen Filmpreis heißt es, dass der Film am 6. Januar 2011 erfolgreich in der ARD unter der Redaktion von Dr. Sabine Scharnagl ausgestrahlt worden sei. Welche Version nun wann wie bearbeitet wurde und welche Passagen genau herausgeschnitten wurden und durch neu gedrehte Episoden ersetzt wurden, läßt sich nur schwer kontinuierlich verfolgen. Die seltenen und schönen Filmpassagen aus dem Vatikan sind sehr beeindruckend und wirken äußerst suggestiv. Es bleibt die Frage offen, was mit dem Film "Der Vatikan - die verborgene Welt" bezweckt werden soll.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 13, 2014 4:01 PM CET


Unsere Umgangsformen
Unsere Umgangsformen
von Gloria Fürstin von Thurn und Taxis
  Gebundene Ausgabe

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Morgens um zehn Uhr im Bademantel bei der Paketannahme und im Minirock beim Papst, 2. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Unsere Umgangsformen (Gebundene Ausgabe)
Manche mögen das Buch "Unsere Umgangsformen. Die Welt der guten Sitten von A bis Z" von Gloria von Thurn und Taxis und von Alessandra Borghese so verstehen, als ob die beiden Damen mit einem exaltierten pädagogischen Impetus einen "'Knigge' in Lexikonform" der Öffentlichkeit präsentieren wollten. Tatsächlich handelt es sich bei dem Buch um eine Darstellung der Umgangsformen der beiden Adeligen. Keinesfalls wird mit diesem Buch eine Aussage über die unter den europäischen Adeligen üblichen Umgangsformen getroffen oder gar suggeriert, der Adel habe in der Vergangenheit nach diesen Umgangsformen gelebt und hier werde nun in 150 Stichworten auch Nichtadeligen die Opportunität geboten, so zu tun, als hätte man eine adelige Erziehung genossen, um mehr gesellschaftliche Anerkennung zu erreichen. Der Klappentext sowohl der im Jahr 2000 erschienen Hardcoverausgabe wie auch der Umschlagtext der broschierten Ausgabe aus dem Jahr 2004 führen die Erwartungen gegenüber diesem Buch diesbezüglich in die Irre.
Antiquarisch sind sowohl die Hardcoverausgabe wie auch die Taschenbuchausgabe noch erhältlich. Inhaltlich unterscheiden sich beide Ausgaben im Text nicht. Für die Taschenbuchausgabe wurden einige großformatige Bilder aus der Hardcoverausgabe herausgenommen (S. 9.13.17.28.32.48.51.61.66.77.79.86.96.109.113.117.119.121.134.139.140.148.151.160.162.165.167). Teilweise wurden sie durch Selbstbildnisse der beiden Autorinnen ersetzt, wobei die Fotos von Alessandra Borghese bei den neu Hinzugekommenen überwiegen. Viele der herausgenommenen Fotos stammten von Martin Parr (vgl. Bildnachweis am Ende der Hardcoverausgabe). In der Taschenbuchausgabe fehlt somit ein Foto zum Exhibitionismus (S. 51), auf dem ein Mann zu sehen ist, wie er sich vor einer grölenden Männerrunde die Badehose herunterzieht und seinen Po der Kamera präsentiert. Ebenso muss man in der Taschenbuchausgabe ein Foto vermissen, auf dem ein Verkehrsschild mit einem Pfeil geradeaus vor einer Bergkulisse zu sehen ist, die dem japanischen Fudschijama gleicht.(S. 13) Auch ein Foto mit einem kleinen Kind, das eine Kaugummiblase vor dem Mund hat zum Thema "Kaugummi" muss man in der Taschenbuchausgabe missen (S. 96), ebenso wie einen Mund mit Zähnen zum Thema "Lachen" (S. 117) und ein Liebespaar im Meer zum Thema "Leihgabe" oder gehört das Foto zum Thema "Lebensgemeinschaften" (S.119)? Allein wegen dieser Bilder lohnt es sich, die Hardcoverausgabe käuflich zu erstehen.
Die Fotos, die in beiden Ausgaben zu sehen sind, zeigen zu einem größeren Teil die beiden Autorinnen. Weil aber Klappern zum Gschäft gehört und weil man als geborene Adelige ja keinesfalls dem "Snobismus" (vgl. S. 164f) huldigen kann, zeigt ein Foto Visitenkarten (S. 3), darunter eine von Annie Leibovitz, und ein Foto Briefköpfe (S. 31), darunter einer von Christies und einer aus dem Staatssekretariat des Vatikans. Meint man, dass hier die "Diskretion" nicht gewahrt sei, so kann man gleich unter diesem Stichwort nachlesen, was die beiden Autorinnen dazu meinen (S. 39).
Wie aus der Biographie über Gloria von Thurn und Taxis von Rudolf Schröck hervorgeht, hat die Regensburger Fürstin während ihrer Schulzeit sieben Schulen besucht und dann kurz vor dem Abitur das Gymnasium verlassen (vgl. Schröck Rudolf, Gloria von Thurn und Taxis. Eine Biographie, Düsseldorf, S. 28-35). So verwundert eine Passage zum Stichwort "Anrede" nicht: "Ist jemand Akademiker, wird er sich nicht verletzt fühlen, wenn Sie ihn als 'Herr Doktor' anreden, einen älteren Lehrer schmeicheln Sie, wenn Sie ihn mit 'Herr Professor' anreden."(S. 6) Kein Akademiker und keine Akademikerin hätte je ein so geringes Wissen, als dass er oder sie einen anderen Universitätsabsolventen mit "Herr Doktor" ansprechen würde, ganz abgesehen davon, dass es auch Frauen unter den Promovierten gibt. In Österreich war es früher üblich, Lehrer mit "Herr Professor" anzusprechen. Aber weder Gloria von Thurn und Taxis noch Alessandra Borghese kommen aus Österreich und selbst dann würde diese singuläre national üblich Anrede eine entsprechende lokale Verortung verdienen.
Dass man sich im Fall von Gloria von Thurn und Taxis schwer tun kann mit Menschen, die eine geregelte Schul-, Universitäts- und Berufsausbildung genossen haben, zeigt die Animosität, die unter dem Stichwort "Besserwisser" zutrage tritt. Dort heißt es: "Für den Fall, dass Sie etwas besser wissen: im Geiste bis zehn zählen und innerhalb dieser Zeit noch einmal prüfen, ob es wirklich sinnvoll ist, die eigene Ansicht zum Besten zu geben. Meistens tut man sich den größten Gefallen, wenn man schweigt."(S. 20) Davon, mit dem erworbenen Wissen anderen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, sind diese beiden Damen weit entfernt. Man kann sich vorstellen, wie schwer es zu ertragen sein muss, wenn nahezu alle um einen herum über einen wesentlich besseren Schul-, Universitäts- und/oder Berufsabschluss verfügen wie man selbst. Das möchte man nicht stets vorgeführt bekommen und entwirft ganz schnell eine neue Regel für sogenannte "Besserwisser" - typisch Gloria von Thurn und Taxis.
Dass es eine gewisse Diskrepanz zwischen dem gibt, was die beiden Autorinnen in dem Buch "Unsere Umgangsformen" propagieren und was sie selbst leben, zeigt ebenfalls ein Blick in das Buch zu dem Stichwort "Audienz"(S. 11f). Dort steht: "Zu einer Privataudienz beim Papst tragen Herren frühmorgens Morning suit (Cut) oder Stresemann (mit Orden und Auszeichnungen), nachmittags einen Frack, ebenfalls mit allen zur Verfügung stehenden Orden. Die Damen tragen ein langes schwarzes Kleid, lange schwarze Handschuhe, keinen Schmuck, aber Orden. Außerdem sollten sie einen schwarzen Schleier tragen. Zu einer öffentlichen Audienz beim Papst tragen die Herren einen dunkelgrauen Anzug, ein weißes Hemd, eine einfarbige dunkle Krawatte und gegebenenfalls Orden. Die Damen tragen Schwarz, beispielsweise ein schwarzes Kostüm und einen dunklen Schleier und ebenfalls Orden."(S. 11) Gleich darunter kann man ein Foto sehen, auf dem Alessandra Borghese und Gloria von Thurn und Taxis zwar beschleiert, aber mit deutlich über dem Knie endenden Miniröcken offensichtlich auf dem Petersplatz in der ersten Reihe zwischen anderen Gläubigen sitzen (S. 11). Davon, dass man bei einer Generalaudienz oder einer Messe mit dem Papst keinen Minirock trägt und davon, dass sich die Kniehöhe in allen Fällen als die geeignete Grenze erweist, über die höher kein Rock rutschen sollte, haben die beiden adeligen Damen offensichtlich noch nichts gehört. Die Hardcoverausgabe und die Taschenbuchausgabe sind noch zu Zeiten von Papst Johannes Paul II. erschienen und insofern mag der Ratschlag "man spricht den Papst niemals unaufgefordert an" (S. 12) seine Berechtigung haben. Würde man von Papst Benedikt XVI. etwas wollen, käme man gar nicht umhin, ihn selbst anzusprechen.
Von solchen und ähnlichen Unzulänglichkeiten in der Etikette strotzt das Buch "Unsere Umgangsformen. Die Welt der guten Sitten von A bis Z" nur so. Keinesfalls sollte man, wie schon erwähnt, dem Fehlschluss unterliegen, dass dieses Buch beispielhaft die guten Sitten des europäischen Hochadels beschreibt. Vielmehr ist es ein Wunschbuch der beiden Autorinnen selbst, wie sie sich die Welt der guten Sitten vorstellen, unabhängig davon, ob sie sich selbst daran halten oder nicht.
