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Der fatale Glaube an das Glück: Richard Yates - sein Leben, sein Werk
Der fatale Glaube an das Glück: Richard Yates - sein Leben, sein Werk
von Rainer Moritz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine großartige Biographie, 29. Oktober 2012
Rainer Moritz beginnt seine Einführung mit Richard Yates Tod, den dieser einsam und kaum noch beachtetet, in Alabama stirbt. Zu Lebzeiten war Yates zwar bei seinen Schriftstellerkollegen beliebt, doch ansonsten gelang ihm mit seinen Veröffentlichungen kaum ein nennenswerter Erfolg. Eine Tatsache, unter der er sein ganzes Leben lang gelitten hat. Dieses Phänomen des beinahe schon vergessenen Schriftstellers, dessen Bücher beinahe spurlos aus den Regalen verschwinden, spielt besonders zu Beginn der Einführung eine wichtige Rolle. Rainer Moritz beschreibt, wie es dazu kommen konnte, dass sich über Yates Werk "ein dicht gewebter Mantel des Vergessens legte" und wie es gelungen ist, ihn und sein Werk dem Vergessen wieder zu entreißen. Einen großen Anteil daran hatte der Schriftsteller Stewart O'Nan, der den vielbeachteten Essay "The Lost World of Richard Yates" schrieb. Stewart O’Nans flammender Appell stellt so etwas wie den Startschuss der Wiederentdeckung von Richard Yates und seinen Werken dar.

Rainer Moritz setzt in seiner Einführung unterschiedliche Schwerpunkte: zum einen setzt er das Leben von Yates sehr stark mit dessen Werken in Bezug, zieht Verbindungen, weist Ähnlichkeiten und Parallelitäten auf. Diese Abschnitte habe ich als sehr spannend empfunden, da es Rainer Moritz gelingt, deutlich zu machen, wie erstaunlich hoch der autobiographische Anteil in den Texten von Richard Yates ist – eine Tatsache, die mir vorher nicht bewusst gewesen ist. Zum anderen stellt Rainer Moritz Richard Yates in all seiner tragischen Existenz dar: er berichtet über die Lehrtätigkeit von Richard Yates, der an der Universität nie wirklich glücklich wurde, immer eine "kuriose" Randfigur blieb und am liebsten mit seinen Studenten Werke von Gustave Flaubert, F. Scott Fitzgerald oder auch Ford Madox Ford besprach.

Durch die Einführung von Rainer Moritz wird deutlich, dass das Leben von Richard Yates ein stetiger Wechsel aus Hoffnungen, Enttäuschungen und dem verzweifelten Versuch wieder Fuß zu fassen, waren. Nach jeder Enttäuschung – seine Abstecher in die Politik und nach Hollywood stechen dabei heraus – hat sich die Situation immer weiter verschlimmert und dennoch hat Richard Yates, alleine in seinem chaotischen, verdreckten, kleinen Zimmer, nie aufgehört zu arbeiten. Sein Leben war das Schreiben – Schreiben war sein Leben. Richard Yates ist sicherlich kein einfacher Mensch gewesen und doch wünschte ich mir, dass ich ihn hätte kennenlernen dürfen.

Rainer Moritz bietet in seinem Buch eine interessante und vielschichtige Einführung in das Leben und Werk von Richard Yates, über den man viel erfährt. Beim Lesen ist mir immer wieder das Herz schwer geworden, da Richard Yates ein stellenweise wirklich miserables, erbarmungswürdiges Leben geführt hat. Toll fand ich auch die kleinen “Querverweise”; ich wusste nicht, dass Yates zum Beispiel auch in den Romanen von Nick Hornby und Benedict Wells erwähnt wird. Trotz vieler Fakten, schreibt Rainer Moritz sehr flüssig, sehr lesbar, beinahe schon als würde man einen Richard Yates Roman lesen – so wie Yates beschrieben wird, wirkt er fast wie eine Figur aus seinen eigenen Büchern. Ich habe auch immer wieder die eigene Begeisterung für Richard Yates bei Rainer Moritz herausgelesen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 22, 2014 5:35 AM MEST


Kanada
Kanada
von Richard Ford
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Highlight dieses Jahres, 29. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Kanada (Gebundene Ausgabe)
Bereits mit den ersten Sätze des Romans wird der Leser sofort mitten in das Geschehen hineingeführt: in eine Geschichte voller falscher Entscheidungen, Missverständnissen, Verirrungen, die aber auch von Verbrechen und Gewalt erzählt. Erzählt wird der Roman aus der Perspektive von Dell Parsons, einem intelligenten Jungen, der zusammen mit seiner Zwillingsschwester Berner in einer – auf den ersten Blick – ganz normalen Familie in Great Falls/Montana aufwächst. Dells Mutter Neeva (kurz für Geneva) bildet beinahe schon fast das Gegenstück zu ihrem simpel gestrickten Mann Bev, der Luftschlösser baut und aus dem "hinterwäldlerischen" Alabama stammt: sie ist Jüdin, intelligent, belesen, zart, arbeitet als Lehrerin. Dells Eltern sind "ganz normal – obwohl diese Aussage natürlich null und nichtig wurde, als sie tatsächlich eine Bank überfielen."