Meine absolute Lieblingsstelle findet sich unter dem Stichwort "Bademantel": "Frühmorgens (was das genau bedeutet, soll hier nicht vorgeschrieben werden, endet unseres Erachtens aber spätestens gegen 10 Uhr) Post und Pakete im Bademantel anzunehmen ist akzeptabel."(S. 18) Die grammatikalische Feinheit, dass ein Infinitivsatz mit einem Komma abztrennen ist, ist den Autorinnen nicht vertraut. Sei es drum, Grammatik ist etwas für "Besserwisser". Ganz sicher bin ich mir über das verdutzte Gesicht eines Paketausfahrers, wenn ihm eine Frau kurz vor 10 Uhr morgens im Bademantel die Haustüre öffnen würde. Noch stärker wäre die Verwunderung auf seinem Gesicht zu lesen, würde ihm die Frau im Bademantel dann noch erklären, dass sie erst kürzlich in einem Buch über die guten Sitten zweier adeliger Damen gelesen habe, dass ein solcher Auftritt im Bademantel zur Entgegennahme von Post und Paketen "akzeptabel" sei. Der Paketausfahrer würde dann wahrscheinlich sagen, dass er unter den "guten Sitten" etwas anderes versteht, obwohl er kein Adeliger ist.


Gloria von Thurn und Taxis: Eine Biografie
Gloria von Thurn und Taxis: Eine Biografie
von Rudolf Schröck
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rechtlich abgesicherte Lebensepisoden von Gloria von Thurn und Taxis, 2. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Was haben Willy Brandt, Franz Joseph Strauss, Richard von Weizsäcker und Gloria von Thurn und Taxis gemeinsam? Ihre Biographien schrieb Rudolf Schröck. Ideologisch ist der nebenberuflich als Dozent an der renommierten Deutschen Journalistenschule in München und bei der Akademie für Publizistik in Hamburg arbeitende Autor nicht adelslastig. Die 2004 erschienene und bisher einzige Biographie von Fürstin Gloria ist nur noch antiquarisch erhältlich. Der Kauf lohnt sich unbedingt.
Auf dieses Buch verwies Markus Lanz in seiner Sendung am 15. Mai 2012, als er Fürstin Gloria zu Gast hatte. Sie wollte lediglich für ihre Schlossspiele in Regensburg werben (vgl. S. 11. 208f) und sich partout nicht auf Diskussionen um Aids und den Gebrauch von Kondomen einlassen.(vgl. dagegen S. 194f) Sie wehrte jegliche Äußerungen im Bereich der Sexualität ab, bis Markus Lanz sagte, es stünde ihm nichts ferner, als Fürstin Gloria zu ihren sexuellen Gewohnheiten zu befragen, die seien schließlich Privatsache, aber man könne über den Gebrauch von Kondomen auch reden, wenn man persönliche Bemerkungen ausspare. Wer mehr zu der Frage wissen will, wann sich Fürstin Gloria über das "Schnackseln" (originäre Wortschöpfung der Fürstin übrigens, vgl. S. 192) und über den "Sexualdrang der Schwarzen" und der "Südländer" (vgl. S. 194) ausließ, der lese diese Biographie.
Gleich zu Anfang erfährt man, dass es nicht einfach war, eine Biographie über Gloria von Thurn und Taxis zu schreiben. Die Fürstin verstand das Ansinnen nicht. Sie meinte, sie solle eine Biographie schreiben oder herausgeben (vgl. S. 8). Bei Rudolf Schröck meldete sich dann im Frühsommer 2003, als das Buch bereits für die Frankfurter Buchmesse angekündigt war, die Rechtsanwaltskanzlei Prinz, um den Autor auf die Wahrung der Privatsphäre der Fürstin hinzuweisen,(vgl. S. 8f) vermutlich, ohne das Buch vorher gelesen zu haben.
Als nächstes lernt man in dem Buch, dass das Standesamt Regensburg für die Betitelung "Prinzessin" verantwortlich ist, weil Fürst Johannes versäumt habe, den Titel Fürst" eintragen zu lassen, da er damals den Disput mit dem "Sozi" im Standesamt Regensburg mied (vgl. S. 10). Einige Seiten weiter wird jedoch die gute Freundschaft des Fürsten mit dem bekennenden Kommunisten Fidel Castro gepriesen.( vgl. S. 44) Die Frage, ob die pastorale Reise Papst Benedikt XVI. nach Kuba am 27. und 28. März 2012 durch die "alten" Beziehungen des Hauses Thurn und Taxis nach Kuba gestützt wurde und ob sich Fidel Castro und Papst Benedikt XVI. vielleicht gemeinsam an Fürst Johannes und dessen Frau Gloria erinnert haben bei ihrem persönlichen Gespräch, muss unbeantwortet bleiben. Jedenfalls werden an mehreren Stellen der Gloria-Biographie die zahlreichen Besuche des Fürsten in südamerikanischen Staaten erwähnt.
Zurück zu der Frage, wie es kam, dass sich Fürstin Gloria im Jahr 2004 "Prinzessin" nannte. In dem Kapitel "Märchenhochzeit" (vgl. S. 13-23) zitiert Rudolf Schröck das Adels-Handbuch Gotha und schreibt, dass aus der "ersten Abteilung" des Adels, aus den regierenden Häusern in Deutschland und in Europa, niemand zur Trauung von Fürst Johannes und Fürstin Gloria erschienen war (vgl. S. 20). Die "zweite Abteilung" der Fürsten und Grafen sei in großer Zahl anwesend gewesen"(S. 20). Die "dritte Abteilung" sei gar "in Kompaniestärke erschienen"(S. 20). Die gänzlich vollständige Familienchronik derer zu Thurn und Taxis erfährt man in dem Kapitel "Dieser glänzende deutsche Hof..."(vgl. S. 55-77). Besonders interessant ist, dass Gräfin Alexandrine am Ende des Dreißigjährigen Krieges, als jede Menge Dokumente verbrannt oder anderweitig vernichtet waren, ein Gutachten von führenden Namenshistorikern der Zeit erstellen ließ mit dem "sensationellen" Ergebnis, dass die Familie der Tassos, deren Vorfahre bereits 1512 als "verdienter Generalpostmeister des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" in den Reichsadel erhoben worden war, mit "der hoch adeligen Dynastie der Mailänder Torriani" verwandt sei.(vgl. S. 57-59) Zwar heirateten Frauen aus dem Haus Thurn und Taxis zahlreich in regierende Häuser ein.(vgl. S. 61) Auch wurde der erbliche Generalpostmeister vom österreichischen Kaiser von den Steuern befreit.(vgl. S. 62) Doch "die noblen Kurfürsten wollten sich nicht damit abfinden, dass dieses neue ,Postfürstentum', wie sie es abschätzig titulierten, ein gleichberechtigtes Mitglied sein sollte"(S. 64). Um den Makel los zu werden, kaufte Fürst Carl Anselm von Thurn und Taxis großflächig Ländereien von verarmten Adeligen (vgl. S. 64), Kaiser Joseph II. bestätigte 1787 das fürstliche Territorium.(vgl. S. 64f) Bereits 1748 war der Sitz der kaiserlichen Prinzipalkommissare von Frankfurt am Main nach Regensburg an der Donau verlegt worden.(vgl. S. 65f)
Zusätzlich zu der Monopolstellung im europäischen Postwesen waren die Postmeister derer von Thurn und Taxis angehalten, "bestimmte Briefsendungen zu öffnen" und "ihren Inhalt in abgeschriebener Form an den ultimativen Auftraggeber des postalischen Unternehmens - und das war nie der Absender, sondern der kaiserliche Hof - im Bedarfsfalle weiterzuleiten"(S. 69). Rudolf Schröck schreibt: "Nur eines sollte klar geworden sein: Ein Postgeheimnis in Deutschland hat es nie gegeben."(S. 69) Dies wurde der Familie von Thurn und Taxis im Jahr 1806 zum Verhängnis, da die bayerischen Wittelsbacher zutiefst erbost darüber waren, dass postalische Inhalte bei den österreichischen Habsburgern gelandet waren. Kurzerhand nahmen die Wittelsbacher dem Regensburger Fürstenhaus das Postrecht weg und gründeten eine königliche Post in Bayern.(vgl. S. 70). Als Entschädigung erhielt das Haus Thurn und Taxis "repräsentative Areale und Immobilien des säkularisierten Kirchen- und Klosterbesitzes"(S. 70f). Damit standen die Fürsten von Thurn und Taxis im Jahr 1900 in einer Vermögensstatistik gleich an zweiter Stelle hinter dem bayerischen König Ludwig III.(vgl. S. 71) Rudolf Schröck schreibt, dass laut des bayerischen Adelsediktes von 1818, das bis 1918 galt, das Haus Thurn und Taxis in der fünfspaltigen Aristokratie-Hierarchie als Fürstenhaus an erste Stelle stand, "ebenbürtig mit den regierenden Häusern"(S. 71). Diese Sichtweise propagiert auch Fürstin Gloria immer wieder gerne. Fakt bleibt aber, dass das Haus Thurn und Taxis nie zu den regierenden Häusern in Europa oder in der Welt gehörte und dass es auch nie einen königlichen oder kaiserlichen Regenten hervorbrachte. Insofern ist die Liste der bei der "Märchenhochzeit" erschienen Gäste (vgl. S. 20), der zum 60. Geburtstag von Fürst Johannes von Thurn und Taxis nach Regensburg gereisten Hochadeligen (vgl. S. 120) und der bei der Beerdigung von Fürst Johannes von Thurn und Taxis anwesenden Hochadeligen (vgl. S.155) doch aufschlussreicher als alle gebogene und konstruierte Chronik. Bei allen drei Familienfesten fehlte der regierende europäische Hochadel völlig.
Neben der unbedingt nötigen rechtlichen Absicherung, die man braucht, will man etwas über Fürstin Gloria schreiben, und neben der tatsächlichen Adelsgenealogie des Hauses Thurn und Taxis, das eben vom regierenden Hochadel weit entfernt ist, lernt man in der Biographie über Fürstin Gloria, dass die Verbindungen zu den Brüdern Georg Ratzinger und Joseph Ratzinger gern als sehr marginal dargestellt werden. Die Regensburger Domspatzen unter ihrem damaligen Leiter Georg Ratzinger umrahmten die "Märchenhochzeit" musikalisch (vgl. S. 19), sangen bei einer Messe anlässlich des 60. Geburtstages von Fürst Johannes in der Regensburger Schlosskirche St. Emmeram Mozarts Krönungsmesse (vgl. S. 121) und wurden von Gloria von Thurn und Taxis mehrfach zu Kirchenkonzerten nach Rom eingeladen (vgl. S. 200). Gänzlich in die Welt der Märchen gehört wohl die Behauptung, Fürstin Gloria habe "in den turbulenten Zeiten der neunziger Jahre"(S. 184) durch ihre römische Freundin Alessandra Borghese Kontakt zur römischen Kurie und damit zum damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Kardinal Ratzinger erhalten (vgl. S. 185). Klar, aus der Zeit, als Joseph Ratzinger in Regensburg Dogmatikprofessor war oder aus der Zeit als Joseph Ratzinger der Erzbischof von München und Freising war, kann man sich ja nicht kennen, da lebte Fürst Johannes ja noch und Gloria hatte ihre "wilde Phase"(vgl. S. 110-131). Wahrscheinlich ist man sich in Regensburg noch nicht einmal begegnet.
Rudolf Schröck meint, dass die Äußerungen der Fürstin bezüglich des "Schnackselns" der "Schwarzen" und der "Südländer", die sie in der ARD-Sendung "Friedman" am 9. Mai 2001 kundtat (vgl. S. 192-198), darauf zurück zu führen seien, dass sie "in ihrem persönlichen Häutungsprozess immer dezidierter die Positionen des Papstes und der dogmatischen vatikanischen Glaubenskongregation bezogen"(S. 198) habe. Ebenso meint Rudolf Schröck, dass sich Fürstin Gloria in ihrem "Credo" gänzlich den "Grundsatzthesen katholischer Moraltheologie" angeschlossen habe, wie sie der vormalige Joseph Kardinal Ratzinger vertreten würde.(vgl. S. 202) In Einzelfällen gibt es hier sicherlich eine Koinzidenz. So hat Papst Benedikt XVI. auf seiner ersten Afrika-Reise nach Kamerun im Flugzeug bei der Pressekonferenz am 17. März 2009 den gleichen Satz gesagt wie Fürstin Gloria 2001 bei Friedman", dass nämlich Kondome Aids nicht verhindern würden (vgl. S. 194). In dem im November 2010 erschienen Buch "Licht der Welt. Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit. Ein Gespräch mit Peter Seewald" rückt Papst Benedikt XVI. vom strikten Kondomverbot in der katholischen Kirche ab und schreibt, dass in begründeten Einzelfällen Kondome benutzt werden sollten, um Aids zu verhindern, beispielsweise von männlichen Prostituierten.
Dass das Thema Aidsprävention gänzlich falsch dargestellt wird von der Fürstin (vgl. S. 194), indem sie auf das Zahnfleischbluten als möglichem Übertragungsweg hinweist, durch den man (und frau) trotz Kondomgebrauchs Aids bekommen können, steht außer Frage. Viel stärker wiegt ihr eigener Lebenswandel während der Ehe. Sie selbst trug zu einer Verharmlosung von Aids bei, "ob als Punk-Prinzessin oder Rocker-Lady, ob als Akt-Modell oder Playboy-Interviewte - Gloria von Thurn und Taxis war mindestens einmal im Monat, meist wöchentlich und fünf Jahre lang als Dauergast in den Klatschspalten des Zeitungs-Boulevard und auf den Fotostrecken der Hochglanz-Publizistik zu bewundern" (S. 91, vgl. S. 97). Auch ihr Ehemann kommunizierte gerne über den "Playboy" die Schwächen seines lasterbelasteten Lebens (vgl. S. 47). Ein Kammerdiener, der zwölf Jahre in den Diensten des Fürstenhauses gestanden hatte, war sich am jähen Ende seiner Dienstzeit nicht sicher, ob sich Fürst Johannes tatsächlich etwas aus Frauen machte.(vgl. S. 49f) Ebenso ließ Fürstin Gloria ihren allerbesten "Super-Super-Buddy" Alessandra Borghese voll im Regen stehen, als die Klatschpresse über ein lesbisches Verhältnis zwischen den beiden Adeligen zu spekulieren begann.(vgl. S. 184f) Dass sich das "Super-Super-Buddy-Verhältnis" dadurch merklich abgekühlt hat, ist allen Italienern und Italienerinnen klar, denn in diesem Land läßt man bei diesem Thema keine Spekulationen offen.
Von dem Münchner Klatschkolumnisten Michael Graeter stammt die im Buch von Rudolf Schröck zu findende und zumindest bis 2004 unwidersprochene Behauptung, "dass die soziale und eheliche ,Tauglichkeit Glorias einer längeren Testphase unterzogen wurde', bevor das Aufgebot bestellt wurde"(S. 37). An ihrem Hochzeitstag war sie bereits im dritten Monat schwanger.(S. 15) Sie hatte nicht nur den reichsten Adeligen Deutschlands geheiratet, sondern einen bekannten Playboy.(vgl. S. 47.51-53) Nach seiner Eheschließung setzte Fürst Johannes seine jährlichen Rio-Urlaube fort,(vgl. S. 50) diesmal nun mit Familie.(vgl. S. 98) Rudolf Schröck schreibt: "Hier, an der Rua Barata Ribeiro, waren auch die Szene- und Schwulenkneipen der Stadt, und im ,Alaska Passage' trafen sich die Transvestiten. Er mochte diese Szenerie, und er hatte keine Angst."(S. 98) Besonders geschützt fühlte er sich durch eine Uhr mit Stahlstacheln (vgl. S. 99), von Kondomen ist nicht die Rede.
Ob eine Frau, die in ihrer Jugend keineswegs als sexuell zurückhaltend gegolten hat (vgl. S. 37) und die von ihrem Mann mit den Worten beschimpft wurde: "Du mit deinem saublöden ungarischen Pußta-Hirn"(S. 135), der Rudolf Schröck ein "sehr einfach gestricktes Weltbild"(S. 107) bescheinigt und deren Weltsicht von "einem klaren Dualismus des Guten und des Bösen, vom Kampf der Gläubigen mit den Mächten der Finsternis"(S. 201) gekennzeichnet ist, tatsächlich passgenau zu dem theologisch reflektierten Denken eines Systematik-Professors und eines Papstes passt, ist fraglich. Intellektueller Natur können die guten Beziehungen ins "Papal Apartment", die Fürstin Gloria unter anderem in dem 2005 erschienen Buch "Gloria: Die Fürstin - im Gespräch mit Peter Seewald" gerne hervorhob, nicht sein. In Fragen der Ökumene und der Anerkennung von Frauen in theologischen Ämtern dürfte Fürstin Gloria mit ihrer Meinung sicherlich näher beim Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner landen als bei Papst Benedikt XVI. (vgl. S. 202f; vgl. Joachim Meisner: Die Fürstin und der Kardinal - Ein Gespräch über Glauben und Tradition). Zudem ist der Kölner Erzbischof Mitglied in verschiedenen vatikanischen Finanzaufsichtsgremien und die Regensburger Fürstin ist in finanziellen Angelegenheiten immer beratungsbedürftig (vgl. S. 157-182). Auch hätte der damalige Joseph Kardinal Ratzinger nach dem Tod des Fürsten die 200.000 Bücher umfassende fürstliche Familienbibliothek sicherlich unter keinen Umständen und für kein Geld der Welt versilbert (vgl. S. 180). Wo sich die wertvolle Bibliothek heute befindet, ist nicht bekannt. In das vom Freistaat Bayern auf dem Schlossgelände errichtete Museum fand sie keine Aufnahme, da der damalige Kultus- und Wissenschaftsminister Hans Zehetmair befand: "Ein millionenteurer Ankauf der Fürstlichen Hofbibliothek kam für mich nicht in Frage." (S. 180) Wahrscheinlich wurden die 200.000 Bücher, die die älteste Familienbibliothek Deutschlands darstellten, und deren Wert auf zehn bis zwanzig Millionen Mark" (S. 180) geschätzt wurde, versteigert oder vernichtet.
Die Bemerkung der Fürstin, dass ihr nach dem Tod ihres Mannes ein Priester geholfen haben soll, das finanzielle Desaster zu ordnen und eine Gefängnisstrafe wegen der aufzubringenden Erbschaftssteuer zu vermeiden, ganz abgesehen von dem reichen geistlichen Beistand, den der Priester geleistet haben soll, sucht man vergebens in dem Kapitel Gloria speckt ab" (S. 157-174). Dabei dürfte sich diese Bemerkung im journalistischen Blätterwald doch wieder finden lassen. Entweder ist sie Rudolf Schröck unbekannt oder er fürchtete hierzu eine Klage wegen der Wahrung der Privatsphäre von Fürstin Gloria. Gegenüber italienischen Klatschblättern und seriöseren italienischen Zeitungen ist Fürstin Gloria keineswegs so spröde, denn dort war öfters zu lesen, dass Fürstin Gloria in Rom gerne in Begleitung von Prälat Georg Gänswein, dem Privatsekretär des ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation und des heutigen Papstes, ausgeht. Wie sich das Ausgehverhalten gestaltet, bleibt der Fantasie der Leserinnen und Leser italienischer Klatschpresse überlassen.