Bev ist immer auf der Suche nach Möglichkeiten Geld zu verdienen: euphorisch auf der Suche nach dem großen Coup, nach neuen Wegen und Lösungen, die immer nur für kurze Zeit funktionieren und die Familie danach in ein noch größeres Chaos stürzen. Er trifft falsche und unüberlegte Entscheidungen und bringt seine Familie dadurch in eine fatale Lage. Aus einer finanziellen Not heraus entscheidet er sich schließlich dazu, eine Bank zu überfallen und Neeva lässt sich in seinen Plan mit hineinziehen. Für beide endet das Abenteuer in einem Fiasko: sie landen im Gefängnis. Dell und Berner bleiben alleine zurück. Berner haut mit einem Freund ab in eine ungewisse Zukunft, während Dell von Mildred, der Freundin seiner Mutter, nach Kanada gebracht wird, um nicht im staatlichen Waisenhaus zu landen.

In Kanada beginnt für Dell ein Abenteuer, dessen Ausmaß er lange nicht ahnt und kaum überblicken kann. Einsam und auf sich allein gestellt, in einer Landschaft, die einer Wildnis gleichkommt, ist er mit Lebensbedingungen und Situationen konfrontiert, auf die er mit seinen fünfzehn Jahren nicht vorbereitet ist. Dell, der junge Held des Romans, der sich vor dem Raubüberfall, der sein ganzes Leben von Grund auf verändern sollte, vor allem auf die beginnende Schule gefreut hatte, Schach gespielt und Bücher über Bienen gelesen hatte, gelingt es jedoch auf beeindruckende Weise, sich trotz allem, was ihm geschieht, seine Unschuld zu bewahren und sich an die neuen Lebensverhältnisse irgendwie anzupassen.

Richard Ford ist mit "Kanada" ein vor allem atmosphärisch beeindruckender Roman gelungen, der von einem sympathischen, offenherzigen, liebenswerten Helden getragen wird. Erzählt wird die Geschichte von Dell, der bereits gealtert ist, mittlerweile als Lehrer arbeitet – fünfzig Jahre nach all dem, was geschehen ist. Dell hat mich vor allem durch seine Gelassenheit, durch seine Ruhe beeindruckt – er blickt nur selten wütend zurück auf das, was geschehen ist. Trotz allem, was ihm wiederfahren ist, verliert er nie seine positive Grundhaltung – er weigert sich, es sich zu einfach zu machen und seinen Eltern für alles die Schuld zu geben.

"Kanada" ist für mich ein berührender Roman, der das Prädikat Weltliteratur verdient. Richard Ford hat ein ganz besonderes Talent zum Geschichtenerzählen und in "Kanada" erzählt er von wichtigen menschlichen Themen: Verlust, Trauer, Einsamkeit aber auch über das Ertragen von all dem. Über das Aushalten. Darüber, wie man mit schmerzlichen Geschehnissen umgehen kann. Ich würde gerne glaubem können, was Dell glaubt, dass uns "das Leben leer geschenkt" wird und es in der Hand jedes einzelnen liegt, was er daraus macht.


Hikikomori: Roman
Hikikomori: Roman
von Kevin Kuhn
  Gebundene Ausgabe

7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein etwas anderer Roman, 29. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Hikikomori: Roman (Gebundene Ausgabe)
Im Mittelpunkt von Kevin Kuhns Roman steht Till Tegetmeyer, für dessen Verhalten seine Angehörigen lange Zeit keine Diagnose, keine Sprache, keine Worte finden. Bis sie auf das Phänomen der Hikikomori stoßen. Till wächst auf den ersten Blick wunschlos glücklich auf; seine Eltern haben die finanziellen Verhältnisse, um Till viele Dinge zu ermöglichen und ihn zu fördern. Sein Vater ist Schönheitschirurg und seine Mutter Kuratorin in ihrem eigenen Ausstellungsraums. In Till erkennen sie alle möglichen Talente und doch hat er immer wieder Schwierigkeiten. Er besucht eine "freie Waldorfschule" und als er nicht zum Abitur zugelassen wird, bricht für ihn eine Welt zusammen.
Till zieht sich in sein Zimmer zurück und beginnt, sich sonderbar zu verhalten. Entfernt seine Möbel, bricht den Kontakt zu seinen Freunden und zu seiner Freundin Kim ab, verbringt viel Zeit vor seinem Computer, hört auf, sich um sich selbst zu kümmern. Von einem Tag auf den anderen weigert er sich am Familienleben weiter teilzunehmen. Stattdessen begibt er sich in eine fiktive Onlinewelt, spielt ein Spiel namens Medal of Honor, in dem er sich verliert, das für ihn der einzige Inhalt seiner immer gleich verlaufenden Tage wird. Die reale Welt hat Till fallen gelassen, deshalb begibt er sich in eine Welt, die auf einem Server zu Hause ist, mitten hinein in ein V2-Raketen-Szenario. Aus dem Computerspiel heraus entsteht etwas Größeres: Till erschafft sich eine Parallelwelt, die nach seinen Regeln, nach seinen Wünschen funktioniert. Welt 0. Ein Ort, an den Till und seine Online-Freunde vor der realen Welt flüchten können, ohne ihr Zimmer verlassen zu müssen. Ein Ort, an dem Träume wahr werden können, ohne, dass man dafür wirklich etwas riskieren muss. Ein Ort für all diejenigen, die an den Anforderungen des Alltags, dem Druck, den Verpflichtungen, den Erwartungen zerbrechen. Auch Till spürt dieses "Gefühl eines permanenten, sich nur langsam lösenden Druck", der schon so lange auf ihm lastet, dass er ein Teil von ihm geworden ist. Diese Gefühle haben Till in die Isolation getrieben.