Sie selbst nennt Monsignore Georg Gänswein explizit in dem im Mai 2004 erstmals erschienen Buch "Gloria, die Fürstin, im Gespräch mit Peter Seewald", das Rudolf Schröck kennt, nachdem er darauf auf Seite 166f Bezug nimmt. Ob sich journalistische Nachforschungen zu diesem Themenbereich dem Vorwurf des Eindringens in die Privatsphäre stellen müssen, oder ob die Öffentlichkeit nicht vielmehr ein legitimes Interesse daran haben kann, die Rolle eines Priesters bei der Abwicklung des fürstlichen Vermögens zu kennen und sich Aufschluss darüber zu geben, ob die katholische Kirche nicht den vom bayerischen Staat 1806 an das Haus Thurn und Taxis vergebenen Kirchenbesitz, der das Haus Thurn und Taxis erst wirklich reich werden ließ,(vgl. S. 70f) zurückholen will, müsste presserechtlich zu klären sein.
Nicht in sein 2004 erschienenes Buch aufnehmen konnte Rudolf Schröck die mehrfach in Büchern über den Vatikan genannte Tatsache, dass sich Fürstin Gloria gleich nach der Papstwahl vehement gegen die langjährige und im Herbst 2011 verstorbene Haushälterin Papst Benedikt XVI. echauffierte und dass der Privatsekretär des Papstes Monsignore Georg Gänswein daraufhin die Versetzung der als äußerst tüchtig und loyal geltenden Ingrid Stampa in das Staatssekretariat betrieb. In der Neuauflage des Buches von Peter Seewald am 1. Mai 2005, also knapp zehn Tage nach der Papstwahl spricht Fürstin Gloria selbst über die Zeit nach dem Tod Papst Johannes Pauls II. und über die Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum Papst (vgl. Gloria: Die Fürstin - Im Gespräch mit Peter Seewald, 2005). Ebenso konnte Rudolf Schröck 2004 noch nicht wissen, dass Prälat Georg Gänswein exklusiv Fürstin Gloria zu seinem silbernen Priesterjubiläum am 23. August 2009 in sein Heimatdorf im Schwarzwald einladen würde und dass sie dort mit einer Luxuskarosse vorfahren würde, wie Hans-Peter Oschwald in seinem Buch "Im Namen des Heiligen Vaters. Wie fundamentalistische Mächte den Vatikan steuern" 2010 beschrieb.
Somit ergeben sich bisher drei neu hinzugekommene Lerninhalte durch das Lesen der von Rudolf Schröck geschriebenen Biographie: 1. Eine wasserdichte rechtliche Absicherung ist bei Presseveröffentlichungen über Fürstin Gloria unerlässlich. 2. Die tatsächliche Adelsgenealogie des Hauses Thurn und Taxis ist nicht mit der Genealogie regierender adeliger Häuser in Europa vergleichbar. 3. Die Beziehungen zu den beiden Ratzinger-Brüdern werden von Fürstin Gloria gerne als marginal und geistlich inspiriert dargestellt. 4. Besonders aufschlussreich, weil selten in der Literatur auffindbar, sind die Stationen des schulischen und beruflichen Werdeganges von Fürstin Gloria.
Mein absolutes Lieblingskapitel trägt die Überschrift "Cinderella" (vgl. S. 24- 39). Die spätere Fürstin Gloria von Thurn und Taxis wurde am 23. Februar 1960 in Stuttgart-Degerloch geboren. Bald zog die bescheiden lebende Familie aus der Umgebung des Stuttgarter Flughafens nach Köln-Bodenkirchen, wo sie direkt am Hochwasser gefährdeten Rheinufer wohnte.(vgl. S. 27) Als Gloria fünf Jahre alt war, nahm der Vater, beruflich übrigens Journalist, eine Stelle bei der "Deutschen Welle" an und die Familie zog ins westafrikanische Togo,(vgl. S. 27) wo Gloria in die französischsprachige Grundschule eingeschult wurde.(vgl. S. 28) Bereits ein Jahr später zog die Familie ins somalische Mogadischu, wo Gloria eine von italienischen Benediktinerinnen geleitete Schule besuchte.(vgl. S. 28f) Trotz Prügelstrafe mit dem Teppichklopfer schwärmt Gloria von der täglichen Sonne und dem nahen Meer.(vgl. S. 29) Sowohl in Lomé als auch in Mogadischu konnte sich die verarmte adelige Familie einen Lebensstandard mit Zimmermädchen und Koch leisten und lebte für afrikanische Verhältnisse überdurchschnittlich gut.(vgl. S. 29) Wegen politischer Unruhen wurde die Familie 1972 nach Deutschland gebracht.(vgl. S. 30) Wohnhaft in Bonn, besuchte Gloria ein katholisches Mädchen-Internat.(vgl. S. 31) Da das Leben in Bonn zu teuer war, zog man in eine Mietwohnung in der Eifel nach Katzvey bei Metternich, von wo aus Gloria täglich zweimal 40 Kilometer mit dem Zug zur Schule und nach Hause fuhr.(vgl. S. 32) Ein Jahr später wechselte die Familie nach Adendorf bei Meckenheim in ein kleines Haus.(vgl. S. 32) Als 15-Jährige sang sie in einer Rockband mit und konsumierte Haschisch.(vgl. S. 33) Als sie 16 Jahre alt war, nahm der Vater eine Stelle bei der Jäger-Zeitschrift "Pirsch" an. Die Familie zog in den als verarmt geltenden Stadtteil München-Waldtrudering.(vgl. S. 34) Gloria wechselte zum vierten Mal die Schule und ging an das Edith-Stein-Gymnasium in Haidhausen. Sie war überfordert und wechselte auf das private Florian-Überreiter-Gymnasium, wo es einige prominente Mitschüler gab.(vgl. S. 34) Sie selbst sagte später: "Das bayerische Schulsystem war einfach zu schwer für mich."(S. 35) und so zog sie zur Schwester ihrer Mutter nach Willebadessen in den Teutoburger Wald. Dort verließ sie kurz vor dem Abitur das Gymnasium ohne Abschluss. Besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern sei sie "eine ,glatte Null'"(S. 35) gewesen. Als zusätzliche Begründung nennt Rudolf Schröck: "Außerdem hatte sie eine gewisse Rechtschreibschwäche, im Pädagogik-Deutsch ,Legastenie' genannt:" (S. 35) Hierzu müsste man kritisch bemerken, dass bei einem solch prekären Schulverlauf eine orthographische Schwäche durchaus erklärbar ist und keinesfalls mit einer physisch bedingten Krankheit wie der Legastenie zu verwechseln ist.
Der berufliche Werdegang der späteren Fürstin schließt sich an das schulische Desaster nahtlos an. Sie jobbte als Gardrobiere und Türsteherin und bekam dafür den "Status eines Freigastes".(vgl. S. 35f) Zudem arbeitete sie als Angestellte bei einem renommierten Auktionshaus, wo sie wegen der "häufigen Ausflüge und gelegentlichen Abstürze im Münchner Nachtleben"(S. 36) bis zu zwei oder drei Stunden zu spät zur Arbeit erschien.(vgl. S. 36f) Auch diese von ihr selbst geäußerte Bestätigung ihrer Arbeitsmoral ist eine meiner Lieblingsstellen in der Biographie von Rudolf Schröck. Im Münchner Nachtleben lernte sie Fürst Johannes von Thurn und Taxis kennen,(vgl. S. 36) den sie bald darauf, im dritten Monat schwanger, am 31. Mai 1980 heiratete. Ihr eigener Vater, Joachim Graf von Schönburg-Glauchau, drei Jahre jünger als der Bräutigam, sagte der "Bunten": "'Es hätte auch heißen können ,Onkel verlobt sich mit Nichte'" (S. 38). Zehn Tage nach der Hochzeit in Regensburg brachte die 29-jährige Sekretärin der Zeitschrift "Pirsch", bei der Joachim Graf von Schönburg Glauchau seit doch nunmehr vier Jahren stetig gearbeitet hatte, ein Töchterchen zur Welt, dessen Vater der Vater von Gloria war. Dies führte zur Scheidung der Eltern im Jahr 1986 und zur Heirat des Vaters mit der 21 Jahre jüngeren Sekretärin.(vgl. S. 39)
Diese schulische und berufliche Ausbildung muss man sich klar vor Augen führen, wenn man liest, dass Fürstin Gloria zur "Managerin des Jahres 1993" vom "Manager Magazin" gekürt wurde.(vgl. S. 168; vgl. S. 160) Bereits Fürst Johannes hatte das milliardenschwere Firmenimperium umstrukturieren wollen (vgl. S. 140f. 160f) und war dabei vor allem auf den Widerstand treuer Mitarbeitender gestoßen, die den in ihren Augen liederlichen und verschwenderischen Lebenswandel der Fürstin als in hohem Maße geschäftsschädigend ansahen (vgl. S. 134.140). Einer der Kritiker der Fürstin musste 1986 nach 14 Jahren gehen.(vgl. S. 140) Im gleichen Jahr organisierte Fürstin Gloria ein spektakuläres Geburtstagsfest für ihren Ehemann zu dessen 60. Geburtstag (vgl. S. 120), was diesem sehr Unrecht war (vgl. S. 118). Nach diesem Spektakel (vgl. S. 118-131) blühte Fürstin Gloria weiter auf und ging beispielsweise mit drei bis vier großen Trunks auf Reisen. Ganz offensichtlich verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den Ehepartnern nach dem 60. Geburtstag des Fürsten durch die Eskapaden seiner Frau (vgl. S. 134-137). Sowohl der "Stern" als auch die "Abendzeitung" schrieben, dass Fürstin Gloria im Frühjahr 1989 versucht habe, ihren Mann entmündigen zu lassen.(vgl. S. 137) War dies Fürstin Glorias Retourkutsche, wie man aus einer ihrer Bemerkungen schließen könnte, die im Sommer 1986 der "Playboy" in einem Exklusivinterview veröffentlichte. Gegenüber dem "Playboy" sagte sie: "Ich bin ein freier Mensch, habe keinen Vormund, und alles, was ich Ihnen hier erzähle, bin durch und durch ich." (S. 103) Offensichtlich sprachen sich beide Ehepartner gegenseitig die Geschäftsfähigkeit ab.
Im Februar 1990 brachte ein Artikel in dem "Manager Magazin" den Stein ins Rollen mit der Behauptung, der Fürst habe 700 Millionen Mark Schulden.(vgl. S. 138) Die Unternehmensumstrukturierung (vgl. S. 134.140f.160f) war offensichtlich gescheitert (vgl. S. 139), obwohl der Thurn und Taxis-Konzern noch über ein privates Haus- und Stammvermögen von über einer Milliarde Mark verfügte, einen Gesamtumsatz von 810 Millionen Mark aufweisen konnte und ein Gesamtvermögen von 2,2 Milliarden Mark verwaltete.(vgl. S. 139) Leider gelang es Rudolf Schröck nicht, sich sachlich mit der Rolle von Fürstin Gloria in der Frage der Verwaltung der Vermögenswerte zu beschäftigen. Er übernahm ihre Selbstinszenierung als Retterin" des Vermögens des Hauses Thurn und Taxis (vgl. S. 82-89.140.156.157-182) und läßt jegliche kritische Distanz zu ihrer Vorgehensweise vermissen. Die Fakten und Zahlen der Vermögensverschleuderung sprechen indes für sich und sind auch präzise in der Biographie nachlesbar.(vgl. S. 157-182) Noch Mitte des Jahres 1990 war das Haus "Thurn und Taxis an weit über 50 Firmen (zumindest minoritär) beteiligt, aber das Urlaubsgeld daheim in Regensburg für die Lakaien war ernsthaft gefährdet" (S. 141). Rudolf Schröck beschreibt, dass der Fürst einen Plan hatte, wie er das Vermögen über eine Unternehmensstiftung retten wollte, um damit Erbschaftssteuer zu sparen.(vgl. S. 142) Fürstin Gloria selbst brachte das Stiftungsmodell zu Fall, weil sie um ihren Einfluss auf das Familienunternehmen fürchtete (vgl. S. 142), nachdem Fürst Johannes kurz nach Neujahr 1990 eine Herzattacke erlitten hatte (vgl. S. 144) und das 500-jährige Jubiläum des Hauses im Jahr 1990 gefeiert werden sollte (vgl. S. 143). Während der Fürst gesundheitlich deutlich geschwächt war, "forcierte" Fürstin Gloria "diese Urangst des Fürsten vor einem ,kalten Putsch'"(S. 145) und kickte eine international renommierte Führungscrew aus dem Unternehmen hinaus (vgl. S. 145), um selbst "als betriebswirtschaftliche Amateurin und leidenschaftliche Familienpolitikerin" (S. 142) "in die Spitze des Unternehmens" (S. 145) aufzurücken. Zu dieser Zeit wusste Fürst Johannes bereits, dass sich seine Tage auf Erden dem Ende zuneigen würden (vgl. S. 145). Im Juni 1990 erlitt er mehrere Herzattacken (vgl. S. 145f) und bis zu seinem Tod am 14. Dezember 1990 wurden zwei Herztransplantationen bei ihm durchgeführt (vgl. S. 150-153). Vor der zweiten Transplantation hatte der Fürst seine Frau gebeten, "nicht im Krankenhaus zu warten, sondern nach Regensburg zu fahren, um dort die Förderpreise der Thurn und Taxis-Stiftung zu übergeben".(S. 153) Rudolf Schröck kommentiert völlig im Tone von Fürstin Gloria "Adel verpflichtet - auch in der Todesstunde..."(S. 153). Dabei dürfte es sich bei der Aufforderung des Ehemannes an seine Frau um den letzten Hinweis des Fürsten gehandelt haben, wie das Familien- und Firmenvermögen noch vor seinem Tod zu retten sei. Die Fürstin hat diesen Hinweis völlig ignoriert und damit die Folgen heraufbeschworen, die ihrem siebenjährigen Sohn und Alleinerben Millionen des Erbes kosten sollten.(vgl. S. 157-182).
Mit der Krise des Unternehmens wurde auch Fürstin Gloria seriös.(vgl. S. 142) Sie stellte sich seriös dar, vielleicht weil sie Morgenluft witterte. Nach mehreren Herzattacken des Fürsten im Juni 1990 fing Fürstin Gloria an, sich für Betriebswirtschaft zu interessieren und Fachliteratur zu lesen.(vgl. S. 146) Als dann die gesundheitlichen Schwierigkeiten nicht mehr zu übersehen sind, das erste dem Fürsten transplantierte Herz vom Körper abgestoßen wurde und sechs Wochen später ein zweites Herz transplantiert wurde, schreibt Fürstin Gloria: "Die sechs Wochen zwischen der ersten und der zweiten Herztransplantation waren die schönste Zeit in der zehnjährigen Ehe mit meinem Mann."(S. 154) Die Details des immensen Vermögensverlustes,(vgl. S. 157-182) den Fürstin Gloria durch ihre fachliche Inkompetenz produzierte und durch ihre massiven Attacken auf seriöse und international renommierte Manager, die sie nahezu alle feuern ließ,(vgl. S. 162-167) kann man in der Biographie detailliert nachlesen. Begonnen hatte der endgültige wirtschaftliche Abstieg aus der Sicht von Rudolf Schröck mit der Ablehnung des Stiftungsmodells durch Fürstin Gloria, da sie eine eigene finanzielle Benachteiligung fürchtete (vgl. S. 163).
Doch nicht nur die mit der Rettung des Thurn- und -Taxis-Vermögens beauftragten Top-Manager entließ Fürstin Gloria (vgl. S. 162-167). Sie verkleinerte den Regensburger Hofstaat massiv (vgl. S. 172ff) und wickelte die Thurn- und Taxis-Brauerei mit 150 Mitarbeitenden ab (vgl. S. 174). Innerhalb von acht Jahren hatte Fürstin Gloria das Wirtschaftsimperium, das sie von ihren Mann übernommen hatte und das sie in Vertretung für ihren minderjährigen Sohn verwalten sollte, "schlank und wieder profitabel gemacht"(S. 174). "Doch von einst 4000 Mitarbeitenden waren nur noch 300 übrig geblieben" (S. 174), resümiert Rudolf Schröck.
Liest man die Biographie über Fürstin Gloria, so kann man die zahlreichen Widersprüche in ihrem Leben und die Widersprüche zwischen den realen Fakten und der von ihr dargestellten eigenen Sichtweise nicht überspringen. Oftmals sind es nicht nur kleine Akzentverschiebungen und Beschönigungen. Gerade in ethisch prekären Verhaltensweisen benutzt sie eine mediale Außendarstellung, die den tatsächlichen Begebenheiten diametral entgegensteht. Eine Begebenheit aus der Biographie von Fürstin Gloria, die Rudolf Schröck beschreibt, läßt diesen Widerspruch auf nur zwei Buchseiten (vgl. S. 186f) exorbitant und schrill ins Auge springen. Zunächst zu der medial aufgehübschten Version. Gemeinsam mit ihrer Freundin Alessandra Borghese veröffentlichte die Regensburger Fürstin im Jahr 2000 das Buch "Unsere Umgangsformen. Die Welt der guten Sitten von A-Z". Dort findet sich unter einem der 150 Begriffe das Stichwort "Auto fahren" (vgl. Borghese Alessandra/Thurn und Taxis Gloria von (2000): Unsere Umgangsformen. Die Welt der guten Sitten von A-Z, Niedernhausen/Ts., S. 14f), das mit der Passage beginnt: "Verkehrsrowdytum und Road Rage sind Zeichen einer verrohenden Gesellschaft. Es ist überaus interessant, mit welcher Leichtigkeit sich so mancher im Auto über Grundregeln des Benimms hinwegsetzt."(Borghese/Thurn und Taxis, Umgangsformen, S. 14f) Ausgezeichnet recherchiert hat hierzu Rudolf Schröck. Er schreibt: "Dummerweise war kurz nach Erscheinen des Buches einem Gerichtsreporter der ,Süddeutschen Zeitung' aufgefallen, dass Gloria wegen ,drängelnden Auffahrens' mit ihrem Pkw auf der Autobahn vor dem Kadi stand und deshalb Strafe zahlen musste."(S. 187) Vor Gericht war zur Sprache gekommen, dass Gloria von Thurn und Taxis wegen ähnlicher Delikte bereits schon öfters verurteilt worden war. Rudolf Schröck schreibt weiter: "Die Fürstin liebte es rasant, und hatte bereits wegen Schnellfahrens, Rechtsüberholens, Nötigung und anderer Verkehrsdelikte diverse Geldstrafen und Minuspunkte in der Flensburger Verkehrssünder-Kartei aufgebrummt bekommen - einschließlich eines kurzfristigen Führerschein-Entzugs."(S. 187) Die Regensburger Fürstin war offensichtlich trotz mehrfacher rechtlicher Ahndung nicht fähig, ihr Verhalten im Straßenverkehr so anzupassen, dass es den rechtlichen Gegebenheiten entsprach und andere Verkehrsteilnehmende nicht schädigte. In dem gemeinsam mit Alessandra Borghese geschriebenen Benimmbuch zitiert Fürstin Gloria jedoch wörtlich den ersten Paragraphen der Straßenverkehrsordnung. Wie soll man es verstehen, wenn die Regensburger Fürstin bestimmte Benimmregeln in schriftlicher Form verbreitet, sich selbst aber diametral entgegengesetzt verhält? Ein ähnlicher Widerspruch ergab sich, als sie 1993 zur "Managerin des Jahres" (vgl. S. 168; vgl. S. 160) ausgerufen wurde. Tatsächlich hat sie 3.700 Mitarbeitende des Hauses Thurn und Taxis entlassen (S. 174) und das Gesamtvermögen ihres verstorbenen Mannes um eine unbekannte Millionensumme verringert.