Gemeinsam mit Till erlebt der Leser, was passieren kann, wenn man aus dieser Parallelwelt nicht mehr zurückkehrt, wenn man sich immer stärker in einer Traumwelt verstrickt und den Weg zurück nicht mehr findet.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich eine ganze Reihe an Debütromanen von jungen Autorinnen und Autoren gelesen. Kevin Kuhn hebt sich mit seinem Roman "Hikikomori" wohltuend von dieser Masse an Neuerscheinungen ab. Im Mittelpunkt seines Romans steht die virtuelle Welt, ihre Grenzen, ihre Gefahren, aber auch der Reiz und die Fluchtmöglichkeiten die dieser Ort für Menschen bietet, die an der Gesellschaft, am Druck, an den Anforderungen zerbrechen. Till glaubt in seiner neuen Onlinewelt wieder jemand zu sein, "ein besonderer Mensch" zu sein. Er ist irgendwann nicht mehr in der Lage dazu zu sehen, dass es auch in der Realität Menschen gibt, die sich um ihn sorgen, die sich für ihn interessieren.

Kevin Kuhn beschäftigt sich in seinem Roman mit einem hochaktuellen Thema unserer Gesellschaft und es gelingt ihm mithilfe seiner Hauptfigur Till einige sehr greifbare Einblicke in mögliche Gefahren und Risiken unserer global vernetzten Welt zu geben.

Ich habe "Hikikomori" sehr gerne und mit viel Interesse gelesen. Die Sprache von Kevin Kuhn ist schnörkellos und lässt sich flüssig lesen. Sprachlich stechen sicherlich Tills Briefe und E-Mails an Kim heraus, die mich besonders begeistert haben. "Hikikomori" ist anders, ungewöhnlich, löst stellenweise die Grenzen zwischen Fiktion und Realität auf, aber es lohnt sich, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Kevin Kuhn rückt Menschen in den Mittelpunkt, die es unter uns heutzutage zu Dutzenden gibt: Menschen, die sich in der virtuellen Welt verloren haben. Ich habe das Buch mit der Hoffnung zugeklappt, dass Till vielleicht irgendwann einen Weg zurück finden wird.


Die tausend Herbste des Jacob de Zoet
Die tausend Herbste des Jacob de Zoet
von David Mitchell
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Welt, in der man sich verlieren kann ...., 29. Oktober 2012
"Die tausend Herbste des Jacob de Zoet" umfasst 714 Seiten und ein vierseitiges Personenverzeichnis – wo beginnt man in einem solchen Fall mit einer Rezension, was kann man beschreiben und nacherzählen, worauf sollte man sich konzentrieren, wie fasst man die Geschichte zusammen? Mir fällt es sehr schwer eine Rezension zu diesem an Phantasie und Ideen übersprudelnden Roman zu schreiben und doch möchte ich es versuchen.

David Mitchell erzählt die Geschichte von Jacob de Zoet, einem jungen holländischen Pastorenneffen und Kaufmann aus Domburg, der 1799 nach Dejima kommt. Die Insel Dejima im Hafen Nagasaki ist der einzige Handelsposten in Japan, das zu der damaligen Zeit von dem Rest der Welt hermetisch abgeriegelt war. In Dejima treiben ausländische Kaufleute Handel und Jacob de Zoet ist für fünf Jahre nach Japan gekommen, um dort sein Glück zu versuchen. Das Leben in einer fremden Kultur beinhaltet so einige Tücken und Schwierigkeiten, vor allem als Rothaariger wird Jacob von den Einheimischen häufig bestaunt und begafft und auch sein Name ist für viele Japaner nicht leicht auszusprechen. Doch Jacob de Zoet gelingt es, sich an sein neues Zuhause zu gewöhnen. Er findet Anschluss, knüpft Kontakte und lernt schließlich sogar eine Frau kennen, die japanische Hebamme Orito, für die er mit der Zeit immer stärkere Gefühle entwickelt. Eigentlich möchte Jacob de Zoet als reicher Mann nach Holland zurückkehren und dort seine Verlobte Anna heiraten. Doch dann kommt alles ganz anders ...

Das Leben auf Dejima ist abwechslungsreich und hält viele Überraschungen bereit. Die Insel ist wie ein kleiner Mikrokosmos, ein schon fast surrealistischer Schauplatz geprägt von einer Vielzahl an Handlungssträngen und Personen. “Die tausend Herbste des Jacob de Zoet” beginnt als Liebesgeschichte, doch die Genregrenzen fransen mit der Zeit immer stärker aus, verwischen und schon nach kurzer Zeit steht nicht mehr allein die Liebesgeschichte im Vordergrund. Die Erzählung wechselt zwischen unterschiedlichen Schauplätzen, Figuren und Handlungssträngen hin und her. Stellenweise rauchte mir auch der Kopf und ich lief Gefahr, den Überblick zu verlieren. "Die tausend Herbste des Jacob de Zoet" ist ein Buch, für das man viel Zeit und Ruhe mitbringen muss.

Obwohl der Roman den Namen Jacob de Zoet im Titel trägt, steht der junge Niederländer stellenweise kaum im Mittelpunkt der Geschichte. David Mitchell gelingt es mit beinahe sprudelnder Phantasie ein riesiges Figurenensemble in seinem Roman unterzubringen. Man kann ihn nur dafür bewundern, wie es ihm gelingt, alle Fäden in der Hand zu behalten, sie langsam zusammenzuknüpfen und seine Figuren umeinander zu orchestrieren. Handlungsstränge, die zwischenzeitlich fast schon in Vergessenheit geraten sind, werden am Ende doch noch in überzeugender und großartiger Manier zusammengeführt.

Die Art von David Mitchell diese Geschichte zu erzählen hat mich förmlich von der ersten Seite an in den Bann gezogen und auch wenn es bei diesem Umfang natürlich auch mal langatmige und zähe Stellen gab, konnte ich den Roman zwischendurch kaum noch aus der Hand legen. An einer Stelle im Roman heißt es: "Das gedruckte Wort ist Nahrung". Dieser Satz ist für mich auf das Buch selbst zu übertragen: ich habe mich einige Tage lang ernährt von diesem Buch, habe die Worte gegessen und verdaut, manches Mal – nach besonders spannenden oder auch besonders traurigen Stellen – haben sie danach noch ganz schön lange in meinem Magen rumort. "Die tausend Herbste des Jacob de Zoet" ist ein ungewöhnlicher Roman, den ich kaum in ein Genre einordnen kann. Ein historischer Roman, der altertümlich erzählt wird und dennoch so modern daherkommt.


Drüberleben: Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein
Drüberleben: Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein
von Kathrin Weßling
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Monster im Kopf, 29. Oktober 2012
In "Drüberleben" erzählt Kathrin Weßling von Ida Schumann. Ida steht zum wiederholten Male vor der Tür einer psychiatrischen Klinik, in der Hand einen Zettel mit ihrer Diagnose: F 32.2. Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome. Sie hat Angst davor, erneut von einem schwarzen Loch verschluckt zu werden und weist sich deshalb selbst ein. Ihr Alltag war für sie so nicht mehr zu bewältigen. Für Ida gibt es nur noch zwei Gefühle, die ihr Leben bestimmen: Angst und Panik. Dazwischen liegt lediglich eine monströse Müdigkeit, verbunden mit dem Gefühl, nie mehr aufstehen zu können. Aus diesem Grund liegt Ida die meiste Zeit im Bett und hat Angst. Dazu kommt, dass Ida zu viel trinkt. Ihre Wohnung ist verwahrlost. Sie ist vierundzwanzig Jahre alt und lebt auf einer "Müllkippe, auf der ein Bett schwimmt". Ida bezeichnet sich selbst als "Menschenmüll". Dabei würde sie eigentlich gerne ganz anders sein.

Kathrin Weßling erzählt Idas Geschichte: Ida, die sich schon immer ausgegrenzt gefühlt hat, anders war, als alle anderen. In der Schule hatte sie kaum Freunde und als ihre einzige Freundin Julia stirbt, bricht für Ida eine Welt zusammen. In der Universität findet sie keinen Anschluss. Sie geht immer häufiger in Kliniken und ihre Umwelt hat immer weniger Verständnis dafür, warum Ida nicht endlich über alles hinwegkommt und normal wird. Kathrin Weßling erzählt von den Monstern in Idas Kopf, die ihre Gedanken zum Rotieren bringen. Dies schlägt sich auch in der Sprache des Buches nieder, die am Anfang abgehackt wirkt, ohne Struktur und sich im Laufe des Textes immer stärker verändert und fließender wird. Genauso, wie sich auch Ida verändert, die darum kämpft wieder gesund zu werden.

"Drüberleben" hat den humorvollen Untertitel "Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein", doch im Buch selbst spielt Humor eigentlich keine Rolle, viel mehr ist dieser Untertitel ein Hinweis darauf, wie gekonnt die Autorin mit Sprache umgehen und mit Worten jonglieren kann. Dennoch gibt es auch Stellen, an denen ein kleines Augenzwinkern aufblitzt, ironische Abschnitte, in denen Ida sich selbst reflektiert.

Im Mittelpunkt des Romans stehen Idas Monster, ihre Zeit und ihr Alltag in der Klinik und die Frage, wie es soweit kommen konnte, dass Ida anders ist. Der Roman ist traurig, stellenweise aber auch wütend, zornig und bitterböse. Kathrin Weßling kommt ursprünglich aus der Szene des Poetry Slams und dies merkt man ihrem Text auch an, der sehr schnell, sehr verdichtet ist. Stellenweise stehen Stimmungen und Bilder stärker im Fokus als eine kohärente Geschichte. Beim Lesen habe ich mich gefühlt, als säße ich in einem Auto, das ungebremst und mit 200 km, die Autobahn lang rast.

Mich hat der Roman "Drüberleben" vor allem sprachlich überzeugt. Kathrin Weßling ist eine außergewöhnliche, prägnante, frische neue Stimme in der deutschen Literatur. Ich habe sehr viele Sätze markiert, das Buch quillt vor lauter kleiner gelber Post-Its förmlich über. Der Roman ist nicht nur sprachlich auf einem sehr hohen, literarischen Niveau, sondern es handelt sich daneben auch um eine intensive und authentische Auseinandersetzung mit dem Thema Depressionen.