Zieht man andere literarische Quellen über Fürstin Gloria heran, so bekommt das Buch "Gloria von Thurn und Taxis. Eine Biographie" von Rudolf Schröck die historische Bedeutung und Schwere, die ihm zusteht. Es ist eine unverzichtbare Quelle zu einer realistischen Einschätzung der glorreichen Fürstin Gloria. Dass der versierte Journalist offensichtlich keine Klage der Anwaltskanzlei Prinz bekommen hat (vgl. S. 8f) und das Buch nicht eingestampft wurde, lässt auf den originären Wahrheitsgehalt seines Inhaltes schließen. Bezieht man dies mit ein, so ergibt sich für die Bewertung des Buches, dass es als wertvolle und gut recherchierte Quelle über das Leben von Gloria von Thurn und Taxis gelten kann und deshalb als besonders lesenswert empfohlen werden muss.


Der kleinste Kosmos der Welt: Unbekannter Alltag im Vatikan
Der kleinste Kosmos der Welt: Unbekannter Alltag im Vatikan
von Jürgen Erbacher
  Gebundene Ausgabe

2.0 von 5 Sternen Die Beschreibung einer militärischen und staatlichen Ordnung mittels Schönfärberei, Naivität und Detailungenauigkeit, 13. April 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Der kleinste Kosmos der Welt" mit dem Untertitel "Unbekannter Alltag im Vatikan" - unter diesem Buchtitel erwartet man eine umgreifende Erfassung alles dessen, was der Vatikan darstellt und sein will und alles dessen, was sich im Vatikan abspielt. Der Titel ist zwar gut gewählt, dennoch leicht zu großspurig, denn der Inhalt des Buches bleibt hinter den Erwartungen zurück. Das Wort "Kosmos" kommt aus dem Griechischen und meint in diesem Zusammenhang wahrscheinlich die staatliche bzw. die militärische Ordnung. Somit dürfte man ein politikwissenschaftlich orientiertes Buch erwarten. Zwar bekommen "Die Sicherheit" (S. 102-124) mit Unterkapiteln über die Schweizer Garde, die vatikanische Gendarmerie und die vatikanische Feuerwehr zusammen 22 Seiten, wobei eine Feuerwehr klassischerweise nicht zu den militärischen Einrichtungen gezählt werden kann. Doch die Ausführungen über die staatliche Ordnung des Vatikans zerfleddern gänzlich zwischen den Seiten. Die "Vatikanbehörden" erhalten sechs Seiten (S. 131-137). Eine klare Trennung der Aufgabenbereiche, die dem Heiligen Stuhl zufallen und die vom Staat der Vatikanstadt erledigt werden, findet man nirgends. Auch werden die Hierarchiestufen und die jeweiligen Machtbefugnisse mit keinem Wort erwähnt. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die einzelnen Personen, die in den Kapiteln exemplarisch und meist noch nicht einmal typischerweise als authentische Integrationsfiguren für den Alltag im Vatikan vorgestellt werden, völlig autark arbeiten. Dies ist selbstverständlich nicht der Fall. Einerseits entsteht durch das fehlende Kenntlichmachen von Abhängigkeiten und Hierarchiegefällen ein völlig verzerrtes Bild vom "unbekannten Alltag im Vatikan", andererseits kann so kaum der Anspruch erhoben werden, auch nur annähernd realistisch "den kleinsten Kosmos der Welt" zu beschreiben.
Nimmt man nur den Untertitel des Buches "Unbekannter Alltag im Vatikan", so ist dieser zwar keinesfalls so einprägsam und reißerisch, wie der Haupttitel. Er trifft den Inhalt des Buches aber schon besser. Tatsächlich erfährt man beim Lesen des 2009 erschienen Buches einige Details, die man aus anderen Büchern noch nicht kennt. So legt Jürgen Erbacher offen, dass die vatikanische Post grundsätzlich durch die Hände von Mitarbeitenden geht, die den Legionären Christi angehören.(S. 37) Diese Offenlegung hat ein größeres Entsetzen bei Römerinnen und Römern ausgelöst, die in der Nähe des Vatikans Postkarten und Briefmarken verkaufen. Doch dies erwähnt Jürgen Erbacher ebenso wenig wie die Tatsache, dass nicht nur das vatikanische Postwesen durch die Legionäre Christi kontrolliert wird, sondern dass auch die Abholung der kostenlos ausgegebenen Eintrittskarten für die Messen und Audienzen mit Papst Benedikt XVI. (S. 205) fest in den Händen zweier Legionäre Christi liegt.
Manche der in dem Buch eingestreuten Details will man allerdings gar nicht wissen. Dies betrifft hauptsächlich die örtlichen Gegebenheiten. Wo die "Apostolische Floreria" die nicht gebrauchten Möbel und religiösen Einrichtungsgegenstände aufbewahrt (S. 64), hat bisher noch niemand interessiert. Ebenso wenig ist es von Belang, wo sich der Papst in die liturgischen Gewänder vor einer Messe kleidet und welchen Weg er in die Basilika nimmt (S. 140). Brauchbar ist jedoch die Ortskenntnis bezüglich der Behörden des Heiligen Stuhls (S. 131-137), wobei Jürgen Erbacher alles unter der Unterüberschrift "Alltag in den Vatikanbehörden" zusammen mischt und damit gerade seiner eigenen Unterscheidung zwischen dem "Heiligen Stuhl" und dem Vatikan (S. 9-12.217) nicht gerecht wird.
Stellenweise klebt Jürgen Erbacher noch eine Information zwischen die Zeilen in einen Zusammenhang, der mit seinen Einschüben gar nichts zu tun hat. So bringt er bei der Beschreibung der Vatikanapotheke (S. 48-53) die Bemerkung unter, dass der Vatikanstaat seine Bilanzen nicht offen legt (S. 50). Bekommt der Papst Einrichtungsgegenstände geschenkt, werden sie zuweilen an die "Apostolische Floreria" weitergegeben und stehen damit allen Geistlichen des Vatikans zur Verfügung.(S. 66) Am Ende des Kapitels über die Möbelausstatter des Vatikans (S. 59-66) schreibt Jürgen Erbacher dann, dass die Lebensmittel, die der Papst geschenkt bekommt, häufig zur Verteilung an die Armen an die Mutter-Theresa-Schwestern weitergegeben (S. 66). Was Lebensmittel mit Möbeln gemeinsam haben, bleibt unverständlich. Im Kapitel über den Krippenbau (S. 67-74) bringt Jürgen Erbacher die Bemerkung unter, dass nur vatikanische Bauarbeiter die Räume der vatikanischen Gendarmerie betreten dürfen (S. 70). Die Bedeutung der vatikanischen Gendarmerie für den allweihnachtlichen Krippenbau fiel bisher noch niemand auf. Schmunzeln muss man, wenn man im Kapitel "Pasta, Sport und Schnittchen. Die Zeit nach Büroschluss" liest, dass Georg Gänswein, "als er noch in der Glaubenskongregation arbeitete und Sekretär des damaligen Kardinalpräfekten Joseph Ratzinger war, einen Lehrauftrag für Kirchenrecht an der Opus-Dei-Universität Santa Croce" inne hatte (S. 149). Das ist zwar richtig, bis auf den kleinen faux pas, dass es keine "Kardinalpräfekten" gibt. Passender für das Kapitel über die sportlichen Aktivitäten im Vatikan wäre allerdings gewesen, wenn man erwähnt hätte, dass Georg Gänswein einige Tore in der vatikanischen Fußballmannschaft geschossen hat und dass er gerne Tennis spielte in seiner Freizeit, die ihm die Arbeit in der Glaubenskongregation und die ihm sein Lehrauftrag für kanonisches Recht an der vom Opus Dei geführten Universität Santa Croce noch ließen. Zudem ist er begeisterter Skifahrer, ein Hobby, das sich allerdings innerhalb der Mauern des Vatikans nicht wirklich realisieren läßt.
Manches, was Jürgen Erbacher schreibt, muss leider als schlicht falsch angestrichen werden. So heißt der Direktor der Päpstlichen Villen in dem Kapitel "Von den Ställen zu den Sternen. Die Päpstliche Sommerresidenz Castelgandolfo" (S. 158-168) zunächst "Orazio Petrillo" (S. 158). Doch bereits eine Seite weiter heißt er "Saverio Petrillo" (S. 159), wie auch noch zwei weitere Male in dem gleichen Kapitel (S. 161.168) und wiederum nochmals im Kapitel "Einmal ganz nah am Papst. Der Pontifex bittet zur Audienz" (S. 204-214) wird der Direktor der Päpstlichen Villen mit dem Vornamen "Saverio" bedacht (S. 210). Während Leo XIII. im Kapitel "Beten zwischen Beeten. Ein Besuch in den Vatikanischen Gärten" auf Seite 178 noch (richtigerweise) zwischen 1878-1903 Papst war, soll er zwei Seiten weiter "bereits Ende des 18. Jahrhunderts einen botanischen Garten anlegen" (S. 180) haben lassen. Im Deutschen ist es üblich die Zeit zwischen 1800 und 1899 als 19. Jahrhundert zu bezeichnen, während Italienerinnen und Italiener 18. Jahrhundert sagen würden. In einer deutschen Veröffentlichung sollte der deutsche Sprachgebrauch angewendet werden. Ebenso schlicht falsch ist es, dass der Kardinalstaatssekretär im Jahr 2009 im ersten Stock des "Apostolischen Palastes" gewohnt hätte (S. 183). Falsch ist außerdem die Bezeichnung der Behörden des Heiligen Stuhls oder des Staates der Vatikanstadt als "Ministerien" (S. 132.135.136). Auch benutzt der Papst keinen "Thron" während der Messen (S. 139.143). Ebenso falsch ist es, dass der Vatikan Ende 2008 "volle diplomatische Beziehungen mit 177 Staaten" unterhalten habe (S. 217) und dass er "alle Rechte eines souveränen Staates" (S. 218) besitzen würde. Nach den Lateranverträgen von 1929 übernimmt der italienische Staat einige grundlegende Rechte, die andere souveräne Staaten selbst ausüben. Auch das Gefängnis im Palazzo der Gendarmerie war im Jahr 2009 nicht mehr in Gebrauch (S. 232). Für diesen Bedarf gab es anderweitige Regelungen mit dem italienischen Staat, was allerdings wenig bekannt ist. Sehr verbreitet ist hingegen das Wissen, dass der Namenstag des Heiligen Joseph am 19. März jedes Jahres gefeiert wird und nicht am 18. März (S. 234), wie Jürgen Erbacher schreibt. Viele dieser falschen Daten hätten problemlos verbessert werden können, denn das Buch ist ja bereits 2005 schon einmal erschienen.