Fliehkräfte: Roman
Fliehkräfte: Roman
von Stephan Thome
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch, das verdient auf der diesjährigen Shortlist stand., 29. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Fliehkräfte: Roman (Gebundene Ausgabe)
Stephan Thome erzählt in "Fliehkräfte" die Geschichte von Hartmut Hainbach. Hartmut ist Ende fünfzig und Professor für Philosophie an der Universität in Bonn. Er ist seit zwanzig Jahren mit seiner portugiesischen Frau Maria verheiratet. Die gemeinsame Tochter Philippa studiert und ist inzwischen von zu Hause ausgezogen. Doch Hartmut ist schon lange nicht mehr glücklich: die Arbeit an der Universität gleicht immer mehr einem Gerangel um Reformen. Statt um Inhalte geht es um Module und Credit Points. Mit Maria führt er nur noch eine Wochenendbeziehung, da sie aus beruflichen Gründen in Berlin lebt. Auch seine Beziehung zu seiner Tochter Philippa ist brüchig geworden im Laufe der Jahre, er fühlt sich immer häufiger nur noch als geduldeter Gast in ihrem Leben. Harmut leidet unter der zeitweisen Trennung von seiner Frau. Mittlerweile sieht er Maria meistens nur noch am Wochenende, trifft sich mit ihr in Zügen oder in Restaurants. Wenn man sich sieht, scheinen gemeinsame Gesprächsthemen von Minenfeldern besetzt zu sein. Man schleicht umeinander herum, um nicht die nächste Detonation auszulösen. Auch an der Universität findet Hartmut nur noch selten Glück und Befriedigung. Der einzige Kollege, mit dem er befreundet gewesen ist, hat die Universität bereits vor langer Zeit verlassen, um in Frankreich ein Weinlokal zu betreiben. Hartmut – der sich selbst als "Autodidakten" bezeichnet – wurde von einem Bildungshunger angetrieben, dessen Motivation auf seine Herkunft aus einfacheren Verhältnissen zurückzuführen ist.

Hartmut hat seiner universitären Karriere sein ganzes Leben untergeordnet, doch in den letzten Monaten fühlt er sich immer öfter müde. Die Reformen haben ihn resignieren lassen. Er beginnt zu zweifeln und sich selbst zu hinterfragen. Hartmut spürt eine Erschöpfung von der er fürchtet, dass sie ihn nie wieder verlassen wird. Als Hartmut überraschend ein Jobangebot in Bonn erhält, möchte er endlich Klarheit: über sein Leben, seine Arbeit an der Universität, seine Beziehung zu seiner Frau und sein Verhältnis zu seiner Tochter. Hartmut macht sich auf zu einer Reise in die Ferne, um zurückblicken zu können: auf sein Leben, seine Beziehungen und die Entscheidungen, die er getroffen hat.

Hartmuts Reise in die Vergangenheit – die ihn über Frankreich bis nach Lissabon führt und zugleich zurück in die Vergangenheit – wird von Stephan Thome sehr eindrücklich und detailliert geschildert. Die Zutaten für den Roman wirken auf den ersten Blick simpel und ein bisschen klischeehaft: ein Philosophieprofessor auf Sinnsuche. Doch dahinter verbirgt sich eine Geschichte des Suchens und Weglaufen, eine Geschichte über Ehrgeiz, Liebe, Sehnsucht und Lust. Stephan Thome hat mich mit "Fliehkräfte" nicht nur überzeugen, sondern auch begeistern können und als ich das Buch zugeklappt habe, hätte ich mir gewünscht, Hartmut und Maria noch weitere vierhundert Seiten begleiten zu dürfen. Angesiedelt in einem universitären Kontext, zeigt der Roman viele unterschiedliche Facetten: trotz einer tendenziell melancholischen Grundstimmung, die den Roman durchzieht, habe ich mich auch immer wieder gut unterhalten gefühlt. Die Figurenbeschreibungen sind sehr fein und detailliert, die Sprache wirkt dabei beinahe ruhig und unaufgeregt, doch die Dialoge haben es in sich. Begeistert haben mich daneben vor allem auch die interessanten Frauenfiguren, die von Stephan Thome um die Hauptfigur Hartmut Hainbach herum orchestriert werden.


In einer Person
In einer Person
von John Irving
  Gebundene Ausgabe

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein richtiges Wohlfühlbuch, 29. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: In einer Person (Gebundene Ausgabe)
John Iriving erzählt in "In einer Person" die Geschichte von William Abbott. Der erfolgreiche Romanschriftsteller William Abbott, mittlerweile Ende sechzig, fast siebzig, blickt auf sein Leben zurück und erzählt in Rückblicken von seinem bewegten Aufwachsen in den fünfziger Jahren, richtet seinen Blick jedoch auch in die Gegenwart.

"Ich möchte damit anfangen, von Miss Frost zu erzählen." Miss Frost war die Bibliothekarin in der Gemeindebücherei des Örtchens First Sister in Vermont, die sich in derselben Straße befand, wie das Haus von Williams Großeltern. In diesem Haus sollte William leben, bis er fünfzehn war und seine Mutter ein zweites Mal heiratete. Williams Stiefvater hatte sie bei einer Theateraufführung der örtlichen Laienschauspieltruppe First Sister Players kennengelernt. Getauft wurde William auf den Namen William Francis Dean jr., bekam also den Namen seines Vaters, “wenn schon nicht ihn persönlich”. Die Abwesenheit des Vaters lastet auf William wie ein Makel und auch darüber hinaus merkt er bereits früh, dass er anders ist und für die Falschen schwärmt. Er möchte nicht nur Sex mit Miss Frost, sondern auch mit Jacques Kittredge, einem Mitglied aus dem Ringerteam. Er findet ältere Frauen attraktiv, wünscht sich aber gleichzeitig, den BH seiner besten Freundin Elaine tragen zu dürfen. William hat lange keine Worte für das, was er ist. Heutzutage gibt es LGBT (lesbisch-schwul-bisexuell-transgender)-Communities und Bezeichnungen für jede mögliche sexuelle Neigung, doch William kennt keine Begriffe für seine Schwärmereien und hat das Gefühl, sich maskieren zu müssen, fühlt sich verpflichtet zu einer Maskerade, dazu eine Rolle zu spielen, sich zu tarnen.

John Irving erzählt in "In einer Person" von William Abbotts Weg zu sich selbst und zu seiner eigenen sexuellen Identität. Es dauert lange, bis William nicht mehr von sich selbst denkt, dass er "für die Falschen schwärmt", sondern sich selbst als jungen bisexuellen Mann wahrnimmt. Dieser Weg, den er gehen muss, wird erschwert von einer Familie, in der alle Geheimnisse unter den Teppich gekehrt werden und Schweigen statt Offenheit und Ehrlichkeit vorherrscht. Miss Frost, die Bibliothekarin, hat an Williams Entwicklung einen maßgeblichen Anteil.

William Abbott berichtet bis in die Gegenwart hinein von seinem Leben. Erzählt von den achtziger Jahren, in denen allein in New York "mehr Amerikaner an Aids gestorben [sind] als im Vietnamkrieg" und in denen viele Freunde von William qualvoll sterben mussten. Der Blick richtet sich auf einzelne Schicksale, besonders im Gedächtnis geblieben ist mir Williams Freund Tom Atkins, dessen Geschichte mir sehr nahe gegangen ist.

John Irving erzählt in "In einer Person" eine großartig komponierte Geschichte. Seine Lust am Erzählen und Fabulieren merkt man ihm in jedem Satz an: es gibt zeitliche Sprünge, Zwischeneinschübe, Gedankensprünge, Abschweifungen. Und doch: alles, was William erzählt fühlt sich so komplett und richtig an, genau so wie er es erzählt, mit allem, was dazu gehört. Bisher kannte ich von John Irving nur "Garp und wie er die Welt sah", das ich vor sieben Jahren gelesen habe und die Lektüre von "In einer Person" war für mich wie das Wiedertreffen von alten und guten Freunden. Ich habe nach den ersten Sätzen bereits wohlige Vertrautheit gespürt. Habe mich in John Irvings Sprache und Erzählen sofort zu Hause gefühlt, seine Worte haben mich zugedeckt und warm gehalten. Beim Lesen des Romans habe ich mich wie an einem lodernden Kaminfeuer gefühlt, von dem ich mir gewünscht hätte, dass es nie ausgehen müsste.


Ich weiß, ich war's
Ich weiß, ich war's
von Aino Laberenz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch, das man gelesen haben sollte!, 29. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Ich weiß, ich war's (Gebundene Ausgabe)
"Ich weiß, ich war's" hat im Gegensatz zu "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein" keine klare Struktur oder Chronologie. Es ist zusammengesetzt aus Notizen, Aufzeichnungen, E-Mails oder auch Interviewausschnitten, die von Christoph Schlingensief zwischen den Jahren 2009 und 2010 gesammelt wurden und für eine Veröffentlichung vorgesehen waren. Ursprünglich hatte Christoph Schlingensief vor, eine Autobiographie zu veröffentlichen, dazu ist es leider nicht mehr gekommen. Christoph Schlingensiefs langjährige Lebensgefährtin und Frau Aino Laberenz hat seine Notizen geordnet, zusammengestellt und herausgegeben und ihrem Mann damit ein würdiges und eindrucksvolles Denkmal gesetzt.

In dem Vorwort, das dem Buch vorangestellt ist, beschreibt Aino Laberenz die Entstehung von "Ich weiß, ich war's". Bereits kurz nach der Veröffentlichung von "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein" hat Christoph Schlingensief wieder damit begonnen, seine "Gedanken, Erinnerungen und Erlebnisse" auf Tonband festzuhalten.

"Ich weiß, ich war's" – der Titel spielt darauf an, dass Chrisoph Schlingensief immer die "volle Haftbarkeit [...] in seiner Arbeit und in seinem Leben von sich verlangte" - ist vieles: Biographie, Werkschau, Rückblick und auch ein Blick in die Zukunft von einem Menschen, der lange glaubte noch eine Zukunft zu haben.

Den besonderen Ton von Christoph Schlingensief, der sein Krebstagebuch so intensiv und lesenswert macht, findet man auch in "Ich weiß, ich war's" von Beginn an wieder. Christoph Schlingensief erzählt mitreißend über seine unterschiedlichen Kunstprojekte. Da ich zum Zeitpunkt von vielen seiner Aktionen noch relativ jung gewesen bin, waren seine Schilderungen neu für mich: er schreibt über die Partei, die er gegründet hat, und seine Idee das Ferienhaus von Helmut Kohl zu fluten, die grandios gescheitert ist. Er berichtet über eine Kunstaktion mit einem Container in der berühmtesten Einkaufmeile Wiens, mit der er auf die unhaltbaren politischen Zustände in Österreich aufmerksam machen wollte und er schreibt über seine vielfältigen Tätigkeiten in der Film-, Theater- und Opernwelt. Bewundernswert finde ich an seinen Aufzeichnungen, dass Schlingensief immer wieder bereitwillig auch Fehler eingesteht und sich und seine Aktionen im Rückblick selbstkritisch hinterfragt.