Dass dem studierten Theologen und Politikwissenschaftler Jürgen Erbacher seine Anfangszeit im Journalismus bei Radio Vatikan noch sehr nahe geht, merkt man in dem Kapitel "Die Stimme des Papstes. Radio Vatikan" (S. 82-89). Wie der Klappentext des Buches verrät, hat Jürgen Erbacher nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann Theologie und Politikwissenschaft in Freiburg und in Rom studiert, war dann von 1999 bis 2002 als Redakteur bei Radio Vatikan in Rom und von 2002 bis 2004 als Korrespondent in Deutschland tätig. Im Jahr 2009 war er seit vier Jahren Redakteur beim Zweiten Deutschen Fernsehen. Jürgen Erbacher schreibt über den Selbstanspruch seines ehemaligen Arbeitgebers: "Radio Vatikan ist nicht irgendeine Station, sondern der Sender des Papstes, da müssen die Informationen auch korrekt sein." (S. 87)
Der völlig überzogene Anspruch des Radio Vatikan, "die Stimme des Papstes" sein zu wollen, zeigt sich in dem überdimensionierten Ansinnen, die täglichen Zeitungsmeldungen mit einem typisch katholischen Timbre zu versehen. Ausnahmsweise wird hierfür nicht die österreichische Schriftstellerin Gudrun Sailer herangezogen, sondern die aus Würzburg stammende Theologin Birgit Pottler. Sie lese alle führenden Tageszeitungen gleich morgens, schreibt Jürgen Erbacher, und dazu zählten Le Monde, Herald Tribune, Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Neue Zürcher und "die italienischen Blätter" (S. 82). Bei einer im Vatikan üblichen 36-Stunden-Woche an sechs Tagen pro Woche (S. 131.227) muss dies ein schnelles Unterfangen sein. Besonders beachtlich ist der von Birgit Pottler geäußerte Anspruch: "Was die Menschen morgens in der Zeitung lesen, sollte bei uns auch vorkommen, aber eben durch die kirchliche Brille betrachtet, ohne dass es aufgesetzt wirkt" (S. 83). Man beachte "durch die kirchliche Brille", nicht "durch die katholische Brille", denn außer der katholischen Kirche gibt es ja für manche keine anderen Kirchen. Fraglich ist, wieso so wenig zutreffende Hintergrundinformationen gerade durch die deutschsprachige Abteilung des Radio Vatikan weiter gegeben werden. So fehlen fast regelmäßig die Hinweise, welcher religiösen Bewegung sich hohe kirchliche Vertreter in der katholischen Kirche angeschlossen haben, obwohl kirchenintern bekannt ist, dass sie beispielsweise im Opus Dei oder bei den Legionären Christi aktiv sind. Nennt man sich selbst "die Stimme des Papstes" werden solche Unzulänglichkeiten gleich wieder dem Oberhaupt der katholischen Kirche zugerechnet und nicht seinen engstirnigen, eigenwilligen Mitarbeitenden des Radio Vatikan. Diese können sich selbst gar nicht genug hoch platzieren. Im Vergleich zu der Internationalität verblasse sogar die UNO (S. 83). Kritisch muss hier in aller Bescheidenheit angemerkt werden, dass in der UNO andere Standards bezüglich der Professionalität, bezüglich der Loyalität und bezüglich der Sprachen- und Länderkenntnisse eingehalten werden.
Dass bei Radio Vatikan sogar große Jubiläen des Papstes übersehen werden, wurde zwei Jahre nach dem erneuten Erscheinen des Buches "Der kleinste Kosmos der Welt" im Juni 2011 offensichtlich, als bei allen wöchentlichen Besprechungen (S. 84) offensichtlich das 60. Priesterjubiläum Papst Benedikt XVI. und seines Bruders des ehemaligen Domkapellmeisters Georg Ratzingers nicht zur Sprache kam und somit bis zwei Tage vorher auch nicht ins Programm aufgenommen worden war.
Es ist somit anzunehmen, dass die Arbeit von Radio Vatikan an dieselben Grenzen stößt, die Jürgen Erbacher im Vorwort seines Buches eingeräumt hat: "Alle Bereiche abzudecken, hätte den Rahmen des Buches gesprengt." (S. 11) und weiter: "Das vorliegende Buch wirft einen alternativen Blick in den Vatikan und stellt die Menschen und ihre Arbeit vor, die sonst nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Für die ungewohnte Reise haben sich nicht alle Türen geöffnet, aber viele." (S. 11f)
Im Gegensatz zu dieser journalistisch offen geäußerten Selbstbescheidung stehen die völlig übertriebenen Schilderungen des "networkings", früher hätte man dies als "schleimendes Strippenziehen und Fallenstellen" bezeichnet. Ohne ausreichende ethische Fundierung lockt bei einem so verstandenen "networking" die Versuchung, als missliebig auserkorene Konkurrentinnen und Konkurrenten bei Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen, bei der Krankenkasse, bei anderen berufsrelevanten Institutionen oder bei Ämtern durch einen schnellen Griff zum Telefon oder durch ein "informelles Abendessen" mit falschen oder verdrehten üblen Nachreden ins Abseits zu befördern oder gar beruflich zu eliminieren. Doch Jürgen Erbacher sieht nur die Vorteile einer in den Freizeitbereich hineinragenden "Kontaktaufnahme".
Der "informelle Teil des Arbeitstages" (S. 149) beginne, "wenn am Abend die Sonne hinter Sankt Peter untergeht" (S. 149) schreibt Jürgen Erbacher im Kapitel über "Pasta, Sport und Schnittchen" (S. 144-150). Für alle Lesenden sei es hier ausgeführt: Dies meint im Winter um 16.30 Uhr und im Sommer gegen 21.45 Uhr. Jürgen Erbacher schreibt: "Die einschlägigen Restaurants rund um den Vatikan füllen sich mit Prälaten und Monsignori." (S. 149) Romkennerinnen und Romkenner wissen, dass die einzigen Male, bei denen die einschlägigen Restaurants rund um den Vatikan wirklich reichlich gefüllt sind, der Ostersonntag und die Konsistorien sind, wenn die "Kardinalsfamilien" aus aller Welt zum Essen gehen. Das Kapitel über Radio Vatikan (S. 82-89) endet ebenfalls mit einer Bemerkung zu dem scheinbar völlig üblichen Gemauschele: "Nur wer Hintergründe kennt, kann Nachrichten auch einordnen. Deshalb trifft sich die Redaktion regelmäßig mit Prälaten, Bischöfen und Kardinälen aus dem deutschen Sprachraum, der Weltkirche und dem Vatikan." (S. 89) Durch eine professionelle journalistischen Recherche innerhalb des Jourdienstes können die meisten Mitarbeitenden des Radio Vatikan freilich die Hintergründe von Nachrichten nicht eruieren, denn sie sind meist völlig ohne journalistische Grundkenntnisse und absolut branchenfremd zu ihrer Stelle bei Radio Vatikan gekommen, wie Jürgen Erbacher auch.
Doch nicht nur journalistische Grundkenntnisse fehlen. Auch eine fundierte Ausbildung zur Seelsorgerin bzw. zum Seelsorger haben die Mitarbeitenden von Radio Vatikan in der Regel nicht durchlaufen. Dennoch maßen sie sich an, seelsorgerlich Hilfe und Rat zu geben (S. 88f), wenn die Ordensschwestern aus der vatikanischen Telefonzentrale ebenfalls aus Unfähigkeit oder Dilletantismus sogenannte "Notfälle" kurzerhand an die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan weitervermitteln (S. 88). So verwundert es nicht, wenn Jürgen Erbacher notiert: "Die Herren in Schwarz sind normalerweise sehr zurückhaltend gegenüber der Presse."(S. 150)
Auch sonst versteht es Jürgen Erbacher nicht, die Spannungen, die sich in dem "kleinsten Kosmos der Welt" aufbauen müssen, zu erfassen. Lediglich in dem Kapitel "Hintergrund statt Schlagzeile. Das Vatikanische Presseamt" (S. 90-95) wird deutlich, dass die Schlagzeilen, die es im vatikanischen Alltag geben könnte, nur sehr bedingt durch die Heimatredaktionen in die alltäglichen Sendungen aufgenommen werden (S. 95). Oft müssen Journalistinnen und Journalisten jahrelang bzw. jahrzehntelang beim Vatikan akkreditiert sein, um Vorgänge richtig einschätzen zu können. Wie "wandelnde Enzyklopädien" (S. 92) würden sie von jüngeren Kolleginnen und Kollegen umlagert. In einem Satz nennt Jürgen Erbacher hier Luigi Accattoli vom Corriere della Sera und Marco Politi von La Repubblica (S. 92), ohne zu differenzieren, dass Luigi Accattoli sehr souverän und zukunftsorientiert eine liberale Presseberichterstattung fördert, während sich Marco Politi noch im Sommer 2008 als "DEN Papstbiographen" ausgegeben hat. Er hatte noch zu Lebzeiten Papst Johannes Pauls II. eine Biographie geschrieben, über Papst Benedikt XVI. hat er aber sechs Jahre lang kein Buch veröffentlicht und ihm dann aus seiner eigenen reaktionären Sichtweise heraus eine Krise des Papsttums angedichtet.