Was alle Projekte von Schlingensief gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass er sie immer mit ganzem Herzen und vollem Einsatz betrieben hat. Am Ende des Buches beschreibt Schlingensief sein wohl wichtigstes Projekt, dass zum Zeitpunkt seines Todes noch im Entstehen gewesen ist: das "Operndorf Afrika" in Burkina Faso. Dieses Projekt, verbunden mit seinem Engagement für die Bevölkerung in Burkina Faso, hilft Christoph Schlingensief dabei leichter Abschied nehmen zu können.

"Ich weiß, ich war's" ist ein intensives Zeugnis eines beeindruckenden Künstlers. Eines Künstlers mit vielen Gesichtern: bitterböse, harmoniesüchtig, ängstlich und doch immer auch hoffnungsfroh. "Ich weiß, ich war's" ist gleichzeitig auch ein unheimlich beklemmendes Leseerlebnis: anders als in Schlingensiefs Krebstagebuch überwiegt hier an vielen Stellen die Hoffnung, der Lebenswille, alles in Christoph Schlingensief ist auf die Zukunft ausgerichtet, an die er bis zuletzt geglaubt hat. Passenderweise endet "Ich weiß, ich war's" mit einem Drehbuchentwurf, den Schlingensief kurz vor seinem Tod schrieb.


Kuckucksmädchen: Roman
Kuckucksmädchen: Roman
von Eva Lohmann
  Gebundene Ausgabe

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein guter Roman mit einer schwierigen Hauptfigur, 29. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Kuckucksmädchen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wanda und Jonathan sind seit fast drei Jahren ein eigentlich glückliches Paar, wenngleich Wanda die sich einschleichende Routine in ihrer Beziehung immer stärker als erdrückend, als einengend empfindet. Wanda versucht auf ihre eigene Art und Weise auszubrechen und schreibt sich mit ihrem Ex Max schmutzige SMS, glücklich macht sie das jedoch auch nicht wirklich. Eine gemeinsame Wohnung für die beiden gibt es bereits, die Wohnung von Wandas verstorbenen Großeltern. Doch dann geht es Wanda plötzlich zu schnell. Sie fühlt sich noch nicht in der Lage dazu, eine Entscheidung zu treffen, die für sie eine solche Tragweite hat. Jonathans Vorstoß bringt ihre ganze Selbstsicherheit ins Wanken, führt ihr ihr Alter vor Augen. Ein Alter, in dem man irgendwann von sich selbst erwartet, sichere und auf die Zukunft ausgerichtete Entscheidungen zu treffen.

In dem Moment, in dem Jonathan von ihr erwartet, sich festzulegen, schaut Wanda lieber zurück in die Vergangenheit. Sie macht sich auf die Suche nach ihren Ex-Freunden, um sie in ihrem heutigen Leben zu besuchen. Ihr Ziel ist es, einen Blick in die Vergangenheit und in die Gegenwart, die mittlerweile ohne sie stattfindet, zu werfen. Wanda möchte sehen, was sie verpasst hat, was ihr vielleicht auch erspart geblieben ist, was sie jetzt hätte haben können und sie möchte herausfinden, ob Jonathan wirklich der Richtige ist oder lediglich "unter all den Nicht-wirklich-Richtigen [...] noch der am wenigsten Falsche". Wanda besucht ihre Ex-Freunde zu Hause, in deren – mehr oder weniger – gemachten Nestern.

"Kuckucksmädchen" ist der erste Roman von Eva Lohmann, den ich gelesen habe. Beim Lesen habe ich mich an die Romane von Sarah Kuttner, stellenweise auch an Kathrin Weßling erinnert gefühlt. Wenn man so will, kann man sicherlich hier von einer Traditionslinie sprechen, in die sich Eva Lohmann – in ihrem ganz eigenen Stil – einreiht.

Mit knappen 170 Seiten ist "Kuckucksmädchen" ein schmales Lesevergnügen, dem Roman angeschlossen ist noch ein kurzes, ergänzendes Nachwort, das ich als sehr interessant empfunden habe. Mich hat der Roman vor allem sprachlich überzeugt: Eva Lohmann erzählt sehr flüssig und mit sprachlicher Raffinesse. Fasziniert haben mich vor allem die in den Text immer wieder eingeschobenen Dialoge zwischen Wanda und ihrem Herzen.

Dennoch fällt mir eine Bewertung des Romans überraschend schwer: sprachlich hat mir "Kuckucksmädchen" zwar gut gefallen, doch im Gegensatz zu Ida Schuhmann aus Kathrin Weßlings Debütroman "Drüberleben" hatte ich Schwierigkeiten Sympathie oder durchgehendes Verständnis für Wanda, die Hauptfigur von Eva Lohmann, aufzubringen. Wandas Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen, gepaart mit der Tendenz Dinge immer wieder hinterfragen, sezieren und auseinander nehmen zu müssen, hat mich manchmal fast frustriert das Buch zur Seite legen lassen. Diese Entscheidungsschwierigkeiten von Wanda konnte ich nur schwer nachvollziehen und habe sie stellenweise beinahe schon als etwas banal empfunden. Ich wollte Wanda schütteln und sie anschreien "Jetzt nimm ihn doch endlich, den Jonathan!" und Jonathan hätte ich am liebsten gesagt "Jetzt lass dir von der blöden Kuh doch nicht alles bieten!". Für mich war es sehr schwer zu ertragen, wie Wanda ihr Leben selbst verkompliziert.