Auch in dem Kapitel "Recht und Ordnung im Staate des Papstes. Die Vatikanische Gendarmerie" wimmelt es nur so von Nicklichkeiten und Nettigkeiten. In der Sala Operativa der vatikanischen Gendarmerie erfassen "über 50 Bildschirme" "fast jede Bewegung auf dem Territorium" (S. 114). Wo bleibt da eine Privatsphäre, die Kleriker und Ordensleute im Vatikan auch haben müssten? Was geschieht mit den auf Video gesammelten Überwachungsbildern? Wer ist der vatikanischen Gendarmerie übergeordnet? Der Staat des Vatikanstaates und damit Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone? Solche Fragen richtet Jürgen Erbacher nicht an Domenico Giani, der die Direktion für Sicherheit und Zivilschutz im Vatikan leitet (S. 113). Immerhin stellt Jürgen Erbacher die Frage an Domenico Giani, ob der Vatikan ein Überwachungsstaat sei (S. 114). "Kommandant Giani weist den Gedanken empört zurück" (S. 114), notiert Jürgen Erbacher als Antwort. Dass es sich bei den Straftaten, die im Vatikan begangen werden und die den Vatikan laut Statistik zu einer der Länder mit der höchsten Kriminalitätsrate der Welt haben werden lassen, nicht nur um Taschendiebe handelt (S. 119.232), dürfte Jürgen Erbacher bekannt sein. Dennoch werden auch hier die Vorgänge im Vatikan verharmlost und verniedlicht. Dies gilt gleichfalls für die Schilderung der "Floriansjünger in den heiligen Hallen. Die Feuerwehr des Vatikans" (S. 120-124). Sie rücke höchstens einmal aus, um die Zapfen einer Pinie abzuschlagen. (S. 120) Dass auch dieses Korps Domenico Giani untersteht (S. 122), läßt erahnen, dass sich noch andere Aufgaben mit dem Feuerwehrdienst verbinden, die über das Tannenzapfenabschlagen weit hinausgehen. So sind sicher nicht nur Rauchmelder in die historischen Räume mit den wertvollen Fresken eingebaut worden (S. 121). Dass sich diese Sicherheitstechnik (S. 121) vielleicht nicht mit dem Status eines UNESCO-Weltkulturerbes (S. 219) verträgt, kommt Jürgen Erbacher nicht als Frage in den Sinn.
Der gelernte Bankkaufmann schreibt zwar zweimal, dass der Vatikan seine Finanzbilanzen nicht offen lege (S. 50.221). Unter "100 Fakten über den Papst, den Vatikan und den Heiligen Stuhl" (S. 217-234) bringt er dennoch ein interessantes Detail: Das Erzbistum Köln habe 2007 mit 670 Millionen Euro einen dreimal so großen Haushalt aufgewiesen wie der Heilige Stuhl mit 235 Millionen Euro und einen vier Mal so großen Haushalt wie der Vatikan mit rund 150 Millionen Euro. (S. 221) Das größte Spendenaufkommen erbringen die Diözesen in Deutschland, in den USA und in Italien. (S. 221) Die Diözesen dieser drei Länder tragen somit zu 80 Prozent zum gesamten Spendenaufkommen bei. (S. 221) Beim Peterspfennig sind die größten Spender 2007 die USA gewesen, danach kamen Italien und Deutschland. (S. 222) Neben diesen wenigen Zahlen, die Jürgen Erbacher am Ende seines Buches unterbringt, kommen die Finanzen in dem Buch nicht vor.
Zum Schluss sei noch darauf hingewiesen, dass auch in dem Kapitel "Grüß Gott, Herr Papst. Deutsche im Vatikan" (S. 151-155) die sehr selektive Auswahl der dargestellten Personen auffällt. Walter Kardinal Kasper (S. 152f), Paul Joseph Kardinal Cordes (S. 153), Bischof Josef Clemens (S. 153f) und Pater Eberhard von Gemmingen (S. 154) werden in mehreren Abschnitten beschrieben. Winfried König, ein Priester aus Köln, (S. 155) und die im Herbst 2011 verstorbene Ingrid Stampa (S. 155.185), die vormalige Haushälterin Joseph Kardinal Ratzingers, werden jeweils nur mit einem Satz bedacht. 2009 wäre zumindest Paul Augustin Kardinal Mayer, der 2010 im Alter von 98 Jahren verstarb, noch zu nennen gewesen und ebenfalls hätte man 2009 Monsignore Walter Brandmüller erwähnen können bzw. müssen, der im November 2010 von Papst Benedikt XVI. zum Kardinal ernannt wurde.
Abschließend muss gesagt werden, dass man mit Schönfärberei, Naivität und Detailungenauigkeit kaum die militärische und staatliche Ordnung des Vatikans annähernd präzise beschreiben kann und dass man damit letztlich den im Titel selbst gewählten Anspruch verpasst.


Zehn Gebote für das philosophische Schreiben: Ratschläge für Philosophiestudierende zum Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten
Zehn Gebote für das philosophische Schreiben: Ratschläge für Philosophiestudierende zum Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten
von Dietmar Hübner
  Taschenbuch

17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hier lernt man kurzweilig, knapp und exzellent beschrieben, was man beim geisteswissenschaftlichen Schreiben beachten sollte, 26. März 2012
Das ist ja nett, dachte ich mir, als mir das mit 80 Seiten eher schwach aussehende Büchlein in einer Buchhandlung in die Hände fiel. Eine Einführung in das philosophische Schreiben hatte ich vorher auch noch keine gesehen. Bei dem Blick auf das Preisetikett hinten auf dem Buchrücken war ich sehr positiv überrascht: Es ist mit 6,99 Euro richtig billig. Ob es denn auch etwas taugt, fragte ich mich. Um dies zu prüfen, habe ich 6,99 Euro investiert und das Büchlein gekauft.
Beim Lesen erwuchs es sich zum Buch. Um es gleich zu sagen, es ist fantastisch geschrieben. Man muss sich gar nicht so sehr an die zehnteilige Gliederung, die allerdings wirklich gelungen ist, halten, sondern sich einfach in das Buch hineinziehen lassen und hineinlesen. Dietmar Hübner schreibt sehr flüssig und dennoch sehr prägnant. Er versteht es, seine Hinweise an den markantesten Stellen mit Beispielen zu belegen. Etwas oberlehrerhaft wirkt es, dass er immer zuerst ein negatives Beispiel bringt, um dann die korrigierte Fassung anzuschließen. Pädagogisch sinnvoller ist es, durchgängig mit positiven Beispielen zu arbeiten. Bis ins Detail hinein vergisst er keinen einzigen Fehler, den man fabrizieren könnte, wenn man das philosophische Schreiben angehen will. Dennoch ufern seine Ausführungen nicht aus, sondern bleiben pro "Gebot" bei sechs bis zehn Seiten.
Deutlich merkt man, dass das Buch in der "Nach-zu-Guttenberg-Ära" geschrieben wurde. Besonders das achte Kapitel (S. 64-66), in dem es um den Umgang mit dem Internet geht, warnt vor dem einfachen Abschreiben oder Kopieren von Textpassagen. Bei allen Ermahnungen, die der Autor in seine zehn Gebote einstreut, bringt er immer auch die Sicht der Korrigierenden ein. Dies erleichtert einem zukünftigen philosophische Texte Schreibenden die Einsicht, warum gerade ein solcher Fehler sich ungünstig auswirken würde. Im Verlauf des Lesens gewinnt man den Eindruck, der Autor habe schon mehrere tausend Seiten Korrektur gelesen und befinde sich als Professor kurz vor dem Ruhestand. Nur die Kontrolle durch eine der gängigen Suchmaschinen lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass Dietmar Hübner erst seit August 2010 als Professor für "Praktische Philosophie, insbesondere Ethik der Wissenschaften" an der Leibniz Universität Hannover tätig ist.
Dietmar Hübner versteht es, die besondere Qualität philosophischen Denkens und Schreibens deutlich werden zu lassen. Philosophisches Schreiben hat nichts mit Fabulieren zu tun und das Entwickeln eigener Gedanken braucht dringend als faktische Grundlage eine ausführliche Auseinandersetzung mit den Quellentexten. "Die Quellen" werden in Kapitel 9 thematisiert (S. 67-74) und in der Art und Weise, wie diese philosophischen Quellen bearbeitet werden, zeigt sich auch das genuine Spezifikum philosophischen Schreibens. Bis dahin ist das Buch "Zehn Gebote für das philosophische Schreiben. Ratschläge für Philosophie-Studierende zum Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten" auch für Studierende anderer geisteswissenschaftlicher Disziplinen durchaus mit großem Gewinn zu lesen. Denn das Suchen eines Themas (S. 13-23), die Struktur einer Arbeit (S. 24-29), die Gedankenführung (S. 30-37), die Souveränität im Umgang mit den Gedanken anderer (S. 38-45), das Urteil (S. 46-51), der Stil (S. 52-57), die Korrektheit (S. 58-63), die Benutzung des Internets zur Recherche (S. 64-66) und die Formalia einer schriftlichen Arbeit (S. 75-80) sind ebenfalls immer wieder auch für Studierende anderer Disziplinen mit Problemen beladen.
Dieses Buch verdient somit fünf hell funkelnde Sterne, damit Philosophie-Studierende auf diese Ratschläge aufmerksam werden. Doch nicht nur Philosophie-Studierende lesen dieses Buch mit Gewinn, auch allen Studierenden aus anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen sei es als kurzweilige Lernlektüre empfohlen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 29, 2012 1:13 PM CET


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