Entscheidungen gehören zum Leben dazu. Entscheidungen sind in den meisten Fällen nicht immer eindeutig richtig oder falsch. Doch auch wenn man eine Entscheidung trifft, legt man sich nicht zwangsläufig für den Rest des Lebens fest. Ich glaube, dass es immer besser ist eine klare Entscheidung zu treffen, möge sie auch die falsche sein, als in Gedanken immer weiter in der Vergangenheit zu leben oder sich vorzustellen, wie das Leben jetzt wäre, wenn man drei Abzweigungen früher in eine andere Richtung abgebogen wäre. An einer Stelle schreibt Eva Lohmann sehr schön: "This is no video game."

Trotz meiner Vorbehalte Wanda gegenüber, ist "Kuckucksmädchen" für mich ein guter Roman, den ich gerne weiterempfehlen möchte. Ich glaube, dass ich Wandas Verhalten möglicherweise auch in einer anderen Lebensphase anders beurteilen würde. "Kuckucksmädchen" hat mich nicht kaltgelassen, hat in mir viel angestoßen, viele Gedanken geweckt, Gefühle freigesetzt – ich habe mir zwischendurch einfach gewünscht, Wanda mehr mögen zu können.


Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr
Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr
von Zoran Feric
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

8 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eine schöne Geschichte, die unter der Übersetzung leidet, 29. Oktober 2012
Zoran Ferić erzählt in "Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr" eine weit verzweigte Geschichte, in dessen Mittelpunkt der Gynäkologe Tihomir Romar steht. Tihomirs ehemalige Klasse trifft sich auf seine Initiative hin nach fünfzig Jahren wieder, um die gemeinsame Abifahrt zu wiederholen. Auf der Tramuntana, einem Segelboot, das seine beste Zeit schon lange hinter sich hat, fahren die mittlerweile 70jährigen erneut die Küste Dalmatiens entlang.

Die Erzählung von Zoran Ferić springt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her. Er lässt seine Hauptfigur Tihomir Romar in Rückblicken seine Lebensgeschichte erzählen: über das Aufwachsen in einem kriegsgeschüttelten Land, die Abenteuer mit seinen beiden besten Freunde Roman und Radovan und das langsame Sterben seiner Mutter. Im Mittelpunkt steht jedoch die Beziehung Tihomirs zu seiner Klassenkameradin Senka. Auf der Tramuntana sehen beide sich nach fünfunddreißig Jahren Schweigen und Funkstille wieder und kommen zum ersten Mal wieder ins Gespräch. Tihomir und Senka haben eine wechselseitige, intensive und zugleich fast selbstzerstörerische Beziehung geführt und doch sind beide lange Zeit nicht voneinander losgekommen und ihre Leben haben sich auf immer dunkleren Pfaden miteinander verstrickt.

"Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr" sprudelt über vor Ideen und Einfällen. Die Erzählung springt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart hin und her; die Passagen aus der Vergangenheit und die Rückblenden auf Tihomirs fatale Beziehung mit Senka, haben mir besser gefallen, als die Beschreibungen der Abifahrt. Die Passagen aus der Gegenwart besitzen häufig einen ironischen Unterton, der mich leider nicht begeistern konnte.

Damit komme ich auch zu einem meiner größten Kritikpunkte an diesem Roman. Leider leidet die Geschichte von Zoran Ferić und damit verbunden auch mein eigenes Lesevergnügen massiv unter einer immer wieder holprigen Übersetzung. Übersetzt aus dem Kroatischen hat den Roman Klaus Detlef Olof und ich bin während der Lektüre gehäuft über unglückliche oder auch holprige Formulierungen gestolpert, genauso wie über ungebräuchliche Begriffe. In so einem Fall wäre es sicherlich interessant, das Buch in seiner Originalsprache zu lesen und mit der Übersetzung abzugleichen. Es sind häufig nur Kleinigkeiten, über die ich gestolpert bin, Sätze die nicht falsch sind, sich aber unrund anhören ("Ich belegte einen Platz mit Beschlag.").

Ein weiterer Kritikpunkt von mir betrifft die Figurenzeichnung. Für mich war es nicht immer leicht die Handlung der Figuren nachzuvollziehen. Verstärkt ging mir das so bei den Passagen auf dem Schiff, aber auch bei einer Figur wie Senka, die mir seltsam ferngeblieben ist. Immer wieder haben die Figuren in meinen Augen irrational agiert. Diesen Eindruck hatte ich verstärkt in den Dialogpassagen, die häufig wie am Reißbrett geschrieben wirkten. Aber auch hier spielt sicherlich wieder die Übersetzung eine Rolle.

Insgesamt ist “Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr” eine interessante Geschichte, die vor allem von vielen starken Ideen und Handlungssträngen lebt – das sind die Bereiche in denen Zoran Ferić brilliert. Ich habe mich gerne und mit viel Freude mit Tihomir auf eine Reise in seine Vergangenheit begeben. Es ist jedoch schade, dass das Buch – in der Gesamtperspektive – unter dieser etwas holprigen und unrunden Übersetzung leidet.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 23, 2013 1:37 PM CET


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